Der Erfolg, der so lange auf sich hatte warten lassen, war mit
einemmale über Nacht zu Xaver Pangor gekommen.
Es hatte sich nämlich mit der Zeit in den tonangebenden Kreisen der
Künstlerschaft herumgesprochen, daß da ein vergessener Kollege sei,
der seine besonderen Wege gehe, der seine eigene Technik habe und
ungewöhnliche Ziele verfolge. Frühere Mitschüler von der Akademie
entsannen sich dieses wunderbaren Heiligen, der sich's in den Kopf
gesetzt hatte, alle Eselsbrücken moderner Bildhauer-Technik zu
verschmähen. Neugier trieb die Leute in Pangors Atelier. Ein Händler,
der Nase hatte für das, was auf dem Wege war, Mode zu werden, kaufte
ein paar Arbeiten von ihm an und stellte sie aus. Der Herausgeber
einer angesehenen Kunstzeitschrift ließ Aufnahmen davon machen und
publicierte sie. Ein Kritiker, der das Gras wachsen hörte, schrieb
Artikel über Xaver Pangor, in welchen er sich als Entdecker dieses
neuen Sternes aufspielte. Ein anderer Kritiker, der, weil er der
entgegengesetzten Clique angehörte, principiell alles befehdete, was
jener schrieb, erließ eine geharnischte Entgegnung. Kurz, der Name
»Xaver Pangor« kam nichtmehr zur Ruhe. Es war unter den Eingeweihten
Mode geworden, von ihm zu sprechen. Er gehörte fortan zu den
Persönlichkeiten, die nichtmehr totgeschwiegen werden konnten.
Xaver selbst lächelte über den Kampf, der mit einem Male um seine
Person entstanden war. Er hatte sich früher nicht um die öffentliche
Meinung groß gekümmert, jetzt, wo er die Kinderschuhe ausgetreten und
schon eine ganze Strecke Wegs selbständig vorangeschritten war, konnte
sie ihn erst recht nicht beeinflussen oder gar beirren in seinem
Schaffen.
Aber jemand war, der sich über seinen Erfolg innig freute: Lieschen.
Es that ihrem Herzen doch wohl, ihren Freund nun endlich auch von der
Öffentlichkeit anerkannt zu sehen.
Das Mißgeschick wollte, daß Lieschen gerade in jener Zeit ans Bett
gefesselt war; so konnte sie an seinem Triumphe nur von weitem
teilnehmen.
Über ihr schlechtes Befinden sprach Lieschen nicht gern, nannte es
»Schwäche«, die bald vorübergehen werde. Selbst Jutta erfuhr nicht, daß
es ein Rückfall sei in ein schweres, inneres Leiden, das sie vor Jahren
sich zugezogen, als sie zu zeitig das Wochenbett verlassen hatte.
Jutta war viel bei Lieschen, suchte ihr die Zeit zu vertreiben durch
Erzählen und Vorlesen. Zur besonderen Aufgabe hatte sie es sich
gemacht, alles, was in den Blättern über Xaver erschien, aufzustöbern
und der Freundin mitzuteilen. Sein Name spielte fortgesetzt eine große
Rolle in den Gesprächen der beiden.
Pangor hatte neuerdings ein paar Arbeiten vollendet: den Entwurf zu
einem Monumentalbrunnen und ein Grabdenkmal. Die Werke waren in seinem
Atelier ausgestellt zur Besichtigung. Lieschen hätte nur zu gern
gesehen, was er geschaffen, hoffte von Tag zu Tag auf Besserung; aber
ihre Niederlage zog sich diesmal ungewöhnlich lange hin und verbot ihr
jeden Gedanken ans Ausgehen.
Lieschen hatte Jutta schon wiederholt gebeten, daß sie sich Xavers
neueste Arbeiten ansehen möge. Aber Jutta wollte nicht allein gehen.
Selbst Lieschens Einwand, daß jetzt sein Atelier ein öffentlicher Ort
geworden sei, den jedermann unbedenklich aufsuchen könne, wieviel mehr
eine Freundin, verfing nicht. Jutta erklärte, warten zu wollen, bis
Lieschen ganz hergestellt sei, dann müsse der erste Ausgang dem Freunde
gelten. Mit ihr wolle sie gern gehen, allein sei es nur halber Genuß.
Bis schließlich Xaver, als er sie eines Tages bei Lieschen traf, selbst
bat, Jutta möge kommen, wenn sie das Grabdenkmal noch sehen wolle; der
Besteller habe die Überführung an seinen Platz bereits verlangt. Jutta
konnte nun nicht mehr ausweichen; ihr Besuch wurde für den nächsten Tag
zu bestimmter Stunde verabredet.
Das Atelier war aufgeräumt. Jutta konnte sich nicht entsinnen, es so
gesehen zu haben. Die Diele schien frisch gescheuert, der schlimmste
Staub entfernt. Der Bildhauer machte scherzend darauf aufmerksam, daß
mit der Berühmtheit auch die Ordnung bei ihm eingezogen sei.
In schön geformter Vase standen ein paar auserlesene Orchideenstengel.
Xaver nahm sie vorsichtig heraus. »Die sind für Sie!« sagte er und
überreichte die Blumen.
»Ich werde sie Lieschen bringen!« erwiderte Jutta.
»Nein, für Lieschen habe ich Rosen. Die hier sind besonders für Sie
ausgesucht, weil ich weiß, daß Sie Orchideen zu schätzen wissen.«
Jutta mußte die Blumen annehmen. Wenn's auch gut gemeint war von ihm,
er hätte das doch nicht thun sollen! Es kam Jutta wie ein Unrecht vor
gegen Lieschen; sie wunderte sich, daß er das nicht auch so fühlte.
Aber der anfängliche peinliche Eindruck wurde schnell verwischt
durch das, was sie nun zu sehen bekam. Der Künstler zeigte ihr
seine Arbeiten. Jutta fand auch hier die Eigenschaften wieder, die
sie an allem, was von seiner Hand stammte, so sehr bewunderte:
die große ruhige Linie, den kühnen Vortrag, die wuchtige Kraft,
und dabei die Einfachheit die jedem seiner Werke den Stempel der
Selbstverständlichkeit aufdrückte, daß man sich sagte: so und nicht
anders durfte es sein.
Übrigens schuf Pangor längst wieder an einem neuen Werke. Ein
Ringerpaar, nackte Männer in Lebensgröße für Marmor berechnet, war's
diesmal. Er machte das ohne Bestellung, wie er sagte, für sich selbst,
um seiner Freude an der Bewegung, dem schwellenden Muskelspiel, der
ganzen lebendigen, blühenden Schönheit des menschlichen Körpers Genüge
zu thun.
Ein mächtiger, erst teilweis bearbeiteter Marmorblock lag da. Der
Bildhauer machte Jutta aufmerksam auf die Schönheit des Steines, die
Feinheit und Gleichmäßigkeit seines Kornes, den weichen Schimmer
seiner Tiefen, das Licht, welches gleichsam von seiner Oberfläche
ausstrahlte.
»In solchem Material arbeiten, ist das Höchste, was ich kenne!« rief
er, und seine Augen leuchteten. »Was ist dagegen Holz, Gips, selbst
Bronze! Marmor allein giebt eine Ahnung von der geheimnisvollen
Schönheit des nackten Leibes, von seiner transparenten Leuchtkraft,
seiner kernigen Schmiegsamkeit, von der ganzen Intimität seiner Reize.
Für mich ist solcher Stein lebendig. Gestalten schlummern darin; ich
muß sie zum Dasein befreien!« --
Xaver sprach begeistert. Der Eifer des Künstlers kam über ihn. Er griff
nach Meißel und Klöpfel und begann mit starken, sicheren Schlägen eine
Schulterpartie aus dem Steine herauszuholen. Das fertige Thonmodell der
Ringergruppe stand vor ihm; aber er nahm sich nicht erst die Zeit zum
Nachmessen und Punktieren. Bei solch ängstlichem Rechenwerk gehe ihm
zuviel Stimmung verloren, erklärte er.
Jutta hatte das Gefühl, einen anderen, größeren Menschen vor sich zu
haben, wie sie ihn so bei der Arbeit sah. Hier kam der Mann in seiner
ganzen, für gewöhnlich verhaltenen Kraft zur Geltung. Hier beherrschte
er als souveräner Herr sein eigenstes Gebiet.
Er sprach kein Wort mehr. Alle Aufmerksamkeit war auf Stein und
Instrument konzentriert. Die Blicke waren fliegend, gleichsam greifend.
Auf dem Gesicht mit der hohen, vorspringenden Stirn, den finster
zusammengezogenen Brauen, den fest aufeinandergepreßten Lippen, lag
bedeutsamer Ernst.
»So!« rief er nach einiger Zeit. »Jetzt haben Sie einen Begriff.
Nichtwahr? Hierbei gilt's alles, was einem der liebe Gott mitgegeben
hat, zusammennehmen; da muß hinter jedem Schlage der ganze Kerl stehen.
Radieren, Übermalen, Korrigieren wie bei euch Malern kennen wir nicht.
Ein einziger falscher Schlag, und das Ganze ist verdorben. Ich liebe
es, so zu arbeiten, im steten Gefühle der Verantwortlichkeit, im
Bewußtsein der Gefahr. Das ist Männerarbeit. Man kann's oder man kann's
nicht! Mit Kunstgeschmack und gutem Willen allein ist unsre Arbeit
nicht gethan. Vor Dilettantismus sind wir sicher. Gott sei Dank!«
Er legte sein Werkzeug bei seite, ging an die Wasserleitung und wusch
sich die Hände.
»Ich bin ein merkwürdiger Wirt!« sagte er. »Entschuldigen Sie nur!«
Mit einemmale war aus dem großen Künstler wieder der harmlose einfache
Xaver geworden.
»Setzen wir uns!« rief er und schob ihr einen Hocker zu. »Denken Sie,
Lieschen wäre bei uns, und lassen Sie uns ein wenig plauschen.«
* * * * *
Jutta holte ihren lange Zeit hindurch vernachlässigten Stickrahmen
wieder hervor. Auserlesene Stoffe wurden mit schimmernden Fäden
bestickt. Ein Rückfall schien's in Jugendliebhaberei. Aber viel
kräftiger und kühner waren jetzt Linie, Form und Farbe.
Unwichtig, spielerisch, weiblich unbedeutend wäre ihr solches Thun noch
vor einem halben Jahre erschienen, aber nun hatte Xaver sie gelehrt,
daß keine Thätigkeit so unbedeutend sei, um nicht von der Kunst geadelt
zu werden. Beständig waren ihr seine Worte darüber gegenwärtig, der
Gedanke an sein Vorbild führte ihr die Hand. Zeigen, was sie arbeitete,
wollte sie ihm nicht. Sein Lob war ihr nicht von Nöten; wenn nur das,
was sie that, seiner würdig war.
Ihr Vater überraschte sie einigemale bei derartiger Arbeit. Er lächelte
verständnisvoll. »Ach, für deine Ausstattung!« -- und ein andermal:
»Das wird für Brunos Zimmer, ich wette!«
Ausstattung, Hochzeit, Bruno! -- Wie fremd das anmutete! Oft vergaß sie
gänzlich, daß sie Braut sei. Wenn ein Wort, ein Ereignis, eine Frage,
sie daran erinnerte, berührte sie's wie körperlicher Schmerz.
Und wenn ein Brief von Bruno ankam, konnte sie sich lange nicht
entschließen, ihn zu öffnen. Um an ihn zu schreiben, mußte sie sich
geradezu einen Stoß geben. Sie schrieb dann mechanisch ganz kindische,
einfältige Sachen, las das Geschriebene nie wieder durch. Das Herz auf
keinen Fall, kaum der Verstand, hatte damit etwas zu thun.
Allewelt nahm natürlich stillschweigend an, daß sie sich auf nichts
mehr freue, als auf Brunos Rückkehr. Ihr Vater fragte sie wie oft
scherzweise: »Nun, kleine Jutta, wieviel Tage sind es noch?« --
Die Hänseleien des Vaters waren schrecklich! Mußte sie denn immer und
immer wieder an die größte aller Unklugheiten erinnert werden! --
Wie hatte sie nur gekonnt? Welch böser Dämon hatte hinter ihr
gestanden? War sie denn blind gewesen, nicht bei Sinnen, oder betäubt?
Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, in welcher Verfassung des
Gemütes sie sich befunden, als sie Bruno ihr Jawort gegeben hatte.
Die Jutta von damals und die Jutta von heute, das waren eben zwei ganz
verschiedene Wesen. Eine neue Welt war ihr seitdem aufgegangen, eine
Welt voll großer, herrlicher Dinge, hinter denen sie noch größere ahnte.
Sie hatte sich selbst jetzt erst eigentlich gefunden. Fähigkeiten
entdeckte sie an sich, Möglichkeiten der Entfaltung, die sie früher
nicht geträumt hatte. Wie verdoppelt kam sie sich vor. Wozu hätte sie
sich das Vermögen nicht zugetraut! In manchen Stunden war ihr zu Sinne,
als müsse sie fliegen. Verzaubert war sie. Wie in einem Wundergarten
lebte sie; alle Dinge, selbst die alltäglichsten, sprachen ihre eigene,
besondere, geheimnisvolle Sprache zu ihr. Die Welt hatte in ihren Augen
tiefere Farben angenommen. Über allem lag ein goldener Schimmer, wie
von einem Gestirn, das aufgehend seine Strahlen weit voraus sendet.
Alles war größer, schöner, bedeutungsvoller in diesem Lichte.
Aber so fühlte Jutta nur in besonders glücklichen, geweihten Stunden,
wenn sie allein war, tief in ihre Gedankenwelt eingesponnen. Der Alltag
mit seiner Nüchternheit sorgte dafür, daß sie immer wieder unliebsam
aufgeweckt wurde aus solchen Träumen. Und je höher die Einbildungskraft
den Flug genommen hatte, desto tiefer war dann der Sturz zurück in die
unerquickliche Wirklichkeit.
Am stärksten wurde dieser bittere Gegensatz fühlbar, wenn Jutta
allerhand demütigende Lügen ersinnen mußte, um ihre häufigen Besuche
bei Lieschen Blümer zu entschuldigen. Herr Reimers kannte ja die
Freundin seiner Tochter von früher her; er begriff jetzt noch
weniger als damals, was Jutta von dieser, in seinen Augen gänzlich
untergeordneten Person eigentlich habe. Es sei höchste Zeit, daß dieser
unpassende Verkehr nun endlich mal aufhöre, fand er. Von der Existenz
des Bildhauers ahnte er überhaupt nichts, sonst würde er ein für
allemal ein energisches Veto eingelegt haben, aus Gründen der »Moral.«
Jutta war daher zur höchsten Vorsicht verurteilt, wenn sie nicht
wollte, daß ihr das Beste, was sie besaß, der Umgang mit den einzigen
Freunden, abgeschnitten werde.
Das Ausgehen im größeren Kreise zwar war Jutta erspart geblieben im
letzten Winter, vom Verkehr innerhalb der Familie jedoch konnte sie
sich nicht gänzlich ausschließen.
Die Familie fand, daß Jutta sehr zurückhaltend geworden sei und
still; auffällig still für eine Braut! Besonders kluge Tanten wollten
Melancholie lesen in den Mienen des Mädchens.
Auch mit Luitpold Habelmayer traf sie manchmal zusammen. Er hatte
noch immer sein ironisches Verhalten ihr gegenüber, erkundigte sich
überlegen lächelnd nach dem Befinden des »guten Bruno«. Im übrigen
belästigte er Jutta nicht. Im Familienkreise mußte Luitpold sich in
Acht nehmen, da fühlte er zuviel beobachtende Blicke auf sich gerichtet.
Außerdem verfolgte der Brave eine ganz besondere, feine Politik, die
hieß: Abwarten! Er sah, daß Jutta augenblicklich in einer Krise stehe.
Was sich daraus entwickeln werde, schien zur Zeit nicht deutlich
erkennbar. Die Hauptsache war in solchem Falle, nichts übereilen,
beobachten und zur Stelle sein, um, wenn sich eine günstige Gelegenheit
ergab, zugreifen zu können. Von Bruno Knorrig hatte er für das endliche
Gelingen seines Planes niemals viel gefürchtet. Im Gegenteil, wenn
etwas geeignet war, ihm die schöne Cousine schließlich in die Arme zu
treiben, so war es diese ihre unbegreifliche Geschmacksverirrung.
Daß er es jetzt mit einem ganz anderen, unendlich stärkeren Rivalen bei
dem Mädchen zu thun habe, ahnte der Kluge bei all seinem Raffinement
nicht.
Wenn sie mit Menschen, wie Luitpold Habelmayer zusammenkam, wurde es
Jutta erst klar, was sie an Lieschen und Xaver besitze. Da begriff
sie den Gegensatz, der zwischen zwei großen Welten klaffte. Hier das
gesättigte, aufgeblasene, selbstzufriedene Spießbürgertum, dort jene
Welt, die vom Banausen verächtlich als »Bohème« bezeichnet wurde. Auf
wessen Seite war die größere Ehrlichkeit, die höhere Sittlichkeit?
Da, wo unter dem Deckmantel von Anstand und Ehrbarkeit die gröbste
Genußsucht herrschte, oder dort, wo man frei und mutig das Herz zum
obersten Richter machte? --
Jutta hatte sich längst entschieden in ihrem Herzen, auf welcher Seite
sie stehe.
Tiefste Verachtung erfüllte sie vor dem öden Philistertum, dem geist-
und geschmacklosen Protzentum, dem cynischen Materialismus, der sich in
ihrer Umgebung breit machte. Was hatte sie eigentlich mit ihrer Familie
noch gemein? Anderer Geschmack, andere Bedürfnisse, andere Anschauung!
Wie ein Fremdling kam sie sich vor in diesem Kreise.
Und das waren die Menschen, unter denen sie in Zukunft leben sollte!
Würde sie das ertragen? War es da nicht besser, einfach auf und davon
zu gehen? Aber wohin? -- Sie war ja geschmiedet an diesen Block des
Familienlebens, das für sie längst überhaupt kein Leben mehr war; das,
wenn sie es länger ertrug, ein allmähliches Absterben und Versumpfen
werden mußte.
Das Schrecklichste war das Bewußtsein, sich selbst daran ausgeliefert
zu haben, sich gebunden zu haben durch ein Wort, das man in unbewachter
Stunde gegeben, zu einer Zeit, wo man nicht bei sich selbst gewesen,
wo man sich weggeworfen aus Verdruß, aus Gleichgiltigkeit, weil man's
nicht besser gewußt hatte.
Und nun, wo man endlich erkannt, was das Leben sein könne, war's zu
spät.
Niemanden ließ sie etwas merken von ihren Seelenkämpfen, selbst
Lieschen Blümer nicht. Ja, sie hatte das Gefühl, als müsse sie vor
Lieschen ihr Geheimnis ganz besonders wahren. Die sollte ihr nicht
raten, nicht zureden, vor allem sie nicht bemitleiden. Lieschen war ja
glücklich. Bei Lieschen fielen Liebe und Besitz zusammen in eines.
Jutta fühlte es manchmal wie brennendes Gefühl des Schmerzes, wenn
sie das Glück aus den Zügen der Freundin strahlen sah. Es war die
Empfindung des Menschen, der hungert dem gegenüber, der sich sättigen
darf. Das läßt sich nicht niederkämpfen, bei allem Stolze nicht.
Sie wollte ja nicht ihr Geschick mit dem der Freundin vergleichen.
War es denn nicht gerecht, daß Lieschen, der in anderem das Glück so
kärglich zugemessen war, in diesem einen Größten wenigstens bevorzugt
wurde? -- Verdiente sie denn nicht, was sie besaß? -- Jutta wollte
den Neid nicht in sich aufkommen lassen. Neid war so etwas Häßliches,
Erniedrigendes! Sie gab sich Mühe, ihr Herz zum Schweigen zu bringen.
Denn Lieschen machte Xaver doch glücklich! Es konnte kein Zweifel sein
darüber. Aus hundert kleinen Zügen merkte man seine Liebe. Es wäre ja
auch unnatürlich gewesen, hätte er sie nicht geliebt, er, der ihr für
Großes Dank schuldig war, der ihrer Aufopferung das Leben dankte.
Von Herzen schlecht wahrhaftig hätte man sein müssen, wollte man der
Freundin nicht gönnen, was tausendfach ihr Eigentum war.
Lieschen hatte sich ihr Leben selbst gemacht. Sie hatte ihr Herz wählen
lassen, hatte Bequemlichkeit, Ruhe, gesicherte Stellung, Achtung der
Menschen hinter sich geworfen, hatte die Liebe auf sich genommen
mit allen ihren Dornen, es war nur gerecht, daß sie auch ihre Süße
auskostete.
Auch Jutta hatte ja gewählt. Sie war Braut. Aber es bäumte sich
etwas auf in ihr, wenn sie an ihr Los dachte, das äußerlich soviel
glänzender, geordneter war, als das der Freundin. Sie würde heiraten,
eine brave, gut situierte Hausfrau werden, mit allem, was dazu gehörte:
Geld, Ehrbarkeit, Kinder. --
Wie sie den Gedanken haßte, ja fürchtete! Ein Fantom wurde daraus, das
ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ.
Wie ein Stein fiel es ihr daher vom Herzen, als ihr der Vater eines
Tages schonend die Mitteilung machte, in Venezuela drohe wiedermal
Bürgerkrieg. Ihre Plantagen, Lager und Häuser drüben seien schwer
bedroht, und es wäre vorläufig unbedingt notwendig, daß Bruno an Ort
und Stelle bleibe, bis das Schlimmste vorüber sein würde.
Herr Reimers wunderte sich, wie ruhig Jutta diese ernste Nachricht
aufnahm. Er hatte Weinkrämpfe oder dergleichen erwartet. Im stillen
bewunderte er seine Tochter. Schneid hatte das Mädel, wenn's drauf
ankam! --
Jutta aber fühlte sich wie von schwerem Alp befreit. Gott sei Dank, das
war ein Aufschub!