Aber auch mit einer gewissen Wehmut erfüllte Jutta der Brief.
Mit zarten Händen rührte er an Dinge, die vorüber sein sollten.
Jetzt gerade vor einem Jahre war sie soviel mit Lieschen und Xaver
zusammengewesen. Die wichtigste, die reichste Zeit ihres Lebens, die
Periode einer Wandlung ihres ganzen Wesens, wie sie keine zweite je
erleben würde.
All das und vieles mehr rief ihr der Brief ins Gedächtnis zurück. Zum
Verführer wurde er, an allerhand zu denken, was man tief im Schrein des
Herzens hatte verschließen wollen, was man erstorben glaubte, wovor man
geflohen war.
Es ist eine Eigentümlichkeit der Träume, daß sie die indiskreten
Ausplauderer unserer geheimsten Gedanken sind. Hegst du in der Tiefe
deiner Seele einen Wunsch, eine Hoffnung, der am hellen lichten Tage
dich zu nähern, du zu schamhaft, zu scheu oder zu furchtsam bist, dann
sei sicher, daß es dich in der Nacht heimsuchen wird, und zwar in so
rücksichtslos nackter, unbarmherzig wahrhaftiger Gestalt, daß du, wie
auf böser That betroffen, glaubst: ein schlimmer allwissender Geist
habe deine Gedanken heimlich belauscht und dir ins Ohr geraunt, was
auszudenken du dich selbst nimmermehr getraut.
Es träumte Jutta, sie schreite mit Lieschen und Xaver durch einen
wunderbar schönen Garten. Cypressen, Oliven, Kastanien und andere
seltene und herrliche Bäume beschatteten ihren Weg. Betäubender Duft
wurde aus einem Parterre von Blumen zu ihnen herübergetragen. Über
ihnen blaute südlicher Himmel. Aus dem Gebüsch winkten hie und da
glänzende Marmorleiber. Das Plätschern einer verborgenen Kaskade
erfüllte die Luft mit sanftem Rhythmus. Der Weg führte in Windungen
bergan. Sie hielten sich zu dreien umfaßt, Xaver in der Mitte, sie und
Lieschen ihm zu Seiten. Offenbar strebte man jenem Tempel zu, der sich
auf der Spitze des Hügels weiß schimmernd erhob. Niemand sprach ein
Sterbenswörtlein, man genoß stumm die überwältigende Herrlichkeit. Alle
Fähigkeiten waren geschärft, verfeinert, verzehnfacht. Jener Zustand
höchster Leichtigkeit; eine irdische Verklärung!
Da mit einem Male hörte man Lieschens Stimme: »Ich werde dir zu schwer,
mein Freund! Laß mich ein wenig ausruhen, ich bin müde. Geht ihr voran,
ich komme nach!«
Und gewissenlos ließen sie sie allein, schritten zu zweien weiter.
Mit beflügeltem Schritt eilten sie jenem Tempel auf der Höhe zu. Bald
war das Ziel erreicht. Als einziges Gottesbild stand dort in antiker
Säulenhalle ein Engel mit einem Schwert in der Hand. Eine Gestalt von
wunderlicher unheimlicher Schönheit. »Lucifer!« sagte Xaver. Weiter
sprachen sie nichts.
Dann traten sie hinaus auf die Plattform vor dem Tempel, von wo aus sie
alles übersehen konnten. Auch auf den Weg schauten sie hinab, den sie
gekommen waren. Aber da war niemand, der ihnen nachgeschritten wäre.
»Wir müssen wieder hinabsteigen und sie suchen,« hörte Jutta ganz
deutlich von ihrer eigenen Stimme gesprochen. »Sie ist müde und wird
den Weg hier herauf nicht allein finden.«
Da schüttelte Xaver den Kopf mit rätselhaftem Ausdruck und sagte: »Sie
ist nicht mehr, längst nicht mehr!« --
»Wo -- wo ist sie denn?«
Er nahm ihre Hand, hob sie ein wenig, und wies damit in den endlosen
Raum hinaus.
Furchtbare Bangigkeit überfiel Jutta. Etwas Dunkles, Gespensterhaftes,
Vielgliedriges kam herangekrochen und rührte mit kalter Hand an ihr
Herz. Sie wollte schreien und konnte nicht.
Da erwachte sie. Gott sei Dank nur ein Traum!
Jutta setzte sich im Bette auf, verwirrt, erschüttert, zum Weinen
gestimmt. Die Thür zu Agathens Zimmer, die nur angelegt war, öffnete
sich. »Jutta, was ist dir?«
Agathe erhielt keine Antwort. Sie trat näher heran und fand die
Freundin in Thränen. »Aber Herzens-Jutta, was fehlt dir?«
»Frage nicht! Um Gotteswillen frage mich nichts! Ich habe Furcht!«
»Du, Furcht?«
»Vor mir selbst!«
»Darf ich zu dir kommen?«
»Ja -- ja!«
Agathe legte sich zu ihr, und versuchte ihr die Thränen zu trocknen.