XVI.

Das Sommersemester neigte sich bereits stark dem Ende zu. Eberhard

wollte dies Jahr nicht, wie die Jahre vorher, während der großen

Ferien ins Ausland reisen, sondern nur an die Ostsee gehen. Irgendwo

auf Rügen, glaubte er, werde er Muße finden zur Arbeit. Denn heuer

mußten dazu auch die Ferien genommen werden; wollte er doch im nächsten

Winter seine Staatsprüfung ablegen. Im Herbst aber sollte er zu kurzem

Aufenthalt nach München kommen, wo, wie der Vater schrieb, Juttas und

Brunos Hochzeit stattfinden werde, bei der er nicht fehlen dürfe.

Otto Weßleben, der auch nicht weit vom Examen stand, wollte Eberhard

Reimers auf seiner Rügen-Fahrt begleiten. Die beiden Freunde hatten

sich's ausgedacht, bei schlichten pommerschen Bauersleuten Quartier zu

nehmen. Man wollte nicht nur repetieren, sondern auch baden, die Insel

durchwandern, segeln, rudern.

Bei den Weßlebens wurde kaum noch von etwas anderem gesprochen, als

von diesem Ausfluge. Eltern und Geschwister freuten sich für Otto,

dessen erste Reise es war. Sie selbst wollten während des Hochsommers

in Berlin bleiben; denn für mehr als ein Familienmitglied langten die

Mittel zum Reisevergnügen nicht.

Wenige Tage vor dem bestimmten Abfahrtstage bekam Eberhard unerwarteten

Besuch. Bruno Knorrig trat ohne Anmeldung plötzlich zu ihm ins Zimmer.

Über fünf Jahre war es nun wohl schon her, daß man einander nicht

gesehen hatte; wichtige Jahre der Entwickelung für die beiden! Man

wußte noch, daß man miteinander befreundet sei, man versicherte es

sich gegenseitig aufs neue, man suchte einander zu überbieten in

Herzlichkeit; aber es blieb in alledem doch etwas Fremdes, Erzwungenes.

Ein zu großes Stück fehlte in der Kette gemeinsamen Erlebens; beim

besten Willen konnte man die beiden Enden nicht mehr zusammenfügen.

Eberhard schlug vor, in eine Kneipe zu gehen, da es auf seiner »Bude«

doch gar zu nüchtern sei. Außerdem wäre es höchste Zeit, meinte er,

daß sie nun endlich mal auf Brunos und Juttas Verlobung eine Flasche

leerten. Es sei ein Skandal, daß das nicht längst geschehen.

Bruno ließ auf diese Aufforderung ein etwas gepreßt klingendes Lachen

hören, das Eberhard auffiel. Überhaupt entsprach sein, zwischen

hastiger Erregung und Gedrücktheit jäh wechselndes Benehmen nicht

gerade dem, was man sich unter einem glücklichen Bräutigam vorstellte.

Der Freund folgte Eberhards Einladung jedoch, und bald saß man in der

gemütlichen Ecke einer Weinstube einander gegenüber und setzte die

Versuche fort, sich näher zu kommen.

Bruno erzählte, daß er seit etwa drei Wochen wieder in Europa sei.

Seine Thätigkeit drüben sei glücklich beendet. Es stehe nun nichts mehr

im Wege, daß er für immer in der Heimat bleibe.

»Und im Oktober ist Hochzeit!« rief Eberhard. »Stoßen wir darauf mal

an, mein Alter! Deshalb, weil wir Schwäger werden sollen, können wir

schließlich immer noch Freunde bleiben, denke ich!«

Bruno zuckte zusammen. Ohne den Freund anzusehen, erwiderte er: »Laß!

Erst muß ich dir etwas erzählen. Ich bin hierher gereist, weil du meine

letzte Hoffnung bist!« ....

Und nun berichtete er dem staunenden Eberhard Folgendes:

Während er in Südamerika gewesen, waren Juttas Briefe an ihn immer

seltener, kürzer und kühler geworden. Er hatte dieser Wandlung des

Tones keine allzu große Bedeutung beigemessen, hoffend, daß all das mit

einem Schlage besser werden würde, wenn er erst wieder bei ihr sein

werde. Aber der Empfang, den sie ihm nach seiner Rückkehr bereitet

hatte, war noch ärger gewesen, als ihre Briefe. So furchtbar es auch

sei, so könne er doch nicht mehr daran zweifeln, daß sie die Absicht

habe, mit ihm zu brechen.

Mehr noch, als seine schlichten Worte, machte seine ganze Art und Weise

auf Eberhard Eindruck. So sprach echte Verzweiflung. Man merkte ihm an,

daß er schwer getroffen sei. Jetzt verstand Eberhard den Freund auf

einmal wieder. Er begriff die Größe seiner Liebe, fühlte mit ihm die

Kränkung, die ihm widerfahren.

Das Eis war gebrochen zwischen den beiden.

Bruno schüttete sein Herz aus. Was eigentlich vorgegangen sei mit

Jutta, konnte er nicht angeben. Man war auf Vermutungen angewiesen.

Neigung zu einem anderen Manne konnte es nicht wohl sein; sie hatte ja

im vorigen Winter ein völlig zurückgezogenes Leben unter den Augen der

Ihren geführt.

Eberhard erkundigte sich: wie denn die beiderseitigen Väter die Sache

auffaßten? --

»Mein Vater,« erwiderte Bruno, »ist schnell fertig. Für ihn bedeutet

Verlobung Verlobung; ein Kontrakt, wie jeder andere. Du kennst ihn ja!

Jeder Kontrahent ist gebunden, seine Zusage zu erfüllen. Ein Esel wäre

in seinen Augen, wer von seinem guten Recht nicht bis zum äußersten

Gebrauch machte.«

»Und ~mein~ Vater?« fragte Eberhard.

»Auch er bleibt seiner Natur getreu. Er sieht die Sache im rosigsten

Lichte, meint, das seien Mädchenlaunen, die nichts bedeuteten. Jede

richtige Braut hätte wohl solche Anwandlungen. Das mache den Brautstand

ja so pikant, daß man sich das Mädel immer wieder zurückerobern müsse.

-- Sie haben beide schön reden, die Alten! Ich allein weiß, wie

verzweifelt meine Sache steht!«

»Hat dir meine Schwester direkt gesagt, daß sie dich nicht will?«

»Schlimmer als das! Sie hat mich durchfühlen lassen, daß sie es als

Ehrlosigkeit betrachte von meiner Seite, wenn ich mich weiterhin als

ihren Bräutigam ansähe.«

»Ein starkes Stück!«

»Ich habe ihr erklärt, ich würde zurücktreten, wenn sie mir die Gründe

ihres Meinungswechsels glaubhaft machen werde.«

»Hat sie das gethan?«

»Sie verweigert jede Erklärung. So stehen die Dinge augenblicklich

zwischen uns. Ich fühle, daß dieser Zustand völlig unhaltbar ist.

Zwingen kann ich sie ja nicht, wie mein Vater will; aber fahren

lassen -- einfach mein Wort zurückgeben .... Ich glaube nicht, daß du

begreifen kannst, was das für mich heißen würde.«

Bruno war blaß geworden und zitterte am ganzen Leibe. Das Weinen schien

ihm nahe.

Er that Eberhard in tiefster Seele leid. Männer können einander in

Sachen der Liebe selten verstehen, weil fast immer Eifersucht in irgend

einer Form zwischen ihnen steht. Eberhard aber stellte sich hier von

vornherein auf Seite des Freundes gegen die Schwester. Einen schweren

Treuebruch schien ihm das Mädchen zu begehen.

»Kann ich dir irgendwie helfen, armer Kerl?« fragte er.

»Um dich darum zu bitten, bin ich hier!« antwortete Bruno. »Du bist

schließlich der einzige Mensch, der Einfluß hat auf Jutta. Ich weiß

es, daß sie auf dein Urteil großen Wert legt. Ich will nicht etwa,

daß du sie überreden sollst zu etwas, das sie nicht will; verstehe

mich nicht falsch! Ich dachte nur, wenn du versuchtest, sie auf sich

selbst zurückzuführen. Sie hat mich doch lieb gehabt, würde sie mir

sonst ihr Jawort gegeben haben damals! Aber seitdem hat sich irgend

etwas ereignet, was sie mir nicht sagen will oder nicht sagen kann.

Vielleicht ist sie gegen dich offenherziger.«

»Ich verstehe dich vollständig, Bruno, und ich denke, ich bin der

Mission gewachsen! Soll ich sogleich mit dir nach München fahren?«

»Dein Vater und Jutta sind bereits nach Berchtesgaden abgereist.

Ursprünglich sollte auch ich mitkommen; aber nach den Erfahrungen

blieb ich lieber weg. Angeblich bin ich auf einer Geschäftsreise am

Rhein. Ich kann auch nur kurze Zeit hier bleiben. Wenn du etwas für

mich thun wolltest, das wäre herrlich! Niemals würde ich dir den

Freundschaftsdienst vergessen! Aber das sage ich dir gleich: leicht

wirds nicht werden. Jutta ist sehr, sehr schwer zu behandeln. Ich

fürchte, ich habe es von vornherein mit ihr versehen.«

»Na, wollen mal sehen!« rief Eberhard in zuversichtlichem Tone. »Ich

bin schon manchmal mit meiner kleinen Schwester fertig geworden, wenn

alle anderen verzweifelten. Sie ist doch schließlich auch nur ein

Frauenzimmer!«

* * * * *

Der Plan, mit Otto Weßleben nach Rügen zu fahren, war damit ins Wasser

gefallen. Eberhard sagte sich, daß der Freundschaftsdienst, den Bruno

von ihm erbeten hatte, allem andern vorangehen müsse.

Wenn er einmal nach Bayern reiste, dann wollte er gleich für einige

Zeit mit den Seinen zusammenbleiben. Was ihm Bruno mitteilte, mahnte

Eberhard daran, daß er sich ihnen allzu lange ferngehalten habe.

Sicherlich würde es soweit nicht gekommen sein, wenn er, der Bruder,

in der Schwester Nähe geblieben wäre. Jutta brauchte, wie's schien,

dringend jemanden, der sie beriet.

Nachdem er Bruno noch auf den Bahnhof geleitet hatte, wobei er

versuchte, ihm Mut einzusprechen und ihn zu trösten, trat er im späten

Nachmittage die Fahrt an nach dem Hause am Johannistisch. Er mußte

es doch nun den Weßlebens und vor allem Otto mitteilen, daß aus ihrem

Sommerausflug nichts werden könne.

Unangenehm genug war der Gang. Den eigentlichen Grund, weshalb er nach

dem Süden reiste, statt, wie verabredet, nach dem Norden, konnte er

den guten Leuten nicht einmal angeben. Man mußte sich eben irgend eine

Notlüge ausdenken. Dabei wußte er doch nur zu gut, wie sie sich alle

gefreut hatten.

Bei den Weßlebens fand er die Vorsaalthür offen. Rieke, das

Dienstmädchen, das der Herrschaft von Pudelsee nach Berlin gefolgt

war, stand am Thürstock mit dem Reinigen von Kleidern beschäftigt.

Nach Art alter Dienstboten nahm sich Rieke Vertraulichkeiten heraus

gegen Bekannte des Hauses. Wahrscheinlich dachte sie sich ihr Teil bei

den häufigen Besuchen dieses schmucken, jungen Mannes. Übrigens stand

sie mit ihrem Herzen wie mit ihrem Mundwerk -- das letztere trat mehr

hervor -- auf Seiten Eberhards.

Schon auf der Treppe hörte er durch die offenstehende Thür Musik

ertönen. Es klang wie Harmonium, zu dem gesungen wurde. Näher kommend,

erkannte er Agathens Stimme; oder vielmehr, da er sie noch nie hatte

singen hören, er vermutete, daß sie die Sängerin sei.

Rieke lächelte ihm verständnisvoll zu. »'t is unser Fräulein! Det arme

Ding! Se hat och nich vill Spaß vom Leben!«

Unwillkürlich blieb Eberhard stehen und lauschte den Tönen. Die Stimme

war schön; er wußte das schon vom Hörensagen. Niemals war Agathe zu

bewegen gewesen, in seiner Gegenwart zu singen. Nun bekam er doch mal

was davon zu hören, ohne ihr Wissen und Wollen.

Es war Susannens Brautlied aus dem Figaro. Agathe sang es, wie jemand,

der ohne Noten frei nach dem Gehör wiedergiebt, auch den Text variierte

sie ein wenig. Ihm fiel dabei ein, daß sie neulich mit ihrer Mutter auf

geschenkte Billets im Opernhause gewesen sei. Daher die Reminiscenz!

»Se is janz alleene!« sagte Rieke und wies mit der Kleiderbürste

über die Schulter nach dem Quartier. »De Herrens sind in der inneren

Mission. Ick jlobe, unser Diakonus hält heute ne jroße Rede. Und

de Frau is och jegangen. Aber de Kleene haben se nich mitjenommen;

et handelt sich nämlich von ›Sitte‹. -- Von so wat darf Agathchen

natürlich noch nichts wissen! Nu vertreibt se sich de Zeit auf ihre

Façong. Soll ick anmelden, Herr Reimers?«

Sie wartete garnicht erst die Antwort ab, lief in den Flur und öffnete

die Thür zum Wohnzimmer. Der Gesang verstummte sofort.

Klopfenden Herzens trat Eberhard ein. Er war doch wirklich nicht so

ängstlich sonst! Was war denn weiter dabei: ein +tête-à-tête+

mit dem jungen Dinge! Konnte er sie nicht bitten, daß sie ihm das

Liebeslied nochmal singe? Wurde sie darüber verlegen, so war die

Situation ja nur um so pikanter. --

Aber vor Agathens klaren, erstaunt und unwillig auf den Eindringling

gerichteten Augen verging ihm aller Mut zu der witzelnden Bemerkung,

die ihm auf der Zunge lag.

Er fragte vielmehr, sich unwissend stellend, ob Otto zu Haus sei. Und

als sie dies verneinte, wo die Eltern seien. Ihr Anblick verwirrte ihn

ganz. ›Wozu lüge ich nur?‹ fragte er sich. ›Sie durchschaut mich ja

doch mit diesen Augen!‹

Auf irgend eine Weise mußte er diesem Zusammensein einen zufälligen und

harmlosen Anstrich geben. »Ich bin hier!« begann er, »um eine recht

unangenehme Mitteilung zu machen. Aus unserer Rügen-Fahrt wird leider

nichts werden können, wenigstens soweit es mich betrifft. Ich muß nach

Haus.«

Liebe ist ewig · 第 24 / 44 题