Jutta mußte ihrem Bruder Eberhard wieder einmal bei seinen Experimenten
helfen. Das Zimmer glich einem Naturalienkabinett. Auf Schränken
standen ausgestopfte Vögel, auf Tischen und Kommoden erblickte man
Steine, Erze, Gläser mit Spirituspräparaten, an den Wänden hingen
Kästen, hinter deren Glasscheiben Schmetterlinge und Käfer aufgespießt
waren. Vom Bücherbrett grinste unheimlich der Totenschädel herab.
Der große viereckige Tisch in der Mitte des Zimmers war vollgestellt
mit physikalischen Instrumenten; sie waren kostbarer, als man sie
für gewöhnlich im Besitze eines siebzehnjährigen Gymnasiasten
findet. Es herrschte in dem Raume ein undefinierbarer Geruch, der
sich zusammensetzte aus der Ausdünstung ausgestopfter Tiere, kaltem
Cigarettenrauch und dem ätzenden Aroma von allerhand Säuren und
Essenzen. Eberhard hatte sein Zimmer das »Laboratorium« getauft, und
die Hausgenossen waren ihm darin gefolgt, es so zu nennen.
Seine Schwester, um drei Jahre jünger als er, stand dabei, während er
an der Induktionsmaschine herumhantierte. Er gab ihr barsche Befehle.
Jutta reichte ihm wortlos, was er brauchte. Ihr Auge verfolgte den
Fortgang des Experiments mit dem Blicke kühler Gewohnheit; offenbar war
ihre Seele nicht dabei.
Eberhard tyrannisierte das Mädchen, ohne Bosheit, aus jenem naiven
Selbstbewußtsein des jungen Mannes heraus, das ihm früh schon sagt:
du bist auf der Welt, um zu regieren. Zunächst wurde dieses Regiment
an der ausgeübt, die sich am wenigsten wehren konnte, an der kleinen
Schwester.
Vor einem Jahre noch hatte Eberhard einen über sich gehabt, der
ihn seine Faust schwer fühlen ließ: seinen älteren Bruder, Kurt.
Aber Kurt war vom Vater nach Südamerika geschickt worden, um die
Handelsinteressen, die das Haus Reimers dort hatte, an Ort und Stelle
wahrzunehmen.
Seit der ältere Bruder jenseits des großen Wassers war, atmete Eberhard
auf. Die fünf Jahre, die Kurt ihm im Alter voraus war, hatten den
empfindlichen Knaben schwer gedrückt. Jetzt erst wurde für ihn Raum zur
Entfaltung. Bisher war er der Kleine gewesen, der unter dem Schatten
eines Größeren heranwuchs; nun endlich war er »junger Herr« geworden,
brauchte nicht mehr davor zu zittern, von dem Älteren lächerlich
gemacht oder gar bemitleidet zu werden.
Herr Reimers, der Vater dieser Kinder, war viel außer dem Hause. Seine
Geschäfte führten ihn von einem Ende Europas zum anderen. Er war schon
seit einigen Jahren verwitwet.
Wenn er von seinen Reisen nach Haus zurückkehrte, wollte er
Behaglichkeit vorfinden und aufgeräumtes Wesen. Jutta und Eberhard
wußten das; denn sie waren, wie die meisten Kinder, gute Beobachter. So
hatten sie auch gemerkt, daß der Vater den unangenehmen Dingen aus dem
Wege ging, und daß man am besten fuhr, wenn man ihm Unerfreuliches nach
Möglichkeit verschwieg. Ohne sich verabredet zu haben, richteten die
Geschwister ihr Verhalten nach dieser Eigenheit des Vaters ein. Ja, das
war eigentlich das einzige, worin sie stillschweigend einig waren.
Wie vielfach in Familien, wo die Mutter fehlt, erschienen die Kinder,
was das Äußere anbetraf, ziemlich selbständig und früh gewitzigt. Sie
hatten sich mit Fremden einrichten müssen, waren gezwungen gewesen,
sich zu verteidigen, ihre Stellung zu behaupten. Sie waren gewohnt,
einerseits, sich selbst zu helfen; aber da der Hausstand, in dem sie
aufgewachsen, ein großer war, so hatten sie auch die Angewohnheit
angenommen, für sich arbeiten zu lassen, die Dienstboten zu befehligen
und in Trab zu halten.
Die angejahrte Witwe, welche der Vater angenommen hatte, um die
fehlende Hausfrau in der Wirtschaft zu ersetzen, war auch nicht die
Person danach, den Kindern Achtung einzuflößen. Frau Hölzl befand sich
in steter Sorge, den gut bezahlten Posten bei Herrn Reimers einzubüßen.
Ihr vornehmstes Bestreben war, den Hausherrn bei guter Laune zu
erhalten. Durch ihr System des Vertuschens aber war sie schnell in
Abhängigkeit geraten von den Kindern, die sich die zweifelhafte Lage
der Dame zu Nutze machten.
Da der Vater nur zeitweise zu Haus war und dann allerhand Abhaltung
geschäftlicher und geselliger Natur hatte, waren die Kinder viel auf
sich selbst angewiesen. Eberhard war Primaner und stand nicht weit von
der Abgangsprüfung. Jutta besuchte eine Töchterschule. Sie gingen jedes
seinen eigenen Weg, störten einander nicht in ihren Freundschaften,
besonderen Liebhabereien und all den Dingen, wo zwischen Knabe und
Mädchen von Natur eine Grenze gesetzt ist.
Da die Induktionsmaschine aus irgendeinem rätselhaften Grunde
heute nicht funktionieren wollte, wurde sie von Eberhard mit einer
Verwünschung bei Seite geschoben. Jutta wollte gehen, weil sie glaubte,
sie habe nun frei, als er ihr zurief: sie solle ihm helfen beim
Mikroskop. Schon hatte er den Kasten mit den Präparaten herbeigeholt
und begann, das Instrument einzustellen, als auf der Stiege Schritte
ertönten und ein Klopfen an der Thür vernommen wurde.
Ohne das »Herein« abzuwarten, trat ein junger Mann ein, von großer
Gestalt, mit rötlichem Haar und unreiner Gesichtsfarbe. Seine
Erscheinung wurde nicht gehoben durch den lückenhaften Bartwuchs, der
an eine schlecht aufgegangene Saat erinnerte.
Bruno Knorrig schien sich hier zu Haus zu fühlen. Er sprach laut
und lachte ohne ersichtlichen Grund schon auf der Schwelle. Seinen
Überzieher riß er herunter und warf ihn über die nächste Stuhllehne.
Dabei fiel aus der Tasche ein Buch zur Erde. Eberhard hob es auf, wohl
mehr aus Neugier als aus Höflichkeit.
»Ach, laß doch!« rief Bruno und wollte es ihm wegnehmen. »Ich
sah's ausliegen, und da's mit drei Mark fünfzig statt für sechs
angezeigt war, kaufte ich's. Ich dachte, daß es was für dich wäre.
Naturwissenschaftlich, du verstehst!« -- -- Dabei ein Blick auf das
Mädchen.
Jutta runzelte die Stirn, sie verstand die Andeutung.
»Hm du!« machte Eberhard, in dem Buche blätternd, »für kleine Mädchen
allerdings nichts!«
»Wir können's uns auch ein andermal ansehen, dächte ich,« fiel ihm
Bruno ins Wort, der um keinen Preis die niedliche Jutta vertreiben
wollte.
Aber bei Eberhard hatte die halbe Seite, die er gelesen, bereits
gezündet. Er bedeutete die Schwester, daß die Herren allein gelassen zu
sein wünschten. Mit einem Blicke des Bedauerns sah Bruno das Mädchen
leichtfüßig entschwinden.
Die jungen Männer ahnten nicht, wie gern Jutta von ihnen ging. Aus
Bruno Knorrig machte sie sich nichts, sie fand ihn langweilig und
lächerlich. Mit früh entwickeltem Blick für dergleichen kritisierte sie
seinen Aufzug, seinen Bart, seinen schlechten Teint.
Viel bessere Unterhaltung als in dem verräucherten Laboratorium wußte
sie an einer anderen Stätte ihrer warten, der ihre kleinen Füße sie
jetzt in ungeduldigem Laufe entgegentrugen.
* * * * *
Im Rückhause, durch einen schmalen Hof vom Vordergebäude getrennt, drei
Treppen hoch, hatte ein Kunstmaler sein Atelier aufgeschlagen. Herr von
Weischach hieß er. Mit ihm war Jutta Reimers befreundet; es verging
kaum ein Tag, wo sie ihn nicht auf eine Viertelstunde wenigstens
aufgesucht hätte.
Weischach war kein Jüngling mehr. Ehe er sich der Kunst zugewandt
hatte, war er Soldat gewesen. Mit dem Titel Oberstleutnant hatte er
den Abschied genommen. Die Malerei war von Jugend auf seine Passion
gewesen, hatte ihn weit mehr interessiert als der Königliche Dienst.
Aber Familienrücksichten und das Bewußtsein, daß sein Können nicht
ausreiche, um die Existenz darauf zu gründen, hatten ihn abgehalten,
den bunten Rock mit dem Malerkittel zu vertauschen. Dann machte er eine
kleine Erbschaft, die es ihm ermöglichte, den Traum seines Lebens zu
verwirklichen.
Eine längere Kunstreise führte ihn nach Italien und Griechenland.
Nachdem er sich genügend durch Antike und Renaissance inspiriert
glaubte, wählte er München zum Aufenthalt, in dem Glauben, daß, wenn
ihm zur Kunstübung noch etwas fehle, es ihm hier durch die Luft
gewissermaßen zufliegen müsse. Er hatte sich eine Wohnung mit Atelier
gemietet und bemalte eine Leinewand nach der anderen. Im Sommer ging
er nach Dachau, und im Winter verwandte er die Studien, die er von dort
mitbrachte, zu Bildern.
Die Bekanntschaft von Weischach und Jutta war in harmlosester Weise
im Hausflur angeknüpft worden. Dem Maler war das Gesicht des Mädchens
aufgefallen, und da er für ein Genrebild, welches er plante, einen
jugendlichen Kopf brauchte, der gerade diese Mischung von süßer
ahnungsvoller Kindlichkeit und schlummernder Weiblichkeit wiedergäbe,
so hatte er Jutta Reimers eines Tages einfach gefragt, ob sie ihm eine
Stunde sitzen wolle. Das Mädchen bedachte sich keinen Augenblick ihm zu
folgen.
Mit einer Stunde war es natürlich nicht gethan. Jutta fand Gefallen an
dem Gemalt-werden. Für sie hatten die Sitzungen, abgesehen von all dem
Interessanten, was das Atelier bot, überdies den Reiz des Unerlaubten.
Der Vater durfte nicht wissen, wo sie so manche ihrer schulfreien
Stunden zubringe. Denn wenn auch Herr Reimers durchaus nicht zu den
strengen Vätern gehörte, so lehrte dem jungen Dinge doch eine frühreife
Wahrnehmung, daß der Vater, der über manches ein Auge zudrückte, ihren
Verkehr im Atelier eines Kunstmalers nicht dulden werde. Da aber Herr
Reimers viel von Hause abwesend war, und da er, wenn anwesend, sich
auch nicht eingehend darum zu kümmern pflegte, was seine Kinder zu
jeder Tagesstunde trieben, so war es Jutta bisher leicht geworden,
ihr Geheimnis zu wahren. Eberhard freilich wußte darum; da es aber
auch für ihn mancherlei gab, was vor des Vaters Augen versteckt werden
mußte, so hatte er allen Grund, die Schwester nicht zu verraten.
Es war heute schon etwas spät geworden. Jutta wußte, daß Weischach auf
sie gewartet haben würde. Er war neuerdings wiedermal ganz erfüllt von
einem Bilde, zu dem er, wie er sagte, Jutta »die Inspiration« verdanke.
Sie kannte ihn nun schon ziemlich genau in seinen Eigentümlichkeiten.
Wenn er einen Einfall hatte, dann war er voll Ungeduld, lief im Atelier
auf und ab, zündete sich eine Cigarette an der anderen an, dabei heftig
sprechend und gestikulierend. »Ich habe einen großartigen Gedanken!«
Das wiederholte sich in unzähligen Tonarten. Dann gab er Jutta die
zärtlichsten Namen. Sie war seine »Göttin« seine »gute Fee« sein
»Genius« seine »Fornarina«. Dann schenkte er ihr Blumen, und sie bekam
Prallinees zu essen, soviel sie wollte.
Und ein paar Wochen darauf war all die Herrlichkeit zu Ende. Dann hatte
er angefangen zu arbeiten, Sitzung auf Sitzung, hatte mühselig zunächst
mit Reißkohle die Umrisse auf die präparierte Leinewand gebracht, die
Grundfarbe aufgetragen, sorgfältig die Verhältnisse abgewogen, Lichter
aufgesetzt. Hier Licht, dort Schatten verstärkt, durch den Spiegel
die Richtigkeit der Zeichnung studiert, radiert, übermalt, das Ganze
umgeworfen und von neuem angefangen. Bis er schließlich verzweifelnd
die Leinewand wegstellte, mit der bemalten Seite gegen die Wand, um
nur nicht sein Machwerk vor Augen zu haben, das er jetzt eine »elende
Stümperei« nannte.
Wochenlang konnte Herr von Weischach nach einer solchen Niederlage
unthätig sitzen, Bücher lesend, die von Kunst handelten, und Cigaretten
rauchend. In solchen Zeiten brauchte er Jutta Reimers ganz besonders
notwendig; sie sei der »einzige Mensch«, mit dem man ein »vernünftiges
Wort« reden könne. Die Unterhaltung war jedoch einseitig. Er hielt
weitschweifige Vorträge über Pleinair und Impressionismus, raisonnierte
auf die Kollegen Kunstmaler und pries seine eigene Malweise als die
einzig richtige. Jutta, die nur zum allergeringsten Teile verstand, was
er sagte, da er in technischen Ausdrücken schwelgte, vertrieb sich die
Zeit, indem sie in Albums blätterte, in Zeitschriften las, Prallinees
aß, oder mit der großen dreifarbigen Angora-Katze spielte, die sich der
ehemalige Oberstleutnant als einzige Lebensgefährtin hielt.
Die kleine Jutta hatte heut abend kein gutes Gewissen ihrem Freunde
gegenüber. Sie wußte, daß er sie photographieren wolle und hatte ihm
zugesagt, am ersten klaren Tage aufs Atelier zu kommen. Heute nun
schien vom frühen Morgen an die Sonne, und da Allerheiligen war, wo die
Schule ausfiel, hätte sie auch Zeit gehabt dazu; aber gerade weil sie
wußte, daß drüben einer saß, der sehnlichst auf sie wartete, war sie
nicht gegangen. Es belustigte sie, sich vorzustellen, wie er herumlief
im Atelier, alle zehn Minuten nach der Uhr sah, ärgerlich und nervös.
Ob er ihr wohl Vorwürfe machen würde? Sie mußte sich schnell noch
eine Entschuldigung ausdenken: Kirchgang, Besuch einer Freundin,
Schularbeiten -- damit er nicht allzu böse würde.
Klopfenden Herzens stand das Mädchen vor der Thür, an der man auf einem
Messingschild den Namen »von Weischach« las. Sie klingelte nicht,
sondern klopfte in verabredeter Weise. Es war eine von Weischachs
Eigentümlichkeiten, daß er, wenn er »melancholisch« war, niemanden
annehmen wollte, weder Malerkollegen, noch Modelle, noch ehemalige
Kameraden. Dann wurde einfach nicht aufgemacht, mochten sie draußen
noch so lange klingeln. Nur mit der kleinen Jutta machte er eine
Ausnahme; die hatte jederzeit freien Eintritt.
Sie klopfte also in der vorgeschriebenen Weise. Ungesäumt wurde ihr
geöffnet. Weischach war's selbst.
»Ich habe so auf dich gewartet, Jutta. Geh' in's Atelier! Ich komme
sofort zu dir; will mich nur fertig anziehen.«
Er war -- was sie kaum beachtete -- ohne Krawatte, hatte den ersten
besten Rock über das Frackhemd geworfen.
»Gehst du aus?«
»Ja ja! -- Geh nur ins Atelier!«
Jutta that, wie ihr geheißen. Im Atelier herrschte bereits Halbdunkel.
Sie wußte, wo die Streichhölzer standen und machte Licht. »Mucki«, die
Angora-Katze, nahte sich schnurrend, um sich an Jutta zu reiben, falsch
freundlich, wie eine Favoritin, die eine andere begrüßt.
Aber Jutta hatte nicht Zeit, sich mit Mucki einzulassen; neugierig sah
sie sich um. Hatte er gearbeitet? --
Ein paar Tafeln drehte sie um, es waren Skizzen zu dem Bilde, welches
er »Inspiration« nannte, das niemals über den Entwurf herausgekommen
war. Dann stieß sie auf ein Selbstporträt. Ganz deutlich war er daraus
zu erkennen, seine kahle Stirn, die über den Ohren angegrauten Haare,
seine große Nase und der mächtige Bart. Aber das Kostüm war ein
anderes; es glich dem eines Eremiten. In der Hand, die vorläufig nur
mit Kohle angedeutet war, hielt er eine Harfe.
Erstaunt betrachtete Jutta das Bild. Ärgerlich war sie, ja geradezu
beleidigt. Davon hatte er ihr doch garnichts gesagt! Hinter ihrem
Rücken war das geschehen. Ihrer Auffassung nach hatte er kein Recht,
ohne ihre Genehmigung ein Werk anzufassen.
Mucki war auf einen Hocker gesprungen, dort saß sie mit gekrümmtem
Rücken und eingezogenem Kopfe. Würdevoll ernst blickte sie auf das
Bild, mit Überlegenheit in der Miene, als habe auch sie ihr Urteil in
diesen Dingen.
Gleich darauf trat Weischach ein, hoch und schlank, die Haltung
etwas gebückt. Er war im Gesellschaftsanzuge, das Ordensbändchen im
Knopfloche. So glich er freilich dem Selbstporträt, das ihn im härenen
Gewande zeigte, nur wenig.
»Kind, warum bist du heut mittag nicht gekommen?« fragte er, und ohne
die Antwort abzuwarten: »Ich hatte einen Mann hier mit Kleidern;
einen Trödler, der Gewänder besitzt aus dem vorigen Jahrhundert. Das
hier ist von ihm.« Er hob einen langen braunen Mantel auf, unter dem
eine Harfe lag. »Echte Sachen! Ich will uns beide malen. Dich und
mich, als Harfner und Mignon. Großer Gedanke! In dem Stoffe liegt
unaussprechliche Stimmung. Natürlich nenne ich das Bild nicht so.
Keine Unterschrift, kein Unterstreichen überhaupt ist nötig. Ich nehme
einfach mein Gesicht, nur schwach für den Zweck umgemodelt, und deine
Züge, Jutta, wie sie sind, und das herrlichste, ergreifendste aller
Bilder ist fertig. Schlicht, ohne jede Pose, wie ich mir's immer
geträumt habe, das wird ein großes, tiefes, ernstes Werk!«
Die Hände auf dem Rücken gekreuzt, mit langen Schritten storchte er
durch das Atelier, redete mit gesenktem, zwischen den eckigen Schultern
eingezogenem Haupte in seinen langen Bart hinein.
Jutta war an seine Eigentümlichkeiten gewöhnt, er hielt in ihrer
Gegenwart oftmals solche Monologe.
»Mir war es wie Offenbarung, als ich an diesen Stoff geriet. Es ist die
Lösung eines Problems für mich. Warum nach Stoffen suchen, sie an den
Haaren herbeiziehen wollen! Man kann schließlich doch nur sich selbst
geben; alle Großen haben das von jeher gethan. Keine Illustration zu
Goethe, um Gottes Willen! Ich gebe in diesem Bilde mein eigenstes
Erlebnis. Der Harfner bin ich, und du Mignon. Aber schließlich verlangt
die Kunst ein Medium; hier sollen mir die Gestalten der Dichtung dazu
dienen. Ich benutze sie gewissermaßen als Symbole, die jedermann
geläufig sind. Dadurch stelle ich von vornherein den Kontakt des
Interesses und des Verstehens her zwischen mir und dem Beschauer.
Niemand wird sich dem Eindruck entziehen können. ›Das ist der Harfner
und Mignon!‹ muß der Ausruf sein. ›So und nicht anders konnten sie
aussehen.‹ Jede kleinste Falte, jedes Härchen muß echt wirken. Bei
aller Feinheit der Stimmung will ich ein durchaus realistisches
Kunstwerk schaffen.«
Was kümmerte sich Jutta um »Stimmung« und »realistisches Kunstwerk«!
-- Viel interessanter war ihr das, was er vorhin von einem Kleide
angedeutet hatte. Sowie er sie zu Worte kommen ließ, fragte sie ihn
danach.
»Ja, wenn du hier gewesen wärest, Jutta, heut mittag, zur Kostümprobe!
Levy hatte drei Roben mit. Aber dalassen wollte er keine. Es sind
seltene Stücke. Feinstes Nesseltuch, wie es unsere Urgroßmütter
getragen haben. Es steckt Stimmung in solchem Fähnchen. -- Kannst du
mir nicht für morgen eine Stunde fest angeben, Jutta, wo du bestimmt
kommst? Es handelt sich ja nur darum, daß Levy dich mal sieht, damit
er ungefähr das Maß hat. Die Farbe wähle ich, so wie sie mir ins Bild
paßt. Dein Gesicht ist wie ausgesucht für Mignon, besonders Mund und
Augen. Eine Nuance älter, wissender, erfahrener muß ich dich halten;
mehr Weib gewissermaßen. Im übrigen wird kein Fältchen geändert.
Frisieren mußt du dich natürlich auch lassen, dem Stile der Zeit
entsprechend. Ich werde eine Person vom Theater bestellen, die das
versteht. Du hast ja schönes Haar.«
»Wenn ich es aufmache, geht es mir bis hierher,« sagte Jutta voll
Selbstbewußtsein.
Er blickte sie bewundernd an. Es konnte zweifelhaft erscheinen, ob
seine Zärtlichkeit allein dem Kinde gelte, das seine Kunst inspirierte.
Wie eine Erwachsene behandelte er sie, nicht wie einen Backfisch, der
jeden Morgen mit der Büchermappe zur Schule ging. Einer fertigen Dame
hätte er nicht achtungsvoller begegnen können.
Jutta saß ihm gegenüber, die Füße kreuzend, die bis zur Wade unter dem
halblangen Kleide hervorblickten. Ihre Figur, in der Büste noch kaum
angedeutet, hatte jene Herbheit der Form, die man bei schnellwüchsigen
Mädchen dieses Alters findet. Das Gesicht schien dem übrigen Körper
um mehrere Jahre voraus. Man konnte nicht gut wünschen, daß es
sich verändern möchte, so reizend war dieser Kopf mit seiner edlen
Schädelform, seiner feingeschnittenen Nase über dem sanften Munde, der
freien Stirn, den melancholischen vielsagenden Augen unter langen,
dunklen Wimpern.
»Bleib' einen Augenblick so, gerade so, und rühr dich nicht!« rief er,
holte ein Reißbrett herbei, auf das ein Stück rauhes Papier gespannt
war. Dann zog er sich einen Hocker heran. Das Brett auf den Knieen,
suchte er die Umrisse ihres Gesichts, wie sie sich gegen die dunkle
Wand hell erleuchtet abhoben, mit wenigen Strichen niederzuzeichnen.
Während sie ihm saß, erwog sie, ob sie morgen während eines Schultages,
es ermöglichen könne, auf längere Zeit zu ihm zu kommen. Erleichtert
wurde das Vorhaben dadurch, daß sich der Vater gerade wiedermal auf
Geschäftsreisen befand. Vor Frau Hölzl hatte sie keine Angst, und
Eberhard würde auch nichts verraten. In der Schule aber mußte man zu
einer kleinen Notlüge Zuflucht nehmen: Kopfschmerz oder dergleichen. Es
war ja nicht das erste Mal! --
Augenzwinkernd, mit schräg gezogener Unterlippe, mühte er sich, die
Linien dieses feinen Profils auf das Papier zu bannen. Während er noch
darüber war, ging die Vorsaalklingel.
Weischach stieß eine Verwünschung aus. »Gewiß ein Modell. Wenn man sie
nicht braucht, überlaufen sie einen.«
Das Klingeln wiederholte sich, dann folgte energisches Klopfen.
Seufzend legte Herr von Weischach die Zeichnung weg. Dann ging er
hinaus und fragte in scharfem Tone, dem man den alten Offizier
anmerkte: wer draußen sei. Jutta hörte durch die offene Thür die Stimme
ihres Dienstmädchen.
Resi war da, um »Fräulein Jutta« zu holen. Frau Hölzl lasse sagen, der
Herr sei soeben heimgekommen.
Juttas erste Frage war, ob der Vater etwas gemerkt habe. Das Mädchen
berichtete: Herr Reimers sei sofort nach seiner Ankunft ins Badezimmer
gegangen. Das Essen wäre auf sieben Uhr bestellt: Fräulein Jutta möge
um Gotteswillen schnell kommen, sonst gehe es nimmer gut aus.
Gott sei Dank, der Vater schien nichts gemerkt zu haben von ihrer
Abwesenheit.
Jutta sagte zu Weischach, der peinlich berührt, dabei stand, sie könne
morgen besten Falls auf einen kurzen Sprung herüberkommen, um das
weitere mit ihm zu beraten.
Schnell umarmte sie ihren Freund zum Abschied, dann eilte sie mit Resi
von dannen.
* * * * *
Weischach begab sich in sein Atelier zurück und betrachtete die eben
angefertigte Skizze. Er war nicht zufrieden damit. Zur Entschuldigung
konnte ihm dienen, daß er in großer Eile gearbeitet hatte. Seufzend
legte er das Blatt zu anderen in eine Mappe.
Sollte er heut abend wirklich noch ausgehen? Er verspürte nicht die
geringste Lust dazu. Zwar, er wurde erwartet in einem Hause, das
der Sammelpunkt war für Künstler und Gelehrte, wie für Militärs
und Staatsmänner. Aber ihm graute, Menschen zu sehen. Sie fragten
ihn neuerdings soviel nach seiner Arbeit, ob er nichtmal ausstellen
werde und so weiter. Es kostete ihm solch innere Anstrengung, mit
gleichgiltiger Miene von der Kunst zu sprechen.
Wie so oft, wenn er in einer Frage sich keinen Rat wußte, rief er Mucki
als Orakel an. »Soll ich zu den Riedbergs gehen, Mucki?« fragte er, »wo
jeder eine Berühmtheit ist und wo sie so gespreizt schwatzen und sich
so ungeheuer klug vorkommen.« Die Katze schnurrte voll Wohlgefühl und
schmiegte sich an seine Hand, da er sie im Genick kraute. Er legte die
Katzensprache dahin aus: daß er gebeten werde, zu bleiben.
Die Entscheidung war gefallen. Er beschloß, abzusagen wegen
Unwohlseins. Es war nichtmal völlig erlogen, denn er fühlte sich nicht
zum Besten. Seit Tagen schon machte ihm sein Herz wiedermal zu
schaffen.
Weischach drückte auf den Knopf der Leitung, die zu seiner Aufwartefrau
führte. Die Person war verheiratet und hatte stets ein oder das andere
Kind zur Hand zu einem Botengange. Schnell war die Absage geschrieben
und der kleine Bote abgefertigt.
Er warf sich in seinen Sorgenstuhl zurück. Während sein Blick den
Rauchwölkchen folgte, die sein Mund formte, suchte der Maler sich ein
Bild vor das innere Auge zu stellen von dem Kinde, das eben von ihm
gegangen. Daß es so schwer war, festzuhalten und wiederzugeben, was ihn
so anzog, wofür er keinen Namen hatte, was viel zu fein und flüchtig
war, um sich fassen zu lassen, und das auf die Leinwand zu bringen, er
sich dennoch unausgesetzt abmühte! Hier hatte er nun mal ein Modell,
ein wirkliches echtes, wie es kein Maler vor ihm besessen. Und er stand
wie mit gebundenen Händen davor. Nahm ihm vielleicht das Große, was er
für das Kind fühlte, die kühle Sicherheit des Künstlers? --
Von jeder sinnlichen Regung konnte er sich in diesem Falle frei
sprechen. Nie fühlte er sich besser und reiner als in ihrer Gegenwart;
wie geweiht kam er sich vor, wenn sie ihm in aller Unschuld die Hand
drückte, ihm das Haar vertraulich streichelte, ihm lebhaft um den Hals
fiel und ihn herzte. Und er war bemüht alles, was etwa das Schamgefühl
der Vierzehnjährigen hätte verletzen, ihre Arglosigkeit hätte bedrohen
können, aus dem Atelier zu entfernen. Jedes Wort, jede seiner
Handlungen hätte er Juttas Vater gegenüber verantworten können.
Ganz etwas anderes beunruhigte ihn. Es war das Bewußtsein, daß dieses
seltene Glück, dieser einzigartige Verkehr nicht Bestand haben könne.
Jeden Tag, den sie älter wurde, verlor er; denn jeder Tag entfernte
sie mehr der Kindheit, brachte sie dem Weibe näher. Zitternd sah er,
wie sich diese Knospe mehr und mehr zur Blüte erschloß, entzückten
Auges und mit Wehmut im Herzen. Einmal mußte der Tag kommen, wo
ihre Freundschaft ein Ende finden würde, so oder so. Dann würde sie
erkennen, daß er Mann sei. Mußte sie dann nicht vor ihm fliehen? --
Eine schwache Hoffnung blieb ihm: vielleicht würde sein Alter ihm ihre
Freundschaft wahren. Traurige Alternative! Zum väterlichen Freunde
würde er gerade noch taugen; sowie er Größeres verlangte, mußte er
lächerlich werden. Mit dem Pessimismus des alternden Mannes, der
sich und seine Mängel kennt, sah er den Ausgang voraus, der ihn mit
namenloser Bitterkeit erfüllte.
Denn dieses Kind war ihm zum Bedürfnis geworden. Trübe schlichen ihm
die einsamen Stunden hin zwischen den kurzen Augenblicken, wo sie bei
ihm war. Er lebte auf, wenn er die jugendlich helle Stimme vernahm,
wenn er mit ansehen durfte, wie ihre anmutige Gestalt sich frei und
sicher zwischen seinen Siebensachen bewegte, als gehöre sie dahin. Dann
fühlte er sich wirklich Künstler, wußte, daß seine Augen mehr sähen,
seine Nerven feiner empfänden als die anderer Sterblicher.
Solche Anregung war ihm bitter not. Weischachs künstlerische
Entwickelung war keine glückliche gewesen. Um zehn Jahre zu spät hatte
er sich entschlossen, den königlichen Dienst zu quittieren. Er wußte
das selbst ganz gut. Zu gewissen Dingen fehlten ihm Spannkraft und
Illusionen. Er war nicht im stande, sich kopfüber in eine Sache zu
stürzen, wie es die Jungen thaten. An Lebensklugheit und Erfahrung
zwar fühlte er sich diesen jungen Stürmern weit überlegen, die jedes
Jahr womöglich eine neue Richtung heraufbringen wollten. Aber
eines, das mußte er sich sagen, hatten sie vor ihm voraus: Wagemut
und Selbstbewußtsein. Sie waren eingebildete Narren, zum Teil sogar
Hohlköpfe, er war voll Selbstkritik und kannte seine Grenzen.
Gelegentlich konnte auch er aufflammen in Schaffensfreude, sich ganz
verlieren an ein Werk. Aber die Stunden solcher gesteigerten Stimmung
waren nur kurz; dann kam auch schon als bitterer Nachgeschmack der
Zweifel. Weischach besaß nicht das glückliche Temperament vieler seiner
Malerkollegen, die alles, was sie schufen, gut fanden. Er genügte sich
selbst nie. Wieviele sorgfältig ausgeführte Bilder hatte er schon
übermalt! Man lachte bereits über ihn in Bekanntenkreisen. In einem
Herrenklub, den er hie und da besuchte, war er in Bild und Versen als
männliche Penelope persifliert worden.
Und nun, vor Jahresfrist etwa, als er sich besseren Lichtes wegen ein
anderes Atelier mietete, hatte er die kleine Jutta Reimers kennen
gelernt. Von da ab war in seinem Leben und in seiner Kunst eine neue
Epoche angebrochen. War's nicht, als steige die Jugend, die goldene
Jugend, noch einmal zu ihm herab in lieblichster Gestalt! Kein Wunder,
daß er mit beiden Händen zugriff, sie zu halten! --
Weischach malte sein bestes Bild: Großmutter in der Bibel lesend,
daneben die sinnend dreinschauende Enkelin. Für die Greisin hatte er
aus Dachau eine gute Studie mitgebracht; Jutta war durch ein buntes
Halstuch schnell in ein Bauernkind umgewandelt worden.
Durch diesen Erfolg ermutigt, hatte er sich an ein schwierigeres
Problem gewagt. Er wollte den Künstler darstellen in dem Augenblicke,
wo sich ihm eine neue Idee beglückend naht. »Inspiration« sollte das
Bild heißen. Der Genius war in jugendlicher Gestalt mit Juttas Zügen
gedacht. Skizzen dazu waren fertig. Bei der Ausführung jedoch versagte
dem Künstler der Mut.
Nun beschäftigte ihn dieses neueste Werk: »Harfner und Mignon.« In den
Fingern zuckte es ihm, daran zu arbeiten. Das war sein Stoff, der ihm
lag, wie kein anderer, der auf ihn gewartet hatte gleichsam.
Und doch zitterte er bei dem Gedanken, ob er das, was er zum Greifen
deutlich vor sich sah, auch in seiner ganzen Größe und Eigenart würde
aus sich herausstellen können.