XII.

Die Reise, die sie nun zu dreien unternahmen, war vom Glück begünstigt.

Klares, sonnendurchwärmtes Herbstwetter, das günstigste für See und

Gebirge. Die Gegend war zwar von Touristen überfüllt, aber einem Manne,

wie Reimers, öffnete sich schließlich jedes Hotel. So bequem, wie

möglich, richteten sie sich die Fahrt ein. Einen festen Reiseplan hatte

man nicht; wo es einem gefiel, da blieb man. Jutta und Bruno benutzten,

wenn es die Straße irgend gestattete, das Rad. Herr Reimers kam per

Dampfschiff oder im offenen Wagen nach. In den Hotels wurden sie stets

als eine Familie angesehen. Jutta bekam oft den Titel »gnädige Frau«,

was sie stets belustigte, während es Bruno in Verlegenheit setzte.

Reimers meinte: jetzt, wo die jungen Leute den ganzen Tag beisammen

seien, würde sich das Erwartete schnell vollziehen. Aber es vergingen

Tage, es vergingen Wochen, ohne daß ihm Gelegenheit gegeben worden

wäre, das zwischen ihm und Vater Knorrig verabredete Telegramm

abzuschicken.

Bruno folgte dem Mädchen wie ein Hündchen. Jeden Wunsch, ehe sie

ihn kaum gedacht, suchte er zu erfüllen. Er diente ihr in demütiger

Verliebtheit, halb ihr Ritter, halb ihr Lakai. Sie ließ sich seinen

Minnedienst gefallen, behandelte ihn nicht schlecht; aber doch wußte

sie eine unsichtbare Mauer zwischen sich und ihm aufzurichten, die

jede Vertraulichkeit ausschloß. Seine flehenden Blicke übersah sie

absichtlich, jedes Gespräch, das eine Wendung zu nehmen drohte zum

Bekenntnis, schnitt sie kurz ab.

Der arme Bruno litt Tantalusqualen, den Gegenstand seiner Sehnsucht

täglich, stündlich vor Augen! Die gemeinsamen Fahrten durch Gebirge und

Wald, durch menschenleere Einöden brachten sie einander nahe, wie gute

Kameraden. Sie war auf ihn angewiesen, auf seinen Schutz, auf seine

Hilfe in tausend Kleinigkeiten. Der größte Thor kam er sich oftmals

selbst vor, daß er sich nicht einfach aneignete, wonach sich seine

Sinne sehnten. Aber die Furcht, alles zu zerstören, hielt ihn immer

wieder in Schranken.

Bei aller Zurückhaltung ihm gegenüber, welch eine Lebenskraft in

ihr, welches Bedürfnis zu schauen, zu genießen, zu leben! In einem

war sie scheue, spröde Mädchenhaftigkeit und vollsaftige weibliche

Sinnlichkeit. Jede ihrer Bewegungen war lebendig, stark, energisch,

und doch schien noch etwas Ungesagtes, Unentdecktes jungfräulich

dahinter zu schlummern. Jedes ihrer Worte sprühte Leben. Die kleinste,

einfachste Handlung schien ihm bedeutungsvoll, weil sie von ihr

ausging, weil auf der ganzen Welt nur Jutta Reimers so handeln konnte.

Hinter jeder Äußerung stand sie mit ganzer Persönlichkeit, lebte sie

sich aus mit voller Kraft und vollem Bewußtsein.

Fast erschreckte ihn solche Fülle genialer Begabung in einem weiblichen

Wesen. Er ahnte dunkel, daß er dem nicht gewachsen sein würde. Aber

gerade weil er sich seiner Unzulänglichkeit bewußt war, zog ihn die

Eigenart dieses begnadeten Geschöpfes unentrinnbar an.

Übrigens war die Sicherheit, welche Jutta zur Schau trug, nur eine

scheinbare. Mit der Ruhe ihres Gemütes war's nicht weit her. Professor

Wälzers vernichtendes Urteil hatte mehr getroffen, als nur ihren

künstlerischen Stolz. Ein Traum war vernichtet, an dem ihr Herz

schwärmerisch gehangen, die Hoffnung zerstört, eine große Künstlerin zu

werden.

Es war die herbste Enttäuschung, die ihr jemals widerfahren. Das

Schweigen, welches sie über dieses Erlebnis wahrte, machte das zehrende

Gefühl verletzten Ehrgeizes nicht besser.

Das Mädchen hätte in dieser Zeit eines Menschen bedurft, der mit

starker Hand sie geleitet, der es verstanden hätte, sie über

die erlittene Niederlage hinwegzubringen, sie zu sich selbst

zurückzuführen. Eine überlegene Natur, die von der Überlegenheit

schonend Gebrauch gemacht hätte, eine tiefe, feinfühlende

Freundesseele; aber nicht einen Anbeter wie Bruno, der zu ihren Füßen

lag.

Sie war zu jung, als daß ihr die unbedingte Abhängigkeit eines Menschen

vom geringsten Zucken ihrer Augenwimper nicht Eindruck gemacht

haben sollte. Solch schrankenlose Bewunderung schmeichelte ihrem

Selbstgefühl; war wie eine Art Balsam auf die Wunde, die ihr zugefügt

worden.

Wenn Jutta darüber nachdachte, ob sie ihn nehmen solle, dann bestürmten

sie die verschiedenartigsten Gefühle, Hoffnungen und Befürchtungen. Sie

liebte ihn ja nicht, aber sie haßte ihn doch auch nicht!

Von den Männern, die sich ihr bisher genähert, hatte jeder andere

Empfindungen in ihr ausgelöst. Der eine war ihr verächtlich gewesen,

der andere lächerlich, ein dritter gleichgiltig; der hatte sie

belustigt, jener sie gelangweilt. Dunkle Empfindungen, die sie

verabscheuen mußte, hatte ein einziger vorübergehend in ihr geweckt:

Luitpold. Aber an diese Episode dachte sie nicht gern.

Der Mann, der von Rechts wegen für sie bestimmt war, wäre entweder

nicht geboren, oder sie hätten einander nicht gefunden; so schien es

fast. Was half es darüber grübeln!

Bruno war wohl immer noch der Beste von allen, die sie kannte!

Wenigstens wußte man, daß er treu sei und daß er es ehrlich meine.

Er würde sie schützen. Jutta fühlte sich neuerdings des Schutzes

bedürftig. Nicht anlehnen wollte sie sich an einen Stärkeren,

nicht sich emporranken an ihm, nichts von sich selbst, von ihren

Anschauungen, von ihrer Welt wollte sie aufgeben um seinetwillen. Aber

nach jenem äußeren Schutze, jener bevorzugten Stellung sehnte sie sich,

wie sie die Würde der verheirateten Frau giebt.

Der vorige Winter hatte sie manches Erstaunliche gelehrt. Zumutungen

waren an sie heran getreten, Dinge hatte man ihr ins Ohr geflüstert,

von deren Bedeutung sie früher nichts geahnt hatte. Ihr Vater würde

sie davor nicht schützen; ihr Vater, dem, wie sie nun auch wußte, das

eigene Vergnügen über alles ging. Noch ein solcher Winter, und sie

mußte schlecht werden; ja, es war ihr manchmal, als sei sie es schon

jetzt.

Vor der Rückkehr in die alten Verhältnisse graute ihr. Vor allem graute

ihr vor Luitpold Habelmayer, vor seinen Blicken, seinen zweideutigen

Worten, seiner Zudringlichkeit.

Und ihre Kunst hatte sie jetzt auch nicht mehr, in die sie sich vor all

diesen trüben und widerlichen Dingen hätte flüchten können!

Nein, nein, es mußte sich etwas ändern in ihrem Leben. Eine

Entscheidung mußte fallen, so oder so.

Jutta sehnte sich nach der Stellung der verheirateten Frau, nicht nach

der Liebe. Vielleicht, so meinte sie, würde sie ihre Mädchenfreiheit

nicht einbüßen, trotz der Ehe. An die Pflichten, Aufgaben und Lasten

einer Frau und Mutter dachte sie am liebsten garnicht.

Was war denn weiter dabei, wenn sie einen Mann nahm, den sie nicht

liebte? -- Tausende von Mädchen thaten das. Und ihm fügte sie erst

recht kein Unrecht zu, da er sie ja durchaus zur Frau haben wollte! War

es ihre Schuld, wenn er nicht finden würde, was er suchte? Außerdem,

wirklich unglücklich würde der gute Bruno schwerlich werden; er hatte

wohl keine Anlage dazu.

Ein ganzer wichtiger Teil ihres Wesens schlummerte eben noch,

war noch ungeweckt. Sie war geliebt worden, aber sie kannte die

Liebe nicht, wußte nicht, wie sie den ganzen Menschen erfaßt und

verwandelt. Darum vermochte sie auch an Anderen nicht die Liebe in

ihrer seelenerschütternden Kraft, ihrem lebensentscheidenden Ernst zu

erkennen und zu würdigen.

Jutta hielt sich selbst manchmal für verderbt, ohne es zu sein. Sie war

nicht einmal leichtsinnig. Nur jung war sie, und ihrem Herzen fehlte

die Erfahrung.

* * * * *

Eines Nachmittags machten Jutta und Bruno, von einem Ausfluge zu Rad

heimkehrend, auf einer schattigen Wiese am Wege Rast. Im Lichte der

scheidenden Sonne lag ein Stück wundervoller Alpenlandschaft zu ihren

Füßen. Von der Tiefe klang das Brausen des Gießbachs herauf, dessen

Sturz dem Auge verborgen blieb; weiter draußen im Thal zeigte er sich

dann als ein ruhiges, silbernes Band, das einem fernen Wasserspiegel

zustrebte. Menschliche Anwesen daran, Mühlen, Dörfer mit Kirchen.

Alles nahm sich von hier oben aus wie Spielzeug. Das Ganze umrahmt

vom Kranze zackiger Berge, deren Gipfel, starr und tot, Leben nur

erhielten durch das Licht, welches sie länger und ungetrübter schauten

von ihrem einsamen Auslug über den belebten Gefilden. Eine Wolke,

lang ausgezogen, federweiß, lag, ein Riesenschiff, ruhig an einer

dieser Zacken vor Anker. Vom Grunde aufwärts strebten Wälder von

dunkler Farbe, bis ihnen die senkrechten Felsmauern der Berge ein Halt

zuriefen. Nur hie und da wurde einer schräg sich abdachenden Matte

gestattet, das düstere Grau dieser Riesen mit saftigem Grün zu beleben.

In den Gründen aber und Schlünden, den Spalten und Senken, den Thälern

und Buchten lagen bereits die duftigen Schatten des Abends. Die Sonne

wob den toten Häuptern da oben eine Strahlenkrone von Violett, Purpur

und Schwefelgelb.

Jutta saß, die Hände über die Kniee gekreuzt, und starrte sprachlos

das Wunder an, das sich vor ihren Augen vollzog. »Ehrfurcht vor der

Natur!« das Wort ihres Lehrers kam ihr unwillkürlich in den Sinn. Ja,

er hatte recht: man konnte nicht alles malen, was man sah. Vor gewissen

Erscheinungen blieb: verstummen, die einzige Rettung.

Unwillkürlich seufzte sie. Ein Seufzer, der ebensogut ein Wonnelaut,

wie ein Aufschluchzen, wie ein Ruf sprachlosen Bewunderns sein konnte.

Aber Bruno, der neben ihr ausgestreckt lag, dem ihr von der Abendsonne

gebadetes Gesicht, ihre in Radlertracht knabenhaft wirkende Gestalt,

der ganze, liebe, begehrenswerte Mensch da vor ihm, viel tausendmal

schöner erschien, als die Herrlichkeit der übrigen Welt, Bruno, der

den tief sehnsuchtsvollen Ausdruck sah ihres Auges, gab diesem Seufzer

eine andere Deutung. Sie schien ihm weicher, milder als sonst,

empfänglicher. Vielleicht war jetzt der Augenblick gekommen, den er so

lange ersehnte, wo er hoffen durfte, Gehör zu finden.

Er schob sich ein wenig näher an sie heran. »Jutta!« flüsterte er,

ängstlich halb, halb fordernd zu ihr emporblickend.

Ob mit Absicht oder nicht, sie hörte nicht darauf.

»Jutta, liebe Jutta!«

Jetzt blickte sie auf ihn, sah erstaunt in ein gewandeltes, tief

erregtes, ihr gänzlich neues Gesicht.

Das Mädchen erschrak doch ein wenig, als nun endlich das eintrat,

was sie längst erwarten mußte. Zu unvermittelt kam es für sie in

diesem Augenblicke. Mit ihren Gedanken war sie soweit weg gewesen.

Unwillkürlich rückte sie von ihm ab.

»Ich muß sprechen, sonst zersprengt es mich!« brachte er mit gepreßter

unnatürlicher Stimme vor.

Die Ängstlichkeit, die sich in ihren Blicken verriet, gab ihm Mut. Er

griff nach ihrer Hand, vor ihr knieend und sie mit Stimme, Mienen,

Blicken beschwörend, stieß er unzusammenhängend hervor, was sich von

wild brodelnden Gefühlen in ihm angesammelt hatte, in Wochen.

Sie hörte nicht die einzelnen Worte, aber um so deutlicher verstand sie

ihren Sinn. Ihr wurde bange. Zum ersten Male wurde ihr klar, daß sie es

in ihm mit einem Manne zu thun habe. Dieser, von der Leidenschaft wie

von starkem Fieber gepackte, hin und her geschüttelte Mensch, flößte

ihr Grauen ein. Das war nicht mehr Bruno, ihr unterwürfiger Diener, das

war einer, der sich zum Herrn aufwarf, der kühn forderte, der es wagte,

sie besitzen zu wollen.

Aber das Merkwürdige war, daß er ihr im Grunde so besser gefiel.

Zum ersten Male, seit sie ihn kannte, imponierte ihr Bruno. Seine

Unterwürfigkeit hatte ihr Herz nicht erobert, nun auf einmal, da er

das Gewand der Bescheidenheit abwarf, erschien er ihr bedeutender,

interessanter, beachtenswerter.

Bruno, dem die in solchen Augenblicken zehnfach geschärften Sinne

verrieten, daß er an Boden gewinne, zog das Mädchen an sich, suchte ihr

den ersten Kuß zu rauben.

Aber die Berührung seiner Lippen weckte jählings ihre jungfräuliche

Spröde. Mit Anstrengung aller Kräfte stieß sie den Mann von sich, erhob

sich und stand ihm mit gänzlich veränderter, strenger, ja feindlicher

Miene gegenüber.

Er stammelte eine Bitte um Verzeihung. Nun war er wieder ihr demütiger

Sklave, der von einem Winke ihres Auges abhing. Mitten in ihrer

Erregung mußte sie über seine verwirrte Miene, seine Haltung, die der

eines ertappten Schülers glich, lächeln.

So jäh wechselten im Laufe weniger Minuten bei diesem Mädchen, das ihr

Herz und seine tiefsten Bedürfnisse noch nicht entdeckt hatte, die

Stimmungen.

Jutta strich sich das Haar glatt, brachte ihr Kleid in Ordnung

und sagte ihrem Begleiter in befehlendem Tone, er möge die Räder

heranholen, die man an die nächsten Bäume gelehnt hatte.

Man machte sich auf den Heimweg, erst des abschüssigen Pfades halber

ein Stück führend, dann auf bessere Bahn gelangt, die Maschinen

benutzend. Der Weg wurde schweigend zurückgelegt. Er hielt sich ein

Stück hinter ihr.

Brunos Herz war voll Jubel und voll Bangigkeit zugleich. Einen Erfolg

hatte er errungen; aber, ob er sich den Sieg zuschreiben dürfe, wußte

er nicht.

* * * * *

Tags darauf verlobte sich Jutta mit Bruno. Reimers schickte sein

Telegramm ab an Vater Knorrig und ließ zu Mittag Champagner anfahren,

den teuersten, der auf der Weinkarte zu finden war. Nach Tisch

verlangte er zu sehen, wie die beiden sich küßten; heimlich -- so nahm

er an -- würden sie es schon oftmals geübt haben.

Der Vater wunderte sich, wie spröde Jutta sich dabei anstellte. Das

Mädchen war überhaupt sehr verändert, stiller, nachdenklicher, ernst,

in sich gekehrt. Vor Bruno, den sie bisher nicht gerade zum besten

behandelt hatte, schien sie jetzt mit einemmale eine Art Scheu zu

empfinden. Sie weigerte sich, mit ihm allein Ausflüge zu unternehmen,

aus irgend einer dummen Ängstlichkeit. Reimers fand wiedermal

bestätigt, daß man sich bei noch soviel Erfahrung mit den Frauen doch

niemals auskenne.

Jutta hatte urplötzlich viel mit Briefschreiben zu thun. Einen Brief,

der kein Ende nehmen zu wollen schien, sandte sie an Lieschen Blümer,

einen anderen an Eberhard. Auch Vally Habelmayer erhielt einen.

Die Antworten liefen schnell ein. Niemand äußerte großes Staunen. Die

meisten thaten sogar, als hätten sie diese Verlobung längst erwartet.

Eberhard schrieb in einer Art Ekstase; er behauptete, daß sein liebster

Wunsch in Erfüllung gegangen sei, da sich die Schwester und der Freund

fürs Leben gefunden hätten.

Die Reise hatte nunmehr ihren Abschluß gefunden. Reimers drängte, nach

München zurückzukehren, weil er mit Vater Knorrig den geschäftlichen

Teil der Angelegenheit feststellen wollte.

Es wurde beschlossen, daß die Hochzeit im nächsten Frühjahr stattfinden

solle. Bruno mußte während des Winters noch einmal nach Süd-Amerika

zurück, um dort ein wichtiges Projekt, das man einem anderen nicht gut

überlassen konnte, zu Ende zu führen. Im Frühjahr würde er dann für

immer nach Haus zurückkehren, um in die Firma einzutreten an Reimers'

Stelle, der sich dann zu Gunsten seines Schwiegersohnes von der Führung

der Geschäfte zurückziehen wollte.

Es folgte nun die Zeit für Jutta und Bruno, wo sie bei Freunden und

Verwandten Besuche machen, Gratulationen annehmen und Einladungen Folge

leisten mußten. Keine behagliche und glückliche Zeit!

Nun erst zeigte sich, daß man in diese Verlobung mit ganz verschiedenen

Voraussetzungen von beiden Seiten hineingegangen war. Bruno war stolz

und glücklich und wünschte, daß auch die Welt sein Glück sehen und

anerkennen sollte. Er wollte stetig um Jutta sein, soviel von ihr

haben, als er nur konnte. Jutta aber war die Schaustellung ihres

angeblichen Glückes vor der Verwandtschaft im höchsten Grade widerlich.

Die Gratulationen der Basen und Tanten, diese verständnisvollen Blicke

und Redensarten, mit denen man ihr sagen wollte: ›Nun ja, wir wissen

ja, ihr seid verlobt. Verlobt sein ist kein normaler Zustand!‹ --

konnten sie außer sich bringen. Und gar, wenn man sie mit bedeutsamem

Lächeln allein ließ mit Bruno zum +tête-à-tête+. Oder wenn ein

alter Onkel ihr in die Wange kniff und mit launischem Gelächter ihr

zurief: »Nutzt nur eure Zeit aus, Kinder! Das kommt so nie wieder im

ganzen Leben!« Und zu alledem auch noch ein freundliches Gesicht machen

müssen, wo sie hätte weinen, schreien, mit den Füßen aufstampfen mögen.

An solche Möglichkeiten hatte sie nicht gedacht, als sie Bruno das Wort

der Einwilligung gab. Daß sie sich so binden, solchen Demütigungen

entgegengehen würde, hatte sie nimmer vermutet.

Auch wenn sie allein miteinander gelassen wurden, war das Verhältnis

kein erquickliches. Er versuchte auf sein gutes Recht zu pochen, das

ihm Zärtlichkeit gestattete, und sie ließ nicht ab von ihrem Rechte,

sich solcher Zärtlichkeiten zu erwehren. So zogen sie, wie zwei

junge Pferde, die an einen Strang gespannt sind, nach verschiedenen

Richtungen.

Bruno, von Natur bescheiden und nachgiebig, hätte der angebeteten Braut

gern alles zu Liebe gethan, und sogar manches zu Liebe unterlassen.

Aber hinter ihm stand sein Vater. Knorrig senior war der Ansicht, daß

der Eigensinn des Mädchens bei Zeiten gebrochen werden müsse, in der

Ehe sei das zu spät. Er hatte diese Kur einstmals mit Erfolg an seiner

verstorbenen Frau ausgeführt und gab seinem Sohne sachgemäßen Rat,

wie er jetzt bei Jutta ein Gleiches üben müsse. Zwar brachte er Bruno

nicht dazu, mit der geforderten »rücksichtslosen Energie« aufzutreten;

immerhin bewirkten die väterlichen Ermahnungen doch soviel, daß der

junge Mann hie und da Versuche machte, seine Braut zu erziehen. Dieses

und jenes mißfiel ihm an ihrer Toilette, ihren Worten, ihrem Benehmen.

Das war »extravagant«, jenes schickte sich nicht für eine Braut, war

»nicht mädchenhaft«. Gegen solche, in doktrinärem Tone vorgebrachten

guten Lehren bäumte sich Juttas ganzes Selbstbewußtsein auf. Sich einen

Mentor aufzuladen, war das letzte, was sie vorausgesetzt hatte, als sie

ihm ihr Jawort gab.

Natürlich fanden gute Freunde schnell heraus, daß das Brautpaar in

sich nicht völlig einig sei. Man wunderte oder freute sich darüber,

bedauerte es wohl auch anscheinend. Die meisten schrieben der Braut die

Schuld zu. Jutta hatte von neuem bewiesen -- so war das Urteil der

Familie -- daß sie unberechenbar, unzuverlässig, flatterhaft sei. Man

bemitleidete Bruno Knorrig, der als solider, wohlerzogener junger Mann

sich allgemeiner Sympathieen erfreute.

Auf das, was die werte Verwandtschaft dachte und sagte, gab Jutta nicht

viel; mit einer Ausnahme: Vetter Luitpold.

Luitpold Habelmayer war einer der ersten gewesen, der Jutta brieflich

mit herzlichen Worten zu ihrer Wahl beglückwünscht hatte. Er hielt

auch jetzt noch nach außen hin daran fest, daß ihre Verlobung ein

erfreuliches Ereignis sei für alle Beteiligten. Mit Bruno hatte er sich

schnell angefreundet, ihm sogar Brüderschaft angeboten.

Aber Jutta wußte, daß das Schauspielerei sei. Durch gelegentliche

vielsagende Blicke, verstohlene Seufzer, nur dem Eingeweihten

verständliche Andeutungen und Winke, gab Luitpold der Cousine seine

wahre Gesinnung zu verstehen. Für ihn war Juttas Verlobung mit Bruno

noch lange kein Grund, alle Hoffnung fahren zu lassen.

Jutta verstand sehr gut, was er wollte, verstand auch das ironische

Lächeln mit dem Luitpold manchmal Bruno betrachtete. Furchtbar zu

denken, daß er ihren Seelenzustand durchschaue! Dann wäre das Opfer

ihrer Freiheit, das sie schweren Herzens gebracht, erst recht umsonst

gewesen! Dann hatte sie nichts gewonnen, dann stand alles wie vorher!

Schien es ihr nur so; aber in Luitpolds Gegenwart kam ihr Bruno

auch ganz besonders unbeholfen und philisterhaft vor. Es reizte

sie geradezu, ihn dann schlecht zu behandeln. Luitpold aber nahm

in heuchlerischer Weise Brunos Partei, bat sie wohl gar, nicht so

unfreundlich zu sein gegen den Armen.

Stete quälende Demütigung!

Und von Bruno hatte sie Schutz erwartet! Um dieses Schutzes willen

hatte sie die Stellung einer verheirateten Frau ersehnt. Schöner

Schutz! Bruno sah ja überhaupt garnicht die Gefahr, welche ihr drohte,

die Verunglimpfung, die man ihr anthat, die lächerliche Rolle, die er

selbst dabei spielte. Als sie ihm von weitem einmal eine Andeutung

machen wollte über Luitpolds wahren Charakter, nahm er ihn in Schutz,

rühmte sogar noch die Liebenswürdigkeit des Vetters.

So sah sich Jutta bitter getäuscht in ihrer Rechnung. Sie zürnte ihrem

Geschick, fand, daß sie grausam behandelt werde.

Es ist ein Gesetz in der Liebe, daß jeder genau das zurückerhält, was

er einzahlt. Wer sich nicht hingeben will mit ganzem Herzen, wer etwas

anderes sucht in der Liebe als die Liebe, kann ihres großen Glückes

nimmermehr teilhaftig werden.

Liebe ist ewig · 第 19 / 44 题