XXII.

Als Jutta nach München zurückkehrte, fand sie im väterlichen Hause

mancherlei verändert, und nicht zum Besseren, wie ihr dünkte. Der Vater

hatte seine Schwägerin Frau Habelmayer und Vally zu sich genommen, und

diese beiden Damen, so schien's, sollten in Zukunft ganz da bleiben.

Die Witwe Habelmayer war eine wohlbeleibte Person von groben Zügen,

kupfrigem Teint, Gesicht und Gestalt stark auseinandergegangen. Wenn

man sie sah, konnte einem um Vally bange werden, deren Figur auch nur

noch durch Kunst in gewissen Grenzen gehalten wurde.

Vally und ihre Mutter hatten sich mit Herrn Reimers vortrefflich

einzurichten verstanden. Sie waren zu ihm gezogen -- so erklärten

die Damen selbst, -- um ihm die Einsamkeit, in der der Ärmste lebte,

zu verkürzen, und dabei gleichzeitig nach der, durch Frau Hölzl arg

vernachlässigten, Hauswirtschaft zu sehen. Seine Bequemlichkeit, sein

Wohlergehen sei ihr einziger Gedanke, früh und spät. Übrigens schienen

die beiden Damen dabei selbst auch ganz leidlich auf ihre Rechnung

zu kommen. Sie kümmerten sich nicht bloß darum, daß gute Sachen auf

den Tisch kamen, sondern sie halfen auch an ihrem Teile dabei, daß

sie verzehrt wurden. Sie gingen mit dem alten Herrn ins Theater und

Konzert, fuhren mit ihm aus und besuchten Cafés und Weinstuben; alles

angeblich, um ihn zu zerstreuen und ihm die mancherlei Sorgen, die er

in Geschäft und Familie habe, zu erleichtern.

Luitpold war schon um Weihnachten herum mit seiner kränkelnden Frau

nach dem Süden gereist. Es hieß, daß Elwire das Münchener Klima nicht

vertrage. Jutta war keineswegs unglücklich über die Aussicht, den

Vetter auf diese Weise fürs erste nicht zu sehen.

Über Juttas plötzliche Rückkehr schienen die Damen Habelmayer nicht

gerade erbaut zu sein.

»Wir dachten bestimmt, du würdest dich in Berlin verloben!« sagte Vally

zu ihrer Cousine mit jener Mischung von Naivetät, Dickfelligkeit und

Bosheit, gegen die man wehrlos ist. -- Und ein andermal: »Schade! Es

hätte so gut gepaßt! Deine Ausstattung ist doch einmal fertig. Die

Wäsche verstockt und die Kleider werden altmodisch. 's fehlt nur der

Mann dazu.«

Jutta wunderte sich über sich selbst, wie wenig neuerdings solche

kleinen Liebenswürdigkeiten bei ihr verfingen. Was ging Vally sie im

Grunde noch an? Das Heimatgefühl des Mädchens war erschüttert. Nicht

einmal über ihren Vater, den sie ganz in Händen der beiden Frauen sah,

grämte sie sich tiefer. Waren das die Ihren, nach denen sie in Berlin

Sehnsucht empfunden hatte? Ihr Vater, den sie als Kind so bewundert,

der für sie das Urbild gewesen war von Geist und Lebensart; was war aus

ihm geworden?! --

Soviel es überhaupt anging, mied Jutta ihre Familie. Ändern konnte

sie hier ja doch nichts. Der Vater war eben, was er war. Durch

Vorstellungen würde man schwerlich Eindruck machen auf einen Mann von

seinem Alter. In Vally und ihrer sauberen Mutter hatte er das gefunden,

was seinem Geschmacke am besten zuzusagen schien.

Sie flüchtete sich aus dem entweihten Heim an eine Stätte, wo reinere

Luft herrschte.

Lieschen Blümer lag schwer erkrankt danieder. Aus Xavers Plane, daß sie

nach Schwabing ziehen solle, war nichts geworden. Sie hätte den Umzug

nicht ausgehalten in ihrem jetzigen Zustande. Lieschen befand sich also

noch in ihrer alten Wohnung.

Nimmermehr hätte Jutta aus Xavers Bericht schließen können, daß es so

mit der Freundin stehe. Als sie das arme Ding zum ersten Male in ihrer

Dachstube aufsuchte, glaubte Jutta einen Geist zu sehen, wie sich da

ein kleines, wachsfarbenes, zum Skelett abgemagertes Weiblein vom Lager

aufrichtete. Wahrhaftig nicht viel war von Lieschen übrig geblieben zum

Wiedererkennen, nur die schönen Augen und das gute Lächeln.

Trauriges Wiedersehen! Jutta setzte sich an das Bett der Freundin und

weinte. Es hatte sich viel Weh angesammelt bei ihr in der letzten Zeit,

selbstverschuldetes und von Fremden ihr angethanes; aber vor dem, was

sie hier sah, mußte das bißchen eigener Kummer sich verkriechen.

»Und das hat man mir nicht gesagt!« schluchzte Jutta. »O, das ist

schlecht!«

Lieschen verstand den Vorwurf, der in diesem Ausrufe lag, und gegen wen

er sich richte.

»Er weiß garnicht, wie krank ich bin!« sagte sie und schob sich auf

ihrem Lager näher an Jutta heran. »Liebe, willst du dort den Vorhang

herunterlassen! Du sollst mal sehen, wieviel besser ich dann gleich

aussehe!«

Jutta that, wie ihr geheißen. Der Vorhang an dem einzigen Fenster war

ein Stück bräunlicher Kattun, welcher das Licht nur in gedämpften

Strahlen durchließ. Lieschen hatte recht, im Halbdunkel sah man nichts

mehr von ihrer Geisterblässe. Die Falten und Furchen in ihrem Gesicht

erschienen wie von freundlicher Hand ausgewischt.

»Ich lasse stets den Vorhang herunter, ehe er kommt,« erklärte

Lieschen. »Er braucht nicht zu wissen, wie ich aussehe. Männer bekommen

leicht Ekel vor Kranken. Und nun gar ein Künstler! Denke aber nicht

etwa, daß er mich vernachlässigt. Er ist sehr freundlich zu mir. Siehst

du, all die Blumen sind von ihm. Manche von ihnen duften so stark, daß

ich sie des Nachts vors Fenster stellen muß. Früh hole ich sie dann

wieder herein; denn siehst du, sie würden ihm fehlen, wenn er kommt.«

Lieschen lächelte, strahlend über ihre Schlauheit. »Ach, Jutta, er ist

rührend in seiner Sorge um mich.«

Jutta forschte, welchen Arzt die Freundin habe, wer sie pflege, was sie

für ihre Genesung thue. Da erfuhr sie Erstaunliches. Einen Arzt hatte

Lieschen überhaupt nicht angenommen.

»Was mir fehlt, weiß ich selbst ganz genau. Doktoren und Arzeneien

können mir nicht helfen. Außerdem, Jutta -- ich -- ich schäme mich!

Wenn eine Frau sich um mich kümmerte, ja! Aber keinen Mann, bitte! Auch

du sei gut, ich beschwöre dich! Keinen Arzt! Mein Leiden ist mein. Ich

will es mit ins Grab nehmen.«

Niemand hatte sich um das unglückliche Geschöpf gekümmert, außer Xaver,

der ihr Blumen brachte. Sie räumte sich ihr Zimmer auf, machte sich ihr

Bett selbst, wie sie Jutta gestand. Dabei hätte ihr Zustand unbedingte

Ruhe erfordert. Das wenige, was sie an Nahrungsmitteln brauchte: Milch,

Eier, Fruchtsaft besorgte ihr die Hausmeisterin, die einmal des Tages

nach ihr sehen kam.

»Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht, weißt du!« erklärte

Lieschen. »Am Tage habe ich dieses und jenes, was mich abzieht: die

Blumen, die Bücher. Auch die Hausmeisterin ist nicht häßlich zu mir. So

lange es Tag ist, sind die Gedanken heiterer, sonniger. Nur des Nachts,

wenn ich nicht schlafen kann, will mich manchmal der Mut verlassen.

Aber auch das geht vorüber, wenn man an soviel Schönes zurückdenken

kann, wie ich.«

Jutta begriff alles: den abgemagerten Leib, unter dessen welker Haut

man das Blut rinnen zu sehen vermeinte, die tief umschatteten Augen,

den ganzen Zustand der Freundin, den körperlichen wie den seelischen;

ihre Angst vor dem Arzte, ihre Verstellungskünste dem Freunde

gegenüber.

Mitleid ergriff Jutta, wie sie es noch nie im Leben empfunden hatte.

Konnte es größeren Jammer geben? -- Aber zugleich erfüllte sie tiefste

Bewunderung vor der Tapferkeit, mit der hier Furchtbares wahrhaft

groß ertragen wurde. Hier erst kam zu Tage, was in diesem kleinen,

unscheinbaren, jetzt beinahe schon aufgeriebenen Körper für eine Seele

lebe; stahlhart bei aller Schmiegsamkeit.

Die Freundin wuchs vor Juttas Augen. Welchen Adel das Leiden dem

Menschen verleihen konnte! Das Häßliche der Krankheit vergaß man ganz.

Von dieser Dulderin ging ein Schimmer aus der Verklärung, der sie wie

ein Heiligenschein umfloß und verschönte.

* * * * *

Natürlich fiel es zu Haus auf, daß Jutta soviel wegging, manchmal sogar

die Mahlzeiten überschlug. Vally ließ es keine Ruhe, zu erfahren, was

die Cousine eigentlich treibe. Ein paar Flaschen alten Rheinweins,

welche sich Jutta vom Vater erbeten und durch das Mädchen zu einer

Kranken hatte bringen lassen, führten die Neugierige endlich auf die

Spur. Aber Vally blieb nicht dabei stehen, festzustellen, wie die

Person heiße, zu welcher der Wein gewandert war. Dahinter mußten doch

auch noch andere interessante Dinge stecken! Vally nahm das mit ihrem

für alles Pikante stark entwickelten Instinkte einfach als feststehend

an.

Eines Tages trat sie mit triumphierender Miene vor die Cousine hin:

»Du, dein Fräulein Blümer ist Lehrerin gewesen -- nicht wahr?« Jutta

bestätigte das. »Weißt du auch, weshalb sie mit Schimpf und Schande

entlassen worden ist?«

»Gewiß weiß ich das!« erwiderte Jutta noch ziemlich ruhig.

»Und mit solch einem Frauenzimmer hast du Verkehr?!«

Jutta antwortete ihr mit einem Blicke, welcher der, von Natur feigen

Vally den Mut vergehen machte, dieses Gespräch weiter zu führen.

Der Cousine ein wirkliches Hindernis in den Weg zu legen, wagte

Vally Habelmayer schließlich doch nicht. Sie spielte in Gemeinschaft

mit ihrer Mutter augenblicklich ein viel zu hohes Spiel, um sich

mutwilligerweise einen Gegner aufzuladen. Im Grunde konnte man nur

froh sein, daß Jutta auf diese Weise Abziehung fand und sich nicht

eingehender mit dem beschäftigen konnte, was in Haus und Familie

vorging.

Herr Reimers machte zwar gelegentlich Bemerkungen über seiner Tochter

neueste Passion, Kranke zu besuchen; aber auch er trat dem Mädchen

nicht ernsthaft hindernd in den Weg.

Jutta hatte nun Lieschens Pflege in die Hand genommen. Es war das

zunächst etwas Neues, manchmal auch Beschwerliches für sie. Ob sie die

Pflege richtig anfasse, wußte sie nicht; denn niemand war da, sie zu

unterweisen. Sie konnte nur ihrem Gefühle folgen. Aber an Lieschens

Dankbarkeit merkte sie, daß sie der Kranken wenigstens wohlthue.

Jutta konnte es nicht vermeiden, gelegentlich mit Xaver Pangor an

Lieschens Lager zusammenzutreffen; obgleich sie alles that, es zu

vermeiden. Gänzlich hatte sich ihr Verhältnis zu ihm verändert. Zu

einem fremden, beinahe gleichgiltigen Menschen war er ihr geworden. Daß

er derselbe Xaver sein solle, der ehemals so tiefgehenden Einfluß auf

sie gehabt, begriff sie kaum. Als könne das garnicht sie gewesen sein,

die neulich in Berlin einen ganzen Tag mit ihm zugebracht, beglückt

durch seine Anwesenheit, kam's ihr jetzt vor.

In ein verändertes, ungünstigeres Licht war der ganze Mann für sie

gerückt, seit sie die Freundin so vorgefunden hatte.

Ein Mensch, wie Xaver, paßte herzlich schlecht in die Krankenstube.

Seine Kraft, Frische und Gesundheit stand in schneidendem Gegensatz

zu Lieschens Verfall. Wie die meisten, von Natur robusten Menschen

stand er der Krankheit ratlos gegenüber. Er sah nicht, wollte in einem

gewissen, beschränkten Eigensinn nicht sehen, wie es um die Freundin in

Wahrheit bestellt sei. Das Quartier, welches er für sie in Schwabing

gemietet hatte, gab er auch jetzt nicht auf, hoffend, daß sie es

baldigst beziehen könne.

»Du wirst schon wieder werden, mein armes Hascherl, du!« tröstete er.

»Nur nicht den Mut sinken lassen! Mut ist die Hauptsach! Weißt noch,

wie ich so krank war, dazumal in Paris? Kein Doktor gab einen Heller

für mein Leben. Und ich bin doch wieder frisch worden.«

Dann streichelte der große Bursche mit seiner ausgearbeiteten

Künstlerhand ihr das ergraute Haar. Und sie strahlte auf unter der

Liebkosung, daß es wirklich aussah, als könne er recht haben, als sei

noch Hoffnung vorhanden.

»Sie haben nämlich keine Ahnung, wie zähe sie ist!« damit wandte er

sich an Jutta. »Und was sie für Kräfte hat, die Kleine! Als ich das

Nervenfieber hatte, da hat sie mich schweren Burschen gehoben, als wäre

ich ein kleines Kind. Man traut's ihr nicht zu.«

Jutta war innerlich empört. Wußte sie doch nur zu gut, daß das

geheime Leiden der Freundin und jene Pflege, von der er sprach, eng

zusammenhingen. Es war doch undenkbar, daß er das nicht wissen sollte!

Sah er denn garnicht die Tragik dessen, was sich hier abspielte? -- Sah

er nicht den traurigen Ausgang nahen, der kommen mußte? --

Jutta vergaß ganz all die Entschuldigungen, die sie ehemals für

seine Unerfahrenheit gehabt hatte. Xaver war der geblieben, der er

immer gewesen, aber sie hatte ihre Stellung zu ihm geändert. Nun

ihr die Augen aufgegangen waren über Lieschens wahren Zustand, sah

sie für Roheit an, was im Grunde nichts anderes war, als männliche

Gedankenlosigkeit. Sie verurteilte sein Verhalten aufs schärfste.

Wir sind immer geneigt, mit denen am härtesten ins Gericht zu gehen,

die wir wider Willen lieben müssen.

Xaver kam oft zu Lieschen. Er brachte ihr nach wie vor Blumen,

manchmal auch Leckerbissen, von denen er annahm, sie müßten ihr munden.

Und sie stellte sich an, als freue sie sich über Dinge, die sie

doch nicht genießen konnte. Nach wie vor wurde ihm auch die Komödie

vorgespielt mit dem braunen Kattunvorhang. Mit feinem Kranken-Ohre

erkannte Lieschen seinen Schritt bereits auf der Stiege. War dann der

Vorhang zufälligerweise nicht heruntergelassen, dann war die Kranke

imstande aufzuspringen -- obgleich sie durch Schmerzen nachträglich

schwer dafür büßen mußte -- nur um das Dämmerlicht herzustellen, das

ihm die Wahrheit über ihren Zustand verhüllte.

Kein Zweifel: Lieschen, die mit klarem Bewußtsein ihrem Schicksal

entgegenging, hing mit allen Fasern ihres Herzens an diesem Manne.

Xaver hatte noch die Fähigkeit, sie zu verwandeln. Wenn er ins Zimmer

trat, wurde sie eine andere. Jutta sah es am Glanze ihres Auges, an

den verklärten Zügen, hörte es der Stimme an, aus der es dann klang

wie versteckter Jubel. Und es wollte sie manchmal eine Art Eifersucht

befallen gegen den Menschen, der auf die Freundin eine solche Wirkung

ausübte.

So schien sich alles verkehren zu wollen zwischen den drei

Menschenkindern. Jutta glaubte Xaver zu hassen und war eifersüchtig

auf Lieschens Liebe zu ihm. Xaver aber stand Jutta mit unklaren

Empfindungen gegenüber. Eines merkte er, daß das Mädchen trachte,

sich von ihm zurückzuziehen. Den Grund dafür konnte er nicht

begreifen. Einzig Lieschen sah klar von den dreien, erkannte mit tief

eindringendem Blicke die eigenartig verschlungenen Fäden des ganzen

Verhältnisses.

Sie kannte ihren Xaver, wie nur eine Frau einen Mann kennen mag, sie

schaute ihm mit dem Auge der Mutter, Schwester und Geliebten bis auf

den Grund des Herzens. Und dort sah sie eine große Unruhe, etwas Neues,

das sich losringen wollte, einen Keim, der noch keine rechte Gestalt

angenommen hatte, Gefühlswehen, die er vor sich selbst zu verheimlichen

suchte.

Lieschen empfand keine Eifersucht. War es denn nicht so unendlich

natürlich, daß seine Liebe zu ihr mählich einer anderen Platz mache. In

voller Freiheit hatte sie ihn von jeher gelassen, wissend, daß Freiheit

erste Grundbedingung ist der Liebe. Und so war es ihr gelungen, die

junge, frühlingsstarke Leidenschaft im Laufe der Jahre hinüberzuleiten

in milde Freundschaft. Er war der ersten und einzigen Geliebten treu

geblieben in Werken, und was noch unendlich viel mehr ist, in Gedanken.

Aber zur Pflicht machte sie ihm die Treue nicht. Sie wußte es: kein

Mensch kann für sich gut sagen, niemand soll Treue schwören; denn

der, welcher den Eid halten soll, ist vielleicht ein ganz anderer,

als der, welcher ihn abgeleistet. Nicht von heute auf morgen können

wir einstehen für unser Herz. Was will der Mensch machen gegen die

Wandlungen seines Inneren? Will er sich selbst verbieten, zu grünen und

seine Säfte zu erneuern? --

Xaver rührte sie. Wie tapfer er kämpfte! Wie er das neue Gefühl, das

sich seiner bemächtigen wollte, als Unrecht empfand! Wie ihn der Kampf

erschütterte! Und wie er doch nichts auszurichten vermochte, weil er

mit einem Naturgesetze rang.

Seiner ehrlichen Natur war Heuchelei etwas Fremdes. Er verriet sich in

seinen Blicken und in seinen Reden. Er verriet sich mehr noch in der

Art, wie er sich vor Jutta fürchtete, als wie er sich ihr zu nähern

trachtete. Seine ganze ehemalige Weiberscheu war wieder erwacht.

Verlegen und unsicher erschien er in Gegenwart des Mädchens.

Anzeichen, die Lieschen so genau verstand, für die es nur eine

Erklärung gab: unter Regen und Sonnenschein wird neue Liebe geboren,

und unter Qualen, Zweifeln und Gewissensbissen giebt man der alten den

Abschied.

Es entging Lieschen nicht, daß Jutta Xaver neuerdings mit einer

gewissen Geringschätzung behandelte. Einmal, als die Freundinnen

beisammen waren und man ihn kommen hörte, sprang Jutta auf und rief

ungeduldig: »Ist man denn niemals vor dem Menschen sicher!« griff nach

Handschuhen und Schirm und entfernte sich, kaum seinen Gruß in der Thür

erwidernd.

Am nächsten Tage stellte Lieschen die Freundin mit sanften Vorwürfen

zur Rede über ihr Benehmen. Jutta verteidigte sich nur durch ein

Achselzucken. Lieschen sagte: »Du beurteilst ihn falsch, Jutta. Er ist

so gut! Du ahnst garnicht, wie von Herzen gut er ist!«

»Seine Herzensgüte habe ich niemals angezweifelt, aber mich ärgert's,

daß er nicht soviel Intelligenz besitzt, zu erkennen, wie's um dich

steht.«

»Ach weißt du, er ist ein Mann; das sagt in Bezug auf das Erkennen sehr

vieles. Und außerdem ist er Künstler; er lebt in einer besonderen Welt.

Man muß ihm verzeihen. Diese Arglosigkeit kleidet ihn so gut. Möchtest

du ihn etwa anders haben?«

»Du hast ein viel zu mildes Urteil!«

»Weil ich ihm für so unendlich Großes Dank schuldig bin.«

»Er ist ~dir~ Dank schuldig!«

»Mag sein, daß ich manches an ihm zurechtgerückt habe. Aber was ist

das, Jutta, gehalten gegen das, was er mir gewesen, was er aus mir

gemacht hat!«

»Aus dir -- ~er~ aus ~dir~?!«

»Sieh, das Größte in meinem Leben verdanke ich ihm. Er hat mich lieben

gelehrt. Er hat mich zur Mutter gemacht. Leicht wie Feder wiegt

alles, was ich ihm habe geben können, gegen solche Glückseligkeit.

Wer wirklich geliebt hat, der kann, glaube ich, nie ganz unglücklich

werden, denn der hat einmal wenigstens gelebt. Und was kommt dann

darauf an, ob das Leben ein paar Jahre früher oder später endet. Siehst

du, Jutta, ich bin nicht mehr jung. Im Fühlen zwar altert unsereins

nimmer; wer könnte alt werden, solange man liebt? -- Aber im übrigen

bin ich alt und verbraucht. Es gab eine Zeit, da schien ich jünger

als er, und jetzt bin ich neben ihm eine alte Frau. Was kann ich ihm

noch sein? Mutter! -- Er hat eine Mutter, die er verehrt. Wessen er

jetzt bedarf, ist etwas ganz anderes; und gerade das kann ich ihm

nicht geben. -- Du wunderst dich, daß ich darüber so ruhig spreche --

nicht wahr? Ich sehe alles das viel deutlicher, seit ich soviel Zeit

habe, nachzudenken. In den Nächten, wo ich nicht schlafen konnte, ist

mir mein und sein Schicksal klar geworden und was sie gegen einander

wiegen. Xaver ist wichtiger als ich. Er soll leben, er soll schaffen!

Ich würde ihm zu beidem ein ewiges Hindernis sein. Er soll glücklich

werden, groß, ein berühmter Mann! Jetzt weiß ich ja auch, warum mein

armes Kindchen hat sterben müssen. Das hätte uns, die Eltern, für alle

Zeiten an einander gekettet. Er wäre an mich gebunden gewesen, und das

sollte nicht sein. Nichts von mir darf ihn belasten, nicht einmal die

Erinnerung. Die soll ihm ganz leicht sein. Wehmut mag er empfinden,

wenn er an mich denkt, Wehmut ist ein schönes, ein fruchtbares Gefühl;

aber er soll sich meinetwegen nicht in fruchtloser Reue verzehren. Mein

Tod soll ihn überraschen. Hörst du's, Jutta, er darf nicht dabei sein.

Man wird vielleicht schwach. Wer weiß, ob man sich ganz beherrscht in

der Stunde! Und er soll ein ungetrübtes Andenken von mir behalten. Als

Geliebte will ich ihn umschweben, als Braut, jung und schön. Wie ich

jetzt aussehe, wie müde und alt ich bin, darf er nicht erfahren. Laß

ihn bei seiner Illusion, Jutta! Versprichst du mir das? --«

Und Jutta mußte der Freundin das Versprechen geben.

Liebe ist ewig · 第 33 / 44 题