XIII.

Es war wie eine Befreiung für Jutta, als Bruno sich endlich anschickte,

zu reisen. Die Trennung würde ihnen beiden gut thun. Vielleicht

würde sich in seiner Abwesenheit manches zurechtrücken, sie selbst

das richtige Verhältnis finden zu ihm. In dieser Stimmung wurde sie

weicher, warmherziger und zugänglicher. Und Bruno konnte, der besten

Hoffnungen voll, Abschied nehmen von seiner Braut.

In diesem Winter führte Jutta ein völlig zurückgezogenes Leben. Niemand

erwartete oder verlangte von ihr, daß sie ausgehe. Sie war ja verlobt

und sollte im Frühjahre heiraten. Eine Braut aber ohne Bräutigam

erscheint in Geselligkeit wie ein halbes Ding.

Professor Wälzers Malklasse besuchte sie auch nicht mehr. Die Lust war

ihr vergangen an der Malerei. Farbentuben, Palette, der ganze Apparat

lag unausgepackt, wie sie die Sachen im Sommer von ihrem Ausflug

zurückgebracht hatte.

Ihr Vater erinnerte sie halb im Scherz, halb im Ernst daran, daß

man nun anfangen müsse, sich um die Ausstattung zu kümmern. Jutta

hatte damit keine Eile. Anders geartet, als manche andere Braut,

interessierte es sie sehr wenig, wie sie ausgestattet, wie sie

eingerichtet sein würde.

Herr Reimers nahm die Tochter mit in allerhand modische Geschäfte,

ließ ihr Muster vorlegen und Stoffe. Sie stand den Sachen ratlos

gegenüber. Schließlich bat sie den Vater, nur alles nach eigenem

Ermessen auswählen zu wollen.

Der wunderte sich über das Mädel, das in anderen Dingen doch meist

nach dem eigenen Kopfe ging. Mit dem Auswählen einer Ausstattung für

die Tochter war es eine eigene Sache. In manchen intimeren Fragen

der Hauswirtschaft oder auch der Frauentoilette war man doch nicht

Kenner genug. Da bedurfte man weiblichen Rates. So wandte er sich denn

wiedermal an die allezeit willige Vally Habelmayer, mit der er noch

immer gut zu Fache gekommen war.

Fortan sah man den stattlichen Herrn Reimers, dessen Bart bereits stark

ins Graue zu spielen begann, mit der üppigen Vally von Geschäft zu

Geschäft ziehen. Und die neckischen Bemerkungen und vertraulichen Späße

wollten bei solcher Gelegenheit zwischen den beiden kein Ende nehmen.

Eine große unerwartete Freude wurde Jutta noch im Anfang des Winters

zu Teil; ihre Freundin Lieschen Blümer kehrte von Paris nach München

zurück. Sofort lebte der Verkehr zwischen den beiden in alter

Lebhaftigkeit wieder auf.

Es war Lieschen anzusehen, daß die Zeiten, die sie durchgemacht hatte,

keine leichten gewesen seien. Die Schatten um die schönen Augen des

Mädchens waren tiefer geworden. In dem einstmals schwarzen Haar

zeigten sich silberne Fäden. Die Stirn war nicht mehr glatt; aber das

feine Gesicht von milchzarter Farbe, hatte mit seinen Kinderlippen

genau den innigen, ein wenig melancholischen Zauber von vordem. Auch

jenes eigenartige Lächeln, das dem Weinen so nahe verwandt schien, war

noch das alte.

Der Bildhauer Pangor war nicht mit ihr gekommen. Er hielt sich bei

seinen Eltern im Hochgebirge auf, zur Kräftigung seiner Gesundheit.

Von dem schweren Nervenfieber, das ihn nahe an den Rand des Grabes

gebracht, war er dank Lieschens aufopfernder Pflege genesen.

Lieschen Blümer stürzte sich, sobald sie angekommen war, Hals über Kopf

in die Arbeit. Pangors Krankheit und das Leben in Paris hatten das

Geringe, was die beiden sich verdient, verschlungen. Lieschen dachte

nicht mehr daran, Professor Wälzers Malklasse zu besuchen. Sie kopierte

jetzt in der alten Pinakothek einen Rubens für einen Händler, der nach

Amerika lieferte.

Die beiden Mädchen hatten während ihrer Trennung in Briefwechsel

gestanden, waren also über ihre beiderseitigen Erlebnisse unterrichtet.

Lieschen kam erst nach München, als Juttas Bräutigam bereits abgereist

war. Sie hatte natürlich eine Menge Fragen auf dem Herzen, das Glück

der Freundin betreffend. Aber Jutta war in dieser Beziehung nicht

sehr mitteilsam. Sie wunderte sich manchmal selbst, wie wenig es

sie drängte, von Bruno zu erzählen. Beim besten Willen vermochte

sie kein lebhaftes charakteristisches Bild von ihm zu entwerfen.

In der Erinnerung kam ihr seine Persönlichkeit so verschwommen, so

unwesentlich vor.

Brunos Briefe, die zahlreich waren und lang, trugen auch nicht dazu

bei, ihr sein Bild zu verdeutlichen. Sie saß oft davor und fragte

sich, was er von ihr wolle, was dieser Aufwand von pathetischer

Umständlichkeit eigentlich solle. Ihre Briefe fielen im Gegensatz zu

den seinen äußerst kurz aus.

Zu Neujahr kam Pangor. Lieschen hatte Atelier und Wohnung für ihn

gemietet. Sie selbst blieb in ihrem äußerst beschränkten Dachstübchen

wohnen.

Jutta war voll Begier, den Mann kennen zu lernen, den ihre Freundin

über alles liebte und mehr bewunderte, als sonst irgend einen Menschen

auf der Welt.

Inzwischen hatte Jutta auch Lieschens Geheimnis erfahren: daß sie ein

Kind besessen und verloren habe. Das junge Mädchen war nicht in dem

Maße betroffen davon, wie Lieschen Blümer erwartet hatte. Nur noch

bewundernswerter, geweihter erschien die Freundin für Jutta, da sie das

höchste Glück und den gewaltigsten Schmerz des Weibes durchgekostet

hatte. Jutta überraschte Lieschen durch die Bemerkung, daß sie etwas

Ähnliches im stillen längst vermutet habe. Seit dieser Aussprache war

die Sympathie zwischen den beiden noch tiefer begründet als zuvor.

Die Bekanntschaft mit dem Bildhauer Xaver Pangor brachte für Jutta

nicht gerade eine Enttäuschung, aber, was sie erwartet hatte, fand

sie auch nicht in ihm verkörpert. Sie hatte sich einen von Geist und

Genialität gleichsam sprühenden Menschen gedacht, einen Mann, dem man

den großen Künstler auf den ersten Blick ansehe, eine berückende,

vielleicht dämonische Persönlichkeit.

Er war ein zurückhaltender Mensch, ein wenig unbeholfen und scheu

beinahe. Merkwürdig genug kontrastierte solches Wesen mit seiner

hohen, männlichen Gestalt. Man sah ihm den Bauernsohn an; muskulös

und ausgearbeitet waren die Gliedmaßen. Nun kam er gerade aus seiner

Heimat, wo er sich neue Kraft geholt hatte in der starken Bergluft.

Der Abglanz der Firne lag auf seiner, wie altes Metall eingedunkelten

Haut. Die Stirn, in der Mitte durch eine Falte geteilt, sprang vor wie

ein Helm und schützte gleichsam die tief liegenden Augen. Ein Paar

starke Backenknochen lagerten sich wie Hügel zwischen die kräftige Nase

und die entwickelten Ohrmuscheln. Der Mund mit schönen Zähnen wurde

in seinen feineren Linien versteckt durch den blonden Vollbart. Den

Künstler konnte man schließlich nur an den ungemein wandlungsfähigen,

bald träumerischen, bald scharf beobachtenden Augen erkennen.

In seiner schlichten Kleidung war Xaver Pangor ganz der Alpensohn

geblieben. Man sah ihn nie anders, als im Lodengewande. Seine Kleider

schienen zu ihm zu gehören und er zu ihnen. Diese Kleider waren

so eigenartig in ihrem Schnitt, hatten von ihrem Träger soviel

Individuelles angenommen, daß sie seinen Körper wie eine durchaus

natürliche zweite Haut umschlossen.

Zur Kunst hatte Xaver frühzeitig ein Verhältnis gewonnen. Sein Vater

zwar war ein echter und rechter Bauer, aber von mütterlicher Seite

her stammte er aus einer Familie, die seit Generationen bereits in

schlichter Kunstübung ihren Lebenserwerb gefunden hatte. Krucifixe,

Leuchter, Heiligenbilder, Kanzeln, Altäre, ungezählte profane, wie

kirchliche Gegenstände waren aus der Werkstätte dieser bäuerlichen

Künstlerfamilie hervorgegangen, schmückten ringsum die Kirchhöfe,

Kapellen, Dorfkirchen, Kalvarienberge, oder standen als »Marterl«

irgendwo am Kreuzwege.

Xaver war bei dem Bruder seiner Mutter, einem Schreiner, in die

Lehre gegangen. Manchen Sarg, manches einfache Möbelstück hatte er

zusammengefügt. Aber früh schon war in ihm der Trieb erwacht, das

einfache Handwerk zu veredeln; Zierat anzubringen, Bildwerke statt

nützlicher Geräte zu formen. Die Vorbilder dazu nahm er sich, wo er sie

fand: aus der Natur, von den paar Kunstwerken benachbarter Kirchen, aus

der Bücherei des Pfarrers, die ihm zugänglich war. Bald genügte ihm das

spröde Holz nicht, er griff zu anderem Material für seine Entwürfe, zu

Ton, Metall, schließlich zum Stein.

Die Werke, die seine ungeschulte Hand schuf, roh und unbeholfen,

waren doch so ungewöhnlicher Natur, daß sie selbst in der ländlichen

Umgebung ein gewisses Aufsehen erregten. Sein Vater, von dem er abhing,

hatte zwar vor dem großen Wollen, das sich in den Entwürfen seines

begabten Sohnes aussprach, nicht den geringsten Respekt, immerhin war

der alte Bauer pfiffig genug, um zu vermuten, daß man mit solchen

Gaben unter Umständen Geld verdienen könne. In den Städten waren

die Menschen ja verrückt genug, um an Figuren, wie sie der »Bub«

schnitzte und meißelte, Gefallen zu finden und Geld dafür auszugeben.

Die Mutter, nicht gebildeter als der Bauer, aber weitherziger und

feinfühlender, ahnte, daß in ihrem Lieblingssohne Xaver wohl eine Art

Sonntagskind stecke. Der war zu großen Dingen bestimmt vom lieben Gott.

Auch der Herr Pfarrer meinte das; er setzte der Familie gelegentlich

auseinander, daß die Kunst, welcher der junge Xaver obliege, nichts

Geringes oder Verwerfliches sei, da sie der Ehre Gottes diene.

Kurz nach längerem Hin-und-Her entschloß sich die Familie, Geld

zusammenzulegen und Xaver nach München zu schicken auf die Akademie.

Dort kam er in die Hände eines Lehrers, der in ihm den Künstler aus

seinen rohen Ansätzen befreite, ihn aus einem nach Gestaltung Ringenden

zu einem Gestalter machte.

Der Vater daheim hatte geglaubt, daß es mit dem Verdienen schneller

losgehen würde; auf ein jahrelanges Studium, das Geld kostete, statt

welches einzubringen, war er nicht gefaßt gewesen. Xavers Zuschuß

war sehr knapp, aber mit Hilfe seiner Lehrer, die ihm Stipendien,

Freitische und dergleichen verschafften, schlug er sich durch.

Nachdem er die Lehrzeit durchlaufen hatte, suchte er als selbständiger

Künstler in der Isarstadt festen Fuß zu fassen. Aber die Aufträge kamen

nicht zu ihm, und um auf Lager zu arbeiten, fehlten ihm die Mittel.

Schund herzustellen für den Händler, womit mancher seiner Kollegen das

Leben zu fristen verstand, erlaubte ihm sein künstlerischer Stolz nicht.

In dieser schwierigsten Periode des Lebens, die wir alle einmal

durchmachen, wo wir am rauschenden Strome stehen, durstig, und doch

nicht trinken dürfen, weil das Wasser sich vor uns zurückzieht, sobald

wir uns danach bücken; in dieser Zeit, wo so mancher scheitert oder

seinen Grundsätzen ungetreu wird, fand Xaver Pangor die Geliebte.

Lieschen Blümer, selbst arm und mit dem Dasein ringend, gab ihm alles,

was sie hatte, zu eigen. Äußerlich wuchs dadurch nur beider Armut und

Elend, sie kam um ihre Stellung.

Aber Xaver gewann unendlich viel. Ohne daß er es wußte, vollbrachte sie

das große, ewige Werk des Weibes an ihm, machte den Mann zum Menschen.

Den halb Civilisierten zähmte sie, nicht bloß äußerlich in Sitten.

Jene innere Reinigung von allerhand Schlacken, die so zähe sind, daß

sie nur im stärksten aller Feuer, der Liebe, schmelzen, widerfuhr auch

ihm. Und dem Diamanten seiner Kunst gab diese feine Hand erst die

letzte Facettierung. Dabei war Lieschen Blümer keineswegs Künstlerin

von Anlage, aber sie war unendlich mehr: ein fühlendes, mit dem Herzen

denkendes Weib. Das Beste, was Xaver besaß, verdankte er ihr; sie erst

hatte seinen inneren Reichtum zu Tage gefördert.

Im Alter waren sie ungefähr gleich. Aber Lieschen machte in Erscheinung

und Wesen den fertigeren Eindruck. Ihm haftete, seiner männlichen

Gestalt zum Trotze, immer ein wenig vom großen Jungen an.

Wenn Lieschen mit Xaver zusammen war, verstärkte sich unwillkürlich

der mütterliche Zug ihres Wesens. Für die übrige Welt war sie dann

wie verschlossen; die Sorge um ihn beherrschte sie ganz. Wenn er

kam, hellten sich ihre Züge auf, ihr Auge leuchtete, nichts mehr von

versteckten Thränen war dann in ihrem Lächeln zu finden. Man sah

es, Lieschen Blümer war in ihrem eigensten Element, wenn sie Liebe

bethätigen durfte, ohnedem glich sie einem Fisch auf dem Trockenen.

Jutta fing erst an, die Freundin zu verstehen, seit sie sie mit Xaver

sah. Wunderliche Gefühle wollten das junge Mädchen beschleichen. Es war

die erste Liebe, deren Zeuge sie wurde, das erste Verhältnis zwischen

zwei Menschen, das diesen hehren Namen verdiente. Vieles dabei war für

Jutta befremdend, neu, unverständlich. Die beiden legten nichts von der

äußeren Zärtlichkeit an den Tag, mit der sonst Liebende ihre Neigung

für einander zu bethätigen pflegen. Keine Küsse, keine Umarmungen,

keine verliebten Neckereien! Aber dafür herrschte Innigkeit zwischen

ihnen, zarte Rücksichtnahme, ein gegenseitiges Verstehen und in

einander Aufgehen.

Und diese Leute waren nicht durch das Band der Ehe mit einander

verbunden.

Jutta war von ihrer Umgebung her gewöhnt, daß man derartige

Verhältnisse als höchst unmoralisch verwarf und mit den häßlichsten

Namen brandmarkte. Sie war sich klar darüber, daß ihr Vater zum

Beispiel ihr niemals gestattet haben würde, mit Lieschen umzugehen,

wenn er von ihren Beziehungen zu dem Bildhauer Kenntnis gehabt hätte.

Auch Jutta machte sich im stillen Gedanken darüber, warum eigentlich

diese beiden nicht heirateten. Es schien ihr so einfach, so

wünschenswert. Eine ganz andere Stellung hätte Lieschen dann gehabt,

hätte mit ihm leben können. All das Unklare, was jetzt ihrem

Verhältnisse anhaftete, wäre alsdann mit einem Schlage beseitigt

gewesen.

Doch brachte es Jutta niemals übers Herz, Lieschen nach diesen Dingen

zu fragen. Die Freundin fing eines Tages ganz von selbst davon an.

Sie hatten von Xaver gesprochen. Jutta wußte, daß Lieschen an ihn als

an einen großen Künstler glaubte. Wie viel davon auf Rechnung der Liebe

zu setzen sei, konnte Jutta nicht beurteilen, da sie noch nichts von

seinen Werken gesehen hatte.

»O, wenn es ihm doch endlich glücken wollte!« rief Lieschen. »Daß er

nun endlich durchdränge, damit alle erkennten, wer er ist und was er

kann! Ich verstehe nicht, daß die Menschen es gerade ihm so schwer

machen wollen, an ihre Herzen heranzukommen. Seine Werke sind doch

so groß, so innig, so aus der Tiefe herausgeholt! Noch nie, glaube

ich, hat ein Künstler so ringen müssen, um durchzudringen. Er ist

so voll Kraft, voll Schaffensdrang, voll neuer Hoffnung von zu Haus

zurückgekehrt. So habe ich ihn noch nie gesehen! Der Anblick seiner

Berge hat ihn gestärkt. Er bringt immer Großes zurück vom Vaterhause.

Xaver braucht diese Berührung mit der Mutter Erde. Seine besten

Entwürfe, seine größten Pläne wurzeln dort.«

Lieschen schwieg. Jutta kannte diesen freudetrunkenen Ausdruck an ihr.

So blickte sie, wenn sie von ihm sprach.

»Bist du denn einmal mit ihm gewesen, dort?« fragte Jutta. »Hat er dich

mit den Seinen bekannt gemacht?«

Lieschens Züge verdüsterten sich. Es that Jutta leid, die Frage

gestellt zu haben.

»Weißt du, Jutta, es wird dich wundern, das zu hören: ich bin noch

nie bei seinen Eltern gewesen, kenne niemanden von den Seinen, nicht

einmal Xavers Mutter. Es sind einfache Bauersleute, der Vater ist wohl

auch etwas eigen. Xaver soll Geld verdienen, vor allem Geld! Vater

und Bruder werfen ihm häufig vor, daß er viel kostet und nichts ins

Haus bringt. Seine gute Mutter kann gegen die Männer nichts machen.

Es sind sehr schwierige Verhältnisse für ihn; und wenn er mich da

hinein brächte, dann würde alles noch viel, viel schlimmer werden.

Damit darf er um keinen Preis auch noch belastet werden! Der Arme hat

so schon zu kämpfen mit allerhand Mißgunst und Mißverstehen fremder

Menschen. Ich will ihn nicht auch noch mit den Seinen verfeinden. Die

Heimat ist schließlich immer noch seine letzte Zuflucht gewesen, seine

Rettung in Not. Ins Vaterhaus flüchtet er sich, wenns ihm zu arg wird

draußen in der Welt. Das will ich ihm nicht rauben! Er wäre wie ein

entwurzelter Baum, wenn man ihn von der Heimat trennte. Und daß das

geschehen würde, wenn er mich heimführte, weiß ich besser, als er es

weiß. Niemals würden mich die Seinen für voll anerkennen. Wir stammen

aus verschiedenen Welten. Nur wenn ich Geld mitbrächte, möchten sie

vielleicht entschuldigen, daß ich so anders bin als sie. Verstehen

würden sie mich niemals, und darunter müßte er leiden. Er würde dann

meine Partei nehmen, sich zu mir stellen, um meinetwillen brechen mit

den Seinen; das soll er nicht, das will ich nicht! Lieber mag alles so

bleiben, wie es ist! Mögen die Menschen schlecht von mir denken! Er

soll nicht leiden! Er soll nicht aus seiner Bahn geworfen werden! Denn

siehst du, Jutta, er ist Künstler. Er ist noch im Wachstum begriffen,

die ganze Zukunft liegt vor ihm. Mein Geschick ist längst erfüllt. Ich

habe mit ihm gelebt, bin durch seine Liebe glücklicher gewesen, als

irgend eine andere Frau. Sollte ich mich ihm dafür, daß er mir das

Höchste geschenkt hat, nicht dankbar erweisen! Ich muß ihm die Steine

aus seinem Wege räumen. Aber ich darf mich ihm nimmermehr selbst in

den Weg legen. Denke nur nicht, daß er egoistisch ist! Wirf ihm nicht

Berechnung vor, oder Rücksichtslosigkeit! Dann kennst du ihn schlecht!

Wie oft hat er mir die Ehe angeboten! An ihm liegt es nicht, wenn wir

vor dem Gesetze nicht verbunden sind. Ich bin es, ich allein, die nicht

gewollt hat. Wäre das Kindchen damals am Leben geblieben, ja dann,

vielleicht; dann hätte ich's gethan! Ich kann ihm ja etwas sein, auch

so! Und darauf allein kommt es doch an!«

Lieschen hielt einen Augenblick inne. Sie lächelte in sich hinein. Dann

sagte sie mit leicht zitternder Stimme: »Ich würde für Xaver alles

thun, alles hergeben, alles auf mich nehmen, wenn ihm damit geholfen

würde, wenn es ihm wirklich frommte. Nie aber möchte ich etwas thun,

was ihn belasten könnte. Eine gewisse Fessel würde ihm die Ehe doch

auferlegen. Seine Liebe würde dann nicht mehr ein freies Geschenk sein,

das mich immer wieder wie eine köstliche Überraschung ergreift. Es

könnte der Augenblick kommen, wo ihm die Liebe zur Angewohnheit würde

-- oder -- wo er mich aus Mitleid liebte. Dann wäre alles aus!

Lieber sterben, als aus Liebe Großmut werden sehen! Unerträglich ist

der bloße Gedanke, wenn man so geliebt worden ist, wie ich.

Liebe ist ewig · 第 20 / 44 题