Während der nächsten Tage war Jutta nicht dazu gekommen, Herrn von
Weischach aufzusuchen. Das Bewußtsein, daß ihr Vater jetzt im Hause sei
und daß ihr Geheimnis durch ihn möglicherweise entdeckt werden möchte,
hielt sie zurück. Dabei hatte sie im Geheimen große Sehnsucht nach dem
Atelier. Wie mochte es mit dem Kostüm stehen, das er ihr versprochen
hatte? Ob es schon in Arbeit war? Sie konnte es kaum erwarten,
sich darin zu sehen. Im Unterricht war sie noch unaufmerksamer als
gewöhnlich, weil sie beständig an Weischach, das Kostüm und sein Bild
dachte.
Endlich fand sich Gelegenheit, hinüberzuspringen. Durch Erkrankung
einer Lehrerin war eine Stunde ausgefallen.
Jutta ging, wie sie aus der Schule kam, mit Büchern und Heften unter
dem Arm, durch das Vorderhaus schnurstracks nach dem Atelier.
Weischach empfing sie im Malerkittel. Er hatte gearbeitet. Auf der
Staffelei stand eine Leinewand. Malstock und die Palette mit frischen
Farben waren nicht fern.
»Umarme mich nicht, Kind!« rief er. »Ich bin vollgeschmiert. Leg ab!«
Er reinigte sich schnell die Hände und trat dann vor sie hin, ihre
Hand ergreifend. »Bist du es wirklich? Ich hatte schon die Hoffnung
aufgegeben, dich jemals wiederzusehen.«
Statt der Antwort umarmte sie ihn. Als er dieses feine Köpfchen an
seine Brust geschmiegt sah, überkam den alternden Mann tiefe Rührung.
So ganz Kind war sie in diesem Augenblicke; wie sein Töchterchen
erschien sie ihm. Er küßte ihr Haar ganz leicht, sie sollte es garnicht
merken. Es war das erste Mal, daß er es that. Jutta fand es als das
selbstverständlichste Ding der Welt, daß er sie küsse.
Dann ließ sie ihn fahren und rief übermütig: »Fräulein Jubert ist
krank. Wir haben kein Französisch. Vielleicht die ganze Woche nicht!
Ist das nicht fein?« --
Jetzt bückte sie sich, um Mucki zu streicheln, die träge blinzelnd
der Szene zwischen den beiden zugeschaut hatte. »Mucki ist schlechter
Laune!« rief das Mädchen. »Wart, ich werde dich munter machen!« Sie
nahm die Katze am Fell vom Boden auf und spielte mit ihr, wie mit
einem Ball. Mucki schien daran nicht viel Gefallen zu finden, sie
wollte entweichen, aber Jutta verstand es, das Tier immer wieder
einzufangen.
Sein Malerauge weidete sich entzückt an der schlanken Gestalt, den
jugendlich flinken Gliedern, deren Grazie, Ebenmaß und Kraft bei der
schnellen Bewegung zu voller Geltung kam. Die Aufregung des Spieles
rötete ihr Gesicht, das Haar, von dem sie den Hut abgenommen hatte,
war in reizende Unordnung geraten. Einer »Mignon« glich sie in diesem
Augenblicke nicht, eher einer ausgelassenen »Philine«.
Endlich hatte sich die Katze durch einen schnellen Sprung auf einen
hohen Schrank gerettet. Dorthin konnte ihr Jutta nicht folgen. Das
Mädchen strich sich das Haar aus dem geröteten Gesicht und warf sich
lachend auf den Divan.
In Weischachs durchfurchtem Angesicht witterte es wie Regen und
Sonnenschein. Ihm wurde immer bange, wenn er sie so voll Leben, Kraft
und Übermut sah; das brachte ihm den Unterschied zwischen ihm und ihr
recht zum bitteren Bewußtsein.
Wenn Jutta darauf geachtet hätte, würde sie haben bemerken müssen,
wie bleich und abgekommen er war. Aber Kinder haben für das Befinden
anderer keinen Blick.
Sie war vor allen Dingen gespannt, zu hören, was aus dem geplanten
Bilde geworden sei, ob er nun endlich anfangen würde, sie zu malen.
»Ich bin die letzten drei Tage nicht von der Staffelei gekommen!« sagte
er.
»Was hast du gemacht?«
Er zog einen Vorhang von dem großen Fenster und rückte die Staffelei in
das rechte Licht. »Was sagst du nun?«
Das Bild, nicht allzu groß, zeigte eine Landschaft mit Figuren:
deutscher Wald. An einer Wegekreuzung im Dämmerlicht des Laubdaches
ein Mann zu Roß, vor ihm stehend ein Kind. Die Züge des bärtigen
Reitersmannes, durch den Schlapphut verdeckt, sind kaum zu erkennen.
Der Schatten des Waldes liegt auf ihm; dagegen fällt alles Licht
vereinigt auf die Gestalt des Kindes, eines kleinen Mädchens.
Das Bild war noch unfertig, das Pferd und der düstere Reiter vorläufig
nur skizziert, voll ausgeführt dagegen die Kindesgestalt. Der Ausdruck
des jungen Gesichtes, wie es voll Vertrauen zu dem Fremden aufblickt,
war mit Liebe herausgebracht.
»Nun was sagst du!« rief Weischach ungeduldig, als Jutta ihm allzulange
mit der Anerkennung zurückhielt.
»Soll ich das sein?« fragte Jutta in einem Tone, dem man die
Enttäuschung deutlich anhörte.
»Ich habe an dich gedacht dabei, natürlich!«
»Nein, das bin ich nicht! Das ist garstig!« rief das Mädchen trotzig.
Er drang in sie: was ihr denn so mißfalle an dem Bilde. Sie erklärte
sich nicht näher, blieb eigensinnig dabei, das sei sie nicht und es
wäre überhaupt garstig.
Was ein vierzehnjähriges Mädchen sagte, war als Kunsturteil schließlich
nicht von Belang, das wußte er wohl. Und trotzdem quälte ihn diese
Kritik. Unmutig drehte er die Leinwand um.
»Ich glaube, Jutta, du hast mich hier nicht recht verstanden. Gerade
das, was wertvoll ist an dem Bilde, macht es dir unsympathisch. Es soll
nicht erzählen; alles darin ist Stimmung. Wer durchaus vom Künstler
einen Stoff verlangen will, dem könnte man sagen: es sei ein Fremder,
der ein Kind nach dem rechten Wege fragt. Aber wenn du mich fragst,
was ich damit hätte sagen wollen, so muß ich dir antworten: ich weiß
es selbst nicht. Nicht einmal einen Namen habe ich bis jetzt dafür.
Stimmung alles, Stimmung! Erst war ein Farbeneindruck da: hell und
dunkel. Ich sah Farbenflecke. Das ist die wahre Inspiration, wenn das
Bild im Auge entsteht, nicht im Verstande. Ich kann nicht mal sagen:
ich sah; nein, ich empfand, fühlte Wald, in welchen wie durch einen
Vorhang die Sonne verstohlen hineinleuchtet. Daraus erst, aus diesem
Gegensatze von Licht und Schatten, traten die Gestalten langsam und
wie von selbst hervor. Der Reiter dunkel, geheimnisvoll tragisch. Das
Kind dagegen klar, beruhigend, strahlend, ein Quell des Lichtes und des
Glückes. Begreifst du das nun?«
»Aber ich will nicht, daß du mich barfuß malst!« rief sie und hatte mit
einemmale Thränen in den Augen.
Er stutzte zunächst. Als er jedoch den Sinn der Antwort verstand,
lachte er laut auf. Mit einemmale begriff er, wen er vor sich habe:
ein echtes rechtes Kind! Man vergaß das so leicht, ließ sich von ihrem
Wesen verleiten, sie für erwachsen zu halten.
»Mein Engel, kränkst du dich darüber?«
»Ich sehe nicht aus wie ein Bettelmädel!«
»Aber siehst du denn nicht, Jutta, daß es sich nicht um ein Faksimile
handelt, hier! Das Porträt wird immer eine untergeordnete Kunstgattung
bleiben, solange man nur Gegebenes wiedergiebt. Du hast mir etwas
viel Höheres geschenkt: eine Stimmung, eine Symphonie in Farben.
Fasse es doch symbolisch! Hier ist Licht, da ist Schatten, hier
Jugend, da Alter. Wir beide sind in dem Bilde, du und ich. Aber weit
künstlerischer und feiner verborgen, als wenn ich dich als Mignon und
mich als Harfner gemalt hätte.«
»Du willst mich nicht als Mignon malen?«
Er wurde ein wenig verlegen. »Offen gestanden, Jutta, ich habe
mir's anders überlegt. Es liegt immer eine gewisse Trivialität in
den Illustrationen zu großen Meistern. Anregen soll man sich als
bildender Künstler von den Dichtern lassen, aber nicht ihre Gestalten
verdeutlichen wollen. Das kommt mir so vor, wie die Vorlagen, die man
ganz kleinen Kindern giebt, wo sie die vorgezeichneten Umrisse nur mit
Farbe auszufüllen haben. Nein, der Gedanke war kein glücklicher!«
Jutta blieb stumm. Enttäuschung und Ärger waren bei ihr größer, als er
ahnte. Wo blieb jetzt das mit Sternen besäte Kleid, der lichte Schleier
über dem Haar, wo das Diadem, von dem sie geträumt hatte? --
Sie empfand nicht so sehr Kummer als Empörung. Weischach war an allem
schuld. Versprechungen hatte er gemacht, die er nun nicht hielt, hatte
sie getäuscht, mit Absicht wohl gar sie zum Narren gehabt. Keinem
seiner Worte wollte sie fortan trauen, wollte garnicht hören, was er
sagte. Sie haßte ihn in diesem Augenblick.
Niemand hätte dem Kinde so leicht angesehen, was in ihm vorging. Sie
stand da und starrte den Mann nur groß an aus erstaunten Augen. Tapfer
schluckte sie an ihren Thränen, die ihr um keinen Preis verräterisch
über die Wangen rinnen sollten.
Weischach fuhr fort in docierendem Tone: »Meine ganze bisherige
Malerei war vielleicht ein einziger großer Irrtum, ruhte auf falscher
Anschauung vom Wesen der Kunst. Jedes Kunstgebiet hat seine genau
verrainten Grenzen, die man nicht überschreiten soll. Man kann nicht
Musik malen, und man soll auch nicht als Maler Dichter sein wollen.
Farbeneindrücke wiedergeben! Bilder sehen und sie auf die Leinwand
zwingen, wie sie in der +camera obscura+ der Seele auftauchen.
Eine Stimmung, eine malerische Erfindung muß das Ursprüngliche sein,
nicht eine Historie, ein rein äußerlicher Einfall. Nur um Gottes
willen nicht konstruieren! Das wollen wir den Architekten überlassen.
Ich kenne jetzt die Fehler meiner bisherigen Kunstübung; sie war
erkünstelt, überheizt, es fehlte ihr Naivetät. Kunstlos schaffen allein
ist künstlerisch. Nimm alle meine früheren Bilder, selbst die besten;
sind sie nicht konstruiert? Um den Leuten zu sagen, daß alte Frauen
häufig in der Bibel lesen, und daß ihnen dabei wohl mal ein Enkelkind
zusieht, bedarf es nicht des Malerauges; das ist durch die Brille des
Novellisten gesehen. Und meine ›Inspiration‹! -- Blasse Allegorie!
Jetzt begreife ich, warum ich daran scheitern mußte. -- Nimm einmal
das hier dagegen!« Damit wandte er sich der Staffelei zu. »Das ist
malerisch empfunden. Die Figuren sind nicht Staffage, sind ein Teil der
Landschaft, wachsen organisch aus der Farbe heraus .......«
Jutta hatte, während er beschäftigt war, das Bild umzukehren und
zurechtzurücken, lautlos den Hut aufgesetzt und ihre Bücher zur Hand
genommen. Weischach wandte sich um. »Wo willst du hin?«
Aber sie hatte schon die Thür erreicht und schlüpfte hinaus. Er stürzte
ihr nach. »Jutta, Kind! Hör doch nur! Ich brauche dich« .....
Sie war nicht mehr einzuholen. In großen Sätzen, mehrere Stufen auf
einmal nehmend, eilte sie die Stiege hinab.
* * * * *
Wohl eine Woche lang sah und hörte Jutta nichts von Herrn von
Weischach. Dann eines Tages, als sie aus der Schule kam, sah sie ihn im
Hausflur stehen; er wartete da offenbar auf sie. Was sollte sie thun,
wie an ihm vorbeikommen? --
Unschlüssig ging sie vor dem Hause auf und ab. Da wollte es ein
glücklicher Zufall, daß ihr Vater von einem Gange zurückkehrte. Sie
eilte auf ihn zu und hing sich an seinen Arm. Unter seinem Schutze kam
sie unbehelligt ins Haus.
Sie hatte Weischachs Gesicht im Vorbeigehen für einen Augenblick
gesehen; er sah sehr unglücklich aus.
Weitere Tage vergingen, ohne daß von Weischach ein Lebenszeichen zu
Jutta gedrungen wäre. Sie fing an, eine gewisse Neugier zu empfinden,
was er treibe. Malte er? Ob er gar Modelle hatte? Es gingen öfters
Leute durch den Hof, die so aussahen. Aber im Hinterhaus war ein
Atelier über dem anderen, man wußte nicht, zu welchem Künstler diese
Menschen wollten. --
Einmal, als die Neugier ihr keine Ruhe mehr ließ, begab sie sich auf
die schmale Hintergasse, von der aus man die großen Scheiben der
Ateliers sehen konnte. In der Weischachschen Etage war alles verhangen.