Ein Jahr war vergangen. Eberhard hatte seine Maturitätsprüfung
bestanden, auch schon ein Semester in Würzburg studiert. Jetzt war
er in München als +stud. med+. immatrikuliert, gleichzeitig genügte er
seinen militärischen Pflichten.
Der junge Mann wohnte jedoch nicht wie früher im väterlichen Hause,
sondern in einem Junggesellenquartiere nahe der Kaserne. Herr Reimers
hatte das selbst so angeordnet; junge Leute wollten »austoben«, und es
war besser, wenn sie das nicht unter den Augen der Angehörigen thaten,
besonders wenn ein junges Mädchen in der Familie war, das eben flügge
wurde.
Jutta war gefirmt worden, blieb aber auf Wunsch des Vaters noch in der
Schule; es war so eine schwierige Periode, man wußte mit einem Mädchen
dieses Alters wirklich nicht recht: wohin! In Gesellschaft konnte man
sie doch unmöglich schon nehmen und sie daheim unbeschäftigt sitzen
lassen, schien auch nicht geraten. In der Schule war sie immer noch
am besten aufgehoben, obgleich sie ihrer entwickelten Gestalt nach
dorthin eigentlich nicht mehr recht gehörte. Die Menschen wunderten
sich, wie Jutta sich in der letzten Zeit verändert hatte. Nichts mehr
von der früheren unberechenbaren Ausgelassenheit, den Excentricitäten
und tollen Streichen, mit denen sie die Mitschülerinnen belustigt,
die Erzieher entsetzt hatte. Sie war bescheidener, gesetzter, sanfter
geworden. Ein gewisser Ernst schien mit einemmale über sie gekommen,
man wußte nicht woher.
Ihr Religionslehrer, der sie stets in Schutz genommen hatte gegen die,
welche Jutta Reimers für »einfach nicht zu erziehen« erklärten, sah
darin eine Wirkung des Chrismas. Die Weihen des Geistes hatten sie
ergriffen durch die Salbung mit dem heiligen Öl. Sie war nun errettet
von der Weltlichkeit. Die Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, der
sie ergeben gewesen, war von ihr genommen.
Der geistliche Herr erlebte das nicht zum ersten Male. Er war
Menschenbeobachter und, obgleich im strengsten Cölibat erwachsen,
doch ein feiner Kenner der Frauen. Er wußte, was es zu bedeuten
hatte, wenn wilde Mädchen, die sich vom Knaben bisher nur durch ihre
Kleidung unterschieden, plötzlich nachdenklich wurden, in sich gekehrt
und schamhaft. Er verstand die Ursache des Augenniederschlagens, das
an Stelle des freien kecken Blickes getreten, das Mildere, Geweihte,
Ahnungsvolle des ganzen Wesens, die Zurückhaltung in Worten und
Gebärden. -- Die Firmung war von der Kirche nicht umsonst an die
bedeutsame Schwelle der eintretenden Reife gesetzt worden. Die Kirche
will Herrin sein der Seelen, aber sie weiß, daß die Seele nur die
Blüte ist des Leibes. Symbolisch weiht sie jeden wichtigen Vorgang im
Leiblichen, um sich damit des Seelischen um so eher zu vergewissern.
Wer da glaubte, es in Jutta Reimers mit einem Kinde zu thun zu haben,
weil sie noch immer zur Schule ging, halblange Kleider und Zöpfe trug,
der irrte sich. Es war ein junges Weib, das da so sittsam einherschritt.
Auch ihre Beschäftigungen außerhalb der Schule hatten veränderte
Gestalt angenommen. Sie las neuerdings viel, vor allem Bücher, die
ihr von dem verehrten Religionslehrer empfohlen wurden. Der Kaplan
erteilte in den oberen Klassen auch den Unterricht in Litteratur. Er
war klug genug, seinen Schülerinnen nicht durchweg religiöse Lektüre
ans Herz zu legen. Denn, wie er wohl wußte, wird solche Speise, wenn
ohne Zukost genossen, leicht zum Überdruß. Auch weltliche Autoren,
wenn sie nicht geradezu kirchenfeindlich waren, ließ er gelten. Ja sie
mußten ihm dienen, Glauben und Liebe in den jungen Herzen anzuregen.
Der Geistliche wußte, daß feine Fäden sich hinüberspinnen von der
Frömmigkeit zur Kunst, daß die Religion der sinnlichen Anschauung
bedarf, und daß sie in der Phantasie einen wichtigen Verbündeten
findet. Hinwiederum lehrte ihn seine Erfahrung, daß das Gemüt der
Frauen dem Romantischen zugeneigt ist, daß sie begeisterungsfähig
und schönheitsbedürftig sind. Von seiner Kirche angelernt, alles zu
benutzen, was zur Stärkung ihrer Autorität dienen kann, versäumte er
nicht, die ihm anvertrauten jungen Seelen auf alles hinzuweisen, wovon
er eine Förderung des religiösen Sinnes erwarten durfte. Da er bei
Jutta Reimers, seiner Lieblingsschülerin, viel Phantasie, Feinsinn
und geistige Regsamkeit fand, so ließ er es sich angelegen sein, ihr
die Lektüre zu empfehlen, welche er einem so gearteten Wesen für die
förderlichste hielt.
Neben dem Lesen beschäftigte sich Jutta jetzt viel mit Malen. Der
Zeichnenunterricht, den sie in der Schule genoß, war pedantisch und
nur für mäßig begabte Schülerinnen berechnet. Der Lehrer, dem Juttas
Begabung längst über den Kopf gewachsen war, ließ sie machen, was sie
wollte.
Ihr künstlerisches Wollen ging vorläufig noch weit über ihr Können
hinaus. Ohne jemals Aktstudien getrieben zu haben, entwarf sie
figurenreiche Bilder, malte Landschaften, ohne von Perspektive und
Lichtverteilung etwas Sicheres zu wissen. Sogar im Ölmalen versuchte
sie sich, obgleich ihr die Öl-Technik fremd war.
In ihrem Zimmer stand eine Staffelei aufgerichtet, dort konnte man jede
Woche einen neuen Entwurf sehen. Wunderliche Gebilde erblickten da
das Licht der Welt: romantische Rittergestalten, bleiche schmerzvolle
Madonnen, Engel mit ätherischen Leibern, Reminiscenzen aus der
Biblischen Geschichte, der Legende, der Mythologie, der Volkssage,
daneben phantastische Versuche, die Prosa des Alltags wiederzugeben.
Karikaturen, Selbstporträts, Illustrationen zu Büchern die sie eben
gelesen. Ein Durcheinander von Eindrücken und Ideen, gegeben von einem
in der Entwickelung begriffenen Wesen, dessen gährende Gedanken noch
nicht zur Krystallisation gekommen, dessen überschwängliche Gefühle
noch keinen Angelpunkt gefunden hatten.
Die einzige Zuschauerin, welche Jutta bei Ausübung ihrer Kunst im
Zimmer duldete, war Mucki. Die Katze saß träge blinzelnd mit krummem
Rücken auf einem Hocker und sah zu, ganz wie sie es ehemals im Atelier
des Oberstleutnants gethan hatte.
Schließlich war Mucki doch nicht das Einzige, was von dem Verstorbenen
auf Jutta gekommen war. Sie wurde von der Erinnerung an ihn beeinflußt,
ohne es selbst zu wissen. Er malte unsichtbar an ihren Bildern mit.
Denn es war nicht ohne Eindruck auf ihr junges Gemüt geblieben, einen
Menschen so ernst und redlich um die Kunst ringen zu sehen, wie dieser
Freund es gethan. Ihre Augen hatten damals gesammelt, sie hatte sich
mit Begeisterung, mit Liebe zu Farbe und Form, mit manchen wichtigen
Kenntnissen erfüllt, die ihr jetzt zu statten kamen. Ein Keim war in
sie gesenkt worden, der im stillen weiter wuchs und einmal zur Frucht
werden konnte.
Ihre Malerei war ihr nicht bloß eine vorübergehende Liebhaberei, wie
sie junge Menschen leicht mal verfolgen; ein paar Wochen lang geht
man ihr nach, dann, wenn man auf Schwierigkeiten stößt, verliert man
die Lust daran, geht anderen Passionen nach. Jutta hatte ein Ideal:
Künstlerin werden, eine wirklich große Künstlerin wollte sie werden.
Sie hob sich in ihrem ganzen Wesen ab von den Mädchen ihres Alters,
hegte andere Gedanken und Wünsche als diese kleinen oberflächlichen
Dinger. Ihr Ideal, verschwommen und überspannt, wie es noch war, gab
ihr doch Selbstbewußtsein, machte sie stolz. Sie fühlte, daß sie etwas
vor den Freundinnen voraus habe, daß sie etwas Besonderes besitze.
Herr Reimers schrieb alle diese Wandlungen im Wesen seines
Töchterchens, die ihm nicht entgehen konnten, dem günstigen Einflusse
zu, den Vally Habelmayer auf Jutta hatte. Er fand, daß er in Vally
ganz die richtige Person ins Haus genommen habe. Sie war eines von den
Gesichtern, das man gern um sich sah. Immer vergnügt, gesund, eine
mollige Erscheinung, von bequemer Weltanschauung, verständnisvoll für
ein gutes Mittagessen, und, was Reimers besonders schätzte, immer
bereit, auf einen Spaß, ja selbst auf einen gewagten, einzugehen.
Reimers hatte nämlich die Neigung, Anekdoten zu erzählen, welche die
Grenze des Erlaubten streiften. Er sammelte sie aus Witzblättern, im
Herrenklub, oder er erfand sie auch selbst. Die lagen ihm dann den
ganzen Tag auf der Zunge; an irgendwen mußte er sie loswerden. Sein
Compagnon Knorrig war kein Abnehmer für dergleichen, und seinen eigenen
Kindern konnte er sie doch auch nicht zum besten geben. Da kam ihm
Vally gerade recht. Er stand zu ihr im vertraulichen Verhältnis des
angeheirateten Onkels. Vally war schließlich auch kein ganz junges
Mädchen mehr, hatte ihre Erfahrungen hinter sich. Mit ihr konnte man
sich ein offenes Wort erlauben und war sicher, auf Verständnis zu
stoßen.
Das hinderte nicht, daß er von Vally zu anderen Zeiten gesetztes
Wohlverhalten verlangte. Juttas unschuldiges Ohr sollte niemals einer
jener Scherze entweihen, wie sie am Biertische, in der Weinstube oder
im +cabinet particulier+ im Schwange sind. Er wußte, was er seiner
väterlichen Autorität schuldig sei. Vally aber, die zu ihren anderen
angenehmen Eigenschaften auch noch die großer Anpassungsfähigkeit
besaß, verstand seine erzieherischen Absichten vollkommen. Sie fand
ihrer jungen Cousine gegenüber den richtigen Ton, war harmlos mit der
Harmlosen, sparte sich das Bedürfnis nach pikanter Unterhaltung für die
Stunden auf, wo sie mit ihrem jovialen Onkel allein war.
* * * * *
Eberhard kam dafür, daß er mit den Seinen in derselben Stadt
lebte, selten in das väterliche Haus. Schnell hatte er sich in die
Gewohnheiten des selbständigen Junggesellen eingelebt. Er trat jetzt in
das Alter, wo sich ein junger Mann um die Frauen zu kümmern anfängt.
Eigentlich glaubte er noch immer, das Weib zu verachten, aber im
Grunde war das nur Unsicherheit jenen fremden Wesen gegenüber, die ihm
unheimlich waren und höchst anziehend zugleich.
Wunderliches Alter voll unversöhnlicher Gegensätze, die mit einander
um die Herrschaft ringen und doch nebeneinander auskommen müssen. Was
gährt und brodelt da alles im Gemüt! Solch ein Jüngling ist stolz
und demütig zugleich, selbstbewußt bis zur Anmaßung, verlegen und
menschenscheu bis zur Ängstlichkeit. Er ist trotzig, mißtrauisch
und borstig, nach außen und im Inneren voll Sentimentalität,
anlehnungsbedürftig, nach Liebe durstend, jederzeit bereit, sein Herz
zu verschenken, am liebsten an eine Königin; steht ihm diese nicht zur
Verfügung, an die erste beste Zofe.
Und dieses Protzen mit Kraft, mit der eben erst erworbenen äußerlichen
Unabhängigkeit, mit einer Erfahrung, die noch nicht erworben ist!
Die Unsicherheit, die Unruhe, die Sehnsucht! Seine Gefühle wird er
nie und nimmer eingestehen! Eher wird er sich rauh, grob und cynisch
zeigen, mit Gleichgiltigkeit und Kälte prunken. Denn das ist männliche
Schamhaftigkeit: sich nicht ertappen lassen wollen in der Tiefe der
Gefühle. Wie sich das Weib nicht in seiner Blöße, so will sich der
Mann nicht zeigen in seiner Seele. Jeder von uns, mag er noch so
verschlossen erscheinen, trägt schließlich unter dem Panzer von Kälte
und Gleichgiltigkeit, mit dem wir uns von früh an aus Furcht vor der
Lächerlichkeit zu umgeben belieben, geheime Sehnsucht, den Wunsch sich
hinzugeben; vielleicht als ein Erbteil der Mutter, vielleicht als einen
letzten Rest vom Kinde, das er einstmals gewesen. Und Befreiung und
Erlösung von dieser Bedrängnis, diesem Widerspruch kann ihm nur das
Weib bringen.
Wie die meisten jungen Leute ohne Erfahrung machte sich Eberhard
ein ganz falsches, übertriebenes Bild von der Frau. Sonst ein
ziemlich nüchterner Kopf, vermochte er über dieses Thema nicht ruhig
nachzudenken. Die Ekstase der Gefühle, die starken Triebe seiner Natur
verwirrten ihm den Verstand. Es schwebte seiner verzückten Phantasie
ein bestimmtes Bild vor: von Jugend, Schönheit und Feuer, ein Extrakt
gewissermaßen aller weiblichen Reize. Diesem Ideale jagte er im
Schlafen und Wachen nach. In seiner nächsten Umgebung suchte er es
vergeblich. Seine Schwester, obgleich sie nun auch die Schule verlassen
hatte, lange Kleider trug und so gewissermaßen zu den Damen gehörte,
war doch eben nur seine Schwester, ein neutrales Wesen, nicht das,
was er suchte, was er brauchte. Und Vally, die ja ganz amüsant und
fesch war, entsprach auch nicht seinem Ideal. Sie war ihm zu derb, zu
materiell.
Wie er sich das Wesen eigentlich denke, das ihn befriedigen sollte,
hätte er mit Worten nicht sagen können; es traf ihn nur manchmal
blitzartig, im Traume, auf der Straße, im Theater, irgendwo, wie eine
Ahnung: die ist es, so müßte sie beschaffen sein, die würde dich
beglücken.
Inzwischen wuchs seine Unruhe, sein Verlangen zur unerhörten Pein.
Seine Sinne lagen beständig auf der Lauer. Eine Stimme war in ihm, die
alle anderen Wünsche mit eherner Kraft übertönte: der Ruf nach einer
Genossin.
Unwillkürlich hatten sich seine Sitten und Angewohnheiten geändert.
Das Biertrinken, dem seine Kameraden in ihren dienstfreien Stunden
oblagen, verstand auch er, aber es galt ihm nicht, wie diesen, als eine
Art religiöser Übung, der man Leib, Seele und Verstand besinnungslos
hingiebt. Er ging ins Theater, in Concerte; ja unglaublich, er wurde
ohne vernünftigen Anlaß in Museen angetroffen.
Er war ohne Freund augenblicklich. Bruno Knorrig befand sich schon seit
einem halben Jahre in Venezuela, wo er Kurt, Eberhards Bruder, abgelöst
hatte. Kurt hielt sich in einem franzöisschen Badeorte auf und sollte,
erst wenn er ganz hergestellt sein würde, nach Haus kommen.
* * * * *
Eberhard besuchte im Winter öfters das Schauspielhaus. Ein starker
Magnet zog ihn dorthin: eine junge Schauspielerin, die er in der Rolle
der Thekla im Wallenstein zuerst gesehen hatte.
Ohne je ein Wort mit diesem Wesen gesprochen, ohne sie anders, als
jenseits der Lampen gesehen zu haben, hatte er sich in sie verliebt.
Sie war für ihn das: »Weib der Weiber.«
Er ging in jedes Stück, in welchem sie auftrat. Wie gebannt hing
dann sein Blick an der zierlich schlanken Person mit dem nervösen
Mienenspiel, die einen Abend als »Hannele« auftrat und den nächsten
Ibsens »Hedwig« in der Wildente darstellen mußte. Er hatte auch schon
einen schwärmerischen Brief an sie gerichtet, der bisher leider
unbeantwortet geblieben war.
Es fand die Première einer beliebten Berliner Schwankfirma statt. Auch
Eberhards Angebetete hatte zu spielen. Er versäumte es jedoch, sich
rechtzeitig einen Platz zu sichern und mußte, da das ganze Parkett
ausverkauft war, mit dem Hinterplatz einer Seitenloge vorlieb nehmen.
Vor ihm saß eine Dame in schwarzem Kleide mit Halsausschnitt; lange
wildlederne Handschuhe reichten bis an die Ellenbogen. Ihr blondes Haar
war nach neuester Art frisiert, fiel in breiten Wellen über das halbe
Ohr und vereinigte sich im Genick in einem Nest von Zöpfen, die durch
einen Schildkrotkamm von heller Farbe gekrönt wurden.
Eberhard konnte ihre Züge nicht sehen, weil sie in den Zuschauerraum
blickte, bald mit dem Opernglas die Logen gegenüber musternd, bald
Bekannten zunickend, die sie aus dem Parterre begrüßten. Daß sie nicht
häßlich sein könne, dafür sprachen die vielen auf sie gerichteten
Gläser der Männerwelt. Ein feines, die Sinne betäubendes Parfum, das
Eberhard sofort aufgefallen war, als er die Loge betrat, ging von ihr
aus.
Der Platz neben ihr blieb zunächst frei. Während des ersten Aktes
jedoch wurde die Logenthür geöffnet und ein kahlköpfiger Herr im Frack
mit weißer Weste und Binde trat ein. In diesem Augenblicke wandte
sich die Dame um. Eberhard sah ein paar volle lächelnde Lippen, ein
feines Näschen und ein paar leuchtende Augen unter schwarzen Wimpern.
Das Ganze erschien ihm als das lieblichste Angesicht, das er jemals
erblickt hatte. Der Herr überreichte der Blondine ein paar Rosen und
setzte sich auf den Platz neben sie.
Von diesem Augenblick an ließ das, was auf der Bühne vorging, Eberhard
völlig gleichgiltig; selbst als die Schauspielerin auftrat, um
derentwillen er ins Theater gegangen war, empfand er kein stärkeres
Interesse. Er wunderte sich auf einmal, daß er für diese Person eine
Neigung habe fassen können, und schämte sich des Briefes, den er an sie
gerichtet.
Sowie der Vorhang fiel, erhob sich der Herr mit der Glatze. Er
erklärte, nicht länger bleiben zu können, da er noch in Gesellschaft
müsse. Dabei nannte er den Namen eines der vornehmsten Häuser. Sie
lächelte ihm zu; Schmerz über sein Gehen schien sie nicht gerade zu
empfinden.
Ihr Blick hatte Eberhard gestreift, ehe sie sich wieder umgewandt. Ein
Strom, warm und belebend, war ihm durch und durch gegangen. Die Nähe
dieser Person wirkte auf ihn wie körperliche Berührung; jede Biegung
ihres schlanken Halses, jede Bewegung des Armes, der Hand, fühlte er
gleichsam mit. Ein qualvoller Zustand, aus dem er sich am liebsten
durch schleunige Flucht gerettet hätte. Aber er blieb, starrte wie
verzaubert aus seinem Hinterhalte auf das blonde Haar, die gewölbten
Schultern, den zarten vom Genickhaar beschatteten Hals da vor ihm.
Jetzt wandte sie sich zur Seite, blickte hinab, hob den Stuhl ein
wenig, suchte. Eberhard begriff; ihr Kavalier hatte den Theaterzettel
mit fort genommen. Heiß errötend wagte er es, ihr den seinen anzubieten.
Sie blickte ihn an, kniff die Augen unmerklich ein und lächelte. Den
Zettel nahm sie mit einer -- wie ihm schien -- unendlich graziösen
Handbewegung entgegen.
Nachträglich kam ihm ungeheuer kühn vor, was er gethan hatte. Er
zitterte vor Verlangen, die einmal so glücklich hergestellte Verbindung
weiter auszunützen. Übrigens nahm sie selbst die Unterhaltung auf, als
sie ihm seinen Zettel zurückgab mit der Bemerkung: sie wolle ihn nicht
berauben.
»O!« rief er, »ich kenne die Schauspieler alle auswendig!« Damit
war ein Gespräch im Gange. Er sprach schnell und aufgeregt, mit
dem Bestreben, unbefangen zu erscheinen und möglichsten Eindruck
hervorzubringen.
Darauf kam der zweite Akt und nach ihm die große Pause. Sie ging nicht
hinaus, was er gefürchtet hatte. »Die Leit' passen einem so auf im
Foyer. I mag das nit!« meinte sie. Dann zog sie eine kleine Dose aus
der Tasche, von Silber mit eingraviertem Monogramm. Chokolade war
darin. Sie nahm und bot ihm an. »Gelt, wollen 's Ihnen net bedienen?«
Er that es, nahm schüchtern eine Prallinee. Noch konnte er das Glück
garnicht fassen, das ihm widerfuhr: hier sitzen und mit ihr verkehren
dürfen! Daß sie Dialekt sprach, erstaunte ihn im Anfang ein wenig; von
niederer Herkunft konnte sie doch unmöglich sein. Dann entsann er sich,
gehört zu haben: es sei neuerdings Mode, bis in die höchsten Kreise
hinauf, an der angestammten Mundart festzuhalten.
Daß sie eine Dame sei, verriet ihm ihre Toilette, und ihre Bildung
erkannte er aus der Art, wie sie das Stück, das Spiel, das ganze
Theater überhaupt kritisierte. Sie hatte alle Novitäten der Saison
gesehen und urteilte über ihren Wert und Unwert, daß Eberhard sich
sagte: er müsse sich zusammennehmen, wenn er sich hier nicht blamieren
wolle.
»Gnädige Frau gehen viel ins Theater?« fragte er.
»Jeden Abend, wenn i Zeit hätt'! I hab' selbst die größte Lust gehabt
aufzutreten, aber i hab's bleiben lassen; wissen's, die Schauspieler
sind unter sich zu famüliär. Und das paßt mir net! Da bin ich mir zu
gut! Aber ins Theater geh i alleweil gern. Gelt, Sie auch?«
Sie lachte ihn vertraulich an, mit einem Blick, der ihm das Blut zu den
Schläfen trieb.
»Studieren's vielleicht? denn Sie sind doch a Freiwilliger!« sagte sie
mit einem Blick auf seine Uniform. Er erklärte ihr, daß er Mediziner
sei.
»So so, Mediziner! Die Ärzte sein oft so unmanierliche Leit'! Ich habe
se nimmer leiden können. Aber ~Se~ sein ganz anders!«
Eberhard fühlte sich nicht wenig geschmeichelt. Ihre Worte gingen ihm
ein, wie ein angenehmer Trank. Er fing an, voll Sebstgefühl von sich
zu erzählen, nannte seinen Namen, in der stillen Hoffnung, daß sie
ihrerseits sagen würde, wer sie eigentlich sei.
»Ein Sohn von Herrn Reimers sein Se! Sehen 's mal an! Vom reichen Herrn
Reimers!« -- Sie maß ihn mit einem besonderen Blicke, es schien fast,
als habe er in ihren Augen an Bedeutung gewonnen.
»Kennen Sie denn meinen Vater, gnädige Frau?«
»Das net grad! Aber eine Freundin von mir, die kennt en gut. Er soll ja
sehr ein generöser Herr sein, der Reimers.«
Der Vorhang ging wieder auf. Von den zwei Akten, die nun noch folgten,
sah und hörte Eberhard so gut wie nichts. Er konnte nichts anderes
denken, als sein unerhörtes Glück. Dieses herrliche Geschöpf hatte ihn
für würdig befunden der Beachtung. Träumte er denn? Aber diese runden
Schultern vor ihm waren Wirklichkeit. Vielleicht gefiel auch er ihr!
Warum würde sie ihn sonst so bedeutsam angelächelt, so freundlich zu
ihm gesprochen haben! Es konnte einem schwindeln bei dem Gedanken.
Schon war er eifersüchtig ihretwegen. Als in der Zwischenpause ein
junger Mann aus dem Parterre an die Logenbrüstung herantrat und ihr die
Hand reichte, vertraulich ein paar Worte mit ihr wechselte, da fühlte
er tödlichen Haß gegen den Menschen in sich aufsteigen.
Er zitterte vor dem Schluß der Vorstellung, denn damit mußte der
Abschied von ihr kommen. Fest hatte er sich vorgenommen, sie wenigstens
nach ihrem Namen zu fragen, auf die Gefahr hin, unverschämt gefunden zu
werden.
Aber es kam günstiger, als er sich's hatte träumen lassen. Als
der Vorhang entgiltig fiel, bat sie ihn, er möge ihr die Sachen
hereinholen, weil sie das Gedränge an der Garderobe fürchte. Eberhard
drängte sich durch die Menge, eroberte ihre Sachen, bahnte sich, ohne
auf die Flüche, die rings erschollen, zu achten, den Weg zurück in die
Loge und half ihr dort in ihren mit Seide gefütterten Radmantel.
»Darf ich einen Wagen besorgen, gnädige Frau?« fragte er.
»Lassen's die Leit erst a bisserl von einand laufen, hernachen gehen
wir. Se können mich begleiten, wenn 's sonst nix Besseres vorhaben.
Aber ka Droschkerl! I wohn' net allzu weit.«
Ihm hüpfte das Herz.
»Unter militärischer Bedeckung geh i heit nach Haus. Das hab i mir halt
auch nit träumen lassen vorige Nacht!« rief sie und nahm lachend seinen
Arm.
»Ihr Herr Gemahl ist in Gesellschaft gegangen?« fragte er, und seine
Stimme zitterte ein wenig.
»Mein Herr Gemahl! I bitt Sie, wer is denn dös?«
»Der Herr vorhin! --«
»O du mei! Der mein Herr Gemahl! Nein, ich bin ledig. Und Se brauchen
mich auch nimmer so großartig ›gnädige Frau‹ zu titulüren!«
Ihm fiel ein Stein vom Herzen.
Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fing sie an ungebeten zu
erzählen: der Herr, den er da gesehen, wäre ein Freund von ihr, ein
»Gönner«, dem sie zu großem Dank verpflichtet sei.
»Malen Sie vielleicht?« fragte Eberhard.
»Dös net! Aber i interessier mi sehr für de Kunst, und versteh
mehr davon, als mancher von die Herren Kunstmaler.« Nun begann sie
eifrig zu erzählen von den Bildern, Ausstellungen und Künstlern,
die augenblicklich im Vordergrunde standen, mit Ausdrücken, die ihm
bewiesen, daß sie eine Eingeweihte sei. Sie war ein außerordentliches
Wesen! In seinen Augen wuchs sie von Minute zu Minute an Bedeutung.
Viel zu früh für ihn war man an ihrer Hausthür angelangt. »Wenn 's
wollen, können 's mi auch mal besuchen. I wohn über der dritten Stiege
links.«
»Und nach welchem Namen darf ich fragen?«
»Fragen's halt nach Fanny Spänglein. Und schön Dank für die Begleitung.
Behüt's Gott!«
Sie reichte ihm die Hand. Er verbeugte sich tief. Dann verschwand sie
im dunklen Flur.
Eberhard ging wohl ein Dutzend Mal vor dem Hause auf und ab, ehe er
sich entschließen konnte, von der Stätte zu scheiden. Er schlug den Weg
ein nach dem englischen Garten. Jetzt nach Haus gehen, war unmöglich!
An Schlafen war in dieser Nacht nicht zu denken! Der Gedanke, ins Café
oder ins Bierhaus sich zu begeben, erschien wie Profanation.
Er befand sich in nie gekannter beseligter Stimmung, wie berauscht.
Das Herz zum Zerspringen voll. Glücklich, scheu und erwartungsvoll
zugleich. So war ihm zu Mut gewesen als Kind, wenn er am
Weihnachtsabend vor verschlossener Thür gewartet und durch die Spalte
der erste Schimmer vom Lichterbaum sein geblendetes Auge traf.
War das Liebe? Er wußte es nicht; auf das Wort kam's wohl auch nicht
an. Über sich selbst erhoben fühlte er sich. Großes hatte er erlebt,
Größeres noch stand ihm bevor.
Er rief sich das Erlebnis der letzten Stunden ins Gedächtnis zurück.
Ihre Gestalt stand ihm vor Augen, ihr Gesicht in der halbdunklen
Loge, ihr leuchtendes Haar, der erste bedeutungsvolle Blick, der
ihn gestreift. Den Duft glaubte er noch zu atmen, den sie um sich
verbreitet. Er hörte den Tonfall ihrer Stimme, sah die weichen
Bewegungen ihrer schmiegsamen Glieder. Das Weib mit allen seinen
Reizen war leibhaftig bei ihm.
Überwältigend war der Gedanke, daß dieses süße Geschöpf jetzt
vielleicht ebenso seiner gedenke, daß sie sich nach ihm sehne,
vielleicht von ihrem Lager die Arme verlangend nach ihm ausstreckte.
Er schwankte, mußte sich auf eine Bank am Wege setzen. Die Glieder
zitterten ihm wie im Fieber.
War das Krankheit? Oder war es der erste Ausbruch eines Gefühles,
das wie ein Erdbeben über den jungfräulichen Menschen kommt, die
Grundfesten seiner Natur erschütternd? --