Seit einem Vierteljahre war Jutta Reimers in Berlin. Das, was Eberhard
von ihrem Kommen Gutes erhofft, hatte sich alles erfüllt und einiges,
was er nicht voraussehen konnte, noch darüber.
Die Weßlebensche Art übte starken Einfluß, wie auf Eberhard, so auch
auf Jutta. Es war etwas durchaus Neues und Ungewohntes für jemanden,
der von Jugend auf in der linden Atmosphäre sybaritischen Wohlbehagens
gelebt hatte, Menschen kennen zu lernen, deren ganzes Dasein aufgebaut
schien auf den Begriffen von Arbeit, Selbstzucht und Pflicht. Kalt wie
die Farben, trocken wie die Luft, arm wie der Boden war hier das Leben.
Nüchterner die Menschen, sachlicher die Gedanken, härter die Köpfe,
zäher der Sinn.
Jutta fühlte sich nicht abgestoßen, sie stand nur staunend davor,
wie vor einer neuen Welt. Sie wunderte sich über Menschen, die so
existieren konnten ohne die ästhetischen Genüsse, ohne den Schmuck
des Lebens, die ihr von der Heimat her selbstverständlich waren. Sie
wunderte sich auch über die gemessene Würde, in der man miteinander
verkehrte, den zurückhaltenden Ton selbst in der Familie, die logische
Art, wie man jede Frage unter die Lupe des Verstandes nahm. Gewiß, das
war alles höchst trocken, steif und umständlich, aber es entbehrte
nicht einer gewissen herben Größe.
Ähnlich wie vor den Menschen, stand Jutta zunächst wunderlich
überrascht und benommen vor dieser Stadt. Für ihr schönheitsverwöhntes
Auge gab es hier wenig Erfreuliches. Die hohen grauen Häuser, die
langen, rechtwinklig aufeinanderstoßenden Straßen, das dunkle,
träge fließende Wasser, die pedantisch abgezirkelten Anlagen, das
ungemütliche Hetzen der Menschen in den Geschäftsteilen, alles, alles
war ihrem Geschmack im Grunde zuwider. Und doch konnte man sich der
Wucht des Gesamteindruckes nicht entziehen. Hier war Kraft und Fülle
des Lebens, und darum Schönheit des Ganzen, die das Häßliche im
Einzelnen erträglich und verzeihlich erscheinen ließen.
Nachdem Jutta ein paar Wochen lang unter Eberhards Führung und von
Agathen begleitet, geschaut hatte, was Berlin an Sehenswürdigkeiten
bietet, und dabei, gegen ihren Willen beinahe, eingesehen hatte, daß es
auch hier Werke der Kunst gab und Stätten vor allem, wo man um Kunst
ringt, erklärte sie den beiden, daß sie nun vom Schauen genug habe.
Und auf Eberhards Frage: womit sie fernerhin ihre Zeit auszufüllen
gedenke, meinte sie: es mal wieder mit dem Malen versuchen zu wollen.
Das Zimmerchen, in welchem Jutta bei den Weßlebens wohnte, war nicht
groß, gerade daß man eine Staffelei aufstellen konnte; aber es hatte
wenigstens günstiges Licht. Auch lag ein gewisser Reiz darin für die
Künstlerin, mal unter schwierigeren Verhältnissen als den gewohnten, an
die Arbeit zu gehen.
Es war Eberhard anfänglich bange gewesen, wie sich seine Schwester in
den Ton des ganzen Hauses finden werde. Als er Jutta zum ersten Male
im Weßlebenschen Familienkreise sah, wurde ihm erst klar, wie groß
die Gegensätze seien. Es war ein Experiment, das er gewagt hatte. Wie
würde sich Jutta, die im katholischen Bekenntnis aufgewachsene, mit dem
ausgesprochenen Luthertum abfinden, das in dieser Familie jedem Brauch,
jeder Ansicht seine Prägung aufgedrückt hatte.
Zwar, daß die Schwester mit dem alten Pfarrer gut verkommen werde,
konnte Eberhard ruhig annehmen. Er hatte Vater Weßleben als einen
Mann von milder Gesinnung kennen gelernt; aber die Frau Pastorin war
enger in ihren Anschauungen und minder zur Duldung eines fremden
Bekenntnisses geneigt.
Frau Weßleben stammte aus einer Familie, die der Landeskirche mehrere
Superintendenten, Konsistorialräte und sogar einen Hofprediger
geschenkt hatte. Das war der ganze Stolz der guten Frau. Sie hielt
sich als Mitglied einer so bevorzugten Rasse für befugt, ja geradezu
für berufen, in ihrem Kreise über der Reinheit des Bekenntnisses zu
wachen. In diesem einen Punkte war sie nicht mal ganz einverstanden mit
ihrem Gatten; sie fand Weßleben viel zu tolerant der römischen Irrlehre
gegenüber.
Und nun mußte sie es erleben, daß ihre Tochter eine katholische
Schwägerin bekommen sollte. Schon daß Eberhard aus einer Mischehe
stammte, war nicht nach Frau Weßlebens Sinne. Es kam ihr vor, als ob
dadurch ihr eigener evangelisch reiner Stammbaum verdorben würde,
als ob die verstorbenen Superintendenten, Konsistorialräte und der
Hofprediger sich aus ihren Gräbern erheben müßten, um gegen solchen
Abfall zu protestieren.
Zu diesem Gefühle des Abscheus stand in merkwürdigem Gegensatz die
Befriedigung und innige Freude, welche diese Dame im Herzen ihres
Herzens empfand, einmal über die Thatsache, daß ihre Tochter Braut war,
und auch über den Bräutigam. Denn Eberhard besaß das Wohlgefallen der
zukünftigen Schwiegermutter.
Jutta gegenüber verhielt sich Frau Weßleben zuwartend. Manches sprach
in ihren Augen für das Mädchen; so vor allem, daß sie vom ersten
Tage ab an den Morgen- und Abendandachten der Familie teilnahm.
Vielleicht, so dachte die Predigersgattin, würde durch die Einwirkung
der unverfälschten Lehre, welche die ärmste, in römischer Häresie
befangene Seele hier zum ersten Male kennen lernte, ein Licht fallen
in das Dunkel ihres Aberglaubens. Ja, die Dame würde es gern gesehen
haben, wenn ihr Pastor in seinen Ansprachen, die er auf Grund des
Bibelwortes an die Seinen hielt, recht scharf den protestantischen
Standpunkt hervorgekehrt hätte; ein starkes Wörtlein gegen römische
Anmaßung wäre ihr ganz am Platze erschienen, wenn man einmal solch eine
Art Heidenkind unter sich hatte. Aber Pfarrer Weßleben war dafür nicht
zu haben. Man müsse es römischen Priestern überlassen, mit unlauteren
Mitteln Andersgläubige zu sich zu ziehen, erklärte er. Noch weiter
trieb Martin, der zweite Sohn, die Toleranz. Er deutete seiner Mutter
an: ein guter Katholik sei besser, als ein zweifelhafter Konvertit, und
man dürfe die Gastfreundschaft nicht dazu mißbrauchen, um jemanden an
seinem Glauben irre zu machen.
Ein so laxes Zeugentum, eine so laue Betonung des Bekennergeistes war
Frau Weßleben ein Gräuel. Sie fühlte sich gekränkt in der Seele ihrer
Vorfahren. Fürchterlich war es ihr, als sie eines Sonntages herausfand,
daß Jutta den katholischen Gottesdienst besucht habe; am liebsten würde
sie daraufhin ihre entweihte Wohnung auf irgend eine Weise von etwaigem
Spuk und Unrat gesäubert haben, die ihr von dort aus eingeschleppt
worden sein mochten. Beinahe wäre es darüber zu einer Verstimmung
gekommen zwischen der Hausfrau und dem Gaste. Aber Jutta vermied es,
dem Bruder zu Liebe, sich zu einem Konfessionszwist hinreißen zu
lassen. Sehr bald gelang es ihr, das Herz der bis auf diesen einen
Punkt durchaus gutmütigen Frau zu versöhnen.
Es wurde im Weßlebenschen Kreise eifrig gesammelt und gearbeitet für
einen Bazar, der zu Gunsten der Heidenmission demnächst unter hoher
Protektion stattfinden sollte. Agathe stickte und nähte schon seit
Monaten dafür, und selbst Frau Weßleben strengte ihre, nicht mehr ganz
geschmeidigen Finger zu Gunsten des frommen Werkes an.
Jutta, die anfangs eine ziemlich große Leinewand auf der Staffelei
hatte, stellte das angefangene Bild bei seite und fing mit einem Male
an, eine ganze Anzahl kleiner Bilder in Aquarell zu komponieren: Genre,
Landschaft, Stillleben. Man fand die Sachen reizend und staunte vor
allem die Schnelligkeit an, mit der ihr die Arbeit von den Händen flog.
Das Staunen der Weßlebens wuchs, als sie zu diesen Bildern, deren sie
wohl ein Dutzend in weniger als vierzehn Tagen zu stande gebracht, nun
auch selbst die Rahmen anfertigte. Sie schien alles zu können, jede
Technik spielend zu beherrschen. Wie ein Wunder erschien das Entstehen
solcher Werke aus dem Nichts für Leute, die mit der lebendigen Kunst
noch kaum in Berührung gekommen waren. Als aber Jutta ihre kleine
Ausstellung samt und sonders für den Bazar zur Verfügung stellte, da
war die Freude wirklich groß. Der Frau Pastorin kam im stillen der
Gedanke -- fast wie eine Ketzerei von ihr betrachtet -- daß auch von
katholischer Seite mal etwas Gutes kommen könne.
Juttas Bilder fanden auf dem Bazar reißenden Absatz. Zwei davon wurden
durch eine Hofdame sogar für die allerhöchste Protektorin des Vereines
angekauft.
Jutta Reimers ward im Weßlebenschen Hause mehr und mehr zum
Mittelpunkte des Interesses. Niemand, selbst die widerstrebende Frau
Pastorin nicht, konnte sich der Liebenswürdigkeit des Gastes entziehen.
Die Unterhaltung bei Tisch war belebter. Der alte Herr ließ sich gern
von dem jungen Mädchen unterrichten über die herrschenden Anschauungen
in der Kunstwelt, die, wie er staunend erfuhr, garnicht so unvernünftig
und frivol waren, wie sie ihm die Blätter, welche er las, dargestellt
hatten. Die beiden Söhne, der Jurist und der Diakonus, kamen jetzt
fast regelmäßig des Abends zu den Ihren; auch auf sie übte der
außergewöhnliche Besuch im Hause begreifliche Anziehungskraft aus.
Juttas größte Verehrerin aber war und blieb Agathe. Ihre Begeisterung
war so augenfällig, daß Eberhard anfing eifersüchtig zu werden. Er
behauptete, für seine Braut überhaupt nicht zu existieren, wenn die
Schwester in der Nähe sei.
Früh war Agathens erster Blick in das Zimmer neben dem ihren, ob Jutta
gut geschlafen, ob sie irgend einen Wunsch habe. Tags über, wenn Jutta
arbeitete, war Agathe kaum von der Staffelei der Freundin wegzubringen.
Jedes Wort von Jutta beglückte sie, eine Liebkosung machte sie selig.
Für Juttas Ansichten, wenn diese sich mit den Herren unterhielt, trat
Agathe unbedingt ein. Des Abends, sobald alles schlief, schlich sie
sich an das Bett der Freundin und war überglücklich, wenn sie noch ein
Stündchen mit der Angebeteten verplaudern durfte.
Eberhard trat darüber wirklich etwas in den Hintergrund.
Für ihn kam nun die Zeit, wo er alle Kräfte zusammennehmen mußte, auf
die nahe bevorstehende Prüfung los. Seine Besuche waren gegen früher
flüchtiger. Oft war er auch abgespannt; die rechte Bräutigamsstimmung
kam nicht in ihm auf. Da blieb er lieber bei Büchern und Kollegheften
auf seinem Junggesellenzimmer. So gar lange konnte es ja nicht mehr
währen, daß es für ihn keine einsamen Abende mehr geben würde.
Nachdem Jutta die Bilder für den Bazar vollendet hatte, faßte sie
die Idee zu einer neuen Arbeit. Weihnachten stand in nicht allzu
weiter Ferne. Sie plante eine besondere Überraschung für ihre Wirte.
Pastor Weßleben hatte in einem seiner Kunstgespräche die Bemerkung
fallen lassen: ihm scheine die Kunst dann am vollkommensten ihrem
höheren Zwecke nachzukommen, wenn sie uns biblische Stoffe menschlich
nahebringe. Dabei hatte er erwähnt, daß von allen neueren Bildern, die
er kenne -- er gab selbst zu, daß deren Zahl beschränkt sei -- ihm am
ergreifendsten erscheine ein Bild in der Nationalgalerie, welches die
Auferweckung von Jairi Tochter darstelle.
Jutta hörte dem alten Herrn gern zu, obgleich die Ausdrücke, in denen
er von Kunst sprach, ihrem Ohre etwas altmodisch klangen. Sie hegte für
Vater Weßleben besondere Zuneigung. Sein edles, bleiches, vom Leiden
verklärtes Angesicht entzückte ihren Künstlersinn, seine abgeschlossene
Weltanschauung und milde Würde nötigten sie zur Bewunderung.
Sie hatte sich ausgedacht, das von ihm geliebte Bild zu kopieren und
ihn damit zu Weihnachten zu überraschen.
Die Aufgabe war keine kleine. Denn das weit über Lebensgröße gemalte
Original mußte, um ein Staffeleibild von erträglichem Umfange zu
gewinnen, auf mindestens ein Fünftteil seines Umfanges zurückgeführt
werden. Andererseits reizte gerade diese Arbeit, bei der man viel für
Augenmaß und Technik profitieren konnte.
Jutta ging von da ab an den Tagen, wo kopiert werden durfte, schon des
Morgens nach der Nationalgalerie. Nur Agathe wußte um das Geheimnis.
Die Überraschung am Weihnachtsfeste war groß. Das Bild beherrschte den
ganzen, im übrigen äußerst schlichten Bescherungstisch. Juttas Einfall
war das, was der alte Pastor einen »echten Herzensgedanken« nannte.
Das Bild sollte fortan in seiner Studierstube hängen, auf dem besten
Platze, wo sein Blick hinfiel, wenn er im Lehnstuhl saß.
* * * * *
In der Familie Weßleben, die einen so einheitlichen und geschlossenen
Eindruck machte, gab es manche geheimen Gegensätze. Zwar trugen diese
Menschen einen bestimmten, unverlöschbaren Typus als äußeren Stempel,
aber dennoch stellte jedes einzelne Glied ein Wesen für sich dar, mit
eigenen Fähigkeiten und besonderer Entwickelung, auseinanderstrebend
wie die Äste eines Baumes, die zwar auch von gleicher Art und Bildung
sind, nach einem ihnen innewohnenden Gesetze aber jeder für sich einer
anderen Himmelsrichtung zuwächst.
Von den vier Geschwistern -- zwei früh verstorbene lagen auf dem
Dorffriedhof von Pudelsee -- war der Missionar ein Mann nicht über den
Durchschnitt begabt, einseitig, zur Schroffheit neigend, aber zähe,
energisch und voll Unerschrockenheit; ein echter Norddeutscher. Für
ihn gab es nur eine mögliche Weltanschauung; das war der Glaube der
Kirche, in welcher er geboren war. Für den Glauben hätte er aber auch
gern sein Leben gelassen. Er war einer von den Christen, denen es
nicht genügt, im stillen ihrer Überzeugung zu leben, die vielmehr von
dem unwiderstehlichen Drange getrieben werden zum Bekennen und Zeugen
vor der Öffentlichkeit. Solchen genügt die alltägliche Kleinarbeit im
Weinberge nicht, sie dursten nach persönlicher Gefahr, wollen Qual und
Not empfinden, um sich genug zu thun und sich vor Gott zu rechtfertigen.
Der Älteste war der Mann nach dem Herzen der Mutter. »~Mein~
Missionar« nannte sie ihn, während sie von Martin nur »~der~
Diakonus« zu sagen pflegte. Otto aber war in ihren Augen eigentlich
entartet, weil er die Tradition der Familie durchbrechend, sich einem
anderen als dem geistlichen Stande zugewendet hatte.
Der begabteste von den Brüdern war entschieden Otto. Sein scharfer
Verstand und sein logisches Denken war ja das gewesen, was auf
Eberhard, als sie sich kennen lernten, den stärksten Eindruck gemacht
hatte. Aber es entging Eberhard nicht, daß der Freund ein anderer sei,
wenn im Kreise der Seinen, ein anderer, wenn man ihn allein hatte.
Daheim schien ihn eine gewisse Rücksicht zu binden, es war, als wage er
es nicht, sich frei zu geben, ganz aus sich herauszugehen.
Mit der Zeit begann Eberhard diese Erscheinung zu begreifen, obgleich
Otto ihm ein wirkliches Geständnis nicht ablegte. Der Freund stand
auf dem Boden einer anderen Weltanschauung als die Seinen, hatte
sich emancipiert von dem Glauben, der dort gehütet wurde als das
kostbarste Lebensgut. Er wollte die Eltern seinen inneren Abfall nicht
merken lassen. Als ehrlicher Mensch jedoch litt er schwer unter dem
Heuchelnmüssen. Schamhaft, wie im Grunde solche äußerlich selbständige
Naturen oft sind, brachte er es nicht über sich, irgend jemandem sich
anzuvertrauen. Otto scheute weniger das Geständnis -- denn einer
eigentlichen Schuld war er sich nicht bewußt -- aber er fürchtete sich
vor den Bekehrungsversuchen, die dann mit ihm angestellt werden würden.
Auch wußte er, wie schmerzlich die Erkenntnis, einen Abtrünnigen in
der Familie zu haben, auf seine Eltern wirken müsse. So nahm er die
ihm selbst innig verhaßte Rolle auf sich, äußerlich umschlungen zu
halten, was ihm im Innersten längst entfremdet war. Aus Pietät mußte er
Pietät heucheln.
Die komplicierteste Natur von den dreien war Martin. Er hatte sich
spät entwickelt, das Lernen fiel ihm sauer; die Examina hatte er stets
nur unter Angstschweiß bestanden. Obgleich Geistlicher wurde ihm das
öffentliche Sprechen ungeheuer schwer; er mußte jede seiner Reden
wörtlich memorieren. Auch im alltäglichen Leben war es ihm nicht leicht
gemacht, seine Ansichten frei und gefällig zu äußern.
Er glaubte, in einem ganz besonderen persönlichen Verhältnis zu
seinem Erlöser zu stehen, war ein großer Beter. Das innerste Wesen
seines Glaubens hielt sich nicht frei von einer gewissen Mystik. In
schwierigen Fällen, wenn ihn die Vernunft im Stiche ließ, pflegte
Martin Weßleben die Bibel zu Rate zu ziehen; diejenige Stelle, auf die
beim Aufschlagen zuerst sein Blick fiel, mußte ihm als Orakel dienen.
Unter Menschen hatte der junge Theologe leicht etwas Scheues; ehe
er auftaute, dauerte es lange. Innerlich erlebte er vieles, was nie
an die Oberfläche seines Wesens kam. Auf Martin lastete die Armatur
von Zurückhaltung, Korrektheit und Würde, die in seiner Familie
zur Tradition gehörte, am schwersten. Er empfand am tiefsten und
unmittelbarsten, fühlte das Bedürfnis, sich hinzugeben, und war am
wenigsten gemacht, auszudrücken, was er empfand, sich von der Last zu
befreien, die er unsichtbar mit sich herumschleppte.
Die Liebe, mit der er seinen Glauben umklammert hielt, hatte etwas
an sich von weiblichem Hingabebedürfnis. Er haßte und fürchtete die
Weltlichkeit, suchte Rettung in einem mönchischen Einsamkeitsideal.
Glaubenszweifel, wie sein Bruder Otto hegte, hatte er nie gehabt,
aber ihn quälten andere Nöte im Gemüt. Und auch dieser Mann war zu
schamhaft, um vor sich selbst Rettung zu suchen in der Mitteilung an
andere. Den Seinen vertraute er von seinen innersten Regungen nichts an.
So erfuhr denn auch niemand etwas von dem Sturm, welcher dieses Gemüt
in letzter Zeit von Grund aus aufwühlte. Niemand sah dem stillen
Menschen an, daß seine Seele in einen Wirbel hineingerissen war von
Hoffen und Verzagen, Glücksgefühl, Pein und Zweifel; mit einem Worte,
daß Martin hoffnungslos liebte.
Die Frauen waren so gut wie garnicht in sein Leben getreten. Er kannte
eigentlich nur Mutter und Schwester. Instinktiv hielt er sich dem
anderen Geschlechte fern, das ihm, weil er es nicht kannte, unheimlich
dünkte. Seine Phantasie war rein geblieben wie sein Wandel.
Und nun auf einmal trat ein Wesen in seinen Gesichtskreis, das
ihm durch das Neue seiner Art, durch das Außerordentliche seiner
Erscheinung und seiner Gaben zunächst völlig den Atem benahm. Staunend
stand er da und vermochte nur zu schauen. Und als dann Jutta, bestrebt,
gegen ihn wie gegen jedes andere Mitglied der Familie freundlich zu
sein, allmählich das Fremde und Erschreckende für ihn verlor, da wirkte
das Verheißungsvolle, Sehnsuchtweckende, geheimnisvoll Einladende, was
das Wesen der Jungfrau für den Jüngling hat, um so berauschender auf
den unverdorbenen jungen Menschen.
Ein Gefühl zog bei ihm ein, das ihn durch seine Kraft und
Ausschließlichkeit erschreckte, ihm wie Sünde erschien und Abfall
von den bisherigen Idealen. Er kämpfte, wie ein Mensch gegen eine
überlegene Macht kämpft, verzweifelt; trieb sich den Stachel, den er
entfernen wollte, nur immer tiefer ins Herz.
Nicht sanft und freundlich hatte ihn die Liebe angefaßt; sie nahm von
ihm Besitz, wie eine siegreiche Armee, der sich alles unterwerfen muß.
Er lernte das unerhörte Gefühl kennen des Sich-Verlierens an eine
Leidenschaft. Menschliche und göttliche Autorität, alles, was uns
bisher lieb und gewohnt gewesen, versinkt davor. Sie macht den Menschen
sich selbst fremd, bringt ihn dazu, Dinge zu thun und Gedanken zu
denken, die seiner ganzen Sinnesart entgegengesetzt sind. Sie duldet
keine Götter kleinerer Art neben sich. Und dagegen giebt es kein
Sträuben. Zerstreuungen, Arbeit, Gebet helfen nichts; unentrinnbar ist
der liebende Mensch dieser Herrscherin verfallen. Glücklich der, dem
in solchem Zustande Hoffnung winkt, und sei sie noch so schwach. Aber
verzweifelt ist die Lage des Unglücklichen, der sich hoffnungslos nach
Gegenliebe sehnt.
Martin Weßleben wußte, daß seine Gefühle niemals Erwiderung finden
konnten. Juttas Konfession mußte ihm, dem im orthodox protestantischen
Pfarrhause aufgewachsenen Diener des Evangeliums, als ein
unüberwindliches Hindernis erscheinen für ihre äußere Vereinigung.
Aber darüber hinaus fühlte er deutlich, daß zwischen Juttas Natur
und der seinen eine nicht zu überbrückende Kluft bestehe, tiefer und
bedeutungsvoller, als der Unterschied der Konfessionen.
Eine qualvolle Ahnung sagte ihm außerdem, wie sie manchmal arglosen
Gemütern deutlicher wird als den gewitzigten, daß das Herz des Mädchens
nicht frei sei.