Am Tage darauf erfuhr Jutta durch Resi, im Rückhause sei der Herr
Kunstmaler von Weischach gestorben. Früh am Morgen schon hätten Leute
in schwarzen Mänteln und hohen Hüten einen Kasten hereingebracht und
die Leiche auf einem Wagen fortgeschafft. Resi fügte dem Bericht noch
einiges aus ihrer Phantasie hinzu, um das junge Fräulein nur ja gruseln
zu machen. Und sie hatte die Genugthuung, daß Jutta sie, als es Abend
wurde, bat, sie möge für diese Nacht bei ihr auf dem Sofa schlafen.
Durch Resi erfuhr Jutta auch, wo die Leiche hingeschafft worden sei:
in den Leichensaal des katholischen Friedhofs. Dorthin würden sie alle
geschafft, einerlei, weß' Standes oder Geschlechts. Dort könne man sie
ausgestellt sehen, angethan mit ihren besten Kleidern. Resi hatte schon
mehr als einen ihrer Freunde und Verwandten daselbst in Parade liegen
gehabt; sie konnte es nicht schön genug schildern, wie »sauber« die
ausgesehen hätten: »wie von Wachs.«
Für Jutta stand es von vornherein fest, daß sie den Verstorbenen
noch einmal sehen wolle. Aber allein in die Leichenhalle gehen, war
unmöglich. Resi hatte keine Zeit, sie zu begleiten, an Frau Hölzl
wollte sich Jutta nicht wenden, der Vater durfte erst recht nichts
davon wissen; so blieb also nur Eberhard, dem man mit einem solchen
Ansinnen kommen durfte.
Der Gymnasiast lachte zunächst bei der Idee. Dann fand er die Sache
aber doch »ganz interessant« und erklärte sich bereit, mitzumachen.
Es kam sonst nicht oft vor, daß Bruder und Schwester gemeinsam
ausgingen. Ihre Interessen lagen nach zu verschiedenen Richtungen, auch
liebte er es nicht, sich mit der kleinen Schwester auf der Straße zu
zeigen. Man kam sich so komisch vor mit solchem Geschöpf, das lange
Haare trug und kurze Kleider.
In der Straßenbahn, die sie benutzten, um den weiten Weg zum Friedhofe
abzukürzen, hatte Eberhard sich von Jutta getrennt, um auf dem
hinteren Perron »ungestört eine rauchen« zu können. Eberhard stand
kurz vor der Maturitätsprüfung und fühlte sich bereits halb und halb
als Student.
Er hatte die Absicht, Medizin zu studieren. Zwischen ihm und seinem
Freunde Bruno Knorrig war es abgemachte Sache, daß dies für den
Freidenker das einzig mögliche Studium sei. Jura war stumpfsinnig,
Philologie altmodisch und Theologie vollends überlebt. In der Medizin
jedoch feierte das Wissen des modernen Menschen seinen höchsten Triumph.
Die Geschwister schritten durch das Friedhofsportal und dann einen
langen Gang hinab. Das Leichenhaus lag ganz am unteren Ende. An
unzähligen Gräbern kamen sie vorbei, Monument reihte sich an Monument,
Hügel an Hügel, Denkstein an Denkstein.
Schließlich langten sie bei einem niederen Gebäude an, vor dem eine
verdeckte Halle hinlief. Nach Resis Beschreibung mußte es das sein.
In einer Nische hatte Jutta ein Weihwasserbecken entdeckt. Sie trat
hinzu, tauchte ihre Finger ein und segnete sich, indem sie ein Kreuz
schlug. Eberhard, dem im evangelischen Unterricht von früh auf
eingeprägt worden war, alles Katholische zu verdammen, sah dem Thun der
Schwester verächtlich zu.
Dann folgten sie einigen schwarz gekleideten Leuten, offenbar
Leidtragenden, die vor einem breiten Fenster Halt machten. Man
blickte durch das Glas in einen weiten Raum, wo viele Gestalten lang
ausgestreckt ruhten, mit geschlossenen Füßen, die Hände gefaltet,
Haupt und Schultern ein wenig erhöht. So lagen sie, genau wie es Resi
beschrieben hatte: Wachspuppen gleich.
Jutta drückte sich unwillkürlich an ihren Bruder an. So also sah man
aus, wenn man tot war! -- Sie war blaß geworden und zitterte am ganzen
Körper.
Auch dem Primaner war nicht ganz geheuer, aber rechtzeitig dachte er
daran, daß er als künftiger Arzt erhaben sein müsse über dergleichen.
»Schade!« rief er, »daß man nicht 'reingehen kann zu den Herrschaften.
Das müßte lustig sein! -- Nicht?«
Sie schritten langsam von Fenster zu Fenster. Die Toten schienen
eingeteilt zu sein in solche erster und zweiter Klasse. Im
Hintergrunde, dem Beschauer fast entzogen, lagen Leute in schlichterer
Kleidung, ohne Palmenschmuck, ohne Lichter und Kranzspenden. Die Leute
von Stande waren mehr im Vordergrunde aufgebahrt.
Um ein Fenster drängten sich die Neugierigen vor allem. Eberhard
las von der ausgehängten Tafel ab: »Benno Lothar von Weischach,
Oberstleutnant a. D. und Kunstmaler.«
Hier also war er! Als sich einige Leute entfernten, gelang es Jutta, an
die Scheibe heranzukommen.
Sie vermochte kaum ihren Freund wiederzuerkennen. Man hatte ihm seine
Uniform angezogen. Da lag er mit Orden und Denkmünzen auf der Brust,
Säbel und Helm neben sich.
Sie begriff nicht, daß er das sein sollte.
Dann aber, als sich der Blick an all das fremde Drum-und-dran gewöhnt
hatte, fand sie seine Züge heraus. Sein Haupt erschien ihr ehrwürdig,
die hohe bleiche Stirn, der lange graue Bart. So etwa stellte sie sich
das Angesicht der Patriarchen des alten Bundes vor oder die heiligen
Väter der Kirche.
Sie hatte nun gar keine Furcht mehr. Er war so schön, so friedlich, so
mild! Das Mädchen konnte sich nicht losreißen von dem Anblick.
Wie ein Glorienschein umschwebte es sein Haupt. Er war heilig. Wären
nicht die vielen Menschen gewesen um sie her, sie wäre niedergekniet
und hätte zu ihm gebetet.
Aber der Bruder drängte zum gehen. Ihm fing die Sache an langweilig zu
werden. Er begriff die Schwester nicht, die immer noch dastand und in
die Scheibe starrte.
»Lebendig wird er davon doch nicht! -- Komm!« sagte er ungeduldig und
zog sie am Arme weg.
* * * * *
Bald nachdem das Begräbnis des Oberstleutnants a. D. von Weischach
stattgefunden hatte, fand sich in den gelesensten Blättern Münchens
ein Inserat, wonach sein künstlerischer Nachlaß, sowie seine Bücher,
Teppiche und Möbel, meistbietend versteigert werden sollten. Besonders
aufmerksam wurden auf diesen Gelegenheitskauf Maler gemacht, die sich
ein Atelier einrichten wollten.
Der einzige Blutsverwandte des Verstorbenen, ein Herr von Weischach
aus Norddeutschland, war herbeigekommen, hatte sich angesehen, was
es etwa zu erben gäbe, und da er nichts als Bilder, Skizzen, Bücher,
Kunstgegenstände und andere unnütze Sachen fand, hatte er sich kurzer
Hand entschlossen, die Sachen versteigern zu lassen. Diese Mühe nahm
ihm ein Auktionator ab; und der Erbe konnte nach kurzem Aufenthalt
München wieder verlassen.
Herr Reimers las das Auktions-Inserat, und da er von seiner Wohnung aus
nur durch einen Hof zu gehen und ein paar Stiegen zu steigen brauchte,
um die zur Vorbesichtigung angepriesenen Kunstwerke zu sehen, nahm
er diese kleine Mühe auf sich. Er war ein wenig Sammler, weniger aus
wirklichem Kunstverständnis, als aus dem Bedürfnis heraus, sein Heim
mit interessanten, seltenen und dekorativen Gegenständen zu schmücken.
Auf Auktionen hatte er schon manchen glücklichen Erwerb gemacht.
Wie erstaunte er, als er bei Besichtigung des Weischachschen Ateliers
eine ganze Reihe von Bildern und Entwürfen fand, zu denen mehr oder
weniger deutlich Juttas Züge verwertet waren.
Hatte der Maler denn seine Tochter gekannt? Hatte Jutta ihm Modell
gesessen? --
Die Wirtin des Verstorbenen mußte ihm Rede stehen. Reimers erfuhr,
daß Jutta längere Zeit hindurch fast täglich bei Herrn von Weischach
gewesen sei.
Reimers war bestürzt. Gerade weil er selbst genug Werg am Rocken
hatte, neigte er zur Ängstlichkeit. Es war das Mißtrauen des alten
Sünders, der alle Schliche kennt und keinem Manne traut.
Er nahm Jutta vor. Wie kam sie dazu, hinter seinem Rücken einen
fremden Herrn aufzusuchen? -- Das Mädchen schwieg hartnäckig. Keine
Frage, weder im Guten noch im Strengen, vermochte etwas aus ihr
herauszubringen über das, was sie für ihr heiligstes Geheimnis hielt.
Solche Verstocktheit machte den Vater erst recht bedenklich. Die
ganze Sache blieb rätselhaft. Er kannte seine Jutta als ein kleines,
harmloses, gutwilliges Ding, das ihm viel Vergnügen bereitete und
bis dahin eigentlich niemals Sorgen gemacht hatte. Und nun das! --
Unbegreiflich!
Aber Reimers liebte die unangenehmen Eindrücke nicht, und nichts war
diesem Manne verhaßter, als das Gefühl der Verantwortlichkeit. Hier
konnte er sich keinem von beiden entziehen.
Er hatte sich zu wenig um das Kind gekümmert. Zu seiner Entschuldigung
stand ihm zwar die Ausrede zu Gebote, daß er keine Zeit habe, neben
seinen Berufsgeschäften auch noch die Erziehung seiner Tochter zu
leiten. Ein Witwer war eben in schwieriger Lage. Verschiedene seiner
Freundinnen, die ihm diese Wahrheit andeutungsweise schon des öfteren
nahe gelegt hatten, waren damit nicht so ganz im Unrecht. Aber trotz
alledem wollte er doch lieber ledig bleiben. Es mußte da noch einen
anderen Ausweg geben, als Heirat. Wie wäre es, wenn man eine Dame ins
Haus nähme zu Juttas Beaufsichtigung? Jemanden: halb Gesellschafterin,
halb Freundin, und möglichst wenig Gouvernante; denn vor der
Menschenklasse graute ihm.
Er überschlug alle ledigen Frauenzimmer seiner Bekanntschaft und kam
schließlich zu dem Ergebnis, daß sich am besten zu dem Amte eignen
würde seine Nichte: Vally Habelmayer.
Zwar war Vally noch jung -- eben erst zwanzig geworden -- und hübsch
dazu. Aber das letztere war nicht so gefährlich; zu Ostern sollte ja
Eberhard aus dem Hause kommen. Und für ihn, den Hausherrn, war es
schließlich netter, ein junges hübsches Gesicht um sich zu sehen, als
ein altes garstiges. Zudem hatte Vally Habelmayer noch einen anderen
großen Vorzug; sie war völlig abhängig von Herrn Reimers. Ihre Mutter
lebte seit dem Tode des bankerotten Gatten mehr oder weniger von der
Gnade des wohlhabenden Schwagers. Zwar war ein Sohn da, Luitpold, der
sich Kaufmann nannte und der seinem Auftreten nach für einen reichen
Mann eingeschätzt werden mußte; in Wahrheit aber setzte Luitpold, oder
wie er in Bekanntenkreisen genannt wurde »der schöne Habelmayer«, nur
das Metier seines Vaters fort: gut zu leben, nobel aufzutreten, wenig
zu arbeiten und viel zu borgen.
Vally lebte mit ihrer Mutter zusammen im Proletarierviertel. Die Damen
Habelmayer waren im Gegensatz zu Luitpold ökonomische Genies. Man
begriff nicht, wovon sie eigentlich lebten. Vally zog sich immer gut
an. In der Faschingszeit fehlte sie auf keiner der größeren Redouten.
Sie war ihres feschen Auftretens und ihrer harmlosen Munterkeit wegen
eine überall gern gesehene Persönlichkeit. Ein einziges Mal bis jetzt
hatte Herr Reimers am Schlusse des Faschings für seine Schwägerin
Habelmayer die versetzten Möbel aus dem Leihhause loskaufen müssen;
aber das war eine zum Münchener Karneval zugehörige Erscheinung, über
die sich ein Mann wie Reimers höchstens belustigte. Im übrigen hatte
ihm bisher sein Neffe Luitpold das Portemonnaie weit ausgiebiger
erleichtert, als Schwägerin und Nichte zusammen.
Vally Habelmayer hielt also eines Tages im Reimersschen Hause
Einzug. Jutta freute sich darüber. Sie hatte Vally schon von früh
auf bewundert; wie ein junges Mädchen eben eine erwachsene Cousine
bewundert. Vallys Selbständigkeit, größere Erfahrung und Freiheit der
Bewegung imponierten der Vierzehnjährigen. Die Art wie sich diese
üppige Brünette frisierte, ihre reichgarnierten Hüte und lebhaft
gefärbten Blusen, waren für Jutta vorläufig maßgebend. So wollte auch
sie sich mal anziehen, wenn sie erst soweit sein würde, ihre Toilette
selbst bestimmen zu dürfen.
Sie hatte sich immer gut mit Vally gestanden. Die Cousine behandelte
Jutta nicht als kleines Mädchen, sondern mehr als Vertraute; erzählte
der Jüngeren manches Interessante aus Gesellschaft und Leben, wovon
man in der Schule kein Sterbenswörtchen erfuhr. Die beiden schliefen
fortan in einer Stube, und damit war die Vertraulichkeit zwischen ihnen
erst recht besiegelt.
Daß Vally zu dem Zwecke ins Haus gekommen sei, um sie zu
beaufsichtigen, ahnte Jutta nicht; schwerlich würde sie sonst die
Cousine mit solcher Freude aufgenommen haben. Vally besaß geheime
Instruktion von ihrem Oheim über die ihr zugedachte Aufgabe. Von Zeit
zu Zeit mußte sie ihm Bericht erstatten über Juttas Verhalten. Vally
war voll Eifer und zeigte Verständnis für ihre Pflicht, und Reimers war
mit ihr und dem Erfolge seiner Maßregel zufrieden.
Auch noch einen anderen Genossen sollte Jutta in dieser Zeit bekommen.
Nach dem Begräbnis des Herrn von Weischach war die schöne Angora-Katze,
die sein Liebling gewesen, spurlos verschwunden. Vielleicht hatte
sich Mucki, schlau wie das Tier war, der Möglichkeit, mit dem übrigen
Nachlaß des seligen Oberstleutnants versteigert zu werden, durch die
Flucht entzogen.
Eines Vormittags, als Jutta von der Schule heimkehrte, fielen ihr in
einem dunklen Winkel des Treppenhauses ein paar grünlich leuchtende
Punkte auf, die unbeweglich auf sie gerichtet waren. Sie erschrak
anfänglich, sah aber doch nach, was dahinter stecke. Wie sie vermutet
hatte, war es Mucki. Die Katze ließ sich aufnehmen und streicheln. Aber
wie war das arme Tier heruntergekommen! Abgemagert, schmutzig, das
schöne einstmals glänzende Fell zerzaust.
Jutta nahm Mucki zu sich. Der Vater, der sich über diesen wunderlichen
Gast im Hause gelegentlich aufhielt, erfuhr nichts von den eigentlichen
Beziehungen, die zwischen seiner Tochter und dem Tiere schon früher
bestanden hatten. Die Katze sei zugelaufen, hieß es. Das junge Mädchen
nährte Mucki mit den besten Leckerbissen, säuberte ihr das Fell,
sorgte für ein bequemes Lager, wartete das Tier ab wie ein Kind. Nach
einiger Zeit hatte sie die Freude, Mucki die alte Schönheit der Farben
und Fülle der Gestalt wiedergewinnen zu sehen. Fortan ward Mucki wie
ein kleiner Abgott behandelt, als das Liebste, was Jutta auf der Welt
besaß; sie war viel klüger und besser, als alle Menschen zusammen. Die
Katze ließ sich mit stoischem Phlegma den Kultus gefallen. All die
stürmischen Liebkosungen, die ihr zu Teil wurden, erwiderte sie besten
Falles, mit einem Krümmen ihres Katzenbuckels und einem verschlafenen
Schnurren. Eberhard verhöhnte die Schwester wegen ihrer »Verliebtheit«
in ein Tier, und Vally war drauf und dran, eifersüchtig zu werden auf
die Kreatur.
Jutta ließ sich dadurch nicht beirren. Was Mucki ihr im Grunde bedeute,
konnte ja niemand verstehen. Mehr als bloße Laune und Spielerei war
ihr die Pflege dieses Tieres. Sie glaubte auch nicht, daß es Zufall
sei, daß die Katze zu ihr den Weg gefunden hatte. An Mucki konnte sie
vielleicht begangenes Unrecht gut machen, welches sie mehr ahnte, als
daß es ihr zum vollem Bewußtsein gekommen wäre.
Bei der Auktion im Atelier des verstorbenen Kunstmalers gingen die
Gemälde zu lächerlich niedrigen Preisen ab. Weischach hatte eben nicht
zu den bekannten Malern gehört, niemals hatte er eine Ausstellung
seiner Werke veranstaltet, die Zeitungen kannten ihn daher nicht.
Außerdem waren seine Sujets und seine Malweise so altmodisch, daß die
paar Händler, die erschienen waren, kopfschüttelnd weggingen.
Den größten Teil der Sachen brachte schließlich ein jüdischer Trödler
an sich, der Bilder nach der Elle ankaufte, um sie für teures Geld nach
Amerika zu verschachern.