Eberhard Reimers war nun schon das zweite Jahr in Berlin.
Anfangs hatte die Riesenstadt überwältigend gewirkt auf den jungen
Menschen. Wie verraten und verkauft war er sich vorgekommen in dieser
Wüste von Häusern und Menschen. Ohne Beistand irgend eines Freundes
mußte er sich zurecht finden in den fremden Straßen und den noch viel
fremder anmutenden Sitten, dem härteren, kälteren, schneidigeren Ton
des norddeutschen Wesens, an das er, der Süddeutsche, sich nur langsam
gewöhnte.
Das Leben hier floß nicht im ruhigen, gleichmäßigen Bette, spielte
sich nicht in den gemütlich harmlosen Umgangsformen der Vaterstadt ab.
Gleichgiltig hasteten die Menschen an einander vorüber, feindlich,
verschlossen, jedermanns Wille auf ein Ziel gerichtet, jeder im anderen
einen Widersacher und Parteigänger witternd. Wie die Ameisen waren
sie, die einander auf ihren tausendfältigen Kreuzwegen begegnen, einen
Augenblick mißtrauisch Halt machen, den möglichen Feind prüfen und dann
weiter ihren Geschäften nachgehen.
Ja, in solch einen Ameisenhaufen war er geraten, in solch einen
unübersehbaren Strudel sich kreuzender Interessen.
Zunächst ließ er sich treiben von dem Riesenstrome, genoß die Wollust
des Staunens. Allmählich aber ging er über vom bloßen neugierigen
Gaffen zum Eindringen; er fing an zu ahnen, daß in diesem scheinbar
regellosen Treiben Gesetzmäßigkeit herrsche. Er konnte sich nicht des
Eindrucks erwehren der Großartigkeit und der Kraft.
Wenn man auch als Einzelner verschwand darin, so war man doch der Teil
eines wirklich großen Gemeinwesens; etwas von dieser Größe, diesem
starken Leben strömte doch zurück aus dem irgendwo im Verborgenen
schlagenden Herzen dieses mächtigen Organismus, teilte sich dem letzten
kleinen Teile mit, gab auch ihm Bedeutung und erhöhte Lebenskraft.
Eberhard fing an, das belebende Gefühl zu empfinden gesteigerten
Gemeinsinnes. Die ungewohnten größeren Verhältnisse erfüllten ihn mit
Selbstbewußtsein, mit Interesse, mit Lust am Dasein.
Berlin hatte es dem jungen Studenten angethan!
Während er eine Zeit lang närrische Befriedigung fand in dem Gefühle,
allein zu sein unter Millionen, von niemandem gekannt zu werden,
niemanden zu brauchen, begann sich allmählich doch in ihm der Wunsch
zu regen, anknüpfen zu dürfen, Beziehungen zu gewinnen, nicht bloß
beobachtend mit dem Kopfe, sondern auch mit dem Herzen heranzukommen an
die Welt, in der er lebte.
Mit einem Worte: er sehnte sich nach Menschen.
Es wäre für Eberhard Reimers ein Leichtes gewesen, in eine studentische
Verbindung einzutreten. Er, mit seiner Herkunft, seiner Erscheinung,
seinem »Wechsel«, hätte schließlich bei jeder Couleur ankommen können.
Aber was er bereits als Pennäler mitgemacht hatte vom Komment, und was
er später als Student in Würzburg und in München davon gesehen, lockte
nicht, seine Zeit mit solchem Stumpfsinn weiter zu vergeuden.
Er war ja nun kein ganz junges Semester mehr; bereits hatte er das
Physikum abgelegt.
In den Kollegien kam er mit vielen Kommilitonen zusammen. Gerade das
medicinische Studium macht die jungen Leute schnell mit einander
bekannt. Man trifft sich im Praktikum, im Kolloquium, im Laboratorium,
bei den klinischen Übungen, bei den Demonstrationen und Exkursionen in
Krankenhäusern. Die jungen Ärzte und Assistenten, die Docenten selbst
bleiben zeitlebens mit der Studentenschaft in Fühlung, hören nicht auf,
sich als Lernende zu betrachten.
Eberhard wurde mit einer Anzahl Männern jener schnell in den Hörsälen
wechselnden Menge bekannt, ohne sich soweit mit Einzelnen einzulassen,
daß man hätte von Freundschaft sprechen können.
Er wohnte im echten Quartier latin Berlins, in der Gegend zwischen
Spree und Ringbahn, nicht weit von den Kliniken und Krankenhäusern des
Nordens. Sein Mittag- und Abendbrot nahm er in einem Lokale ein, wo
fast ausschließlich akademische Jugend verkehrte. Die Zeitungen las er
in einem Kaffee mit Mädchenbedienung, dessen Publikum, das weibliche
vor allem, nicht zu dem feinsten gezählt werden konnte.
Diese Umgebung, bunt zusammengewürfelt, leicht von Sitten, frei
im Tone, brutal von Manieren, paßte nicht schlecht zu der
Gemütsverfassung des jungen Mannes, wie sie jetzt war. Seit jener
herben Erfahrung in München, die in ihm die letzten Illusionen der
Knabenzeit zerstört hatte, war er weitergetrieben worden in Welt- und
Menschenverachtung hinein. Das Wort »Ideale« konnte ihn lachen machen.
Für Begriffe wie: »Gott,« »Sittlichkeit«, »Liebe«, hatte er verblüffend
einfache Definitionen zur Hand. Er schwamm mit einem gewissen
Wohlbehagen auf den Wässern des Materialismus. Mit Wollust zerstörte er
in sich alle zarteren Regungen, alle Pietät; betrachtete das alles als
»atavistische Überbleibsel« überlebter Perioden.
Er hatte jene Staupe durchzumachen von altkluger Besserwisserei, von
schonungslos hochmütigem Aburteilen, die in einem gewissen Alter
die meisten jungen Leute befällt. Und dazu kam der Cynismus, den
sich der Mediciner angeeignet hatte als natürliche Schutzwehr gegen
die übermächtig auf ihn einstürmenden Eindrücke seines Berufes. Wer
in der chirurgischen Klinik den Operationen beiwohnte, wer einen
geburtshilflichen Operationskursus studienhalber durchmachte, wer
endlich an den Arbeiten teilnahm im gerichtlich-medicinischen Institut,
wo sich die Gebiete der Pathologie, der Psychiatrie und Physiologie zu
einem interessanten Kapitel menschlichen Elends vereinigen, der konnte
nicht gut anders, als sich mit Gleichgiltigkeit wappnen und Kälte gegen
die Regungen des Gemütes.
Eberhard verkehrte in einem kleinen Kreise von Medizinern, die sich
in zwangloser Weise des Abends am Biertisch trafen. Die Altersgenossen
fühlten schnell heraus, daß der junge Reimers nicht auf den Kopf
gefallen sei. Man sah ihn gern und schätzte ihn ziemlich hoch ein, auch
was seine wissenschaftlichen Leistungen betraf.
Die einzige Autorität, die man in diesem Kreise gelten ließ, war die
Wissenschaft. Alles übrige im öffentlichen Leben, in Gesellschaft und
Staat, mußte sich beißende Kritik gefallen lassen. Vor allem aber
bedachte man mit seiner Verachtung die Familie. Elterliche Autorität,
Kindesliebe, Ehe wurden verspottet. Berechtigung erkannte man allein
der freien Liebe zu. Das »inferiore weibliche Geschlecht« verwarf man
gründlich. Wenn das Thema »Weiber« angeschlagen wurde, so geschah es,
um dem Cynismus voll die Zügel schießen zu lassen.
Eberhard stand mit seiner Familie nur noch in loser Verbindung. Während
der Universitätsferien blieb er in Berlin oder unternahm Reisen. Sein
Verkehr mit dem Vater beschränkte sich darauf, daß dieser ihm den
Wechsel regelmäßig durch ein Berliner Bankhaus zugehen ließ.
Von Jutta zwar erhielt er hin und wieder einen Brief, der ihn über
das, was sich daheim ereignete, auf dem Laufenden erhielt; aber er
selbst war selten in der Laune, der kleinen Schwester zu antworten.
Was hätte er ihr auch schreiben sollen? -- Von den interessanten
Fällen im anatomischen Institut, über die neuesten Entdeckungen der
Bakteriologie, den augenblicklichen Stand der praktischen Gynäkologie
etwa? -- Das wäre gerade etwas für ein junges Mädchen gewesen! Und
von seinen Unterhaltungen mit den Kommilitonen mußte er erst recht
schweigen.
So hoch auch Eberhard sein Fachstudium stellte, so sehr er sich auch
mit ganzer Seele der medizinischen Wissenschaft verschrieben hatte,
so empfand er doch die Einseitigkeit, die jede Disciplin bekommt,
wenn man sich ihr ausschließlich widmet, manchmal ziemlich stark. Die
Fachsimpelei im Kreise der Kollegen wurde ihm oft zu arg. Er fand
zum Beispiel, daß es nicht durchaus notwendig sei, die Besprechung
klinischer Fälle, oder neuester Krankheitserreger vom Hörsaale an die
Mittagstafel zu verpflanzen. Er sehnte sich nach harmloserer Kost,
anmutigeren Gesprächen, einer veränderten Atmosphäre überhaupt.
Von Anfang des Studiums an hatte er, wenn sich dazu Gelegenheit bot,
Kollegien gehört, die nicht unbedingt in sein Fach schlugen. In diesem
Semester las ein bekannter Professor der Nationalökonomie öffentlich
über ein allgemein interessantes Thema. Zu seinen Hörern gehörte auch
Eberhard Reimers.
In dem geräumigen Gartenauditorium hinter dem Universitätsgebäude
versammelten sich zweimal in der Woche abends Hunderte von Hörern,
Studenten aller Fakultäten, aber auch Offiziere und Privatleute saßen
hier zu Füßen jener wissenschaftlichen Größe.
Neben Eberhard pflegte in diesem Kolleg ein junger Mensch zu sitzen,
der eifrig nachschrieb. Diese offenen intelligenten Züge waren ihm
übrigens schon anderwärts aufgefallen; wenn er sich recht entsann, in
der akademischen Lesehalle, deren gelegentlicher Besucher Eberhard
Reimers war.
Durch Zufall wurden sie miteinander bekannt. Eberhard fiel es eines
Tages, nachdem das übliche Getrampel vorüber war, mit dem der Professor
begrüßt wurde, auf, daß sein Nachbar das Heft aus der Tasche zog und
sich dann ziemlich ratlos umsah, als vermisse er etwas. Eberhard
erkannte schnell, was fehle. Er schrieb selbst nicht nach, aber er
führte jederzeit einen Tintenstift bei sich, den er hier seinem Nachbar
zur Benutzung anbot. Das Anerbieten wurde mit sichtbarer Dankbarkeit
aufgenommen.
Nach der Vorlesung beim Zurückgeben des Stiftes wurden dann die
beiderseitigen Namen mit der herkömmlichen steifen Verbeugung
gemurmelt. Der junge Mann hieß: Otto Weßleben.
Von dem Augenblick an grüßte man sich auf der Straße und sprach
miteinander, wenn man sich in Universität, oder Lesehalle traf.
Vertrauter wurden die Beziehungen aber erst, nachdem man sich über ein
Buch, das damals Aufsehen erregte und das beide verschlungen hatten,
ausgesprochen und dabei einer des anderen Weltanschauung erkundet hatte.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Eberhard auch Einiges über Otto Weßlebens
Herkunft. Er war Jurist, stammte aus hannöverscher Familie. Sein Vater
war emeritierter Landgeistlicher, der seit einigen Jahren mit seiner
Familie in Berlin lebte, weil er Kränklichkeits halber sich in der Nähe
des Arztes aufhalten mußte.
Die Veranlagung der beiden jungen Männer war eine sehr verschiedene, ja
in manchem geradezu entgegengesetzte. Otto Weßleben stellte den Typus
dar des zurückhaltenden, zähen, ruhigen, verständigen, selbstbewußten
Norddeutschen. Seine Weltanschauung war beeinflußt durch die Atmosphäre
der evangelischen Landpfarre, in der er aufgewachsen. Doch war sein
Horizont keineswegs beschränkt; er hatte sich auf den verschiedensten
Wissensgebieten umgethan und sich mit früher Selbständigkeit des
Denkens sein Urteil gebildet. Eberhard fand beim Disput in ihm einen
gutbeschlagenen und im logischen Denken wohlgeübten Widerpart.
Dieser Mensch war für ihn eine ganz neue Spezies und interessierte
ihn schon darum. Außerdem war ihm Otto Weßlebens ganze Art, seine
gepflegte dabei durchaus nicht stutzerhafte Erscheinung, seine gewählte
Aussprache, seine gemessenen, beinahe würdevollen Manieren sympathisch.
Auch der junge Weßleben schien beim Umgange mit Eberhard Reimers auf
seine Rechnung zu kommen. Ja, trotz seiner angeborenen Zurückhaltung
ließ er den anderen merken, daß für ihn damit ein langgehegtes
Bedürfnis nach geistiger Anregung endlich Befriedigung finde. Gleich
Eberhard haßte er die Vereinsmeierei und Fachsimpelei, suchte
Erweiterung des Horizonts und Nahrung für den Geist. Und die glaubte
er in der Reibung mit fremder Anschauung eher zu finden, als beim
Zusammenhocken unter dem Panier stumpfsinnigen Cliquentums.
Sie waren schon eine geraume Zeit miteinander bekannt, ehe Otto
Weßleben seinen Freund aufforderte, in seiner Familie zu verkehren. Er
bat ihn ohne weitere Umstände, am nächsten Sonntage im Hause seines
Vaters das Mittagbrot einzunehmen.
Es war dies die erste Tischeinladung, die Eberhard Reimers erhielt,
seit er in Berlin sich aufhielt. Bis dahin hatte er tagein tagaus seine
Mahlzeiten im Gasthause eingenommen, selbst an den hohen Festen, den
kirchlichen wie den weltlichen. Sein Junggesellendasein war ihm völlig
zur Gewohnheit geworden. Der Gedanke an ein Mittagessen in Familie kam
ihm beinahe lächerlich vor. Aber er war schließlich doch begierig, die
nächsten Anverwandten seines Freundes kennen zu lernen.
Am Sonntage fuhr er nach einer ihm völlig unbekannten Gegend Berlins.
Die Weßlebens wohnten »am Johannistisch«, in einer Umgebung, die durch
Kirche, Vereinshaus, Gottesacker und andere Institute der Kirchlichkeit
und Wohlthätigkeit, inmitten des weltlichen Berlins, wie eine stille
vom Geiste des Pietismus durchtränkte Oase wirkte. Etwas von dieser
Stimmung atmete auch das Weßlebensche Haus.
Die Familie bestand aus dem Elternpaare, drei Söhnen und einer Tochter.
Der Vater war schwer leidend; aber nur der Eingeweihte merkte ihm sein
Siechtum an. Die Statur war über Mittelgröße. Das bartlose schmale
Gesicht umrahmte ein Kranz von weißen Locken. Die Kleidung verleugnete
den Geistlichen nicht. In seinem Wesen sprach sich etwas Abgeklärtes
aus, wie es Menschen eigen ist, die gewarnt sind, und in dem Bewußtsein
leben, jeden Augenblick abgerufen werden zu können. Solche betrachten
dann jeden neuen Tag als ein besonderes Geschenk. Sie sehen das Leben
von der Warte erhöhten Bewußtseins. Ihr ganzes Dasein bekommt ein edles
Pathos, schimmert gleichsam im Golde der Traube, die zum Schnitte reif
ist.
Die Gattin war ein ausgesprochenes Beispiel für jene eigenartige
Erscheinung, daß Mann und Frau in langjähriger Ehe einander äußerlich
ähnlich werden, nicht bloß in Manieren, Sprechweise, Angewohnheiten,
sondern auch im Ausdruck der Züge, im ganzen Wesen und Verhalten
überhaupt.
Die drei Söhne stellten ein blondes, stattliches Geschlecht dar, stark
von Knochenbau, mit langem schmalem Schädel; echte Niedersachsen. Otto
war von den Söhnen der jüngste; nach ihm kam nur noch als Nesthäkchen
die siebzehnjährige Agathe. Der Älteste war Missionar, bis vor kurzem
in Südamerika gewesen, jetzt auf Urlaub in Deutschland, um seine von
Klima und Strapazen arg mitgenommenen Nerven wiederherzustellen; dann
kam ein Diakonus, und schließlich als einziger Nichttheologe Eberhards
Freund.
Agathe war ein Wesen für sich. Als einziges Mädchen und als Jüngste
mochte sie von jeher eine Ausnahmestellung genossen haben, daher
ward vielleicht ihre größere Lebendigkeit, ihr beweglicheres Wesen
erklärlich. Auch in der Erscheinung stellte sie einen anderen Typus
dar; obgleich auch sie nicht gänzlich aus der Familienähnlichkeit fiel.
Sie war nicht groß, von zierlicher Gestalt, blond wie alle Weßlebens,
mit hellen Augen. In diesen Augen saß bei ihr noch ein ganz besonderer
Schelm. Das Gesichtchen hatte bei aller Unberührtheit und Frische etwas
ungemein Fertiges.
Eberhard Reimers erkannte sofort, daß er in eine nicht ganz alltägliche
Gesellschaft geraten sei. Das Meiste hier mutete ihn fremdartig
an; die Lutheranerröcke der drei Geistlichen, das Tischgebet, die
asketische Lebensweise, welche in der Nüchternheit der Einrichtung,
der Einfachheit der Speisen zum Ausdruck kam; der weihevoll gemessene,
zurückhaltende Ton der Unterhaltung. Dergleichen war er vom Vaterhause
her nicht gewöhnt. Aber er unterdrückte die Opposition, welche für
einen Augenblick gegen diese ganze, seinem Wesen so garnicht kongeniale
Welt in ihm aufsteigen wollte, aus einem Gefühle der Achtung, die ihm
die Einheitlichkeit und Geschlossenheit dieser Welt immerhin abrang.
Die Unterhaltung bei Tisch betraf Themata, die Eberhard für gewöhnlich
mit völliger Gleichgiltigkeit, wenn nicht mit Verachtung behandelte.
Von der Predigt, die man am Morgen gehört, war die Rede, von der
inneren Mission, den Bestrebungen des roten und des blauen Kreuzes,
den Jünglingsvereinen, den christlichen Herbergen, den Krippen. Alles
Begriffe, von denen der junge Mediciner, wenn er ihnen mal in der
Zeitung begegnete, wie von Kuriositäten Notiz genommen hatte, die aber
hier ganz ernst behandelt wurden. Sie schienen das oberste Interesse
auszumachen für diesen Familienkreis.
Er hätte stumm dasitzen müssen, wenn nicht das Gespräch durch
den Missionar auf Südamerika gekommen wäre. Das war für Eberhard
etwas von Jugend auf Vertrautes. Es stellte sich heraus, daß der
Missionar über die Bedeutung des überseeischen Handels von Reimers
und Knorrig unterrichtet war. Man tauschte seine Ansichten aus über
die gegenwärtige politische Lage der südamerikanischen Staaten, ihre
wirtschaftliche Zukunft, ihre Bedeutung für die Kultur. Der Missionar
berichtete Interessantes über die Eingeborenen und Eingewanderten.
Eberhard ergänzte das aus dem, was er darüber wußte. Kurz, es kam zu
einem Hin-und-Her von Gedanken und Ansichten.
Schwieriger fand es Eberhard, mit den Frauen in Fühlung zu kommen. Er
war neben die Dame des Hauses gesetzt worden; ihm schräg gegenüber saß
Agathe, deren Augen er häufig auf sich gerichtet fühlte.
Mit Frau Weßleben konnte er noch zur Not eine Art von Unterhaltung
aufrecht erhalten, das junge Mädchen jedoch blieb eine unberechenbare
Größe für ihn. Daß sie hübsch sei, war eben nicht schwer zu erkennen;
aber was steckte hinter dieser glatten Stirn, was sagte, oder vielmehr
was verbarg dieses feingeschnittene Lippenpaar? --
Eberhard ärgerte sich über sich selbst, daß er nicht wenigstens im
Laufe des Nachmittags soviel Gewandtheit fand, das junge Mädchen
anzureden. Woher diese Unbeholfenheit? Er war doch sonst nicht so
schüchtern! --
Von da ab besuchte Eberhard das Weßlebensche Haus öfters.
Er redete sich ein, daß er es Ottos wegen thue. Als ihm dieser
Vorwand selbst nicht mehr ganz stichhaltig erschien, fand er mit
einemmale heraus, daß es gut für die Erweiterung seiner Welt- und
Menschenkenntnis sei, wenn er mit Leuten Umgang pflege, die von ihm und
seinen bisherigen Kreisen so außerordentlich verschieden waren, wie
diese hier.
Imponieren würde er sich nicht lassen von den Weßlebens, das hatte er
sich fest vorgenommen. Beobachten wollte er nur, sehen, was eigentlich
hinter ihrem selbstsicheren, weihevollen Wesen stecke. Vielleicht
spielte man ihm nur Komödie vor. Vielleicht war das, was ihn auf den
ersten Blick so entzückt, ihm einen so einheitlichen Eindruck gemacht
hatte, etwas ganz anderes: geistiger Hochmut, Frömmelei, Heuchelschein.
Er kämpfte gegen die Eroberung durch fremden Einfluß; er wehrte sich
gegen das Zurückfallen in Gefühle und Anschauungen, die er wie eine Art
Kinderkrankheit längst über Bord geworfen zu haben glaubte.
Etwas bereitete sich in ihm vor, eine Wandlung, die ihm selbst
unheimlich vorkam. Der Kreis von Kommilitonen, in dem er verkehrte,
der Ton, der da herrschte, die ganze Atmosphäre, in der er sich
bisher so wohl gefühlt, fing an, ihm nicht mehr zu behagen. Er zog
sich zurück. Vor allem aber machte er einen Strich unter jene ebenso
leicht angeknüpften, wie schnell gelösten Verhältnisse mit Mädchen der
Halbwelt, die er bis dahin als selbstverständliche Zugabe des Berliner
Lebens betrachtet hatte.
Der Grund, warum der junge Mann urplötzlich seine sämtlichen
Gewohnheiten über den Haufen stieß, war jener uralte, der von jeher die
tiefsten Wandlungen der Menschennatur verschuldet hat.
* * * * *
Agathe hatte die einfachste Geschichte, die ein Mädchen nur haben
kann. Sie war auf dem Lande geboren, in der nüchternen Stille eines
märkischen Pfarrhauses aufgewachsen. Den Unterricht genoß sie beim
Dorfschulmeister, in einigen Fächern unterrichtete sie der Vater
selbst. Französisch erlernte sie mit den Töchtern des Gutsherrn, die
eine Schweizer Bonne hatten.
Die nächste Eisenbahnstation lag mehrere Meilen weit von Pudelsee
entfernt. Abwechselung brachte in das stille Leben nur der Wechsel der
Jahreszeiten. Eine Einladung in das Herrenhaus bedeutete jedesmal ein
Ereignis. Dort hielten sich auch manchmal auswärtige Gäste auf; sonst
hätte man in Pudelsee kaum erfahren, daß es außer Tagelöhnern und
Kathenleuten auch noch andere Menschen giebt auf der Welt.
Nur die Brüder, wenn sie auf Ferien nach Haus kamen, brachten Leben
in die verträumte Abgeschiedenheit dieses Erdenwinkels. Da wurde vom
Gymnasium und von der Universität erzählt. Namen berühmter Theologen
waren Agathe geläufig. Über Lehrmeinungen, wissenschaftliche Theorieen,
theologische Streitigkeiten, innerkirchliche Angelegenheiten,
Evangelisationsbestrebungen, welche die Geister innerhalb der
protestantischen Welt gerade beschäftigten, bekam auch sie manches
zu hören. Durch die Mutter, die ebenfalls aus evangelischer
Pastorenfamilie stammte, war man verwandt mit einigen angesehenen
Geistlichen der Landeskirche; Beziehungen, auf die sich Frau Weßleben
nicht wenig zu gute that.
Als sich der älteste Weßleben der Heidenmission widmete, da war auf
einmal zwischen der im Winkel tief verborgenen Landpfarre von Pudelsee
und der weiten Welt ein lebendiges Band hergestellt. Briefe mit
ausländischen Marken kamen an und erzählten von fremden Völkern und
ihren Sitten. In der Zeitung verfolgte man fortan mit Interesse alles
Überseeische, und ein alter Schulatlas des Pfarrers, der allerdings
von den Entdeckungen, welche in den letzten Jahrzehnten gemacht worden
waren, noch nichts wußte, wurde häufig zu Rate gezogen.
Kurz nach Agathens Konfirmation, die der Vater noch selbst vollzogen
hatte, wurde Pastor Weßleben von einem schweren Rückfall in sein altes
Leiden heimgesucht. Als aufgegebenen Mann schaffte man ihn nach Berlin,
wo er eine Operation auf Leben und Tod durchmachte. An Wiederaufnehmen
des Berufes war nicht zu denken. Weßleben ließ sich emeritieren und
blieb in Berlin. Hier war für einen Patienten wie ihn ärztliche Hilfe
noch immer am ersten zur Hand.
Mit dem Umzuge nach der Hauptstadt war für Agathen das Leben auch nur
um weniges abwechselungsreicher geworden. Die Pflege des alten Herrn
beherrschte für die Frauen fast den ganzen Tag. Agathe fiel vor allem
die Aufgabe zu, ihm vorzulesen. Die Lektüre beschränkte sich nicht
auf Theologisches; Pastor Weßleben hielt sich gern über Geschichte,
Philosophie und, in beschränktem Maße allerdings, auch über die
Kunst, auf dem Laufenden. Manchmal durfte das Mädchen dem Vater zur
Abwechselung etwas auf dem Harmonium spielen, oder ihm ein Lied singen;
Künste, in denen er sie in seinen guten Tagen selbst unterrichtet hatte.
Zu irgend welchem Aufwande langten die Mittel nicht. Niemals noch
war Agathe ins Theater gekommen. Was sie an Geselligkeit mitgemacht,
bestand in Familienvereinigungen im christlichen Vereinshause und
in Theeabenden zu Missionszwecken. Hie und da hatte sie mal ein
geistliches Concert besuchen dürfen.
Sie lebte seit Jahren in dieser großen Stadt mit ihren
Sehenswürdigkeiten und Vergnügungen, ihren Veranstaltungen zur
Befriedigung jedes Wunsches, jedes Bedürfnisses, und nichts von alledem
hatte das junge Ding genossen, kaum von fern den mächtigen Strom des
Berliner Lebens brausen hören.
Man hätte meinen sollen, daß ein junges, unblasiertes Geschöpf, wie
Agathe Weßleben, sich verzehrt haben müßte vor Sehnsucht nach Glanz,
Zerstreuung, Lebensgenuß. Daß sie der Verbitterung anheimfallen würde,
wenn ihr diese versagt blieben. Das Gegenteil war der Fall.
Agathe blieb, was sie im Pfarrhause zu Pudelsee gewesen, auch in
Berlin: das frische, heitere, lebenslustige, verständige Mädchen. Nicht
den geringsten Einfluß schien der Luftwechsel auf sie ausgeübt zu
haben. Es lag nicht in der Weßlebenschen Art, sich schnell umstimmen
zu lassen; auch in ihren weiblichen Mitgliedern legte diese Familie
niedersächsische Zähigkeit an den Tag.
Dieses kleine Ding, ohne Erfahrungen, ohne Erlebnisse, setzte dem
überwältigend großen Berlin ihre Verachtung entgegen. Sie wußte, daß
sie und die Ihren anders geartet seien als hier die meisten Menschen,
und darauf war sie stolz. Etwas von der ländlichen Ursprünglichkeit
ihrer Herkunft hatte sie sich bewahrt; das hob sie ab von den
abgeschliffenen, abgegriffenen und verschlissenen Charakteren der Stadt.
Ein Gang durch eine der Hauptverkehrsadern Berlins belehrte sie
darüber, daß sie und ihre Mutter altmodische Menschen seien,
deren Aufzug gelegentlich belächelt wurde. Ein anderes Mädchen
würde sich nach Toiletten und Putz gesehnt haben, die man in den
Schaufenstern oder an den Damen selbst ausgelegt sah; nicht so Agathe.
Sie neidete jenen ihre Eleganz weder, noch schämte sie sich ihres
Aschenbrödelgewandes.
Sie wußte, daß alle verfügbaren Mittel für den kranken Vater und für
Ottos Studium aufgespart werden mußten. Zu neuen Kleidern für sie
blieb da nichts übrig. Das war so selbstverständlich und klar; auf den
Gedanken, darüber zu seufzen, kam sie garnicht.
Der Sinn für das Klare und Einfache war ihr angeboren. Sowie sich ihr
Kopf mal überzeugt hatte, dann rebellierte das Gefühl nicht mehr.
Laune, diese weiblichste Eigenschaft, schien im Wesen dieses Kindes
keinen Platz zu haben, oder sie hatte sie durch jene Selbstzucht,
welche am besten das Krankenzimmer eines Angehörigen lehrt, früh
abgelegt. Aufgeräumt wie der Kopf, war das Gemüt heiter und der Mut
jederzeit gefaßt.
Im Grunde genommen war diese Harmonie der Seelenkräfte auch das, was
auf Eberhard Reimers an dem Mädchen den tiefsten Eindruck machte. Sie
bedeutete ihm die verkörperte Gesundheit, erschien ihm, wie ein klarer,
immer gleichmäßig strömender Quell, dessen Wellen wohl silberhell und
durchsichtig sind wie Kristall, dessen urplötzliches Hervorbrechen aus
dem dunklen Erdreich aber ein Wunder ist, das zu ergründen eine Aufgabe
schien, wert, das Leben daranzusetzen.
Das Wesen des Mädchens war ihm in vieler Beziehung noch immer ein
Rätsel. Die Bedingungen, unter denen sie aufgewachsen war, übersah
er jetzt. Er kannte die Eltern, die Geschwister. Der Ton der
Unterhaltung, die Sitten und Eigentümlichkeiten des Hauses, die ihn
anfangs so ungewohnt berührt hatten, waren ihm jetzt, wo er bei diesen
Leuten als Freund aus- und einging, nichts Fremdes mehr. Gewisse
Charaktereigenschaften Agathens lagen so klar zu Tage, daß sie auch
für Eberhard feststanden. Sie war eine gute Tochter zunächst. Für ihre
Unschuld hätte er sich verbürgen können. Ihre Sinne waren sicherlich
rein wie frischgefallener Schnee. Über eines aber freute er sich
vor allem an ihr, daß sie echten gesunden Menschenverstand besaß.
Sie beobachtete scharf; vormachen konnte man der so leicht nichts.
Mit gelehrter Bildung war sie nicht überladen, aber dafür besaß sie
ursprüngliche Urteilsgabe und Takt des Herzens. Auch der Sinn für
das Komische, der Hang zu gelegentlichen spöttischen Bemerkungen
standen ihr nicht schlecht, weil keine Bosheit dabei war. All diese
Eigenschaften vereinigt ergaben ein liebliches Gesamtbild, dessen
hervorstehende Züge Gesundheit, Frische und Natürlichkeit waren.
Und doch blieb etwas Fremdes für ihn in ihrem Wesen, etwas, das
nicht zu ihr zu passen schien, eine gewisse Sprödigkeit, eine herbe
Widerspenstigkeit. Das trat niemals zu Tage ihren Eltern gegenüber,
aber schon die Brüder bekamen davon gelegentlich etwas zu verspüren.
Otto beschwerte sich Eberhard gegenüber einmal ganz offenherzig über
Agathens »unausstehlichen Bock.« Und Eberhard erging es nicht viel
besser. War er ihr unangenehm? --
Er suchte jede Gelegenheit begierig auf, mit ihr ins Gespräch zu
kommen, vertrauter mit ihr zu werden, wenn möglich, ihr Gefallen
zu erregen. Manchmal schien es ja fast so, als wolle sie ihm
entgegenkommen. Einmal hatte er Photographieen mitgebracht von den
Seinen und seinem Vater, der verstorbenen Mutter, von Jutta und Bruno.
Als er die Bilder im Weßlebenschen Kreise vorzeigte, da war Agathe voll
Interesse, hörte gespannten Ohres ihm zu, fragte vor allem nach Jutta,
an deren Bildern sie sich nicht satt sehen zu können schien.
Aber andere Male wieder war sie schroff und abweisend, behandelte ihn
von oben herab, gab ihm schnippische Antworten.
Für Eberhard war das eine neue Erfahrung. Die Geschöpfe, deren
Zärtlichkeit er genossen, hatten ihm den Weg zu sich nicht eben schwer
gemacht. Er war an ein leichtes Siegen beim weiblichen Geschlechte
gewöhnt. Und hier, wo er zum ersten Male ernsthaft liebte, erfuhr er
solche Behandlung!
Eberhard Reimers trug nicht mehr sein Herz in der Hand wie ehemals.
Erfahrungen hatten ihn vorsichtig gemacht. Ihm war ja schon einmal
der Kopf weggerannt, verführt von den aufgeregten Sinnen, sehr zu
seinem Schaden. Er wußte, daß Agathe Weßleben nicht verglichen werden
dürfe mit einer Fanny; und doch verfolgte ihn auch jetzt noch, von
jener trüben Erfahrung her, ein Mißtrauen gegen das ganze weibliche
Geschlecht und jede einzelne seiner Vertreterinnen.
Er suchte nach Fehlern an Agathe. Sie war wohl herzlos? Das
Gefühlsleben schwach entwickelt? Der Verstand herrschte bei ihr,
der nüchterne Verstand. Zuviel Verständigkeit, zu wenig Gemüt! Die
schönste Eigenschaft des Weibes, sich anzuschmiegen, sich hinzugeben,
war ihr wohl versagt? Vielleicht war sie ein seelischer Zwitter? Die
Wissenschaft, auf die er soviel hielt, kannte ja dergleichen!
So dachte er, wenn er durch Agathens spröde Zurückhaltung gekränkt
war. Mit Spott und Selbstverhöhnung suchte er sich über seinen Zustand
hinwegzuhelfen. War es denn nicht lächerlich geradezu, daß er sich
schlechte Behandlung gefallen lassen mußte, er, Eberhard Reimers, von
einem jungen unbedeutenden Dinge wie Agathe!
Aber er ging schließlich doch wieder zu den Weßlebens und sicherlich
nicht, um der alten Leute willen, oder aus Freundschaft für Otto
allein, mit dem er schließlich noch ungenierter hätte bei sich oder am
Biertisch zusammenkommen können.
Von den Eltern Weßleben wurde der Freund des Sohnes gern gesehen. Der
alte Herr vermutete zwar, daß Eberhards Weltanschauung von der seinen
sehr bedeutend abweiche. In der Unterhaltung kam das manchmal zu Tage,
obgleich Eberhard sich in Acht nahm, in einer Familie, wo nicht weniger
als drei Theologen waren, seine Gleichgiltigkeit gegen das Religiöse
allzu schroff hervorzukehren. Es konnte trotzdem nicht fehlen, daß
seine Stellung in diesen Dingen mit der Zeit erkannt wurde. Aber Vater
Weßleben war glücklicherweise kein Zelot. Wenn ein Mensch nur sonst
tüchtig war und ehrlich, so brauchte er nach seiner Auffassung, selbst
wenn er sich religiös indifferent zeigte, noch nicht unbedingt zu den
Verworfenen zu gehören. Der alte Mann kannte das Leben, hatte an sich
selbst und an Anderen mancherlei erfahren. Darum brach er nicht leicht
den Stab über einen Menschen, selbst wenn er ihn in dem Wichtigsten,
was es für ihn gab, auf entgegengesetzter Seite sah.
Das Wohlgefallen von Frau Weßleben hatte Eberhard längst erobert. Bei
der Mutter einer siebzehnjährigen Tochter sprachen einem Jünglinge im
heiratsfähigen Alter gegenüber auch noch besondere Erwägungen mit.
Sie sah die Verliebtheit des jungen Mannes von Tag zu Tag wachsen. Das
war ihr natürlich ein Triumph. Daß er scheinbar so wenig Glück machte
bei Agathen, erschien ihr nicht so bedenklich. Das würde schon noch
anders kommen!
Frau Weßleben kannte ihr Agathchen. Die war schon in früher Jugend
solch ein merkwürdig stolzes Ding gewesen. Niemals hatte sie
eingestanden, daß sie eine Sache haben wollte; niemals hatte man sie
betteln sehen. Meisterin war sie stets gewesen im Unterdrücken von
Schmerz, wie im Verbergen ihrer Wünsche. Und auch darin war sich die
kleine Agathe getreu geblieben: ehe sie jemandem zeigte, daß sie ihn
gern mochte, da steckte sie lieber ihre Stacheln heraus.
Die Mutter dachte sich manches, wenn sie das Verhalten ihrer Tochter
betrachtete gegen den jungen Mann.
Mütter können eben in solchem Falle das Denken nicht lassen.