XV.

Der Erfolg, der so lange auf sich hatte warten lassen, war mit

einemmale über Nacht zu Xaver Pangor gekommen.

Es hatte sich nämlich mit der Zeit in den tonangebenden Kreisen der

Künstlerschaft herumgesprochen, daß da ein vergessener Kollege sei,

der seine besonderen Wege gehe, der seine eigene Technik habe und

ungewöhnliche Ziele verfolge. Frühere Mitschüler von der Akademie

entsannen sich dieses wunderbaren Heiligen, der sich's in den Kopf

gesetzt hatte, alle Eselsbrücken moderner Bildhauer-Technik zu

verschmähen. Neugier trieb die Leute in Pangors Atelier. Ein Händler,

der Nase hatte für das, was auf dem Wege war, Mode zu werden, kaufte

ein paar Arbeiten von ihm an und stellte sie aus. Der Herausgeber

einer angesehenen Kunstzeitschrift ließ Aufnahmen davon machen und

publicierte sie. Ein Kritiker, der das Gras wachsen hörte, schrieb

Artikel über Xaver Pangor, in welchen er sich als Entdecker dieses

neuen Sternes aufspielte. Ein anderer Kritiker, der, weil er der

entgegengesetzten Clique angehörte, principiell alles befehdete, was

jener schrieb, erließ eine geharnischte Entgegnung. Kurz, der Name

»Xaver Pangor« kam nichtmehr zur Ruhe. Es war unter den Eingeweihten

Mode geworden, von ihm zu sprechen. Er gehörte fortan zu den

Persönlichkeiten, die nichtmehr totgeschwiegen werden konnten.

Xaver selbst lächelte über den Kampf, der mit einem Male um seine

Person entstanden war. Er hatte sich früher nicht um die öffentliche

Meinung groß gekümmert, jetzt, wo er die Kinderschuhe ausgetreten und

schon eine ganze Strecke Wegs selbständig vorangeschritten war, konnte

sie ihn erst recht nicht beeinflussen oder gar beirren in seinem

Schaffen.

Aber jemand war, der sich über seinen Erfolg innig freute: Lieschen.

Es that ihrem Herzen doch wohl, ihren Freund nun endlich auch von der

Öffentlichkeit anerkannt zu sehen.

Das Mißgeschick wollte, daß Lieschen gerade in jener Zeit ans Bett

gefesselt war; so konnte sie an seinem Triumphe nur von weitem

teilnehmen.

Über ihr schlechtes Befinden sprach Lieschen nicht gern, nannte es

»Schwäche«, die bald vorübergehen werde. Selbst Jutta erfuhr nicht, daß

es ein Rückfall sei in ein schweres, inneres Leiden, das sie vor Jahren

sich zugezogen, als sie zu zeitig das Wochenbett verlassen hatte.

Jutta war viel bei Lieschen, suchte ihr die Zeit zu vertreiben durch

Erzählen und Vorlesen. Zur besonderen Aufgabe hatte sie es sich

gemacht, alles, was in den Blättern über Xaver erschien, aufzustöbern

und der Freundin mitzuteilen. Sein Name spielte fortgesetzt eine große

Rolle in den Gesprächen der beiden.

Pangor hatte neuerdings ein paar Arbeiten vollendet: den Entwurf zu

einem Monumentalbrunnen und ein Grabdenkmal. Die Werke waren in seinem

Atelier ausgestellt zur Besichtigung. Lieschen hätte nur zu gern

gesehen, was er geschaffen, hoffte von Tag zu Tag auf Besserung; aber

ihre Niederlage zog sich diesmal ungewöhnlich lange hin und verbot ihr

jeden Gedanken ans Ausgehen.

Lieschen hatte Jutta schon wiederholt gebeten, daß sie sich Xavers

neueste Arbeiten ansehen möge. Aber Jutta wollte nicht allein gehen.

Selbst Lieschens Einwand, daß jetzt sein Atelier ein öffentlicher Ort

geworden sei, den jedermann unbedenklich aufsuchen könne, wieviel mehr

eine Freundin, verfing nicht. Jutta erklärte, warten zu wollen, bis

Lieschen ganz hergestellt sei, dann müsse der erste Ausgang dem Freunde

gelten. Mit ihr wolle sie gern gehen, allein sei es nur halber Genuß.

Bis schließlich Xaver, als er sie eines Tages bei Lieschen traf, selbst

bat, Jutta möge kommen, wenn sie das Grabdenkmal noch sehen wolle; der

Besteller habe die Überführung an seinen Platz bereits verlangt. Jutta

konnte nun nicht mehr ausweichen; ihr Besuch wurde für den nächsten Tag

zu bestimmter Stunde verabredet.

Das Atelier war aufgeräumt. Jutta konnte sich nicht entsinnen, es so

gesehen zu haben. Die Diele schien frisch gescheuert, der schlimmste

Staub entfernt. Der Bildhauer machte scherzend darauf aufmerksam, daß

mit der Berühmtheit auch die Ordnung bei ihm eingezogen sei.

In schön geformter Vase standen ein paar auserlesene Orchideenstengel.

Xaver nahm sie vorsichtig heraus. »Die sind für Sie!« sagte er und

überreichte die Blumen.

»Ich werde sie Lieschen bringen!« erwiderte Jutta.

»Nein, für Lieschen habe ich Rosen. Die hier sind besonders für Sie

ausgesucht, weil ich weiß, daß Sie Orchideen zu schätzen wissen.«

Jutta mußte die Blumen annehmen. Wenn's auch gut gemeint war von ihm,

er hätte das doch nicht thun sollen! Es kam Jutta wie ein Unrecht vor

gegen Lieschen; sie wunderte sich, daß er das nicht auch so fühlte.

Aber der anfängliche peinliche Eindruck wurde schnell verwischt

durch das, was sie nun zu sehen bekam. Der Künstler zeigte ihr

seine Arbeiten. Jutta fand auch hier die Eigenschaften wieder, die

sie an allem, was von seiner Hand stammte, so sehr bewunderte:

die große ruhige Linie, den kühnen Vortrag, die wuchtige Kraft,

und dabei die Einfachheit die jedem seiner Werke den Stempel der

Selbstverständlichkeit aufdrückte, daß man sich sagte: so und nicht

anders durfte es sein.

Übrigens schuf Pangor längst wieder an einem neuen Werke. Ein

Ringerpaar, nackte Männer in Lebensgröße für Marmor berechnet, war's

diesmal. Er machte das ohne Bestellung, wie er sagte, für sich selbst,

um seiner Freude an der Bewegung, dem schwellenden Muskelspiel, der

ganzen lebendigen, blühenden Schönheit des menschlichen Körpers Genüge

zu thun.

Ein mächtiger, erst teilweis bearbeiteter Marmorblock lag da. Der

Bildhauer machte Jutta aufmerksam auf die Schönheit des Steines, die

Feinheit und Gleichmäßigkeit seines Kornes, den weichen Schimmer

seiner Tiefen, das Licht, welches gleichsam von seiner Oberfläche

ausstrahlte.

»In solchem Material arbeiten, ist das Höchste, was ich kenne!« rief

er, und seine Augen leuchteten. »Was ist dagegen Holz, Gips, selbst

Bronze! Marmor allein giebt eine Ahnung von der geheimnisvollen

Schönheit des nackten Leibes, von seiner transparenten Leuchtkraft,

seiner kernigen Schmiegsamkeit, von der ganzen Intimität seiner Reize.

Für mich ist solcher Stein lebendig. Gestalten schlummern darin; ich

muß sie zum Dasein befreien!« --

Xaver sprach begeistert. Der Eifer des Künstlers kam über ihn. Er griff

nach Meißel und Klöpfel und begann mit starken, sicheren Schlägen eine

Schulterpartie aus dem Steine herauszuholen. Das fertige Thonmodell der

Ringergruppe stand vor ihm; aber er nahm sich nicht erst die Zeit zum

Nachmessen und Punktieren. Bei solch ängstlichem Rechenwerk gehe ihm

zuviel Stimmung verloren, erklärte er.

Jutta hatte das Gefühl, einen anderen, größeren Menschen vor sich zu

haben, wie sie ihn so bei der Arbeit sah. Hier kam der Mann in seiner

ganzen, für gewöhnlich verhaltenen Kraft zur Geltung. Hier beherrschte

er als souveräner Herr sein eigenstes Gebiet.

Er sprach kein Wort mehr. Alle Aufmerksamkeit war auf Stein und

Instrument konzentriert. Die Blicke waren fliegend, gleichsam greifend.

Auf dem Gesicht mit der hohen, vorspringenden Stirn, den finster

zusammengezogenen Brauen, den fest aufeinandergepreßten Lippen, lag

bedeutsamer Ernst.

»So!« rief er nach einiger Zeit. »Jetzt haben Sie einen Begriff.

Nichtwahr? Hierbei gilt's alles, was einem der liebe Gott mitgegeben

hat, zusammennehmen; da muß hinter jedem Schlage der ganze Kerl stehen.

Radieren, Übermalen, Korrigieren wie bei euch Malern kennen wir nicht.

Ein einziger falscher Schlag, und das Ganze ist verdorben. Ich liebe

es, so zu arbeiten, im steten Gefühle der Verantwortlichkeit, im

Bewußtsein der Gefahr. Das ist Männerarbeit. Man kann's oder man kann's

nicht! Mit Kunstgeschmack und gutem Willen allein ist unsre Arbeit

nicht gethan. Vor Dilettantismus sind wir sicher. Gott sei Dank!«

Er legte sein Werkzeug bei seite, ging an die Wasserleitung und wusch

sich die Hände.

»Ich bin ein merkwürdiger Wirt!« sagte er. »Entschuldigen Sie nur!«

Mit einemmale war aus dem großen Künstler wieder der harmlose einfache

Xaver geworden.

»Setzen wir uns!« rief er und schob ihr einen Hocker zu. »Denken Sie,

Lieschen wäre bei uns, und lassen Sie uns ein wenig plauschen.«

* * * * *

Jutta holte ihren lange Zeit hindurch vernachlässigten Stickrahmen

wieder hervor. Auserlesene Stoffe wurden mit schimmernden Fäden

bestickt. Ein Rückfall schien's in Jugendliebhaberei. Aber viel

kräftiger und kühner waren jetzt Linie, Form und Farbe.

Unwichtig, spielerisch, weiblich unbedeutend wäre ihr solches Thun noch

vor einem halben Jahre erschienen, aber nun hatte Xaver sie gelehrt,

daß keine Thätigkeit so unbedeutend sei, um nicht von der Kunst geadelt

zu werden. Beständig waren ihr seine Worte darüber gegenwärtig, der

Gedanke an sein Vorbild führte ihr die Hand. Zeigen, was sie arbeitete,

wollte sie ihm nicht. Sein Lob war ihr nicht von Nöten; wenn nur das,

was sie that, seiner würdig war.

Ihr Vater überraschte sie einigemale bei derartiger Arbeit. Er lächelte

verständnisvoll. »Ach, für deine Ausstattung!« -- und ein andermal:

»Das wird für Brunos Zimmer, ich wette!«

Ausstattung, Hochzeit, Bruno! -- Wie fremd das anmutete! Oft vergaß sie

gänzlich, daß sie Braut sei. Wenn ein Wort, ein Ereignis, eine Frage,

sie daran erinnerte, berührte sie's wie körperlicher Schmerz.

Und wenn ein Brief von Bruno ankam, konnte sie sich lange nicht

entschließen, ihn zu öffnen. Um an ihn zu schreiben, mußte sie sich

geradezu einen Stoß geben. Sie schrieb dann mechanisch ganz kindische,

einfältige Sachen, las das Geschriebene nie wieder durch. Das Herz auf

keinen Fall, kaum der Verstand, hatte damit etwas zu thun.

Allewelt nahm natürlich stillschweigend an, daß sie sich auf nichts

mehr freue, als auf Brunos Rückkehr. Ihr Vater fragte sie wie oft

scherzweise: »Nun, kleine Jutta, wieviel Tage sind es noch?« --

Die Hänseleien des Vaters waren schrecklich! Mußte sie denn immer und

immer wieder an die größte aller Unklugheiten erinnert werden! --

Wie hatte sie nur gekonnt? Welch böser Dämon hatte hinter ihr

gestanden? War sie denn blind gewesen, nicht bei Sinnen, oder betäubt?

Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, in welcher Verfassung des

Gemütes sie sich befunden, als sie Bruno ihr Jawort gegeben hatte.

Die Jutta von damals und die Jutta von heute, das waren eben zwei ganz

verschiedene Wesen. Eine neue Welt war ihr seitdem aufgegangen, eine

Welt voll großer, herrlicher Dinge, hinter denen sie noch größere ahnte.

Sie hatte sich selbst jetzt erst eigentlich gefunden. Fähigkeiten

entdeckte sie an sich, Möglichkeiten der Entfaltung, die sie früher

nicht geträumt hatte. Wie verdoppelt kam sie sich vor. Wozu hätte sie

sich das Vermögen nicht zugetraut! In manchen Stunden war ihr zu Sinne,

als müsse sie fliegen. Verzaubert war sie. Wie in einem Wundergarten

lebte sie; alle Dinge, selbst die alltäglichsten, sprachen ihre eigene,

besondere, geheimnisvolle Sprache zu ihr. Die Welt hatte in ihren Augen

tiefere Farben angenommen. Über allem lag ein goldener Schimmer, wie

von einem Gestirn, das aufgehend seine Strahlen weit voraus sendet.

Alles war größer, schöner, bedeutungsvoller in diesem Lichte.

Aber so fühlte Jutta nur in besonders glücklichen, geweihten Stunden,

wenn sie allein war, tief in ihre Gedankenwelt eingesponnen. Der Alltag

mit seiner Nüchternheit sorgte dafür, daß sie immer wieder unliebsam

aufgeweckt wurde aus solchen Träumen. Und je höher die Einbildungskraft

den Flug genommen hatte, desto tiefer war dann der Sturz zurück in die

unerquickliche Wirklichkeit.

Am stärksten wurde dieser bittere Gegensatz fühlbar, wenn Jutta

allerhand demütigende Lügen ersinnen mußte, um ihre häufigen Besuche

bei Lieschen Blümer zu entschuldigen. Herr Reimers kannte ja die

Freundin seiner Tochter von früher her; er begriff jetzt noch

weniger als damals, was Jutta von dieser, in seinen Augen gänzlich

untergeordneten Person eigentlich habe. Es sei höchste Zeit, daß dieser

unpassende Verkehr nun endlich mal aufhöre, fand er. Von der Existenz

des Bildhauers ahnte er überhaupt nichts, sonst würde er ein für

allemal ein energisches Veto eingelegt haben, aus Gründen der »Moral.«

Jutta war daher zur höchsten Vorsicht verurteilt, wenn sie nicht

wollte, daß ihr das Beste, was sie besaß, der Umgang mit den einzigen

Freunden, abgeschnitten werde.

Das Ausgehen im größeren Kreise zwar war Jutta erspart geblieben im

letzten Winter, vom Verkehr innerhalb der Familie jedoch konnte sie

sich nicht gänzlich ausschließen.

Die Familie fand, daß Jutta sehr zurückhaltend geworden sei und

still; auffällig still für eine Braut! Besonders kluge Tanten wollten

Melancholie lesen in den Mienen des Mädchens.

Auch mit Luitpold Habelmayer traf sie manchmal zusammen. Er hatte

noch immer sein ironisches Verhalten ihr gegenüber, erkundigte sich

überlegen lächelnd nach dem Befinden des »guten Bruno«. Im übrigen

belästigte er Jutta nicht. Im Familienkreise mußte Luitpold sich in

Acht nehmen, da fühlte er zuviel beobachtende Blicke auf sich gerichtet.

Außerdem verfolgte der Brave eine ganz besondere, feine Politik, die

hieß: Abwarten! Er sah, daß Jutta augenblicklich in einer Krise stehe.

Was sich daraus entwickeln werde, schien zur Zeit nicht deutlich

erkennbar. Die Hauptsache war in solchem Falle, nichts übereilen,

beobachten und zur Stelle sein, um, wenn sich eine günstige Gelegenheit

ergab, zugreifen zu können. Von Bruno Knorrig hatte er für das endliche

Gelingen seines Planes niemals viel gefürchtet. Im Gegenteil, wenn

etwas geeignet war, ihm die schöne Cousine schließlich in die Arme zu

treiben, so war es diese ihre unbegreifliche Geschmacksverirrung.

Daß er es jetzt mit einem ganz anderen, unendlich stärkeren Rivalen bei

dem Mädchen zu thun habe, ahnte der Kluge bei all seinem Raffinement

nicht.

Wenn sie mit Menschen, wie Luitpold Habelmayer zusammenkam, wurde es

Jutta erst klar, was sie an Lieschen und Xaver besitze. Da begriff

sie den Gegensatz, der zwischen zwei großen Welten klaffte. Hier das

gesättigte, aufgeblasene, selbstzufriedene Spießbürgertum, dort jene

Welt, die vom Banausen verächtlich als »Bohème« bezeichnet wurde. Auf

wessen Seite war die größere Ehrlichkeit, die höhere Sittlichkeit?

Da, wo unter dem Deckmantel von Anstand und Ehrbarkeit die gröbste

Genußsucht herrschte, oder dort, wo man frei und mutig das Herz zum

obersten Richter machte? --

Jutta hatte sich längst entschieden in ihrem Herzen, auf welcher Seite

sie stehe.

Tiefste Verachtung erfüllte sie vor dem öden Philistertum, dem geist-

und geschmacklosen Protzentum, dem cynischen Materialismus, der sich in

ihrer Umgebung breit machte. Was hatte sie eigentlich mit ihrer Familie

noch gemein? Anderer Geschmack, andere Bedürfnisse, andere Anschauung!

Wie ein Fremdling kam sie sich vor in diesem Kreise.

Und das waren die Menschen, unter denen sie in Zukunft leben sollte!

Würde sie das ertragen? War es da nicht besser, einfach auf und davon

zu gehen? Aber wohin? -- Sie war ja geschmiedet an diesen Block des

Familienlebens, das für sie längst überhaupt kein Leben mehr war; das,

wenn sie es länger ertrug, ein allmähliches Absterben und Versumpfen

werden mußte.

Das Schrecklichste war das Bewußtsein, sich selbst daran ausgeliefert

zu haben, sich gebunden zu haben durch ein Wort, das man in unbewachter

Stunde gegeben, zu einer Zeit, wo man nicht bei sich selbst gewesen,

wo man sich weggeworfen aus Verdruß, aus Gleichgiltigkeit, weil man's

nicht besser gewußt hatte.

Und nun, wo man endlich erkannt, was das Leben sein könne, war's zu

spät.

Niemanden ließ sie etwas merken von ihren Seelenkämpfen, selbst

Lieschen Blümer nicht. Ja, sie hatte das Gefühl, als müsse sie vor

Lieschen ihr Geheimnis ganz besonders wahren. Die sollte ihr nicht

raten, nicht zureden, vor allem sie nicht bemitleiden. Lieschen war ja

glücklich. Bei Lieschen fielen Liebe und Besitz zusammen in eines.

Jutta fühlte es manchmal wie brennendes Gefühl des Schmerzes, wenn

sie das Glück aus den Zügen der Freundin strahlen sah. Es war die

Empfindung des Menschen, der hungert dem gegenüber, der sich sättigen

darf. Das läßt sich nicht niederkämpfen, bei allem Stolze nicht.

Sie wollte ja nicht ihr Geschick mit dem der Freundin vergleichen.

War es denn nicht gerecht, daß Lieschen, der in anderem das Glück so

kärglich zugemessen war, in diesem einen Größten wenigstens bevorzugt

wurde? -- Verdiente sie denn nicht, was sie besaß? -- Jutta wollte

den Neid nicht in sich aufkommen lassen. Neid war so etwas Häßliches,

Erniedrigendes! Sie gab sich Mühe, ihr Herz zum Schweigen zu bringen.

Denn Lieschen machte Xaver doch glücklich! Es konnte kein Zweifel sein

darüber. Aus hundert kleinen Zügen merkte man seine Liebe. Es wäre ja

auch unnatürlich gewesen, hätte er sie nicht geliebt, er, der ihr für

Großes Dank schuldig war, der ihrer Aufopferung das Leben dankte.

Von Herzen schlecht wahrhaftig hätte man sein müssen, wollte man der

Freundin nicht gönnen, was tausendfach ihr Eigentum war.

Lieschen hatte sich ihr Leben selbst gemacht. Sie hatte ihr Herz wählen

lassen, hatte Bequemlichkeit, Ruhe, gesicherte Stellung, Achtung der

Menschen hinter sich geworfen, hatte die Liebe auf sich genommen

mit allen ihren Dornen, es war nur gerecht, daß sie auch ihre Süße

auskostete.

Auch Jutta hatte ja gewählt. Sie war Braut. Aber es bäumte sich

etwas auf in ihr, wenn sie an ihr Los dachte, das äußerlich soviel

glänzender, geordneter war, als das der Freundin. Sie würde heiraten,

eine brave, gut situierte Hausfrau werden, mit allem, was dazu gehörte:

Geld, Ehrbarkeit, Kinder. --

Wie sie den Gedanken haßte, ja fürchtete! Ein Fantom wurde daraus, das

ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ.

Wie ein Stein fiel es ihr daher vom Herzen, als ihr der Vater eines

Tages schonend die Mitteilung machte, in Venezuela drohe wiedermal

Bürgerkrieg. Ihre Plantagen, Lager und Häuser drüben seien schwer

bedroht, und es wäre vorläufig unbedingt notwendig, daß Bruno an Ort

und Stelle bleibe, bis das Schlimmste vorüber sein würde.

Herr Reimers wunderte sich, wie ruhig Jutta diese ernste Nachricht

aufnahm. Er hatte Weinkrämpfe oder dergleichen erwartet. Im stillen

bewunderte er seine Tochter. Schneid hatte das Mädel, wenn's drauf

ankam! --

Jutta aber fühlte sich wie von schwerem Alp befreit. Gott sei Dank, das

war ein Aufschub!

Liebe ist ewig · 第 23 / 44 题