Inzwischen kleidete sich Jutta um. Sie legte das Kleid an, das ihr der
Vater neulich aus Wien mitgebracht hatte. Er liebte es, die Tochter
hübsch angezogen zu sehen.
Jutta sah dem Wiedersehen mit dem Vater voll freudiger Spannung
entgegen. Er brachte stets Geschenke mit für die Seinen und erzählte
allerhand interessante und schnurrige Erlebnisse. Es kam dem Mädchen
vor, als sei alles lebendiger und prächtiger im Hause, sobald er da
war. Besonders bei Tisch ging es dann hoch her. Das Essen war besser,
es gab Wein von den verschiedensten Sorten. Und wenn sich Jutta auch
weiter nichts daraus machte, so liebte sie doch den größeren Zuschnitt
des Lebens, die Freude, die Opulenz, die ihr Vater um sich verbreitete.
Als das Gong laut durch das Haus ertönte, war Jutta eben fertig
geworden. Sie eilte in das Zimmer ihres Vaters. Dort stand er am
Kaminfeuer und ließ sich den Rücken wärmen. Sie flog auf ihn zu, warf
sich ihm in die Arme. Der Vater hob sie empor und küßte sie lachend auf
Mund und Haar.
Es waren Gäste da: Bruno Knorrig, den Herr Reimers bei seinem Sohne
angetroffen, und Vater Knorrig, Reimers' Geschäftskompagnon.
Reimers war Fünfziger von regelmäßigen Gesichtszügen, mit lebhaften
Augen, schön gebogener Adlernase und wohlgepflegtem blondem Bart. Sein
Kopf fing eben an zu ergrauen. Eine mäßige Korpulenz stand ihm nicht
schlecht, da sein kerniges Fleisch nichts von der Aufgedunsenheit
fetter Leute zeigte. Es wurde einem behaglich zu Mute beim Anblick
dieser gesunden, kräftigen, wohlproportionierten Männergestalt. Sein
schwarzer Anzug kleidete ihn gut, und seine Wäsche war von tadellosem
Glanz.
Als eine ganz andere Sorte Mann stellte sich sein Geschäftsteilhaber
dar. Knorrig war ein hagerer Geselle von eckigen Gliedmaßen, über denen
ein grauer Anzug leblos wie auf einem Kleidergestell hing. Das Auge war
klein und phantasielos, der Mund, mit schmalen Lippen und vortretendem
Gebiß, unschön. Er stammte aus Nordbayern und stach mit seiner
oberfränkischen Nüchternheit stark gegen das gemütliche, leichtlebige
Münchnertum ringsum ab. Seit Jahren schon verwitwet, besaß Knorrig
nur den einen Sohn, Bruno, der, von Natur auch nicht gerade mit Anmut
ausgestattet, neben diesem Vater immer noch als Schönheit hätte gelten
können.
Herr Reimers berichtete von dem Erfolge seiner Reise. Seine
Worte betrafen Geschäftliches und waren zumeist an den Compagnon
gerichtet: die Aussichten der Kaffeeernte in Südamerika, die Lage des
Marktes in den dortigen Plätzen, das voraussichtliche Steigen der
Kolonialwarenpreise, Börsenabschlüsse, Schiffsnachrichten, Gründungen,
Konjunktur, Handelspolitik. Alle diese Gebiete standen für ein
Handelshaus wie Reimers und Knorrig im Vordergrunde des Interesses.
Knorrig senior hörte aufmerksam zu, warf nur hie und da eine kurze
Frage ein, oder machte eine trockene Bemerkung.
Gelegentlich unterbrach Reimers auch mal die geschäftliche
Unterhaltung, flocht eine Anekdote ein oder eine lustige Schilderung,
welche für die jungen Leute berechnet war. Er liebte es nicht, die
Kinder mit gelangweilten Gesichtern dasitzen zu sehen; alles um ihn her
sollte guter Dinge sein. Gegen Schluß der Tafel wurde ein auserlesener
guter Tropfen alten Rheinweins aus dem Keller heraufgebracht, dem der
Wirt selbst mit sichtlichem Verständnis zusprach.
Reimers stammte vom Rheine. Lebensfreude und leichter Sinn, die
nirgends froher gedeihen als an den Ufern unseres schönsten Stromes,
waren auch ihm von Geburts wegen eigen. Den Dreißigen nahe, war er als
Vertreter eines Kölner Hauses nach München gekommen. Das Leben in der
Isarstadt sagte ihm zu. Er heiratete in eine alteingesessene Münchener
Kaufmannsfamilie hinein. Der Vater seiner Frau war Inhaber eines großen
Kolonialwarengeschäfts.
Sehr bald aber wurde Reimers die Seele des Hauses. Vom Detailhandel
im Inlande ging er kühn über zum Import. Er reiste selbst hinaus,
studierte an Ort und Stelle die Venezuelanischen Verhältnisse, erwarb
Plantagen im Hinterlande und ein Lagerhaus in Caracas. Nachdem er hier
alles organisiert hatte, kehrte er nach Haus zurück und erwarb sich
eine feine Kundschaft in Deutschland. Seine gute Erscheinung, sein
sicheres Auftreten und sein joviales Wesen kamen ihm dabei zu Statten.
Das Glück war ihm günstig. Bald hatte er aus der rein lokalen Firma
seines Schwiegervaters ein weithin angesehenes Haus gemacht.
Schließlich starb der Alte. Er hinterließ außer Frau Reimers nur noch
eine Tochter: Frau Habelmeyer. Deren Mann war ein Luftikus gewesen,
hatte Bankerott gemacht, wobei das im voraus gezahlte Erbteil seiner
Frau zu Grunde gegangen war. Daher gingen Geschäft und Vermögen unter
Ausschluß der älteren Tochter an Frau Reimers über, die in ihrem Manne
eine bessere Wahl getroffen hatte.
Frau Reimers war ihren Vorfahren ähnlich: äußerst gutmütig und
harmlos, lebenslustig, ein wenig zur Bequemlichkeit neigend und
ziemlich gedankenlos. Ein durchaus unkomplizierter, bequemer
Charakter. Das Bild, welches von ihr über ihres Mannes Schreibtische
hing, zeigte sie als eine anmutige Brünette von lebhaften Farben mit
einem freundlich-lächelnden Puppenkopfe. Sie hatte ihren Gatten sehr
bewundert und wirklich geliebt. Urteilslos wie sie war, sah sie nur
Vorzüge an ihm. Ihre Ehe war glücklich gewesen, denn es lag nicht
in Reimers' Natur, sich Frauen gegenüber anders als freundlich und
liebenswürdig zu zeigen.
Sie starb zur rechten Zeit für ihr Glück, als die Kinder in das Alter
kamen, wo die Gefahr nahe lag, daß sie der Mutter über den Kopf wachsen
würden. Auch nahm sie die Illusion ungetrübt ins Grab: ihr Mann sei ein
Mustergatte, der ihr jederzeit die Treue gewahrt habe.
Der Witwer heiratete nicht wieder, was die meisten eigentlich von ihm
erwartet hatten. Vielmehr nahm er eine entfernte Verwandte seiner Frau,
Witwe Hölzl, ins Haus, halb als Wirtschafterin, halb als Anstandsdame.
Reimers hatte als Geschäftsmann im allgemeinen glücklich operiert.
Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahrzehnte war von ihm
geschickt ausgenutzt worden. Der Geschäftskreis seines Hauses hatte
sich so stark ausgedehnt, daß er allein die Arbeit nicht mehr zu
bewältigen vermochte. Auch hatten es ihm ein paar empfindliche Verluste
nahegelegt, die er, allzu Kühnes wagend, erlitten, sich nach jemandem
umzusehen, mit dem er Risiko und Verantwortung teilen möchte. Nach
einigem Suchen fand er in einem Bamberger Kaufmann die geeignete
Persönlichkeit. Knorrig brachte nicht allzuviel Geld mit in das
Unternehmen, aber was wichtiger war, praktische Erfahrung, Nüchternheit
und tadellose Zuverlässigkeit.
Mit genialem Blicke hatte Reimers erkannt, daß dieser Mann ihn ergänzen
werde, wie kein zweiter. Was dem einen abging, das besaß der andere.
Sie teilten sich den Geschäftskreis nach ihrer entgegengesetzten
Veranlagung und ihrem verschiedenen Geschmack in zwei von einander
unabhängige Gebiete. Knorrig übernahm Rechnungswesen, Buchführung,
Comptoir, Reimers behielt die Vertretung der Firma, die Reisen, das
Auswärtige, die Finanzoperationen. Reimers und Knorrig arbeiteten wie
zwei Räder eines Apparates, die für einander zugeschnitten sind. Wenn
es hie und da doch Reibungen gab im Organismus, so kamen diese von
außen, hingen mit dem Markt, der Konjunktur, der Weltpolitik zusammen,
mit deren Auf-und-ab jeder Kaufmann schließlich zu rechnen hat.
Es fügte sich ausgezeichnet, daß Reimers' Ältester, Kurt, und Bruno
Knorrig im gleichen Alter standen. Gleichzeitig wurde ihnen die Prokura
erteilt. Man schickte Kurt Reimers nach Venezuela zur Wahrnehmung
der dortigen Interessen des Hauses, während Bruno Knorrig daheim im
Comptoir Verwendung fand. Es war also Aussicht vorhanden, daß »Reimers
und Knorrig« auch in der nächsten Generation in Compagnie bleiben
würden.
Den Nachtischkaffee nahm man im Zimmer des Hausherrn ein. Dort warteten
auf der Schreibtischplatte eine größere Anzahl Briefe der Öffnung.
Reimers nahm einen heraus, der die Handschrift seines Ältesten zeigte.
Kurt war anerkanntermaßen sein Lieblingssohn, vielleicht weil er ihm in
vielen Stücken ähnelte.
Während er den Mokka schlürfte und die ersten Züge aus der eben
angezündeten Importe that, liebäugelte Reimers senior beständig mit
dem Briefe, der vor ihm lag. Jutta mußte ihm das Papiermesser vom
Schreibtisch holen und durfte den Umschlag aufschneiden, was sie, da
der Brief von Kurt kam, als eine Auszeichnung empfand.
Aber während des Lesens verfinsterte sich Reimers' Angesicht. Er that
hastig ein paar Züge aus der Cigarre, stand auf und machte sich Luft
in der Westengegend.
»Was giebt 's denn aus Venezuela?« fragte Knorrig, der seinen Compagnon
beobachtet hatte.
Reimers antwortete nicht.
»Ist etwa wiedermal Revolution ausgebrochen da drüben?«
»Ach was! Darum handelt sich 's bei Gott nicht!«
»Sondern --?«
»Der Junge ist krank geworden.«
»Gefährlich?«
Reimers warf einen unsicheren Blick auf die jungen Leute. Dann sagte
er: »Kinder, ihr könnt gehen, wir haben geschäftlich zu sprechen. Und
auch Sie, Bruno!« Damit wandte er sich an den jungen Knorrig. »Gehen
Sie nur einstweilen mit hinter!«
»Vater, ist Kurt sehr krank?« fragte Jutta mit großen Augen.
»Nein, mein gutes Kind! Da würde er mir doch nicht einen so langen
Brief schreiben können. Das Klima scheint ihm nicht zu bekommen. Ich
muß dies erst zu Ende lesen. Geht nur jetzt!«
Jutta entfernte sich gehorsam, nachdem sie sich vorher noch vom Vater
den Gutenachtkuß geholt. Die beiden Jünglinge folgten ihr.
»Nun, was ist es?« fragte Knorrig, als er sich mit seinem Compagnon
allein sah.
Reimers gab ihm den Brief, und ging, schwer atmend, im Zimmer auf und
ab.
Knorrig las und pfiff mit einemmale leise vor sich hin.
»Ich habe den Jungen so gewarnt!« sagte der Vater. »Denn ich kenne
diese Mischlingsweiber. In den Häfen dort drängt sich alles zusammen:
Neger, Indianer, Quadronen, Mestizen. Das spanische Blut und das Klima
dazu! Wie die Giftblumen sind sie, schön und gefährlich. Ich habe Kurt
Weisheit gepredigt, mündlich und schriftlich. Nun hat er sich doch
nicht genügend in Acht genommen!«
»Pech!« sagte Knorrig blos und gab Reimers den Brief zurück. Er sah
sich seinen Compagnon einen Augenblick spöttisch von der Seite an, als
wolle er sagen: ›Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme!‹ --
Dann nahm er wieder seine gewohnte, gleichgiltig trockene Miene an, und
sagte: »Da werden wir wohl einen anderen Mann zur Ablösung vorschicken
müssen.« --
* * * * *
Sobald die jungen Leute die Thür hinter sich geschlossen hatten,
welche sie von den beiden Vätern trennte, ging eine wilde Jagd los den
langen Korridor hinab. Juttas Zimmer lag am anderen Ende. Das Mädchen
wußte, daß sie Rettung vor den Jungens nur finden könne, wenn sie
sich dort einschloß. Gelang ihr das nicht, dann gab es womöglich eine
Katzbalgerei wie neulich abend, die ihrem Kleide und ihrer Frisur sehr
schlecht bekommen war. Wenn sich Eberhard als Bruder Vertraulichkeiten
herausnahm, so mochte das hingehen, aber von Bruno Knorrig waren ihr
solche ganz widerwärtig.
Die jungen Männer stürzten nach, sowie sie Jutta entfliehen sahen, aber
das Mädchen war schneller als sie, die Thür fiel ihnen vor der Nase
zu und der Riegel wurde von innen vorgeschoben. Mit einem ärgerlichen
Fußtritte gegen die Thür, entfernte sich Eberhard, den Arm des Freundes
nehmend. »Komm, laß das dumme Geschöpf! Ich bestelle Bier auf meine
Stube.«
Bald darauf saßen die beiden im Laboratorium, die weit vorgestreckten
Füße auf Stühlen, und rauchten Cigarren. Der Tisch, auf welchem die
physikalischen Instrumente standen, hatte eine Ecke hergeben müssen für
die Maßkrüge.
Der junge Kaufmann und der Primaner waren ein vertrautes Freundespaar.
Obgleich Bruno Knorrig um vier Jahre älter war als Eberhard Reimers,
hielt er es nicht unter seiner Würde, mit dem früh geweckten Jüngling
umzugehen, für den er eine gewisse Bewunderung hegte. Es zog diesen von
Natur trockenen und nüchternen Menschen zu der Familie Reimers hin. Er
bewunderte und liebte sie alle: den Vater, wie die Kinder. Er fühlte,
daß dieser Rasse das gegeben war, was ihm völlig abging: die Anmut.
Eberhards Selbstbewußtsein wurde durch den Umgang mit einem Erwachsenen
ungewöhnlich gesteigert. Er blickte auf seine Klassenkameraden
verächtlich herab, als auf dumme Jungen, die zu grün waren für ihn.
Und weil er mit Bruno über vieles sprach, was gewöhnlich nicht in den
Gesichtskreis eines Schülers kommt, gewöhnte er sich ein altkluges
Kritisieren und Aburteilen an. Andrerseits wurde er durch den durchaus
soliden Bruno von mancher Thorheit abgehalten, der junge Leute leicht
verfallen; vor allem wenn sie, wie er, jederzeit Geld in der Tasche und
einen nachsichtigen Vater haben. Trotz seines etwas großsprecherischen
Wesens war Eberhard Reimers im Grunde doch ein großes Kind geblieben.
Seine Unschuld war unverletzt.
Zwischen den beiden wurden heut abend wiedermal die schwierigsten
Fragen und Probleme, an denen sich die besten Köpfe umsonst abmühen,
spielend gelöst, mit jener glücklich naiven Selbstsicherheit der
Jugend, welche niemals zaudert, über alle Verhältnisse und Menschen
+in absentia+ zu Gericht zu sitzen. Beide waren sie ihrer Ansicht nach
politisch »radikal«, Anhänger der »Evolutionstheorie«, philosophisch
dem »Monismus« zugeneigt und religiös »vorurteilsfrei.«
Die Knorrigs waren Protestanten, die Familie Reimers dagegen war
konfessionell gemischt. Reimers, von Haus aus evangelisch, hatte seiner
aus streng römischer Familie stammenden Frau zu Liebe eingewilligt, daß
die Töchter katholisch getauft und auferzogen werden dürften; die Söhne
sollten, wie er, evangelisch bleiben. So wurde Jutta denn im Glauben
ihrer Mutter unterrichtet, während Kurt und Eberhard evangelischen
Unterricht genossen.
Eberhard aber hatte sich angewöhnt, den Unterschied der Konfessionen,
wie alles, was mit Religion zusammenhing, als »Salat« zu bezeichnen.
Während die Freunde darüber waren, einen Maßkrug nach dem anderen zu
leeren und dabei mindestens ebensoviele Welträtsel zu lösen, saß Jutta
in ihrem Zimmer mit einer Stickerei beschäftigt. Sie nähte mit bunten
Fäden ein phantastisches Tier- und Pflanzenornament auf dunkles Tuch.
Das Muster war ihre eigene freie Erfindung. Es sollte eine Decke daraus
werden für Herrn von Weischach. Schon lange arbeitete sie daran. Das
Geschenk sollte strengstes Geheimnis bleiben. Anfangs hatte ihr die
Technik des Stickens, in der niemand sie unterrichtet hatte, einige
Schwierigkeiten gemacht, aber nun näherte sich das große Werk, in dem
sie das Taschengeld von Monaten niedergelegt hatte, seinem Ende. Es war
ein ungewöhnliches Stück, farbenreich, fast bizarr in der Komposition,
voll kühner Erfindungsgabe.
Sie lächelte während der Arbeit wiederholt in sich hinein; ein Lächeln,
das sie andere niemals würde haben blicken lassen. Ein ahnungsvolles
Frauenlächeln, wie es Mütter haben, die von dem Kinde träumen, das
unter ihrem Herzen heranwächst. Solche Anwandlungen melden sich
manchmal verfrüht; wie ja auch in der Natur der Sommer seine Vorboten
weit in den Winter hinein vorausschickt.
Dabei war Jutta noch ganz Kind geblieben. Kindische Vorstellungen
beherrschten ihr argloses Gemüt. Von dem Ernste des Lebens, von der
Wahrheit, daß wir für uns und unser Thun verantwortlich sind, daß jeder
Tag, jede Stunde einen Posten darstellt in der endlichen Gesamtsumme,
war ihr noch nicht die entfernteste Ahnung aufgegangen. Wie die Pflanze
lebte sie, die ihre Wurzeln dahin streckt, wo leichtes und fruchtbares
Erdreich ist, und ihre Blätter dem schmeichelnden Lichte zuneigt.
Es giebt solche Kinder, die mit einem Teile ihres Wesens sich selbst
gewissermaßen vorauseilen. Junge Menschen haben noch nicht die Harmonie
ihrer Teile errungen. Es bleibt etwas Unausgeglichenes, bis der ganze
Mensch die ihm mögliche Form erreicht hat.
So war's mit Jutta Reimers. In vielen Fächern war sie den
Mitschülerinnen überlegen, in einigen zählte sie zu den Unbegabten. So
war sie auf einmal die Beste im Französischen, seit man angefangen,
ein Buch zu lesen, das sie fesselte; vorher hatte sie beliebt, die
Lektionen überhaupt nicht zu lernen. Der Lehrer des Deutschen staunte
über den originellen Stil ihrer Aufsätze, während die mangelhafte
Orthographie und Interpunktion ihn verdrossen. Der Religionsunterricht
war erst neuerdings etwas für sie geworden, seit ein Kaplan ihn
erteilte, der die Kinder nicht wie sein Vorgänger mit Auswendiglernen
von Legenden und Herplappern von Gebeten peinigte, sondern die jungen
Seelen einzuführen trachtete in das Wesen der Religion und den Geist
der Lehre. Die Mathematik dagegen blieb ihrem Verständnis verschlossen,
weil es da nichts gab, was sie mit der Phantasie hätte ergreifen
können.
Das Urteil der Lehrerschaft über Jutta Reimers fiel daher sehr
widersprechend aus. Manche hielten sie für ein Kind, das überhaupt
nicht zu erziehen sei, andere setzten große Hoffnungen auf sie.
Mit ähnlich gemischten Gefühlen blickten die Mitschülerinnen auf Jutta.
Manchem Mädchen war sie ein Gegenstand des Neides. Ihre Erscheinung
spielte dabei eine Rolle; man hielt sie für kokett, weil sie hübsch
war und stets nett gekleidet ging. Sie brachte etwas von zu Haus
mit, etwas Gewähltes, Besonderes, das sie unter ein paar Dutzend
ihresgleichen unbedingt zur interessantesten machte. Einige bewunderten
und liebten Jutta Reimers auch; aber die erlebten Kummer. Dieses
Mädchen nahm Geständnisse und Liebeserklärungen der Freundinnen an wie
etwas Selbstverständliches, aber sie selbst eröffnete sich niemals.
Sie war so garnicht sentimental, schwelgte nicht wie so manche ihrer
Altersgenossinnen in Gefühlen. Niemand konnte sich entsinnen, Jutta
Reimers weinen gesehen zu haben. Bei noch so rührenden Szenen im Leben
oder in der Dichtung, bei Todesfällen, beim Abgang von Schülerinnen, ja
selbst beim Abschied eines allgemein beliebten Lehrers waren von allen
Augen ihre allein trocken geblieben.
Es galt daher für ausgemacht, daß sie »kein Gemüt« habe; sie war
»hochmütig, hartherzig und egoistisch.« -- Allerdings konnte man sich
gelegentlich auch wieder dem Zauber ihres Wesens nicht entziehen. Jutta
Reimers hatte anerkanntermaßen die besten Einfälle, konnte Geschichten
sich ausdenken, daß alle gespannten Ohres lauschten, verstand das
Zeichnen und Malen wie ein richtiger Kunstmaler. Es gab kaum eine
Begabung, die ihr nicht eigen gewesen wäre.
Über keine Schülerin wurde von den anderen soviel gesprochen wie über
Jutta Reimers, und keine machte sich so wenig aus dem Klatsch der
Klasse wie sie. Man hegte allerhand Vermutungen; es hieß, Jutta habe
ein »Erlebnis« gehabt. Auf dies und jenes wurde geraten, aber Genaues
wußte niemand. Sie hatte keine einzige wirklich intime Busenfreundin,
aus der man etwas hätte herauslocken können; das war das Schlimme, denn
von selbst verriet dieses Mädchen nichts.
Heut abend waren Juttas Gedanken wiedermal, wo sie in der letzten Zeit
meistens sich aufzuhalten pflegten, bei ihrem Freunde Weischach.
Jutta führte, seit sie mit diesem Manne bekannt geworden war, eine
Art Doppelleben. Der eine nüchterne Teil spielte sich ab in der
Schule und im Hause; da war sie ein kleines unbedeutendes Mädchen,
mußte ihre Schulaufgaben machen wie jede andere, wurde ermahnt und
getadelt von den Lehrern, und von ihrem Bruder angestellt zu allerhand
langweiligen Diensten. Ein ganz anderes Dasein, schöner, wichtiger,
bedeutungsvoller, spielte sich ab in dem Atelier des Kunstmalers. Dort
war sie Königin. Dort wurde sie bewundert, angebetet, kurz, behandelt
wie es ihr zukam.
Sie wußte, daß sie für Weischach Großes bedeute, daß er thun würde, was
immer sie von ihm verlangen mochte, daß sie Macht über ihn besitze.
Macht über einen Menschen, einen Mann! -- Wie stolz, das zu denken!
Oftmals weidete sie sich im Geheimen an dem Gedanken. Ihre Phantasie
schmückte sich die Freundschaft mit ihm wunderlich aus. Manches seiner
Worte träumte sie weiter. Er hatte sie seinen »Genius« genannt, seinen
»Engel«, seine »Fee«. In solcher Verkleidung sah sie sich selbst nur zu
gern.
Als »Inspiration« hatte er sie im Bilde verewigt. Sie würde berühmt
werden durch ihn! Er war ein großer Künstler; denn auch ihn vergrößerte
sie, schuf ihn um in ihren Träumen zu einer Idealfigur.
Die Entdeckung, daß er ein Selbstporträt malen wolle, war für sie von
höchstem Interesse. Mit langem Bart, im wallenden Mantel, eine Harfe in
der Hand! Und sie sollte auch auf das Bild kommen. --
Sie sah das Kleid vor sich, das er ihr bestellen wollte, es war
licht und mit Sternen über und über besät. Im Haar würde sie einen
Schleier tragen, von einem Diadem festgehalten. So wie sie es an der
schönen Schauspielerin gesehen, die im Weihnachtsmärchen die gute Fee
dargestellt hatte. Vielleicht war es auch dem Kostüm ähnlich, welches
Cousine Vally getragen zur letzten Redoute.
Und während ihre Nadel flink Faden um Faden einstach zu dem bunten
Muster, welches sie selbst erdacht hatte, malte sie im Geiste ein noch
viel herrlicheres Gemälde: sich selbst, bewundert und angestaunt von
aller Welt, als das schönste, das außerordentlichste Wesen, das es gab.