Wenn man die leicht geneigte Haltung des Kopfes, diesen unauffällig

federnden, sorglosen und anmutigen Gang, dieses Sich-schmal-machen

für österreichisch hält, dieses mit angedrücktem Oberarm, aus dem

Ellbogen vollführte, runde Agieren, diesen um und um mit Freundlichkeit

gepolsterten Stolz, diese verbindliche Kunst, lächelnd zu distanzieren,

wenn man dies alles für österreichisch hält und dann erst den Kaiser

beobachtet, merkt man erst, wie österreichisch Franz Josef ist, aber

auch wie Franz-Josef-mäßig die Österreicher geworden sind. Man merkt,

daß es eigentlich sein persönliches Wesen ausmacht, davon man die

Spuren und Farben bei den anderen vereinzelt getroffen, vereinzelt und

wie etwas Angenommenes, wie ein unwillkürlich Angewohntes. Sein Wesen

ist dieser anmutige Paßgang, mit der Natürlichkeit der abfallenden

Schultern, mit der leicht geneigten Haltung des Kopfes, das Agieren

in runden, aus dem Ellbogen spielenden Gebärden mit angedrückten

Oberarmen. Sein Wesen, diese ganze unauffällige, diskrete, sorglose und

ihrer selbst unendlich sichere Eleganz.

Nachahmung allein kann das nicht zuwege bringen. Auch greift Nachahmung

allein nicht so weit um sich, dringt nicht so ins Breite und Tiefe,

sickert nicht so unaufhaltsam durch alle Schichtungen der Stände. Wenn

sie den Kaiser nur nachahmen würden, wäre dies alles gezwungener und

leichter kenntlich. Man merkt ja sonst überall, wo ein Mensch einen

anderen bewußt kopiert, den kleinen Zwischenraum, der zwischen seiner

eigenen und der angenommenen Art klafft. Man merkt den feinen Striemen,

den die vorgebundene Maske in das wirkliche Antlitz gräbt. Hier aber

ist kein Zwischenraum, der eine kopierte Art vom wahren Wesen trennt.

Wie der Kaiser sich gibt, wie er geht und spricht, wie er den Kopf

hält und wie er schaut, dies alles ist Ausdruck des österreichischen

Wesens. Eine tiefe Verwandtschaft des Blutes und der Rasse bindet den

Österreicher an den Kaiser und den Kaiser an den Österreicher, an den

niederösterreichischen, an den wienerischen, um es genauer zu sagen.

Und es sind nicht die äußeren Züge bloß, die jene Gemeinsamkeit

erleichtern, nicht die äußeren Manieren, die es ermöglicht haben, daß

des Kaisers Art so viel abfärbende Wirkung, so viel angleichenden

Einfluß übt. Wie vieles an ihm ist österreichisch, was erörtert

werden kann, und wie vieles ist es, wovon wir heute nicht erst zu

sprechen brauchen. Österreichisch ist sein Hang zum Unauffälligen,

sein kultivierter Geschmack, der allem Gellenden, allem Schmetternden,

allem Unterstrichenen und überlaut Betonten abhold ist. Österreichisch,

wie seine Haltung, die nicht bolzengerade, nicht »stramm« mit

aufgeworfenem Kopf soldatischen Geist zu markieren strebt, ist seine

Diskretion, die vor allem Theatralischen, vor allem Exaltierten als

vor etwas Unmöglichem scheu zurückweicht. Österreichisch ist dieses

subtile Taktgefühl, das in Befangenheit gerät, wenn es repräsentierend

obenan stehen soll, dieses Taktgefühl, das eher schüchtern wird,

als daß es vermöchte, aufzutrumpfen. Österreichisch ist diese

Art der gleichmäßigen, lautlosen Arbeit, dieses treue Hängen an

ein paar Gewohnheiten, an ein paar liebgewordenen Erdenplätzen.

(Wien--Ischl--Ischl--Wien.) Und dieses zuverlässige Zufindensein in

den alten Gewohnheiten und in den alten Wohnungen ist österreichisch.

Österreichisch ist auch diese Kultur der Seele, die es vermag, daß man

die schwersten Dinge mitmacht, durchmacht, und der Welt doch immer ein

lächelndes Antlitz zeigt. Und dieses Ablehnen allzu laut rauschender

Lorbeern, dies Abwinken allzu schreiender Lobredner, dieses stille

Beiseitegehen, dies Einsamkeitsleben ist österreichisch.

Wir sehen dieses Antlitz jetzt überall, wohin wir uns wenden; wohin

wir uns wenden, sehen wir jetzt die Initialen dieses Namens, das

F. J. I., sehen die Jahreszahlen 1848--1908. Wie ein großer, von

einem einzigen Ornament durchwirkter Stoff ist die Stadt Wien jetzt

durchwirkt von diesem Antlitz, von diesen Initialen und von diesen

Doppelziffern. Und durchwirkt ist dieses ganze engere Österreich,

die Stadt und das Land von dem Antlitz des Kaisers, von seiner Art,

von seinem Wesen, von den Initialen seines Charakters. Daß er hier

wurzelt, hier heimisch ist, daß diese Erde ihn trug und reifte, daß

er die Frucht dieses Bodens wurde, den feinsten und geschlossensten

Auszug aller Kräfte dieser Scholle darstellt, daß er ein Typus seines

Volkes ist, hat diese tiefe Harmonie zwischen ihm und seinem Volk

sechzig Jahre währen lassen. Kaiser Franz ist aus Toskana erst nach

Wien und in die Erblande gekommen, hat die italienische Art, die ihm

in den Adern lag, erst vergessen, hat sich hier erst akklimatisieren

und assimilieren müssen, ehe ihn die Wiener -- nach vielen Jahren --

ihren »Franzl« nannten. Franz Josef ist in Schönbrunn geboren. Sohn

einer bayrischen Prinzessin und eines österreichischen Erzherzogs,

der als ein Typus altwienerischer Gestalten, als eine Kriehuber-Figur

gelten darf. Die Wiener, die vornehmen wenigstens, diejenigen, die das

Wienertum Schuberts, Lanners und der Strauß-Walzer repräsentieren, die

waren wie er. Deshalb wurden sie wie er. Deshalb sahen ihm seinerzeit

die Jünglinge ähnlich, dann die Männer, und deshalb sehen ihm jetzt

die Greise ähnlich, die mit ihm und seiner Epoche gealtert sind. Diese

Epoche trägt seine Züge, wie den Münzen sein Antlitz eingeprägt ist.

Die Zeit aber rollt unaufhaltsam dahin. Und wahrscheinlich gibt es

heute schon einen anderen, einen neuösterreichischen Typus. Wir

kennen ihn noch nicht, wollen heute auch nicht vermuten, noch darüber

nachsinnen, wie er wohl sein wird. Aber wir dürfen zufrieden sein, wenn

er uns mit diesem sanften Lächeln anschaut, das man bis in späte Tage

noch das Lächeln Franz Josefs nennen wird.

+Ende+

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. Die Darstellung

der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 172: allzuviele → allzuvielen

ohne {allzuvielen} Menschen zu begegnen

End of Project Gutenberg's Das österreichische Antlitz, by Felix Salten

Das österreichische Antlitz: Essays · 第 12 / 12 段