Von Kurt waren in letzter Zeit schlechte Nachrichten gekommen, nachdem
es eine Zeitlang geschienen, als wolle das Klima von Nordafrika doch
noch ein Wunder an ihm verrichten. Schließlich traf eines Tages die
Depesche ein, welche seinen Tod mitteilte.
Hart wurde von diesem Falle eigentlich nur der Vater betroffen. Für
Jutta war es doch nicht viel mehr, als ein augenblicklicher Schreck,
ein in Wehmut schnell verblassendes Bemitleiden des armen Bruders, der
so jung hatte Abschied nehmen müssen vom Leben.
Reimers senior aber hatte eine teure Hoffnung begraben mit diesem Sohne.
Es war das erste wirkliche Unglück, das auch als solches empfunden
wurde, welches den Mann ereilte. Der Kelch der Lebensfreude, an dem er
sich leichten Herzens erlabt hatte, bekam einen bitteren Beigeschmack.
Nicht bloß in seiner Vaterliebe war er verwundet; für Leute seines
Schlages hat der Tod an sich etwas Erschreckendes. Sie fühlen sich
in ihrer Sicherheit erschüttert und finden sich in der Rolle des
Leidtragenden schwer zurecht.
Reimers alterte in den Wochen, die dem Tode seines Ältesten folgten,
zusehends. Schlaf und Appetit flohen ihn; er änderte Gewohnheiten
und Liebhabereien. Seine Stammtischbrüder und Klubgenossen kannten
sich nicht mehr aus mit ihm; so war die Laune des sonst gesprächigen,
jovialen, nie um einen Witz oder eine Anekdote verlegenen Mannes ins
Gegenteil umgeschlagen.
Eine Sorge kam hinzu mehr geschäftlicher Natur; von jeher war Kurt
dazu ausersehen gewesen, einstmals Chef der Firma Reimers und Knorrig
zu werden. Dieser schöne Plan sank mit Kurt ins Grab. Wer sollte ihn
ersetzen?
Der Gedanke, daß der Sohn des Kompagnons das Haus vertreten solle,
welches seine Blüte doch schließlich seiner, Reimers', Initiative
verdankte, war für den alternden Mann im höchsten Grade peinlich, ja
geradezu unerträglich.
Seine Hoffnung blieb jetzt nur noch der zweite Sohn. Zwar Eberhards
Studium war Medicin, und er hatte schon eine ganze Menge Zeit darauf
verwandt; aber der Junge war schließlich nicht so alt, um nicht mit
Erfolg umsatteln zu können. Reimers senior konnte sich nicht denken,
daß ein vernünftiger Mensch den mühevollen, ärztlichen Beruf nicht
leichten Herzens mit dem freieren und vor allem einträglicheren des
Großkaufmanns vertauschen sollte.
Er schrieb in diesem Sinne an Eberhard. Die Antwort, die auf den Brief
einlief, war für Reimers eine arge Enttäuschung.
Eberhard erwiderte, daß er garnicht daran denke, umzusatteln. Ob
denn der Vater meine, daß man seinen Beruf wechsle wie einen Rock!
Zum Kaufmann-Spielen fühle er weder Neigung noch Begabung, während
er seinem medicinischen Studium mit Leib und Seele ergeben sei. Im
übrigen wäre es ganz überflüssig, darüber weiter zu verhandeln, da sein
Entschluß unerschütterlich fest stehe, zu bleiben, was er sei.
Mehr noch als der Inhalt, war es der Ton, in dem dieser Brief
gehalten, der wegwerfende, kalte, nahezu feindliche Ton, der den Vater
befremdete. Reimers senior meinte, daß er das nicht um den Jungen
verdient habe.
In dieser Stimmung fand ihn ein Vorschlag, den ihm sein Kompagnon
machte, und der wie alles, was der alte Knorrig sich ausdachte, nicht
unpraktisch war.
Knorrig senior schlug nämlich vor, man möchte doch, um auch für
die nächste Generation die Verbindung von Reimers und Knorrig
sicherzustellen, aus Jutta und Bruno ein Paar machen. Ziffernmäßig
setzte er dann auseinander, was für Vorteile daraus erwüchsen, wenn das
Geld, welches Jutta mal als Mitgift bekäme, nicht nach auswärts gehe,
sondern im Geschäft bleibe. Auch deutete er an, daß Bruno, der an sich
schon eine schätzenswerte Stütze des Hauses sei, voraussichtlich mit
erhöhtem Eifer arbeiten werde, wenn er durch Juttas Hand Aussicht habe,
einstmals alleiniger Chef des Hauses zu werden. Und wiederum würde
durch Jutta die Verbindung des Geschäfts mit der Familie Reimers für
absehbare Zeit aufrecht erhalten.
Die Richtigkeit der Kalkulation leuchtete Herrn Reimers ein.
Allerdings, den zukünftigen Schwiegersohn hatte er sich etwas
anders gedacht. Bruno Knorrig schien ihm doch etwas hausbacken für
seine Jutta. Aber auf der andern Seite war Solidität eine nicht
zu unterschätzende Tugend an einem Manne, dem man seine Tochter
anvertrauen sollte. Jutta war noch jung. Wenn man sie jetzt vergab,
sparte man sich Mühe und Sorge und ging vielleicht unangenehmen
Überraschungen aus dem Wege. Daß ihr Herz noch frei sei, glaubte
der Vater zu wissen. Im Laufe des vorigen Winters, wo er sie in
Gesellschaft geführt, hatten sich ihr zwar einzelne Herren genähert;
aber etwas Ernsteres hatte sich aus solcher Courmacherei nicht
entsponnen.
Je länger sich Reimers den Plan bedachte, desto mehr gewann er seinen
Beifall.
Nachdem sich die Väter über das Glück ihrer Kinder geeinigt hatten,
beschlossen sie, daß weder Jutta noch Bruno von dem Geplanten zunächst
etwas erfahren sollten. Junge Leute gingen häufig auf das, was ihnen
von den Alten wohlmeinend vorgeschlagen wurde, gerade nicht ein.
Besser, man schaffte ihnen Gelegenheit, sich zu sehen; das übrige würde
sich dann wahrscheinlich von selbst finden.
Die warme Jahreszeit war angebrochen, und Herr Reimers ging, wie
alljährlich, für einige Monate auf Sommerfrische ins Gebirge. Diesmal
hatte man sich Berchtesgaden ausersehen zum Standquartiere, von wo aus
weitere Ausflüge in die Berge hinein geplant waren.
Knorrigs Vater, der sonst meist in München oder seiner nächsten
Umgebung geblieben war, fühlte in diesem Sommer auf einmal das
Bedürfnis nach Bergluft. Auch er mietete sich in Berchtesgaden ein.
Jutta war von dem Plane entzückt. Auf diese Weise würde sie doch
endlich mal erreichen, was sie so lange ersehnt hatte: Aufnahmen im
Freien machen zu dürfen. Im vorigen Sommer war sie ja nicht dazu
gekommen. Und dabei hatte ihr Professor Wälzer wiederholt gesagt, daß
ihre Malweise nicht luftig, nicht sonnig genug sei; ihren Sachen merke
man vielzusehr das Atelierlicht an, in dem sie gemalt seien.
Das war eine Scharte, die ausgewetzt werden mußte!
Was lohnte sich mehr zu Aufnahmen, als das Gebirge mit seinen
charakteristischen Formen, seinen klaren Lüften, seinen warmen
Farbentönen und seiner kräftigen Vegetation! -- Sie wollte tüchtig
arbeiten, alles nachholen, was sie vordem versäumt hatte, und nahm zu
diesem Zwecke einen großen Vorrat von Leinewand, Farbentuben, Pinseln
und sonstigen Malerutensilien mit auf die Reise.
Man wohnte in einem vom Orte etwas abgelegenen, villenartigen Hause.
Hotel oder Pension aufzusuchen, hatte Herr Reimers vermieden, um nicht
mit Fremden zusammenzukommen. Jutta zog jeden Morgen aus, mit Hocker,
Staffelei, Malschirm, Palette und Farbenkasten bewaffnet. Der Vater
begleitete sie. Wenn sie an der Arbeit war, warf er sich nicht weit
davon ins Gras und vergrub sich in Zeitungen, deren er stets ein großes
Packet bei sich hatte. Die Mahlzeiten nahm er gemeinsam ein mit Vater
Knorrig. Die beiden Herren sprachen dann entweder von Politik oder
vom Geschäft; weder dem einen noch dem anderen Thema vermochte Jutta
Geschmack abzugewinnen.
Eines Tages hieß es, Bruno werde in der nächsten Zeit erwartet. Auf
Jutta machte diese Nachricht keinen tieferen Eindruck. Sie hatte den
jungen Menschen seit jenem Kostümfeste, wo er ihr als »rettender
Engel« dienen mußte, zwar öfters wiedergesehen, aber eine ähnliche
Bevorzugung, wie an dem Abende, hatte sie ihm nicht wieder angedeihen
lassen.
Bruno kam. Seine Tracht war diesmal glücklicher gewählt, als das blaue
Trikot, das er bei jenem denkwürdigen Kostümfest getragen. Er trat in
einem flotten Touristenanzuge auf, der ihm nicht schlecht stand. Bruno
hatte sich im Auslande stark verändert; sein unreiner Teint war unter
dem Einflusse der Tropensonne einer gleichmäßigen Broncefarbe gewichen.
Den ehemals struppigen Bart trug er jetzt modisch gestutzt. Der ganze
Mann sah fertiger aus, war mehr ins Gleichgewicht gekommen.
Auch nachdem Bruno da war, ging Jutta, Tag ein Tag aus, ihren
Malstudien nach. Ja, ihr Eifer schien sich zu verdoppeln. Nur bei den
Mahlzeiten sah man sich für kurze Zeit. Alle Versuche der beiden Väter,
die Sitzungen am Eßtisch auszudehnen, einen gemeinsamen Ausflug daran
zu schließen, scheiterten an Juttas Erklärung: sie sei zum Arbeiten
hier und nicht zum Bummeln. Bruno mochte die interessantesten Dinge
von drüben erzählen, glühende Naturbeschreibungen geben, Abenteuer
berichten, die er angeblich erlebt hatte, das Mädchen horchte nur mit
halben Ohren hin. Ihr Lächeln, ihre traumverlorenen Blicke galten etwas
ganz anderem, Besserem: ihrer Kunst.
Sie schrieb in dieser Zeit an Lieschen Blümer, daß sie zum ersten
Male in ihrem Leben wirklich glücklich sei. Sie wisse nun, daß sie
etwas könne, sie fühle, wie sie täglich weiter vorwärts komme. Dieses
Bewußtsein, dieses Erleben des eigenen Wachstums, sei etwas Herrliches.
Sie sehne sich nach nichts anderem.
Als Regenwetter eintrat, das nach Ansicht der Wetterkundigen nicht
sobald aufhören werde, schöpften Reimers senior und Vater Knorrig neue
Hoffnung. Aber das Mädchen schlug ihren Erwartungen wiederum ein
Schnippchen. Sie benutzte die schlechten Tage, wo an ein Draußensitzen
nicht zu denken war, ihre Studien, von denen sie nun schon eine
ganze Anzahl beisammen hatte, im Zimmer von neuem vorzunehmen, zu
korrigieren, wo es nötig war, auszuführen, kurz in Wert zu setzen.
Das Unglück wollte, daß Bruno Knorrig von allem anderen mehr verstand,
als von der Malerei. Es wurde ihm hin und wieder gestattet, sich Juttas
Arbeiten anzusehen. Dann brachte er allerhand aufgeschnappte und nicht
immer richtig verstandene Ausdrücke vor, wie: »ausgezeichnet flotter
Vortrag! Echtes +plein air+! Großartig abgetönt in den Farben!«
und so weiter. Redensarten, welche die Malerin anfangs belustigten, mit
der Zeit aber doch langweilten und verdrossen. Sie ließ ihm, als er es
sich angewöhnte, öfters zu kommen, deutlich merken, daß sie bei der
Arbeit ungestört zu sein wünsche.
Die Aussichten auf Erfüllung des von den Vätern weise eingefädelten
Planes waren also vorläufig ziemlich gering. Nur etwas wurde erreicht
-- und das hatte sich ohne Zuthun der beiden Alten vollzogen -- Bruno
war bis über die Ohren verliebt in Jutta.
Es war das eigentlich nur ein Wiederaufleben alter Gefühle. Jutta
hatte bereits im Backfischalter dem Freunde ihres Bruders das Blut
in Wallung versetzt. Aber damals war es nichts Tieferes gewesen, als
jene verfrühte Beunruhigung, die in einem gewissen Alter jede hübsche
Mädchenerscheinung im Jüngling hervorruft.
Inzwischen hatte Bruno die Welt gesehen, sich mit Schwierigkeiten
herumgeschlagen und mit Gefahren gemessen. Nun kehrte er zurück in die
alten Verhältnisse, mit erweitertem Gesichtskreise und gekräftigtem
Selbstbewußtsein. Dazu war er ein zäher, kräftiger Mensch von
ungebrochener Gesundheit. Das traurige Schicksal von Kurt Reimers
mochte ihn gewarnt haben; er hatte sich drüben vor Ausschweifungen
gehütet. Seiner trockneren, kühleren, phantasielosen Natur hatte die
Versuchung dazu auch nicht so sehr auf dem Wege gelegen.
Und wie es bei Leuten zu gehen pflegt, deren Gefühlsleben unentwickelt,
vernachlässigt oder zurückgedrängt ist, wenn einmal eine Leidenschaft
sie packt, dann füllt sie sie auch bis zum Rande aus.
Bruno Knorrig fand die Jugendgespielin wieder als erwachsene Dame, die
er »Sie« nennen, die er ceremoniell behandeln mußte, so fremd ihn das
auch anmutete.
Er sah sie mit den Augen des jugendstarken Mannes, dessen Sinnlichkeit
noch nicht erschlafft ist. Er sah sie mit dem Blicke Adams, dem unter
allen Wundern des Paradieses als Letztes, Höchstes der strahlende Leib
der jungen Eva entgegentritt.
Wie geblendet war er. Die Liebe kam über ihn, wie ein Fieber, warf
ihn gänzlich aus dem Gleichgewicht, verwandelte seine ganze Natur.
Er, der Nüchterne, Hausbackene, wurde sentimental und schwärmerisch.
Flügel wünschte er seinem Wesen zu geben, versuchte sich zu steigern,
außerordentliche Eigenschaften in sich zu entwickeln. In solchen
Farben wünschte er zu schillern, solche Töne anzuschlagen, die, wie er
meinte, dem herrlichen Geschöpfe gefallen mußten, welches sein Sehnen
so mächtig geweckt hatte.
Mit der Zeit konnte Brunos Seelenverfassung ihr nicht verborgen
bleiben. Vielleicht wirkte es ungünstig, daß sie ihn von Jugend auf
kannte. Dadurch wurde der Erkenntnis, daß er Mann sei, und daß dieser
Mann sich für sie interessiere -- etwas, das ein Mädchen niemals
gleichgiltig lassen wird -- viel von der starken Wirkung genommen.
›Es ist ja nur Bruno Knorrig!‹ war Juttas häufiger Gedanke. Bruno war
es, mit dem sie als kleines Mädchen bereits so manchen Strauß in Scherz
und Ernst ausgefochten hatte. Als Liebhaber aber vermochte sie ihn
nicht ganz ernsthaft zu nehmen. Aus seiner Männlichkeit leuchtete für
sie immer noch die altbekannte Unbeholfenheit des Knaben hervor.
Herr Reimers sah, daß Bruno, so sehr er sich auch anstrengte, bis jetzt
bei Jutta keine Gegenliebe erwecke. Eigentlich machte ihm die Sache
Spaß. Obgleich er dem jungen Knorrig schließlichen Erfolg wünschte,
stand er im Herzen doch auf Seiten der Tochter. Jutta imponierte ihm,
wie sie überlegen und kühl den Bewerber kalt zu stellen, wie sie sich
seiner Annäherungsversuche geschickt zu erwehren verstand. Und dabei
war sie eigentlich niemals schroff oder auch nur unhöflich gegen ihn.
Wo hatte das junge Ding diese Sicherheit, diese Lebensart her? --
Eines Tages überraschte Jutta den Vater mit einem Wunsche. Sie wollte
von Berchtesgaden fort; denn sie habe nun genug Motive aus dieser
Gegend in ihrer Studienmappe angesammelt. Sie bat, sich nach einem
Dorfe am Chiemsee begeben zu dürfen, wo sich Professor Wälzer mit
seiner Malklasse für die Sommermonate niedergelassen hatte. Ihm wollte
sie vorlegen, was sie in letzter Zeit geschaffen hatte. Sein Urteil sei
für sie von höchster Wichtigkeit.
Juttas Wunsch fiel zusammen mit einem ähnlichen bei ihrem Vater. Auch
Reimers fühlte das Bedürfnis nach Luftwechsel. Der Anblick der Berge,
die er nicht bestieg, langweilte ihn. Mit seinem Kompagnon Knorrig
tagein tagaus zusammenzusitzen, von der Kaffee-Ernte zu sprechen
und darüber, wann die nächste Revolution in Südamerika ausbrechen
werde, seine Vermutungen zu äußern, nachmittags wiederzukäuen, was
man im Handelsteile der Blätter frühmorgens gelesen hatte, wirkte auf
die Dauer auch nicht gerade anregend. Vielleicht gab es am Chiemsee
bessere Unterhaltung; die Aussicht, dort mit den jungen Damen von
Juttas Professor zusammenzukommen, hatte für Herrn Reimers auch ihr
Verlockendes.
Man reiste also. Vater Knorrig blieb in Berchtesgaden zurück, während
Bruno einer Aufforderung von Herrn Reimers, ihn und seine Tochter auf
der Fahrt zu begleiten, nur zu gern Folge leistete.
* * * * *
Am Orte angekommen, einem malerisch am Seegestade gelehnten Dorfe,
wurde der Aufenthalt des Professors schnell ausfindig gemacht. Und
während Herr Reimers und Bruno gingen, um Quartier zu suchen, begab
sich Jutta in Begleitung eines Führers, der ihr die umfangreiche Mappe
trug, nach dem großen, oben am Berghange gelegenen Bauernhofe, der den
Professor mit seinen malbeflissenen Damen beherbergen sollte.
Jutta war voll Ungeduld, das Urteil ihres Lehrers zu hören. Wie die
meisten talentvollen Anfänger, empfand auch sie ein starkes Bedürfnis
nach Anerkennung. Sie glaubte etwas zu können, aber dieses Bewußtsein
genügte ihr nicht; die Welt sollte auch darum wissen, sie wollte
berühmt werden. Der Ruhm, den sie sich innerhalb der Malklasse schnell
erworben hatte, machte sie, statt sie zu sättigen, lüstern auf mehr.
Nun war als bitterer Tropfen in ihren Wein der Tadel des Lehrers
gefallen. Wochenlang hatte sie nichts anderes erstrebt, von nichts
Höherem geträumt, als dem Manne den Beweis zu liefern, daß er ihr
unrecht gethan. In Staunen wollte sie ihn setzen, er sollte überrumpelt
werden, überwältigt sein durch ihre Leistungen, eingestehen, daß er
sich geirrt habe.
Mit diesem Plane im Kopfe schritt sie siegesgewiß einher. Der Führer
ging ihr viel zu langsam, mit seinem bedächtigen Gebirgsbauern-Schritt.
Sie spornte ihn zu größerer Eile an, lief ihm, als das keine Wirkung
hatte, auf dem steilen Wege voraus.
Zunächst einmal freute sie sich auf die Überraschung der Damen, wenn
sie, Jutta, die bewunderte Jutta Reimers, so ganz unerwartet auftreten
würde. Sie war nämlich von Professor Wälzer ebenfalls aufgefordert
worden, an dem Sommerkursus teilzunehmen, hatte aber abgelehnt.
Ihrem Vater hätte das in seine Reisepläne nicht gepaßt, und außerdem
hoffte sie auch allein ganz andere Fortschritte zu machen und eine
viel größere Ausbeute von Studien mitzubringen, als in Gesellschaft
von soundsovielen minder Begabten, welche die wirklichen Talente nur
hemmten.
Sie kam gerade zur Mittagspause auf dem Bauernhofe an. Die Damen,
ohne Hüte, hielten Siesta in ihren Hängematten; einige andere waren
dabei, sich in einer Gartenlaube Kaffee zu bereiten. Die Kinder des
Professors, der mit Familie hier war, spielten, mit Dorfkindern
untermengt, vor dem Stallgebäude.
Jutta schritt sofort auf das Haus zu, da sie es vermeiden wollte, von
den Kolleginnen angesprochen zu werden. Erst wenn sie ihren Triumph dem
Professor gegenüber voll ausgekostet haben würde, sollte auch diesen
vergönnt sein, Einblick in ihre Mappe zu erhalten.
Der Professor hielt sein Mittagsschläfchen »droben in der
Logierstuben«, wie die Bäuerin dem Fräulein berichtete, und die Frau
Professorin sei bei ihm.
Jutta ließ sich anmelden. Es dauerte eine Weile, bis oben Leben
wurde und der Professor, in Hausschuhen ohne Kragen und Krawatte,
schlaftrunken auf dem obersten Tritt der hölzernen Stiege seine
Erscheinung machte.
Wälzer war als Künstler nicht übertrieben reich an Ideen, hingegen war
er ein vorzüglicher Lehrer. Er erdrückte das Talent des Schülers nicht
durch die Wucht seiner Eigenart, wie es bei genialen Lehrern vorkommt.
Von der Frauenmalerei hielt Wälzer im Grunde nicht viel. »Weibliches
Genie« gab es für ihn nicht; er würde erst dran glauben, pflegte er
zu sagen, wenn ihm eines begegnete. Den Malkursus für Damen hielt er
ab, weil er ihm ein schönes Stück Geld einbrachte. Er hatte Renommee
als Damenlehrer, und zwar aus einem höchst eigentümlichen Grunde: er
war unmanierlich. Ärzte und Lehrer, die bei den Frauen etwas erreichen
wollen, müssen grob sein. Der Zudrang zu seiner Malklasse mehrte sich
von Jahr zu Jahr. Eigentlich langweilte ihn die Arbeit auf einem seiner
innersten Überzeugung nach hoffnungslosen Gebiete.
Professor Wälzer starrte Jutta eine Zeit lang mit öden Blicken
verständnislos an. Dann erst erkannte er sie.
»Jessas!« rief er, »De Fräulein Reimers! Das is gescheit! Haben Se
sich's doch anders überlegt, wollen's bei mir malen?«
Jutta mußte ihm erklären, daß sie nicht gekommen sei, um sich dem
Kursus anzuschließen, sondern um sein Urteil über ihre Arbeiten
einzuholen.
»Haben's gemalt? Auf eigene Faust! Wird was Rechts geworden sein! Na,
lassen's mal sehn!«
Er fuhr sich mit den Fäusten ein paar Mal durch das Haupthaar und über
den roten Bart, was diesen auch kein wohlgepflegteres Ansehen verlieh.
Dann öffnete er die Thür zur Logierstube. Eine korpulente Dame in loser
Flanellbluse, seine Frau, entschwand schleunigst in die anliegende
Kammer.
Jutta begann auszupacken.
»Blitz hinein!« rief Professor Wälzer, »das wird ja die reine
Ausstellung! Wieviel Meter Leinewand haben's denn da eigentlich
vollgeschmiert? Sakra! Das is a Bescheerung!«
Das junge Mädchen schwieg, rot vor Stolz auf ihre Leistung und vor
Spannung auf die Anerkennung, die sie finden würde.
Der Professor nahm Blatt um Blatt vor, musterte jedes Stück mit jenem
scharfen, kühlen Blicke, den Jutta an ihm kannte. Er war für gewöhnlich
burschikos und manierlos, aber als Lehrer ernst und streng sachlich.
Jutta wußte das, darum war ihr sein Urteil so wichtig.
»Hm!« machte Wälzer, sich stark räuspernd, als er den Inhalt der ganzen
Mappe gesehen hatte. »Ich will vorausschicken, daß Sie sehr fleißig
gewesen sind, Fräulein Reimers.«
Daß er für seine Verhältnisse so höflich war und hochdeutsch sprach,
war für Jutta, die seine Angewohnheiten kannte, bedenklich.
»Aber wenn Sie sich einbilden, etwas erreicht zu haben bei der Pinselei
da, dann täuschen Sie sich!« fuhr er fort. »Schade um die Arbeit!
Schade um die viele Farbe! Wahrscheinlich sind Sie sehr stolz darauf,
denken wunderweiß, was Sie geleistet haben! Sieht ja auch soweit ganz
sauber aus; neunundneunzig von hundert Leuten werden finden, daß es
etwas Echtes ist. Und ich sage Ihnen: es ist nichts! Originell haben
Sie sein wollen! -- Daß auf euch Weibsleut' nimmer kein Verlaß ist!
Wenn mal eine a bisserl Talent hat, dann bild se sich gleich ein, sie
braucht nix mehr zu lernen. Ehrfurcht sollt's haben vor der Natur,
Ehrfurcht! Ernst will's genommen sein! Aber ihr Damen studiert's immer,
wie man die Natur wohl am End' a Bisserl ausbessern möcht'. Flicken,
ausputzen, zurechtstutzen, netwahr? Als ob man so a Stückerl Landschaft
hernehmen könnt', es reinigen und zurechtschneiden wie a Kleid! A
Berg is a Berg und nicht a Koulisse! A Baumgruppe is a Baumgruppe
und nicht a Bukett von getrocknete Blumen. Und Felsen sind nicht von
Watte oder Pappe. Denken Sie, mein Kind, daß man dem lieben Gott seine
große Schöpfung nachmachen kann in ein paar Sommerwochen, und dann die
ganze Geschichte nach Haus tragen in einer Studienmappe? -- Was eine
Schülerin im Atelier leistet, wie oft habe ich Ihnen das gesagt, ist
mir gar kein Beweis für ihr Können. Im Freien zeigt sich der Meister.
+Hic Rhodus, hic salta!+ Da gilt es, sehen lernen, eindringen,
schnell erfassen, disponieren, Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden,
sich zur Enthaltsamkeit, Geduld, Bescheidenheit erziehen. Vor allem
gilt es da, wahrhaftig sein. Ehrfurcht vor der Natur, ohnedem keine
Kunst! Aber von dieser Bescheidenheit und Pietät kann ich in Ihren
Sachen da nichts entdecken. Äußerlich ganz nett und flott sind die
Bildchen. Aber gerade das sollte Sie bedenklich machen, mein Fräulein!
Andere mögen dergleichen milde beurteilen; ich kann es nicht! Für mich
gehört es in die Kategorie des Dilettantismus!«
Jutta hatte ihm zugehört, schweigend, mit großen Augen. Sie war wie
erstarrt. Ganz deutlich hörte sie jedes Wort, aber sie fühlte sich
nicht überzeugt.
Für sie galt es jetzt vor allem, sich keinen Ärger anmerken zu lassen.
Ihr Lehrer sollte nicht sehen, wie enttäuscht sie sei, wie hart sein
wegwerfendes Urteil sie getroffen habe. Eine furchtbare Blamage wäre
das gewesen, und ihr Stolz haßte die Blamagen.
Voller Hast machte sie sich daran, ihre Sachen wieder einzupacken;
alles durcheinander, wie es ihr gerade in die Hände kam. Der rotbärtige
Professor ging inzwischen mit großen Schritten auf und ab und donnerte
gegen den Dilettantismus im allgemeinen und gegen den weiblichen im
besonderen.
Jutta war sehr blaß geworden, sie zitterte. Doch nahm sie sich
zusammen, brachte es sogar fertig, zu lächeln, als sie jetzt auf ihren
Lehrer zuschritt, ihm die Hand zu reichen und für seine Mühe zu danken.
Im stillen wunderte sie sich selbst, wo sie die Kraft dazu hernahm.
Er mochte ihr die innere Erregung ansehen. Gutmütig, wie er im Grunde
war, meinte er, es werde schon besser werden, wenn sie seine Regeln
befolge. Sie solle den Mut nur nicht sinken lassen.
Trost! -- Das hatte ihr gerade gefehlt! Als er sie aufforderte, mit ihm
zu den Damen zu kommen, lehnte sie das hastig ab. Der Führer, welcher
gewartet hatte, mußte die Mappe wieder auf den Rücken nehmen; so
schritt sie aus dem Gehöfte, stolz erhobenen Hauptes, als habe sie den
größten Triumph hinter sich.
Ihr Vater und Bruno kamen ihr auf halbem Wege entgegen. Sie hatten
Quartier gefunden.
Aber Jutta bat den Vater, nicht hier zu bleiben. Sie schlug
anstattdessen eine Fahrt ins Salzkammergut vor. Herr Reimers zeigte
sich anfangs diesem Wunsche abgeneigt, den er für unbegreifliche
Laune hielt. Aber Bruno, der mit dem Instinkte der Liebe die für ihn
verbesserte Situation schnell erfaßt hatte, half dem Mädchen bitten.
Der Plan wurde also geändert. Man fuhr zunächst nach München, um
sich mit neuen Kleidern für Bergtouren zu versehen. Jutta holte
ihr Rad hervor, und auch Bruno besorgte sich eines. Mappe aber und
Malutensilien wurden weggepackt, wie etwas, das sie nie wieder in ihrem
Leben ansehen würde.