IV.

Am Tage darauf erfuhr Jutta durch Resi, im Rückhause sei der Herr

Kunstmaler von Weischach gestorben. Früh am Morgen schon hätten Leute

in schwarzen Mänteln und hohen Hüten einen Kasten hereingebracht und

die Leiche auf einem Wagen fortgeschafft. Resi fügte dem Bericht noch

einiges aus ihrer Phantasie hinzu, um das junge Fräulein nur ja gruseln

zu machen. Und sie hatte die Genugthuung, daß Jutta sie, als es Abend

wurde, bat, sie möge für diese Nacht bei ihr auf dem Sofa schlafen.

Durch Resi erfuhr Jutta auch, wo die Leiche hingeschafft worden sei:

in den Leichensaal des katholischen Friedhofs. Dorthin würden sie alle

geschafft, einerlei, weß' Standes oder Geschlechts. Dort könne man sie

ausgestellt sehen, angethan mit ihren besten Kleidern. Resi hatte schon

mehr als einen ihrer Freunde und Verwandten daselbst in Parade liegen

gehabt; sie konnte es nicht schön genug schildern, wie »sauber« die

ausgesehen hätten: »wie von Wachs.«

Für Jutta stand es von vornherein fest, daß sie den Verstorbenen

noch einmal sehen wolle. Aber allein in die Leichenhalle gehen, war

unmöglich. Resi hatte keine Zeit, sie zu begleiten, an Frau Hölzl

wollte sich Jutta nicht wenden, der Vater durfte erst recht nichts

davon wissen; so blieb also nur Eberhard, dem man mit einem solchen

Ansinnen kommen durfte.

Der Gymnasiast lachte zunächst bei der Idee. Dann fand er die Sache

aber doch »ganz interessant« und erklärte sich bereit, mitzumachen.

Es kam sonst nicht oft vor, daß Bruder und Schwester gemeinsam

ausgingen. Ihre Interessen lagen nach zu verschiedenen Richtungen, auch

liebte er es nicht, sich mit der kleinen Schwester auf der Straße zu

zeigen. Man kam sich so komisch vor mit solchem Geschöpf, das lange

Haare trug und kurze Kleider.

In der Straßenbahn, die sie benutzten, um den weiten Weg zum Friedhofe

abzukürzen, hatte Eberhard sich von Jutta getrennt, um auf dem

hinteren Perron »ungestört eine rauchen« zu können. Eberhard stand

kurz vor der Maturitätsprüfung und fühlte sich bereits halb und halb

als Student.

Er hatte die Absicht, Medizin zu studieren. Zwischen ihm und seinem

Freunde Bruno Knorrig war es abgemachte Sache, daß dies für den

Freidenker das einzig mögliche Studium sei. Jura war stumpfsinnig,

Philologie altmodisch und Theologie vollends überlebt. In der Medizin

jedoch feierte das Wissen des modernen Menschen seinen höchsten Triumph.

Die Geschwister schritten durch das Friedhofsportal und dann einen

langen Gang hinab. Das Leichenhaus lag ganz am unteren Ende. An

unzähligen Gräbern kamen sie vorbei, Monument reihte sich an Monument,

Hügel an Hügel, Denkstein an Denkstein.

Schließlich langten sie bei einem niederen Gebäude an, vor dem eine

verdeckte Halle hinlief. Nach Resis Beschreibung mußte es das sein.

In einer Nische hatte Jutta ein Weihwasserbecken entdeckt. Sie trat

hinzu, tauchte ihre Finger ein und segnete sich, indem sie ein Kreuz

schlug. Eberhard, dem im evangelischen Unterricht von früh auf

eingeprägt worden war, alles Katholische zu verdammen, sah dem Thun der

Schwester verächtlich zu.

Dann folgten sie einigen schwarz gekleideten Leuten, offenbar

Leidtragenden, die vor einem breiten Fenster Halt machten. Man

blickte durch das Glas in einen weiten Raum, wo viele Gestalten lang

ausgestreckt ruhten, mit geschlossenen Füßen, die Hände gefaltet,

Haupt und Schultern ein wenig erhöht. So lagen sie, genau wie es Resi

beschrieben hatte: Wachspuppen gleich.

Jutta drückte sich unwillkürlich an ihren Bruder an. So also sah man

aus, wenn man tot war! -- Sie war blaß geworden und zitterte am ganzen

Körper.

Auch dem Primaner war nicht ganz geheuer, aber rechtzeitig dachte er

daran, daß er als künftiger Arzt erhaben sein müsse über dergleichen.

»Schade!« rief er, »daß man nicht 'reingehen kann zu den Herrschaften.

Das müßte lustig sein! -- Nicht?«

Sie schritten langsam von Fenster zu Fenster. Die Toten schienen

eingeteilt zu sein in solche erster und zweiter Klasse. Im

Hintergrunde, dem Beschauer fast entzogen, lagen Leute in schlichterer

Kleidung, ohne Palmenschmuck, ohne Lichter und Kranzspenden. Die Leute

von Stande waren mehr im Vordergrunde aufgebahrt.

Um ein Fenster drängten sich die Neugierigen vor allem. Eberhard

las von der ausgehängten Tafel ab: »Benno Lothar von Weischach,

Oberstleutnant a. D. und Kunstmaler.«

Hier also war er! Als sich einige Leute entfernten, gelang es Jutta, an

die Scheibe heranzukommen.

Sie vermochte kaum ihren Freund wiederzuerkennen. Man hatte ihm seine

Uniform angezogen. Da lag er mit Orden und Denkmünzen auf der Brust,

Säbel und Helm neben sich.

Sie begriff nicht, daß er das sein sollte.

Dann aber, als sich der Blick an all das fremde Drum-und-dran gewöhnt

hatte, fand sie seine Züge heraus. Sein Haupt erschien ihr ehrwürdig,

die hohe bleiche Stirn, der lange graue Bart. So etwa stellte sie sich

das Angesicht der Patriarchen des alten Bundes vor oder die heiligen

Väter der Kirche.

Sie hatte nun gar keine Furcht mehr. Er war so schön, so friedlich, so

mild! Das Mädchen konnte sich nicht losreißen von dem Anblick.

Wie ein Glorienschein umschwebte es sein Haupt. Er war heilig. Wären

nicht die vielen Menschen gewesen um sie her, sie wäre niedergekniet

und hätte zu ihm gebetet.

Aber der Bruder drängte zum gehen. Ihm fing die Sache an langweilig zu

werden. Er begriff die Schwester nicht, die immer noch dastand und in

die Scheibe starrte.

»Lebendig wird er davon doch nicht! -- Komm!« sagte er ungeduldig und

zog sie am Arme weg.

* * * * *

Bald nachdem das Begräbnis des Oberstleutnants a. D. von Weischach

stattgefunden hatte, fand sich in den gelesensten Blättern Münchens

ein Inserat, wonach sein künstlerischer Nachlaß, sowie seine Bücher,

Teppiche und Möbel, meistbietend versteigert werden sollten. Besonders

aufmerksam wurden auf diesen Gelegenheitskauf Maler gemacht, die sich

ein Atelier einrichten wollten.

Der einzige Blutsverwandte des Verstorbenen, ein Herr von Weischach

aus Norddeutschland, war herbeigekommen, hatte sich angesehen, was

es etwa zu erben gäbe, und da er nichts als Bilder, Skizzen, Bücher,

Kunstgegenstände und andere unnütze Sachen fand, hatte er sich kurzer

Hand entschlossen, die Sachen versteigern zu lassen. Diese Mühe nahm

ihm ein Auktionator ab; und der Erbe konnte nach kurzem Aufenthalt

München wieder verlassen.

Herr Reimers las das Auktions-Inserat, und da er von seiner Wohnung aus

nur durch einen Hof zu gehen und ein paar Stiegen zu steigen brauchte,

um die zur Vorbesichtigung angepriesenen Kunstwerke zu sehen, nahm

er diese kleine Mühe auf sich. Er war ein wenig Sammler, weniger aus

wirklichem Kunstverständnis, als aus dem Bedürfnis heraus, sein Heim

mit interessanten, seltenen und dekorativen Gegenständen zu schmücken.

Auf Auktionen hatte er schon manchen glücklichen Erwerb gemacht.

Wie erstaunte er, als er bei Besichtigung des Weischachschen Ateliers

eine ganze Reihe von Bildern und Entwürfen fand, zu denen mehr oder

weniger deutlich Juttas Züge verwertet waren.

Hatte der Maler denn seine Tochter gekannt? Hatte Jutta ihm Modell

gesessen? --

Die Wirtin des Verstorbenen mußte ihm Rede stehen. Reimers erfuhr,

daß Jutta längere Zeit hindurch fast täglich bei Herrn von Weischach

gewesen sei.

Reimers war bestürzt. Gerade weil er selbst genug Werg am Rocken

hatte, neigte er zur Ängstlichkeit. Es war das Mißtrauen des alten

Sünders, der alle Schliche kennt und keinem Manne traut.

Er nahm Jutta vor. Wie kam sie dazu, hinter seinem Rücken einen

fremden Herrn aufzusuchen? -- Das Mädchen schwieg hartnäckig. Keine

Frage, weder im Guten noch im Strengen, vermochte etwas aus ihr

herauszubringen über das, was sie für ihr heiligstes Geheimnis hielt.

Solche Verstocktheit machte den Vater erst recht bedenklich. Die

ganze Sache blieb rätselhaft. Er kannte seine Jutta als ein kleines,

harmloses, gutwilliges Ding, das ihm viel Vergnügen bereitete und

bis dahin eigentlich niemals Sorgen gemacht hatte. Und nun das! --

Unbegreiflich!

Aber Reimers liebte die unangenehmen Eindrücke nicht, und nichts war

diesem Manne verhaßter, als das Gefühl der Verantwortlichkeit. Hier

konnte er sich keinem von beiden entziehen.

Er hatte sich zu wenig um das Kind gekümmert. Zu seiner Entschuldigung

stand ihm zwar die Ausrede zu Gebote, daß er keine Zeit habe, neben

seinen Berufsgeschäften auch noch die Erziehung seiner Tochter zu

leiten. Ein Witwer war eben in schwieriger Lage. Verschiedene seiner

Freundinnen, die ihm diese Wahrheit andeutungsweise schon des öfteren

nahe gelegt hatten, waren damit nicht so ganz im Unrecht. Aber trotz

alledem wollte er doch lieber ledig bleiben. Es mußte da noch einen

anderen Ausweg geben, als Heirat. Wie wäre es, wenn man eine Dame ins

Haus nähme zu Juttas Beaufsichtigung? Jemanden: halb Gesellschafterin,

halb Freundin, und möglichst wenig Gouvernante; denn vor der

Menschenklasse graute ihm.

Er überschlug alle ledigen Frauenzimmer seiner Bekanntschaft und kam

schließlich zu dem Ergebnis, daß sich am besten zu dem Amte eignen

würde seine Nichte: Vally Habelmayer.

Zwar war Vally noch jung -- eben erst zwanzig geworden -- und hübsch

dazu. Aber das letztere war nicht so gefährlich; zu Ostern sollte ja

Eberhard aus dem Hause kommen. Und für ihn, den Hausherrn, war es

schließlich netter, ein junges hübsches Gesicht um sich zu sehen, als

ein altes garstiges. Zudem hatte Vally Habelmayer noch einen anderen

großen Vorzug; sie war völlig abhängig von Herrn Reimers. Ihre Mutter

lebte seit dem Tode des bankerotten Gatten mehr oder weniger von der

Gnade des wohlhabenden Schwagers. Zwar war ein Sohn da, Luitpold, der

sich Kaufmann nannte und der seinem Auftreten nach für einen reichen

Mann eingeschätzt werden mußte; in Wahrheit aber setzte Luitpold, oder

wie er in Bekanntenkreisen genannt wurde »der schöne Habelmayer«, nur

das Metier seines Vaters fort: gut zu leben, nobel aufzutreten, wenig

zu arbeiten und viel zu borgen.

Vally lebte mit ihrer Mutter zusammen im Proletarierviertel. Die Damen

Habelmayer waren im Gegensatz zu Luitpold ökonomische Genies. Man

begriff nicht, wovon sie eigentlich lebten. Vally zog sich immer gut

an. In der Faschingszeit fehlte sie auf keiner der größeren Redouten.

Sie war ihres feschen Auftretens und ihrer harmlosen Munterkeit wegen

eine überall gern gesehene Persönlichkeit. Ein einziges Mal bis jetzt

hatte Herr Reimers am Schlusse des Faschings für seine Schwägerin

Habelmayer die versetzten Möbel aus dem Leihhause loskaufen müssen;

aber das war eine zum Münchener Karneval zugehörige Erscheinung, über

die sich ein Mann wie Reimers höchstens belustigte. Im übrigen hatte

ihm bisher sein Neffe Luitpold das Portemonnaie weit ausgiebiger

erleichtert, als Schwägerin und Nichte zusammen.

Vally Habelmayer hielt also eines Tages im Reimersschen Hause

Einzug. Jutta freute sich darüber. Sie hatte Vally schon von früh

auf bewundert; wie ein junges Mädchen eben eine erwachsene Cousine

bewundert. Vallys Selbständigkeit, größere Erfahrung und Freiheit der

Bewegung imponierten der Vierzehnjährigen. Die Art wie sich diese

üppige Brünette frisierte, ihre reichgarnierten Hüte und lebhaft

gefärbten Blusen, waren für Jutta vorläufig maßgebend. So wollte auch

sie sich mal anziehen, wenn sie erst soweit sein würde, ihre Toilette

selbst bestimmen zu dürfen.

Sie hatte sich immer gut mit Vally gestanden. Die Cousine behandelte

Jutta nicht als kleines Mädchen, sondern mehr als Vertraute; erzählte

der Jüngeren manches Interessante aus Gesellschaft und Leben, wovon

man in der Schule kein Sterbenswörtchen erfuhr. Die beiden schliefen

fortan in einer Stube, und damit war die Vertraulichkeit zwischen ihnen

erst recht besiegelt.

Daß Vally zu dem Zwecke ins Haus gekommen sei, um sie zu

beaufsichtigen, ahnte Jutta nicht; schwerlich würde sie sonst die

Cousine mit solcher Freude aufgenommen haben. Vally besaß geheime

Instruktion von ihrem Oheim über die ihr zugedachte Aufgabe. Von Zeit

zu Zeit mußte sie ihm Bericht erstatten über Juttas Verhalten. Vally

war voll Eifer und zeigte Verständnis für ihre Pflicht, und Reimers war

mit ihr und dem Erfolge seiner Maßregel zufrieden.

Auch noch einen anderen Genossen sollte Jutta in dieser Zeit bekommen.

Nach dem Begräbnis des Herrn von Weischach war die schöne Angora-Katze,

die sein Liebling gewesen, spurlos verschwunden. Vielleicht hatte

sich Mucki, schlau wie das Tier war, der Möglichkeit, mit dem übrigen

Nachlaß des seligen Oberstleutnants versteigert zu werden, durch die

Flucht entzogen.

Eines Vormittags, als Jutta von der Schule heimkehrte, fielen ihr in

einem dunklen Winkel des Treppenhauses ein paar grünlich leuchtende

Punkte auf, die unbeweglich auf sie gerichtet waren. Sie erschrak

anfänglich, sah aber doch nach, was dahinter stecke. Wie sie vermutet

hatte, war es Mucki. Die Katze ließ sich aufnehmen und streicheln. Aber

wie war das arme Tier heruntergekommen! Abgemagert, schmutzig, das

schöne einstmals glänzende Fell zerzaust.

Jutta nahm Mucki zu sich. Der Vater, der sich über diesen wunderlichen

Gast im Hause gelegentlich aufhielt, erfuhr nichts von den eigentlichen

Beziehungen, die zwischen seiner Tochter und dem Tiere schon früher

bestanden hatten. Die Katze sei zugelaufen, hieß es. Das junge Mädchen

nährte Mucki mit den besten Leckerbissen, säuberte ihr das Fell,

sorgte für ein bequemes Lager, wartete das Tier ab wie ein Kind. Nach

einiger Zeit hatte sie die Freude, Mucki die alte Schönheit der Farben

und Fülle der Gestalt wiedergewinnen zu sehen. Fortan ward Mucki wie

ein kleiner Abgott behandelt, als das Liebste, was Jutta auf der Welt

besaß; sie war viel klüger und besser, als alle Menschen zusammen. Die

Katze ließ sich mit stoischem Phlegma den Kultus gefallen. All die

stürmischen Liebkosungen, die ihr zu Teil wurden, erwiderte sie besten

Falles, mit einem Krümmen ihres Katzenbuckels und einem verschlafenen

Schnurren. Eberhard verhöhnte die Schwester wegen ihrer »Verliebtheit«

in ein Tier, und Vally war drauf und dran, eifersüchtig zu werden auf

die Kreatur.

Jutta ließ sich dadurch nicht beirren. Was Mucki ihr im Grunde bedeute,

konnte ja niemand verstehen. Mehr als bloße Laune und Spielerei war

ihr die Pflege dieses Tieres. Sie glaubte auch nicht, daß es Zufall

sei, daß die Katze zu ihr den Weg gefunden hatte. An Mucki konnte sie

vielleicht begangenes Unrecht gut machen, welches sie mehr ahnte, als

daß es ihr zum vollem Bewußtsein gekommen wäre.

Bei der Auktion im Atelier des verstorbenen Kunstmalers gingen die

Gemälde zu lächerlich niedrigen Preisen ab. Weischach hatte eben nicht

zu den bekannten Malern gehört, niemals hatte er eine Ausstellung

seiner Werke veranstaltet, die Zeitungen kannten ihn daher nicht.

Außerdem waren seine Sujets und seine Malweise so altmodisch, daß die

paar Händler, die erschienen waren, kopfschüttelnd weggingen.

Den größten Teil der Sachen brachte schließlich ein jüdischer Trödler

an sich, der Bilder nach der Elle ankaufte, um sie für teures Geld nach

Amerika zu verschachern.

Liebe ist ewig · 第 10 / 44 题