Rieke, das Mädchen für Alles bei Weßlebens, war mittags nach Haus
gekommen aus der Markthalle und hatte ihrer Herrin brühwarm die
Nachricht mitgebracht: sie hätte Jutta mit einem Herrn auf der Straße
jehen sehen. »'t war so en langen forschen Kerl in en braunen Habit mit
en jrünen Hut. Häßlich war der Musjö nich, det will ick jarnich sagen.
Er nahm so lange Schritte, daß det Freilein alle Mühe hatte, man bloß
mit fortzukommen. Se schienen 's höllschen eilig zu haben. Dann ging 's
in ne Pferdebahn und och gleich oben ruff, uff det Verdeck. So sah ick
ihr mit em von dannen jondeln.«
Zum Mittagessen kam Jutta nicht. Die Pastorin murmelte etwas von
»Rücksichtslosigkeit«, erzählte aber den Ihren zunächst noch nicht, was
sie von Rieke erfahren hatte.
Der Nachmittag verging, keine Jutta ließ sich blicken. Vater Weßleben
äußerte sich besorgt über das Ausbleiben seines Gastes. Agathe wußte
zufälligerweise, daß Jutta in die National-Galerie gewollt hatte; aber
von dort hätte sie doch längst zurück sein müssen. Vater und Tochter
erwogen bereits, ob man nicht nach ihr ausschauen müsse. Die Frau
Pastorin hatte nur ein bedeutsames Lächeln bei dem Gerede der Ihren.
Es klingelte. »Gott sei Dank, da ist sie!« Aber es war nur Martin. Man
teilte ihm mit, weshalb man sich Sorge mache.
Der Diakonus erklärte sich sofort bereit, auszugehen und Juttas Spuren
zu suchen. Nur mühsam vermochte der junge Mensch die tiefe Erregung zu
verbergen, die sich seiner bei dem Gedanken bemächtigte, dem Mädchen
könne etwas zugestoßen sein.
Nunmehr hielt es die Frau Pastorin für an der Zeit, zu erzählen,
was sie über Jutta erfahren hatte. Sie that das nicht ganz ohne
Schadenfreude. Nun sahen sie's doch mal, was an dieser Jutta Reimers
war, vor der die ganze Familie in Bewunderung auf den Knieen lag.
Katholisch blieb eben Katholisch! Selbst Weßleben hatte sich von
ihr Sand in die Augen streuen lassen. Er war eben doch nicht so
gefestigt wie sie, die das Blut von so und so vielen Superintendenten,
Konsistorialräten und einem Hofprediger in ihren Adern rollen fühlte.
»Sie hat vielleicht einen Verwandten getroffen,« sagte der alte Herr in
begütigendem Tone. »Die Sache wird gewiß harmlose Aufklärung finden.«
Da war die Frau Pastorin freilich anderer Ansicht. Wie ihr Mann das
Mädchen auch noch in Schutz nehmen könne, begreife sie nicht. Für sie
sei Jutta gerichtet. »Emancipiert ist sie, das habe ich schon immer
gesagt. Mit Herren auf dem Verdeck der Pferdebahn sitzen, das mag
vielleicht in Künstlerkreisen Mode sein; von anständigen Damen habe
ich's noch nicht gesehen. Und dann ausbleiben den ganzen Tag bis in die
sinkende Nacht! Wer weiß, ob wir sie überhaupt wiedersehen! Vielleicht
hat sie es vorgezogen, auf und davon zu gehen.«
Der alte Pastor wollte ihren Eifer beschwichtigen, aber sein Sohn kam
ihm zuvor. Mit einem Eifer, den man sonst nicht an dem Diakonus gewohnt
war, trat er für Jutta in die Schranken. Man habe kein Recht, schlecht
von einer Abwesenden zu sprechen, hielt er seiner Mutter entgegen;
und auf Riekes Geschwätz hin eine Dame zu verurteilen, sei gänzlich
unstatthaft. Denn, selbst wenn Rieke die Wahrheit berichtet habe,
zweifle er keinen Augenblick daran, daß das, was Fräulein Reimers thue,
schicklich sei.
Agathe stimmte dem Bruder begeistert zu; woraufhin ihr die Mutter den
Mund verbot. Ziemlich unmotiviert entlud sich ihr Ärger gegen die
Tochter. Vater Weßleben aber freute sich im stillen über seinen Martin.
Recht gut, wenn der mal lernte, mit seinen Gefühlen aus sich heraus
zu gehen. Der Mutter hingegen bestätigte Martins Eintreten für Jutta
nur einen Verdacht, den sie seit einiger Zeit hegte. Ihr Zweiter in
den Stricken der Papistin! -- Sie sah ihn bereits als Opfer römischer
Intriguen. Das setzte ihrem Mißmute die Krone auf.
Es klingelte abermals, und diesmal war es wirklich Jutta.
Ohne erst abzulegen, kam sie sofort ins Zimmer, eilte auf Frau Weßleben
zu und bat um Entschuldigung. Sie hoffe, daß man sich um ihretwillen
keine unnützen Sorgen gemacht habe.
»O, was das betrifft --!« meinte die Pastorin. »Sie hatten ja wohl
Begleitung?«
Jutta blickte die Sprecherin erstaunt an, zunächst nicht verstehend,
was gemeint sei; aber das hämische Lächeln der Dame sagte es ihr.
»Ich traf einen Bekannten aus München; das Wetter war so wunderschön!
Er hatte den Grunewald auch noch nicht gesehen; da sind wir zusammen
hinausgefahren. Aber weil ich den Weg nicht wußte, haben wir uns ein
wenig länger aufgehalten, als ich eigentlich wollte. Das thut mir von
Herzen leid! Sie müssen mir nicht zürnen.«
Sie hielt der Pastorin die Hand hin. Die that, als sehe sie es nicht.
»Ja, ist denn das wirklich so etwas Schlimmes?« rief Jutta und sah sich
im Kreise um. Sie erblickte lauter bestürzte Gesichter.
Agathe eilte auf sie zu und warf sich ihr in die Arme. »Du bist nicht
schlecht!« rief sie. »Wir denken das auch garnicht von dir!«
»Ich verstehe nicht!« sagte Jutta und machte sich von Agathen los, »bin
ich denn verdächtigt worden?«
»Es ist hier zu Lande nicht Sitte,« erwiderte ihr die Pastorin, »daß
junge Mädchen mit fremden Herren allein Landpartieen machen. Wie man
darüber bei Ihnen zu Haus denkt, weiß ich nicht, Fräulein Reimers.«
Jutta war sprachlos. Sie fühlte, daß sie etwas hätte sagen sollen zu
ihrer Verteidigung, aber gerade weil sie sich so ganz in ihrem Rechte
wußte, war sie nicht im stande, auch nur ein Wörtlein vorzubringen.
Sie schwieg und sah nur alle Anwesenden der Reihe nach mit großen Augen
beinahe ängstlich an. War es denn möglich, daß man ihr etwas Niedriges
zutraue? -- Gegen solchen Verdacht stand sie wehrlos. Sie war bestürzt
und traurig, nicht erzürnt und empört. Furchtbar, daß es solche
Mißverständnisse geben konnte!
Martin, der sie mit den Augen verschlungen hatte und abwechselnd blaß
und rot geworden war, wollte etwas sagen, aber Vater Weßleben hielt
nunmehr die Zeit für gekommen, sich einzumischen.
»Wir wollen froh und zufrieden sein, liebe Leopoldine,« damit wandte
er sich an seine Frau, »daß Fräulein Reimers gesund und wohlbehalten
in unsere Mitte zurückgekehrt ist. Unsere Besorgnisse sind grundlos
gewesen. Wir haben, so scheint es mir, Grund, dankbar zu sein. Und nun
möchte ich euch alle bitten, daß hierüber weiter kein unnützes Wort
verloren wird.«
* * * * *
Wenn der Vater gesprochen hatte, so war bei den Weßlebens jede Sache
damit abgethan. Seine Befehle hatten, weil sie selten waren, trotz
ihrer milden Form Gewicht.
Die Frau Pastorin kam wirklich nicht wieder auf die Sache zurück,
wenigstens mit Worten nicht; aber es giebt bei den Frauen andere
Mittel noch, als die Zunge, um jemandem die Meinung zu sagen.
Jutta wußte jetzt, woran sie mit dieser Dame sei. Die erste,
beste Gelegenheit konnte einen Rückfall bringen in die nur mühsam
zurückgedämmte Feindseligkeit.
Berlin war ihr verleidet. Dazu beunruhigte sie der Gedanke an Lieschen
Blümer. Stand es wirklich so um sie, wie Xaver glaubte? Sah er nicht
zu rosig? -- Sie würde eher keine Ruhe finden, bis sie das nicht
festgestellt hatte.
Und alle diese Gründe erfaßten eigentlich noch nicht das, was sie
wegtrieb von Berlin. Es war eine ihr selbst unerklärliche Unruhe
dabei mit im Spiele, der Wunsch nach Wechsel, das Gefühl: »Du hast
hier nichts mehr zu suchen, deine Anwesenheit kann höchstens Unglück
stiften.« Und auf der anderen Seite Sehnsucht, eine Art Heimweh, der
Wunsch, die vertrauten Klänge der Heimat zu hören, ihre gewohnte
Luft zu atmen. Und schließlich ganz im tiefsten Grunde der Seele das
Verlangen, bei denen zu sein, die sie liebte.
Eberhards Zureden, sie möge wenigstens noch das Examen-Resultat
abwarten, und Agathens inständiges Bitten, jetzt doch nicht zu gehen,
blieben erfolglos. Juttas Entschluß zu reisen, war gefaßt.
Am Tage vor ihrer Abreise ging sie in die Stadt. Der Kunsthändler, bei
welchem ihr Bild ausgestellt war, hatte ihr mitgeteilt, es habe sich
ein Liebhaber dafür gefunden, und fragte an, ob sie es verkaufen wolle.
Sie war eben auf dem Wege zu der Kunsthandlung, um zu erklären, daß
sie darauf eingehe.
Bald nachdem sie das Weßlebensche Haus verlassen hatte, kam ihr eiligen
Schrittes jemand nach. Als der Mensch in gleicher Höhe mit ihr war,
erkannte Jutta Martin Weßleben. Hochgerötet zog er den Hut und fragte,
ob sie ihm auf ein paar Worte Gehör schenken wolle.
Jutta ahnte, was er im Sinn habe. Der arme Kerl! Konnte man ihm die
Beschämung nicht ersparen? -- Sie sann noch über eine möglichst milde
Form der Abweisung nach, als er schon begann:
»Fräulein Reimers, Sie reisen morgen. Nun kommen Sie also nach Haus,
nach München; und wir werden Sie für lange Zeit nicht sehen. ....«
Er stockte in seiner offenbar wohlvorbereiteten Rede.
»Vielleicht sehen wir uns bei Agathens und Eberhards Hochzeit wieder,
Herr Weßleben!« sagte sie. »Sollte es nicht möglich sein, daß Sie
aufschöben, was Sie mir sagen wollen?« --
»Nein, nein!« rief er in ängstlich-eigensinnigem Tone. »So lange kann
ich nicht warten! -- Sehen Sie, ich wollte Ihnen zunächst nur etwas
erklären. Es hat mich neulich, als Sie so spät zurückkamen, betrübt;
nein, ich muß es offen sagen, obgleich sich's um meine Mutter handelt,
es hat mich empört, wie man Sie bei uns empfing. Ich habe das als
persönliche Demütigung empfunden, und ich bitte Sie um Verzeihung. Das
war das eine!.....«
»Aber, Herr Weßleben, wozu?«
»Bitte, hören Sie mich nur aus! Ich weiß, daß Sie Grund gehabt
hätten, über mancherlei zu klagen in unserem Hause. Meiner Mutter ist
leider nicht Duldsamkeit gegeben. Wenn man Ihnen Ihres Glaubens wegen
Kränkungen zugefügt hat, so bitte ich Sie auch darum um Verzeihung.«
»Herr Weßleben, ich habe soviel Güte genossen in Ihrem Hause, daß mich
diese oder jene kleine Widerwärtigkeit nicht hindern kann, freundlich
an die Ihren alle zurückzudenken.«
»O, das sieht Ihnen ähnlich!« rief er enthusiastisch, blieb stehen und
drückte ihre Hand. Sein Gesicht spiegelte die größte Erregung wider.
Jutta bemerkte, daß einzelne Vorübergehende bereits auf sein
ungewöhnliches Benehmen aufmerksam wurden. Ihr ward bange, was hieraus
noch werden solle.
»Herr Weßleben!« sagte sie, »wollen Sie mir einen Gefallen thun? Dort
stehen Droschken, rufen Sie mir eine heran! Ich muß fahren, wenn ich
nicht zu spät kommen will.«
Martin schien den Wink nicht zu verstehen, er rührte sich nicht von
der Stelle. Seine knabenhaften Züge, auf denen jede Seelenregung sich
sofort deutlich lesbar ausdrückte, verdüsterten sich. Trostlos blickte
er zu Boden. Dann rang sich's von seinen Lippen: »Um Gotteswillen,
gehen Sie so nicht von mir! Hören Sie nur das eine! Das Wichtigste muß
ich Ihnen sagen: ich liebe Sie!« --
Vor einem Jahre noch würde Jutta in solchem Augenblicke möglicherweise
gelacht haben. Heute überwand sie den Reiz des Komischen. Zu deutlich
sprach der Ernst der Situation zu ihr. Sie hatte Mitleid mit seiner
Unbeholfenheit, wie er so dastand, erschrocken über seine Kühnheit,
durchschüttelt zugleich von der Gewalt seiner Gefühle.
»Hätten Sie das doch nicht gesagt, Herr Weßleben!«
»Es war wohl sehr frivol?« fragte er bestürzt.
Sie mußte nun doch lächeln.
»Das nicht! Aber es thut mir leid, daß Sie sich mit solchen Gedanken
tragen. Für Sie thut es mir leid; denn, was Sie wollen, ist unmöglich.«
»Ich weiß, daß es ein Hindernis giebt zwischen uns, welches scheinbar
unüberwindlich ist.«
»Um die Konfession handelt sich's nicht, wenn Sie das meinen. Ich bin
gebunden; fragen Sie nicht: wie und wodurch. -- Und jetzt verlassen Sie
mich, bitte, lieber Herr Weßleben! Ich hätte Ihnen das gern erspart;
aber Sie hörten nicht.«
Schwer atmend stand er da, blaß, mit arbeitenden Zügen; ein ganz
veränderter Mensch.
Sein Anblick griff ihr ans Herz. Sie wünschte ihm noch irgend etwas
Freundliches mitzugeben zum Abschied.
»Sie werden darüber hinwegkommen, müssen nicht verzagen! Wenn's auch
weh thut im Augenblick. Man kann viel mehr Leid ertragen, als man
denkt; hören Sie! -- Leben Sie wohl!«
Damit reichte sie ihm die Hand und ging.