III.

Während der nächsten Tage war Jutta nicht dazu gekommen, Herrn von

Weischach aufzusuchen. Das Bewußtsein, daß ihr Vater jetzt im Hause sei

und daß ihr Geheimnis durch ihn möglicherweise entdeckt werden möchte,

hielt sie zurück. Dabei hatte sie im Geheimen große Sehnsucht nach dem

Atelier. Wie mochte es mit dem Kostüm stehen, das er ihr versprochen

hatte? Ob es schon in Arbeit war? Sie konnte es kaum erwarten,

sich darin zu sehen. Im Unterricht war sie noch unaufmerksamer als

gewöhnlich, weil sie beständig an Weischach, das Kostüm und sein Bild

dachte.

Endlich fand sich Gelegenheit, hinüberzuspringen. Durch Erkrankung

einer Lehrerin war eine Stunde ausgefallen.

Jutta ging, wie sie aus der Schule kam, mit Büchern und Heften unter

dem Arm, durch das Vorderhaus schnurstracks nach dem Atelier.

Weischach empfing sie im Malerkittel. Er hatte gearbeitet. Auf der

Staffelei stand eine Leinewand. Malstock und die Palette mit frischen

Farben waren nicht fern.

»Umarme mich nicht, Kind!« rief er. »Ich bin vollgeschmiert. Leg ab!«

Er reinigte sich schnell die Hände und trat dann vor sie hin, ihre

Hand ergreifend. »Bist du es wirklich? Ich hatte schon die Hoffnung

aufgegeben, dich jemals wiederzusehen.«

Statt der Antwort umarmte sie ihn. Als er dieses feine Köpfchen an

seine Brust geschmiegt sah, überkam den alternden Mann tiefe Rührung.

So ganz Kind war sie in diesem Augenblicke; wie sein Töchterchen

erschien sie ihm. Er küßte ihr Haar ganz leicht, sie sollte es garnicht

merken. Es war das erste Mal, daß er es that. Jutta fand es als das

selbstverständlichste Ding der Welt, daß er sie küsse.

Dann ließ sie ihn fahren und rief übermütig: »Fräulein Jubert ist

krank. Wir haben kein Französisch. Vielleicht die ganze Woche nicht!

Ist das nicht fein?« --

Jetzt bückte sie sich, um Mucki zu streicheln, die träge blinzelnd

der Szene zwischen den beiden zugeschaut hatte. »Mucki ist schlechter

Laune!« rief das Mädchen. »Wart, ich werde dich munter machen!« Sie

nahm die Katze am Fell vom Boden auf und spielte mit ihr, wie mit

einem Ball. Mucki schien daran nicht viel Gefallen zu finden, sie

wollte entweichen, aber Jutta verstand es, das Tier immer wieder

einzufangen.

Sein Malerauge weidete sich entzückt an der schlanken Gestalt, den

jugendlich flinken Gliedern, deren Grazie, Ebenmaß und Kraft bei der

schnellen Bewegung zu voller Geltung kam. Die Aufregung des Spieles

rötete ihr Gesicht, das Haar, von dem sie den Hut abgenommen hatte,

war in reizende Unordnung geraten. Einer »Mignon« glich sie in diesem

Augenblicke nicht, eher einer ausgelassenen »Philine«.

Endlich hatte sich die Katze durch einen schnellen Sprung auf einen

hohen Schrank gerettet. Dorthin konnte ihr Jutta nicht folgen. Das

Mädchen strich sich das Haar aus dem geröteten Gesicht und warf sich

lachend auf den Divan.

In Weischachs durchfurchtem Angesicht witterte es wie Regen und

Sonnenschein. Ihm wurde immer bange, wenn er sie so voll Leben, Kraft

und Übermut sah; das brachte ihm den Unterschied zwischen ihm und ihr

recht zum bitteren Bewußtsein.

Wenn Jutta darauf geachtet hätte, würde sie haben bemerken müssen,

wie bleich und abgekommen er war. Aber Kinder haben für das Befinden

anderer keinen Blick.

Sie war vor allen Dingen gespannt, zu hören, was aus dem geplanten

Bilde geworden sei, ob er nun endlich anfangen würde, sie zu malen.

»Ich bin die letzten drei Tage nicht von der Staffelei gekommen!« sagte

er.

»Was hast du gemacht?«

Er zog einen Vorhang von dem großen Fenster und rückte die Staffelei in

das rechte Licht. »Was sagst du nun?«

Das Bild, nicht allzu groß, zeigte eine Landschaft mit Figuren:

deutscher Wald. An einer Wegekreuzung im Dämmerlicht des Laubdaches

ein Mann zu Roß, vor ihm stehend ein Kind. Die Züge des bärtigen

Reitersmannes, durch den Schlapphut verdeckt, sind kaum zu erkennen.

Der Schatten des Waldes liegt auf ihm; dagegen fällt alles Licht

vereinigt auf die Gestalt des Kindes, eines kleinen Mädchens.

Das Bild war noch unfertig, das Pferd und der düstere Reiter vorläufig

nur skizziert, voll ausgeführt dagegen die Kindesgestalt. Der Ausdruck

des jungen Gesichtes, wie es voll Vertrauen zu dem Fremden aufblickt,

war mit Liebe herausgebracht.

»Nun was sagst du!« rief Weischach ungeduldig, als Jutta ihm allzulange

mit der Anerkennung zurückhielt.

»Soll ich das sein?« fragte Jutta in einem Tone, dem man die

Enttäuschung deutlich anhörte.

»Ich habe an dich gedacht dabei, natürlich!«

»Nein, das bin ich nicht! Das ist garstig!« rief das Mädchen trotzig.

Er drang in sie: was ihr denn so mißfalle an dem Bilde. Sie erklärte

sich nicht näher, blieb eigensinnig dabei, das sei sie nicht und es

wäre überhaupt garstig.

Was ein vierzehnjähriges Mädchen sagte, war als Kunsturteil schließlich

nicht von Belang, das wußte er wohl. Und trotzdem quälte ihn diese

Kritik. Unmutig drehte er die Leinwand um.

»Ich glaube, Jutta, du hast mich hier nicht recht verstanden. Gerade

das, was wertvoll ist an dem Bilde, macht es dir unsympathisch. Es soll

nicht erzählen; alles darin ist Stimmung. Wer durchaus vom Künstler

einen Stoff verlangen will, dem könnte man sagen: es sei ein Fremder,

der ein Kind nach dem rechten Wege fragt. Aber wenn du mich fragst,

was ich damit hätte sagen wollen, so muß ich dir antworten: ich weiß

es selbst nicht. Nicht einmal einen Namen habe ich bis jetzt dafür.

Stimmung alles, Stimmung! Erst war ein Farbeneindruck da: hell und

dunkel. Ich sah Farbenflecke. Das ist die wahre Inspiration, wenn das

Bild im Auge entsteht, nicht im Verstande. Ich kann nicht mal sagen:

ich sah; nein, ich empfand, fühlte Wald, in welchen wie durch einen

Vorhang die Sonne verstohlen hineinleuchtet. Daraus erst, aus diesem

Gegensatze von Licht und Schatten, traten die Gestalten langsam und

wie von selbst hervor. Der Reiter dunkel, geheimnisvoll tragisch. Das

Kind dagegen klar, beruhigend, strahlend, ein Quell des Lichtes und des

Glückes. Begreifst du das nun?«

»Aber ich will nicht, daß du mich barfuß malst!« rief sie und hatte mit

einemmale Thränen in den Augen.

Er stutzte zunächst. Als er jedoch den Sinn der Antwort verstand,

lachte er laut auf. Mit einemmale begriff er, wen er vor sich habe:

ein echtes rechtes Kind! Man vergaß das so leicht, ließ sich von ihrem

Wesen verleiten, sie für erwachsen zu halten.

»Mein Engel, kränkst du dich darüber?«

»Ich sehe nicht aus wie ein Bettelmädel!«

»Aber siehst du denn nicht, Jutta, daß es sich nicht um ein Faksimile

handelt, hier! Das Porträt wird immer eine untergeordnete Kunstgattung

bleiben, solange man nur Gegebenes wiedergiebt. Du hast mir etwas

viel Höheres geschenkt: eine Stimmung, eine Symphonie in Farben.

Fasse es doch symbolisch! Hier ist Licht, da ist Schatten, hier

Jugend, da Alter. Wir beide sind in dem Bilde, du und ich. Aber weit

künstlerischer und feiner verborgen, als wenn ich dich als Mignon und

mich als Harfner gemalt hätte.«

»Du willst mich nicht als Mignon malen?«

Er wurde ein wenig verlegen. »Offen gestanden, Jutta, ich habe

mir's anders überlegt. Es liegt immer eine gewisse Trivialität in

den Illustrationen zu großen Meistern. Anregen soll man sich als

bildender Künstler von den Dichtern lassen, aber nicht ihre Gestalten

verdeutlichen wollen. Das kommt mir so vor, wie die Vorlagen, die man

ganz kleinen Kindern giebt, wo sie die vorgezeichneten Umrisse nur mit

Farbe auszufüllen haben. Nein, der Gedanke war kein glücklicher!«

Jutta blieb stumm. Enttäuschung und Ärger waren bei ihr größer, als er

ahnte. Wo blieb jetzt das mit Sternen besäte Kleid, der lichte Schleier

über dem Haar, wo das Diadem, von dem sie geträumt hatte? --

Sie empfand nicht so sehr Kummer als Empörung. Weischach war an allem

schuld. Versprechungen hatte er gemacht, die er nun nicht hielt, hatte

sie getäuscht, mit Absicht wohl gar sie zum Narren gehabt. Keinem

seiner Worte wollte sie fortan trauen, wollte garnicht hören, was er

sagte. Sie haßte ihn in diesem Augenblick.

Niemand hätte dem Kinde so leicht angesehen, was in ihm vorging. Sie

stand da und starrte den Mann nur groß an aus erstaunten Augen. Tapfer

schluckte sie an ihren Thränen, die ihr um keinen Preis verräterisch

über die Wangen rinnen sollten.

Weischach fuhr fort in docierendem Tone: »Meine ganze bisherige

Malerei war vielleicht ein einziger großer Irrtum, ruhte auf falscher

Anschauung vom Wesen der Kunst. Jedes Kunstgebiet hat seine genau

verrainten Grenzen, die man nicht überschreiten soll. Man kann nicht

Musik malen, und man soll auch nicht als Maler Dichter sein wollen.

Farbeneindrücke wiedergeben! Bilder sehen und sie auf die Leinwand

zwingen, wie sie in der +camera obscura+ der Seele auftauchen.

Eine Stimmung, eine malerische Erfindung muß das Ursprüngliche sein,

nicht eine Historie, ein rein äußerlicher Einfall. Nur um Gottes

willen nicht konstruieren! Das wollen wir den Architekten überlassen.

Ich kenne jetzt die Fehler meiner bisherigen Kunstübung; sie war

erkünstelt, überheizt, es fehlte ihr Naivetät. Kunstlos schaffen allein

ist künstlerisch. Nimm alle meine früheren Bilder, selbst die besten;

sind sie nicht konstruiert? Um den Leuten zu sagen, daß alte Frauen

häufig in der Bibel lesen, und daß ihnen dabei wohl mal ein Enkelkind

zusieht, bedarf es nicht des Malerauges; das ist durch die Brille des

Novellisten gesehen. Und meine ›Inspiration‹! -- Blasse Allegorie!

Jetzt begreife ich, warum ich daran scheitern mußte. -- Nimm einmal

das hier dagegen!« Damit wandte er sich der Staffelei zu. »Das ist

malerisch empfunden. Die Figuren sind nicht Staffage, sind ein Teil der

Landschaft, wachsen organisch aus der Farbe heraus .......«

Jutta hatte, während er beschäftigt war, das Bild umzukehren und

zurechtzurücken, lautlos den Hut aufgesetzt und ihre Bücher zur Hand

genommen. Weischach wandte sich um. »Wo willst du hin?«

Aber sie hatte schon die Thür erreicht und schlüpfte hinaus. Er stürzte

ihr nach. »Jutta, Kind! Hör doch nur! Ich brauche dich« .....

Sie war nicht mehr einzuholen. In großen Sätzen, mehrere Stufen auf

einmal nehmend, eilte sie die Stiege hinab.

* * * * *

Wohl eine Woche lang sah und hörte Jutta nichts von Herrn von

Weischach. Dann eines Tages, als sie aus der Schule kam, sah sie ihn im

Hausflur stehen; er wartete da offenbar auf sie. Was sollte sie thun,

wie an ihm vorbeikommen? --

Unschlüssig ging sie vor dem Hause auf und ab. Da wollte es ein

glücklicher Zufall, daß ihr Vater von einem Gange zurückkehrte. Sie

eilte auf ihn zu und hing sich an seinen Arm. Unter seinem Schutze kam

sie unbehelligt ins Haus.

Sie hatte Weischachs Gesicht im Vorbeigehen für einen Augenblick

gesehen; er sah sehr unglücklich aus.

Weitere Tage vergingen, ohne daß von Weischach ein Lebenszeichen zu

Jutta gedrungen wäre. Sie fing an, eine gewisse Neugier zu empfinden,

was er treibe. Malte er? Ob er gar Modelle hatte? Es gingen öfters

Leute durch den Hof, die so aussahen. Aber im Hinterhaus war ein

Atelier über dem anderen, man wußte nicht, zu welchem Künstler diese

Menschen wollten. --

Einmal, als die Neugier ihr keine Ruhe mehr ließ, begab sie sich auf

die schmale Hintergasse, von der aus man die großen Scheiben der

Ateliers sehen konnte. In der Weischachschen Etage war alles verhangen.

Liebe ist ewig · 第 7 / 44 题