Die Reise, die sie nun zu dreien unternahmen, war vom Glück begünstigt.
Klares, sonnendurchwärmtes Herbstwetter, das günstigste für See und
Gebirge. Die Gegend war zwar von Touristen überfüllt, aber einem Manne,
wie Reimers, öffnete sich schließlich jedes Hotel. So bequem, wie
möglich, richteten sie sich die Fahrt ein. Einen festen Reiseplan hatte
man nicht; wo es einem gefiel, da blieb man. Jutta und Bruno benutzten,
wenn es die Straße irgend gestattete, das Rad. Herr Reimers kam per
Dampfschiff oder im offenen Wagen nach. In den Hotels wurden sie stets
als eine Familie angesehen. Jutta bekam oft den Titel »gnädige Frau«,
was sie stets belustigte, während es Bruno in Verlegenheit setzte.
Reimers meinte: jetzt, wo die jungen Leute den ganzen Tag beisammen
seien, würde sich das Erwartete schnell vollziehen. Aber es vergingen
Tage, es vergingen Wochen, ohne daß ihm Gelegenheit gegeben worden
wäre, das zwischen ihm und Vater Knorrig verabredete Telegramm
abzuschicken.
Bruno folgte dem Mädchen wie ein Hündchen. Jeden Wunsch, ehe sie
ihn kaum gedacht, suchte er zu erfüllen. Er diente ihr in demütiger
Verliebtheit, halb ihr Ritter, halb ihr Lakai. Sie ließ sich seinen
Minnedienst gefallen, behandelte ihn nicht schlecht; aber doch wußte
sie eine unsichtbare Mauer zwischen sich und ihm aufzurichten, die
jede Vertraulichkeit ausschloß. Seine flehenden Blicke übersah sie
absichtlich, jedes Gespräch, das eine Wendung zu nehmen drohte zum
Bekenntnis, schnitt sie kurz ab.
Der arme Bruno litt Tantalusqualen, den Gegenstand seiner Sehnsucht
täglich, stündlich vor Augen! Die gemeinsamen Fahrten durch Gebirge und
Wald, durch menschenleere Einöden brachten sie einander nahe, wie gute
Kameraden. Sie war auf ihn angewiesen, auf seinen Schutz, auf seine
Hilfe in tausend Kleinigkeiten. Der größte Thor kam er sich oftmals
selbst vor, daß er sich nicht einfach aneignete, wonach sich seine
Sinne sehnten. Aber die Furcht, alles zu zerstören, hielt ihn immer
wieder in Schranken.
Bei aller Zurückhaltung ihm gegenüber, welch eine Lebenskraft in
ihr, welches Bedürfnis zu schauen, zu genießen, zu leben! In einem
war sie scheue, spröde Mädchenhaftigkeit und vollsaftige weibliche
Sinnlichkeit. Jede ihrer Bewegungen war lebendig, stark, energisch,
und doch schien noch etwas Ungesagtes, Unentdecktes jungfräulich
dahinter zu schlummern. Jedes ihrer Worte sprühte Leben. Die kleinste,
einfachste Handlung schien ihm bedeutungsvoll, weil sie von ihr
ausging, weil auf der ganzen Welt nur Jutta Reimers so handeln konnte.
Hinter jeder Äußerung stand sie mit ganzer Persönlichkeit, lebte sie
sich aus mit voller Kraft und vollem Bewußtsein.
Fast erschreckte ihn solche Fülle genialer Begabung in einem weiblichen
Wesen. Er ahnte dunkel, daß er dem nicht gewachsen sein würde. Aber
gerade weil er sich seiner Unzulänglichkeit bewußt war, zog ihn die
Eigenart dieses begnadeten Geschöpfes unentrinnbar an.
Übrigens war die Sicherheit, welche Jutta zur Schau trug, nur eine
scheinbare. Mit der Ruhe ihres Gemütes war's nicht weit her. Professor
Wälzers vernichtendes Urteil hatte mehr getroffen, als nur ihren
künstlerischen Stolz. Ein Traum war vernichtet, an dem ihr Herz
schwärmerisch gehangen, die Hoffnung zerstört, eine große Künstlerin zu
werden.
Es war die herbste Enttäuschung, die ihr jemals widerfahren. Das
Schweigen, welches sie über dieses Erlebnis wahrte, machte das zehrende
Gefühl verletzten Ehrgeizes nicht besser.
Das Mädchen hätte in dieser Zeit eines Menschen bedurft, der mit
starker Hand sie geleitet, der es verstanden hätte, sie über
die erlittene Niederlage hinwegzubringen, sie zu sich selbst
zurückzuführen. Eine überlegene Natur, die von der Überlegenheit
schonend Gebrauch gemacht hätte, eine tiefe, feinfühlende
Freundesseele; aber nicht einen Anbeter wie Bruno, der zu ihren Füßen
lag.
Sie war zu jung, als daß ihr die unbedingte Abhängigkeit eines Menschen
vom geringsten Zucken ihrer Augenwimper nicht Eindruck gemacht
haben sollte. Solch schrankenlose Bewunderung schmeichelte ihrem
Selbstgefühl; war wie eine Art Balsam auf die Wunde, die ihr zugefügt
worden.
Wenn Jutta darüber nachdachte, ob sie ihn nehmen solle, dann bestürmten
sie die verschiedenartigsten Gefühle, Hoffnungen und Befürchtungen. Sie
liebte ihn ja nicht, aber sie haßte ihn doch auch nicht!
Von den Männern, die sich ihr bisher genähert, hatte jeder andere
Empfindungen in ihr ausgelöst. Der eine war ihr verächtlich gewesen,
der andere lächerlich, ein dritter gleichgiltig; der hatte sie
belustigt, jener sie gelangweilt. Dunkle Empfindungen, die sie
verabscheuen mußte, hatte ein einziger vorübergehend in ihr geweckt:
Luitpold. Aber an diese Episode dachte sie nicht gern.
Der Mann, der von Rechts wegen für sie bestimmt war, wäre entweder
nicht geboren, oder sie hätten einander nicht gefunden; so schien es
fast. Was half es darüber grübeln!
Bruno war wohl immer noch der Beste von allen, die sie kannte!
Wenigstens wußte man, daß er treu sei und daß er es ehrlich meine.
Er würde sie schützen. Jutta fühlte sich neuerdings des Schutzes
bedürftig. Nicht anlehnen wollte sie sich an einen Stärkeren,
nicht sich emporranken an ihm, nichts von sich selbst, von ihren
Anschauungen, von ihrer Welt wollte sie aufgeben um seinetwillen. Aber
nach jenem äußeren Schutze, jener bevorzugten Stellung sehnte sie sich,
wie sie die Würde der verheirateten Frau giebt.
Der vorige Winter hatte sie manches Erstaunliche gelehrt. Zumutungen
waren an sie heran getreten, Dinge hatte man ihr ins Ohr geflüstert,
von deren Bedeutung sie früher nichts geahnt hatte. Ihr Vater würde
sie davor nicht schützen; ihr Vater, dem, wie sie nun auch wußte, das
eigene Vergnügen über alles ging. Noch ein solcher Winter, und sie
mußte schlecht werden; ja, es war ihr manchmal, als sei sie es schon
jetzt.
Vor der Rückkehr in die alten Verhältnisse graute ihr. Vor allem graute
ihr vor Luitpold Habelmayer, vor seinen Blicken, seinen zweideutigen
Worten, seiner Zudringlichkeit.
Und ihre Kunst hatte sie jetzt auch nicht mehr, in die sie sich vor all
diesen trüben und widerlichen Dingen hätte flüchten können!
Nein, nein, es mußte sich etwas ändern in ihrem Leben. Eine
Entscheidung mußte fallen, so oder so.
Jutta sehnte sich nach der Stellung der verheirateten Frau, nicht nach
der Liebe. Vielleicht, so meinte sie, würde sie ihre Mädchenfreiheit
nicht einbüßen, trotz der Ehe. An die Pflichten, Aufgaben und Lasten
einer Frau und Mutter dachte sie am liebsten garnicht.
Was war denn weiter dabei, wenn sie einen Mann nahm, den sie nicht
liebte? -- Tausende von Mädchen thaten das. Und ihm fügte sie erst
recht kein Unrecht zu, da er sie ja durchaus zur Frau haben wollte! War
es ihre Schuld, wenn er nicht finden würde, was er suchte? Außerdem,
wirklich unglücklich würde der gute Bruno schwerlich werden; er hatte
wohl keine Anlage dazu.
Ein ganzer wichtiger Teil ihres Wesens schlummerte eben noch,
war noch ungeweckt. Sie war geliebt worden, aber sie kannte die
Liebe nicht, wußte nicht, wie sie den ganzen Menschen erfaßt und
verwandelt. Darum vermochte sie auch an Anderen nicht die Liebe in
ihrer seelenerschütternden Kraft, ihrem lebensentscheidenden Ernst zu
erkennen und zu würdigen.
Jutta hielt sich selbst manchmal für verderbt, ohne es zu sein. Sie war
nicht einmal leichtsinnig. Nur jung war sie, und ihrem Herzen fehlte
die Erfahrung.
* * * * *
Eines Nachmittags machten Jutta und Bruno, von einem Ausfluge zu Rad
heimkehrend, auf einer schattigen Wiese am Wege Rast. Im Lichte der
scheidenden Sonne lag ein Stück wundervoller Alpenlandschaft zu ihren
Füßen. Von der Tiefe klang das Brausen des Gießbachs herauf, dessen
Sturz dem Auge verborgen blieb; weiter draußen im Thal zeigte er sich
dann als ein ruhiges, silbernes Band, das einem fernen Wasserspiegel
zustrebte. Menschliche Anwesen daran, Mühlen, Dörfer mit Kirchen.
Alles nahm sich von hier oben aus wie Spielzeug. Das Ganze umrahmt
vom Kranze zackiger Berge, deren Gipfel, starr und tot, Leben nur
erhielten durch das Licht, welches sie länger und ungetrübter schauten
von ihrem einsamen Auslug über den belebten Gefilden. Eine Wolke,
lang ausgezogen, federweiß, lag, ein Riesenschiff, ruhig an einer
dieser Zacken vor Anker. Vom Grunde aufwärts strebten Wälder von
dunkler Farbe, bis ihnen die senkrechten Felsmauern der Berge ein Halt
zuriefen. Nur hie und da wurde einer schräg sich abdachenden Matte
gestattet, das düstere Grau dieser Riesen mit saftigem Grün zu beleben.
In den Gründen aber und Schlünden, den Spalten und Senken, den Thälern
und Buchten lagen bereits die duftigen Schatten des Abends. Die Sonne
wob den toten Häuptern da oben eine Strahlenkrone von Violett, Purpur
und Schwefelgelb.
Jutta saß, die Hände über die Kniee gekreuzt, und starrte sprachlos
das Wunder an, das sich vor ihren Augen vollzog. »Ehrfurcht vor der
Natur!« das Wort ihres Lehrers kam ihr unwillkürlich in den Sinn. Ja,
er hatte recht: man konnte nicht alles malen, was man sah. Vor gewissen
Erscheinungen blieb: verstummen, die einzige Rettung.
Unwillkürlich seufzte sie. Ein Seufzer, der ebensogut ein Wonnelaut,
wie ein Aufschluchzen, wie ein Ruf sprachlosen Bewunderns sein konnte.
Aber Bruno, der neben ihr ausgestreckt lag, dem ihr von der Abendsonne
gebadetes Gesicht, ihre in Radlertracht knabenhaft wirkende Gestalt,
der ganze, liebe, begehrenswerte Mensch da vor ihm, viel tausendmal
schöner erschien, als die Herrlichkeit der übrigen Welt, Bruno, der
den tief sehnsuchtsvollen Ausdruck sah ihres Auges, gab diesem Seufzer
eine andere Deutung. Sie schien ihm weicher, milder als sonst,
empfänglicher. Vielleicht war jetzt der Augenblick gekommen, den er so
lange ersehnte, wo er hoffen durfte, Gehör zu finden.
Er schob sich ein wenig näher an sie heran. »Jutta!« flüsterte er,
ängstlich halb, halb fordernd zu ihr emporblickend.
Ob mit Absicht oder nicht, sie hörte nicht darauf.
»Jutta, liebe Jutta!«
Jetzt blickte sie auf ihn, sah erstaunt in ein gewandeltes, tief
erregtes, ihr gänzlich neues Gesicht.
Das Mädchen erschrak doch ein wenig, als nun endlich das eintrat,
was sie längst erwarten mußte. Zu unvermittelt kam es für sie in
diesem Augenblicke. Mit ihren Gedanken war sie soweit weg gewesen.
Unwillkürlich rückte sie von ihm ab.
»Ich muß sprechen, sonst zersprengt es mich!« brachte er mit gepreßter
unnatürlicher Stimme vor.
Die Ängstlichkeit, die sich in ihren Blicken verriet, gab ihm Mut. Er
griff nach ihrer Hand, vor ihr knieend und sie mit Stimme, Mienen,
Blicken beschwörend, stieß er unzusammenhängend hervor, was sich von
wild brodelnden Gefühlen in ihm angesammelt hatte, in Wochen.
Sie hörte nicht die einzelnen Worte, aber um so deutlicher verstand sie
ihren Sinn. Ihr wurde bange. Zum ersten Male wurde ihr klar, daß sie es
in ihm mit einem Manne zu thun habe. Dieser, von der Leidenschaft wie
von starkem Fieber gepackte, hin und her geschüttelte Mensch, flößte
ihr Grauen ein. Das war nicht mehr Bruno, ihr unterwürfiger Diener, das
war einer, der sich zum Herrn aufwarf, der kühn forderte, der es wagte,
sie besitzen zu wollen.
Aber das Merkwürdige war, daß er ihr im Grunde so besser gefiel.
Zum ersten Male, seit sie ihn kannte, imponierte ihr Bruno. Seine
Unterwürfigkeit hatte ihr Herz nicht erobert, nun auf einmal, da er
das Gewand der Bescheidenheit abwarf, erschien er ihr bedeutender,
interessanter, beachtenswerter.
Bruno, dem die in solchen Augenblicken zehnfach geschärften Sinne
verrieten, daß er an Boden gewinne, zog das Mädchen an sich, suchte ihr
den ersten Kuß zu rauben.
Aber die Berührung seiner Lippen weckte jählings ihre jungfräuliche
Spröde. Mit Anstrengung aller Kräfte stieß sie den Mann von sich, erhob
sich und stand ihm mit gänzlich veränderter, strenger, ja feindlicher
Miene gegenüber.
Er stammelte eine Bitte um Verzeihung. Nun war er wieder ihr demütiger
Sklave, der von einem Winke ihres Auges abhing. Mitten in ihrer
Erregung mußte sie über seine verwirrte Miene, seine Haltung, die der
eines ertappten Schülers glich, lächeln.
So jäh wechselten im Laufe weniger Minuten bei diesem Mädchen, das ihr
Herz und seine tiefsten Bedürfnisse noch nicht entdeckt hatte, die
Stimmungen.
Jutta strich sich das Haar glatt, brachte ihr Kleid in Ordnung
und sagte ihrem Begleiter in befehlendem Tone, er möge die Räder
heranholen, die man an die nächsten Bäume gelehnt hatte.
Man machte sich auf den Heimweg, erst des abschüssigen Pfades halber
ein Stück führend, dann auf bessere Bahn gelangt, die Maschinen
benutzend. Der Weg wurde schweigend zurückgelegt. Er hielt sich ein
Stück hinter ihr.
Brunos Herz war voll Jubel und voll Bangigkeit zugleich. Einen Erfolg
hatte er errungen; aber, ob er sich den Sieg zuschreiben dürfe, wußte
er nicht.
* * * * *
Tags darauf verlobte sich Jutta mit Bruno. Reimers schickte sein
Telegramm ab an Vater Knorrig und ließ zu Mittag Champagner anfahren,
den teuersten, der auf der Weinkarte zu finden war. Nach Tisch
verlangte er zu sehen, wie die beiden sich küßten; heimlich -- so nahm
er an -- würden sie es schon oftmals geübt haben.
Der Vater wunderte sich, wie spröde Jutta sich dabei anstellte. Das
Mädchen war überhaupt sehr verändert, stiller, nachdenklicher, ernst,
in sich gekehrt. Vor Bruno, den sie bisher nicht gerade zum besten
behandelt hatte, schien sie jetzt mit einemmale eine Art Scheu zu
empfinden. Sie weigerte sich, mit ihm allein Ausflüge zu unternehmen,
aus irgend einer dummen Ängstlichkeit. Reimers fand wiedermal
bestätigt, daß man sich bei noch soviel Erfahrung mit den Frauen doch
niemals auskenne.
Jutta hatte urplötzlich viel mit Briefschreiben zu thun. Einen Brief,
der kein Ende nehmen zu wollen schien, sandte sie an Lieschen Blümer,
einen anderen an Eberhard. Auch Vally Habelmayer erhielt einen.
Die Antworten liefen schnell ein. Niemand äußerte großes Staunen. Die
meisten thaten sogar, als hätten sie diese Verlobung längst erwartet.
Eberhard schrieb in einer Art Ekstase; er behauptete, daß sein liebster
Wunsch in Erfüllung gegangen sei, da sich die Schwester und der Freund
fürs Leben gefunden hätten.
Die Reise hatte nunmehr ihren Abschluß gefunden. Reimers drängte, nach
München zurückzukehren, weil er mit Vater Knorrig den geschäftlichen
Teil der Angelegenheit feststellen wollte.
Es wurde beschlossen, daß die Hochzeit im nächsten Frühjahr stattfinden
solle. Bruno mußte während des Winters noch einmal nach Süd-Amerika
zurück, um dort ein wichtiges Projekt, das man einem anderen nicht gut
überlassen konnte, zu Ende zu führen. Im Frühjahr würde er dann für
immer nach Haus zurückkehren, um in die Firma einzutreten an Reimers'
Stelle, der sich dann zu Gunsten seines Schwiegersohnes von der Führung
der Geschäfte zurückziehen wollte.
Es folgte nun die Zeit für Jutta und Bruno, wo sie bei Freunden und
Verwandten Besuche machen, Gratulationen annehmen und Einladungen Folge
leisten mußten. Keine behagliche und glückliche Zeit!
Nun erst zeigte sich, daß man in diese Verlobung mit ganz verschiedenen
Voraussetzungen von beiden Seiten hineingegangen war. Bruno war stolz
und glücklich und wünschte, daß auch die Welt sein Glück sehen und
anerkennen sollte. Er wollte stetig um Jutta sein, soviel von ihr
haben, als er nur konnte. Jutta aber war die Schaustellung ihres
angeblichen Glückes vor der Verwandtschaft im höchsten Grade widerlich.
Die Gratulationen der Basen und Tanten, diese verständnisvollen Blicke
und Redensarten, mit denen man ihr sagen wollte: ›Nun ja, wir wissen
ja, ihr seid verlobt. Verlobt sein ist kein normaler Zustand!‹ --
konnten sie außer sich bringen. Und gar, wenn man sie mit bedeutsamem
Lächeln allein ließ mit Bruno zum +tête-à-tête+. Oder wenn ein
alter Onkel ihr in die Wange kniff und mit launischem Gelächter ihr
zurief: »Nutzt nur eure Zeit aus, Kinder! Das kommt so nie wieder im
ganzen Leben!« Und zu alledem auch noch ein freundliches Gesicht machen
müssen, wo sie hätte weinen, schreien, mit den Füßen aufstampfen mögen.
An solche Möglichkeiten hatte sie nicht gedacht, als sie Bruno das Wort
der Einwilligung gab. Daß sie sich so binden, solchen Demütigungen
entgegengehen würde, hatte sie nimmer vermutet.
Auch wenn sie allein miteinander gelassen wurden, war das Verhältnis
kein erquickliches. Er versuchte auf sein gutes Recht zu pochen, das
ihm Zärtlichkeit gestattete, und sie ließ nicht ab von ihrem Rechte,
sich solcher Zärtlichkeiten zu erwehren. So zogen sie, wie zwei
junge Pferde, die an einen Strang gespannt sind, nach verschiedenen
Richtungen.
Bruno, von Natur bescheiden und nachgiebig, hätte der angebeteten Braut
gern alles zu Liebe gethan, und sogar manches zu Liebe unterlassen.
Aber hinter ihm stand sein Vater. Knorrig senior war der Ansicht, daß
der Eigensinn des Mädchens bei Zeiten gebrochen werden müsse, in der
Ehe sei das zu spät. Er hatte diese Kur einstmals mit Erfolg an seiner
verstorbenen Frau ausgeführt und gab seinem Sohne sachgemäßen Rat,
wie er jetzt bei Jutta ein Gleiches üben müsse. Zwar brachte er Bruno
nicht dazu, mit der geforderten »rücksichtslosen Energie« aufzutreten;
immerhin bewirkten die väterlichen Ermahnungen doch soviel, daß der
junge Mann hie und da Versuche machte, seine Braut zu erziehen. Dieses
und jenes mißfiel ihm an ihrer Toilette, ihren Worten, ihrem Benehmen.
Das war »extravagant«, jenes schickte sich nicht für eine Braut, war
»nicht mädchenhaft«. Gegen solche, in doktrinärem Tone vorgebrachten
guten Lehren bäumte sich Juttas ganzes Selbstbewußtsein auf. Sich einen
Mentor aufzuladen, war das letzte, was sie vorausgesetzt hatte, als sie
ihm ihr Jawort gab.
Natürlich fanden gute Freunde schnell heraus, daß das Brautpaar in
sich nicht völlig einig sei. Man wunderte oder freute sich darüber,
bedauerte es wohl auch anscheinend. Die meisten schrieben der Braut die
Schuld zu. Jutta hatte von neuem bewiesen -- so war das Urteil der
Familie -- daß sie unberechenbar, unzuverlässig, flatterhaft sei. Man
bemitleidete Bruno Knorrig, der als solider, wohlerzogener junger Mann
sich allgemeiner Sympathieen erfreute.
Auf das, was die werte Verwandtschaft dachte und sagte, gab Jutta nicht
viel; mit einer Ausnahme: Vetter Luitpold.
Luitpold Habelmayer war einer der ersten gewesen, der Jutta brieflich
mit herzlichen Worten zu ihrer Wahl beglückwünscht hatte. Er hielt
auch jetzt noch nach außen hin daran fest, daß ihre Verlobung ein
erfreuliches Ereignis sei für alle Beteiligten. Mit Bruno hatte er sich
schnell angefreundet, ihm sogar Brüderschaft angeboten.
Aber Jutta wußte, daß das Schauspielerei sei. Durch gelegentliche
vielsagende Blicke, verstohlene Seufzer, nur dem Eingeweihten
verständliche Andeutungen und Winke, gab Luitpold der Cousine seine
wahre Gesinnung zu verstehen. Für ihn war Juttas Verlobung mit Bruno
noch lange kein Grund, alle Hoffnung fahren zu lassen.
Jutta verstand sehr gut, was er wollte, verstand auch das ironische
Lächeln mit dem Luitpold manchmal Bruno betrachtete. Furchtbar zu
denken, daß er ihren Seelenzustand durchschaue! Dann wäre das Opfer
ihrer Freiheit, das sie schweren Herzens gebracht, erst recht umsonst
gewesen! Dann hatte sie nichts gewonnen, dann stand alles wie vorher!
Schien es ihr nur so; aber in Luitpolds Gegenwart kam ihr Bruno
auch ganz besonders unbeholfen und philisterhaft vor. Es reizte
sie geradezu, ihn dann schlecht zu behandeln. Luitpold aber nahm
in heuchlerischer Weise Brunos Partei, bat sie wohl gar, nicht so
unfreundlich zu sein gegen den Armen.
Stete quälende Demütigung!
Und von Bruno hatte sie Schutz erwartet! Um dieses Schutzes willen
hatte sie die Stellung einer verheirateten Frau ersehnt. Schöner
Schutz! Bruno sah ja überhaupt garnicht die Gefahr, welche ihr drohte,
die Verunglimpfung, die man ihr anthat, die lächerliche Rolle, die er
selbst dabei spielte. Als sie ihm von weitem einmal eine Andeutung
machen wollte über Luitpolds wahren Charakter, nahm er ihn in Schutz,
rühmte sogar noch die Liebenswürdigkeit des Vetters.
So sah sich Jutta bitter getäuscht in ihrer Rechnung. Sie zürnte ihrem
Geschick, fand, daß sie grausam behandelt werde.
Es ist ein Gesetz in der Liebe, daß jeder genau das zurückerhält, was
er einzahlt. Wer sich nicht hingeben will mit ganzem Herzen, wer etwas
anderes sucht in der Liebe als die Liebe, kann ihres großen Glückes
nimmermehr teilhaftig werden.