Juttas Weggang von München war eine Flucht gewesen. Flucht vor ihrem
Vater und Vally, Flucht vor Luitpold Habelmayer, Flucht vor der
Erinnerung an Bruno, Flucht schließlich vor sich selbst und ihren
thörichten Herzenswünschen. Als ihr Eberhard damals den Vorschlag
machte, nach Berlin zu kommen, hatte sie das begrüßt, wie ein Mensch
die Möglichkeit willkommen heißt, sich aus verzweifelter Lage zu
befreien. Berlin! Das hatte für sie mehr bedeutet, als eine neue
Stadt; sie meinte, dort solle für sie ein neues Leben entstehen.
Sie dachte jetzt so wenig wie möglich nach München, spiegelte sich
vor, daß ihr gleichgiltig sei, was dort vorgehe. Und sie bekam auch
selten genug Nachrichten von der Heimat. Ihr Vater schrieb ja überhaupt
nur Geschäftsbriefe. Vally schickte zu Weihnachten ein Geschenk mit
beiliegendem Brief. Zwischen den Zeilen las Jutta den Wunsch: ›Bleibe
nur ja recht lange weg! Du bist zu Haus ganz gut entbehrlich!‹ -- An
Lieschen Blümer hatte Jutta geschrieben, bis jetzt aber noch keine
Antwort erhalten.
Mit der Zeit konnte es Jutta nicht verborgen bleiben, daß ihre Person
den zweiten Weßleben nicht gleichgiltig lasse. Martin war zwar nach
Kräften bemüht, seine Gefühle im tiefsten Herzensschreine zu verbergen,
nur fehlte ihm leider zu dieser Rolle alles Geschick. Und es gehört
nicht viel dazu, um einem Mädchen zu verraten, daß ein Mann sie liebt.
Jutta fühlte sich von dieser Entdeckung aufs peinlichste berührt. Es
war von jeher ihr Schicksal gewesen, die Begehrlichkeit des anderen
Geschlechtes herauszufordern. In Berlin, wo ihre Erscheinung fast noch
mehr auffiel, als in München, hatte sie, obgleich sie sich absichtlich
einfach kleidete, bereits einige unangenehme Erlebnisse auf offener
Straße gehabt. Und nun ein neuer Roman in Sicht! --
Zwar ihrer selbst war sie sicher; Martin würde ihr nicht gefährlich
werden. Dieser lang aufgeschossene, bleiche, linkische Jüngling im
Lutheranerrock war ihr im Grunde genommen lächerlich. Immerhin mußte
man befürchten, daß er irgend welche Dummheit begehe, welche ihre
Stellung in der Weßlebenschen Familie gefährden mochte. Sie richtete
ihr Benehmen so ein, daß der Diakonus darin nicht das geringste
Entgegenkommen erblicken konnte.
Daß sie in ihrem Leben niemals inbrünstiger und dabei keuscher von
einem Manne geliebt worden war, als von Martin Weßleben, ahnte Jutta
nicht.
Auf ganz anderem Gebiete bewegten sich jetzt Gedanken und Pläne des
Mädchens. In Berlin hatte sie wieder arbeiten gelernt, und in ganz
neuem Sinne empfand sie Freude an ihrer Kunst. Etwas in ihr rang nach
Leben, wollte gestaltet sein. Sie sah es in unklaren Umrissen nur. Es
war zunächst mehr eine Stimmung, eine Erinnerung, ein Schmerz, von dem
sie sich befreien wollte. Beständig änderte es seine Physiognomie. Sie
floh davor, stürzte sich in andere, unbedeutende Arbeit, nur um ihre
Hand zu beschäftigen. Aber innerlich arbeitete sie unausgesetzt an dem
gleichzeitig erhofften und gefürchteten großen Werke. Wie ein Fieber
quälte sie die Sehnsucht, endlich die Arbeit vorzunehmen.
Wenn Jutta Reimers trotzdem noch immer zögerte, ans Werk zu gehen,
so war das Zurückhaltung, die sie sich mit vollem Bewußtsein selbst
auferlegte. Ein Wort von Xaver Pangor kam ihr nicht aus dem Sinn, das
sich ihrem Gedächtnis tief eingeprägt hatte. Etwa so hatte sich der
Bildhauer ausgedrückt: »Sie können nur dann hoffen, etwas Wertvolles
zu schaffen, wenn Sie Geduld üben lernen. Wie die reifen Früchte
müssen die Werke von uns abfallen. Aus den Säften und Kräften unseres
Kopfes und Herzens sollen sie sich nähren. Wie in der Natur giebt es
in unserem Leben Perioden, wo wir Künstler ruhen und ansammeln, und
Zeiten, wo wir die aufgespeicherten Eindrücke und Erlebnisse aus uns
hervorbrechen lassen. Aber ebensowenig, wie man dem Frühjahr gebieten
kann zu kommen, ebensowenig soll man vorzeitig Blätter, Knospen und
Früchte einheimsen wollen von dem inneren Menschen. Man schaffe nur,
wenn der Geist treibt, wenn man etwas Außerordentliches zu sagen hat,
wenn uns der Überfluß in den Fingern juckt.« --
Die Künstlerin glaubte, daß dieser Augenblick nunmehr gekommen sei. Sie
hatte Geduld genug geübt, das Werk war reif; mit gutem Gewissen, auch
vor Xaver Pangor, konnte sie daran gehen, es aus sich herauszustellen.
Sie nahm die große Leinwand wieder vor, die sie bereits zu bemalen
angefangen hatte. Gegen Agathens Protest wurden die aufgetragenen
Farben davon mit Hilfe von Terpentin entfernt. Langsam wuchs zunächst
in Umrißlinien, dann in Farben, etwas Neues heran.
Eine lebensgroße Männergestalt bildete die Hauptfigur. Der Mann, dessen
Züge vorläufig kaum angedeutet waren, stand gesenkten Hauptes mit
leicht gefalteten Händen vor einem Marmorblock, an dem er gearbeitet
hatte. Die Anfänge zu einer Christusgestalt schälten sich aus dem
grauen Stein.
Nachdem sie ein paar Tage lang eifrig gemalt, machte Jutta plötzlich
Halt in ihrer Arbeit. Nicht einfach und schlicht genug war ihr das
Ganze, zuviel Pose, zuviel Erzählung darin. Sie nahm dem Manne alle
Attribute seines Gewerbes; kein Künstler war es nun mehr, nur ein
einfacher Geselle in ländlicher Tracht. Das Atelier verwandelte sich
in eine Bauernstube mit schwerem, altersgebräuntem Gebälk, durch die
halboffene Thür leuchtete in wunderbarem Kontrast zum Dämmerlicht des
geschlossenen Raumes die lebendige Alpenlandschaft. Das Christusbildnis
rückte ganz ins Halbdunkel, wurde zum schlichten, hölzernen Kruzifix.
Zuletzt erst nahm die Künstlerin den Kopf des Mannes vor, den sie sich
bis dahin aufgespart hatte. Während sie vorher unausgesetzt geändert
und umgestellt, fast zaghaft geschaffen hatte, führte sie dieses
Wichtigste, das, worum es sich wohl vor allem gehandelt hatte für sie
bei der ganzen Komposition, in wenigen Stunden mit kühnen sicheren
Strichen aus, als arbeite sie nach Modell. Der Kopf war in Profil.
Mächtig sprang die stark gewölbte Stirn vor, gemildert in ihrer Wucht
durch den versonnenen Ausdruck der blauen Augen.
Das eigenartig Ergreifende des Bildes lag in dem eindringlichen
Gegensatz zwischen der muskulösen, von Kraft strotzenden Männergestalt,
die zum Kampfe wie geschaffen schien, und der demutsvollen Haltung,
der schlichten Ergriffenheit, der stummen, fast kindlichen Ehrfurcht
vor dem primitiven Heiligtume, das diese starken Hände geschaffen.
Als Jutta den Kopf fertig hatte, warf sie noch einen langen Blick auf
das Ganze. Dann räumte sie alles weg von Malutensilien und sagte zu
Agathen, die fast während der ganzen Arbeit bei ihr gewesen war: »Nun
mache ich daran keinen Strich mehr!« --
Jutta hatte das dunkle Gefühl, daß sie ihr Meisterwerk geschaffen habe,
das Werk, welches wir nur einmal im Leben hervorbringen, wenn wir in
gottgesegneter Stunde bis dorthin hinabsteigen dürfen, wo das Mysterium
unserer großen Liebe verborgen ruht.
Agathe stand bewundernd vor dem Werke. »Wie kann man nur so etwas
aus Nichts schaffen?« -- sagte sie. »Und wie kann man es so machen,
daß es dasteht sicher, schön und lebendig? Mir ist diese Gestalt ein
Bekannter. Ich könnte schwören, daß es diesen Manne geben müßte,
irgendwo!«
Jutta erwiderte nichts auf die Worte ihrer kleinen Freundin, obgleich
sie sich wunderlich davon getroffen fühlte.
* * * * *
Das Bild war seit kurzem in einer der größten Kunsthandlungen Berlins
ausgestellt. Da die Künstlerin behauptete, keinen Namen für ihr Werk zu
wissen, hatte man ihm im Katalog der Ausstellung die Bezeichnung »der
Herrgottsschnitzer« gegeben.
Zum Staunen der Weßlebens war Jutta übrigens nicht dazu zu bewegen,
sich ihr eigenes Machwerk am öffentlichen Orte anzusehen. »Gerade weil
es mein Bestes ist,« sagte sie zu Agathen, »mag ich nicht erleben, wie
es dort hängt, preisgegeben den Blicken von Menschen, die es doch nicht
verstehen können.«
Das Malen hatte Jutta anscheinend fürs erste aufgegeben. Sie fing
allerhand an, versuchte sich im Zeichnen von Buchdeckeln, modellierte
in Wachs; ließ beides aber, weil es sie nicht befriedigte, bald wieder
liegen.
Etwas Unstätes war über das Mädchen gekommen. Es ging ihr, wie es dem
Künstler zu gehen pflegt, wenn er einem Gedanken, der ihn Monate lang
im Banne gehalten, endlich zum Leben verholfen hat; die Seele ist dann
wie entleert, der edle Enthusiasmus, der alle unsere Kräfte in Spannung
gehalten, macht der Ernüchterung Platz. Die Stimmung des erhabenen
Rausches, in der wir eine Zeitlang gelebt haben, ist unwiederbringlich
dahin. Ein Gefühl der Einsamkeit beschleicht uns, als sei der liebste
Freund von uns gegangen.
In dieser Verfassung ist man empfindlich und leicht verletzt. Das
Urteil über unsere Umgebung fällt dann wohl herber aus als in Zeiten,
wo wir im Hochgenusse des Schaffens alles in dem sonnigen Lichte sehen,
das aus uns selbst heraus auf die übrige Welt strahlt.
Jutta empfand auf einmal den Unterschied, der zwischen ihr und ihrer
jetzigen Umgebung bestand, viel stärker, als vordem. Früher hatte
sie die Farblosigkeit dieses Lebens, die Trockenheit des Tones, die
Einseitigkeit des Urteils, das gänzlich Unkünstlerische, was dem
Weßlebenschen Kreise nun mal anhaftete, nicht weiter gestört; im
Gegenteil, als interessanten Gegensatz zu der gewohnten, hatte sie
diese Weltanschauung empfunden. Aber nun auf einmal merkte sie die
Prosa davon. Ihre verstimmten Nerven lehnten sich auf gegen das fremde
Element, in das sie versetzt worden war, und das ihr nicht zusagte. Die
Luft kam ihr drückend vor in den kleinen Räumen, deren spießbürgerliche
Einrichtung eine tägliche Beleidigung bedeutete für ihren Geschmack.
Sie hütete sich indessen, ihre Wirte davon etwas merken zu lassen,
nahm sich zusammen, schon um Eberhards willen. Aber solche scheinbar
unwägbaren Verstimmungen unseres Gemütes teilen sich doch auf irgend
eine Weise durch die Luft den anderen Menschen mit. Eine Abkühlung trat
ein, zunächst unmerklich, in der gegenseitigen Herzlichkeit.
Die Frau Pastorin fing wiederum an, Gewissensbisse zu empfinden in dem
Teile ihres Herzens, der für den Protestantismus reserviert war. Auch
andere, vielleicht berechtigtere Bedenken hegte die gute Frau um Juttas
willen. Sie hatte zwei Söhne in dem Alter, wo junge Leute sich leicht
Dummheiten in den Kopf setzen. Dazu ein Wesen, wie diese Malerin im
Hause! -- Zwar Koketterie konnte sie Jutta beim besten Willen nicht
nachsagen; aber es lag nun mal in der Erscheinung des Mädchens etwas
zu den Sinnen Sprechendes. Frau Weßleben bezeichnete das als »römische
Hoffart.« Auch in Juttas Kunst witterte sie Verwerfliches. Agathe war
dem Banne der Fremden bereits völlig anheimgefallen. Die Jungens kamen
neuerdings auch viel häufiger ins Haus, seit man diesen Magneten da
hatte, der alles an sich zog. Man mußte ein Auge darauf haben, daß sich
nichts Schlimmeres entspinne.
Die vorsichtige Mutter ahnte nicht, wie tief verstrickt bereits das
Herz eines ihrer Söhne war.
* * * * *
Endlich kam der schon lang erwartete Brief von Lieschen Blümer.
Sie schrieb:
»Meine liebe Jutta. Du wirst mir zürnen, daß ich Dir noch nicht
geantwortet habe. Im Herzen habe ich es wie oft schon gethan! Ich bin
überhaupt so viel bei Dir mit meinen Gedanken. Siehst Du, ich war nicht
ganz gesund wiedermal; und da soll man nicht schreiben, wenigstens
nicht an seine liebste Freundin. Aber nun geht es mir schon wieder
viel besser, so daß ich Dir alles mögliche Schöne mitteilen kann. Vor
allem von Xaver! Er hat Erfolg gehabt. Bei einem Ausschreiben für eine
Brunnengruppe ist sein Modell mit dem ersten Preise ausgezeichnet
worden, und er bekommt den Auftrag. Begreifst Du, was ich dabei
empfinde Jutta? Daß es mir vergönnt ist, das noch zu erleben! Wie bin
ich vor so vielen anderen gesegnet, daß ich habe beitragen dürfen,
ihn groß zu machen! Er lebt und schafft und wird anerkannt. Wenn's
auch lange gedauert hat, und wenn man selbst darüber auch etwas müde
geworden ist; das hat garnichts zu bedeuten. Das Glück macht alles gut!
»Denke Dir, ich darf nicht mehr malen! Xaver hat es mir verboten. Er
meint, es strenge mich zu sehr an. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie
gut er ist! Ich vermisse die Malerei garnicht, bin viel auf meinem
Zimmer, kann nachdenken und lesen. Lebe wie eine Prinzeß. Abends kommt
er dann auf ein Stündchen. O, ich habe es gut! Manchmal ist es mir, als
könne soviel Glück garnicht auf die Dauer währen.
»Schreibe mir, bitte, wie es Dir geht, was Du treibst und schaffst, und
ob Du auch manchmal an uns denkst. Wir sprechen viel von Dir, Xaver und
ich. Er ist sehr gespannt zu sehen, was Du aus Berlin mitbringen wirst
an Arbeiten. Du weißt ja, daß es Dir gelungen ist, ihn von der Ansicht
zu bekehren: wir Frauen könnten nichts Originelles hervorbringen.
Darauf kannst Du Dir etwas einbilden! Wäre Xaver hier, würde er Dich
grüßen lassen.
»Leb nun wohl und sei tausendmal umarmt und innig geküßt von Deiner
Freundin Lieschen.«
Wie dieser Brief charakteristisch war für die Schreiberin! Von sich
hatte sie erzählen wollen, und daraus war das Bekenntnis geworden, das
beständig aus allem sprach, was Lieschen that und sagte: daß sie liebe.
Wie sich diese Liebe verriet, selbst da, wo sie des Geliebten garnicht
Erwähnung that! Immer und überall kam sie wie von magnetischer Kraft
angezogen auf diesen Pol ihres Daseins zurück.