Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der militärisch-monarchische

Gedanke in die Erscheinung, wird in dem kleinen Ort hier -- vom

bürgerlichen Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt -- greifbar nahe,

wird gleichsam ohne störende Nebengeräusche reiner vernehmlich. Das

unübersehbar große Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält,

ist hier auf einmal zu übersehen, ist dichtmaschiger, so daß man

herantreten und sein sinnreiches Gewebe bewundern kann. Das geringe

Dorf ist zum Auszug der staatsgebietenden Mächte geworden, gibt den

Extrakt der herrschenden Gewalten. Schon äußerlich. Die Einwohner,

das, was man die »Bevölkerung« nennt, ist wie verschwunden, ist an

die Wand gedrängt, in die Winkel verscheucht, unsichtbar neben dem

Glanz, der jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür an Tür: der Kaiser, die

Erzherzoge, die Generale, Minister, Statthalter, Polizei. Und Militär,

Militär, Militär. Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf den

Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen steht einer vor dem anderen

in Ehrfurcht, in Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall wird

nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall gibt es nur Vorgesetzte

und Untergebene. Alle Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich

in greller Sichtbarkeit dar. Einer freien Arbeit lebend, hat man sie

gelegentlich wohl vergessen: hat, unter höher gewölbten Horizonten

dahinwandelnd, manche dieser Dinge für verschollen, für erledigt,

für nicht mehr diskutierbar gehalten. Da wird es einem seltsam zumute

während dieser drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll

Disziplin, voll Ergebenheit, voll Devotion verbringt, in konzentrischen

Kreisen sich dreht, auf denen Rang und Stand, und Geburt und Charge

verzeichnet sind, wo jeder mit den äußeren Abzeichen und Signalen

seines Wertes umhergeht, wo Lohn und Strafe sofort vollzogen, erteilt

und im Augenblick fühlbar werden. So nach und nach aber findet man

sich angezogen vom großartigen Hokuspokus des Herrschens, fühlt sich

fasziniert von der erlauchten Magie des Menschenfanges, und bewundert

ihre tiefe Psychologie, ihre uralte Weisheit. Und dann braucht man

sich's gar nicht mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher Krieg

ist, hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn gefunden, wenn man am

nächsten Morgen hinauswandert ins Gelände. Da wird eben die Krone des

Werkes gezeigt, die höchste Vollendung der Idee: wie sich die Tausende

darbringen, wie sie dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden. Die

Hauptprobe der äußersten Hingebung. Die Hauptprobe jener Treue, die in

der Volkshymne »Gut und Blut« verspricht: Kaisermanöver.

Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. Ganz nahe dem kaiserlichen

Hauptquartier. Schwere nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein.

Wolken ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des Tales deckt

weißdampfender Nebel alle Dörfer und Fluren. Unten vollzieht der

anrückende »Feind«, vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch.

An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die Sonne scheint Zitate

aus der Geschichte nicht anzuwenden und zeigt sich nicht. Auf der

Anhöhe vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz fährt aus

den Kanonen, ein Donnerschlag, den man in der Magengrube, in den

Eingeweiden wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam durchzuckt.

Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen von den Bergen, die der Wind

zerbläst. Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren eines

Motorrades. Mühsam nur erkennt man drüben im schütteren Gehölz

das Landesschützenregiment. Langsam, geduckt, mit schleichenden

Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich zu Boden, in die

Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht vor der Anhöhe, auf der die Kanonen

stehen, rückt in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die

Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie: Rückzug. Nach einer

kurzen Weile ist die Artillerie verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder

Mann wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt über die Felder.

Und jetzt kommt die feindliche Macht von überallher heran, stürmt, aus

dem Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt sich über die

gewundenen Bergwege, und plötzlich wieder das Pochen, laut, eilig,

zornig. Die Maschinengewehre, die den Verfolger noch aufhalten sollen.

Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie dieses alarmierend, trägt so

beredsam den Charakter des schnellen Eingreifens, der furchtbaren

Aggressivität.

Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. Scharf, kalt, und der

Wind schleudert einem die dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die

Wolken bis auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf, peitscht einen

mit eisiger Wassernagaika. Auf dem freien Platz vor dem Hauptquartier

hält der Kaiser zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die sechs

Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. Ein wenig abseits das

Gefolge. Generalstäbler, die fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg

die Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter werden die Tiere

nervös. Ihr lautes Wiehern tönt herüber, ihr ungeduldiges Schnauben.

Niemand rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im Regensturm

aushält. Stunde um Stunde erblickt man ihn so; querfeldein galoppierend

zu einem anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, sein Pferd

parierend, sieht diesen Greis, der leicht in seinem Sattel nur so zu

federn scheint, und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, die

Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann endlich einreitet, gefolgt vom

Schwarm seiner erschöpften Suite, sieht man, wie ihm unter der schwer

nassen Kappe das Wasser die weißen Haare an den Kopf klebt, wie es ihm

von der Stirne, vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber auch, wie

er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als sei das alles gar nichts.

Die fünfundsiebzig Jahre, die fünf Morgenstunden zu Pferd und das

Wetter ... gar nichts.

Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. Man will ganz zeitlich

fort, nichts versäumen, aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt das Haus.

Auf der Wiese drüben schießen die Kanonen. Es ist, als ob das ganze

Gebäude von einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der Fußboden

zittert, die Fenster schüttern. Schlag auf Schlag. Plötzlich, dicht vor

dem Tore das helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über den Hof,

übers Dach hinweg das Pochen der Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten

rasen vorbei. Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf, und in der

Luft ein schallendes, verfliegendes »aaa ...« Das Hurrarufen stürmender

Truppen. Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz getaucht,

in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die Wälder, die Wiesen, die

funkelnden Kirchturmspitzen, die Berggipfel. Und von den schimmernden

Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen sich die letzten weißen

Flockenwolken. Ein festlicher Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt

der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll entfaltet. Auf der breiten

Terrainwelle, die sich zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen

die Regimenter in breiten, formierten Fronten gegeneinander. Mitten

zwischen die beiden Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder,

prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt sich oben, nimmt

Stellung: die kaiserliche Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und

schnattert und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die Haubitzen

zerreißen das Firmament mit ihrem Krachen, und das Echo tobt an den

Felswänden. Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten Fahnen

über den Bataillonen. Da bricht aus dem Tann, der den Hintergrund

abschließt, mit Hurra ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt.

Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von formierten Regimentern.

Regimentern auf seinem ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno

zu nehmen hat, all das mit meisterlicher Regiekunst auf den letzten

Augenblick hin, auf den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf

jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das Echo besänftigt sich und

verhallt, und brausend klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber:

»Gott erhalte ...« Der Kaiser reitet die Fronten ab. Mit Trommelwirbel

übernimmt eine Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer weiter,

immer entfernter, Generalmarsch ... Trommeln, dann feierlich die

Volkshymne ... zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der Kaiser

reitet ins Hauptquartier zurück.

Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach Bozen. Wie durch einen

heiteren Soldatensonntag fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende,

sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das tiefe Atemschöpfen

der Beruhigung etwas Zufriedenes und Befreites gibt. Überall liegen

sie im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und singen. Wenn man

sich's einbilden könnte, daß es ein wirklicher Krieg war und daß es nun

Frieden ist, seit einer Stunde ...

Während der Drahtseilwaggon von der Mendel ins Kalterertal

hinuntergleitet, wie in freier Luft hinab zu schweben scheint, rauscht

der ganze Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton unten, auf dem

kleinen Bahnsteig, erzählen die Leute, daß der große Krieg im fernen

Asien zu Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen sei.

Laurins Rosengarten steht im Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her

läuten die Glocken, und man hat den Traum, daß diese schöne Welt eine

ruhige Stunde genießt.

ELISABETH

Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas Unwirkliches, ihre

Gestalt schwebend wie die Gestalten eines Traumes, und auf ihr

Schicksal blicken wir kaum noch wie auf ein gelebtes Dasein, sondern

wie auf eine Dichtung. Das rührt von der tiefsten Seelenkraft dieser

Frau her, die alle Wirklichkeit immer ins Erhabene emporzwang. Das

rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick freilich verwundet,

aber niemals bestaubt werden konnte. Was auch rings um sie her an

Verheißungen hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden. Was

auch vor ihr an teuren Gütern in Trümmer sank, es vermochte nicht,

ihr den Weg zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich hohe

Hinwegschreiten über das äußere Leben macht es, daß ihr Dasein jetzt

einer Legende gleicht.

Es fängt mit dem strahlenden Glück an, läuft aus sonniger Pracht in

dunkle Trauer und endigt in grauenhaftem Tod. Momente aus ihrem Leben:

die stürmisch geliebte Kaiserbraut, die in Wien einzog, so lieblich,

daß sie nicht bloß die erste, sondern die schönste Frau des Reiches

war. Die schönste Kaiserin an einem lachenden, frohgelaunten Hof, in

einem lachenden, frohgelaunten Wien. Dann ihre Krönung zur Königin

von Ungarn, bejubelt, wie seit den Tagen der Maria Theresia keine

Monarchin mehr bejubelt wurde. Dann ein langsames Hinweggleiten aus

all dem Glanz. Einsam und einsamer auf weiten Reisen. Dann der Tag

von Mayerling. Das jähe Hinstürzen jeglicher Zukunftshoffnung. Dann

wieder tiefe Einsamkeit in fernen Ländern. Der Traum vom Griechentum

in dem weißen Schloß auf Korfu. Ein unerfüllter Traum. Das Schloß

blieb verlassen. Wandern, wandern, wandern. An den Gestaden südlicher

Meere, durch kleine Städte Italiens. Unerkannt, unscheinbar in ihren

Trauerkleidern, versteckt und den Zudrang der Menschen meidend. Jahre.

Dann am Genfer See das schnelle, aus Mörderhand empfangene Sterben.

Die Kaiserin ... Sie ist uns lange schon entschwebt, war uns eine

Gestalt, die irgendwo ihr Dasein hoch über dem Dasein anderer Menschen

ins Weite trug. Nur manchmal drang eine Kunde von ihr bis zu uns

herüber, nur manchmal kam ein Klang aus ihrer Welt zu uns herangeweht.

Und wunderbar, wie feines Ahnen in den Instinkten der Menge liegt, daß

man aus so fernen Fernen die Kaiserin verstand, daß man ihr Suchen nach

Schönheit und Ruhe begriff, daß man banalere Vorstellungen vom Walten

einer Kaiserin still beiseite legte und mit ahnungsvoller Ehrfurcht

eine Menschlichkeit bewunderte, die über den höchsten irdischen

Rang hinaus höheren Graden noch sehnsüchtig entgegenstrebte. Die

Kaiserin. Auch dieses Wort ist durch Elisabeth zarter, märchenhafter,

unwirklicher, gleichsam dichterischer geworden.

Wir haben Bilder aus ihrer Jugendzeit. Denn ein anderes Antlitz als das

ihrer blühenden Jugend hat sie dem Volke niemals im Bilde gezeigt.

Aber indem wir diese Bilder jetzt betrachten, wissen wir, daß keines

ihr wirkliches Wesen enthüllt. Dieses edel schmale Gesicht sehen wir,

die Anmut ihrer geschwungenen Lippen, die dunkle Tiefe ihrer Augen.

Doch wir sehen, daß alle Maler die Prinzessin Elisabeth malen wollten,

die Kaiserin Elisabeth. Und daß keiner es vermocht hat, Elisabeth

zu malen. Wir sehen, daß dieses Antlitz etwas noch verbirgt, ein

Unaufgefundenes, ein Verhehltes, ein Verschlossenes: sein Bestes. Die

Züge sind da, aber was diese Züge zur Einheit verschmilzt, was sie

beseelt, das ist nicht da. An die leere Stelle tritt ein offizieller

Ausdruck: Kaiserin. Die Lebendigkeit dieses Gesichtes, seine zarteste,

intimste Lebendigkeit hat keiner von den Malern gegeben. Vielleicht

auch, weil keiner sie erfassen konnte.

So ist ihr Wesen auch dem einfacher Zugreifenden nicht erfaßlich

gewesen. Nicht in geraden, handlichen Worten ließ es sich sagen. Etwa:

sie ist heiter gewesen, oder melancholisch, oder freigeistig, oder

fromm, oder demütig, oder stolz, gütig oder voll Energie. Sie war am

Ende zu sehr alles zusammen, heiter und melancholisch, freigeistig und

fromm, demütig und stolz und gütig und voll Energie und noch vieles

andere dazu. Sie war viel zu sehr alles zusammen, als daß man dem Volke

eine Formel hätte darreichen können: so und so ist deine Kaiserin. Kann

sein, man hätte sagen dürfen: sie ist fürstlich. Aber die Begriffe,

die vom Fürstlichsein umgehen, sind durch andere Beispiele entstanden

und gewertet worden. Es hätte Mißverständnisse gegeben.

Mancherlei Erbe trug sie in ihrem königlichen Blut. Die Wittelsbacher

vermochten es oft, ihr fürstliches Vergnügen künstlerisch zu veredeln,

hatten die Gabe, in geistigen Genüssen zu schwelgen, ja zu prassen

wie andere in Genüssen des Leibes, hatten oft diese stürmende Seele,

die sich selbst zerarbeitet. Zu ihren Urmüttern zählte Therese

Kunigunde, des Polenkönigs Sobieski stolze und wildschöne Tochter, die

das Reiten und Jagen liebte und das Bücherlesen, und dem höfischen

Zeremoniell sich ewig widersetzte. Sie war des Kurfürsten Max Emanuel

Gattin. Elisabeths Vater war der Herzog Max, den seine Sehnsucht in

den Orient trieb. Es war die große Reise seines Lebens. Und sein

Traum vom Reisen war der Orient. Ein Dichter, wie König Ludwig I.,

ein besserer vielleicht. Mindestens ein sehr kultivierter Dilettant,

der historische Novellen aus der Renaissancezeit schrieb. Königliche

Prunkliebe und bürgerliche Einfachheit ist bei den Wittelsbachern. Aber

am Ende mag man alle Gaben, die das Bayernhaus zu vererben hat, noch so

sehr durchsuchen, noch so sehr durcheinandermischen, die wundervolle

Zartheit, die geheimnistiefe Kraft, die in der Kaiserin Elisabeth

gelebt hat, entschleiert sich und erklärt sich damit nicht.

Was wissen wir auch von ihr? Daß sie in ihrer Jugend die adelige

Kunst des Reitens geliebt und geübt hat. Daß ihr Körper gestählt und

geschmeidig war und daß ihr Gang eine musikalische Schönheit besaß, die

aus solcher Meisterschaft herkam. Daß sie den Zauber einer unberührten

Natur, Bergwälder und Meeresufer inniger verehrte als den Tumult

mondäner Amüsements. Daß keine Eitelkeit und keine Hoffart in ihr

war, die sie getrieben hätten, sich am lärmenden Zuruf der Massen zu

ergötzen. Daß es sie zu quälen schien, sich selbst als Schaustück der

Menge hinzustellen. Daß sie dafür auf einsamen Spaziergängen aus dem

Homer sich vorlesen ließ und in späten Jahren noch anfing, Griechisch

zu lernen, um des Gedichtes Schönheit aus dem Urtext näher zu

begreifen. Daß sie den Dichter, der das »Buch der Lieder« geschrieben,

verehrte und ihm zu Korfu ein Denkmal gesetzt hat. Daß sie den Schmerz

um ihren einzigen Sohn von Land zu Land, von Gestade zu Gestade ruhelos

umhergetragen, ihren Kummer vor den Blicken der Welt verbarg, wie sie

stets ihr schönstes Fühlen vor profanen Augen verborgen gehalten. Wenn

wir nur dieses, was wir wissen, nehmen, ihr Wesen damit zu umspannen,

dann haben wir eine große Seele, ein Frauenherz von einer Reinheit,

einen Frauensinn von einer Tiefe, daß sie als eine lichte Gestalt

unserem Gedächtnis bleiben müßte, auch wenn sie nicht die Kaiserin

gewesen wäre.

Daß sie's gewesen ist, scheint mir von unermeßbarem Wert. Denn sie hat

mehr gewirkt als eine Kaiserin, die prunkvoll durch alle Straßen fährt,

auf allen Festen glänzt, sich überall huldvoll und gnädig dem Volke

neigt und die Mode des Landes wie das gesellige Wohltätigkeitsgeschäft

regiert. Sie hat dieser Zeit die Fürstin gegeben, hat als einzige

auf eine lautlose, unwillkürliche und vollkommen menschliche Art

gezeigt, was eine Fürstin ist. Sie hat ein Hochmaß von Weiblichkeit in

unsere Zeit hineingestellt, das kostbarer ist als alles, was wir an

erdichteten weiblichen Idealgestalten besitzen.

Und sonderbar: Wie unser Erinnern sich lebhafter der Kaiserin zuwendet,

da merken wir, daß wir im Eigentlichen nur wenig von ihr wissen, uns

nicht vermessen dürfen, sie zu kennen, sondern daß es weit mehr die

Ahnung von ihrem reichen Wesen ist, die uns bezwingt. Ein Leben, aus

weiter Ferne angeschaut. Still und hoch dahinfunkelnd, vom Schimmer

des seligsten Glückes umflossen und vom Glanz einer erlesenen Tragik

umleuchtet. Nur leise Andeutungen haben wir, um ihr Inneres zu erraten,

nur das Echo vom Echo ihrer Worte, nur den Hauch, der von ihrem

Wandel ausging, nur verwehte Klänge ihrer Lebensmelodie. Der Spiegel

der Volksseele hat nur ein schwaches, undeutliches Bild dieser hohen

Frau aufgefangen, und man bestaunt es wie das Antlitz eines Märchens.

Diese Gestalt ist wie aus lauter dünnen Schleiern gewoben, fließend,

ungreifbar, unwirklich beinahe, und ist uns doch eingeprägt wie mit

einem Stempel.

So wenig braucht es, einen guten und seltenen Menschen zu erkennen.

Sei er noch so verborgen, so hat sein Wesen doch einen Duft von solch

feiner Kraft, daß man seine Gegenwart empfindet wie die Gegenwart im

Grase verborgener Blumen. Sei er noch so entfernt, so ist er doch

in eine Atmosphäre gehüllt, die leuchtet wie ein Gestirn am dunkeln

Himmel.

DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ

Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz entgegen. Aus allen

Schaufenstern sieht es uns an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen,

Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die Titelblätter aller

Zeitungen, die wir zur Hand nehmen, und es prangt in der Apotheose

aller Festspiele, umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut

wienerisch zärtlicher Kaiserstimmung. Wo wir uns hinwenden, lächelt

dies Greisenhaupt aus weißem Bart und aus den von weißen Brauen dicht

verhehlten Augen sein stilles Lächeln.

Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir alle sind mit diesem

Bilde vor uns aufgewachsen. Unsere Väter schon haben kein anderes

Kaiserantlitz mehr in Österreich gekannt, und wie wir kleine Buben

waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut, da wir zum erstenmal in der

Schulstube saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen zur Schule,

und auch sie blickt dieses selbe Angesicht aus feierlichem Rahmen an.

Mit diesem Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben alle unsere

Tage in diese Mienen geschaut, und sie sind uns so eingeprägt, daß wir

bei dem Worte Kaiser immer gleich auch diese Züge sehen. Wir werden sie

noch lange sehen, wenn wir das Wort Kaiser aussprechen oder denken.

Diese beiden Vorstellungen, von einem Monarchen und von einem Antlitz,

sind in unserem Bewußtsein so unauflöslich, so von frühester Kindheit

an miteinander verknüpft, daß wir sie nun wohl kaum mehr voneinander

trennen werden. Was immer auch geschehen mag.

Aber es ist nicht bloß die Erinnerung an wohlvertraute Züge, die

unserem Denken also lebhaft einleuchtet. Schließlich gab es ja noch

andere Gesichter, mit deren berühmter Gegenwart wir gelebt haben.

Gesichter, die uns geläufig waren, deren Klischee wir fertig in

unserem Bewußtsein trugen. Gesichter, die in uns vorhanden waren, wie

Photographien in einem Album. Man braucht gar kein langes Gedächtnis zu

haben, um sich des dunkeln, zierlich wilden Zigeunerkopfes Andrassys zu

besinnen, oder der behaglich pfiffigen, rotnasigen Spießbürgermaske des

Grafen Taaffe. Und vor kurzem noch war das lachende Beethovenantlitz

Girardis berühmt, so berühmt, daß es über Wien stand wie der Mond, und

wie dieser in alle Straßen und in alle Fenster schaute. Dann Johann

Strauß, sein blasses Antlitz mit den tiefstrahlenden schwarzen Augen,

dieses Antlitz der zum Genie gesteigerten Wiener Lebensfreude. Wir

haben viele Gesichter gehabt, die uns beständig gegenwärtig waren,

und von denen es schien, als gehörten sie einfach mit zum Bestand des

Lebens, und als sei ohne sie die Welt gar nicht möglich.

Dennoch hat kein anderes Antlitz und keines anderen Mannes Wesen so

vielfach, so stark und so nachhaltig sich in der Menge gespiegelt und

auf die Menge abgefärbt wie das Antlitz und das Wesen des Kaisers.

Freilich: weil es der Kaiser war. Das ist natürlich, braucht

nicht erst entdeckt, noch bewundert zu werden. Auch eine schwache

Persönlichkeit kann die Menge beeinflussen, wenn sie auf so hohem,

so weithin sichtbarem Gipfel steht, wenn sie auf so vielen tausend

Wegen, durch so viele tausend Türen und Türchen immerfort auf die Menge

eindringen kann. Hier aber ist es nicht nur der Kaiser gewesen, nicht

dieser allein; und es machen's auch nicht die sechzig Jahre, obwohl sie

viel mitgeholfen haben. Hier war es der Österreicher. Dieser zumeist.

Das echt österreichische Antlitz des Kaisers. Sein österreichisches

Wesen. Seine ... Bodenständigkeit, würde ich sagen, wenn ich von dieser

Eigenschaft so viel halten könnte wie andere Leute. Aber lassen wir's

dabei. So wenig diese Bodenständigkeit in der Kunst zur Größe oder zur

Komplexheit notwendig, ja selbst nützlich ist, so wichtig mag sie bei

einem Fürsten sein. Also: seine Bodenständigkeit.

Man braucht ja nur bedenken, daß in England hannoveranische Prinzen die

Krone tragen, daß im russischen Reiche Holsteiner Fürsten herrschen,

daß in Schweden die Enkel des französischen Bernadotte Könige sind,

in Griechenland ein Dänensproß regiert, in Rumänien ein Hohenzoller

und in Bulgarien ein Koburger. Rein äußerlich mag auch der landfremde

Monarch durch sein Wesen Einfluß üben. Auch der Regent, der in seiner

Persönlichkeit nicht den Typus des Volkes darstellt, auch der wird

kopiert. Aber doch nur von liebedienernder Absicht, doch nur von

Höflingen, die mühselig in der Maske und in den Gebärden ihres Herrn

posieren. Diese Wirkung streift nur die Oberfläche. Unser Kaiser

spiegelt sich in den Österreichern, wie österreichische Art in seinem

Wesen sich spiegelt, weil er nicht nur ein Kaiser, sondern ein Typus in

Österreich ist. Eine Gestalt, diesem Lande eingeboren und verwurzelt.

Wir können die Probe drauf machen. Wenn einer das Bildnis Eduards

anschaut und es zufällig nicht weiß, daß es der King von Großbritannien

ist, niemals würde er darauf verfallen, ihn für einen Engländer zu

halten. Niemand, der es nicht vorher weiß, würde von selbst sagen,

Nikolaus sei ein Russe, und sein vollkommenes Ebenbild, der Prinz von

Wales, ein Insularbrite; niemand würde von Karol behaupten, das sei ein

echter Rumäne, und Wilhelm II. würde man, ohne ausdrückliches Wissen,

eher für einen Engländer ansprechen, genau so wie seinen ältesten Sohn,

den Kronprinzen von Preußen. Aber das Gesicht unseres Kaisers muß

jeder für ein österreichisches Gesicht erkennen. Man denke der Bilder,

die den Kaiser in Zivil zeigen. Auf diesen Bildern kommt's erst recht

heraus: das ist weder ein französischer Kavalier noch ein englischer,

weder ein Sachse noch ein Preuße, das kann nur ein Österreicher sein.

Nicht wahr?

Immer ist es ein österreichisches, eigentlich ein wienerisches Gesicht

gewesen. Man betrachte die Bildnisse aus einer frühen Zeit, da er,

ein achtzehnjähriger Jüngling, den Thron gewann. Und man nehme,

zum Vergleich, ein Bildnis des ersten Kaiser Wilhelm, das ihn als

Jüngling zeigt. Auch der Sohn der in Preußen vielgeliebten, schönen

Königin Luise ist ein wunderschöner junger Prinz gewesen, wie der

Sohn der Erzherzogin Sophie. Vielleicht war er sogar schöner noch

als dieser. Aber das Antlitz des jungen Franz Josef mit den heiter

schwellenden Lippen, mit den weichen, zärtlichen Linien, mit dieser

sanften, gleichsam musikalischen Anmut, ist das Antlitz eines jungen

Österreichers. Und das Gesicht des Prinzen Wilhelm mit dem schmalen,

fest zusammengepreßten Mund, mit den streng in sich verhaltenen Zügen

und dem gewissermaßen sachlichen Ausdruck ist das Gesicht eines

Norddeutschen. Man könnte sagen: jenes ist ein katholisches und dieses

ein protestantisches Antlitz. Ihrer Volksart typisch waren beide,

indessen jetzt keine Monarchen mehr da sind, weder Eduard noch Georg,

noch Ferdinand oder Nikolaus, ja auch gewiß nicht Wilhelm II., die

ihrer Volksart typische Gestalten wären.

Man erinnere sich noch des Kaisers Franz Josef der sechziger, siebziger

und ersten achtziger Jahre. Wie viele unter uns werden sich dessen noch

leicht erinnern. Wie war er da mit dem langwehenden, blondbraunen,

dichten und krausen Backenbart österreichisch. Und wie viel Offiziere,

wie viel Beamte, wie viel Offizielle hat es damals gegeben, die den

lang wehenden Backenbart trugen? In allen Amtsstuben, auf allen

Exerzierplätzen, auf allen Promenaden hat man diese Gesichter und diese

Bärte gesehen. Und manchmal war die Ähnlichkeit täuschend genug.

Das sind freilich nur oberflächliche Dinge. Ein wenig tiefer aber liegt

es schon, daß die Männer in Österreich auch des Kaisers Manieren sachte

angenommen haben. Nicht nur die Höflinge, die das Vorbild immer mit

Augen sehen und ihrem ganzen Charakter nach so gern erlauchtem Beispiel

sich anschmiegen. Nicht nur die Offiziere, die, enger dem Kaiser

verbunden, gewiß schärfer aufpassen, wie er seinen Rock trägt. Nicht

nur die Beamten und alle die anderen vom offiziellen Dienst, sondern

jeder, der vom Bürgertum irgendwie nach Formen, nach repräsentierender

Geschicklichkeit strebt, nach einer Manier, sich im Verkehr menschlich

zu geben und menschlich zu behaupten, jeder hat die Spur dieses

Einflusses an sich, jeder ist in der Farbe des Kaisers irgendwie

gefärbt.

Das österreichische Antlitz: Essays · 第 11 / 12 段