Das Frühjahr war inzwischen herangekommen, mit ihm der Termin zu den
Staatsprüfungen. Otto Weßleben hatte soeben sein Examen glücklich
bestanden und reiste, ehe er am Gericht angestellt werden sollte, auf
einige Wochen am Rhein. Eberhard stand noch mitten drin und hatte
als bedrängter Examenkandidat weniger denn je Zeit, sich Braut und
Schwester zu widmen.
Gern hätte Jutta Ausflüge gemacht. Das Grün, welches auf den
Schmuckplätzen der inneren Stadt, an den Alleebäumen und Rasenflächen
sich hervorwagte, verriet, daß die Welt wiedermal ihr Kleid zu wechseln
sich anschicke. Jutta kannte noch garnichts von der Umgegend Berlins.
Aber es fand sich niemand, der sich ihr angeschlossen hätte. Ihr Bruder
war durch seine Examenarbeit daran verhindert, und Agathe, die nur
zu gern mit der Freundin durch Wald und Feld gestreift wäre, wurde
durch mütterliches Verbot festgehalten. Zwei junge Mädchen allein
Landpartieen unternehmen! Das schickte sich nicht, außerdem war es auch
gefährlich.
Um nur wenigstens etwas frische Luft zu atmen und das Auge von den
stumpfen Farben der Straße zu erholen, machte Jutta, wenn sie von der
Weßlebenschen Wohnung nach dem Centrum der Stadt ging, mit Vorliebe
einen weiten Umweg, der sie durch den Tiergarten führte.
Freilich war das nur ein zahmes Stück Natur, eingehegt, gelichtet, von
gradlinigen Straßen und Wegen durchquert; nur hie und da, wo vielleicht
aus Versehen die Hand des Gärtners nicht hingekommen, machte auf
kargem Boden die Vegetation den Versuch, in Urwüchsigkeit und einiger
Üppigkeit zu wuchern. Aber es war, als hätten die Bäume ein schlechtes
Gewissen, als warteten diese dünnen, korrekten Gesellen auf ein
Kommandowort, eine Genehmigung von höchster Stelle, über das Normalmaß
hinauszuwachsen.
Eines Tages befand sich Jutta, herausgelockt durch das schöne Wetter,
eben auf dem Wege nach dem Westen, als sie nach den ersten paar
Schritten auf der Straße eine ihr wohlbekannte Gestalt, wie aus der
Versenkung, plötzlich vor sich auftauchen sah.
Dort stand einer mitten auf dem Fahrdamm und schaute nach den
Häusernummern aus. Ein Mann im braunen Lodenanzug von hoher Gestalt.
Die Hände im Kreuz zusammengelegt, wiegte er den Oberkörper hin und
her und blickte mit großen blauen Augen unter der gewölbten Stirn
gleichsam wie unter einem schützenden Helm hervor.
Jutta machte jäh Halt, als sie Xavers Silhouette vor sich sah. Hatte
sie eine Vision? -- Der Atem stockte, das Herz schlug ihr bis zum Hals
hinauf. Dabei fühlte sie, daß sie etwas thun müsse. So durfte er sie
doch nicht überraschen, so ratlos, so ganz außer Fassung. Aber sie
fand keinen Entschluß, nichtmal zur Flucht; wie gebannt stand sie und
starrte.
Xaver kam, immer die Hausnummern musternd, langsam schreitend bis nahe
an sie heran. Als er wenige Schritte von ihr war, fiel sein Auge auf
sie. »Fräulein Reimers!« rief er und streckte sofort die Hände nach ihr
aus.
Jutta stand da mit schlaff herabhängenden Armen, bleich, vor Erregung
zitternd, und wußte nicht; was thun, was sagen! --
»Schau, treffen wir uns so!« rief Xaver. »Ich wollte zu Ihnen. Kann
mich in dem verwünschten Berlin nicht zurecht finden. Nun da sind
Sie! Gelt, das ist schön. Lieschen läßt viel tausendmal grüßen. Sie
hat mir's ans Herz gelegt, daß ich Sie aufsuchen müßte in Berlin. Ich
hätt's freilich auch ohnedem gethan!« Dabei preßte er ihre Hand in
seiner starken Faust, als wolle er sie zerdrücken.
Jutta hatte über dieser Begrüßung Zeit gefunden, sich zu fassen. »Wie
geht es Lieschen?« fragte sie.
»Den Winter hätte's besser gehen können! Sie ist viel im Bett gelegen.
Aber der Frühling wird ihr schon auf die Beine helfen. Ich hab' keine
Sorge. Sie sagt immer: wenn erst die Sonne scheint und ich darf wieder
hinaus, dann sollst sehen, Xaver, dann werd ich wieder gesund! Ich hab'
ihr ein Häuschen gemietet, draußen in Schwabing. Die Stadtluft ist
nichts für das arme Hascherl. Und gar die alte Dachkammer, wo sie lebt!
Nun Sie kennen's ja! Das wird alles anders jetzt. Wenn ich von Berlin
zurück bin, wird umgezogen!«
»Was wollen Sie denn in Berlin, Herr Pangor?« forschte Jutta. Ihr war
urplötzlich ein Gedanke gekommen, der ihre Pulse beschleunigte. Wie
wenn er ihr Bild gesehen hätte: den »Herrgottsschnitzer«?! -- Wie
leicht war das möglich. Er würde doch wahrscheinlich alle größeren
Ausstellungen besucht haben.
Xaver antwortete: er sei seit drei Tagen in Berlin. Anlaß zu dieser
Reise war der Ruf eines Kunstliebhabers gewesen, der etwas von Pangors
Entwürfen in einer Zeitschrift gesehen hatte und mit ihm persönlich
die Bestellung besprechen wollte. Das Geschäft war zur beiderseitigen
Zufriedenheit erledigt; morgen bereits wollte der Bildhauer wieder
abreisen.
Gott sei Dank, das klang harmlos! Jutta atmete auf. Ihre Befürchtungen
verblaßten.
Man war auf dem Bürgersteig auf- und abgeschritten. Jutta empfand wenig
Lust, Xaver aufzufordern, mit ihr in die Weßlebensche Wohnung zu
kommen. Wo sollte sie ihn dort aufnehmen? Ihn mit der Pastorsfamilie
bekannt machen? Das konnte kein erfreuliches Zusammensein ergeben.
»Ist's Ihnen recht, wenn wir etwas gehen?« fragte sie.
Er war damit einverstanden.
»Und wie gefällt Ihnen Berlin, Herr Pangor?«
»Wenn Sie mich fragen, muß ich's wohl sagen: abscheulich! Diese Stadt
drückt auf mich, liegt auf mir wie ein Riesenalp. Ich bin nicht mehr
Künstler, habe aufgehört Individuum zu sein, seitdem ich Berliner
Pflaster trete. Hier könnte ich keinen Gedanken fassen, geschweige ein
Kunstwerk schaffen. Mein Geist ist wie sterilisiert. Wie haben Sie das
nur ein halb Jahr lang aushalten können?«
»Anfangs hat es mir auch den Atem versetzt; aber ich habe mich daran
gewöhnt, manches hier sogar lieb gewonnen.«
»Haben Sie auch fleißig gearbeitet -- gemalt?« --
Jutta war froh, daß sie der Frühjahrssonne wegen einen Schleier
vorhatte; so bemerkte er wohl ihr Erröten nicht. »Ich habe etwas
gemalt, aber es ist nicht der Rede wert,« sagte sie.
»Landschaft oder Figuren?«
»Ach, reden wir lieber von was anderem, Herr Pangor. Ich spreche nicht
gern von meinen Sachen. Sie ja übrigens auch nicht!« Jutta lachte
nervös.
Es kam ihr alles so gezwungen, so falsch vor, daß sie steif und
sittsam neben ihm schreiten mußte, ihm nicht zeigen durfte, wie
seine Anwesenheit sie im Innersten ergriff. Wie unnatürlich auch, daß
sie ihn »Herr Pangor« nennen mußte, nicht mal »Xaver« zu sagen war
ihr gestattet. Wo sie ihn doch in einsamen Stunden mit ganz anderen,
vertrauteren Namen gerufen hatte! Zu was für widerlichen Lügen einen
die gute Sitte zwang!
»Wo gehen wir eigentlich hin?« fragte er, als sie ein langes Stück
schweigend nebeneinander hergeschritten waren.
»Ich weiß es nicht, Herr Pangor!«
»Giebt es denn hier nirgends so was, wie Gottes freie Natur?« rief er.
»Wald, Seen, Berge! Ich komme mir so dumm vor, wenn ich ein paar Tage
lang nur Ziegelmauern und Gaslaternen gesehen habe!«
Ein Gedanke durchzuckte Jutta: wie, wenn sie den längst gehegten Wunsch
ausführte, ins Freie zu gehen? -- Hier hatte sie ja die Begleitung, die
ihr bisher gefehlt!