Mit verjüngter Schaffenslust und Arbeitskraft war Xaver Pangor
nach München zurückgekehrt. Er hatte in den Monaten, die er auf
dem väterlichen Hofe zugebracht, keineswegs die Hände in den Schoß
gelegt. In seiner Entwickelung war der Künstler wiedermal zu dem
zurückgekehrt, wovon er seinen Ausgang genommen: zum Handwerk. Mit
einer wahren Wollust hatte er in der Werkstatt des Onkels, wo er
ehemals die Lehrzeit verbracht hatte, wieder mit Hobel, Säge, Hammer,
Winkelmaß und Schmiege hantiert. Wie die Arbeit fleckte! Nicht in
Museen freilich würden die Werke, die man da schuf, begafft werden, sie
sollten dem höheren Zwecke dienen, von Menschen benutzt zu werden. Noch
nach Generationen, wenn der Meister längst tot war, sollten sie den
Nachkommen erzählen von Liebe, Sorgfalt und Tüchtigkeit dessen, der sie
ersonnen und ausgeführt hatte. Das war auch Kunst!
Pangor hatte niemals seine Vergangenheit vergessen, oder sich ihrer
geschämt. Der Akademie war es nicht gelungen, ihm durch das Studium
der Antike, durch Modellieren nach Gips und Ornamentenzeichnen, durch
Kunstgeschichte oder Stillehre die Freude an dem schlichten Handwerk
auszutreiben, dem er ehemals gedient hatte.
Wie jede echte Künstlernatur, hatte auch Xaver Pangor schon als
Kind sich vorbereitet für seinen künftigen Beruf, unbewußt, mit
schlummernden Augen, wie die Pflanze Stoffe und Säfte aufnimmt aus dem
Erdreich zur Entfaltung späterer Blüten und Früchte.
Früh hatte er gelernt, sich mit einfachen Instrumenten zu behelfen,
mit der Sprödigkeit schwierigen Materials zu ringen, und dadurch sich
gewöhnt, auf den eigenen Verstand und auf die eigenen Fäuste sich zu
verlassen. In der Dorfwerkstatt war von ihm so ziemlich jede Arbeit
verlangt worden. Auch in die Kunst des Schmiedes und Schlossers hatte
er hineingeguckt, hatte gelernt, mit Metall in glühendem, flüssigem,
erkaltetem Zustande umgehen, hatte hämmern, pochen, löten, ausbeulen,
biegen, raspeln, legieren müssen. Vieles davon kam ihm jetzt zu gute.
Holzschnitzen, Bronze bosseln, Metallgießen, Ciselieren war ihm ebenso
vertraut, wie in Stein meißeln.
Diese Vielseitigkeit verleitete ihn nicht zum überhasteten Producieren.
Pangor gab nichts aus der Hand, was er nicht von Anfang bis zu Ende
selbst geschaffen hatte. Die Bildhauer-Kollegen verlachten ihn zwar,
daß er nicht von den Hilfsmitteln Gebrauch machte, die sie benutzten.
Wer würde sich denn mit dem langweiligen Marmor herumschlagen; das
überließ man untergeordneten Handwerkern; genug wenn man das Modell
aus Wachs, Thon oder Gips hergestellt hatte. Ja, sie verachteten ihn
wegen seiner schwerfälligen Gründlichkeit.
Ihrer Verachtung lag Unvermögen zu Grunde; die wenigsten besaßen jene
Kenntnisse und jene Ausdauer, die er sich in früher Jugend erworben
hatte. Er galt im Kreise der Altersgenossen als ein eigensinniger
Sonderling, ein verrückter Kauz, weil er oft Monate über einem Werke
zubrachte, das sie in wenigen Tagen modellierten und dann von Fremden
übertragen ließen.
Pangor gehörte nicht zu den Künstlern, die zu ihrem Schaffen unbedingt
des Resonanzbodens der öffentlichen Meinung bedürfen. Er schuf aus
innerem Bedürfnis. Gestaltete mit seinen Händen einfach die Formen und
Gebilde, die aus Gott weiß welchen unergründlichen Tiefen der Seele
emporstiegen. Selten genügte er sich selbst. Auch er war von jenem
Drange beseelt, von jener scheinbaren Unrast, die Rassezeichen ist für
den echten Kunsttrieb, welche dazu treibt, wenn man kaum eine Stufe
erklommen hat, diese sofort wieder als überwunden zu verlassen, um sich
neuen Zielen zuzuwenden.
Seine Entwickelung war bisher eine unregelmäßige, vielfach
unterbrochene, scheinbar inkonsequente gewesen. Einmal war er
erstaunlich schnell vorwärts geschritten auf seiner Bahn, dann wieder
hatte er sich verzögert, schien gar zum Ausgangspunkt zurückkehren zu
wollen.
Sein äußerer Erfolg war bisher gleich Null gewesen. Nur wenige Leute
wußten von seinem Schaffen, und diese schüttelten die Köpfe. Die
Kritik beschäftigte sich nicht mit ihm, die Händler gaben wenig für
seine Sachen. Er war noch nicht entdeckt.
Nur eine Person hatte ihn auch als Künstler erkannt. Lieschen Blümer
glaubte an ihn, wie eben nur eine Frau an einen Mann glaubt.
* * * * *
Jutta war viel bei ihrer Freundin zu finden. Diese beiden: Lieschen
und Xaver, interessierten sie mehr, als alle anderen Menschen; was sie
sagten und thaten, erschien ihr wichtiger, als alles, was bei ihr zu
Haus vorging.
Wenn sie in Lieschens kleiner Dachstube saß, oder wenn sie mit der
Freundin in Pangors Atelier zu Besuch war, kam es ihr oft vor, als sei
dies die Welt, in der zu leben es sich allein verlohne; als gehöre sie
zu diesen Menschen und nicht zu den Reimers, den Knorrigs oder gar
zu der weitverbreiteten Sippe ihrer mütterlichen Anverwandten: den
Habelmayers.
Lieschen Blümer erkundigte sich oftmals nach Juttas Malerei. Sie fand
es unrecht, daß das junge Mädchen ihre Arbeit aufgegeben habe. Fleißig
und ausdauernd, wie sie selbst war, begriff sie nicht, wie man durch
ein einziges ungünstiges Urteil sich derart den Mut rauben lassen
könne. Sie redete Jutta zu, ihre Arbeiten vom vorigen Sommer wieder
hervorzuholen, zum mindesten sie einmal Xaver zu zeigen, der ihr sagen
würde, was daran sei.
Jutta empfand vor dem Bildhauer eine gewisse Scheu, die sie sich selbst
nicht erklären konnte. Vielleicht war es das Neue, das Ungewohnte
dieses Menschen, dessen Existenzbedingungen und Voraussetzungen sie
noch nicht recht begriffen hatte, was sie Lieschens Freunde gegenüber
zunächst unsicher machte.
Xaver Pangors gesellige Talente waren eben nicht groß. In einem
Bauernhause aufgewachsen, hatte er keine Gelegenheit gehabt, sich
im Salonton zu üben. Seine Welt war das Atelier. Da fühlte er sich
Meister, da war er Feldherr, da stand er als ein Held.
Jutta sah, daß er ein echter Künstler war. Seine Sicherheit in allem,
was er angriff, wie er jeden Stoff meisterte, wie er seine Gedanken zu
Gebilden von ergreifender Wahrhaftigkeit gestaltete, kurz, seine ganze
männlich energische Künstler-Persönlichkeit machte tiefen Eindruck auf
sie. Niemals noch hatte sie seinesgleichen gesehen.
Dagegen verstand sie nicht die andere Seite seines Wesens: seine
Lebensfremdheit, die Unbefangenheit, mit der er sich häufig über
alle Regeln der Etikette und Konvention hinwegsetzte. Grade diese
Züge an ihm, das Kind im Manne gewissermaßen, das aus seinen
träumerischen Blicken, seinem treuherzigen Lächeln hervorblickte,
seine Weltunerfahrenheit -- alles Eigenschaften, die ihn für Lieschen
zum Gegenstand steter Sorge und einer fast mütterlichen Obhut machten
-- befremdeten Jutta. Sie begriff nicht den Zusammenhang; der Mensch
schien ihr in zwei Hälften auseinanderzufallen. Sie sah nicht, daß die
Harmlosigkeit, die er sich gewahrt hatte, der Nährboden war seiner
Künstler-Originalität.
Xaver Pangor war unter Menschen meist schweigsam. An großwichtigen
Debatten über Kunst, wie sie seine Kollegen mit Leidenschaft
ausfochten, beteiligte er sich nicht. Er war kein Dialektiker. Er
gehörte zu den Künstlern, die in Formen denken, denen die Einfälle beim
Arbeiten kommen; aber dann stark, plötzlich, mit einer Wucht, die sie
selbst gleichsam zum Instrumente macht ihres Genius. Aber öffentlich
Rechenschaft zu geben über seine Absichten, seine Ideen, wäre ihm
schwer gefallen.
Dagegen war Pangor ein guter Beurteiler fremder Werke. Sein Urteil,
meist knapp, traf den Nagel auf den Kopf. Weil sein Blick durch
Schulmeinungen und Theorieen nicht getrübt war, weil er vor allem
keiner Klique angehörte, konnte er mit dem schnellen Auge des
Naturmenschen erkennen, was echt und wertvoll, was gefälscht,
unbedeutend, windig sei.
Jutta hatte bisher nie gewagt, Pangor merken zu lassen, daß ihre Hand
Stift und Pinsel zu führen verstünde. Sie konnte sich nicht denken,
daß ihre Arbeiten jemals Gnade vor seinen Augen finden könnten. Sie
fürchtete, daß er vielleicht aus Nachsicht schweigen werde, um sie zu
schonen; das wäre ihr noch schrecklicher gewesen, als Professor Wälzers
Tadel.
Aber Lieschen war stolz auf Jutta, sie wünschte, daß Xaver die
Freundin auch als Künstlerin würdigen lerne.
Durch vieles Bitten wußte Lieschen Jutta die Studienmappe endlich
abzuschmeicheln. Und als sich ein paar Tage darauf die Freundinnen
wiedersahen, rief Lieschen schon von der Thürschwelle: »Er hat deine
Sachen gesehen und findet viel Talent darin!«
»Halt' mich nicht zum besten!« rief Jutta, »das glaube ich dir nicht!«
»Doch! -- Hör ihn nur selbst darüber! Ich habe mich so gefreut!«
Jutta war hochrot geworden, sie fühlte ihr Herz gewaltig klopfen. Die
Freundinnen umarmten einander.
Als die drei das nächste Mal beisammen waren, befand sich Jutta in
fieberischer Ungeduld. Würde er sprechen? Würde sie von ihm selbst
erfahren, was er von ihren Sachen hielt? --
Aber es wurde zunächst von allerhand anderen Dingen gesprochen.
Lieschen sah Juttas Unruhe. Sie legte es dem Bildhauer nahe, sein
Urteil abzugeben.
Xaver Pangor senkte den Kopf, wie es seine Art war, wenn er nachdenken
wollte. Dann nach einer Pause, die für Jutta eine Ewigkeit schien,
sagte er:
»Die Sachen sind gut und schlecht, je nachdem! Schlecht sind sie
als Studien, ›verhaut‹, wie wir Bildhauer sagen. Und wenn Professor
Wälzer gesagt hat, es wäre keine Ehrfurcht darin vor der Natur, so
hat er recht. Und trotzdem ist sein Urteil einseitig; es erschlägt
das Wertvolle mit dem Wertlosen. Es ist etwas, was Zukunft hat, in
Ihren Sachen. Das hat der Herr nicht gesehen; er ist wahrscheinlich
Fanatiker irgend einer Richtung oder Schule. Alles, was in so eine
Kategorie sich nicht einordnen läßt, wird verworfen, existiert
überhaupt nicht; ich kenne diese Professoren-Scheuklappen! ›Ehrfurcht
vor der Natur!‹ ein schönes Wort, aber es trifft hier garnicht den
Kernpunkt. Mit Ehrfurcht allein kommt man nicht aus. Wenn wir bloß
ehrfürchtig wären, dann würden wir aus Andacht niemals zum Schaffen
kommen. Nämlich der Künstler muß auch unverschämt sein können! Und
etwas von dieser göttlichen Unverschämtheit finde ich in Ihren Sachen,
Fräulein Reimers. Die Natur ist vergewaltigt, aber wer von uns thäte
das nicht. Sie haben Erfindungsgabe, haben Phantasie, starke Phantasie!
Das Temperament ist Ihnen durchgegangen, aber ich habe das lieber
beim Anfänger, als peinliche Korrektheit oder gar altkluge Routine.
Bravour ist hoffnungsvoller als Objektivität. Ihre Begabung liegt
nach der Seite des stark Subjektiven. Sie können, wie mir scheint,
garnicht anders, als etwas von sich selbst in die Dinge hineinlegen,
werden immer nur Selbsterlebtes zur Darstellung bringen, selbst in der
Landschaft, selbst, wenn Sie versuchen zu kopieren. Ihre Art deshalb zu
verdammen, zeugt von Borniertheit, wie sie eben nur so ein Professor zu
stande bringt, der am Pfahle seiner fixen Idee festgepflöckt, im Kreise
umgeht. Und außerdem haben Sie etwas, das auch nicht jeder besitzt:
Freude an der Farbe. Da waren ein paar Blätter dabei, dekorative
Landschaften gleichsam, mit starken, kühnen Farbenkontrasten ....«
»Dem würde ja entsprechen, was du mir erzählt hast, Jutta!« fiel
hier Lieschen ein. »Daß du lange, ehe du ans Zeichnen dachtest, mit
allerhand farbigem Material phantastische Dinge gebildet hast. Ich habe
sogar noch einige Überreste davon bei dir entdeckt!«
»Hör' auf!« rief Jutta. »Niemals hätte ich dir die scheußlichen Dinger
gezeigt, wenn ich gewußt hätte, daß du davon sprechen würdest!«
»Verachten Sie nur diese Anfänge nicht!« meinte Xaver. »Die sind
wahrscheinlich viel mehr wert, als alles, was Sie in der Malklasse
erlernt haben. In den kindlichen Versuchen des jungen Menschen spricht
sich mit elementarer Kraft das Bedürfnis aus nach dem, was ihm das
Naturgemäße ist. Wir sind Künstler von Geburtswegen. Die Schule kann
herausholen aus uns, was in uns ist, sie kann unsere technischen
Kenntnisse fördern, uns Erfahrung geben; aber größer und tiefer als wir
sind, kann sie uns nicht machen. Aus uns selbst müssen wir's schöpfen!
Zwei Dritteil von uns kommen nicht zur Entwickelung, weil sie einen
falschen Weg einschlagen, nicht ihrer guten Anlage folgen, oder gar
von den Lehrern zu etwas dressiert werden, was sie nicht können. Wenn
mich ein Anfänger fragen sollte, was ich ihm zu thun riete, dann sage
ich ihm als erste Grundregel: folge deinem innersten Wesen! Wenn es
dich treibt, Ziegel zu streichen, so ist das viel fruchtbarer, als
wenn du Bilder malst ohne Originalität. Die Befriedigung, mit der man
eine Sache thut, wird einen immer noch am besten belehren, ob man auf
dem rechten Wege ist. Nach dem, was ich von Ihnen gesehen habe, würde
ich Ihnen raten, lassen Sie Leinewand Leinewand sein! Erforschen Sie
sich erst mal selbst, dann arbeiten Sie! Und wenn Sie arbeiten, nur aus
wirklichem Drange! Denn das ist die zweite Kardinalregel in der Kunst:
Thue nur das, wonach es dich in allen Fingern juckt!«
* * * * *
Lieschen Blümer war für Xaver mehr als Geliebte. Schwester, Mutter,
Braut, Freundin, Gattin in einer Person stellte sie ihm dar.
In zehnjährigem Zusammenleben hatte er sich gewöhnt, in allen Fragen
sich an sie zu wenden. Es gab kein Geheimnis, das er ihr nicht
offenbart hätte. Er besaß das Vertrauen zu ihr, welches ein Kind zur
Mutter hegt; wozu etwas verbergen? Sie kennt uns ja doch! Warum sich
fürchten? Sie wird uns verzeihen.
Er wußte, daß sie klüger sei als er, lebenserfahrener, weiser. Aber
auch das wußte er, daß sie ihm ergeben sei bis in den Tod, daß er ihrer
Liebe jedes Opfer zumuten könne, daß es nur eines Wortes, eines Winkes
bedurfte von seiner Seite, um sie herbeifliegen zu machen.
Zwischen Lieschen und Xaver war nie ein fremdes Wesen getreten.
Das Kind, welches sie ihm geboren hatte, war, kaum erschienen,
wieder verschwunden. Nichts hatte die Innigkeit ihres Verhältnisses
jemals gestört, keine Eifersucht, kein Streit, kaum einmal eine
Meinungsverschiedenheit. Sie gaben das Beispiel zweier Naturen, die
nahezu restlos in einander aufgingen.
Lieschen Blümer war geboren für die Liebe; sie besaß eine seltene
Eigenschaft: die Genialität der Liebe. Seit sie das Glück gehabt, den
Mann zu finden, der diese Eigenschaft in ihr auslöste, existierte sie
nur für den Geliebten, lebte sie nur durch seine Liebe. Seine Gegenwart
war ihre Lebensluft.
Sie hatte aber auch alles dran gegeben an die Liebe. Ihr Körper war
nur noch ein Schattenbild von dem, was er gewesen. Gesundheit, Kraft,
Frische, Schönheit, alles hatte sie geopfert auf dem Altare der
grausamen Gottheit, der sie diente.
Auch in ihrem Geschicke kam jene furchtbare Konsequenz zur Geltung,
jene herbe, unerbittliche Tragik, die dem Liebesleben der ganzen Welt
zu Grunde liegt. Mensch, Tier, Pflanze, alles in Gottes Natur, schmückt
sich mit den schönsten Farben, umgiebt sich mit betäubenden Düften,
entwickelt die höchste Form für einen kurzen Augenblick des Rausches.
Der wird genossen, dann bleichen die Farben, der Duft schwindet,
die Form verfällt; und wo keine Frucht geblieben ist, zeigen bald
nur noch fallende Blütenblätter an, daß hier die gewaltigsten und
vergänglichsten aller Gefühle ihre Stätte gehabt haben.
Es giebt Frauen, welche diesen schmerzlichen Zeitpunkt hinauszuschieben
wissen, durch tausend Mittelchen die schwindende Jugend und Schönheit
zurückzuhalten verstehen, den Genuß verlängern über das Bedürfnis
hinaus. Nicht so Lieschen! Sie war dazu zu ehrlich, zu vornehm und zu
herzensstolz. Um die Liebe zu fälschen, hegte sie eine zu gewaltige
Ehrfurcht, vor der Liebe.
Über diese Dinge hatte man keine Macht, das wußte sie. Sie gingen
gleichsam über den Wolken vor sich; das, was hier unten auf Erden
zwischen den Menschen sich abspielte, war nur ein mattes Widerspiel von
größeren Geschehnissen, die der Ewigkeit angehörten.
Sie war religiös. Der Priester zwar würde ihr die Bezeichnung einer gut
katholischen Christin verweigert haben, weil sie nie in den Beichtstuhl
und selten zur Kirche ging; aber ihr Glaube an einen guten Gott und an
die Unsterblichkeit der Seele war fest gegründet. Sie glaubte auch an
ein Wiederfinden befreundeter Wesen im Jenseits.
Gerade dadurch, daß das Mädchen nichts gethan, den Freund künstlich an
sich zu fesseln, daß sie ihm die volle Freiheit gelassen hatte, war es
ihr geglückt, ihn mit unsichtbaren Ketten an sich zu fesseln.
Niemals belästigte sie ihn mit den kleinlichen Nöten des Alltagslebens,
nie klagte sie ihm vor. Wenn er zu ihr kam, fand er sie heiter und
aufgeräumt. Stets war sie bereit, auf seine Interessen einzugehen.
Seine Pläne, Ideen, Entwürfe fanden bei ihr gleichzeitig kluge und
warmherzige Aufnahme.
So war sie aus seiner Geliebten allmählich seine Freundin geworden. Und
Xaver hatte die Wandlung kaum bemerkt, so sanft und sicher war die Hand
gewesen, die ihn den Weg von der Leidenschaft zur Kameradschaft geführt
hatte.
Xaver Pangor dachte selten über sein Verhältnis zu Lieschen nach.
Er war Augenblicksmensch, genoß, was sich bot, mit der Naivetät des
Knaben, der nicht danach fragt, ob sein Genießen schädigt oder gar
vernichtet. Auch dachte er nie darüber nach, was die Zukunft bringen
könne, ob sie gar Rechenschaft fordern werde über Thun oder Unterlassen
der Gegenwart. Lieschen war für ihn Lebensbedürfnis geworden. Ehemals
war's ihre Schönheit gewesen, ihre Jugend, ihre Hingabe, die er
gebraucht, jetzt war's ihre Freundschaft, ihr Rat, ihre Stütze, deren
er nicht entraten konnte. Abends nach gethaner Arbeit mußte er sie
sehen, wollte ihre Stimme hören, die ihm die schöne Vergangenheit ins
Gedächtnis zurückzauberte, durch den bloßen Klang. Im vertrauten Nest
wollte er sich ausruhen von den Plackereien des Berufes, wollte die
linde Tröstung der Freundin vernehmen, wenn er Zweifel hatte, wenn er
mit sich und seiner Kunst uneins war.
Daß er Lieschen ganz für sich allein habe, ihre Neigung ungeteilt
besitze, war für ihn nachgerade selbstverständlich geworden. Der erste
Mensch, der ihm Lieschen streitig machen zu wollen schien, war Jutta
Reimers.
Als Xaver nach längerer Abwesenheit nach München zurückkehrte, fand er
diese Freundschaft bereits im vollen Gange. Zunächst betrachtete er die
Fremde mit wenig freundlichen Blicken. Eifersucht kam über ihn. Sollte
er auf einmal teilen? --
Lieschen hatte ihm bereits früher vorgeschwärmt von der Freundin.
Xaver war darin Bauer, daß er gegen alles, was ihm angepriesen wurde,
für's erste sich mißtrauisch verhielt. Mit den Frauen kannte er sich
wenig aus. Die sogenannten »Damen« nun gar waren ihm unberechenbare,
unheimliche Wesen. Er wußte nicht recht, wie er sich Fräulein Reimers
gegenüber benehmen sollte. Sie war ihm unbequem, er empfand sie als
Störenfried.
Als er aber gar von Lieschen erfuhr, daß Jutta Reimers Künstlerin sei,
da wuchs sein Mißtrauen. Er glaubte nicht an den Kunstberuf der Frau.
Seine Ansicht war, daß sie im besten Falle die Gabe zur Nachahmung
besäße. Und Lieschens Schaffen, das nie über das Kopieren fremder Werke
hinauskam, hatte ihn in dieser Theorie bestärkt.
Als ihm nun aber Juttas Arbeiten vorgelegt wurden, mußte er fast
widerwillig zugeben, daß hier etwas drinstecke, daß Jutta Reimers
Einfälle habe, originelle Einfälle, daß sie etwas ausbilden zu wollen
schien, wie einen eigenen Stil, und daß man darum über ihre Begabung
nicht so ohne weiteres hinweggehen könne.
Er fing an, etwas milder über Lieschens Freundin zu denken. Außerdem
sah er, daß er eigentlich nichts verliere, wenn sie jetzt häufig zu
dreien statt wie bisher zu zweien bei einander waren. Die Unterhaltung
hatte dadurch an Leben gewonnen. Jutta war nicht hochmütig, nicht
blasiert, worauf er sie anfänglich taxiert hatte, weil sie aus einer
ihm fremden Sphäre kam. Sehr schnell hatte sie sich seinem und
Lieschens Ton angepaßt.
Er fand in Jutta Reimers ein junges, lernbegieriges Wesen, das seinen
Rat suchte für ihre Kunst, dem jedes seiner Worte die Bedeutung des
Evangeliums hatte. Und wem thäte es nicht wohl, einen Menschen von sich
abhängig zu sehen, bedeutete es nicht Befriedigung, die Entwickelung
einer fremden Begabung in die Hand nehmen zu dürfen.
Jutta saß fortan zu seinen Füßen als gelehrige Schülerin. Er erteilte
ihr keinen Unterricht; seinem Rate zu Folge rührte sie Stift und
Pinsel nicht an. Und doch fühlte sie sich unendlich gefördert in ihrer
Kunst. Es war die innere Anschauung, die sich bildete, das Urteil, das
geschärft wurde, der Horizont, der sich weitete durch seinen Einfluß.
Sie lernte von ihm, daß die Kunst nichts außerhalb des Lebens
Stehendes sei, daß sie eine höhere Form sei des Lebens selbst. Und
die sogenannten Kunstwerke hatten nur dann Berechtigung, wenn sie
abfielen wie die reife Frucht, zwanglos, als ureigenstes Erzeugnis
unserer Kräfte und Säfte. Überall konnte sich Kunst bethätigen, im
Kleinsten wie im Größten. Wem einmal dafür die Augen aufgegangen waren,
dem formte sich alles ganz von selbst zu harmonischer Schönheit. Der
empfand freilich auch die Disharmonieen des alltäglichen Lebens um so
härter, den konnte eine schreiende Farbenzusammenstellung kränken,
wie den Musiker ein falscher Ton. Solch ein Mensch lebte doppelt und
dreifach. Er suchte aber auch Anderen von dem Überfluß abzugeben,
der seine Seele erfüllte. Wie fromme Leute die Übung des Gebetes, so
bedurfte der echte Künstler den Kultus des Schönen. Sein tägliches Brot
war das. Da gab es kaum Unterschiede im Bewerten dessen, was man that
und schuf. Wenn wir unseren Hausrat zweckmäßig und edel gestalteten, so
war das ebensoviel, vielleicht mehr wert, als wenn wir Staffeleibilder
malten, die am Ende niemanden erfreuen würden.
Das waren für Jutta noch nie gehörte Lehren. Begierig sog sie diese
Weltanschauung ein. Ja, wenn das so war, dann hatte es Sinn zu leben.
Dann vollbrachte man mit jedem Tage, den man erlebte, gleichsam ein
heiliges Werk, dann schuf man unausgesetzt, näherte sich dem Ziele,
ohne es zu sehen. Dann kam Harmonie und Adel in alles, was man sagte
und that.
Durch solche Offenbarung fiel auch Licht für sie auf den Weg, den sie
bisher zurückgelegt hatte. Sie suchte im ganzen Hause aus Truhen,
Kommoden, Schränken und Mappen ihre Jugendarbeiten zusammen. Da war
Gesticktes, Gepapptes, Geflochtenes, aus Wachs Modelliertes, Gemaltes.
Alles das hatte erneuten Wert für sie bekommen, seit er ihr die
Bedeutung solcher Dinge erklärt. Wieviel Liebe hatte sie in diese
längst unscheinbar gewordenen Sachen und Sächelchen gelegt! Was hatte
sie sich alles dabei ausgedacht, was für Phantasieen, Anschläge, Pläne
und Hoffnungen daran angesponnen! In Vergessenheit war alles das
geraten, bis er es aufleben machte durch seine Worte. Nun verstand
sie auf einmal den Sinn dieser ganzen Periode; es war nicht kindische
Tändelei gewesen, sie hatte sich damals schon vorbereitet auf Größeres.
Jutta ahnte, daß sie vor einem neuen Abschnitte ihres Lebens stehe. Sie
fühlte sich gefördert in Verstehen, Geschmack, Urteilen und Empfinden.
Er hatte ihr, ohne es zu wissen und zu wollen, weit mehr gegeben, als
bloße Winke für ihre Kunst. Sie war gewachsen, in allen Fähigkeiten
gestärkt und vertieft durch ihn.
* * * * *
Lieschen war glücklich über die Ergänzung, welche ihr Verhältnis zu
Xaver durch Juttas Hinzutritt bekommen hatte. Endlich ein Mensch, bei
dem er Verständnis fand. Sie hungerte ja nach Anerkennung für ihn.
Jedes Wort der Bewunderung, das ihm galt, that ihrem Herzen wohl.
Sie wußte es nur zu gut, daß er, der niemals um Lob gefeilscht, dem
alle Sensation, alle Reklame als unkünstlerische, unwürdige Mittel in
tiefster Seele verhaßt waren, doch ein heißes Bedürfnis fühlte, sich
anerkannt zu sehen. Wie jeder, der etwas kann, etwas zu geben hat,
wollte auch er sich durchsetzen, Menschen an sich heranziehen, Seelen
erobern, Liebe gewinnen, sich mitteilen, sich aussprechen, Gaben
verteilen und Gaben zurückempfangen.
Lieschen wußte, daß das Einsiedlerleben, welches er führte, ihm auf
die Dauer nicht gut sein könne. Ein Künstler hat mannigfaltige,
komplicierte Bedürfnisse. Für das Große, was er verausgabt, muß
er Großes einnehmen. Er fühlt Hunger und Durst nach Anmut, Anmut
der Formen, Anmut des Verkehrs. Seine Sinne sind verfeinert, seine
Nerven verwöhnt, er hat Organe bei sich ausgebildet, die dem
Durchschnittsmenschen fehlen. Zu seinem Leben bedarf er vielmehr, als
die alltägliche Nahrung; jene höchste Schönheit ist ihm Notwendigkeit,
die vom Menschen ausgeht, die nur der Mensch dem Menschen offenbaren
kann.
Einstmals, das wußte Lieschen, hatte sie ihrem Freunde das gewährt;
alles hatte sie ihm geben können, weil sie alles besaß: Jugend,
Schönheit, Zärtlichkeit, Feuer der ersten Liebe. Nun war von alledem
nur geblieben die Freundschaft.
Sie hatte sich aufgebraucht. Das Leben an seiner Seite war hart
gewesen. Armut, Entbehrung, Wochenbett, Krankheit, Sorge um den
Unterhalt waren die mörderischen Feinde, die ihr Jugend und Schönheit
geraubt hatten.
Xaver stand im selben Alter wie Lieschen, und doch war er um viele
Jahre jünger als sie. Sie alterte schnell; der Spiegel sagte es ihr
täglich. Und er stand in der Blüte der Manneskraft.
Wie stark er liebte, wie die Liebe ihm Bedürfnis war, des Leibes wie
der Seele, das wußte sie; denn sie war durch Jahre ihm alleinige
Genossin gewesen. Gemeinsam hatten sie, als halbe Kinder, die ersten
Schritte gewagt in das Mysterium der Liebe. Wer des anderen Lehrmeister
gewesen, wußte keines zu sagen. Denn beide waren sie keusch und
unentweiht, als sie einander fanden.
Herrlich, köstlich war die Erinnerung an jene erste Zeit. Sie konnte
das Herz jung erhalten; aber die Spuren des Kampfes tilgte sie nicht,
das Siechtum nahm sie nicht von dem gebrechlichen Leibe. Das Haar
konnte nicht wieder schwarz werden, die welke Haut nie und nimmer den
alten Schmelz wiedergewinnen.
Niemals wieder würden sie einander mit den Augen der ersten Liebe
ansehen. Das Feuer der Sinne war erloschen, nichts konnte es mehr
anfachen. Diese Dinge mußten ruhen in ihrem Grabe. Je mehr schöne
Blumen darüber wuchsen, desto besser! Aber ein Grab blieb es darum doch!
Für sie selbst that es Lieschen nicht leid. Sie zürnte dem Geschicke
nicht. Sie hatte das ihre gehabt, war gesättigt von Glück. Für sie
hatten manche Szenen und Erlebnisse Ewigkeitswert; einen Schatz besaß
sie davon aufgespeichert, von dem sie jederzeit zehren mochte.
Anders der Mann! Sein Sehnen konnte unmöglich gestillt sein. Die
Erinnerung an Genossenes bedeutete für ihn einen Antrieb mehr, neuen
Genuß zu suchen. So war es in der Natur der Geschlechter begründet.
Er liebte sie, war ihr treu, das wußte sie. Es war ihr höchster
Triumph, daß er sie so frei, so ohne jede Nebengedanken, Rücksichten
und Fesseln, so ganz um ihrer selbst willen liebte. Jeder seiner
Besuche war ihr wie ein Geschenk. Die kleinste Aufmerksamkeit von
seiner Seite erfüllte sie mit der Dankbarkeit der Braut. Seine
Treue hatte etwas Rührendes für sie. Sie genoß ihr Glück mit der
melancholischen Innigkeit eines Menschen, der sich bewußt ist, daß
alles einmal ein Ende haben muß und daß auf Frühling und Sommer Herbst
und Winter folgen müssen.