Aber was würden die Weßlebens sagen? --

Ach, warum sich darum sorgen? Was ging die Prüderie ihrer Wirte sie

an? Sie war doch erwachsen, konnte thun, was ihr gefiel! Schutz hatte

sie ja nun, ohne den man, wie die Pastorin meinte, sich nicht in die

Umgebung Berlins wagen durfte. Freilich würde Xaver nicht ganz dem

entsprochen haben, was die überängstliche Dame sich unter solchem

»Schutz« wohl gedacht hatte.

Bei der nächsten Haltestelle stiegen sie in die Pferdebahn. Im Wagen

war kein Sitzplatz mehr, nach kurzem Besinnen stieg Jutta daher zum

Verdeck hinauf, gefolgt von ihrem Begleiter.

Ein frischer Wind ging hier oben. In den Spiegelscheiben, den Laternen,

dem Geschirr der Pferde, kurz in allem, was imstande war zu glänzen,

spiegelte sich die Frühjahrssonne. Auf den breiten Trottoirs, unter

den Alleebäumen mit ihren winzigen Knospen und Blättchen ergingen sich

die Spaziergänger. Alle Leute sahen heute so vergnügt aus, als seien

sie wirklich da, um zu leben, und nicht, wie sie sonst glaubten und

glauben machen wollten, nur um ihrer Geschäfte willen. Vor den Läden

standen die Inhaber und betrachteten sich die Lorbeerbäume, Azalien und

Oleandersträucher in Kübeln, die man zum ersten Male herausgestellt

hatte. Gewächse, die der Berliner, wenn ihrer mehr als ein Exemplar

vorhanden ist, kühn seinen »Garten« nennt. Allerhand Buntes wagte sich

an den Menschen hervor. Die Damen trugen ihre Frühjahrshüte zur Schau;

da und dort tauchte auch eine helle Toilette auf.

»Lassens doch Ihren Schleier weg!« sagte er, neben ihr auf der Bank

sitzend. »Die Sonne wird sich freuen, Ihr Gesicht zu sehen.«

Sie that, wie er wünschte. Seine Unbefangenheit hatte etwas

Ansteckendes. War's nicht, als habe er einen frischen Luftzug

mitgebracht in die fremde Stadt, voll würzigen Heimatdufts. Ihr wurde

warm ums Herz. Sie fühlte sich so frei, so entbunden jeden Zwanges.

Jutta freute sich auf den Tag mit ihm.

Sie hatte die Führung übernommen, obgleich sie so gut wie garnichts

vom Wege wußte. Ihr Bestreben war, den nächsten Bahnhof zu erreichen;

wenn man da einen Zug nach Westen zu benutzte, mußte man aus Berlin

herauskommen und irgendwo landen. Das übrige würde sich dann schon

finden!

Nach einiger Zeit saßen sie denn auch glücklich in einem Vorortzug

und sahen Rückseiten von Häusern, Essen und Fabriken an sich

vorüberfliegen. Dann kam Gartenland, Bäume, Wasser. Sie glaubten schon

außerhalb Berlins zu sein; da fing es noch einmal an, mit einem Gewirr

von Straßen und Plätzen. Endlich kam freies Feld, und in der Ferne

zeigte sich der dunkle Kranz des Kiefernwaldes.

»Hier fängt es an, menschlich zu werden!« sagte Xaver und sog die

frische Luft, die durch das geöffnete Fenster eindrang, begierig ein.

»Wollen wir bei der nächsten Station aussteigen, gleichviel wie sie

heißt?« fragte das Mädchen.

Er war dabei.

Hinter dem Bahnhofe schritten sie an einer Reihe Villen vorüber, dem

nahen Walde zu.

»Wir wollen keinen Menschen fragen nach dem Wege, hören Sie! Es ganz

dem Zufall überlassen, wo er uns hinführen will,« rief Jutta.

»Dann am besten gar keinen Weg! Einfach der Sonne nachwandern!« meinte

er.

Entzückt von diesem Plane verließ Jutta den sandigen Weg und trat in

den Forst. Die alten Kiefern standen licht. Es ging sich weich und

angenehm auf der elastischen Streu von braunen Nadeln. Durch die Bäume

strich der Wind, bewegen konnte er die mächtigen Säulen nicht, aber er

spielte mit ihrem Geäst.

»Horchen Sie nur!« sagte Xaver und blieb stehen. »Wie sie miteinander

sprechen!« Jutta lauschte. »Genau wie im Tannenwald daheim! Der Wind

macht sie klingen und singen. Sonst sind sie ein schweigsames Volk.«

Und er begann auf einmal zu erzählen von seiner Alpenheimat. Von

der Mutter sprach er, die eine echte, rechte Bäuerin sei, fromm und

einfach, gut gegen die Guten, voll Abscheu gegen alles Böse, lebhaft,

und trotz ihrer Jahre rüstig, thatkräftig und lebenslustig; ein

»Kernweib,« wie es deren nicht viele gäbe. Und der Vater, ehemals ein

gefürchteter Raufer, dann, nachdem er abgegohren, ein strenger, zäher,

sparsamer Mann, der vor allem auf Mehrung seines Besitzes bedacht war.

So berichtete er weiter von seinem Onkel, dem Schreiner, in dessen

Werkstätte Xaver einstmals Lehrling gewesen. Jetzt lag der Brave längst

draußen auf dem Bergfriedhofe im selbstgefertigten Sarge. Das ganze

Leben in Bauernhof und Dorf ließ er vor Juttas Augen entstehen, seine

Jugendgeschichte, die ersten Kunsteindrücke, seinen Werdegang.

Jutta lauschte mit verhaltenem Atem. So frei hatte er sich ihr noch

nie gezeigt, so offen noch nie zu ihr gesprochen. Vieles, was ihr

rätselhaft gewesen war an ihm und befremdlich, wurde nun auf die

einfachste Weise verständlich. Er war Naturkind, war es geblieben,

trotz Künstler und modernem Menschen. Die Kultur hatte keinen Narren

aus ihm gemacht, nur ein ganz klein wenig hatte sie ihn poliert, daß

Glanz, Farbe und Adern dieses Steines recht zur Geltung kamen.

Hier draußen in Gottes freier Luft mußte man Xaver Pangor sehen. Hier

weitete sich seine Brust, hier leuchtete sein Auge, hier schien er

mit seinen kräftigen Gliedmaßen, seinem freien Gange, seinen starken

Bewegungen, ein Stück Natur, zu ihr gehörig wie zum Walde das Wild.

Die Stadt war kein Hintergrund für solche Persönlichkeit. Jutta hatte

das erst vorhin unangenehm empfunden; er war neben ihr aufgefallen,

die Leute hatten sich nach ihnen umgedreht. Er paßte nicht zu dem

geschniegelten Weltstadtgigerltum ringsum. Seine Kleider, die ganz

zu ihm gehörig wie eine zweite Haut an seinem Leibe saßen, waren das

Gegenteil von modisch.

Ja, es war ein glücklicher Gedanke gewesen, sich mit ihm hier hinaus zu

begeben.

Man schritt immer weiter quer durch den lichten Wald, der kein Ende zu

haben schien. Hin und wieder kreuzten sie mal einen Weg, vermieden es

aber, ihn anzunehmen.

Xaver sprach jetzt von seiner Kunst, entwickelte Pläne, schilderte die

Arbeiten, die er augenblicklich im Atelier hatte. Seine Rede, eben noch

fließend und lebendig, wurde mit einem Male stockend; er suchte nach

Ausdrücken. Jutta wußte es ja, wenn es sich um sein Höchstes handelte,

dann bekam er dieses Unbeholfene, Hilflose des suchenden, ringenden

Menschen. Sie erkannte auch diesen, nach innen gerichteten Blick des

versonnenen Künstlerauges wieder.

Durch die Baumstämme erglänzte jetzt in der Ferne etwas Helles. Ein

Wasserspiegel. Neugierig eilten sie vorwärts und waren bald darauf am

buschigen Waldrande angelangt. Das Gelände fiel steil ab zum See. Die

paar Meter, die sie über der Wasserfläche erhöht standen, ergaben in

der flachen Gegend einen Ausblick von überraschender Weite.

Den größten Teil des Bildes füllte der See aus mit seiner metallgrauen,

durch den schwachen Wellenschlag nur wenig bewegten Fläche, platt

hingeworfen wie ein blanker Schild. Ein Kranz von braunem Schilf als

Vordergrund, auf dem Wasser ein alter baufälliger Kahn angepflöckt.

Im graublauen Himmel ein paar blendend weiße Punkte: Möven, die in

graziösem Fluge über einer dunkleren Stelle des Wassers schwebten. Vom

jenseitigen Ufer grüßte der Kiefernwald, eine sanft gebuchtete Wand mit

einem Streifen gelben Sandes davor. Dort, wo der See in ein spitzes

Ende auslief, traten die Kulissen zurück; ein Stückchen Ebene wurde

sichtbar, auf dem die volle Sonne lag. In südlicher Heiterkeit geradezu

erstrahlte das gegen den nüchternen Vordergrund. »Ferne«, hieß die gut

gelaunte Malerin, die sich in diesem nördlichen Lande einen solchen

Farben-Scherz erlaubte.

Jutta und Xaver standen lange Zeit tief versunken. Sie waren beide

viel zu sehr Künstler, um durch Ausbrüche des Staunens oder gar

durch erklärende Worte in solchem Augenblicke sich und dem anderen

die Stimmung zu verderben. Andachtsvoll nahmen sie das Geschenk

auf, welches ihnen der liebe Gott in den Weg gelegt hatte, als

Feiertagsüberraschung.

Man nimmt immer etwas mit in der Seele von solchem Moment. Das Bild mag

von der Netzhaut verschwinden, aber es bleibt eine Bereicherung jenes

inneren Schatzes von Schönheit, an dem der Mensch, der sehen gelernt

hat, sammelt sein Leben lang.

Ohne daß ein Zeichen zwischen ihnen gewechselt wurde oder ein Wort

gefallen wäre, wandten sich Jutta und Xaver gleichzeitig und traten

zurück in den Wald. Beide wußten, daß sie sich näher gekommen waren in

den letzten Minuten, und beide waren von diesem Bewußtsein stark bewegt.

* * * * *

Sie waren in eine Wirtschaft eingekehrt, die mitten im Walde lag, dort

hatten sie ihr Mittagbrot eingenommen. Da sie die ersten Gäste waren,

verfrühte Schwalben gleichsam, die den Anbruch der Saison verkündeten,

wurden sie besonders gut bedient. Schließlich, als sie aufbrechen

wollten, begleitete der Wirt sie ein Stück, um ihnen den rechten Weg

nach der Eisenbahnstation zu weisen.

Es war Juttas Wunsch gewesen, nun zu gehen. Sie bedachte, daß die

Weßlebens sich schließlich doch um sie ängstigen möchten, wenn sie

gar so lange ausblieb. Als sie aufbrachen, war noch heller Tag; aber

unterwegs kündete sich die Dämmerung an.

Im Walde war es schon beinahe dunkel. Graue und braune Farbentöne

herrschten vor. Nur der sandige Weg leuchtete vor ihnen in fahlem

Lichte. Der Himmel blieb hell und färbte sich gegen Westen zu gelblich.

»Die Sonne ist sparsam in ihren Effekten hier zu Lande!« meinte Xaver.

»Haben Sie mal einen Sonnenuntergang gesehen in den Bergen?« Jutta

nickte. Er begann wieder von seiner Heimat zu schwärmen.

Das Mädchen blieb einsilbig. Zu voll war ihr das Herz zum Sprechen.

Nachdenklich schritt sie vor sich hin; der Abend hatte sie mit seinem

Traum-Fittich berührt.

Was für ein außerordentlicher Tag lag hinter ihr! Außerordentlich nicht

durch äußeres, um so mehr aber durch inneres Erleben. Sie dachte an

ein Wort von Lieschen Blümer, das sie erst heute in seiner Wahrheit

begriff: »Gewisse Erlebnisse haben Ewigkeitswert; sind nur Symbole von

größeren Dingen, die sich jenseits der Wolken abspielen.«

Ganz fromm und still war sie geworden; beten hätte sie mögen, danken

für ein großes, unverdientes Glück. Versöhnt fühlte sie sich. Alle

Unruhe, alles Häßliche, alle Furcht, alle Eifersucht war von ihr

genommen. Sie konnte an alle Menschen in Liebe denken. Wer glücklich

ist, kann nicht hassen.

War es nicht herrlich, zu denken, daß es so einfache, gute und große

Menschen gab! Kam es darauf an, daß man geliebt wurde? Nein, wenn man

nur selbst lieben durfte; das war das wichtige! Darin lag das Glück

beschlossen.

Und lieben durfte sie. Wer konnte es ihr verwehren. Niemand wußte es

ja! Nicht einmal der, den sie liebte.

Eine gab es, die wohl etwas ahnen mochte. Lieschen wußte um ihr

Geheimnis. Lieschen hatte ihn zu ihr geschickt. Lieschen verdankte sie

diesen Tag mit Xaver. O, wie sie der Freundin dankbar war, wie sie die

Freundin verstand!

Wenn man bedachte, wie sich die Dinge herrlich entwickelt hatten! Vor

einem Jahre noch voll Scheu, Mißtrauen und Ängstlichkeit gegen einander

erfüllt, verkehrten sie jetzt wie Freund und Freundin.

Mit ihm so durch den Wald zu schreiten, allein, ohne Weg und Steg,

ins Unbekannte hinein, schauerlich zugleich und schön! So hätte sie

ruhig gehen mögen überallhin, ob es Nacht sei oder Tag! Er war ja so

kindergut und harmlos, und dabei wußte sie doch, wie ganz er Mann sei.

Seine bloße Nähe, seine Stimme, jede seiner Bewegungen sagten ihr: ich

bin stärker als du, ich könnte dir Gewalt anthun, wenn ich wollte. Aber

sei ruhig, ich bin zu vornehm dazu.

O, sie war stolz auf ihn. In ihrem Herzen beugte sie sich vor ihm,

betete seine Männlichkeit an.

Freundschaft! Ob sie wohl möglich war zwischen Mann und Frau? Wäre

es nicht das Höchste, das Edelste, das menschlich Größte gewesen, das

Erhabenste, was das Leben bieten mochte! --

»Freundschaft!« Das bloße Wort hatte solch intimen Zauber in sich, es

schmiegte sich der Seele an, es schmeichelte der friedlich frommen

Stimmung ihres Gemüts, es paßte auch so traulich zu der dämmerigen

Landschaft, durch die sie schritten. Freundschaft war edel und

großmütig, ohne all die häßlichen Schlacken der Leidenschaft und

des Verlangens und dennoch erfüllt von Kraft, begabt mit der Wonne

gegenseitigen Besitzes.

So etwas mußte möglich sein! Nur auf die Menschen kam's an, daß sie

wagten, es zu leben.

Sie erreichten die Haltestelle. Nicht lange dauerte es, da kam ein Zug

herangebraust. Im Durchgangswagen fanden sie eine leere Abteilung.

Nebenan saß eine Gesellschaft von zweifelhafter Güte, die sich durch

Lachen und Schreien unangenehm bemerkbar machte.

Xaver und Jutta setzten sich einander gegenüber. Sie schwiegen eine

Weile. Dann beugte er sich vor zu ihr, wohl um nicht allzulaut sprechen

zu müssen, blickte ihr vertraulich in die Augen und sagte: »Kann ich

Sie recht bald wieder sehen?«

»Aber Sie wollten doch morgen schon reisen, verstand ich!« rief Jutta.

»Ach, das war nicht so fest beschlossen. Ich kann noch ein paar Tage

bleiben schließlich. Zwar an Berlin liegt mir nichts; aber nun, wo

ich Sie getroffen habe, gefällt mir's. So ändert der Mensch seinen

Geschmack!« Er lachte unbefangen.

Jutta senkte die Augen vor seinem Blicke. Sie fühlte sich unangenehm

berührt von der Rede, vielleicht auch von der Art, wie er sie

vorgebracht.

»Ich habe unbegrenzten Urlaub. Lieschen gönnt es mir, daß ich bei Ihnen

bin.«

O warum sagte er das! Wozu Dinge aussprechen, die sich von selbst

verstanden! Wenn man sie dachte, blieben sie natürlich, wenn man sie in

den Mund nahm, bekamen sie etwas Verzerrtes. Mit seinen plumpen Worten

hatte er jenes Bewußtsein der Unschuld und Harmlosigkeit zerstört, das

sie all die Zeit über als unsichtbarer Schutz umgeben hatte. Jetzt mit

einem Male empfand sie, daß sie allein sei mit ihm. Trotz des grellen

Lampenlichtes, trotz der Leute nebenan, wurde ihr bange vor dem Manne,

mit dem sie eben noch mutig durch die Einsamkeit des Waldes geschritten

war.

Er mochte etwas merken von dem Wechsel in ihrer Stimmung; wodurch er

sie verletzt haben könne, wußte er freilich nicht. »Ich meinte nur,«

sagte er, »daß es für mich noch mancherlei in Berlin giebt, was mich

veranlassen könnte zu bleiben. Gern wäre ich zum Beispiel in ein oder

die andere Ausstellung gegangen mit Ihnen. Vier Augen sehen leicht mehr

als zweie. Hätten Sie nicht Lust?«

Jutta schüttelte energisch den Kopf. »Im vorigen Jahre durfte ich Ihr

Lehrer sein; hier könnten Sie mich führen, und wir würden gemeinsam

lernen. Wäre das nicht schön?«

Wieder beugte er sich vor und suchte ihr Auge. Sie wich seinem Blicke

aus, wohl wissend, daß darin eine größere Versuchung lag, als in allem,

was er vorbringen mochte. Wie gern hätte sie ihn gebeten, daß er

schweigen, sie in Frieden lassen möchte. Es war ja gut gemeint von ihm,

aber für sie lag etwas in seinen Vorschlägen, was verstimmte, traurig

machte.

»Oder lassen Sie uns wenigstens noch einen solchen Ausflug

unternehmen!« fuhr er unbeirrt fort. »Ich will alles zurücknehmen, was

ich früher über die Häßlichkeit dieser Gegend gedacht habe. Schließlich

kommt es nur darauf an, in welcher Laune man ein Stück Erde betritt;

dem Glücklichen erscheint die Wüste ein Paradies. Es war doch heute

so schön! Hat es Ihnen denn nicht auch gefallen? Sagen Sie!« dabei

streckte er die Hand aus nach der ihren.

»Es geht nicht!« rief Jutta gepreßt. In die dargebotene Hand schlug sie

nicht ein. »Wahrhaftig, es geht nicht!«

»Wenn Sie nur wollten?« schmeichelte er.

»Ich kann über meine Zeit nicht so frei verfügen, wie Sie denken, Herr

Pangor. Schließlich muß ich doch auf die Menschen Rücksicht nehmen,

bei denen ich wohne. Es war nur Zufall, daß ich heute mit Ihnen kommen

konnte. Aber ich meine, wir wollen uns damit begnügen.«

»Begnügen! Das Wort hasse ich. Denken Sie doch: so jung und lebensfroh

kommen wir nie wieder zusammen. Thun Sie 's nur!«

Jutta erhob sich von ihrem Sitze und blickte zum Fenster hinaus.

Draußen flogen schon allerhand gigantische Formen vorüber: Dächer,

Essen, Häuserzeilen, lange Reihen von Lichtern, Berlin ankündend.

Sie suchte Zeit zu gewinnen zum Nachdenken. Wenn er geahnt hätte, wie

sein Vorschlag sie erregte, wie im Grunde ihres Widerwillens eine

versuchende Kraft sich rührte, ihm zu willfahren. Stärker noch als er,

empfand sie den glühenden Wunsch: mit ihm zu sein, nicht sich trennen

zu müssen, nach so kurzem Wiedersehen! Bei einander bleiben! Gemeinsam

genießen: Kunst, Natur, alles Gute, alles Schöne, das ganze Leben.

Seine Stimme hören, seine Gegenwart fühlen! Neben ihm gehen, wie heute,

träumen, süß träumen, und nichts von dem verraten, was man träumte.

Aber es war auch eine Stimme in ihr, die sie warnte. Jutta hatte die

männliche Begehrlichkeit kennen gelernt. Sie ahnte, daß eines jeden

Mannes Brust Dämonen birgt, die bereit sind, hervorzustürzen wie die

Tiger, ungebändigt. Wer stand ihr dafür, daß er besser sei als die

anderen! Mann blieb Mann! Konnte er für seine Anlage?

Die größte Verantwortung war auf sie gelegt. War es nicht Pflicht,

ihn zu schützen vor sich selbst? Er, der ihr anvertraut war von der

Freundin!

Lieschens blasses Gesicht tauchte vor ihr auf. Eine andere Frau hatte

Anrecht auf ihn, ein Anrecht, das geheiligt war. Und selbst wenn

Lieschen nicht ihre Freundin gewesen wäre, so würde der Verrat der

Treue doch das Verbrechen sein, welches nie vergeben werden konnte, das

Verbrechen am eigenen Geschlecht.

Weniger als eine Minute hatte das Mädchen dazu gebraucht, diesen

Gedankengang zu durchmessen. Nun stand sie am Ende und wußte, wie sie

sich zu verhalten habe.

Ruhig, mit freundlichem Lächeln, wandte sie sich zu ihm, der sie

gespannten Blickes, der Entscheidung harrend, betrachtete. »Es war

sehr freundlich von Ihnen, Herr Pangor, mich aufzusuchen und noch

freundlicher, daß Sie mir Ihren ganzen Tag gewidmet haben. Aber nun

müssen wir uns trennen. Bei der nächsten Station werde ich aussteigen,

Sie haben noch ein Stück weiter zu fahren. Reisen Sie nur morgen früh,

wie Sie ursprünglich wollten. Sie müssen Lieschen viel erzählen, auch

von mir, hören Sie! Und sagen Sie ihr viele herzliche Grüße!«

Xaver machte noch einen Versuch, sie umzustimmen. Aber Jutta schüttelte

nur lächelnd den Kopf. Als die Station kam, ließ sie sich von ihm die

Thür öffnen und reichte ihm die Hand zum kurzen Abschied.

Er stand und starrte ihr verdutzt nach, als er vorbeifahrend das

Mädchen, ruhigen Schrittes, ihr Kleid ein wenig raffend, den Perron

hinabschreiten sah.

Liebe ist ewig · 第 31 / 44 题