Gesenkten Hauptes trat Jutta ein, ließ sich von der Schwester führen.
Sie wußte auf einmal weder aus noch ein in der Wohnung, die sie wie oft
schon besucht hatte.
Der Kranke lag in dem kleinen Zimmer neben dem Atelier. Seine Bilder
hatte er sich da hinein bringen lassen. Sie standen auf Staffeleien,
oder hingen an der Wand, so daß er sie von seinem Lager aus jederzeit
ohne Mühe betrachten konnte.
Als er die beiden eintreten sah, setzte sich Herr von Weischach im
Bette auf und streckte dem jungen Mädchen die Arme entgegen. Jutta
blieb zaghaft in der Nähe der Thür; sie hatte noch nie in ihrem Leben
einem Schwerkranken gegenübergestanden. Sein Anblick erschreckte sie.
Sie begriff garnicht, daß sie diesen Mann kenne. Der Bart war nach
allen Seiten gewachsen, das Haupthaar verwildert, die Augen lagen in
tiefdunklen Höhlen. Er wollte sie anlachen und ahnte nicht, daß die
ungehorsamen Muskeln seines Gesichtes nur eine traurige Grimasse zu
Stande brachten.
Die Schwester mochte erkennen, welches Grauen sein Anblick dem Kinde
einflößte. Mit gewandtem Griff brachte sie ein wenig Ordnung in den
Aufzug des Kranken, glättete ihm das Haar, und schloß sein Hemd, das
sich über der Brust geöffnet hatte. Dann drückte sie ihn sanft in die
Kissen zurück. Jutta wurde bedeutet, daß sie nun herantreten dürfe.
Weischach ergriff die Hand des Mädchens und führte sie an seine Lippen.
Jutta ließ es geschehen. Dann blickte er sie lange aus heißen Augen an.
»Ich habe dich gleich am Klopfen erkannt. Wußte ja, daß du kommen
würdest! O, geh nicht gleich wieder fort! Nichtwahr, du bleibst bei
mir?« sagte er mit hoher, weinerlicher Stimme.
Jutta blickte ratlos zu der Schwester hinüber. Diese, eine Person, die
in langjähriger Krankenpflege vieles verstehen gelernt hatte, gab ein
zustimmendes Zeichen.
Aus einem Winkel, wo sie sich bis dahin verborgen gehalten, kam jetzt
Mucki hervor. Sie sprang mit einem Satze auf das Bett, als sei das
so ihr gutes Recht. Die Schwester wollte die Katze entfernen. »Ach,
lassen Sie nur!« meinte Weischach; »das Tier wenigstens ist mir treu.«
Er streichelte das bunte Fell der Katze, die unter der Liebkosung zu
schnurren begann.
»Wirst du dich Muckis annehmen, Jutta, wenn mir was passieren sollte?«
--
Das Mädchen nickte mechanisch, kaum verstehend, was er eigentlich
meinte; denn daß es mit ihm zu Ende gehe, ahnte sie nicht.
»Siehst du meine Bilder?« rief er, plötzlich zu etwas anderem
überspringend, in beinahe lustigem Tone. »Sie sind alle beisammen.
Eine ganze Ausstellung -- was?« Er lachte. »Das dort habe ich doch am
liebsten. Es ist nun fertig! Schön, nichtwahr?«
Die Knochenhand wies auf das Bild mit dem Reiter. Daneben hing das
unvollendete Selbstporträt, in dem er sich als Harfner hatte darstellen
wollen. Weiter die ›Inspiration‹, ferner Skizzen zu Mignon und anderes.
Alles gute Bekannte für Jutta.
Der Künstler liebkoste seine Werke mit einem langen Blicke, dann
seufzte er tief: »Ich werde nichts mehr malen. Skizzen und Fragmente
bleiben von mir zurück. Kein Mensch ahnt, was ich gewollt habe. --
Wirst du wenigstens manchmal an mich denken, Jutta?«
Wieder war nur ein Kopfnicken die Antwort.
»Du wirst ein schönes, herrliches Weib werden!« rief er mit einemmale
überlaut, dabei ruhte sein Auge mit dem Ausdrucke wilder Sehnsucht auf
ihr.
»O, daß ich doch .....«
Weiter kam er nicht. Etwas Unsichtbares schien ihn am Halse zu packen,
daß er die Augen schloß und den Mund verzog. Die Schwester griff ihm
unter die Arme, suchte ihn aufzurichten. Sein Kopf hing mit geöffnetem
Munde weit nach vorn.
Jutta starrte für einen Augenblick auf das klägliche Schauspiel. Ein
Gefühl des Grauens, wie sie es noch nie empfunden, lähmte sie. Dann
machte sie die Furcht vor dem, was noch kommen könne, lebendig. Ohne
Abschied floh sie aus dem Zimmer.