XX.

Das Frühjahr war inzwischen herangekommen, mit ihm der Termin zu den

Staatsprüfungen. Otto Weßleben hatte soeben sein Examen glücklich

bestanden und reiste, ehe er am Gericht angestellt werden sollte, auf

einige Wochen am Rhein. Eberhard stand noch mitten drin und hatte

als bedrängter Examenkandidat weniger denn je Zeit, sich Braut und

Schwester zu widmen.

Gern hätte Jutta Ausflüge gemacht. Das Grün, welches auf den

Schmuckplätzen der inneren Stadt, an den Alleebäumen und Rasenflächen

sich hervorwagte, verriet, daß die Welt wiedermal ihr Kleid zu wechseln

sich anschicke. Jutta kannte noch garnichts von der Umgegend Berlins.

Aber es fand sich niemand, der sich ihr angeschlossen hätte. Ihr Bruder

war durch seine Examenarbeit daran verhindert, und Agathe, die nur

zu gern mit der Freundin durch Wald und Feld gestreift wäre, wurde

durch mütterliches Verbot festgehalten. Zwei junge Mädchen allein

Landpartieen unternehmen! Das schickte sich nicht, außerdem war es auch

gefährlich.

Um nur wenigstens etwas frische Luft zu atmen und das Auge von den

stumpfen Farben der Straße zu erholen, machte Jutta, wenn sie von der

Weßlebenschen Wohnung nach dem Centrum der Stadt ging, mit Vorliebe

einen weiten Umweg, der sie durch den Tiergarten führte.

Freilich war das nur ein zahmes Stück Natur, eingehegt, gelichtet, von

gradlinigen Straßen und Wegen durchquert; nur hie und da, wo vielleicht

aus Versehen die Hand des Gärtners nicht hingekommen, machte auf

kargem Boden die Vegetation den Versuch, in Urwüchsigkeit und einiger

Üppigkeit zu wuchern. Aber es war, als hätten die Bäume ein schlechtes

Gewissen, als warteten diese dünnen, korrekten Gesellen auf ein

Kommandowort, eine Genehmigung von höchster Stelle, über das Normalmaß

hinauszuwachsen.

Eines Tages befand sich Jutta, herausgelockt durch das schöne Wetter,

eben auf dem Wege nach dem Westen, als sie nach den ersten paar

Schritten auf der Straße eine ihr wohlbekannte Gestalt, wie aus der

Versenkung, plötzlich vor sich auftauchen sah.

Dort stand einer mitten auf dem Fahrdamm und schaute nach den

Häusernummern aus. Ein Mann im braunen Lodenanzug von hoher Gestalt.

Die Hände im Kreuz zusammengelegt, wiegte er den Oberkörper hin und

her und blickte mit großen blauen Augen unter der gewölbten Stirn

gleichsam wie unter einem schützenden Helm hervor.

Jutta machte jäh Halt, als sie Xavers Silhouette vor sich sah. Hatte

sie eine Vision? -- Der Atem stockte, das Herz schlug ihr bis zum Hals

hinauf. Dabei fühlte sie, daß sie etwas thun müsse. So durfte er sie

doch nicht überraschen, so ratlos, so ganz außer Fassung. Aber sie

fand keinen Entschluß, nichtmal zur Flucht; wie gebannt stand sie und

starrte.

Xaver kam, immer die Hausnummern musternd, langsam schreitend bis nahe

an sie heran. Als er wenige Schritte von ihr war, fiel sein Auge auf

sie. »Fräulein Reimers!« rief er und streckte sofort die Hände nach ihr

aus.

Jutta stand da mit schlaff herabhängenden Armen, bleich, vor Erregung

zitternd, und wußte nicht; was thun, was sagen! --

»Schau, treffen wir uns so!« rief Xaver. »Ich wollte zu Ihnen. Kann

mich in dem verwünschten Berlin nicht zurecht finden. Nun da sind

Sie! Gelt, das ist schön. Lieschen läßt viel tausendmal grüßen. Sie

hat mir's ans Herz gelegt, daß ich Sie aufsuchen müßte in Berlin. Ich

hätt's freilich auch ohnedem gethan!« Dabei preßte er ihre Hand in

seiner starken Faust, als wolle er sie zerdrücken.

Jutta hatte über dieser Begrüßung Zeit gefunden, sich zu fassen. »Wie

geht es Lieschen?« fragte sie.

»Den Winter hätte's besser gehen können! Sie ist viel im Bett gelegen.

Aber der Frühling wird ihr schon auf die Beine helfen. Ich hab' keine

Sorge. Sie sagt immer: wenn erst die Sonne scheint und ich darf wieder

hinaus, dann sollst sehen, Xaver, dann werd ich wieder gesund! Ich hab'

ihr ein Häuschen gemietet, draußen in Schwabing. Die Stadtluft ist

nichts für das arme Hascherl. Und gar die alte Dachkammer, wo sie lebt!

Nun Sie kennen's ja! Das wird alles anders jetzt. Wenn ich von Berlin

zurück bin, wird umgezogen!«

»Was wollen Sie denn in Berlin, Herr Pangor?« forschte Jutta. Ihr war

urplötzlich ein Gedanke gekommen, der ihre Pulse beschleunigte. Wie

wenn er ihr Bild gesehen hätte: den »Herrgottsschnitzer«?! -- Wie

leicht war das möglich. Er würde doch wahrscheinlich alle größeren

Ausstellungen besucht haben.

Xaver antwortete: er sei seit drei Tagen in Berlin. Anlaß zu dieser

Reise war der Ruf eines Kunstliebhabers gewesen, der etwas von Pangors

Entwürfen in einer Zeitschrift gesehen hatte und mit ihm persönlich

die Bestellung besprechen wollte. Das Geschäft war zur beiderseitigen

Zufriedenheit erledigt; morgen bereits wollte der Bildhauer wieder

abreisen.

Gott sei Dank, das klang harmlos! Jutta atmete auf. Ihre Befürchtungen

verblaßten.

Man war auf dem Bürgersteig auf- und abgeschritten. Jutta empfand wenig

Lust, Xaver aufzufordern, mit ihr in die Weßlebensche Wohnung zu

kommen. Wo sollte sie ihn dort aufnehmen? Ihn mit der Pastorsfamilie

bekannt machen? Das konnte kein erfreuliches Zusammensein ergeben.

»Ist's Ihnen recht, wenn wir etwas gehen?« fragte sie.

Er war damit einverstanden.

»Und wie gefällt Ihnen Berlin, Herr Pangor?«

»Wenn Sie mich fragen, muß ich's wohl sagen: abscheulich! Diese Stadt

drückt auf mich, liegt auf mir wie ein Riesenalp. Ich bin nicht mehr

Künstler, habe aufgehört Individuum zu sein, seitdem ich Berliner

Pflaster trete. Hier könnte ich keinen Gedanken fassen, geschweige ein

Kunstwerk schaffen. Mein Geist ist wie sterilisiert. Wie haben Sie das

nur ein halb Jahr lang aushalten können?«

»Anfangs hat es mir auch den Atem versetzt; aber ich habe mich daran

gewöhnt, manches hier sogar lieb gewonnen.«

»Haben Sie auch fleißig gearbeitet -- gemalt?« --

Jutta war froh, daß sie der Frühjahrssonne wegen einen Schleier

vorhatte; so bemerkte er wohl ihr Erröten nicht. »Ich habe etwas

gemalt, aber es ist nicht der Rede wert,« sagte sie.

»Landschaft oder Figuren?«

»Ach, reden wir lieber von was anderem, Herr Pangor. Ich spreche nicht

gern von meinen Sachen. Sie ja übrigens auch nicht!« Jutta lachte

nervös.

Es kam ihr alles so gezwungen, so falsch vor, daß sie steif und

sittsam neben ihm schreiten mußte, ihm nicht zeigen durfte, wie

seine Anwesenheit sie im Innersten ergriff. Wie unnatürlich auch, daß

sie ihn »Herr Pangor« nennen mußte, nicht mal »Xaver« zu sagen war

ihr gestattet. Wo sie ihn doch in einsamen Stunden mit ganz anderen,

vertrauteren Namen gerufen hatte! Zu was für widerlichen Lügen einen

die gute Sitte zwang!

»Wo gehen wir eigentlich hin?« fragte er, als sie ein langes Stück

schweigend nebeneinander hergeschritten waren.

»Ich weiß es nicht, Herr Pangor!«

»Giebt es denn hier nirgends so was, wie Gottes freie Natur?« rief er.

»Wald, Seen, Berge! Ich komme mir so dumm vor, wenn ich ein paar Tage

lang nur Ziegelmauern und Gaslaternen gesehen habe!«

Ein Gedanke durchzuckte Jutta: wie, wenn sie den längst gehegten Wunsch

ausführte, ins Freie zu gehen? -- Hier hatte sie ja die Begleitung, die

ihr bisher gefehlt!

Liebe ist ewig · 第 30 / 44 题