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Er erwachte jäh und lag noch lange, ehe es ihm klar wurde, daß es nur ein
Traum gewesen war und daß er in seinem Bette lag in seiner Schwester Haus
zu Venz auf Rügen und nicht im Adlernest draußen auf den Felsen von
Stubbenkammer. Und er starrte seinen Bruder Siegfried fragend an, der
lange draußen seinen Namen gerufen hatte und jetzt mit Freund Diercks
hereinstürmte, um ihn aus dem Schlafe aufzurütteln.
„Auf!“ riefen sie, „heraus aus dem Nest! Heute fangen wir den jungen Adler
wieder ein!“
„Den Adler?“ fragte Gebhard und rieb sich die Augen und griff sich an die
Brust, wo er ihn hineingeträumt hatte. „Meine Mütze zieht ihr ihm aber
nicht mehr über den Kopf! Das gibt dann wieder Träume, wenn ich sie
aufsetze!“
Er sprang aus dem Bett, schlüpfte in die Kleider, gab sich kaum noch Zeit,
den bereitstehenden Morgentrunk zu schlürfen, sagte seiner Schwester rasch
guten Morgen und war eben im Begriff, den anderen auf neue Abenteuer zu
folgen, als sein Schwager, der Kammerjunker von Krackwitz, ihn aus dem
Fenster seines Arbeitszimmers rief.
„Ihr müßt euch heute ohne Gebhard behelfen“, sagte er, ohne ihren langen
Gesichtern Beachtung zu schenken. „Ich brauche ihn hier!“
Dagegen war nichts zu wollen. Gebhard mußte mit sehnsüchtigen Augen die
anderen abziehen sehen und ging dann zu seinem Schwager hinein.
Der Kammerjunker war ein solider, ehrenfester Mann, ohne jeglichen Hang zu
abenteuerlichen Träumereien, stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden
realer Tatsachen und packte das Leben von der nützlichen Seite an, wie
sich’s für einen Mann von Grundsätzen gehört.
Nach gebührender Hervorhebung des Umstandes, daß er gewissermaßen an
Vaters Stelle stünde, nachdem er Gebhard in seinem Hause aufgenommen
hatte, führte er dem jungen Schwager zu Gemüt, er dürfe das Leben nicht zu
sehr auf die leichte Achsel nehmen. Er sei bereits sechzehn, also in einem
Alter, wo der Ernst des Lebens zu beginnen und das Spiel aufzuhören hätte!
Ob er sich schon Gedanken über die Zukunft gemacht habe? Und was er wohl
zu werden gedenke?
„Soldat wie der Vater und die Brüder!“
Das wäre ja alles gut und schön! Aber – wo er der Jüngste unter sieben
Brüdern sei, die alle dienten! Und bei dem beschränkten Einkommen seines
Vaters? Ohne Zuschuß vom Vater könne er nicht daran denken, auf der
Offizierslaufbahn vorwärts zu kommen!
„So hilf du mir!“
Dem wäre er wohl nicht abgeneigt! Aber gegen die militärische Laufbahn
hätte er seine Bedenken! Erstens gehöre Rügen zu Schweden. Er wäre also
Schwede und könnte ihn wohl durch seinen Einfluß in schwedischen Diensten
vorwärtsbringen! Aber – das hätte seine zwei Seiten! Mit der schwedischen
Macht ginge es abwärts. Lange würden die Schweden ihre deutschen
Besitzungen nicht mehr behaupten können! Eines Tages käme man unter andere
Herrschaft, und er hätte dann von vorne anzufangen. Denn lieber gar nicht!
Lieber Landwirt werden! Da könne er besser helfen! Er würde ihn in allen
Stücken unterrichten und ihm dann helfen, eine einträgliche Pachtung zu
bekommen, damit er auf eigene Beine käme im Leben! Das wäre doch die
Hauptsache! Und hätte er dann noch das Glück, eine Frau zu finden, die
auch nicht mit leeren Händen käme, dann wäre er sein eigener Herr. Und
dann – wenn’s nicht anders ginge, und wenn die Lust in ihm übermächtig
werden würde –, dann wäre es immer noch Zeit, zur Fahne zu gehen! –
Bei der Rede des Schwagers wurde es ihm zumute wie gestern, als er die
Gespielen davon sprechen hörte, den jungen Adler in den Hühnerstall zu
sperren. Alles in seinem Innern lehnte sich dagegen auf.
Die graue Alltäglichkeit eines unbemerkten Schicksals sagte ihm wenig zu.
Im Spiele mit den Rostocker Bürgerssöhnen war er stets der Führer gewesen,
der sie alle anfeuerte, allen voranstürmte und die Palmen des Sieges an
sich riß! Nur so und nicht anders konnte er sich das Leben denken! Aber
tagaus, tagein hinter dem Pfluge torkeln, das sagte ihm ganz und gar nicht
zu. Er antwortete nicht. Und der Schwager, der sah, wie schwer ihm die
Entscheidung wurde, drang nicht weiter in ihn, sondern machte ihm nur den
Vorschlag, vorläufig auf seinem Gute alles zu erlernen. Er setzte ihm
sogar ein Gehalt aus, sobald er sich eingearbeitet haben würde, und lud
ihn zu einem Ritt durch die Felder ein, um erst alles in Augenschein zu
nehmen.
Gebhard folgte ihm schweigend.
Kaum saß er aber im Sattel, so war die Mißstimmung verflogen. In der
Phantasie trabte er jetzt nicht aus, um die Erdarbeiter zu inspizieren,
sondern stürmte an der Spitze einer Schar Reiter auf den Feind los. Und
der Schwager hatte Mühe, ihm zu folgen.
Als sie nach einem erfrischenden Ritt zurückkehrten, strahlten Gebhards
Augen wieder in voller Lebenslust, seine Stirn war klar. Er tat sich
gütlich bei einem reichlichen Mittagsmahl und empfing so den von der
Adlerjagd zurückkehrenden Bruder. Der hatte geholfen, den jungen Adler
wieder einzufangen. Und Freund Diercks hatte den Wildvogel geradeswegs
nach Gagern gebracht, damit Gebhard ihm nicht wieder die Freiheit gäbe!
Abends aber, als sie zu Bett gingen, flüsterte ihm der Bruder etwas zu,
das sein Blut in Bewegung brachte.
„Morgen in aller Früh’, ehe der Schwager munter wird, geht’s nach Bergen!“
„Nach Bergen?“
„Ja, zu den Husaren! Ich lasse mich bei den Schweden einstellen! Du auch!“
„Ist es denn möglich?“
„Diercks hat es mit mir ausgemacht. Er will auch selbst Handgeld nehmen,
wie sein Bruder!“
„Was wird der Vater sagen?“
„Gar nichts! Und wenn schon –, sobald wir Handgeld genommen haben, nützt
es ihm nichts!“
„Aber der Schwager?“
„Der wird schon aufbegehren! Aber das geht uns nichts an! Mit dem werden
wir schon fertig!“
„Denkst du, daß man uns nimmt? Bin ich nicht zu jung?“
„Keinesfalls! Auf das Körpermaß kommt es an, und das hast du! Ich weiß
außerdem, daß man uns will!“
„Ganz gewiß?“
„Ganz bestimmt! Gestern, als wir uns von den Husaren trennten und nach dem
Gasthof galoppierten, da sagte der Hauptmann zu Diercks: ‚Die beiden
Jungen hole ich mir noch! Sie reiten ja wie die Deibel!‘ Und er mußte ihm
versprechen, uns morgen zu ihm nach Bergen zu bringen! Ich gehe auf alle
Fälle hin!“
Gebhard sagte nichts. Er ging anscheinend ruhig zu Bett. Aber er vermochte
kein Auge zuzutun. Er war jetzt am Scheideweg, wo es galt, entweder den
breiten gesicherten Weg zu wählen, den ihm der Schwager wies, oder den Weg
seiner Träume, deren Ziel er noch nicht sah, auf den es ihn aber mit aller
Macht hintrieb. Lange lag er da und sann. Plötzlich setzte er sich im Bett
auf. „Was ist aus dem Adler geworden?“ fragte er.
„Der Adler?“ antwortete der Bruder halb im Schlaf. „Den wollte Diercks mit
einer Kette an einem Pfahl im Garten anschließen, bis sein Käfig fertig
wird!“ Und damit schlief er ein.
Als Gebhard aber den Bruder fest schlafen hörte, stand er auf, zog sich
rasch an, schlich leise aus der Kammer hinaus, die Treppe hinunter, durch
den Garten und auf den Weg nach Gagern. Dort schwang er sich über den
Gartenzaun und fand schnell den Pfahl, an den der Adler gefesselt war. Mit
einer mitgeführten Kneifzange hatte er bald das Fußeisen durchschnitten,
ergriff den Vogel, warf ihn in die Luft und sah, wie er auf mächtigen
Schwingen durch die Nacht davonschwebte. Unbemerkt, wie er gekommen, ging
er dann wieder nach Hause, schlüpfte rasch ins Bett und schlief bald
ebenso fest wie der Bruder – jetzt aber ohne zu träumen.
2
ERSTER FLUGVERSUCH
„Blitz und Donner!“ fluchte der Wachposten am Eingang zum Zeltlager, das
sich am Waldessaum breitete. „Hier kann einer tagaus, tagein sich mit dem
saudummen Postenstehen die Beine in den Leib treten! Himmeldonnerwetter!
Wer endlich einmal dreinhauen dürfte! Zu denken, was ich alles an Beute
gemacht hätte – von den Gefangenen nicht zu reden! Leutnant hätte ich
schon sein können – Rittmeister sogar – wer weiß, vielleicht bald General!
Man hat’s gesehen!“
„Sachte, sachte!“ mahnte ein alter Graubart, der am Schilderhaus lehnte,
nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie an der Stiefelsohle aus. „Als
ich dereinst ins Feld zog, da hatte ich wohl auch wie du den
Marschallsstab im Tornister, obwohl ich bloß ein Trommlerjunge war. Und so
muß es sein. Die wenigsten erwischen ihn aber! Mir gelang’s schon! Daß ich
aber auf meinen alten Tag nur Futtermarschall beim Regiment werden sollte
– darauf hätte ich damals nicht schwören mögen!“
Er schwieg plötzlich, hielt die Hand vors Auge und blickte über die Felder
hinaus, zwischen denen sich die Landstraße heranschlängelte. Ein
plötzliches Klappern von eilenden Hufen hatte seine Aufmerksamkeit
geweckt.
Der Wachposten hielt in seinem Hin- und Hertrotten inne und blickte auch
hin.
„Ein durchgegangenes Pferd!“
„Wenn der sich nicht das Genick bricht!“
„Himmelsakra! Hecke und Graben im Flug genommen! Ratsch über die Wiese!“
„Jetzt klabastert’s schon auf der Landstraße! Das weiß den Weg nach deiner
Futterkiste!“
„Dann wird’s auch wissen, wie leer sie ist! Heißa! Hussassah!“ schrie der
Alte und trat zur Seite. Denn jetzt sauste es heran mit rasender
Schnelligkeit. Dann: ein Ruck – alle viere in die Erde gestemmt – den
Reiter in elegantem Bogen abgeschleudert und – war’s Zufall, war’s
Instinkt – still stand es gerade vor dem Futtermarschall, zitternd,
schaumbedeckt und leise wiehernd, als ahne es dessen nahe Beziehung zum
Hafertrog.
Die beiden Husaren hielten sich die Seiten vor Lachen.
„Habt Ihr’s aber eilig, junger Herr!“ sagte der Alte.
„Ich habe nur Eure Fahne gegrüßt!“ sagte Gebhard, der schon wieder auf den
Beinen war, und zeigte auf das blaugelbe Tuch, das über ihren Häuptern
flatterte. Denn er und kein anderer war’s, der in dieser übereilten Weise
das schwedische Lager gestürmt hatte. „Die anderen sind aber gehörig
nachgeblieben!“ fügte er hinzu und blickte über den Weg hinaus. „Sie
haben’s nicht gemerkt, als ich ihnen ausgerückt bin. Der Adebar auf der
Wiese, der paßte aber auf, ließ dicht hinter mir ein Klappern steigen, und
mein Brauner legte gleich los wie gestochen!“
Er versetzte dem Pferd einen Klaps auf die Lende, ging dann herum, faßte
es beim Kopf und blies ihm beruhigend in die Nüstern.
„Ein Angsthuhn bist du“, gab er ihm kosend seinen Denkzettel und wandte
sich dann an den Alten mit einer Frage nach der Regimentsschreiberei.
„Ihr wollt Euch als Rekrut bei uns eintragen lassen?“
„Das stimmt! Zeige mir nur den Weg!“
„Kehrt lieber um! Oder, meinetwegen, geht zu den Preußen! Bei uns ist für
Euch kein Fortkommen! Das heißt, wenn Ihr vorwärts wollt! Rückwärts reiten
wir schon!“
„Halt’s Maul!“ rief der junge Husar ärgerlich. „Und paß auf, was du
redest! Wer wird sein eigenes Nest beschmutzen!“
„Ich nicht! Durch mich wurde es nicht beschmutzt! Durch dich auch nicht,
obwohl du auch weidlich schimpfst!“
„Ich?!“
„Eben du! Und solange ich dich kenne! Bist Husar, bist ein Reitersmann und
hast kein Pferd, wie so viele vom Regiment! Und du kriegst auch keins, wie
brav du auch schimpfst! Und – wie schaut’s mit der Montierung aus?“
„Kann ich dafür, daß die Offiziere das Geld für die Ausrüstung am
Spieltisch vertun?“
„Nein! Aber du kannst deinen Schnabel halten, statt von deinen
Vorgesetzten schlecht zu reden!“
„Wie redest denn du?!“
„Mein Reden ist eines Mannes Rede! Aber du, Lausbub, hast das Maul nicht
so weit aufzureißen! Erst etwas mitmachen und dann reden! Ich,“ – der Alte
richtete sich auf und schlug sich auf die Brust, „ich war mit bei Narwa,
bei Riga, bei Clissow und Holofzin – leider aber auch bei Pultawa! Als
Trommlerjunge zog ich aus mit König Karl dem Zwölften, Gott hab’ ihn
selig“ – er zog ehrfurchtsvoll den Hut bei Nennung des Königs. „Mit ihm
zog ich aus, um den Moskowiter zu verprügeln, und machte das ganze tolle
Abenteuer mit bis zum Kalabalik in Bender. Der große Krieg mit dem
Moskowiter und dann mit den Polacken, das war der Anfang vom Ende. Dir
wünsche ich, daß du den Schluß nicht sehen mußt. Denn er wird uns wenig
Ehre bringen!“
Der Wachtposten machte achselzuckend kehrt und fing wieder sein Hin- und
Herwandeln an.
„Kann ich dafür, daß die Offiziere das Geld für die Ausrüstung am
Spieltisch vertun?“
Gerhard stand da, das Pferd am Zügel, und fragte nochmals ungeduldig:
„Der Weg nach der Regimentsschreiberei?“
Der Alte beachtete die Frage kaum, setzte sich gemächlich auf einem
Feldstein zurecht, zog den Tabaksbeutel, stopfte die Pfeife, schlug Feuer,
setzte sie in Brand und zeigte auf die Fahne, deren tiefblaues Tuch sich
in wogenden Wellenlinien warf. Sie breitete sich aus, ließ ihr gelbes
Kreuz in der Sonne aufleuchten und sank dann in sanft weichenden Buchten
zurück, um wieder Wind zu fangen und von neuem das Spiel zu beginnen.
„Die Fahne,“ sagte der Futtermarschall, „die kann sich schon sehen lassen!
Auf die könnt Ihr stolz sein, aber nicht auf die Regierung, die heute ihre
Ehre so mäßig schirmt! Einst – so vor hundertundfünfzig Jahren war’s wohl
–, da flatterten die blauen Fahnen mit dem gelben Kreuz lustig übers Meer
hinaus. Nach allen Richtungen hin flogen sie, als wollten sie den
schäumenden Fluten Eystrasalts zurufen: ‚Fortan seid ihr schwedisch – die
ganze Ostsee ist von jetzt ab ein schwedischer Binnensee!‘ Als ich mit dem
hochseligen König Karl“ – er zog wieder den Hut – „in den Krieg zog, da
hielten wir noch das ganze Land um die Ostsee herum. Als wir aber nach
achtzehn Jahren wieder geschunden nach Hause zurückkehrten – da wagte die
blaugelbe Fahne sich kaum noch im Baltikum zu zeigen, die moskowitischen
Mordbrenner verheerten aber lustig die schwedischen Küsten, und rein aus
Gnaden ließ man uns beim faulen Friedensschluß das bißchen Pommern und die
Insel. Und die sollen wir jetzt auch noch verlieren! Zu dem Zweck ziehen
wir jetzt mit leeren Kriegskassen, auf lahmen Pferden hinaus in den Krieg!
Und das wollt Ihr, junger Herr, noch mitmachen?!“
„Den Weg nach der Regimentsschreiberei will ich wissen, weiter nichts!“
rief Gebhard nochmals ungeduldig und schlang die Zügel um das Handgelenk.
„Ich werde Euch schon den Weg zeigen! Aber wißt Ihr auch, warum Ihr ihn
gehen werdet?“
„Warum denn sonst! Um mich bei euch Schweden als Kämpfer anwerben zu
lassen!“
„Als Kämpfer wofür?“
„Für die Krone Schwedens –“
„Für die kämpfen wir Schweden längst schon nicht mehr! Wir führen nur noch
die Kriege der anderen Mächte – bald Englands, bald Rußlands, bald
Frankreichs, je nachdem – und tun es auch jetzt, nachdem jene Mächte
unseren Reichsrat gekauft haben, und ziehen gegen Preußen und gegen den
Schwager unseres Königs, weil – nun eben weil unser König eine Schlafmütze
ist!“
„Du sollst wider die Majestät unseres allergnädigsten Herrn nichts sagen!“
rief die Schildwache ärgerlich und blieb vor dem Futtermarschall stehen.
Der aber ließ sich nicht dreinreden.
„Ich pfeife auf solche Herrschaft“, rief er. „Das ganze Land lacht über
den dicken Holstein-Gottorper, dem die Zarin unsere Königskrone über die
Nachtmütze stülpte, weil er ihr Neffe war!“
„Halt’s Maul!“
„Den Weg nach der Regimentsschreiberei?“ rief Gebhard immer ungeduldiger.
„Wartet lieber ab, bis unsere Regimentsschreiberei in Preußen steht!“
murrte eigensinnig der Alte, „denn so wird’s bald kommen!“
„So wird’s _nicht_ kommen! Himmelkreuzdonnerwetter noch einmal!“ schrie
der junge Husar wütend. „Sorgt nur für gute Pferde, setzt uns Jungen in
den Sattel und gebt uns Leute an die Spitze, die reiten können, dann sollt
Ihr was erleben! Mordselement, Herr! Hört nicht auf den Unglücksraben!
Geht nur immer in die Regimentsschreiberei! Geradeaus geht der Weg, dann
links in die erste Gasse gebogen, und dann fragt Euch vor! Und Gott
befohlen!“
Gebhard hörte den Abschiedsgruß nicht mehr. Er saß schon im Sattel und
galoppierte ins Zeltlager hinein, gerade als sein Bruder und sein Freund
unten auf der Landstraße zum Vorschein kamen, ihren Pferden die Sporen
gaben und ihm in vollem Trab nachsetzten, ohne sich um den Anruf der
Torwache zu kümmern.
*
War das eine Jagd! Über Felder und Wiesen flogen die Sturmvögel des Alten
Fritzen – seine schwarzen Husaren, mit dem Totenkopf an der Stirn – auf
die Landstraße zu, um die Schweden abzuschneiden, ehe sie zur Brücke
gelangten.
Eine kleine Patrouille der Blaugelben nur war es, aber gut beritten.
Wie die Teufel pfefferten sie los, daß die Satteltaschen flogen, allen
voran ein baumlanger, schlanker Kornett, der die Kameraden durch nie
ermüdendes Zurufen anfeuerte.
Vorwärts ging es über Stock und Stein. Aber die Schwarzen waren nicht
schlechter beritten. Dicht vor der Brücke gerieten die Gegner aneinander,
mit einer Wucht, daß alles sich zu einem unentwirrbaren Knäuel von wild um
sich schlagenden Pferdeleibern und dreinhauenden Reitersleuten
verwickelte.
Die Säbel blitzten, Kommandorufe schmetterten, Schimpfwörter flogen hin
und her.
„Warum trägst du deine Rippen draußen auf dem Rock, statt im Busen, wie
sich’s gehört?“ rief der Kornett und ritzte mit dem Säbel die gelbe
Verschnürung seines Gegners auf. „Und den Totenkopf trägst du auf dem
Tschako, statt im Schädel! Hast wohl nichts als Häcksel drinnen!? Wie?
Wollen mal nachschauen!“
Und er versetzte dem Gegner einen gewaltigen Hieb nach dem Kopf. Aber der
war nicht saumselig. Er parierte mit einer Doppelterz, daß Gebhard der
Säbel aus der Hand flog und seine Kopfbedeckung denselben Weg nahm.
„Die Mütze her!“ schrie Gebhard zornesrot, gab seinem Pferd die Sporen,
flog dem Frechen an die Gurgel, packte mit eisernem Griff sein Handgelenk,
als dieser zum tödlichen Streich ausholte, riß ihm den Säbel aus der Hand,
die Mütze vom Kopf, hieb ihn vom Pferd herunter, stülpte sich die Mütze
auf und – heißa, hussassa! – eine Gasse durch die sich balgende Rotte
gebahnt, über die Brücke gesprengt! Und dann frei wie ein Vogel
weitergesaust nach dem Quartier, um Meldung zu erstatten. Die anderen
folgten.
„Ich hätte gern die ganze Uniform zum Ansehen mitgebracht! Und den Kerl,
der drin steckte, auch!“ sagte Gebhard, als er vor dem Rittmeister stand
und ihm den eroberten Tschako zeigte. „Es ist eine ganz neue Sorte von
Gegnern, schwarz mit grünen Aufschlägen, grünem Kragen, gelber
Verschnürung und diesem Tschako! Ich sehe die Uniform zum ersten Male!“
„Ich nicht“, sagte der Rittmeister. „Aber als Gegner erst heute! Es sind
die Bellingschen Husaren! Der Preußenkönig hat Verstärkungen geschickt,
wie es scheint! Von seinen besten Reitern! Wir werden zu tun bekommen!“
„Gott geb’s!“ sagte Gebhard.
„Der Oberst Belling ist ein ganzer Kerl! Ich sah ihn einst bei Eurem
Schwager! Beim Krackwitzen auf Rügen, mit dem er verwandt sein soll. Er
wird uns zu schaffen machen!“
„Wir ihm auch!“ trotzte Gebhard. „Die Mütze möchte ich behalten! Bald hole
ich mir den Rest von der Uniform!“
„Das tut nur!“ lachte der Rittmeister und verabschiedete ihn.
Er tat’s auch binnen kurzem. Aber in anderer Weise, als er’s sich dachte.
*
„Ihr reitet zu toll, junger Herr“, sagte der alte Futtermarschall und
streichelte das Pferd, als Gebhard sich einige Tage später in den Sattel
schwang. „Man braucht nicht gleich wie’n Gewitter dreinzusausen und das
Pferd zuschanden zu reiten. Die Feinde laufen auch so!“
„Wer ein Blitzpferd zwischen den Schenkeln hat –“, lachte Gebhard.
„Dem geht es früher oder später durch! Das hat man gesehen!“
„Jetzt bleibe ich im Sattel! Jetzt bin ich drin!“
„Das wart Ihr auch, als Ihr in unser Lager auf Rügen hineingaloppiertet!
Und wurdet doch abgeworfen!“
„Halt’s Maul!“ rief Gebhard ärgerlich, gab seinem Pferd die Sporen und
folgte den anderen, denen er bald weit voraus war.
Die Schweden waren dabei, einen Vorstoß in die Uckermark zu machen und
tasteten sich durch den Kavelpaß, an der pommerschen und mecklenburgischen
Grenze vorwärts, die Preußen vor sich hertreibend. Gebhard, der mit seinen
Leuten immer den anderen voran war, um aufzuklären, hatte Glück. Denn
durch das schneidige Vorgehen der Sparreschen Husaren wurden eben seine
grimmigsten Gegner, die schwarzen Bellingschen Husaren, abgeschnitten.
Aber sie schlugen sich durch. Und als die Schweden wieder zurückgingen, um
Quartiere zu suchen, waren jene gleich hinterher wie ein Schwarm Hornissen
und waren aus Verfolgten Verfolger geworden.
Gebhard, dem es mehr zusagte, den Feind zu suchen als vor ihm
zurückzugehen, blieb ihm mit der Nachhut fest an der Klinge.
„Bischt zurückbliewe, Bübele?“ rief ihm ein hünenhafter Kerl von den
Bellingschen zu, mit dem er oft Hieb und Schimpfwörter gewechselt hatte.
„Eil’ dich! Sonst fange dir die andere den Fisch aus der Ostsee vor der
Nas’ weg!“
„Erst schlachte ich mir ein paar von euch schwäbischen Krähen zum
Angelfraß!“ lachte Gebhard und zog vom Leder.
„I werd’ di scho’ schlachte, Bübele!“ rief der Lange und ritt auf ihn zu.
Gebhard warf aber sein Pferd herum und entging so mit knapper Not der
Gefahr, umgeritten zu werden.
„Hast wohl das Reiten auf der Schulbank gelernt?“ höhnte Gebhard.
„I bring di noch auf die Schulbank! I schaff’ dir noch Maniere!“ rief der
Lange, feuerte seine Pistole auf das Pferd Gebhards ab, daß es sich bäumte
und den Reiter abwarf, fing dann mit geschicktem Schwung den Fallenden
auf, zog ihn quer über seinen Sattel und sprengte davon.
Und Gebhard ließ es zu. Im Augenblick des Fallens ging mit ihm eine
sonderbare Veränderung vor. Er war aus der Wirklichkeit jäh wieder in
seinen Traum versetzt, fühlte sich wieder, von den Adlerkrallen gepackt,
im weiten Flug durch die Lüfte fortgetragen, schloß die Augen und
erwartete nun, im Adlernest zu landen. So lebhaft war die Vorstellung, daß
alles andere um ihn schwand und er wie gelähmt dalag und sich ohne
Widerstand fortführen ließ. Er sah nichts, hörte nichts und wußte nicht,
was mit ihm geschah.
Durch die ohnmachtähnliche Lähmung aller Sinne drangen ins Bewußtsein nur
die Worte des alten Futtermarschalls, die er ihm zurief, als er heute zu
Pferde stieg: „Wie’s anfängt, so hört’s auch auf.“
Das war also das Ende!
Der Oberst Belling, ein würdiger, freundlich dreinblickender Herr mit
gerötetem Gesicht und ergrautem Schnurrbart, ließ den gefangenen
schwedischen Kornett vorführen. Er betrachtete wohlgefällig die
jugendliche, schlanke Gestalt und das bartlose Gesicht, aus dem
Jugendfrische und trotziger Wagemut hervorleuchteten.
„Name?“
„Blücher!“
„Vorname?“
„Gebhard Leberecht!“
„Vater?“
„Christian von Blücher, Rittmeister in der hessischen Armee!“
„Geboren wo?“
„In Rostock, zweiundvierzig!“
„Also achtzehn Jahre! Er ist zu jung, um schon Kornett zu sein. Was hat
sich Sein Vater dabei gedacht?“
„Ich habe ihn gar nicht danach gefragt!“
„So ist Er hinter dessen Rücken zum Militär gegangen!“
„Ich und mein Bruder auch!“
„Hat es denn so gebrannt?“
„Das freie Leben wollt’ ich – wollte ein Pferd zwischen den Schenkeln,
hatte es satt, die Schulbank zu reiten! Mir brummt noch der Schädel von
all dem Latein!“
„Schon gut! Aber warum denn gleich in ausländischen Dienst? Warum zu den
Schweden? Gab’s für einen Mecklenburger nichts Näherliegendes – wenn’s
schon Ausland sein mußte? Preußen zum Beispiel?“
„Bei den Preußen dienen schon zwei meiner Brüder. Und was sie zu melden
wußten, verlockte mich nicht.“
„Bei uns Preußen gibt’s eben Disziplin!“
„Bei den Schweden auch, Herr Oberst!“ versetzte Gebhard, und seine Haltung
straffte sich. „Das schwedische Regiment lag übrigens gerade auf Rügen, wo
ich zu Besuch war!“
„Und da war das die nächste Gelegenheit, von der Schulbank fortzukommen“,
lachte der alte Herr. „Denn das war wohl dabei die Hauptsache! Wo war Er
denn auf Rügen?“
„Beim Kammerherrn von Krackwitz, der mein Schwager ist.“
„Da sind wir ja in Familie miteinander“, rief der Oberst. „Der ist auch
mein Verwandter! Dann bleibe Er nur bei mir! Da werde ich schon für Ihn
sorgen, damit Er ein rasches Fortkommen findet! Will Er in mein
Husarenregiment eintreten? Zunächst als Kornett?“
„Dem König von Schweden habe ich den Fahneneid geschworen!“
„Der schwedische König kann Ihn vom Eid entbinden, und wird es auch tun,
wenn Er darum nachsucht und gute Gründe gibt. Versteht Er: gute Gründe.“
Gebhard schüttelte den Kopf.
„So höre Er einmal und denke Er darüber nach! Was fesselt Ihn an die
Schweden? Doch nicht die Aussicht, nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft
bei mir, als Kornett zu ihnen zurückzukehren? Tritt Er bei mir ein, ist Er
in kurzer Zeit Leutnant und, wer weiß, vielleicht bald Rittmeister! Das
kann bei den Schweden lange dauern! Ich dagegen werde demnächst ein
zweites Bataillon meines Regiments, im ganzen fünf Schwadronen, anwerben,
und lange dauert’s nicht, dann schaffe ich noch ein drittes Bataillon. Wer
bei mir Offizier ist, hat also schnelle Beförderung zu gewärtigen. Schlage
Er nur ein!“
„Ich bin an meinen Eid gebunden, Herr Oberst!“
„Ich will Ihn gewiß nicht dazu verführen, gegen Ehre und Gewissen zu
handeln. Ich will Ihm aber etwas sagen. Ich werde in aller Form bei den
Schweden um Abschied für Ihn einkommen. Ich werde erbötig sein, ihnen
einen gefangenen Offizier für Ihn freizugeben. Und außerdem schreibe ich
dem König von Preußen und schlage Ihn als Kornett bei meinen Husaren vor.
Dann sitzet Er wieder frei im Sattel und kann drauflosreiten, was Ihm wohl
doch die Hauptsache zu sein scheint. Sonst kann Er lange die Pritschen in
den Kasematten drücken, und die sind bei uns Preußen weit unbequemer als
die Rostocker Schulbänke! Für ein gutes Pferd will ich überdies Sorge
tragen! Laß Er mich nur machen, dann kommt alles auf die beste Art in
Ordnung, Sein Gewissen bleibt unberührt, und der König von Preußen hat
einen Offizier mehr nach seinem Sinn! Einverstanden?“
Er hielt seine Hand hin.
Gebhard schlug ein, und so kam er endlich auf den rechten Pfad im Leben.
Als er nach kurzer Verhandlung seinen Abschied aus dem schwedischen Dienst
hatte – als die Bestätigung des Alten Fritz als Kornett bei den
Bellingschen Husaren eingegangen war, und er, in seinem Quartier, vor dem
Spiegel stand, da trat ihm da ein baumlanger, spindeldürrer, bartloser
Husar entgegen, den er sich erst genau besehen mußte, um mit ihm auf
vertrauten Fuß zu kommen. Ein schwarzer Pelz mit grünen Aufschlägen, gelbe
Schnüre über der Brust, auf dem Kopf den Tschako mit dem Totenschädel –
das war ein ganz anderer Kerl als der blaugelbe, den er soeben ausgezogen
hatte.
„Allezeit bereit, soll das heißen! Das merke dir!“ nickte er seinem
Gegenüber zu und tippte leicht auf den Totenschädel! „Hast alles, was du
brauchst: die nötige Länge, den forschen Blick! Fehlt nichts, als daß dir
der Himmel einen Schnurrbart ins Gesicht pflanzt!“
Sein Spiegelbild machte ein Gesicht, als wollte es sagen: „Was soll ich
mit der Pflanzung?“
„Du nichts! Aber die holden Mägdelein, denen sie auf die Lippen fällt! Die
werden es schon wissen!“
3
DER ALTE ADLER
Den dreieckigen Hut mit der zerrissenen Tresse verkehrt auf dem Kopf, den
blauen, verschlissenen Waffenrock mit den roten Aufschlägen halboffen um
den hageren Leib, Schnupftabak über der gelben Weste, Puder auf der
Schulter, die schwarzen Samthosen in den hohen Stiefeln verschwindend, die
Rechte schwer auf dem Krückstock ruhend, den schweren Kopf mit den
vorquellenden Augen vorgestreckt, so stand der Große König, einem alten
Raubvogel mit zerzaustem Gefieder nicht unähnlich, im Kreise seiner
vierbeinigen Lieblinge und hielt Musterung.
Durch die offene Tür zum Arbeitszimmer sah er seine Kabinettsräte mit
ihren Schreibtafeln warten, um die Fortsetzung seines Diktats aufzunehmen.
Der Kammerdiener meldete den General von Lölhöffel, Inspekteur der
Kavallerie, der zur Audienz befohlen war.
„Warte Er, Lölhöffel!“ rief der König hinaus, ohne zur Tür zu gehen. „Erst
muß ich bei meinen Hunden nach dem Rechten sehen. Dann kann Er mir von den
Kavalleriepferden mitsamt ihren Reitern referieren, so Er mir etwas
Erbauliches zu melden weiß.“
Die allerhöchsten Hunde waren eben dabei, höchstihro Mahlzeit einzunehmen,
von betreßten Lakaien mit Mundtüchern über den Arm alleruntertänigst
assistiert.
Nichts auf dieser Welt vermochte sonst den Gebieter Preußens von seiner
Arbeit abzulenken, außer der Sorge um das Wohlbefinden seiner vierbeinigen
Familienmitglieder. Für sie hatte er immer einige Minuten übrig. Auf die
Meldung hin, daß das Diner der hohen Vierfüßler aufgetragen sei, erhob er
sich denn auch mitten im Diktat eines Briefes und verfügte sich ins
Schlafzimmer, um die Haupt- und Staatsaktion der Abfütterung in
höchsteigener Person zu überwachen.
Er hatte befohlen, ihnen heute einen Extraleckerbissen von gebratenem und
gesottenem Hühnerfleisch zu geben, und paßte genau auf, daß jedes Vieh
sein ihm zugedachtes Teil ordnungsgemäß erhielt und daß keins übervorteilt
wurde.
Kosenamen für die Hunde, Scheltworte und gelegentlich auch Stockschläge
für die Lakaien halfen da aus.
Zwischendurch, wenn die Köter sich gelegentlich so ins Abnagen der Knochen
vertieften, daß sie Ruhe hielten, setzte der König durch die offene Tür
sein Diktat fort. Aber ohne die Hunde aus den Augen zu verlieren.
„Schreibe Er also weiter, wo wir aufhörten!“ rief er hinein. Und die
Kabinettsräte senkten die Griffel auf ihre Schreibtafeln. Der König
diktierte: „Die Einfuhr von Kaffee ist, wie befohlen, tunlichst zu
beschränken. – Hat Er das?“
„Zu Befehl!“
Der König nahm bedächtig eine Prise Schnupftabak aus der Dose, die er
nebst dem Krückstock in der Rechten hielt, pfropfte sich die Nase damit
voll und meditierte dabei halblaut vor sich hin:
„Jeder Lump will heutzutage Kaffee trinken! Der pure Übermut! Biersuppe
tut’s ebensogut! Die trank ich selbst, als ich jung war! Das ist weit
gesünder! Und das Geld geht nicht außer Landes! – – _Tu beau_, Alceste!“
rief er einem der Windspiele zu. „Gönne den anderen auch das Leben! – –
Weiterschreiben!“
Die Kabinettsräte gaben acht, und der König diktierte weiter.
„Den Beuchower Gemeindeältesten wird auf ihre Eingabe beschieden, der
Invalide Faber bleibet im Amte! Für die Volksschule dorten ist er gut
genug! Es genüget uns vollauf, wenn auf dem platten Lande die Kinder Lesen
und Schreiben lernen! Wissen sie zuviel, so laufen sie in die Städte und
wollen Sekretärs werden und so etwas. Das ist nichts! Der Invalide Faber
bleibet ihnen! Die sollten sich was schämen, Leute, die fürs Vaterland
alles geopfert, nicht versorgt wissen zu wollen! Wo er sich überdies
nützlich macht, den Leuten das Vieh hütet und auch den Nachtwächterdienst
versieht, so haben die Beuchower alles mögliche Gute von ihm und haben
nichts mehr zu wollen! – – Der Alkmene läßt du den Knochen! Ich komme dir
sonst!“
Wieder drohte er einem der Lieblinge mit seinem Krückstock und wandte sich
dann zur Tür.
„Macht also die Briefe zur Unterschrift fertig!“ verabschiedete er die
Kabinettsräte, die sich verneigten und gingen. „Laß Er jetzt hören,
Lölhöffel! Was bringt Er mir heute?“
Der General von Lölhöffel trat näher an die Tür heran und blickte in das
Schlafzimmer hinein.
„Melde gehorsamst, Majestät! Zunächst hätte ich das Abschiedsgesuch des
Rittmeisters von Blücher von den Bellinghusaren Allerhöchstdero
Entscheidung zu unterbreiten!“
„Der Rittmeister bleibet in Dienst!“
„Der Rittmeister besteht aber inständigst auf seine Entlassung!“
Der König blickte den General scharf an.
„Ist der Kerl noch nicht mürbe? Wie lange sitzet er schon?“
„Zu Befehl“, sagte Lölhöffel und salutierte. „Der Rittmeister hat bereits
mehr denn dreiviertel Jahr strengen Arrest gehabt!“
„Viel zu wenig für einen Offizier, der sich unterfängt, seinem König
despektierlich zu kommen! Die Offiziers sollen lernen sonder Räsonieren,
Ordres zu parieren! Sie haben sich nicht in meine Politik zu melieren!“
„Melde gehorsamst: von politischer Wühlerei steht in der Konduite des
Rittmeisters von Blücher nichts!“
„Dann schreibe Er das hinein!“
„Zu Befehl!“
Der König blickte seinen General an.
„Er muckst wohl mit mir? Wer mein General sein will, muß auf Subordination
halten!“
„Zu Befehl!“
„Nun, hatte ich meinen Truppen in Polen befohlen, die Polacken milde zu
behandeln, oder hatte ich es nicht befohlen? Antworte Er!“
„Zu Befehl! Es sollte alles vermieden werden, was die Krone Preußen bei
der polnischen Bevölkerung verhaßt machen könnte!“
„Sehe Er, so war das! Das hatten wir, die wir wissen, was wir wollen, bei
der Besetzung des polnischen Landes ausdrücklich befohlen! Und da muß mir
jener Sausewind mit dem Kopf durch die Wand wollen und setzet mir alles in
Feuer und Flammen! Er hat überdies noch die Keckheit, ob seines
Ungehorsams avancieren zu wollen! Und will noch meinen Rock ausziehen,
weil ihm das nicht gelang! Lassen wir ihn nur ruhig weiterbrummen, bis Er
ein Einsehen hat! Ihm schadet’s nicht, und der Dienst gewinnt!“
Lölhöffel räusperte sich, salutierte nochmals und wagte eine Entgegnung.
„Es ist meine Pflicht als Inspekteur der pommerschen Kavallerie, Eure
Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß der Rittmeister von Blücher
immerdar ein eifriger und meritierter Offizier war!“
„Davon müßte ich doch wissen!“
„Er hatte im letzten Kriege nicht das Glück, unter den Augen Eurer
Majestät zu kämpfen!“
„Das hat mit meinem Wissen nichts zu schaffen! Wir pflegen uns auch so
nicht all die jungen Leutnants zu merken, die uns einmal an der Nase
vorbeilaufen! Und wissen doch in der Armee Bescheid! – – Halte Hektor
zurück, du dummer Esel!“ fuhr er plötzlich den hinter ihm stehenden
Lakaien an. „Er überfrißt sich sonst! – – Mußt dir mehr Zeit nehmen, du
gutes Tier!“
Er kraute den Liebling und streichelte ihn zärtlich. Seine Augen
leuchteten auf einmal freundlich, und er wandte sich bedeutend weniger
kratzbürstig dem General zu.
„Immerhin lese Er mir des Rittmeisters von Blücher Konduite vor!“
Lölhöffel suchte unter den Papieren in seinem Portefeuille ein Dokument
heraus, hielt es militärisch steif vor sich hin und las mit lauter Stimme
vor:
„Trat mit achtzehn Jahren von den Schweden über, erhielt die königliche
Bestallung als Kornett im Husarenregiment von Belling, wurde am 4. Januar
1761 Sekondeleutnant, am 11. Juli 61 Premierleutnant, focht 62 in der
Armee des Prinzen Heinrich, Königliche Hoheit, Korps Seydlitz, als die
Bellingschen die Reichsarmee bis Hof in Bayern zurücktrieben, machte da,
bei Auerbach, 500 Gefangene, wurde mit nur 60 Mann bei Libkowitz von 200
Österreichern angegriffen, machte 60 Gefangene, wurde in der Schlacht bei
Freiberg verwundet –“
„Ein braver Offizier,“ sagte der König, „ich erinnere das alles jetzt ganz
gut! Soll aber ein gar wüster Spieler und Duellant sein und auch hinter
den Weiberschürzen her – wie alle von den Bellingschen! Ein
Zigeunerregiment ist das immer gewesen und keine Husaren!“
Er stieß mit dem Krückstock hart auf dem Boden auf.
„Gib doch dem Hund zu trinken,“ schrie er dem Lakaien zu, „du siehst ja,
daß er erstickt!“
Dem Hund wurde Wasser gegeben, seine Schnauze und Pfoten mit Servietten
abgewischt. Schweifwedelnd schlich er an den König heran und leckte ihm
die Hände.
„Ein wüster Duellant – ein Raufbruder!“ wiederholte der König. „Er sieht,
ich kenne meine Leute!“
„Zu Befehl! Der Säbel saß ihm stets locker in der Scheide“, sagte
Lölhöffel trocken und blickte in sein Dokument. „Hier steht noch
angeführet, daß der Regimentsadjutant Blücher wegen Herausforderung seines
Chefs, des Obristen Belling, strafversetzt werden mußte!“
„Was sagte ich!“ knurrte der König gallig. „Ein aufrührerischer Krabat! An
seinen Chef wollte er heran! Und nun möchte er gar an uns selbst sein
Mütchen kühlen! Ich werde ihn schon Mores lehren!“
Er erhob den Stock und schlug auf den Tisch. „Keinen Pardon vor ihm!
Keinen Pardon! Und den Abschied auch nicht!“
„Wollen Majestät gnädigst verstatten? Hier steht noch von einer
öffentlichen Belobigung des gedachten Rittmeisters aus Allerhöchstdero
eigenem Munde!“
Lölhöffel zeigte auf sein Dokument.
„Wo hatte ich? Wann hätte ich?“
„Bei einer Revue in Stargard Anno siebenzig!“
„In Stargard? Laß Er sehen!“ Der König blieb stehen und dachte nach.
„Recht hat Er – der von Blücher war’s! Der hatte mit einer Handvoll Leute
dreihundert konföderierte Polacken angegriffen, vier Rittmeisters und
achtzig Mann gefangengenommen! Und Er selbst, Lölhöffel, mußte ihn, auf
meinen Befehl, vor der Front loben! So war’s! Sehe Er, unser Gedächtnis
pariert Ordres noch besser, als unsere Offiziere es manchmal tun! – Ein
braver Mann! Ein tapferer Mann! Können solche Leute immer gut gebrauchen!
Der Rittmeister bekommt seinen Abschied nicht!“
„Sein Chef, der General von Lossow, befürwortet die Entlassung!“
„Der von Lossow ist ein Besserwisser und ein Streber. Der soll mir nichts
weismachen wollen. Weswegen mag er den Rittmeister nicht leiden?“
Lölhöffel las in seinem Papier nach und blickte dann den König an.
„Zu Befehl! Eben wegen der Verfehlung, die Majestät soeben Höchstselbst an
ihm zu rügen geruhte! Weil er entgegen des Allerhöchsten Verbots die
Polacken durch sein allzu forsches Zugreifen aufreizte, als er eine seiner
Postierungen ermordet vorfand!“
„Mir sind die Einzelheiten der Geschichte entfallen!“ sagte der König.
„Wir haben so viel und weit Schlimmeres im Leben erfahren! Erzähle er mir!
Wo hatte der Blücher zugegriffen? Wen hatte er –?“
„Einen polnischen Landgeistlichen in der Gegend von Kalisch, den er als
Anstifter in Verdacht hatte. – Er ließ ihn aufheben und, da er nicht
bekennen wollte, _sans façon_ vor eine frisch aufgeworfene Grube stellen,
die Augen verbinden und eine Salve über seinen Kopf abfeuern!“
„Das wird dem hübsch in die Glieder gefahren sein!“
„Vor Schreck ist er fast ums Leben gekommen!“
„Groß wäre der Schaden nicht gewesen! Unrecht ist ihm sicherlich auch
nicht geschehen!“
„Zu Befehl! Seine Schuld war mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen! Nur
nachweisen ließ sich nichts!“
„Der Rittmeister tat gegen Befehl, dafür gebührte ihm Strafe. Er handelte
aber ansonsten brav! Das wollen wir ihm lohnen! Sage Er einmal, Lölhöffel,
wieso kommt jener Brausekopf dazu, mir einen despektierlichen Brief zu
schreiben?“
„Er fand sich unverdienterweise übergangen! Er glaubte als ältester
Stabsrittmeister ein Anrecht auf die erledigte Schwadron des abgehenden
Majors von Zülow zu haben, die einem anderen gegeben wurde!“
„Was heißt Anrecht? Die Schwadrons vergebe ich! Ein Anrecht außer Unserer
Entschließung gibt’s nicht! Und wider Unsere Entschließung hat niemand
aufzubegehren. Der Rittmeister war ungehorsam – dafür wurde er im
Avancement mit Recht übergangen! Er schrieb uns einen despektierlichen
Brief, dafür sitzet er in Arrest! So er sich aber demütiget, wollen wir
ihn begnadigen und ihn befördern. Schreibe Er: der Rittmeister von Blücher
wird zum Major befördert! – – – Nein, noch nicht! Erst soll er abbitten!
Sonst denkt er, er hätte es uns abgetrotzt!“
Lölhöffel räusperte sich, blickte den König unsicher an und wagte dann
doch noch der Gnaden des Königs anheimzustellen, dem Rittmeister, der
trotz seines Eigensinnes und seines jähzornig aufbrausenden Temperaments
ein verdienter, tapferer Soldat sei, die ersehnte und erflehte Beförderung
zum Major zuteil werden zu lassen. Um so eher, da gedachter von Blücher im
Begriff sei, zu heiraten und einen Hausstand zu begründen – –
Damit kam er an den Unrechten.
„Heiraten will er?“ schrie der König außer sich und stieß mit seinem Stock
mehrfach auf den Boden auf. – „Was erzählt Er mir da für
Räubergeschichten, Lölhöffel? Weiß Er nicht, daß es sich vor die Husaren
nicht schickt, wenn sie Weibers nehmen? Daß sie dann keinen Schuß Pulvers
mehr wert sind?! Weiß Er nicht, daß ich vor alle derartigen Mariagen einen
greulichen Abscheu habe? Wie kann Er indizieren, daß wir einen Menschen
von solcher Fermete noch befördern? Er ist wohl des Teufels?!“
Der König redete sich immer mehr in die Wut hinein und schrie, daß die
Hunde ängstlich wurden, ihm winselnd um die Beine liefen und den General
gar auch noch anknurrten, weil er den Zorn ihres Herrn geweckt und ihre
Ruhe gestört hatte!
„Ruhe, ihr Biester! Oder wollt ihr etwa auch _mariage_ tun?“ schrie der
König und schlug nach seinen Lieblingen, zum maßlosen Staunen der Lakaien.
„Ruhe, Mene! _Tu beau_ Alceste! Wo hat Er das Gesuch des Rittmeisters,
Lölhöffel? Geb Er den Wisch her!“
Und er riß dem General das Papier aus der Hand, humpelte, so gut es ging,
auf seinen alten gichtischen Beinen an ihm vorbei ins Arbeitszimmer
hinein, warf das Papier auf die schräge Tischplatte, ergriff einen
Federkiel, stieß ihn mit Wucht in die Tinte, daß sie weit herumspritzte,
kratzte dann mit zitteriger Hand eiligst ein paar Worte unter das Gesuch
und sprach sie, wie immer, beim Schreiben laut vor sich hin.
„Der Rittmeister von Blücher kann sich zum Teufel scheren!“
Er warf den Federkiel fort.
„Mag er sich in des Teufels Namen kopulieren lassen, soviel er will! Aber
unter meine Husaren führet er keine Schürzenwirtschaft ein! Basta!“
Dann ließ er den General stehen, eilte mit gehobenem Stock wieder ins
Schlafzimmer hinein, wo die Hunde nur mit Mühe von den Lakaien gebändigt
werden konnten, und hieb – nicht die Hunde – aber die Diener durch, die so
schlecht aufpaßten, daß ihm heute keine Ruhe zum Regieren blieb!
Und Lölhöffel zog mit langem Gesicht ab. Es war ein schnöder Abschied für
einen langgedienten, braven Offizier wie Blücher. Aber mit der
Despektierlichkeit durfte man dem Alten Fritz nur vorsichtig nahen! Und
mit der _mariage_ nimmermehr!
4
IM SCHATTEN
„Hätte ich noch den schwarzen Dolman angehabt,“ sagte der Rittmeister
Blücher und hieb Treff-As auf den Tisch, daß er zitterte, „weiß der
Deibel, ich hätte mir vielleicht doch noch die Sache überlegt! Denn den
hatte ich mir sozusagen mit der Waffe in der Hand erobert und in Ehren
getragen! Im roten Dolman hatte ich immer das Gefühl: den ziehst du bald
wieder aus! Gemütlich war’s ja nicht, drin zu stecken, nachdem der Alte
Fritz die von Gersdorffschen aufgelöst hatte und uns kommandierte, in ihre
entehrte Pelle zu schlüpfen! Trotzdem ziehe ich sie mit Wonne wieder an,
wenn’s endlich so weit gediehen ist mit der königlichen Gnade! Kinder!“
rief er, schob seinen Stuhl zurück und füllte die Gläser, während der
Postmeister die Karten mischte und der Apotheker Gewinn und Verlust der
letzten Runde getreulich buchte. „Mit keinem König möchte ich tauschen, so
vergnügt bin ich heute!“
„Nun ja,“ schmunzelte der Postmeister, „du hast auch alle Ursache! Reiten,
jagen, das Mädchen geküßt, die Karte in fröhlicher Runde gebogen, was
willst du mehr?“
„Gewinnen!“ antwortete für ihn der Apotheker, der jetzt mit seiner
Rechnung im reinen war. „Gewinnen will er!“
„Gewinnen, verlieren, gleichviel!“ lachte Blücher. „Nur nicht sein Leben
lang hinter dem Ofen hocken, oder die Nase über die Schmöker hängen und
Kriegsgeschichte oder so ’n Zeug pauken! Kriegsgeschichte, pfui Deibel!
Als Soldat mache ich Kriegsgeschichte und schreibe sie in Blut oder
beschreibe sie beim Rotspon! Die Tinte lasse ich die Federfuchser saufen!“
„Nun, die Kriegsgeschichte wird dir wohl nicht allzu lästig, seitdem du
des Königs Rock auszogst!“ versetzte der Apotheker.
„Wenn ich auch den Rock auszog, mit Leib und Seele blieb ich doch Soldat!
Sollst sehen, bald reite ich wieder an der Spitze meiner Schwadron, die
mir von Rechts wegen zukommt!“
„Sei froh, solange du’s nicht nötig hast! Genieße dein Leben! Hast ja
alles, was der Mensch sich wünschen kann: eine brave, liebe Gattin,
prächtige Kinder, giltst als einer unserer besten Landwirte hier in
Pommern – was willst du mehr?“
„Red’ keinen Schwefel!“
„Na, höre einmal!“ sagte der Apotheker, „um nichts gab dir wohl der König
neuntausendfünfhundertfünfzig Taler Meliorationsgelder für dein Gut?“
„Neuntausendfünfhundertfünfzig, ja! Das war so recht der Alte Fritz!
Zehntausend voll hätte er mir ruhig geben können. Aber nein, er mußte noch
etwas davon abstreichen, um seinen Sparsinn zu befriedigen! Sonst hätte
ihm die ganze Sache keinen Spaß gemacht! Und nun muß ich mich hier am
Spieltisch mit euch abrackern, um die Summe wieder abzurunden!“
„Das tust du auch redlich!“ lachte der Apotheker. „Aber nach unten hin
scheint’s mir!“
„Verliere ich, so gewinne ich auch – das Geld wie das Majorspatent, und
sitze im Sattel, ehe ihr’s ahnt!“ rief Blücher übermütig. „Dieser Haufen
Taler auf Pik-Dame gesetzt, daß es so kommt!“
Er nahm eine Handvoll Talerstücke aus einem auf einem Stuhl neben ihm
stehenden, mit Geld gefüllten Suppenteller, setzte auf die Karte und
verlor.
„Verflucht! Die Dirne ging mir durch die Lappen mit dem Geld! Die
Schwarzen waren mir niemals hold! Eine Blonde her! Coeur-Dame gewinnt!
Coeur-Dame war mir stets gewogen! Siehst du, was sagte ich? Hab’ Dank,
holde Schöne! Her mit dem Geld! Kinder, ich könnte die ganze Welt in
Trümmer schlagen, so vergnügt bin ich! Eine Kraft ist in mir!
Himmeldonnerwetter! – Ein Schwert in der Faust, einen Gaul unter mir,
Feinde genug zum Dreinhauen, was brauche ich mehr?!“
„Glück im Spiel!“
„In der Liebe, du Giftmischer! Ich pfeife auf alles andere!“
„Nun“, sagte der Apotheker und strich wieder den Einsatz ein. „Das hättest
du erreicht!“
„Noch einmal zur Attacke auf Fortuna, das Luderchen!“ rief der
Rittmeister, „Karten her! Und hier der Rest!“
Er leerte seinen Suppenteller auf den Tisch, nahm neue Karten und verlor
noch einmal.
„Blasen wir die Reserve heran!“ sagte er, ohne darum seine gute Laune zu
verlieren. „Ich hole Sukkurs!“
Er stand auf, ging ins Nebenzimmer, öffnete die Ofentür, steckte die Hand
hinein, zog sie aber gleich wieder leer heraus und machte ein langes
Gesicht. Kniete dann nieder und blickte in den Ofen.
„Da soll mir der Donner dreinschlagen!“ fluchte er. „Drei Suppenteller
voll Geld stellte ich drinnen parat, zwei nahm ich heraus, wo zum Kuckuck
blieb der dritte?“
„Haben Panje Rittmeister etwas verloren?“ flötete hinter ihm plötzlich die
Stimme seiner alten polnischen Wirtschafterin.
Er schnellte empor.
„Hast du etwas gefunden, Sonja?“
„Kann sein!“ schmunzelte die Alte.
„Etwa einen Teller –?“
„Einen Suppenteller – –“
„Mit –?“
„Mit etwas drauf, was hier im Hause nicht lange darauf zu bleiben pflegt!
Etwas, was Panje Rittmeister und seine bürgerlichen Freunde meistens zum
Spaß zum Fenster hinaus zu werfen pflegen!“
„Zum Spaß?! I, du dummes Luder, das geschieht gewiß nicht zum Spaß! Das
werfen wir zum Fenster hinaus, damit es zum Schornstein wieder
hereinkommt! Verstehst du?“
„Ach so! Dazu stellen Panje Rittmeister die Suppenteller in den Ofen?“
„Ja! Ging dir jetzt ein Licht auf? Damit das Geld doppelt und dreifach
wieder hereinfliegt – dazu schmeißen wir’s zum Fenster hinaus! Denn
unterwegs jungt es – verstehst du wohl? Und den Teller stellen wir in den
Ofen, damit es nicht in die Asche fällt! Und nun sage mir, mein Täubchen,
wo du den Teller mit dem Gelde hingetan hast.“
„Oben ins Schlafzimmer, auf der gnädigen Frau ihr Bett! Nachher, wenn
Panje Rittmeister schlafen geht, wird er sich freuen, noch so viel Geld im
Hause zu haben!“
„Sofort holst du es wieder herunter!“
„Die gnädige Frau Rittmeister schlafen doch! Sie schliefen schon, als ich
das Geld hintat!“
„Hol es rasch her! Und daß du sie mir nicht dabei weckst!“
„Lassen wir das Geld ruhig auf der gnädigen Frau ihrem Bett! Am Ende
jungt’s da noch besser!“
„Nee!“ lachte Blücher, „da jungt ganz was anderes!“
„Die heilige Jungfer bewahre!“ rief die Alte erschreckt. „Es ist längst
mehr als genug! Die kleine und zarte Person, und schon sechs Kinder! Sechs
habe ich schon auf meinen Armen getragen! Panje Rittmeister, nichts für
ungut! Die Liebe ist eine schöne Sache! Aber, was zuviel ist, ist zuviel!
Und so viel Liebe hetzt den Menschen ins frühe Grab! Sechs Kinder,
bedenket doch, Panje, was das für eine Frau heißt! Und dreie deckt schon
der grüne Rasen! Da liegen die kleinen Engelchen und rufen nach der
Mutter! Und die Mutter will zu ihnen und wird mit jedem Tag immer
blasser!“
„Red’ nicht!“ sagte Blücher kurz und drehte seinen Schnurrbart. Es kam
etwas Feuchtes in seine Augen.
„Immer blasser wird sie! Und wie sollte sie auch nicht, bei dem tollen
Leben hier, wo der Postmeister und der Apotheker ihr Unwesen treiben, und
das Spiel und das Pokulieren nimmermehr aufhört! Ich hab’s auch nicht
leicht, wenn ich den Kindern Rede und Antwort stehen muß. Sie fragen mich
alles mögliche über den Papa – wo er seine Soldaten hat und wieso er
keinen bunten Rock wie die andern Offiziere trägt –“
„Himmelkreuzelement! Halt’s Maul!“
„Ja, das ist immer das Ende vom Lied: halt’s Maul! Ich hätte man das Maul
halten sollen, vor zehn Jahren, als meine kleine Herrin mir von dem tollen
preußischen Offizier vorschwärmte, der ihr den Hof machte! Ich hätte das
Maul halten sollen, vor vier Jahren, als Panje Rittmeister das schöne
Polen verließ und hierher nach Pommern zog! Ich hätte sagen sollen: nein,
ich gehe nicht mit. Dann hätte ich nicht sehen müssen, wie meine kleine
Herrin vor Gram elend umkommen muß! Sie, die Enkelin eines großen Herrn,
des Starosten von Gnesen, des erlauchten Herrn von Bojanovsky selbst! Das
edelste polnische Blut! Einen Grafen hätte sie haben können! Einen Fürsten
sogar! Sie hatte es nicht nötig, einen kassierten Offizier zu nehmen, der
sich mit niedrigen Bürgersleuten gemein macht!“
Mit dem kassierten Offizier wagte sie sich aber erst dann heraus, als
Blücher längst nicht mehr im Zimmer war. Er hatte sie einfach
stehenlassen, als sie anfing, ihm ihre gewohnte Litanei vorzuleiern, war
die Treppe nach dem oberen Stock hinaufgeeilt, öffnete leise die Tür des
Schlafzimmers und schlich auf den Fußspitzen hinein.
Seine Frau schlief. Zu ihren Füßen, auf dem Federbett, stand der Teller
mit dem Gelde.
Einen Augenblick stand er noch da und lauschte auf ihren Atem.
„Daß du das Geld bei dir hast, bringt Glück!“ sagte er, nahm den Teller,
ohne sie zu wecken, und ging leise, wie er gekommen war, zu seinen Gästen
hinunter, setzte den Teller auf die Karte, die soeben ausgeschlagen wurde,
und rief:
„Das Ganze! Das Ganze gewagt!“
Und er gewann.
„Noch einmal!“ rief er, schob den Teller nochmals hin und gewann abermals.
„So!“ sagte er. „Nun ist’s genug. Jetzt habe ich die Summe des Alten
Fritzen wohl genügend abgerundet! Ich hatte also Glück mit dem Gelde! Das
Glück in der Liebe brachte mir auch Glück im Spiel! Das hat wohl denn auch
gute Vorbedeutung für mein Gnadengesuch an den König.“
„Du hast wieder –“
„Ich habe dem König für das mir geliehene Geld gedankt und die Gelegenheit
benutzt, um Wiedereinstellung als Major zu bitten, und zwar mit
Anciennität vom Tage meines Abschieds ab! Einmal hat er’s mir
abgeschlagen. Das war vor vier Jahren! Jetzt wird er wohl ein Einsehen
haben!“
„Alle Wetter!“ sagte der Postmeister. „Gut, daß du von der Sache sprichst.
Vorhin kam eben ein amtliches Schreiben an den Herrn Deputierten des
Pommerschen Landschaftsrates von Blücher an. Vom Königlichen Kabinett,
scheint’s mir! Ich nahm das Ding mit. Ihr machtet aber gleich einen Lärm,
daß ich nicht zu Worte kommen konnte, und dann hab ich’s verschwitzt, als
es mit dem Spiel losging! Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Da
nimm!“
Er reichte Blücher einen Brief mit dem königlichen Siegel.
Blücher nahm ihn, machte ihn schnell auf, flog den Inhalt durch, wurde
plötzlich ernst und nahm sein Glas.
„Auf das Wohl Seiner Königlichen Majestät!“ sagte er kurz. „Er soll leben!
Und wir auch – wofern wir nicht für ihn sterben dürfen!“
„Abgelehnt?“ fragte der Postmeister zögernd.
„Abgelehnt!“ sagte Blücher kurz. „Abgelehnt zum zweiten Male! Das bedeutet
weiter nichts, als daß ich nochmals bei Seiner Majestät mit meinem
Gnadengesuch vorstellig werde, und dann nochmals und dann nochmals, bis
ich damit durchdringe und er mich wieder einstellt. Ich lasse nicht
locker! Ist er eigensinnig – bin ich es noch zehnmal mehr! Jetzt kommt
aber; es wird schwül hier drinnen! Draußen im Garten atmet sich’s
leichter! Ich lasse eine Bowle ansetzen, die euch munden wird wie den
Kindern Israels das Manna in der Wüste!“
Er setzte den Hut auf, faßte den Postmeister unter den Arm und ging
hinaus, von den beiden anderen gefolgt.
5
AUS DEM NEST HERAUS
„Enten waren da, die Masse“, sagte der Rittmeister und zwirbelte seinen
Schnurrbart. „Aber sie hatten Glück! Der Nebel wollte nicht weichen, die
Sonne machte sich’s bequem! Und der Hund taugte auch nichts! Weiß der
Teufel, was ihm in die Nase gefahren war! Der Nebel hatte ihm wohl den
Riecher genommen! Denn er stieß direkt mit der Nase auf den Vogel, ehe er
ihn gewahr wurde! Der schoß dann wie ein Pfeil davon, und der dumme Köter
stand da und glotzte in sein Kielwasser, wie es lustig durch das Schilf
rieselte, bis es zu spät wurde und der Vogel untergetaucht war. Keinen
einzigen Aufflug brachte er zustande! Keine Möglichkeit, zum Schuß zu
kommen!
Da mußte ich selbst den Hund machen! Beim nächsten Vogel, den wir
aufstöberten, sprang ich ins Wasser und machte ein alles andere denn
weidmannsgerechtes Hallo, um ihn zum Aufflug zu bringen!
Das gelang nun schon nach Wunsch! Aber alles, was ich vom Vogel bekam, war
weiter nichts als sein höhnisches Schnattern und das Rauschen seiner
Flügel und, wo er aufflog, eine sonderbare Bewegung im Nebel, die im
Dämmerlicht der aufgehenden Sonne Gestalt annahm und zu etwas
Menschenähnlichem wurde!“
„Etwas Menschenähnlichem?!“ wiederholte die Frau Rittmeisterin und blickte
von ihrer Handarbeit auf.
„Ja, eine menschenähnliche Gestalt, eine Nixe, die mich hold anlächelte
und die Arme gegen mich ausstreckte. Deine Züge hatte sie!“
„Geh!“
„Auf Ehre! Sie hatte es! Und ich, nicht faul, gleich hinterher, ohne an
den morastigen Boden zu denken! Und plötzlich, ehe ich’s mich versah, gab
der Grund unter meinen Füßen nach, und im Nu stand ich bis zum Hals im
Sumpf!“
„Das geschah dir recht! Warum jagst du Nixen nach!“
„Deine Züge hatte sie!“
„Wer’s glaubt. Dann hättest du’s sicher nicht so eilig gehabt!“
„So eilig sogar, daß es mir fast das Leben kostete!“
„Dein Leben achtetest du stets gering!“
„In dem Augenblick nicht! Ich gab gehörig Hals! Und zum Glück war der
Förster nicht weit!“
„Der Hasse?“
„Ja! Im letzten Augenblick kam er hinzu, reichte mir seinen Flintenlauf,
und daran konnte ich mich dann so allmählich aus dem Schlamm herausholen!
Es hätte aber schief gehen können!“
„Ja, da siehst du, wohin der Übereifer dich führt! Immer mußt du Leben und
Gesundheit aufs Spiel setzen, und sei’s nur um eine Wildente – oder,
meinetwegen, um eine Nixe zu erwischen!“
„So ist’s! Immer aufs Ganze! Nur so erreicht man etwas!“
„Wenn man nicht das Genick dabei bricht!“
„Darum brauchst du nicht zu bangen! Ich komme nicht um! Ich bin fest
überzeugt, daß mir gegeben wurde, im Leben etwas Besonderes zu leisten!
Das macht fest gegen Schuß und Hieb! Wenn ich auch manchmal etwas
abgekriegt habe –, das Leben hat’s noch nicht gekostet! Zum Krüppel wurde
ich auch nicht! Und heute, wo ich bis zum Hals versank und mich kaum noch
bewegen konnte, auch heute verließ mich die Zuversicht nicht, sondern ich
dachte: ‚Habe ich etwas im Leben zu tun, so bleibe ich wohl am Leben!‘ Und
ich blieb! Die rettende Hand war gleich zur Stelle! Das gibt mir
Zuversicht. Denn so wie auf der heutigen Jagd, so war mein ganzes
bisheriges Leben, seitdem ich den Dienst quittierte. Bis zum Hals im
Schlamm versunken, ohne Möglichkeit, mich zu bewegen, wenn nicht bald die
Hilfe kommt, mich aus dem Sumpf herausbringt, mich wieder als Soldat
einstellt und mich mittun und mitleben läßt! Denn so wie jetzt geht’s
nicht weiter! So komme ich um! So versumpfe ich ganz und gar!“
„Warst du denn so unglücklich mit mir?“
„Wie kannst du nur fragen? Saumäßig wohl war’s mir die ganze Zeit! Ein
stolzes Gefühl, als freier Herr auf eigenem Grund und Boden zu schalten
und zu walten und zu sehen, wie wir vorwärtskamen und uns wohl dabei
standen! Ich trug schon die Nase gehörig hoch bei all der Anerkennung, die
mir von allen Seiten zuteil wurde! Das leugne ich gewiß nicht! Aber das
ist gewesen, und das soll mich von nichts mehr abhalten dürfen! Alles hat
seine Zeit! Das mußte auch erlebt sein, und das habe ich erlebt! Das
genügt aber nicht! Das erfüllt mein Leben nicht! So schlafe ich ein,
geistig wie leiblich. Und das darf nicht sein! Ich habe den Trieb, mich
weit darüber hinaus zu betätigen, und wenn’s mir das Leben kosten sollte!
Vorwärtsstürmen aufs Unmögliche los, um es möglich zu machen und auch
andere dazu treiben! Das habe ich! Das kann ich! Ob’s der Abenteurer ist,
der mir im Blute liegt – ob’s weiter nichts ist als purer Leichtsinn –,
jener Trieb muß befriedigt werden, oder ich krepiere!“
Die Frau Rittmeisterin blickte auf.
„Man soll das Leben nur für etwas einsetzen, was des Lebens wert ist!“
„Wer nicht bereit ist, es stets und immerdar für seine Sache einzusetzen,
wie gering sie auch anderen scheinen mag, der ist nicht wert, zu leben!“
„Du wirfst es aber hin, wie wenn du Geld auf eine Karte setzest.“
„Und gewinne es zehnfach wieder!“
„Wenn du nicht Pech hast, wie meistens – Pech beim Spiel, Pech auf der
Jagd, Pech in der Liebe –“
„Wie kannst du das sagen?“
„Wieso nicht?! Wo du mit einer Frau leben mußtest, die dir weiter keine
Empfindungen eingeben konnte als das Gefühl, an ihrer Seite im Sumpf zu
versinken!“
„Verdrehe meine Worte nicht! Versteh mich recht: ich fühle mich
zurückgesetzt, ausgestoßen, zu nichts nutz! Bloß als Brotverdiener auf der
Welt und weiter nichts! Mein Leben geht dahin, und ich leiste nichts! Die
Zeit schwindet, und ich stapfe noch immer auf demselben Fleck! Wenn ich
sehe, wie weit es meine ehemaligen Kameraden inzwischen gebracht
haben – –“
„Da solltest du dem Himmel danken, daß du des Königs Rock beizeiten
auszogst! Denn das machte dich zum freien Mann und erhielt deinen Sinn
unabhängig! Gott behüte, daß du heute da stehen solltest, wo deine
Kameraden jetzt sind. Keinen Schritt könntest du machen ohne Befehl –,
keine Bewegung außer der reglementierten! Das kannst du aber jetzt –“
„Das kann ich jetzt erst recht nicht, wo ich die Rücksicht auf die Familie
und auf unser täglich Brot über alles andere stellen muß. Ich ziehe
jedenfalls das soldatische Reglement dem der Ehe vor! Verzeihe mir, aber
es mußte einmal klar und deutlich ausgesprochen werden.“
„Ich glaube,“ sagte die Frau Rittmeisterin, ohne die geringste Bewegung zu
verraten, „ich glaube, daß unsere Ehe dir genug Bewegungsfreiheit für
deine persönlichen Neigungen ließ. Jedenfalls nahmst du sie dir mehr als
reichlich!“
„Das tat ich! Und das hätte ich auch als Offizier getan. Ich war dumm, als
ich den Dienst quittierte!“
„Du warst weder dumm noch klug, du warst ein aufrechter Mann. Und niemals
habe ich dich mehr geliebt als in dem Augenblick, wo du Manns genug warst,
deine Würde zu wahren. Denn Unrecht geschah dir, als ein Fürstensprößling
dir vorgezogen wurde, der dir sowohl an Meriten wie an Dienstjahren
nachstand. Und du tatest recht, als du dem König daraufhin deinen Degen
vor die Füße warfst! Jetzt aber, wo du jahraus, jahrein dem König
schreibst und ihn um Wiedereinstellung als Offizier anbettelst, jetzt
schäme ich mich deiner! An die zehnmal schriebst du ihm! An die zehnmal
gab er dir den Fußtritt, der dir ob solchen kläglichen Gewinsels
gebührte!“
„Hör auf!“
„Hörtest du wohl auf mit deinen Bettelbriefen? Schriebst du nicht unter
jeden Brief: ‚in allertiefster Devotion ersterbend, Eurer Königlichen
Majestät alleruntertänigst gehorsamer Knecht‘? –“
„Phrasen, weiter nichts!“
„Habe ich einen Phrasendrescher zum Mann genommen? Habe ich einem
alleruntertänigst gehorsamen Knecht die Hand gegeben, der ‚in
allertiefster Devotion erstirbt‘? Oder war’s ein Mann, der aus Ehrgefühl
zum Rebellen werden konnte?“
Er nahm sie in seine Arme und küßte sie herzlich.
„Halte dich nicht über Äußerlichkeiten auf. Der althergebrachten, von der
Gewohnheit, oder sagen wir: vom Zeremoniell geheiligten Form muß ein jeder
genügen, hoch oder niedrig, der sich dem Träger der Krone naht! Das ist
weiter nichts als eine Redensart!“
„Mag sein! Aber eine Redensart, die entwürdigt. Ich würde mich schämen,
sie zu gebrauchen!“
„Und ich –, ich schreibe sie ihm nochmals und nochmals, bis er nachgibt
und mir meinen Willen tut. Wenn ich bloß ans Ziel komme, wenn ich
erreiche, tätig sein zu können, was kümmert’s mich, wie ich dazu komme?
Jeder Weg ist mir da recht! Und wäre er noch so holperig, ich gehe ihn
doch ohne Zögern! Das ist nichts als einfache Pflicht, der Macht
gegenüber, die mir anheimgab, eine Aufgabe über das Alltägliche zu suchen!
Und daran hindert mich nichts – deine Verachtung nicht, und erst recht
nicht dein Schelten! In einem gebe ich dir aber jetzt recht: das Schreiben
von Bittgesuchen war dumm! Das werde ich künftig lassen. Es gibt andere
und bessere Wege! Wo ich Deputierter der Landschaft bin, kann ich auch so
an den König heran. Das nächste Mal, wenn er hier Revue abhält, sorge ich
dafür, daß ich die Landschaft vertrete. Da bedarf es keines
Audienzgesuches! Und das Weitere wird sich ergeben. Aber von meinem
Vorhaben lasse ich nicht ab. Soldat bin ich mit Leib und Seele, und Soldat
bleibe ich! Du sollst es schon sehen: eher als du denkst, wirst du als
Frau Majorin aufwachen!“
„Gott verhüte es! Dann müßte ich unser schönes Groß-Raddow verlassen und
in der Garnisonsstadt leben!“
„Das schon!“
„Das wäre mein Tod! Das kann ich nicht! Ich würde ersticken. Ich würde
ohne Licht und Luft zugrunde gehen! Bin ich dir denn kein Opfer wert? Ist
dir der Traum, dem du nachjagst, mehr als eine ruhige, gesicherte
Wirklichkeit an meiner Seite? Wozu jetzt noch einmal dein altes Leben von
vorne anfangen? Vierzehn Jahre warst du schon außer Dienst, und du bist
nicht mehr der Jüngste, hast nicht mehr das Ungestüm der Jugend, das
vorwärts über alle Hemmnisse hinwegtreibt. Du wirst nur Enttäuschung über
Enttäuschung erleben und bitter bereuen, unser Glück um ein Hirngespinst
geopfert zu haben. Du hast ja ohnehin Tätigkeit übergenug! Hast ja die
Güter – unser schönes Groß-Raddow und Sassenhagen, das du eben angekauft
hast! Ein ganzes Leben brauchst du, um die hochzubringen. Wie kannst du
nur daran denken, daneben noch als Offizier zu dienen? Entweder die Güter
werden vernachlässigt, oder der Dienst wird es!“
„Dann lieber die Güter“, dachte der Rittmeister. „Die kann man ja
verkaufen, wenn sie im Wege sein sollten!“
Aber er sagte es nicht laut. Er sah, wie sie mit ganzer Seele daran hing,
ihr Leben in der bisherigen Weise weiterleben zu können, dachte an ihre
zunehmende Kränklichkeit, fühlte ein menschliches Rühren, wurde großmütig,
opferbereit und schwang sich sogar auf, den Verzicht auszusprechen. Das
beruhigte sie.
Aber er selbst fühlte, als hätte er seiner ureigensten Natur Gewalt
angetan und das Heiligste verleugnet. Ein brennendes, fieberndes Verlangen
nach dem großen Abenteuer seines Lebens, das er haben mußte, wenn er nicht
elendiglich verkümmern sollte, bemächtigte sich seiner ungestümer denn je
und ließ ihm keine Ruhe mehr.
*
In Sanssouci endete zu gleicher Zeit ein einsamer Mann, von Arbeit
ermüdet, von Krankheit zerrüttet und von aller Welt verlassen.
Ein Leben erlosch, das Kampf gewesen war, Kampf und Sieg gegen eine ganze
Welt – ein Leben voll treuester Pflichterfüllung und Strenge gegen sich
selbst und alle anderen. Der alte Adler starb und schloß seine Augen für
immer.
Ein Aufatmen –, ein Gefühl der Erleichterung ging durch das ganze Volk.
Die wenigsten gedachten bei der Todesbotschaft der großen Lebensleistung,
deren Zeugen sie gewesen waren. Die erlittene Bedrückung zitterte noch bei
allen nach.
Auch nach Pommern drang rasch die Kunde des großen Ereignisses. Hier wie
dort im ersten Augenblick ein Aufjauchzen, das die Größe dessen, der zu
Grabe getragen wurde, total verwischte.
Auch Blücher ging es nicht anders. Aber zugleich fühlte er etwas wie ein
Rauschen großer Flügel um sein Haupt und wurde von einer seltsamen
Empfindung beschlichen, als sei ihm ein Erbe überkommen.
„Jetzt ist’s vorbei mit dem schmählichen Beiseitestehenmüssen! Jetzt ist
meine Zeit da!“
So jauchzte er auf bei der Trauerkunde. Und seine Frau schwieg. Sie sah es
ein, daß er nicht mehr zu halten sein würde. Der stille Verbündete, den
sie in dem alten König gegen ihn gehabt hatte, war nicht mehr! Keine Macht
gab’s mehr auf Erden, die seinen Tatendrang, der stets ihr Eheglück
sprengen wollte, eindämmen konnte! Sie mußte es über sich ergehen lassen,
wie es auch kommen würde!
Und Tränen der Wehmut, nicht des Stolzes, waren in ihren Augen, als sie
beim darauffolgenden Durchzug des neuen Königs durch Stargard ihren Mann,
hoch zu Roß, in der kleidsamen Uniform der pommerschen Landschaft, dem
königlichen Wagen voraussprengen sah. Und auch als er siegestrunken
zurückkehrte und ihr vom Gelingen seines Unternehmens und von der Audienz
beim Könige erzählte, sowie von dessen gnädiger Zusage, ihn bei
Gelegenheit mit voller Anciennität als Major in sein altes Regiment
wiedereinstellen zu wollen – auch dann vermochte sie nur mit Mühe die
qualvollen Seufzer niederzuhalten, die sich ihrer Brust entringen wollten.
*
Einige Jahre später stand er vor ihr in ihrer kleinen Wohnung im
pommerschen Städtchen Rummelsburg, hatte den Feldzug in Holland hinter
sich, hatte den Verdienstorden um den Hals und war im Begriff, sich wieder
von ihr zu verabschieden, um in den Krieg gegen Österreich zu ziehen.
Er sah ihre bleichen Wangen, ihr abgezehrtes Gesicht, ihren müden Blick,
sah mutlose Resignation in ihrer ganzen Art, sich zu geben, und sein Herz
schnürte sich zusammen. Seinem Beruf zuliebe hatte sie auf das Landleben
verzichtet. Ihre Güter, an denen sie hing, die aber aus der Entfernung
nicht bewirtschaftet werden konnten, waren verkauft. – Groß war das Opfer,
das er von ihr verlangt hatte – er sah es ein. Aber er hatte nicht anders
handeln können. Und jetzt galt es wieder Abschied nehmen.
„Diesmal wohl für immer“, sagte sie wehmütig lächelnd. „Ich dachte es
schon damals, als du in den holländischen Feldzug gingst. Und einmal muß
es ja sein! Es ist ja auch besser so. Ich sehe es ein – ich bin dir im
Wege und muß fort. Ich beklage mich nicht. Du warst immer gut, immer lieb
zu mir. Du kannst wohl aber nicht aus deiner Haut heraus. Dein Beruf muß
dir ja über alles gehen, und mir kommt es zu, ihn nach Kräften zu fördern.
Ich gehe also hinüber zu den Kindern! Es muß auch nach ihnen geschaut
werden! Sie rufen mich schon oft, viel lauter als die Lebendigen. Bleib du
denen ein guter Vater. Und hab’ Dank für alles. Es war schön mit dir. Und
wenn ich nochmals mein Leben anfangen könnte, ich würde dich wieder
nehmen!“
Er schloß sie in seine Arme und küßte sie. Seine Tränen mischten sich mit
den ihren.
Dann riß er sich los, eilte hinaus, stieg in den Sattel und zog an der
Spitze seines Regiments sang- und klanglos zur Stadt hinaus.
„Wenn i kumm, wenn i kumm, wenn i wiederum kumm – –“ summte er dabei leise
das alte Lied.
Als er aber wiederum kam – da war die Hochzeit gewesen. Ein anderer
Freier, der nirgends ungehört anzuklopfen pflegt, hatte ihr das Brautbett
gerüstet und sein Liebstes in kühler Erde zur letzten Ruhe gebettet.
Die Kinder kamen zu den Großeltern, und nichts war mehr da, was ihn
fesselte.
Der junge Adler war aus dem Nest heraus und hob seine Schwingen zum Flug.
6
DER SOLOFÄNGER NUMMER EINS
Der Sachse Häberlein von der Schwadron des Majors von Planitzer nahm im
ganzen Regiment der roten Husaren so etwas wie die Stellung eines Orakels
ein.
Er konnte lesen wie ein Schriftgelehrter, er schrieb und rechnete wie der
geriebenste Kriegskommissar und gehörte auch nicht zu jenen Zaghaften, die
ihr Licht unter den Scheffel stellen!
Der Strom seiner Rede war wie ein brausender Wasserfall, seine Gier nach
Neuigkeiten hörte nimmer auf – mit allem, was sich auf Erden zutrug oder
zutragen konnte, wußte er besser Bescheid als ein Bataillon von
Klatschbasen. Wo das Regiment auch biwakierte, spürte er sofort das
Platzorakel oder wenigstens eine Zeitung auf und war sofort über die
politische Konstellation des Tages unterrichtet. Hätte er die Fäden der
hohen Diplomatie in Händen gehabt, Europa hätte anders ausgesehen, und das
Königreich Sachsen erst recht.
Nun hatte er leider Gottes nur die Gesamtdiplomatie seiner Schwadron zu
führen, und er tat es mit einer Geduld und einem Opfersinn, der nur von
seiner unersättlichen Neugier übertroffen werden konnte. Zu dieser
Geheimdiplomatie gehörte vor allem die heikle Aufgabe, den des Schreibens
Unkundigen – und sie waren in der Mehrzahl – die Briefschaften ihrer
Familienangehörigen zu entziffern und sie, gegen ein geringes Entgelt für
Tinte und Papier, nach den Wünschen der von solchem Ereignis Betroffenen
zu beantworten.
Insbesondere profitierte von diesen seinen unschätzbaren Eigenschaften
sein Nebenmann rechts, der Wasserpole Gajewsky, der in jedem Nest, wo die
Schwadron durchkam, eine Braut sitzen hatte, die auf das hehre Eheglück
polnisches mit ihm wartete und entsprechend vertröstet werden mußte. Ohne
Dolmetscher war aber auch er außerstande, diesen Trost zu spenden. Denn er
war aus edelstem Schlachtschitzenblut, hatte Ahnen bis ins Blaue hinein
und entstammte einem uralten polnischen Hause, das einst, in den Tagen des
Glanzes, über Tausende von Seelen geherrscht hatte, jetzt aber kaum noch
der eigenen Seele Herr war. Denn dessen Mitglieder, über sotane Künste
erhaben, ließen sich nimmermehr herab, sich mit Lesen oder Schreiben oder
irgendeiner Art von Buchgelehrsamkeit abzugeben – was ja in besseren
Häusern stets zu den dienstlichen Obliegenheiten eines Beichtvaters zu
gehören pflegte.
Als Edelmann hatte er ja alle Hände voll zu tun, die Herzen zu brechen; am
Spieltische wurde nicht gerechnet; war die Tasche leer – und sie war es
meistens –, so hatte er die glänzendsten Revenuen aus den im Monde
gelegenen Stammgütern zu erwarten, pumpte darauflos, solange sich gläubige
Seelen fanden, leerte den Becher, solange der Wein floß, ließ die Würfel
rasseln, küßte die schönen polnischen Weiber und was ihm da noch von
anderen Rassen mit unterlief, und balgte sich nach Herzenslust mit den
Nebenbuhlern herum.
Heute zwirbelte er melancholisch seinen blonden Schnurrbart und hörte kaum
auf das, was der brave Sachse ihm vorschwefelte. Man hatte ihn gewaltsam
aus den Armen der Liebe gerissen, die im letzten Kantonnement besonders
weich und wohlig gewesen waren – hatte ihn in Marsch gesetzt, mit der
gesamten Schwadron hierher in den Hinterhalt gelegt, wo sie in aller
Herrgottsfrühe aufmarschieren und immer noch auf Befehl zur Attacke warten
mußten.
Noch brannte der letzte Kuß auf seinen Lippen, die nicht einmal Zeit
gehabt hatten, mit dem üblichen Schwur ewiger Treue im Augenblick der
Trennung zu quittieren.
„Is sich nichts als purer Niddertracht, Panje Blücherr seiniges“, knurrte
er verdrießlich. „Ruft sich aus Quarrthier der Hund, ech sich hat der Hahn
gegackert!“
„Is ä Sauerei, der kanze Griech!“ pflichtete der Sachse bei.
„Denk ich: Mordio, will sich gebben Monsieur Ohnehos Rendezvous zeitiges
cheute! Werrd ich lerrnen ihm fallen Husar polnisches unter Küsse seinige!
Hat sich gerufen: pascholl! In die Sattel! Tatarata! Und dann Nitschewo!
Ahles nix! Nix Feind! Nix dreinhauen! Nix Küsse! Betrug hundsgemeines!“
„Eja, freilich!“ krähte der Sachse. „Nichts als ä unnütze Lauferei, der
kanze Griech! Mir siechen und siechen und siechen! Mir nähmen dem
Franzosen Ganohnen, Kefangene, Pakasche, – alles! Mir hauen ihm in die
Pfanne! Gaum aber looft er, da loofen mir egal ooch! Aber nich hinterher,
nee, zurücke loofen mir und gucken in den Rhein, wie sein Wasser ooch
davonlooft, und freien uns dann gechenseitig, – der Vater Rhein und mir!
Wie mir aber mit der Medode nach Baris gommen dhun, wees der Gugguk!“
„Bischt ebens a Subalterner!“ fiel ihm sein Nebenmann, der wortkarge
Schlesier Landeck, in die Rede. „Host nischts zu wissen! Maul holten,
dreinhauen, ist oalles, woas du nötig host!“
„Dreinhauen, jawohl! Aber ’s Maul halten, nee, nu äben nich! Und morgen
ooch nich! Duht’s unser Pliecher etwa? Hält der ’s Maul? Reißt er’s nicht
uff wie ’n Nilpferd, verdonnert die schockschwerenotverdammten
Österreicher, die uns egal immer unsere Fikdorien versauen, daß es eine
Schande ist?! Pakasche! Schweinebande, hundsmiserable! Egal räumen sie
irgendwo eine Lienje, und mir müssen mit! Gaum hamm mir uns irgendwo recht
scheene einkerichtet, da müssen mir wieder raus!“
Der Schlesier tat wieder sein Maul auf.
„Host auf die Österreicher nich zu schimpfe! Bischt aus Sachsen; schimpf
auf die Preußen, bei dena du dienscht!“
„Die Preußen, eja, freilich! Die gennen mir ooch was! Da hätten mir ooch
die Nase dicke voll von!“
„Is sich blasiert derr Preuß!“ warf der Pole ein und zwirbelte seinen
Schnurbart hoch. „Frißt sich zu vill – liebbt sich zu wennig! Wird sich
faul und dumm!“
„Und pequem!“ eifert der Sachse. „Guck ä mal bloß die meerschten von den
Offiziers an! Ih, du Kieticher, ist das een Fuhrwerken, eh so ’n oller
dicker Major in den Sattel gommt! Und sitzt er endlich mal drinne, dann
schreits: ‚Mei Güchenwaachen!‘ und das ist nun allemal das erschte. ‚Wo
ist mein Güchenwaachen, Ginner? Wo steckt er bloß? Gönnt ihr ihn nicht
sähn?‘ Da muß unserm Pliecher so ’ne Arche Noah von einem Güchenwaachen
bloß in die Quere gommen! Der versteht’s! ‚Ausspannen! In den Graben
werfen! Pferde vor die Ganohnen!‘ Der schafft’s! Mordselement!“
„Ja, der hot’s! Aso a Teiwelskerl is dos!“ stimmte der Schlesier bei.
„Heut fiel er wieder vom Färd!“ flüsterte der Sachse. „Baßt ä mal uff,
Ginner, des giebt wieder eene Sache! Wenn der vom Färd fällt und wieder
hochgommt, da setzt’s allemal Schläge für den Feind und Fikdoria für uns!
So ist’s immer kewäsen, da gönnt ihr Kift druff nähmen, und des stimmt,
als wie zwee mal zwee is finfe!“
Der Pole machte runde Augen.
„Fill sich vom Ferrd, der Panje Blüchherr, saggst du?“
„Kopfieper runterkesaust!“
„Habb ich nicht gesehhen!“
„Siehst äben bloß, wo die Weibsbilder fallen!“
Der Pole lächelte martialisch.
„Hatt sich gebrochen Genick seiniges, der Panje Blüchherr?“ fragte er.
„Wo wird er wohl?!“
„Nu, wo werrd ich denn sehhen? Weiß ich doch: hat sich ein Schweineglück,
der Panje Obberst!“
„Ein Schweineglück“, wiederholte der Sachse. „Hättest ihn sähn sollen, wie
sein Färd rücklings in den Kraben trat! Wie ’ne Stahlfeder schnellte er
aus dem Sattel auf den Weech rauf! Wie ’ne Gerze stand er vor der Front
ohne eene eenzige Schramme – wo er doch von Rechts wegen mit gaputte
Gnochen unterm Färd liegen mußte!“
„Er is gefeit“, sagte der Schlesier kurz und bündig. „Oof ihn beeßt kee
Stich, kee Hieb. Die Kugeln biegen vor ihm aus. Und wenn a fällt, fällt a
imma hinoof. Fällt a as Oberscht, kommt a as General hoch! Fällt a as
General, kommt a as Feldmarschall wieder in den Sattel!“
„Nu äben!“ lachte Häberlein. „Warum nicht ooch? Wenn der Schläsier sein
Maul uffdhut, da nimmt er’s allemal dicke voll!“
Der Schlesier sagte nichts. Er saß nur da, wieder wie eine Statue, ohne
eine Miene zu verziehen, und blickte geradeaus.
„Unheimliches Kerl!“ dachte der Pole fröstelnd. Denn es war noch früh im
Mai und das Gruseln leicht.
Bum, schossen drüben die Franzosen. Bum, Bum!
Ihr Feuer lag links auf Neustadt zu, wo die Hauptmasse der Blücherschen
Truppen jetzt herauskam und auch zu kanonieren anfing. Aber eine Kugel
fand auch den Weg nach rechts, über den Wald, wo die Planitzer lagen, warf
Steine und Sand über die Reiter und dem Sachsen ins Maul, da er’s eben
auftat. Er aber geschwind die Bescherung ausgespuckt. Und hinterher
brauste seiner Rede Strom mit doppelter Gewalt.
„Nu saacht ä mal bloß: Was hat wohl der Alte mit uns vor? Mir stampfen
hier egal uff eenem Fleck und lassen uns mit Dreck schmeißen! Warum nähmen
mir nich dem Kroppzeug drüben die Ganohnen wech? Die schiessen ja wie die
Schweine! Am Ende treffen die ooch noch! Und dann ade reiten! Een, zwee!“
fing er an, die Schüsse zu zählen. „Des reene Salutschießen! Akrat wie in
Billnitz, wo wir mit den Rekruten durchkamen und die Maschestäden ooch da
waren! Eja, des war scheen! Der Geenich von Sachsen, der Geenich von
Preißen und der Gaiser Leopold ooch noch, Gott hab ihn sälig! Und hinter
ihnen her der ganze Schwanz von hohen Herren und Gonfusionsräden! Die
machten nu fix een Gollech um den grünen Disch rum, zogen die Schlafmützen
feste ieper die Ohren runter und taten damit dicke, wie sie den lieben
Gott wieder in Frankreich einsetzen wollten und den Geenich Lurwich ooch!
– Und des war nu nichts als wie ’n Schpadziergang, und des hamm sie nun
verbrieft und besiegelt und begossen und waren noch lange nicht mit der
Beschärung fertig – da hat der Franzos die Frechheit und erklärt uns den
Griech und haut seinem Lurwig den Döskopp ab und ist ieper die Krenze, ehe
die Gonfusionsräde wach wurden! Nich ä mal ä Griechserklärung hamm sie
fertig gebracht – nicht mal im Traum! _Die_ gennen nu die Franzosen wieder
alleen rausschmeißen – die Gonfusionsräde! Mir dhuns nimmer mehr, wenn mir
so weiter siechen!“
„Is sich ein Schweinewirtschaft hundsmiserables!“ stimmte der Pole bei.
„Mir Roten sind schon parat – daran fehlt’s nicht! Da ist schon unser
Oberst hinterher wie der Deibel! Bei den Hufschmieden, in den Gammern, auf
den Futterböden – ieperall hat er hineingerochen! Mundierung und
Sattelzeug, Pulver und Blei – nach allem hat er gesähn, und daß die
Glingen scharf geschliffen sind, war ihm allemal die Hauptsache! Mir sind
parat! Aber die anderen! Die Räde und – nun, ich will nichts gesagt haben
– _der Geenich ist ja een kuter Mann_ – een seelenkuter Herr! Wo er aber
zu schpät Geenich wurde – nachher steht ooch alles andere im Lande zu
schpät auf! Beim Gaiser Leopold ooch! Na, nu ist er ja tot, und dakechen
ist nichts zu sagen! Aber sein Läben lang dachte der nicht daran, Gaiser
zu werden – der steckte dicke drinne im fetten toskanschen
Getreidegeschäft und war een kuter Mann! Da stirbt der Bruder, und er muß
auf den Thron! Na, nu ist er das Älend ooch los, und sein Sohn kann seine
Leute mit Mehlspeis und Backhändl füttern, bis ihnen die Bäuche platzen!
Hättest drüben bei den Österreichern bleiben sollen, Schläsier, wo du
schon warst!“
„Mei Atzung find’ ich ieberall!“ entgegnete der Schlesier.
„Nun wenn schon – warum suchst du sie denn gerade hier bei den Preißen,
bei den Hungerleidern?“
„Was suchen die Sachsen und die Polen dahier? Am Ende wollte ich nur
sehen, wie mir der rote Dolman sitzt, wo ich doch dahier im selbichen
Rechiment schonn den schwarzen trug!“
„Nun schlag einer lang hin! Wo _mir_ schwarz waren, bist du ooch mit
kewäsen?“
Der Schlesier saß da wieder wie in Erz gegossen und antwortete nicht!
Bum! schossen die Franzosen vor Kirrweiler. Bum! sekundierte eine andere
Kolonne, die mehr rechts, durch Edenkoben herauszukommen begann. Die
Kugeln kamen jetzt von rechts und von links. Die Leute wurden unruhig, die
Pferde tanzten hin und her.
„Is sich ein verdammtes Schissen!“ knurrte der Pole. „Wär’ ich Obberst,
hätt’ ich gebben längst Siggnall!“
„Ihr Polen habt’s immer eilig mit dem Überlaufen!“ sagte der Sachse
anzüglich. „Ihr liebt den Franzmann! Wenn ihr mit ihm Hiebe tauscht, denkt
man, es sind Gomplimente!“
Der Pole wollte antworten. Da bliesen endlich die Trompeten zur Attacke,
die Roten sausten aus ihrem Hinterhalt heraus und begriffen jetzt, warum
ihr Oberst sie so lange hatte warten lassen.
In die Flanke der Kolonne, die über Kirrweiler vorgedrungen war, ging es
mit schwindelnder Fahrt. Hier riß eine Kanonenkugel eine breite Bahn durch
die vorstürmende Masse – dort sank mancher Reiter, von einer wohlgezielten
Flintenkugel getroffen, aus dem Sattel. Aber die Lücken klafften nur einen
Augenblick, dann schlossen sich die Glieder, vorwärts fliegend, und die
Roten waren drüben und droschen mit ihren Säbeln auf die Köpfe der
„Ohnehosen“, daß es nur so eine Art hatte.
Der Schlesier, der Sachse und der Pole wetteiferten mit den anderen im
blutigen Handwerk und hieben und stachen und bekamen manche Schramme ab.
Es war ein Gewühl, ein Gedränge, ein Stampfen, ein Wiehern, ein Röcheln
der Sterbenden, ein Fluchen und Schreien, ein Schmettern der Trompeten.
Lange währte es nicht, da war der Widerstand gebrochen, die Kanonen
genommen, die Franzosen in voller Flucht und die Roten hinterher – wie die
Apokalyptischen Reiter, Tod und Verderben in die Reihen der Fliehenden
säend.
Durch das Dorf Kirrweiler ging es auf Frischlingen zu, wohin alles in
voller Auflösung floh. Die wilde Jagd folgte – allen voran Blücher selbst,
alles anfeuernd und vorwärts drängend. Mit ihm noch mehrere Züge brauner
Husaren, die jetzt ihren roten Kameraden halfen, den Sieg zu vollenden.
Dann sauste Blücher mit ein paar Schwadronen noch rasch nach rechts gegen
Edenkoben hin, um der darüber hinaus vorgestoßenen französischen Kolonne
in die Flanke zu fallen und auch ihr die Kanonen abzunehmen. Es gelang
nach heftigem Kampf mit der feindlichen Infanterie. Die Franzosen wurden
auch da in das Dorf zurückgeworfen und in den engen Gassen, wo sich alles
staute, kurz und klein gehauen. Das Schlachtfeld war weit und breit mit
gefallenen und verwundeten Feinden besät.
Blücher triumphierte.
Am Morgen, als ihm das Anrücken der Franzosen gemeldet worden war und jene
ihre Tirailleursketten ausschwärmen ließen und mit der Kanonade anfingen,
da war sein General und Prinz Hohenlohe zu ihm geritten, hatte ihm
geraten, sich lieber vor der Übermacht auf Neustadt zurückzuziehen, ihm
aber freie Hand gegeben. Blücher, dem der rechte Flankenschutz der
preußischen Armee oblag, dachte nicht einen Augenblick daran, zu
retirieren, sondern nahm den Kampf mit der Übermacht auf. Und das Glück
war ihm hold. Mit Kavallerie allein gewann er einen glänzenden Sieg über
ein ganzes Armeekorps, schlug es entscheidend, nahm ihm Kanonen, Munition,
Gefangene und Pferde ab, und verbesserte so nicht nur seine eigene
Stellung, sondern auch die der ganzen preußischen Armee.
Die Belohnung blieb nicht aus. Nach kurzer Zeit traf seine Beförderung zum
Generalmajor ein. Und zugleich wurde er Chef des Roten Husarenregiments,
des früheren Bellingschen, in dessen Reihen sein ganzer Aufstieg erfolgt
war, und das von nun an nach ihm benannt werden sollte.
Als frischgebackener General nahm er dann seinem Regiment die Parade ab.
In langer Front standen seine Braven, Schwadron an Schwadron – die Pferde
mit den Köpfen wie nach der Schnur aneinandergereiht, in steter Bewegung
und ungeduldig auf die Trensen beißend, daß der schneeweiße Schaum im
Winde flog.
Prächtig leuchteten die roten Dolmans gegen das helle Vorsommergrün. Und
als auf Kommando die Säbel aus den Scheiden flogen, um den Chef zu
salutieren, züngelte ein tausendfacher Blitz über das Feld. Es war ein
prächtiger Anblick, und wohl dazu angetan, das Herz eines rechten Soldaten
zu erfreuen.
Dann kam der neue Chef heran in vollem Galopp, schlank wie ein Jüngling,
stolz wie ein Sieger. Spielend leicht lenkte er sein Pferd mit gewaltigem
Sprung über die das Feld umschließende Hecke und hielt jäh an, gerade vor
der Schwadron des Majors von Planitzer, wo auch der gute Sachse Häberlein
seinen Kopf noch aufrecht hielt, aber von unzähligen Binden zu einem
dicken weißen Knäuel verunstaltet, durch den sein sonst so rühriges
Mundwerk zur Untätigkeit verdammt wurde.
Die dunkelblauen Augen Blüchers blitzten vor Freude, als sie die Reihen
seiner kriegserprobten Kämpfer überflogen.
„Guten Morgen, Husaren!“ rief er mit weithin schallendem Baß.
„Guten Morgen, Exzellenz!“ kam es aus den Reihen zurück, daß es nur so
donnerte.
„Ich freue mich, euch zu sehen!“ setzte er die Rede fort. „Ihr habt euch
immer brav gehalten! Ich habe mich auch gefreut, Seiner Majestät melden zu
können, daß ihr unter meiner Leitung schon elf Kanonen, sieben
Munitionswagen und fünf Fahnen erobert und einen Generalleutnant,
hundertsiebenunddreißig Offiziere, dreitausenddreihundertsiebenundzwanzig
Mann, elfhundertvierunddreißig Pferde gefangen habt, sowie, daß kein
Offizier des Regiments in Gefangenschaft geriet und kein Unteroffizier
gefallen ist. Seine Majestät haben daraufhin geruht, mir selber zu
schreiben, haben mir den Roten Adler verliehen, mich zum Generalmajor und
zum Inhaber des Regiments gemacht, außerdem mich beauftragt, euch seine
Allerhöchste Zufriedenheit auszusprechen. Eurer Tapferkeit und eurem
unwiderstehlichen Mut verdanke ich diese Ehrungen, die euch allen in
meiner Person zuteil werden.
Kinder, ihr habt euch einen guten Namen gemacht! In der ganzen Armee
achtet man die Roten Husaren, und der Feind fürchtet sie! Ich bin stolz
auf euch und freue mich, daß das Regiment von jetzt ab meinen Namen führen
soll! Das eine merkt euch aber: ein Blücherscher Husar _stirbt_, aber er
_kapituliert nicht_! Seine Parole ist: _immer vorwärts_ und _nimmer
zurück_! Sein höchster Stolz: Blut und Leben für König und Vaterland
opfern zu dürfen! So wollen wir’s halten, und das geloben wir, indem wir
rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster König und Herr, er lebe
hoch!“
Donnernd brausten die Hochrufe über das Feld, die Fahnen senkten sich, die
Tambours schlugen den Generalmarsch. Der rangälteste Offizier schickte
sich eben an, im Namen des Regiments zu danken und Glück zu wünschen. – Da
löste sich aus dem ersten Gliede der Schwadron von Planitzer eine Gestalt
und kam langsam und feierlich auf den General zugeritten. Er scherte sich
nicht das geringste um das Entsetzen der Offiziere und Mannschaften,
schreckte auch nicht vor dem zornigen Blick zurück, der ihm aus den Augen
Blüchers entgegenblitzte, er zuckte mit keiner Miene, ritt bis dicht vor
den General heran, salutierte mit dem Säbel und sprach ohne das geringste
Zittern in seiner Stimme: „Holten zu Gnaden, Exzellenz, wenn ich vorwitzig
bin und mich vor Dero Antlitz dervorwage! Wo aber Dero Exzellenz heut eene
geworden sind, und ich an de Sache nich aso ganz unschuldich bin, mecht
ich alleruntertänichst melden, daß ich ooch meine ganz besondere Freide an
Dero Erhebung habe!“
„Wieso, mein Sohn? Was meinst du damit? Sprich aus, was du auf dem Herzen
hast!“ antwortete Blücher, dessen Augen anfingen, schelmisch zu leuchten.
Sonst von unerbittlicher Strenge beim geringsten Verstoß gegen die
Disziplin, war er heute gern gesonnen, ein Auge zuzudrücken, wenn keine
Böswilligkeit vorläge. Und der Bursche, der einen ernsten, soliden
Eindruck machte, hatte wohl einen besonderen Grund zu seiner Dreistigkeit.
„Wieso meinst du, daß du an der Sache nicht unschuldig bist?“ fragte der
General nochmals.
„Weil Dero Exzellenz ohne mei Derzwischenkumma nich General geworden
wären!“
„Sieh nur! Sieh nur! Du hast denn wohl beim Könige eine Fürbitte für mich
getan?“