Gott wie Gescheite kann sich der Wirkung dieser Szene nie entziehen.
Er wird jedesmal, immer und immer wieder aufs neue gefangen genommen,
wie von einem unwiderstehlichen Effekt. Man geht gleichgültig über den
Franzensplatz, ohne Laune, ohne den Zauber seiner Stimmung diesmal
zu spüren. Da auf einmal der langgezogene Ruf: »Gewehr heraus!«
Aufgeregtes, eiliges Zuspringen der Soldaten. In der nächsten Sekunde
das Einschlagen der Trommel. Der Offizier präsentiert grüßend den
Säbel. Noch sieht man nicht, wen er grüßt. Aber er grüßt feierlich in
die leere Luft, und das Wirbeln des Tambours prasselt über den Platz.
Überallhin schaut man sich um. Plötzlich, von irgend einer Seite her
jagt der Wagen, umhüllt vom festlichen Dröhnen dieser Ehrenbezeugung
heran. Ein wehender Federbusch, goldfunkelnde Räder, vielleicht sogar
am kristallenen Kupeefenster ein weißer Handschuh. Und schon werden
hohe Torflügel geschlossen. Vorüber. Man hat den Kaiser selbst nicht
gesehen, aber doch den Glanz seiner Nähe, hat doch von kaiserlicher
Macht einen flüchtigen Hauch verspürt. Zum deutlichsten Wahrzeichen
seiner Herrschaft wird einem nun die Torwache. Abgesandte sind es, von
allen Truppen hierhergeschickt, zu des Kaisers Wohnung, um in Waffen
unter seinen Fenstern auf der Hut zu sein. Und kommt er nach Hause, und
fährt er aus, sowie sie nur seiner ansichtig werden, treten sie hervor,
grüßen ihn mit kriegerischem Zuruf und Trommelschall, melden: Wir sind
da!
Viele ernsthafte Leute gibt es, die sonst niemals Maulaffen feilhalten,
und die sich doch manchmal dazu verleiten lassen, wenn sie über den
Franzensplatz gehen. Sie warten ein paar Minuten. Aufs Geratewohl.
Spähen umher, verweilen noch ein paar Minuten und sind dann gänzlich
der allgemeinen, ruhevollen und großartigen Spannung, die hier
herrscht, verfallen. Schauen überall nach Vorzeichen aus, lugen zu den
Fenstern empor. Dort im Torbogen schüttelt ein Burggendarm den Kopf,
daß der üppige Roßschweif auf seinem Helm zu wallen und zu zittern
beginnt. Hat er was bemerkt? Oben in den Fenstern lüften hie und da
die Garden den Vorhang, daß ihre scharlachroten goldbetreßten Röcke
sichtbar werden und die blinkende Hellebarde in ihrem Arm ... Noch
nicht? Dann steigt die neugierige Spannung bis zum heftigen Wunsch:
das Ereignis möge endlich eintreten. Zu allen Stunden kann man hier
Menschen finden, die zögernd vor der Burgwache stehen, die Soldaten
anschauen, und von ihnen erwarten, daß sie »Gewehr heraus!« schreien.
Die besonderen Anlässe gar nicht eingerechnet. Wenn eine feierliche
Auffahrt die Wache fortwährend ins Gewehr nötigt. Dann füllen die alten
Staatskarossen den Platz, Prunkwagen, die in kühngeschweiften Federn
schaukeln. Drei, vier Lakaien in Allongeperücken hinten drauf. Als
seien die prächtigen, herrschaftlichen Zeiten des Rokoko wiedergekehrt.
Da tritt der Ruf des Schnarrpostens zurück, wird bei solch blendender
Ausstattung nur zu einem stützenden Nebeneffekt, fügt sich harmonisch
in die erhöhte Stimmung und sorgt dafür, daß derlei Schauspiel nicht
als völlig lautlose Pantomime vor der staunenden Menge sich zutrage.
Oder wenn ein toter Prinz eingebracht wird, nächtlicherweise bei
Fackelschein, wie es Brauch ist, und ihn bei dieser trübseligen
Heimkehr in das Haus der Väter der Postenruf empfängt. Dann ist
das »Gewehr heraus!«, das unheimlich, wie ein Klageton durch die
Finsternis dringt, eben von so pointierter Wirkung, daß es sich von
selbst begreift.
Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder töricht, in der
überkommenen Lust an höfischem und kirchlichem Gepränge liegen, oder
an dem hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien liebt.
Niemals versagt diese Wirkung. Man könnte ein Theaterstück schreiben,
das auf jeder Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der Kaiser kommt«. Und
es braucht weiter keine Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser
kommt. Man muß den Kaiser auch gar nicht einmal sehen, und es wäre
dennoch ein großer Erfolg. Sieht man ihn im Leben ja auch nur selten.
Jeder Mensch könnte dieses Stück schreiben, denn es ist durchaus
nicht notwendig, daß irgend etwas anderes sich zuträgt, als leise,
sorgfältig arrangierte, behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt
nur, sie der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre die herrliche
Kulisse dazu erforderlich, die zum Beispiel der äußere Burgplatz
abgibt, wo die Stadt ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit
ihren Häusern in einem ungeheuren Kreise die kaiserliche Wohnung nur
von ferne umgibt. Dann draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße
der Soldat. Ganz von weitem, von der Mariahilferstraße her, ein
winkender Sicherheitsmann. Er hat den Hofwagen zuerst erblickt. Der
Soldat wartet, bis auch er den weißen Federbusch schimmern sieht.
Dann schnell einen Druck auf die elektrische Klingel, die in der Säule
verborgen angebracht ist, und jetzt drinnen auf dem grünen Platz jubelt
der Posten sein »Gewehr heraus!« zum Reiterstandbild des Erzherzogs
Karl empor, als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich
gedrängt, dem Sieger von Aspern eine plötzliche Huldigung darzubringen.
Dann das gewöhnliche, aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten
Passanten, nach allen Richtungen hin, weil sie ja doch nicht wissen
können, von welcher Seite der Einzug stattfindet. Dann Trommelwirbel,
der die allgemeine Erregung nur noch vermehrt, da sich für ihn weit
und breit kein Anlaß zeigt. Dann der Säbelsalut des Offiziers, und nun
rollt die Equipage blitzschnell vorüber. Nun rufen sie auch schon auf
dem inneren Burghof ins Gewehr.
Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene nicht zu schreiben. Von
den technischen Aufführungsschwierigkeiten ganz zu schweigen. Würde
sie trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle Bühnen verboten
werden. Denn sie könnte nur Illusionen zerstören, den Eindruck,
den die Wirklichkeit übt, in bedenklicher Weise abschwächen. Wenn
man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen fühlt, wenn das Rühren der
Trommeln einem unwillkürlich jähe Ehrfurcht einwirbelt, wenn man
beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt angesichts
dieser feierlichen Begrüßung, und zuletzt entblößten Hauptes dem
vorübersausenden Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher keine
Lust, sein Empfinden zu korrigieren. Man hat mitten auf seinem Wege
durch die Alltäglichkeit des Lebens einen wunderbar dramatischen
und prächtigen Moment genossen, sich ihm gern hingegeben, ja sogar
daran tätigen Anteil genommen. Und hat man auch nur einen zufälligen,
gänzlich nebensächlichen Komparsen vorgestellt, so bewundert man
doch völlig aus seinen ästhetischen Instinkten heraus die glänzende,
unübertreffliche Regie, deren dekorative Kunst ebenso groß ist, wie
ihre psychologische Weisheit.
FRÜHJAHRSPARADE
Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich schon auf den Dächern,
aber noch ist dieser junge Tag durchweht vom kühlen Atem der ersten
Juninacht, und die Schatten längs der Häuser sind noch ohne das tiefe
Schwarz, sind noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen riechen in
der beginnenden Wärme nach trockenem Staub, aber sie sind noch frei von
dem erstickenden Dunst des Menschengewühls. Und manchmal merkt man noch
den Duft der nahen Berge, der Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor
wenig Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht haben.
Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum ... in der Ferne hört man
das Schlagen der Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der Wagen halten,
und wieder halten. Militär rückt in den Morgen hinaus. Die Trompeten
und Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles Goldblechklingen
hat jetzt irgendeine fühlbare Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht,
das nun goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern anfängt. Die
Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue Band solch eines Regiments.
Der Schritt der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in kleinen
regelmäßigen Wellen. Und über diese Wellenlinie hin schwebt ein
süßer, feiner Farbenton von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die
Leute auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes Leben, wie viel
Kraft und Jugend und wie viel Frühling liegt in diesen regelmäßigen,
dunkelblauen Wellen.
Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das weite Feld dehnt sich
festlich vor unserem Blick. Ganz sanft niedergleitend gegen den
Horizont, ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren ein fürstliches
Schachspiel darauf zu pflegen. Dort drüben hält der Wienerwald seinen
breiten Rücken her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit der
goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite Erzherzogschloß, und
dort sind die Abhänge, die rauschenden Wälder des Galitzynberges, den
die Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg« nennen.
Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das grüne Feld, die Kuppen
der Berge, die Fronten der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und
langsam beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu flammen und zu
glühen in einer wundervollen, himmelblau und goldenen Sommerpracht.
In vierfachen Reihen stehen an tausend Wagen hier oben auf der
Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn man dies fröhliche Bild
betrachtet, erinnert man sich der farbigen englischen Stiche, auf
denen mit ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen dargestellt sind,
etwa beim Wettrennen zu Newmarket oder Devonshire. Nur daß diese
Wirklichkeit noch bunter und zwingender ist als alle englischen Stiche
zusammen. Die Damen in ihren hellen Sommerkleidern sind auf die
Wagensitze gestiegen, ihre weißen, blauen, grünen und roten Schleier
flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr Lachen und ihr Plaudern fegt wie
ein leises Rauschen über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt vom
Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft der Seidenkleider, vom Geruch
der Zigaretten, die die Herren rauchen, und vom Geruch der vielen
dampfenden Wagenpferde.
Über das weite Feld hin ziehen die Truppen, rücken jetzt in langen
Linien auf, mit wehenden Fahnen, die sich von fern nur wie das
Tanzen kleiner Wimpel ausnehmen, und mit klingendem Spiel. Aber man
hört nichts von der Musik. Der Wind hebt das Schmettern von neun
Regimentskapellen auf und zerstreut diesen riesigen Schall wie das
Singen eines Kindes; er nimmt diese Klänge, löst sie auf und trägt
sie zu den Wäldern hinüber, die das laute Tönen einschlürfen. Nur das
Schlagen der großen Trommeln hört man, und es klingt wie ein feierlich
taktmäßiges Teppichklopfen im Freien.
Ebenso trinkt dieses Feld die Massen. Dort drüben marschiert eine Armee
daher, dort stampfen abertausend Männertritte, abertausend Rosse mit
ihren Hufen, man hört es nicht. Man sieht nur kleine, blaue Schwärme
und Linien dahinkriechen. Man sieht ein wenig Gold schimmern, man
sieht manchmal einen Blitzstrahl aufleuchten, das Sonnenlicht, das in
irgendeinem Säbel zuckt.
Quer über das Feld sprengt ein junger Offizier heran; ein Adjutant.
Wie er näher kommt, wie er an uns vorüberstiebt, erkennt man, daß er
die elegante Ulanenuniform trägt, daß er ein bildhübscher, schlanker
junger Mensch ist, mit einem gesunden tiefbraunen Antlitz. Und es ist
in allen seinen Gebärden, wie er die Zügel hält, wie er im Sattel
sitzt, wie er den feinen Oberkörper leicht vorneigt, ein bezwingender
Ausdruck von Lust, von Kraft und Jugend, und zugleich das Bewußtsein,
daß er jetzt so vielen Menschen zum Schauspiel dient. Mir fällt
irgendein Romankapitel ein, aus irgendeinem Wiener Roman. Und dieses
Kapitel spielt auf der Schmelz, während der Frühjahrsparade, und
der junge Offizier sprengt genau so über das Feld, trägt genau so
die Ulanenuniform und ist genau so stolz und befangen zugleich bei
diesem Ritt. Er stellt eine ziemlich wichtige Figur in diesem Roman
vor, ist ein nachdenklicher Mensch, der den Boden prüft, auf dem er
geboren wurde, der zu Hause und auf großen Reisen zu erkennen gesucht
hat, worin die Eigenart Österreichs liegt, worin die besondere Art
des Dienens und Herrschens liegt, und wodurch sich das Dienen und
das Herrschen in Österreich etwa von der gleichen Übung in anderen
Ländern unterscheidet. Jetzt sprengt er quer über das Feld auf seinen
Posten und sieht die kaiserliche Suite beim eisernen Obelisken stehen,
bemerkt die weißen Federbüsche, die roten Reiher, die blinkenden
Pickelhauben und die Astrachanmützen der fremden Militärattachés,
bemerkt die Feierlichkeit der kaiserlichen Garde, die dort wartet, um
den Monarchen zu umgeben. Und jetzt kommt der Kaiser. Grüßend reitet
er durch das Spalier der Suite, die sich dann hinter ihm zu einem
goldenen, schimmernden Wall zusammenschließt. Der Kaiser reitet einen
herrlichen Goldfuchsen, der im Tänzerschritt geht und beim kurzen
Galopp die Grazie einer Ballerine hat. Der junge Offizier bemerkt,
wie der Kaiser mit einer unwillkürlichen Reiteranmut im Sattel sitzt,
wie er den feinen, schlanken Oberleib leicht vorgeneigt hält, wie
seine Schultern fallen, und der junge Offizier weiß in diesem Moment,
daß er selbst beständig, ganz unbewußt, diese Haltung nachzuahmen
bestrebt war, dieses leichte Vorneigen, diese abfallenden Schultern,
diese österreichische Eleganz der Mühelosigkeit, der kaum von weitem
angedeuteten, diskret gehaltenen Strammheit, und der lächelnden Würde.
Da galoppiert schon der Kaiser den aufgestellten Truppen entgegen.
Weit voran, in der dunklen Uniform mit der goldenen Schärpe querüber,
sprengt sein Flügeladjutant. Dann reitet der Kaiser, ganz allein, und
es ist, als ob sein schönes Pferd nur auf dem vordersten Hufrand, wie
auf den Zehenspitzen mit dem Boden tändeln würde, so federnd trägt es
ihn dahin. Man sieht sein Gesicht von weitem, man glaubt es zu sehen,
denn der weiße Bart schimmert unter dem grün wehenden Generalshut,
und nur diesen Schimmer braucht es, um das wohlbekannte, in jedes
Bewußtsein wie auf alle Münzen eingeprägte Antlitz vor sich zu sehen.
Hinter dem Kaiser her der prächtige Sturz des Gefolges, diese herrliche
Wolke, aus der das Braun und Weiß und Schwarz der galoppierenden
Pferde, das Blinken der Helme, das Wehen der Federbüsche, das Gleißen
der Tressen und Waffen und Schärpen als eine wundervolle Einheit von
Prunk hervorbricht. Aber dem Kaiser entgegen braust und schmettert die
Volkshymne. Die Fronten der Regimenter stehen regungslos, stehen da
wie bunte Mauern, unbeweglich und starr, aber ihr klingender Gruß fegt
dem heranreitenden Kaiser entgegen, mit Trommelwirbel und metallischem
Trompetenklingen und donnerndem Paukenschlagen. Dieser Gruß fegt ihm
entgegen wie ein tönender Atem, der seit hundert Jahren stets in den
gleichen Zügen den Kaisern von Österreich aus der stummen, lebendigen
Mauer ihrer Truppen entgegenschwoll.
Jetzt reitet der Kaiser langsam die Fronten ab. In vierfachen Reihen
stehen diese Menschenmauern, in vierfacher Wendung reitet ihnen,
hinauf und hinab, der Kaiser vorbei und zieht die goldene Schleppe
seines Gefolges hinter sich her. Wo er sich einem Regiment nähert,
rauscht die Volkshymne auf. Und der junge Offizier blickt auf dieses
Beisammensein des Kaisers mit den Soldaten. Er sieht, wie die
kaiserliche Gegenwart alle diese Menschen bannt, wie über ihnen nur
das eine ist: der Befehl, und in ihrer Haltung nur das eine: der
Gehorsam. Er blickt hinüber und vermag fast jeden einzelnen Mann zu
unterscheiden, und vermag auf dem Boden die gleichen Zwischenräume
zwischen all diesen Fußspitzen zu sehen, als hätte man in sorgsamer
Symmetrie zwanzigtausend Bleisoldaten auf ein großes Brett gestellt. Er
betrachtet diesen Vorbeiritt, der sich ausnimmt, als ob weiter nichts
geschehen würde, und er weiß aber, daß dort dennoch etwas geschieht,
etwas, das zwischen der Person des Kaisers und diesen Soldaten hin und
wieder geht, eine Hingabe, die in ihrem letzten Grund rätselhaft ist,
auf der jedoch die ganze Macht eines Regierenden sich aufbaut.
Umstoben von dem blitzenden Schwarm seines Gefolges, sprengt der Kaiser
wieder zum Obelisken heran. Wie er so dahergaloppiert und hinter ihm
drein noch der Salut der Truppen rauscht, ist es ein Augenblick von
einer Feierlichkeit, wie nach einem Sieg. Und der junge Offizier, der
seine Ergriffenheit meistern will, überlegt, daß in diesem Augenblick
ein uraltes Prinzip aufs neue besiegelt und bekräftigt wurde --
hier am Rande der enormen, von allen neuen Gedanken und Problemen
durcharbeiteten Großstadt -- und daß von dieser Besieglung das
feierliche Empfinden herrührt.
Dann marschieren die Regimenter an dem Kaiser vorbei. In breiten Reihen
kommen sie heran, junge Menschen, viele Tausende von jungen, blühenden
Menschen, Söhne, Söhne, Söhne. Der Defiliermarsch zwingt ihnen wie
mit energischen Griffen seinen Rhythmus auf, die Fahnen flattern hoch
gehoben, und alle diese jungen, lächelnden, frischen Gesichter dem
einen, weißbärtigen Greisenantlitz zugewendet, marschieren sie vorüber.
Der junge Offizier denkt bei sich, wie einfach, wie untheatralisch
diese Art der Parade und des Vorbeimarsches ist, wie diese Truppe den
kriegerischen Geist nur andeutet, als fürchte sie das Lächerliche und
Prahlerische einer Übertreibung; wie sie die Strammheit mühelos und
diskret nur andeutet, wie sie in ihrer Masse und in ihrem Schritt, in
ihrer Zusammengeschlossenheit doch menschlich und persönlich bleibt,
wie sie nicht einen Augenblick als eine Schar von Gliederpuppen
erscheint, wie selbst ihr Gruß noch etwas Gemütvolles und Weiches
hat -- und er überlegt, daß die Anmut dieses Landes, daß seine
tiefwurzelnde Kultur, seine Willigkeit und sein Taktgefühl so vieles
leicht und anmutig macht, was anderswo ...
Wo ich dieses Romankapitel gelesen habe, weiß ich jetzt nicht mehr. Ich
glaube sogar, ich habe es überhaupt noch nirgends gelesen, und mich
nur in die Möglichkeit eines solchen Kapitels verirrt. Es wäre aber
vielleicht ganz gut, wenn es einmal geschrieben würde.
KAISERMANÖVER
Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.
Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang, die vom ländlichen
Geruch brennenden Reisigs durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne
noch nicht warm geworden, und sein junges Atmen weht kühl über das
erwachende Gelände. Auf dem dunklen Grün der Hochlandwiesen schreitet
man über Moorgrund, wo das perlenbesäte Gras unter den Füßen glitzert,
schreitet über die hellfarbigen Teppiche blühender Buchweizenfelder
den Hügel hinan, wo junge Lärchen wie auf Vorposten stehen. Weithin
überschaut man hier das Tal: in der Tiefe überall weißblinkende
Ortschaften, winzige Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf einer
riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten steigen die Bergwälder
von den Felsen nieder. Aber hinter grauen Wolken birgt sich die
Brentagruppe noch mit ihren Gletschern, des Adamello und des Ortlers
aufragende Schneegipfel, als habe die Natur zum Sommerfest dieses Tages
noch nicht aufgeräumt und halte die Prunkstücke dieser Landschaft
einstweilen unter Schutzdecken.
Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in der Ferne ein
Böttcherhammer niederfiele. Noch einmal, dann wieder. Mit dem
Feldstecher suchen die Augen alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit,
weit weg funkt ein gelber Schimmer auf, nicht stärker als ein
verlöschendes Streichholz. Und wieder der dumpfe Ton. Die Kanonen
eröffnen das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie schwaches
Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender Eierschalen, wie das
Knittern von starkem Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen
ein lautes, überraschendes Pochen, ungeduldig, als ob jemand voll Zorn
an eine Tür klopfen würde: die Maschinengewehre. Das Pochen reißt ab,
setzt wieder ein. Und nichts zu sehen, als in den Feldern oder am
meilenfernen Waldrand das Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen
Ruhe verharrt die Landschaft, in einer majestätischen Gleichgültigkeit
gegen den Kampf, der sie in ihren Schrunden und Falten durchwühlt, in
ihren Mulden und Gräben. Dort unten, tief in den Wäldern, in schmalen
Gebirgspässen, am Rande unwegsamer Schluchten, auf engen Brücken, die
hoch über wilden Sturzbächen schweben, bricht jetzt der Kampf los; um
des Reiches Pforten.
Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.
Sollte das hitzige Fieber spüren, das in den Stunden vor einer großen
Entscheidung über die Menschen hinpeitscht. Sollte die Schauer jener
ungeheuren, verführerischen Feindseligkeit genießen, die aus den
tierischen Wurzeln unserer Art empordampft. Dann aufwachen, wie aus
einem glühenden Traum, und sich an der spielerischen Wirklichkeit
beschwichtigen: Gedankenmanöver ... Vielleicht, daß von den Soldaten
einer, anschleichend in der Schützenlinie, am Boden liegend, im
Schnellfeuer, berauscht von seiner Jugend, von der eigenen Kampfgebärde
und vom Knall des eigenen Gewehrs, für Sekunden in das siedende Bad
dieser Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes flammende
Tiefen hinabtaucht. Im nächsten Augenblick aber reißt es ihn gewiß
schon wieder aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor zum harmlosen
Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles. Denn es gibt eben Dinge, die
sich auf Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren lassen:
Todesgefahr und Sterbensahnung, Blutrauch und in Ackerschollen
hingekrümmte Verzweiflung, und die furchtbare Schicksalsatmosphäre, die
über den Schlachtfeldern sich breitet.
Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender Ereignisse
vorberechnete Gebärde. Erdichtetes, wohl ausgedachtes, künstlerisch
komponiertes Geschehen, dargestellt unter freiem Himmel von
fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel in drei Tagen, in drei
Aufzügen, wenn man will. Sorgfältig gesteigert, mit prachtvollen
Massenszenen, mit unzähligen dekorativen Episoden, und mit einem
einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt wird, dessen Gegenwart, wie
ein ruheloser Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen,
fühlbar ist, dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit, Anstraffen der
Nerven ringsumher verbreitet, und Prunk und Glanz und hohes Erwarten:
der Kaiser.