Das Sommersemester neigte sich bereits stark dem Ende zu. Eberhard
wollte dies Jahr nicht, wie die Jahre vorher, während der großen
Ferien ins Ausland reisen, sondern nur an die Ostsee gehen. Irgendwo
auf Rügen, glaubte er, werde er Muße finden zur Arbeit. Denn heuer
mußten dazu auch die Ferien genommen werden; wollte er doch im nächsten
Winter seine Staatsprüfung ablegen. Im Herbst aber sollte er zu kurzem
Aufenthalt nach München kommen, wo, wie der Vater schrieb, Juttas und
Brunos Hochzeit stattfinden werde, bei der er nicht fehlen dürfe.
Otto Weßleben, der auch nicht weit vom Examen stand, wollte Eberhard
Reimers auf seiner Rügen-Fahrt begleiten. Die beiden Freunde hatten
sich's ausgedacht, bei schlichten pommerschen Bauersleuten Quartier zu
nehmen. Man wollte nicht nur repetieren, sondern auch baden, die Insel
durchwandern, segeln, rudern.
Bei den Weßlebens wurde kaum noch von etwas anderem gesprochen, als
von diesem Ausfluge. Eltern und Geschwister freuten sich für Otto,
dessen erste Reise es war. Sie selbst wollten während des Hochsommers
in Berlin bleiben; denn für mehr als ein Familienmitglied langten die
Mittel zum Reisevergnügen nicht.
Wenige Tage vor dem bestimmten Abfahrtstage bekam Eberhard unerwarteten
Besuch. Bruno Knorrig trat ohne Anmeldung plötzlich zu ihm ins Zimmer.
Über fünf Jahre war es nun wohl schon her, daß man einander nicht
gesehen hatte; wichtige Jahre der Entwickelung für die beiden! Man
wußte noch, daß man miteinander befreundet sei, man versicherte es
sich gegenseitig aufs neue, man suchte einander zu überbieten in
Herzlichkeit; aber es blieb in alledem doch etwas Fremdes, Erzwungenes.
Ein zu großes Stück fehlte in der Kette gemeinsamen Erlebens; beim
besten Willen konnte man die beiden Enden nicht mehr zusammenfügen.
Eberhard schlug vor, in eine Kneipe zu gehen, da es auf seiner »Bude«
doch gar zu nüchtern sei. Außerdem wäre es höchste Zeit, meinte er,
daß sie nun endlich mal auf Brunos und Juttas Verlobung eine Flasche
leerten. Es sei ein Skandal, daß das nicht längst geschehen.
Bruno ließ auf diese Aufforderung ein etwas gepreßt klingendes Lachen
hören, das Eberhard auffiel. Überhaupt entsprach sein, zwischen
hastiger Erregung und Gedrücktheit jäh wechselndes Benehmen nicht
gerade dem, was man sich unter einem glücklichen Bräutigam vorstellte.
Der Freund folgte Eberhards Einladung jedoch, und bald saß man in der
gemütlichen Ecke einer Weinstube einander gegenüber und setzte die
Versuche fort, sich näher zu kommen.
Bruno erzählte, daß er seit etwa drei Wochen wieder in Europa sei.
Seine Thätigkeit drüben sei glücklich beendet. Es stehe nun nichts mehr
im Wege, daß er für immer in der Heimat bleibe.
»Und im Oktober ist Hochzeit!« rief Eberhard. »Stoßen wir darauf mal
an, mein Alter! Deshalb, weil wir Schwäger werden sollen, können wir
schließlich immer noch Freunde bleiben, denke ich!«
Bruno zuckte zusammen. Ohne den Freund anzusehen, erwiderte er: »Laß!
Erst muß ich dir etwas erzählen. Ich bin hierher gereist, weil du meine
letzte Hoffnung bist!« ....
Und nun berichtete er dem staunenden Eberhard Folgendes:
Während er in Südamerika gewesen, waren Juttas Briefe an ihn immer
seltener, kürzer und kühler geworden. Er hatte dieser Wandlung des
Tones keine allzu große Bedeutung beigemessen, hoffend, daß all das mit
einem Schlage besser werden würde, wenn er erst wieder bei ihr sein
werde. Aber der Empfang, den sie ihm nach seiner Rückkehr bereitet
hatte, war noch ärger gewesen, als ihre Briefe. So furchtbar es auch
sei, so könne er doch nicht mehr daran zweifeln, daß sie die Absicht
habe, mit ihm zu brechen.
Mehr noch, als seine schlichten Worte, machte seine ganze Art und Weise
auf Eberhard Eindruck. So sprach echte Verzweiflung. Man merkte ihm an,
daß er schwer getroffen sei. Jetzt verstand Eberhard den Freund auf
einmal wieder. Er begriff die Größe seiner Liebe, fühlte mit ihm die
Kränkung, die ihm widerfahren.
Das Eis war gebrochen zwischen den beiden.
Bruno schüttete sein Herz aus. Was eigentlich vorgegangen sei mit
Jutta, konnte er nicht angeben. Man war auf Vermutungen angewiesen.
Neigung zu einem anderen Manne konnte es nicht wohl sein; sie hatte ja
im vorigen Winter ein völlig zurückgezogenes Leben unter den Augen der
Ihren geführt.
Eberhard erkundigte sich: wie denn die beiderseitigen Väter die Sache
auffaßten? --
»Mein Vater,« erwiderte Bruno, »ist schnell fertig. Für ihn bedeutet
Verlobung Verlobung; ein Kontrakt, wie jeder andere. Du kennst ihn ja!
Jeder Kontrahent ist gebunden, seine Zusage zu erfüllen. Ein Esel wäre
in seinen Augen, wer von seinem guten Recht nicht bis zum äußersten
Gebrauch machte.«
»Und ~mein~ Vater?« fragte Eberhard.
»Auch er bleibt seiner Natur getreu. Er sieht die Sache im rosigsten
Lichte, meint, das seien Mädchenlaunen, die nichts bedeuteten. Jede
richtige Braut hätte wohl solche Anwandlungen. Das mache den Brautstand
ja so pikant, daß man sich das Mädel immer wieder zurückerobern müsse.
-- Sie haben beide schön reden, die Alten! Ich allein weiß, wie
verzweifelt meine Sache steht!«
»Hat dir meine Schwester direkt gesagt, daß sie dich nicht will?«
»Schlimmer als das! Sie hat mich durchfühlen lassen, daß sie es als
Ehrlosigkeit betrachte von meiner Seite, wenn ich mich weiterhin als
ihren Bräutigam ansähe.«
»Ein starkes Stück!«
»Ich habe ihr erklärt, ich würde zurücktreten, wenn sie mir die Gründe
ihres Meinungswechsels glaubhaft machen werde.«
»Hat sie das gethan?«
»Sie verweigert jede Erklärung. So stehen die Dinge augenblicklich
zwischen uns. Ich fühle, daß dieser Zustand völlig unhaltbar ist.
Zwingen kann ich sie ja nicht, wie mein Vater will; aber fahren
lassen -- einfach mein Wort zurückgeben .... Ich glaube nicht, daß du
begreifen kannst, was das für mich heißen würde.«
Bruno war blaß geworden und zitterte am ganzen Leibe. Das Weinen schien
ihm nahe.
Er that Eberhard in tiefster Seele leid. Männer können einander in
Sachen der Liebe selten verstehen, weil fast immer Eifersucht in irgend
einer Form zwischen ihnen steht. Eberhard aber stellte sich hier von
vornherein auf Seite des Freundes gegen die Schwester. Einen schweren
Treuebruch schien ihm das Mädchen zu begehen.
»Kann ich dir irgendwie helfen, armer Kerl?« fragte er.
»Um dich darum zu bitten, bin ich hier!« antwortete Bruno. »Du bist
schließlich der einzige Mensch, der Einfluß hat auf Jutta. Ich weiß
es, daß sie auf dein Urteil großen Wert legt. Ich will nicht etwa,
daß du sie überreden sollst zu etwas, das sie nicht will; verstehe
mich nicht falsch! Ich dachte nur, wenn du versuchtest, sie auf sich
selbst zurückzuführen. Sie hat mich doch lieb gehabt, würde sie mir
sonst ihr Jawort gegeben haben damals! Aber seitdem hat sich irgend
etwas ereignet, was sie mir nicht sagen will oder nicht sagen kann.
Vielleicht ist sie gegen dich offenherziger.«
»Ich verstehe dich vollständig, Bruno, und ich denke, ich bin der
Mission gewachsen! Soll ich sogleich mit dir nach München fahren?«
»Dein Vater und Jutta sind bereits nach Berchtesgaden abgereist.
Ursprünglich sollte auch ich mitkommen; aber nach den Erfahrungen
blieb ich lieber weg. Angeblich bin ich auf einer Geschäftsreise am
Rhein. Ich kann auch nur kurze Zeit hier bleiben. Wenn du etwas für
mich thun wolltest, das wäre herrlich! Niemals würde ich dir den
Freundschaftsdienst vergessen! Aber das sage ich dir gleich: leicht
wirds nicht werden. Jutta ist sehr, sehr schwer zu behandeln. Ich
fürchte, ich habe es von vornherein mit ihr versehen.«
»Na, wollen mal sehen!« rief Eberhard in zuversichtlichem Tone. »Ich
bin schon manchmal mit meiner kleinen Schwester fertig geworden, wenn
alle anderen verzweifelten. Sie ist doch schließlich auch nur ein
Frauenzimmer!«
* * * * *
Der Plan, mit Otto Weßleben nach Rügen zu fahren, war damit ins Wasser
gefallen. Eberhard sagte sich, daß der Freundschaftsdienst, den Bruno
von ihm erbeten hatte, allem andern vorangehen müsse.
Wenn er einmal nach Bayern reiste, dann wollte er gleich für einige
Zeit mit den Seinen zusammenbleiben. Was ihm Bruno mitteilte, mahnte
Eberhard daran, daß er sich ihnen allzu lange ferngehalten habe.
Sicherlich würde es soweit nicht gekommen sein, wenn er, der Bruder,
in der Schwester Nähe geblieben wäre. Jutta brauchte, wie's schien,
dringend jemanden, der sie beriet.
Nachdem er Bruno noch auf den Bahnhof geleitet hatte, wobei er
versuchte, ihm Mut einzusprechen und ihn zu trösten, trat er im späten
Nachmittage die Fahrt an nach dem Hause am Johannistisch. Er mußte
es doch nun den Weßlebens und vor allem Otto mitteilen, daß aus ihrem
Sommerausflug nichts werden könne.
Unangenehm genug war der Gang. Den eigentlichen Grund, weshalb er nach
dem Süden reiste, statt, wie verabredet, nach dem Norden, konnte er
den guten Leuten nicht einmal angeben. Man mußte sich eben irgend eine
Notlüge ausdenken. Dabei wußte er doch nur zu gut, wie sie sich alle
gefreut hatten.
Bei den Weßlebens fand er die Vorsaalthür offen. Rieke, das
Dienstmädchen, das der Herrschaft von Pudelsee nach Berlin gefolgt
war, stand am Thürstock mit dem Reinigen von Kleidern beschäftigt.
Nach Art alter Dienstboten nahm sich Rieke Vertraulichkeiten heraus
gegen Bekannte des Hauses. Wahrscheinlich dachte sie sich ihr Teil bei
den häufigen Besuchen dieses schmucken, jungen Mannes. Übrigens stand
sie mit ihrem Herzen wie mit ihrem Mundwerk -- das letztere trat mehr
hervor -- auf Seiten Eberhards.
Schon auf der Treppe hörte er durch die offenstehende Thür Musik
ertönen. Es klang wie Harmonium, zu dem gesungen wurde. Näher kommend,
erkannte er Agathens Stimme; oder vielmehr, da er sie noch nie hatte
singen hören, er vermutete, daß sie die Sängerin sei.
Rieke lächelte ihm verständnisvoll zu. »'t is unser Fräulein! Det arme
Ding! Se hat och nich vill Spaß vom Leben!«
Unwillkürlich blieb Eberhard stehen und lauschte den Tönen. Die Stimme
war schön; er wußte das schon vom Hörensagen. Niemals war Agathe zu
bewegen gewesen, in seiner Gegenwart zu singen. Nun bekam er doch mal
was davon zu hören, ohne ihr Wissen und Wollen.
Es war Susannens Brautlied aus dem Figaro. Agathe sang es, wie jemand,
der ohne Noten frei nach dem Gehör wiedergiebt, auch den Text variierte
sie ein wenig. Ihm fiel dabei ein, daß sie neulich mit ihrer Mutter auf
geschenkte Billets im Opernhause gewesen sei. Daher die Reminiscenz!
»Se is janz alleene!« sagte Rieke und wies mit der Kleiderbürste
über die Schulter nach dem Quartier. »De Herrens sind in der inneren
Mission. Ick jlobe, unser Diakonus hält heute ne jroße Rede. Und
de Frau is och jegangen. Aber de Kleene haben se nich mitjenommen;
et handelt sich nämlich von ›Sitte‹. -- Von so wat darf Agathchen
natürlich noch nichts wissen! Nu vertreibt se sich de Zeit auf ihre
Façong. Soll ick anmelden, Herr Reimers?«
Sie wartete garnicht erst die Antwort ab, lief in den Flur und öffnete
die Thür zum Wohnzimmer. Der Gesang verstummte sofort.
Klopfenden Herzens trat Eberhard ein. Er war doch wirklich nicht so
ängstlich sonst! Was war denn weiter dabei: ein +tête-à-tête+
mit dem jungen Dinge! Konnte er sie nicht bitten, daß sie ihm das
Liebeslied nochmal singe? Wurde sie darüber verlegen, so war die
Situation ja nur um so pikanter. --
Aber vor Agathens klaren, erstaunt und unwillig auf den Eindringling
gerichteten Augen verging ihm aller Mut zu der witzelnden Bemerkung,
die ihm auf der Zunge lag.
Er fragte vielmehr, sich unwissend stellend, ob Otto zu Haus sei. Und
als sie dies verneinte, wo die Eltern seien. Ihr Anblick verwirrte ihn
ganz. ›Wozu lüge ich nur?‹ fragte er sich. ›Sie durchschaut mich ja
doch mit diesen Augen!‹
Auf irgend eine Weise mußte er diesem Zusammensein einen zufälligen und
harmlosen Anstrich geben. »Ich bin hier!« begann er, »um eine recht
unangenehme Mitteilung zu machen. Aus unserer Rügen-Fahrt wird leider
nichts werden können, wenigstens soweit es mich betrifft. Ich muß nach
Haus.«