Agathe unterbrach ihn rasch. »Dann wird Otto auch nicht reisen!«

»Er kann schließlich auch allein fahren. Wir sind doch nicht

miteinander verheiratet, Ihr Bruder und ich!«

Eberhard bereute sofort dieses Wort, als er die Wirkung in ihren Zügen

sah. Sie runzelte unmutig die Stirn.

»Ich wollte Otto vorschlagen ....«

»Nein, geben Sie sich keine Mühe, Herr Reimers! Otto reist sicher nicht

allein. Ich kenne ihn besser, als Sie ihn zu kennen scheinen.«

»Es ist mir um Ottos willen sehr leid, das können Sie glauben, Fräulein

Agathe! Ich fürchte, Sie sind mir böse! Wie? --«

Das Mädchen zuckte nur die Achseln. Sie standen einander immer noch in

der Nähe der Thür gegenüber. Sie hatte ihn nicht aufgefordert, Platz zu

nehmen.

»Man sollte festhalten an dem, was man einmal zugesagt hat, finde ich!«

sagte Agathe und warf das Köpfchen zurück.

»Sie halten mich wohl nun für einen ganz unzuverlässigen Menschen --

was?« --

»Ich sage garnichts dergleichen! Otto thut mir nur furchtbar leid. Sie

wissen wahrscheinlich garnicht, wie große Stücke er auf Sie hält!«

Das Gespräch hatte eine, von Eberhard durchaus nicht erwartete und ihm

sehr unerwünschte Wendung genommen.

»Ich weiß, daß ich Aufklärung schuldig bin,« sagte er. »Wenn Sie hören,

was für triftige Gründe ich habe, zu den Meinen zu reisen, werden Sie

mich entschuldigen, dessen bin ich sicher. Morgen früh schon muß ich

fahren. Gern hätte ich Otto vorher noch gesprochen. Aber vielleicht

sind Sie so gütig, es ihm auszurichten und mich auch Ihren Eltern

gegenüber zu entschuldigen. Ich werde heut abend für längere Zeit zum

letzten Male hier gewesen sein. Vor Beginn des Wintersemesters kehre

ich nicht wieder nach Berlin zurück.«

Er hatte sich von der letzten Bemerkung eine starke Wirkung erwartet,

hatte geglaubt, daß es ihr leid thun werde, ihn so lange Zeit nicht zu

sehen. Wenn das der Fall war, so ließ sich Agathe jedenfalls nichts

davon anmerken. Sie ging, ohne ein Wort zu erwidern, zum Harmonium und

schloß es ab. Dort blieb sie stehen und blickte nach dem Fenster. Er

sah ihr Gesicht kaum noch in der anbrechenden Dämmerung.

Was sollte er thun? Bleiben -- gehen? Und wenn er blieb -- wozu ihr

Benehmen ihn nicht gerade aufforderte -- was sagen? Durfte er ihr

Brunos und Juttas Geheimnis preisgeben? Sollte er dem Mädchen die

Räubergeschichte aufbinden, die er sich unterwegs ausgedacht hatte: von

der plötzlichen Erkrankung seines Vaters; daß er als angehender Arzt

telegraphisch gerufen worden sei, zu dem Patienten zu kommen? --

In Gedanken war das eine ganz nette Erfindung gewesen, besonders auch,

weil sie seiner Bedeutung ein gewisses Relief gab. Aber je länger er

sich's überlegte, desto weniger wollte ihm die Idee gefallen. Es schien

seiner nicht würdig und vor allem nicht der Menschen, denen er solche

Flausen vormachen wollte. Eine innere Stimme warnte ihn davor, irgend

welchen falschen Schein zwischen sich und das junge Mädchen zu bringen.

Rieke trat ins Zimmer. Die Lampe, die sie in der Hand hielt, war wohl

nur ein Vorwand, mit dem sie ihre Neugier beschönigen wollte. Ihr

Blick wanderte von Agathe zu Eberhard. Fast schien es, als sei sie

enttäuscht, die beiden jungen Leute räumlich so weit von einander

getrennt zu sehen. Dann verschwand sie wieder.

Die kleine Lampe mit der milchweißen Glocke machte den Raum nur mäßig

heller. Agathe setzte sich an den Tisch und schlug ein Buch auf, das

dort gerade lag, anscheinend, um darin zu lesen. Ob ihr Verhalten aus

Verlegenheit hervorging, ob es absichtliches Nichtbeachten seiner

Anwesenheit vorstellen sollte, oder ob es beides war, wäre schwer zu

entscheiden gewesen.

Er stand jetzt, mit dem Rücken an das Harmonium gelehnt, ihr gegenüber.

Zwischen sich hatten sie den großen, runden Familientisch mit der

kleinen schlecht brennenden Lampe darauf. Dahinter das steife Sofa mit

den weißen Häkeleien. Wie altmodisch das war! Aber er liebte das alles:

diese verschossenen, wackeligen Möbel, diese altväterischen Bilder an

den Wänden, diesen ganzen unmodernen Hausrat. Es paßte zu den Menschen,

war ein Teil von dem, was für ihn »Weßlebensche Art« war.

»Sie sangen vorhin, als ich kam,« sagte er. »Wollen Sie mir nicht

einmal etwas vorsingen?«

»Nein!« rief Agathe schroff. Er sah, wie sie tief errötete.

Eberhard biß sich auf die Lippen. Esel der er war! Nun hatte er sie

glücklich auch noch beleidigt. --

Beide schwiegen wieder. Ein Fenster stand offen und ließ die

schwüle Abendluft des Großstadt-Sommers ein. Aus der Ferne hörte

man ein dumpfes unklares Summen und Brausen, wie das Stampfen

einer Riesenmaschine. Das Pulsieren des Blutes in einem gewaltigen

Organismus. Berlin tönte so. Eberhard dachte einen Augenblick, daß

dieses kleine Zimmer einer jener Muscheln gleiche, in denen man als

Kind das Branden des Weltmeeres zu hören glaubte. Dann gingen seine

Gedanken wieder andere Wege.

Er sah den geraden weißen Scheitel zwischen dem glatt anliegenden

Haar des sitzenden, immer noch in sein Buch vertieften Mädchens. Die

schmalen Schultern, ihren kaum angedeuteten Busen, der sich gleichmäßig

hob und senkte. Wie klar und einfach und scheinbar durchsichtig alles

an diesem jungen Wesen war. Wenn man nur eines gewußt hätte! -- -- --

Er grübelte schon wieder über ihrem Wesen. Wer war sie? Wie stand's um

ihr Herz? Was steckte hinter ihrer Sprödigkeit? Konnte man ihr denn

kein Zeichen entlocken, von dem, was sie eigentlich fühle? Ob sie

überhaupt fühle? --

Das Schweigen dauerte, lag schließlich wie etwas Körperhaftes fühlbar

zwischen ihnen. Schweigen wird unter Menschen, die einander noch nicht

gefunden haben, zur unerträglichen Qual, wie es bei Seelen, die sich

kennen, Zeichen ist höchster Vertraulichkeit.

Agathe blickte mit einemmale auf, sah ihn fast ängstlich an. Würde er

denn nicht endlich etwas sagen? --

»Ist jemand bei Ihnen zu Haus krank geworden?« fragte sie. Der Ton

klang nicht mehr barsch, eher schüchtern.

»Wie kommen Sie darauf?«

»Weil Sie sagten: Sie müßten so plötzlich reisen!«

»Merkwürdig!« rief Eberhard, »daß Sie mich gerade das fragen müssen!

Wissen Sie, daß ich drauf und dran war .... Nein, ich will Ihnen

die ganze Wahrheit sagen! Ich weiß, daß Sie hiervon niemandem etwas

erzählen werden. Es betrifft das Geheimnis eines Freundes und es

betrifft auch Jutta.«

»Jutta! Ihr fehlt doch nichts?«

»Sie ist gesund. Mein Freund Bruno, von dem ich Ihnen erzählt habe, war

heute bei mir. Zwischen den beiden hat es ein Mißverständnis gegeben.

Das Übrige erlassen Sie mir wohl. Kurz, ich muß reisen! Haben Sie

nicht soviel Vertrauen zu mir, wenn ich Ihnen sage: was ich thue, ist

notwendig, ist meine Pflicht, daß Sie meinem Worte einfach glauben?«

»Ich mißtraue Ihnen nicht!«

»Alle sind sie hier freundlich gegen mich. Ihre Eltern wollen mir wohl,

Ihre Brüder haben mich gern, nur Sie sind mir von vorn herein begegnet,

als wäre ich ein Einbrecher. Ich kann Ihnen versichern, daß mir das

wehe thut!«

Er blickte sie gespannten Blickes an. Sie hatte das Haupt wieder

gesenkt, sodaß er den Eindruck seiner Worte nicht feststellen konnte;

aber er sah ihren Busen fliegen.

»Ich werde versuchen, anders gegen Sie zu sein, wenn -- wenn Sie

wiederkommen,« sagte sie halblaut und blickte zur Seite. »Und ich

danke Ihnen auch, daß Sie mir das gesagt haben -- ich meine von Ihrer

Schwester das, weshalb Sie reisen müssen.«

»Ja, eigentlich habe ich es Ihnen doch garnicht gesagt!«

»Lassen Sie, bitte!« rief sie mit abwehrender Bewegung. »Ich weiß

alles, ohne daß Sie mir's erklären. Ich liebe Ihre Schwester und

bewundre sie so sehr.«

»Aber Sie kennen Jutta garnicht!«

»O, doch doch! Ich habe ein ganz bestimmtes Bild von ihr; das kann

nicht täuschen. Und ich finde es so begreiflich, daß Sie zu ihr wollen.

O, bitte, bitte, grüßen Sie sie von mir!«

»Ich werde Jutta erzählen von Ihnen. Aber können Sie mir denn nichts

mitgeben, ein Bild von sich. Ich habe ja nicht das Geringste, was ich

Jutta zeigen könnte, wenn sie mich fragen wird nach Ihnen. Haben Sie

keine Photographie?«

Agathe sann nach.

»Ein einziges Bild giebt es von mir, aber das ist schon ein paar Jahre

alt. Es ist in Pudelsee gemacht. Wir sind alle darauf, die Eltern und

die Brüder. Soll ich das hergeben?«

Sie schwieg, gab sich keine Mühe, den Kampf zu verbergen, den es ihr

kostete, sich von dem Andenken zu trennen. Eberhard hielt den Atem an,

in ihren Zügen begierig forschend, wie sie sich entscheiden würde.

»Ihnen will ich's geben!« sagte sie in plötzlichem Entschlusse, sah ihn

strahlend an und lief aus dem Zimmer.

Der Raum schien dem jungen Manne auf einmal zu eng. Er trat ans

Fenster, blickte hinaus, als ob er sich bei dem sternbedeckten

Nachthimmel Rat holen wolle.

Sollte er seinem Gefühle folgen? War es weise gehandelt? Zerstörte man

nicht vielleicht durch allzuschnelles Zugreifen die Hoffnungssaat, die,

wenn man Geduld übte, heranreifen mochte?

Was hätte er, der Skeptiker, der Freigeist, in diesem Augenblicke

gegeben um einen Wink von oben. Die nächsten Minuten mußten über sein

Glück entscheiden.

Agathe kam wieder. Sie brachte etwas: ein Kabinettbild in schlichtem

Rahmen. Man trat zur Lampe.

Die Photographie zeigte die Familie Weßleben, in der Mitte das

Elternpaar, die Kinder um sie her. Im Hintergrunde das ländliche

Pfarrhaus. Agathe stand neben dem Vater, eine Hand auf seiner Schulter.

Sie trug noch Zopf. Unter dem kurzen Kleide blickten die weißen

Strümpfe hervor. Das Konterfei war gut; es gab das Mädchen wieder in

seiner ganzen, frühzeitig fertigen, zugleich herben und lieblichen

Eigenart.

Eberhard betrachtete das Bildchen lange. Es übte auf ihn eine

ungewohnte Wirkung aus: es rührte ihn.

»Wollen Sie das haben?« fragte Agathe. »Finden Sie es gut genug, es

Ihrer Schwester zu zeigen?«

»Agathe!« erwiderte er, und suchte alles, was er fühlte, in die paar

armen Worte zu legen. »Ich bin so beglückt! -- Darf ich Jutta sagen,

daß es von einer Schwester kommt?« --

Er sah, wie ein Zittern über ihren jungen Leib ging. Die kleine Lampe

beleuchtete nur unklar den Raum, aber ihm genug: ihr Gesicht. Das war

mit einemmale sehr ernst; nichts Herbes, nichts Abweisendes lag mehr

darin. Schlicht und ernst war sie, wie Menschen in großen Augenblicken

werden. So stand sie ihm eine Weile gegenüber. Dann zuckte ein leises

Lächeln um ihren Mund. Mit der natürlichsten Bewegung reichte sie ihm

die Hand und sagte: »Ja!«

Liebe ist ewig · 第 25 / 44 题