XVII.

Herr Reimers war mit seiner Tochter wieder in Berchtesgaden angelangt.

Man wohnte im selben Hause, wie im Sommer vorm Jahr. Aber die

Knorrigs, Vater und Sohn, waren dies Jahr nicht mit. Reimers sah sich

infolgedessen so ziemlich auf die eigene Gesellschaft angewiesen. Mit

Jutta stand er sich in letzter Zeit nicht besonders. Das Töchterchen

fing an, Launen zu zeigen und eine Art Selbstständigkeit zu entwickeln,

die den alltäglichen Verkehr sehr erschwerte.

Von gewissen Dingen ließ sich mit ihr überhaupt nicht reden, so über

ihre Verlobung. Der alte Herr konnte sich mit der Zeit der unangenehmen

Einsicht doch nicht entziehen, daß der im vorigen Sommer geschickt

eingefädelte Plan: die Familien Reimers und Knorrig auch noch durch

andere, als geschäftliche Bande mit einander zu verknüpfen, neuerdings

arg gefährdet sei. Wie die beiden jungen Menschen jetzt eigentlich

zu einander stünden, wußte niemand. Daß Bruno im letzten Augenblick,

statt mit nach Berchtesgaden zu kommen, eine Rheinreise antrat, war zum

mindesten sehr verdächtig.

Aber Reimers Vater war nicht der Mann, sich durch Sorgen längere

Zeit um die gute Laune bringen zu lassen. Er langweilte sich in

Berchtesgaden, wo er keine Bekannte traf. Er schrieb darum nach München

an Vally Habelmayer, sie solle umgehend kommen, um Jutta Gesellschaft

zu leisten. Zwar wußte er genau, daß Jutta sich nichts aus der Cousine

mache; aber gerade mit diesem Umstande rechnete er. Um so mehr würde er

dann Vally für sich haben. Er verordnete sich selbst Vallys anregende

Gegenwart wie eine Art von Kur.

Vally folgte dem Rufe des Onkels natürlich nur zu bereitwillig. Eines

Tages war sie da mit rosigen Wangen und glänzenden Vogelaugen, noch

etwas fleischiger als die Jahre vorher. Denn sie liebte gutes Essen und

Trinken über die Maßen und pflegte lange zu schlafen; eine Lebensweise,

die bei ihr ersichtlich gut anschlug. Jutta wollte mit der Cousine

Berge steigen; aber nach dem ersten Ausflug bekam Vally wunde Füße und

zog es vor, fortan dem Onkel Gesellschaft zu leisten.

Eines Tages kam von Berlin ein Telegramm, in welchem Eberhard sein

Kommen anmeldete. Bald danach trat er selbst in Berchtesgaden auf.

Eberhard hatte seinen Vater nicht von Angesicht zu Angesicht geschaut,

seit er damals, das Herz geheimen Grolles voll, von München gegangen

war. Er stellte auf den ersten Blick fest, daß der Vater sich seitdem

stark verändert habe. Freilich lag dazwischen auch Kurts trauriges

Ende. Es war nicht mehr zu verkennen, daß Herr Reimers in Erscheinung,

Haltung, im ganzen Wesen überhaupt, den Habitus des schnell alternden

Mannes zeigte.

Für Eberhard war das eine neue wunderliche Erfahrung. Es hat stets

etwas Nachdenkliches für den Sohn, zu erkennen, wie der Mann, der kraft

der Überlegenheit der Jahre uns Gesetz war und Vorbild, der Natur den

unausbleiblichen Zoll entrichtet. Wie auch diese Größe vor unseren

Augen rissig wird und zerfällt. Wie der, in dessen Hand wir einst

waren, unseres Mitleids, ja vielleicht unserer Nachsicht bedürftig

geworden ist.

Äußerlich verkamen Vater und Sohn jetzt ganz gut miteinander. Herr

Reimers hatte sich längst darein gefunden, daß Eberhard Arzt würde,

statt ihn, wie er sich ehemals gewünscht, als Kaufmann in seine

Fußtapfen treten zu sehen. Auch darin zeigte sich der Einfluß des

Alters; man war gleichgiltiger geworden und stumpfer, regte sich nicht

gern auf, wollte vor allen Dingen Ruhe haben.

Ganz von selbst ergab es sich, daß die Familie sich in zwei Paare

teilte. Vater Reimers blieb mit Vally, während Eberhard sich zu Jutta

schlug. Das ältere Paar interessierte sich für den Mittagstisch,

studierte, wo man am besten den Kaffee einnehmen und wo man zur Nacht

seinen Kaiserschmarren verzehren werde. Abgesehen von anderen kleinen

Späßen, die Oheim und Nichte hatten; dazu gehörte, daß sie sich

köstlich belustigten, wenn die Leute sie für ein Ehepaar ansahen.

Eberhard und Jutta hingegen stiegen in die Berge. Das Mädchen war eine

vorzügliche Fußgängerin. Sie hatte dies Jahr ihr Rad zu Haus gelassen,

dafür aber Bergstock und Alpenschuhe mitgebracht. Eberhard, der in

Berlin aus aller körperlichen Übung herausgekommen war, mußte sich

zusammennehmen, nicht hinter der Schwester zurückzubleiben.

Die Geschwister fanden sich bei so nahem Zusammensein in einer völlig

neuen Weise. Das war jetzt etwas ganz anderes, als die Vertraulichkeit

der Kinderstube, wo man bei gemeinsamen dummen Streichen und gemeinsam

erlittenen Strafen eine Art Banditenfreundschaft geschlossen hatte.

Nun war man erwachsen, mit Erfahrung beladen. Sie sahen einander mit

Blicken an, die das Leben geschärft hatte. Während sie früher nur

Geschwister gewesen waren: Menschen von verschiedenem Geschlecht, durch

Verwandtschaft zufällig zusammengekoppelt, so trat nunmehr deutlich die

Thatsache in ihr Bewußtsein, daß sie Mann seien und Weib, daß zwischen

ihnen die größte Kluft befestigt war, welche die Natur kennt.

Das trennte sie, aber es zog sie auch gewaltig zu einander hin.

In gewissen Dingen konnten sie einander verstehen durch ein

Augenzwinkern, ein Lächeln, eines jener im Familienjargon ausgebildeten

Worte, das nur dem Eingeweihten verständlich war. Bei anderen

Gelegenheiten fühlten sie, als sei eine Wand zwischen ihnen; man wußte,

der andere ist drüben, aber man sieht ihn nicht.

Eberhard hatte sehr bald nach seiner Ankunft angefangen, Jutta zu

sondieren, wie es um ihr Verhältnis zu Bruno stünde. Der Verabredung

mit dem Freunde gemäß, sagte er ihr nichts, daß Bruno bei ihm in

Berlin gewesen sei, um nicht von vorn herein bei ihr den Verdacht zu

erregen, man schmiede Pläne gegen sie. Jutta, so offen und vertraulich

sie sich sonst dem Bruder gegenüber gab, verhielt sich, sobald er das

Gespräch auf dieses Thema lenkte, durchaus unzugänglich. Aber der

junge Mann ließ nicht locker. Mochte Jutta immerhin andeuten, daß das

ihre eigenste Angelegenheit sei, über die sie niemandem Rechenschaft

schulde, so durfte er sich doch auch in seinem Rechte fühlen, in

doppelter Eigenschaft: als Freund und als Bruder. Mit beharrlicher

Aufdringlichkeit kam er immer wieder auf Juttas Verlobung zurück; und

ebenso beharrlich erklärte ihm das Mädchen: in ihren Augen existiere

diese Verlobung nicht mehr.

Und wenn Eberhard dann forschte: was sie bewogen habe, einem Menschen,

der sich ein Jahr lang in dem Glauben habe wiegen dürfen, von ihr

geliebt zu sein, in solch unerhörter Weise den Laufpaß zu geben, dann

antwortete sie ihm verschiedenerlei: Bruno sei nicht der Rechte,

oder, sie habe eingesehen, daß sie nicht zum Heiraten tauge. Sie

sei Künstlerin, und die würden bekanntlich niemals gute Hausfrauen.

Bruno könne sich gratulieren, daß er dem Schicksal entgehe, mit ihr

zusammenleben zu müssen.

Mit wieviel Gewandtheit immer sie solche Behauptungen verteidigte,

Eberhard hatte doch deutlich das Gefühl, daß in alledem Sophistik

liege, daß sie irgend einen Grund, und wahrscheinlich den wichtigsten,

für sich behalte. Alle solche Gespräche liefen schließlich in eine

Sackgasse aus, an deren Ende ihr eigensinniges: »Ich will nicht!« stand.

Übrigens war auch Eberhards Eifer für die Sache des Freundes stark im

Erkalten begriffen. Wenn er sich Bruno vergegenwärtigte, wie er ihn

neulich wiedergesehen, noch immer der alte redliche, tüchtige Geselle,

so konnte er ihm zwar Achtung nicht versagen; aber ihn sich an Juttas

Seite vorzustellen, als ihr Gemahl, fiel doch schwer.

Eberhard staunte oft über Jutta. Das also war aus seiner kleinen

Schwester geworden! -- Sie imponierte ihm. Es lag etwas Königliches

in ihrem Auftreten, dessen Wirkung selbst er als Bruder sich nicht

entziehen konnte.

Er pflegte neuerdings -- vielleicht angeregt durch sein

Studium -- viel über Abstammung, Vererbung, Rassemerkmale und

Familieneigentümlichkeiten nachzudenken. Aus was für Eigenschaften

der Vorväter, seelischen wie körperlichen, setzte sich das Individuum

zusammen? Wie kam es, daß Kinder desselben Elternpaares so verschieden

ausfallen konnten? Von wem stammte man ab; von seinen Eltern doch

gewiß nicht allein! Welche unkontrollierbaren Einflüsse, wer von den

längst vergessenen Urahnen hatte bei der Entstehung eines neuen Wesens

unsichtbar mitgewirkt? --

Über die Genealogie seiner väterlichen Familie wußte er nicht viel.

Mehr war über die mütterlichen Verwandten bekannt. Eberhard hatte nie

sonderlich viel von den Habelmayers gehalten. Für ihn waren sie eine

im Wohlleben allmählich degenerierende Rasse. Umsomehr bedauerte er,

zur Familie seines Vaters in keinerlei Verbindung zu stehen. Sie waren

unzweifelhaft die interessanteren; echte Rheinländer in Leichtlebigkeit

und Beweglichkeit. In der Familie Reimers -- das wußte Eberhard

aus manchem, was er vom Vater früher gehört -- waren verschiedene

bedeutende und geistreiche Frauen gewesen. Die Männer auch nicht gerade

auf den Kopf gefallen, schienen vor allem Regsamkeit und Temperament

besessen zu haben. Eberhard fühlte sich ganz als ein Reimers, und von

Jutta nahm er an, daß sie vielleicht eine Neuauflage sei von irgend

einer schönen Rheinlandstochter, die einer seiner Vorväter den guten

Geschmack gehabt hatte, heimzuführen.

Freie Wahl aus Neigung, das gab die beste Garantie für das Liebesglück

der Lebenden und damit für das Gedeihen zukünftiger Generationen.

War er nicht drauf und dran, diesen Grundsatz, den er in der Natur

anerkannte, im Falle der eigenen Schwester zu vergessen? Wollte er

nicht Jutta einen Mann oktroyieren, den sie nach allem, was man sah

und hörte, wenn sie ihn überhaupt jemals geliebt, jetzt doch aufgehört

hatte zu lieben? --

Auch andere Erwägungen sprachen gegen Bruno. Der Mann, welcher ein

Mädchen zur seinen machen wollte, mußte ihr vor allen Dingen gewachsen

sein. Selbst erobern mußte er sie sich! Es war ein bedenkliches

Zeichen, daß Bruno Freundeshilfe angerufen hatte in einer Sache, die

wie keine andere sein und nur sein war.

Eberhard bereute es jetzt, sich darauf eingelassen zu haben, den

Vermittler zu spielen. Zu spät sah er ein, daß er damit ein undankbares

und fruchtloses Geschäft übernommen hatte. Zur Liebe überreden ließ

sich kein Mensch, am wenigsten seine Schwester. Er hatte, das mußte er

sich selbst sagen, Unrecht begangen gegen Jutta, da er ihr in einer

Herzensangelegenheit seinen Rat aufdrängen wollte.

Daß Bruno sehnlichst auf einen Brief von ihm wartete, wußte Eberhard.

Es that ihm leid, daß er dem armen Kerl keine besseren Nachrichten

schicken konnte. Aber Schonung wäre in diesem Falle das verkehrteste

gewesen.

* * * * *

Während Eberhard des Freundes Angelegenheit betrieb, hatte er vor

Begierde gezittert, der Schwester von seinem eigenen Liebesglücke zu

erzählen. Jutta sollte die erste sein, von seiner Braut zu hören;

Jutta, die, ohne es zu wissen, in so eigenartiger Weise verknüpft

gewesen war mit seiner Werbung um Agathen.

Er trug jenes rührende Bildchen, bei dessen Anblick seine Gefühle sich

verraten hatten, mit sich herum, wie einen Talisman. Es war vorläufig

noch das Einzige, was er als sichtbares Zeichen ihrer Neigung von

Agathen besaß.

Eberhard hatte mit Agathens Eltern gesprochen. Die Aussicht, die

Tochter einmal zu gewinnen, war ihm nicht verneint worden; aber --

wie er nicht anders erwarten durfte -- hatten die Eltern Weßleben zur

Bedingung gemacht, daß er zunächst sein Studium beende.

Er besaß also eine wohlbegründete Anwartschaft auf Agathens Hand; aber

was ihm unendlich viel wichtiger erschien, er besaß des Mädchens Herz.

Dafür war ihm Beleg der erste Brief, den er von Agathe als Antwort auf

einen von ihm erhielt. Noch hatte er überhaupt keine Zeile, von ihrer

Hand geschrieben, zu Gesicht bekommen. Als er den Poststempel Berlin

sah, dazu die saubere Mädchenhandschrift, da wußte er, von wem allein

das kommen könne. Er nahm sich zusammen, seinem Vater und der allezeit

neugierigen Cousine Vally, die mit ihm am Frühstückstische saßen, nicht

merken zu lassen, wie er darauf brannte, den Umschlag zu öffnen.

Agathens erster Liebesbrief war ein wenig steif, so kam es ihm

wenigstens vor. Eberhard hatte ein Schreiben an sie gerichtet, voll von

Überschwang und Sehnsucht.

Auf den Ton war Agathe nicht eingegangen. Sie schrieb von den Vorgängen

bei ihnen, dem Befinden des Vaters, von den Brüdern; aber das, was zu

vernehmen es ihn verlangte: einen Widerhall seiner Leidenschaft, suchte

er bei ihr vergebens. Gewiß, Agathe war darin, in diesem einfachen

klaren Satzbau, in diesem völligen Mangel an Ziererei und Übertreibung,

aber wo war das Mehr, das Gesteigerte, das die Liebe doch jedem Wesen

verlieh.

Hätte er nicht froh sein sollen, daß sie sich so getreu blieb; getreu

vor allem darin, daß sie nicht mehr gab, als sie hatte! Der Brief

zeugte in jeder Zeile für die Ehrlichkeit der Schreiberin. An einer

einzigen Stelle wurde der Ton wärmer; das war da, wo Agathe nach

Eberhards Schwester sich erkundigte. Sie beneide ihn, sagte sie, daß er

jetzt mit Jutta zusammen sein dürfe, und fragte schüchtern an, ob er

der Schwester schon etwas von ihr, von Agathen, erzählt habe.

Damit war für Eberhard der Anstoß gegeben, Jutta in sein Geheimnis

einzuweihen. Bis zum letzten Augenblicke blieb Eberhard zweifelhaft,

wie sie es aufnehmen werde. Würde er im stande sein, der Schwester

das richtige Bild zu geben von seiner Braut? -- Sie waren doch so

himmelweit von einander verschieden! Und trotz Agathens Schwärmerei für

Jutta war ihm bange vor dem Augenblicke, wo die beiden Mädchen einander

begegnen würden. Beide waren sie ausgesprochene Persönlichkeiten,

keine würde ablassen von der angeborenen Art, keine sich in die andere

schicken wollen.

Schonend beinahe teilte er daher der Schwester seine

Herzensangelegenheit mit. Er erzählte, wie alles gekommen, suchte ein

Bild zu geben von der Umgebung, in welcher das Mädchen aufgewachsen,

von ihrem Charakter, und wie der sich aus dem Wesen ihrer Familie

erkläre.

Der Erfolg war ein ganz andrer, als erwartet. Jutta legte Freude an

den Tag über des Bruders Glück, als sei es ihr selbst widerfahren.

Sie konnte nicht genug zu hören bekommen von Agathen. Unwillkürlich

ermutigte ihn das, bestärkte ihn in dem Gefühle, daß er richtig gewählt

habe, da er sah, wie die bloße Beschreibung seiner Braut auf die

Schwester wirkte.

Agathe war fortan das Lieblingsthema für die Geschwister. Jutta

sprach von ihr, wie von einer Person, die man ganz genau kannte. Und

mit Entzücken fand Eberhard das Bild, welches er von der Geliebten

entworfen hatte, widergespiegelt in der Schwester Urteil.

Aus freien Stücken schrieb Jutta einen Brief an Agathen und legte ihre

Photographie bei.

Eberhard hatte wieder mal Gelegenheit, über die Beweglichkeit des

weiblichen Gemütes zu staunen. Ihre Handlungsweise war soviel

unmittelbarer und selbstverständlicher als die unsrige. Alles faßten

sie soviel schneller mit dem Instinkte des Herzens, als wir es ihnen

zutrauten.

Von jetzt ab fanden sich die Geschwister noch in einer ganz anderen

Weise. Sie besaßen nun eine gemeinsame Angelegenheit. Jutta hatte

Eberhards Liebe gleichsam zu der ihren gemacht; als habe sie darin

Ersatz gefunden für etwas, das ihr selbst nicht beschieden war. Das

Erlebnis des Bruders bewegte und erwärmte ihr Gemüt, brachte manches,

was dort zurückgehalten wurde, zur Oberfläche.

Nachdem sie die nähere Umgebung Berchtesgadens zur Genüge begangen

hatten, unternahmen Jutta und Eberhard Ausflüge tiefer ins Gebirge

hinein. Sie nahmen dazu einen alten, erfahrenen Führer mit und

richteten sich mit ihrem Gepäck auf Übernachten ein.

Eines Morgens waren sie noch bei halber Dunkelheit aufgebrochen von

der primitiven Herberge, die ihnen nachts über Obdach gewährt hatte.

Man hatte das wunderbarste aller Schauspiele erlebt: Sonnenaufgang im

Hochgebirge, und schritt dann auf einem alten Saumpfade sanft bergan,

um über einen Sattel zwischen zwei Gebirgsstöcken ins jenseitige

Quellgebiet hinabzusteigen. Beide waren schlaferfrischt und von jener

Heiterkeit und Frische erfüllt, welche dem gesunden Menschen die

Aussicht giebt, einem schönen Tage entgegenzugehen.

Eberhard war schon wieder bei seinem Lieblingsthema angelangt: Agathe.

Er sprach davon, wie es doch im Grunde verwunderlich sei, daß auf ihn,

einen ausgewachsenen Menschen, ein so viel jüngeres, unerfahrenes

Mädchen so tiefgehenden Eindruck ausgeübt habe, daß er sich geradezu

als neuer besserer Mensch fühle.

»Ich habe früher nicht gewußt,« sagte er, »was Liebe ist. Ganz etwas

anderes hatte ich mir darunter vorgestellt, das mit dem, was ich jetzt

empfinde, nicht in einem Atem genannt werden darf. Du kennst ja Einiges

von den alten Geschichten, Jutta! Als ob ich nicht ich gewesen wäre

damals, so kommt es mir jetzt vor. Wie man sich doch verändert, und was

für eine Macht die Liebe hat! Wie mit einem Zauberstabe verwandelt sie

den Menschen von Grund aus.«

»Da hast du recht!« rief Jutta lebhaft, wie hingerissen von der

Erkenntnis einer Wahrheit, die sie wohl selbst an sich erfahren, aber

sich so noch nicht klar gemacht hatte. »Das ist das Wunderbarste an der

Liebe, daß sie den Menschen verwandelt!«

Eberhard sah die Schwester ein wenig befremdet von der Seite an. Er

hätte nicht gedacht, daß ihr das Verhältnis zu Bruno noch soviel

bedeute; hatte sich schon ganz daran gewöhnt, diese Neigung als eine,

von ihrer Seite wenigstens, völlig abgethane Sache zu betrachten.

Jutta mochte ahnen, auf welchen Irrwegen seine Vermutungen sich

bewegten, sie wollte endlich mal offen mit dem Bruder sprechen. Darum

bat sie ihn halblaut, den Führer, der ihnen dicht auf den Fersen

nachschritt, vorauszuschicken; eine Maßregel, die ziemlich überflüssig

erschien, da der alte Kerl schwerhörig war.

»Du wirst dich oft über mich gewundert haben in der letzten Zeit,

Eberhard!« begann sie. »Ich kann dir das nicht verdenken. Ich begreife

es auch, wenn Bruno mir zürnt, ja, wenn er mich haßt! Ändern kann

ich's nicht. Es thut mir leid, aber wie könnte ich ihm helfen! --

Nicht einmal eine Erklärung kann ich ihm geben, warum ich mich von ihm

gewandt habe. Dir jedoch will ich mich eröffnen, weil ich wünsche, daß

wenigstens du mich nicht unrichtig beurteilst.«

Man schritt auf dem schmalen Pfade Seite an Seite. Eberhard spürte ihr

schwereres Atmen. Das, was sich ihm jetzt eröffnen werde, konnte nichts

Kleines sein. Er war sehr gespannt.

»Eberhard, als ich mich mit Bruno verlobte, war ich anders als jetzt!«

sagte sie in dem leisen, tastenden Tone eines Menschen, der durch ein

schweres Bekenntnis seine Seele entlasten will. »Ich nahm Brunos Antrag

an, weil -- weil ich nichts Besseres vor mir sah, vielleicht auch weil

ich nichts Höheres kannte. Zwischen damals und jetzt liegt eigentlich

nur ein Jahr, aber für mich ist es ein Leben.«

»Du liebst?!« fuhr es ihm heraus. Jutta nickte nur. »Frage mich bitte

nicht, wer's ist!« fügte sie hastig hinzu, als sie seinen forschenden

Blick bemerkte. »Namen thun garnichts zur Sache. Ich kann dir überhaupt

nicht viel sagen. Außerdem ist darin auch das Geheimnis einer Freundin

eingeschlossen. Das Ganze ist ein dunkles Fatum, das über uns hängt.

Erklären mit Worten läßt sich das garnicht.«

»Es ist eine merkwürdige Rolle, die du mir da zumutest, Jutta! Ich soll

den Namen des Mannes nicht erfahren, den du liebst!« --

Jutta sah den Bruder erschrocken an. In was für groben Ausdrücken

sprach er von Dingen, an die sie sich selbst kaum mit Gedanken

herangewagt hatte. Sie könne und dürfe ihm nichts weiter sagen,

erklärte sie.

»Dann erlaube mir nur wenigstens eine Frage, Jutta: ist der Mann auch

deiner Liebe würdig?«

»Darauf Eberhard brauche ich dir wohl nicht zu antworten!« rief sie

erbleichend.

»Erlaube mir, ich frage als Bruder! Es interessiert mich doch

wahrhaftig zu erfahren, wer der ist, dem du dein Herz geschenkt hast,

und dem du voraussichtlich doch auch deine Hand reichen wirst.«

»O Gott -- wie du das falsch auslegst!« -- stieß Jutta hervor. »Ich

wünschte, ich hätte dir kein Wort gesagt!«

Sie war mehr betrübt, als empört über sein Benehmen. Vielleicht hieß

es, einem Fernstehenden zuviel zumuten, sich in Dinge zu finden, die

man mit dem Kopfe allein niemals verstehen, die man schon mit dem

Herzen erleben mußte, um sie zu begreifen.

»Entschuldige, Jutta! Ich habe dich nicht kränken wollen!« sagte er,

als er ihre Erregung sah.

Eberhard wollte nach einiger Zeit noch einmal das Wort an sie richten

in dieser Sache, die wie ein erstaunliches Rätsel plötzlich vor ihm

aus dem Boden gewachsen war. Aber Jutta, jetzt wieder ganz sanft

und freundlich geworden, bat ihn inständig, darüber nie wieder eine

Frage an sie zu richten. Er könne ihr nicht helfen, nicht einmal sie

verstehen. Darum sei es besser, auch nicht davon zu sprechen.

* * * * *

Als die beiden am Spätnachmittage in Berchtesgaden eintrafen, fanden

sie den Vater in großer Erregung. Ein Telegramm war angekommen aus

München von Knorrig senior, worin er mitteilte, daß Bruno in den Dienst

einer Nordamerikanischen Handelsgesellschaft getreten sei und daß er

sich bereits auf See befinde.

Gleichzeitig waren von Brunos Hand Briefe angekommen für Jutta und

Eberhard. An Jutta hatte er nur geschrieben, daß er sie freigebe. Er

bat sie um Verzeihung, falls er ihr jemals wehe gethan haben sollte,

und wünschte ihr Gottes Segen für ihr ferneres Leben. Der Brief, kurz

wie er war, entbehrte nicht einer gewissen schlichten Würde, die auch

auf die Empfängerin Eindruck machte.

Eberhard gegenüber setzte Bruno sein Verhalten genauer auseinander.

Er hätte sich durch den Brief des Freundes überzeugt, daß für ihn

nichts mehr zu hoffen sei. Damit versinke für ihn der schönste Traum

ins Nichts. Ein ferneres Zusammensein mit der Familie Reimers sei für

ihn unmöglich geworden, vor allem wolle er Jutta nicht zumuten, ihm

wieder zu begegnen. Da er frei sei und Herr seiner Entschlüsse, habe er

eine Gelegenheit, im Auslande Stellung zu finden, die sich ihm zufällig

geboten, ergriffen. Dem Chef des Hauses Reimers und Knorrig ließ er

sich empfehlen und bat um Verzeihung, daß er so formlos aus dem Dienste

scheide.

Während Eberhard und Jutta diesen Schritt Brunos wie eine Art Befreiung

empfanden und als die beste Lösung betrachteten für alle Teile, sah

Vater Reimers vor allem den schweren Verlust, welchen das Geschäft

durch das plötzliche Auf- und Davongehen des jungen Knorrig erlitten

hatte. Jutta bekam Vorwürfe zu hören, daß sie diesen braven und

tüchtigen Mann so vor den Kopf gestoßen habe. Wo in aller Welt sollte

denn Ersatz gefunden werden für eine solche Kraft? Eine Frage, auf die

das Mädchen natürlich keine Antwort zu geben wußte.

Eberhard wollte der Schwester zu Hilfe kommen. Er glaubte es gut zu

machen, indem er den alten Herrn daran erinnerte, daß er ehemals

davon gesprochen habe: er wolle sich mit der Zeit aus dem Geschäft

zurückziehen und seine alten Tage in Ruhe verleben. Dabei deutete er

an, daß der Vater in den letzten Jahren doch eben nicht jünger geworden

sei.

Damit berührte er nun freilich die Stelle, wo Reimers senior am

empfindlichsten war. Von seinem Alter wollte er garnichts hören, daß

er sich jetzt nicht aus dem Geschäfte zurückziehen könne, daran seien

allein seine ungeratenen Kinder schuld: Eberhard, der diesen thörichten

Medizinerberuf ergriffen, und Jutta, die auch nur ihrem kindischen

Kopfe folge.

Herr Reimers verlor gänzlich seine sonstige joviale Liebenswürdigkeit

und den weltmännischen Ton. Schwer hagelten die Vorwürfe auf Jutta und

Eberhard hernieder. Die Geschwister schwiegen dazu.

Vally Habelmayer hatte es an diesem Abende schwer, ihren Onkel soweit

in Laune zu bringen, daß er einigermaßen mit Appetit zur Nacht speisen

konnte.

Eberhard aber hatte noch eine längere Besprechung mit Jutta. Ihm war

mehr als vordem das Gefühl der Verantwortung zum Bewußtsein gekommen

für seine Schwester. Er hatte sich zu wenig um sie gekümmert, viel zu

wenig! Vor gewissen Ereignissen ihres Lebens stand er wie ein Fremder.

Das war ein fehlerhafter Zustand, der geändert werden mußte.

Schnell war in seinem Kopfe ein Plan fertig. Warum sollte Jutta nicht

nach Berlin kommen? Zwar bei ihm konnte sie natürlich nicht wohnen;

aber bei den Weßlebens wurden ja jetzt ein paar Zimmer frei. Der

Missionar kehrte, nachdem seine Gesundheit hergestellt, auf das Feld

seiner früheren Thätigkeit zurück. Gewiß würde man Frau Weßleben

überreden können, Jutta als Pensionärin aufzunehmen.

Was barg dieser Plan nicht alles für kostbare Möglichkeiten in sich!

Jutta würde sich mit Agathen anfreunden. Ein Band sollte sich zwischen

der einzigen Schwester und der Familie knüpfen, die ihm bereits jetzt

eine zweite Heimat bedeutete. Wie manches würde auch Agathe von Jutta

sehen und lernen, was ihr noch fehlte. Wie würden sich die beiden, so

verschieden gearteten Naturen ergänzen! --

Auch manche kleinen egoistischen Nebenabsichten waren mit diesem Plane

verknüpft. Jutta sollte ihm eine gute Fürsprecherin sein bei seiner

Braut; durch Juttas Einfluß und Vorbild würde Agathe vielleicht etwas

von ihrer herben Sprödigkeit verlieren. Durch Juttas Hilfe würde er

vor allem auch die schönste Gelegenheit finden, mit Agathen jederzeit

zusammenzukommen.

Er erzählte der Schwester, was er sich ausgedacht hatte.

Bereitwilliger, als er erwartet, ging Jutta auf seine Idee ein. Die

Aussicht, Berlin kennen zu lernen, schien für sie äußerst verlockend.

Es sei sowieso im stillen ihr Plan gewesen, in diesem Winter nach

auswärts zu gehen; denn in jeder anderen Stadt wolle sie lieber leben,

als in der Vaterstadt.

Den Bruder hätte das wohl stutzig machen können. Aber in der Freude

über die willkommene Wendung grübelte er nicht darüber nach, was wohl

die Schwester zu einer solchen Abneigung gegen München habe bringen

können.

So nahe man sich auch gekommen war in diesen Tagen, so fehlte ihm doch

der Schlüssel zu einem großen und wichtigen Teile ihres Wesens und

Erlebens.

Liebe ist ewig · 第 26 / 44 题