II.

Inzwischen kleidete sich Jutta um. Sie legte das Kleid an, das ihr der

Vater neulich aus Wien mitgebracht hatte. Er liebte es, die Tochter

hübsch angezogen zu sehen.

Jutta sah dem Wiedersehen mit dem Vater voll freudiger Spannung

entgegen. Er brachte stets Geschenke mit für die Seinen und erzählte

allerhand interessante und schnurrige Erlebnisse. Es kam dem Mädchen

vor, als sei alles lebendiger und prächtiger im Hause, sobald er da

war. Besonders bei Tisch ging es dann hoch her. Das Essen war besser,

es gab Wein von den verschiedensten Sorten. Und wenn sich Jutta auch

weiter nichts daraus machte, so liebte sie doch den größeren Zuschnitt

des Lebens, die Freude, die Opulenz, die ihr Vater um sich verbreitete.

Als das Gong laut durch das Haus ertönte, war Jutta eben fertig

geworden. Sie eilte in das Zimmer ihres Vaters. Dort stand er am

Kaminfeuer und ließ sich den Rücken wärmen. Sie flog auf ihn zu, warf

sich ihm in die Arme. Der Vater hob sie empor und küßte sie lachend auf

Mund und Haar.

Es waren Gäste da: Bruno Knorrig, den Herr Reimers bei seinem Sohne

angetroffen, und Vater Knorrig, Reimers' Geschäftskompagnon.

Reimers war Fünfziger von regelmäßigen Gesichtszügen, mit lebhaften

Augen, schön gebogener Adlernase und wohlgepflegtem blondem Bart. Sein

Kopf fing eben an zu ergrauen. Eine mäßige Korpulenz stand ihm nicht

schlecht, da sein kerniges Fleisch nichts von der Aufgedunsenheit

fetter Leute zeigte. Es wurde einem behaglich zu Mute beim Anblick

dieser gesunden, kräftigen, wohlproportionierten Männergestalt. Sein

schwarzer Anzug kleidete ihn gut, und seine Wäsche war von tadellosem

Glanz.

Als eine ganz andere Sorte Mann stellte sich sein Geschäftsteilhaber

dar. Knorrig war ein hagerer Geselle von eckigen Gliedmaßen, über denen

ein grauer Anzug leblos wie auf einem Kleidergestell hing. Das Auge war

klein und phantasielos, der Mund, mit schmalen Lippen und vortretendem

Gebiß, unschön. Er stammte aus Nordbayern und stach mit seiner

oberfränkischen Nüchternheit stark gegen das gemütliche, leichtlebige

Münchnertum ringsum ab. Seit Jahren schon verwitwet, besaß Knorrig

nur den einen Sohn, Bruno, der, von Natur auch nicht gerade mit Anmut

ausgestattet, neben diesem Vater immer noch als Schönheit hätte gelten

können.

Herr Reimers berichtete von dem Erfolge seiner Reise. Seine

Worte betrafen Geschäftliches und waren zumeist an den Compagnon

gerichtet: die Aussichten der Kaffeeernte in Südamerika, die Lage des

Marktes in den dortigen Plätzen, das voraussichtliche Steigen der

Kolonialwarenpreise, Börsenabschlüsse, Schiffsnachrichten, Gründungen,

Konjunktur, Handelspolitik. Alle diese Gebiete standen für ein

Handelshaus wie Reimers und Knorrig im Vordergrunde des Interesses.

Knorrig senior hörte aufmerksam zu, warf nur hie und da eine kurze

Frage ein, oder machte eine trockene Bemerkung.

Gelegentlich unterbrach Reimers auch mal die geschäftliche

Unterhaltung, flocht eine Anekdote ein oder eine lustige Schilderung,

welche für die jungen Leute berechnet war. Er liebte es nicht, die

Kinder mit gelangweilten Gesichtern dasitzen zu sehen; alles um ihn her

sollte guter Dinge sein. Gegen Schluß der Tafel wurde ein auserlesener

guter Tropfen alten Rheinweins aus dem Keller heraufgebracht, dem der

Wirt selbst mit sichtlichem Verständnis zusprach.

Reimers stammte vom Rheine. Lebensfreude und leichter Sinn, die

nirgends froher gedeihen als an den Ufern unseres schönsten Stromes,

waren auch ihm von Geburts wegen eigen. Den Dreißigen nahe, war er als

Vertreter eines Kölner Hauses nach München gekommen. Das Leben in der

Isarstadt sagte ihm zu. Er heiratete in eine alteingesessene Münchener

Kaufmannsfamilie hinein. Der Vater seiner Frau war Inhaber eines großen

Kolonialwarengeschäfts.

Sehr bald aber wurde Reimers die Seele des Hauses. Vom Detailhandel

im Inlande ging er kühn über zum Import. Er reiste selbst hinaus,

studierte an Ort und Stelle die Venezuelanischen Verhältnisse, erwarb

Plantagen im Hinterlande und ein Lagerhaus in Caracas. Nachdem er hier

alles organisiert hatte, kehrte er nach Haus zurück und erwarb sich

eine feine Kundschaft in Deutschland. Seine gute Erscheinung, sein

sicheres Auftreten und sein joviales Wesen kamen ihm dabei zu Statten.

Das Glück war ihm günstig. Bald hatte er aus der rein lokalen Firma

seines Schwiegervaters ein weithin angesehenes Haus gemacht.

Schließlich starb der Alte. Er hinterließ außer Frau Reimers nur noch

eine Tochter: Frau Habelmeyer. Deren Mann war ein Luftikus gewesen,

hatte Bankerott gemacht, wobei das im voraus gezahlte Erbteil seiner

Frau zu Grunde gegangen war. Daher gingen Geschäft und Vermögen unter

Ausschluß der älteren Tochter an Frau Reimers über, die in ihrem Manne

eine bessere Wahl getroffen hatte.

Frau Reimers war ihren Vorfahren ähnlich: äußerst gutmütig und

harmlos, lebenslustig, ein wenig zur Bequemlichkeit neigend und

ziemlich gedankenlos. Ein durchaus unkomplizierter, bequemer

Charakter. Das Bild, welches von ihr über ihres Mannes Schreibtische

hing, zeigte sie als eine anmutige Brünette von lebhaften Farben mit

einem freundlich-lächelnden Puppenkopfe. Sie hatte ihren Gatten sehr

bewundert und wirklich geliebt. Urteilslos wie sie war, sah sie nur

Vorzüge an ihm. Ihre Ehe war glücklich gewesen, denn es lag nicht

in Reimers' Natur, sich Frauen gegenüber anders als freundlich und

liebenswürdig zu zeigen.

Sie starb zur rechten Zeit für ihr Glück, als die Kinder in das Alter

kamen, wo die Gefahr nahe lag, daß sie der Mutter über den Kopf wachsen

würden. Auch nahm sie die Illusion ungetrübt ins Grab: ihr Mann sei ein

Mustergatte, der ihr jederzeit die Treue gewahrt habe.

Der Witwer heiratete nicht wieder, was die meisten eigentlich von ihm

erwartet hatten. Vielmehr nahm er eine entfernte Verwandte seiner Frau,

Witwe Hölzl, ins Haus, halb als Wirtschafterin, halb als Anstandsdame.

Reimers hatte als Geschäftsmann im allgemeinen glücklich operiert.

Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahrzehnte war von ihm

geschickt ausgenutzt worden. Der Geschäftskreis seines Hauses hatte

sich so stark ausgedehnt, daß er allein die Arbeit nicht mehr zu

bewältigen vermochte. Auch hatten es ihm ein paar empfindliche Verluste

nahegelegt, die er, allzu Kühnes wagend, erlitten, sich nach jemandem

umzusehen, mit dem er Risiko und Verantwortung teilen möchte. Nach

einigem Suchen fand er in einem Bamberger Kaufmann die geeignete

Persönlichkeit. Knorrig brachte nicht allzuviel Geld mit in das

Unternehmen, aber was wichtiger war, praktische Erfahrung, Nüchternheit

und tadellose Zuverlässigkeit.

Mit genialem Blicke hatte Reimers erkannt, daß dieser Mann ihn ergänzen

werde, wie kein zweiter. Was dem einen abging, das besaß der andere.

Sie teilten sich den Geschäftskreis nach ihrer entgegengesetzten

Veranlagung und ihrem verschiedenen Geschmack in zwei von einander

unabhängige Gebiete. Knorrig übernahm Rechnungswesen, Buchführung,

Comptoir, Reimers behielt die Vertretung der Firma, die Reisen, das

Auswärtige, die Finanzoperationen. Reimers und Knorrig arbeiteten wie

zwei Räder eines Apparates, die für einander zugeschnitten sind. Wenn

es hie und da doch Reibungen gab im Organismus, so kamen diese von

außen, hingen mit dem Markt, der Konjunktur, der Weltpolitik zusammen,

mit deren Auf-und-ab jeder Kaufmann schließlich zu rechnen hat.

Es fügte sich ausgezeichnet, daß Reimers' Ältester, Kurt, und Bruno

Knorrig im gleichen Alter standen. Gleichzeitig wurde ihnen die Prokura

erteilt. Man schickte Kurt Reimers nach Venezuela zur Wahrnehmung

der dortigen Interessen des Hauses, während Bruno Knorrig daheim im

Comptoir Verwendung fand. Es war also Aussicht vorhanden, daß »Reimers

und Knorrig« auch in der nächsten Generation in Compagnie bleiben

würden.

Den Nachtischkaffee nahm man im Zimmer des Hausherrn ein. Dort warteten

auf der Schreibtischplatte eine größere Anzahl Briefe der Öffnung.

Reimers nahm einen heraus, der die Handschrift seines Ältesten zeigte.

Kurt war anerkanntermaßen sein Lieblingssohn, vielleicht weil er ihm in

vielen Stücken ähnelte.

Während er den Mokka schlürfte und die ersten Züge aus der eben

angezündeten Importe that, liebäugelte Reimers senior beständig mit

dem Briefe, der vor ihm lag. Jutta mußte ihm das Papiermesser vom

Schreibtisch holen und durfte den Umschlag aufschneiden, was sie, da

der Brief von Kurt kam, als eine Auszeichnung empfand.

Aber während des Lesens verfinsterte sich Reimers' Angesicht. Er that

hastig ein paar Züge aus der Cigarre, stand auf und machte sich Luft

in der Westengegend.

»Was giebt 's denn aus Venezuela?« fragte Knorrig, der seinen Compagnon

beobachtet hatte.

Reimers antwortete nicht.

»Ist etwa wiedermal Revolution ausgebrochen da drüben?«

»Ach was! Darum handelt sich 's bei Gott nicht!«

»Sondern --?«

»Der Junge ist krank geworden.«

»Gefährlich?«

Reimers warf einen unsicheren Blick auf die jungen Leute. Dann sagte

er: »Kinder, ihr könnt gehen, wir haben geschäftlich zu sprechen. Und

auch Sie, Bruno!« Damit wandte er sich an den jungen Knorrig. »Gehen

Sie nur einstweilen mit hinter!«

»Vater, ist Kurt sehr krank?« fragte Jutta mit großen Augen.

»Nein, mein gutes Kind! Da würde er mir doch nicht einen so langen

Brief schreiben können. Das Klima scheint ihm nicht zu bekommen. Ich

muß dies erst zu Ende lesen. Geht nur jetzt!«

Jutta entfernte sich gehorsam, nachdem sie sich vorher noch vom Vater

den Gutenachtkuß geholt. Die beiden Jünglinge folgten ihr.

»Nun, was ist es?« fragte Knorrig, als er sich mit seinem Compagnon

allein sah.

Reimers gab ihm den Brief, und ging, schwer atmend, im Zimmer auf und

ab.

Knorrig las und pfiff mit einemmale leise vor sich hin.

»Ich habe den Jungen so gewarnt!« sagte der Vater. »Denn ich kenne

diese Mischlingsweiber. In den Häfen dort drängt sich alles zusammen:

Neger, Indianer, Quadronen, Mestizen. Das spanische Blut und das Klima

dazu! Wie die Giftblumen sind sie, schön und gefährlich. Ich habe Kurt

Weisheit gepredigt, mündlich und schriftlich. Nun hat er sich doch

nicht genügend in Acht genommen!«

»Pech!« sagte Knorrig blos und gab Reimers den Brief zurück. Er sah

sich seinen Compagnon einen Augenblick spöttisch von der Seite an, als

wolle er sagen: ›Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme!‹ --

Dann nahm er wieder seine gewohnte, gleichgiltig trockene Miene an, und

sagte: »Da werden wir wohl einen anderen Mann zur Ablösung vorschicken

müssen.« --

* * * * *

Sobald die jungen Leute die Thür hinter sich geschlossen hatten,

welche sie von den beiden Vätern trennte, ging eine wilde Jagd los den

langen Korridor hinab. Juttas Zimmer lag am anderen Ende. Das Mädchen

wußte, daß sie Rettung vor den Jungens nur finden könne, wenn sie

sich dort einschloß. Gelang ihr das nicht, dann gab es womöglich eine

Katzbalgerei wie neulich abend, die ihrem Kleide und ihrer Frisur sehr

schlecht bekommen war. Wenn sich Eberhard als Bruder Vertraulichkeiten

herausnahm, so mochte das hingehen, aber von Bruno Knorrig waren ihr

solche ganz widerwärtig.

Die jungen Männer stürzten nach, sowie sie Jutta entfliehen sahen, aber

das Mädchen war schneller als sie, die Thür fiel ihnen vor der Nase

zu und der Riegel wurde von innen vorgeschoben. Mit einem ärgerlichen

Fußtritte gegen die Thür, entfernte sich Eberhard, den Arm des Freundes

nehmend. »Komm, laß das dumme Geschöpf! Ich bestelle Bier auf meine

Stube.«

Bald darauf saßen die beiden im Laboratorium, die weit vorgestreckten

Füße auf Stühlen, und rauchten Cigarren. Der Tisch, auf welchem die

physikalischen Instrumente standen, hatte eine Ecke hergeben müssen für

die Maßkrüge.

Der junge Kaufmann und der Primaner waren ein vertrautes Freundespaar.

Obgleich Bruno Knorrig um vier Jahre älter war als Eberhard Reimers,

hielt er es nicht unter seiner Würde, mit dem früh geweckten Jüngling

umzugehen, für den er eine gewisse Bewunderung hegte. Es zog diesen von

Natur trockenen und nüchternen Menschen zu der Familie Reimers hin. Er

bewunderte und liebte sie alle: den Vater, wie die Kinder. Er fühlte,

daß dieser Rasse das gegeben war, was ihm völlig abging: die Anmut.

Eberhards Selbstbewußtsein wurde durch den Umgang mit einem Erwachsenen

ungewöhnlich gesteigert. Er blickte auf seine Klassenkameraden

verächtlich herab, als auf dumme Jungen, die zu grün waren für ihn.

Und weil er mit Bruno über vieles sprach, was gewöhnlich nicht in den

Gesichtskreis eines Schülers kommt, gewöhnte er sich ein altkluges

Kritisieren und Aburteilen an. Andrerseits wurde er durch den durchaus

soliden Bruno von mancher Thorheit abgehalten, der junge Leute leicht

verfallen; vor allem wenn sie, wie er, jederzeit Geld in der Tasche und

einen nachsichtigen Vater haben. Trotz seines etwas großsprecherischen

Wesens war Eberhard Reimers im Grunde doch ein großes Kind geblieben.

Seine Unschuld war unverletzt.

Zwischen den beiden wurden heut abend wiedermal die schwierigsten

Fragen und Probleme, an denen sich die besten Köpfe umsonst abmühen,

spielend gelöst, mit jener glücklich naiven Selbstsicherheit der

Jugend, welche niemals zaudert, über alle Verhältnisse und Menschen

+in absentia+ zu Gericht zu sitzen. Beide waren sie ihrer Ansicht nach

politisch »radikal«, Anhänger der »Evolutionstheorie«, philosophisch

dem »Monismus« zugeneigt und religiös »vorurteilsfrei.«

Die Knorrigs waren Protestanten, die Familie Reimers dagegen war

konfessionell gemischt. Reimers, von Haus aus evangelisch, hatte seiner

aus streng römischer Familie stammenden Frau zu Liebe eingewilligt, daß

die Töchter katholisch getauft und auferzogen werden dürften; die Söhne

sollten, wie er, evangelisch bleiben. So wurde Jutta denn im Glauben

ihrer Mutter unterrichtet, während Kurt und Eberhard evangelischen

Unterricht genossen.

Eberhard aber hatte sich angewöhnt, den Unterschied der Konfessionen,

wie alles, was mit Religion zusammenhing, als »Salat« zu bezeichnen.

Während die Freunde darüber waren, einen Maßkrug nach dem anderen zu

leeren und dabei mindestens ebensoviele Welträtsel zu lösen, saß Jutta

in ihrem Zimmer mit einer Stickerei beschäftigt. Sie nähte mit bunten

Fäden ein phantastisches Tier- und Pflanzenornament auf dunkles Tuch.

Das Muster war ihre eigene freie Erfindung. Es sollte eine Decke daraus

werden für Herrn von Weischach. Schon lange arbeitete sie daran. Das

Geschenk sollte strengstes Geheimnis bleiben. Anfangs hatte ihr die

Technik des Stickens, in der niemand sie unterrichtet hatte, einige

Schwierigkeiten gemacht, aber nun näherte sich das große Werk, in dem

sie das Taschengeld von Monaten niedergelegt hatte, seinem Ende. Es war

ein ungewöhnliches Stück, farbenreich, fast bizarr in der Komposition,

voll kühner Erfindungsgabe.

Sie lächelte während der Arbeit wiederholt in sich hinein; ein Lächeln,

das sie andere niemals würde haben blicken lassen. Ein ahnungsvolles

Frauenlächeln, wie es Mütter haben, die von dem Kinde träumen, das

unter ihrem Herzen heranwächst. Solche Anwandlungen melden sich

manchmal verfrüht; wie ja auch in der Natur der Sommer seine Vorboten

weit in den Winter hinein vorausschickt.

Dabei war Jutta noch ganz Kind geblieben. Kindische Vorstellungen

beherrschten ihr argloses Gemüt. Von dem Ernste des Lebens, von der

Wahrheit, daß wir für uns und unser Thun verantwortlich sind, daß jeder

Tag, jede Stunde einen Posten darstellt in der endlichen Gesamtsumme,

war ihr noch nicht die entfernteste Ahnung aufgegangen. Wie die Pflanze

lebte sie, die ihre Wurzeln dahin streckt, wo leichtes und fruchtbares

Erdreich ist, und ihre Blätter dem schmeichelnden Lichte zuneigt.

Es giebt solche Kinder, die mit einem Teile ihres Wesens sich selbst

gewissermaßen vorauseilen. Junge Menschen haben noch nicht die Harmonie

ihrer Teile errungen. Es bleibt etwas Unausgeglichenes, bis der ganze

Mensch die ihm mögliche Form erreicht hat.

So war's mit Jutta Reimers. In vielen Fächern war sie den

Mitschülerinnen überlegen, in einigen zählte sie zu den Unbegabten. So

war sie auf einmal die Beste im Französischen, seit man angefangen,

ein Buch zu lesen, das sie fesselte; vorher hatte sie beliebt, die

Lektionen überhaupt nicht zu lernen. Der Lehrer des Deutschen staunte

über den originellen Stil ihrer Aufsätze, während die mangelhafte

Orthographie und Interpunktion ihn verdrossen. Der Religionsunterricht

war erst neuerdings etwas für sie geworden, seit ein Kaplan ihn

erteilte, der die Kinder nicht wie sein Vorgänger mit Auswendiglernen

von Legenden und Herplappern von Gebeten peinigte, sondern die jungen

Seelen einzuführen trachtete in das Wesen der Religion und den Geist

der Lehre. Die Mathematik dagegen blieb ihrem Verständnis verschlossen,

weil es da nichts gab, was sie mit der Phantasie hätte ergreifen

können.

Das Urteil der Lehrerschaft über Jutta Reimers fiel daher sehr

widersprechend aus. Manche hielten sie für ein Kind, das überhaupt

nicht zu erziehen sei, andere setzten große Hoffnungen auf sie.

Mit ähnlich gemischten Gefühlen blickten die Mitschülerinnen auf Jutta.

Manchem Mädchen war sie ein Gegenstand des Neides. Ihre Erscheinung

spielte dabei eine Rolle; man hielt sie für kokett, weil sie hübsch

war und stets nett gekleidet ging. Sie brachte etwas von zu Haus

mit, etwas Gewähltes, Besonderes, das sie unter ein paar Dutzend

ihresgleichen unbedingt zur interessantesten machte. Einige bewunderten

und liebten Jutta Reimers auch; aber die erlebten Kummer. Dieses

Mädchen nahm Geständnisse und Liebeserklärungen der Freundinnen an wie

etwas Selbstverständliches, aber sie selbst eröffnete sich niemals.

Sie war so garnicht sentimental, schwelgte nicht wie so manche ihrer

Altersgenossinnen in Gefühlen. Niemand konnte sich entsinnen, Jutta

Reimers weinen gesehen zu haben. Bei noch so rührenden Szenen im Leben

oder in der Dichtung, bei Todesfällen, beim Abgang von Schülerinnen, ja

selbst beim Abschied eines allgemein beliebten Lehrers waren von allen

Augen ihre allein trocken geblieben.

Es galt daher für ausgemacht, daß sie »kein Gemüt« habe; sie war

»hochmütig, hartherzig und egoistisch.« -- Allerdings konnte man sich

gelegentlich auch wieder dem Zauber ihres Wesens nicht entziehen. Jutta

Reimers hatte anerkanntermaßen die besten Einfälle, konnte Geschichten

sich ausdenken, daß alle gespannten Ohres lauschten, verstand das

Zeichnen und Malen wie ein richtiger Kunstmaler. Es gab kaum eine

Begabung, die ihr nicht eigen gewesen wäre.

Über keine Schülerin wurde von den anderen soviel gesprochen wie über

Jutta Reimers, und keine machte sich so wenig aus dem Klatsch der

Klasse wie sie. Man hegte allerhand Vermutungen; es hieß, Jutta habe

ein »Erlebnis« gehabt. Auf dies und jenes wurde geraten, aber Genaues

wußte niemand. Sie hatte keine einzige wirklich intime Busenfreundin,

aus der man etwas hätte herauslocken können; das war das Schlimme, denn

von selbst verriet dieses Mädchen nichts.

Heut abend waren Juttas Gedanken wiedermal, wo sie in der letzten Zeit

meistens sich aufzuhalten pflegten, bei ihrem Freunde Weischach.

Jutta führte, seit sie mit diesem Manne bekannt geworden war, eine

Art Doppelleben. Der eine nüchterne Teil spielte sich ab in der

Schule und im Hause; da war sie ein kleines unbedeutendes Mädchen,

mußte ihre Schulaufgaben machen wie jede andere, wurde ermahnt und

getadelt von den Lehrern, und von ihrem Bruder angestellt zu allerhand

langweiligen Diensten. Ein ganz anderes Dasein, schöner, wichtiger,

bedeutungsvoller, spielte sich ab in dem Atelier des Kunstmalers. Dort

war sie Königin. Dort wurde sie bewundert, angebetet, kurz, behandelt

wie es ihr zukam.

Sie wußte, daß sie für Weischach Großes bedeute, daß er thun würde, was

immer sie von ihm verlangen mochte, daß sie Macht über ihn besitze.

Macht über einen Menschen, einen Mann! -- Wie stolz, das zu denken!

Oftmals weidete sie sich im Geheimen an dem Gedanken. Ihre Phantasie

schmückte sich die Freundschaft mit ihm wunderlich aus. Manches seiner

Worte träumte sie weiter. Er hatte sie seinen »Genius« genannt, seinen

»Engel«, seine »Fee«. In solcher Verkleidung sah sie sich selbst nur zu

gern.

Als »Inspiration« hatte er sie im Bilde verewigt. Sie würde berühmt

werden durch ihn! Er war ein großer Künstler; denn auch ihn vergrößerte

sie, schuf ihn um in ihren Träumen zu einer Idealfigur.

Die Entdeckung, daß er ein Selbstporträt malen wolle, war für sie von

höchstem Interesse. Mit langem Bart, im wallenden Mantel, eine Harfe in

der Hand! Und sie sollte auch auf das Bild kommen. --

Sie sah das Kleid vor sich, das er ihr bestellen wollte, es war

licht und mit Sternen über und über besät. Im Haar würde sie einen

Schleier tragen, von einem Diadem festgehalten. So wie sie es an der

schönen Schauspielerin gesehen, die im Weihnachtsmärchen die gute Fee

dargestellt hatte. Vielleicht war es auch dem Kostüm ähnlich, welches

Cousine Vally getragen zur letzten Redoute.

Und während ihre Nadel flink Faden um Faden einstach zu dem bunten

Muster, welches sie selbst erdacht hatte, malte sie im Geiste ein noch

viel herrlicheres Gemälde: sich selbst, bewundert und angestaunt von

aller Welt, als das schönste, das außerordentlichste Wesen, das es gab.

Liebe ist ewig · 第 6 / 44 题