der Landschaft bezwungen. Schreitet den Hügel niederwärts, geht
die Anhöhen zum Wald hinauf: überall sieht man die Kirche, sieht
ihre drei stolzen Türme emporragen. Sie beherrscht das Land! Man
schaut in dies Gewimmel von zahllosen Menschen, schaut auf die
Wagen, die von allen Seiten heranrollen, auf das Treiben vor den
Buden, und man versucht ein paar Namen zu denken, versucht sie laut
auszusprechen, hier in dieser vom Duft des Weihrauchs, vom Geläute
der Glocken erfüllten Luft: Friedrich Schiller ... richtig, den hat
ja ein strebernder österreichischer Geistesritter neulich im Wiener
Rathaus zum Katholischen gemacht. Zum Ehrenbürger von Mariazell.
Aber andere: Pasteur ... Nietzsche ... Oder: Ojama ... Togo ... oder
Stendhal ... Maupassant ... Zola ... Sie haben hier einen fremden
Klang, wie von weither, aus fernen Ländern, die gar nicht an diese
Landschaft grenzen. Namen aus dem neunzehnten Jahrhundert, das hier
noch nicht, noch lange nicht angebrochen ist. Namen, die man aus einer
Erinnerung holt, aus einem Bewußtsein, das selbst einzuschlummern
beginnt, hier in Mariazell. Dort aber zieht am Saum des Waldes, eine
neue Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen, die sich bauschen,
rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten. Gesang und
Glockengeläute. Nächstens aber kommt die Eisenbahn auch hierher, und
die Massenzufuhr per Dampf, die sie in Lourdes jetzt eingestellt haben,
lebt in Steiermark wieder auf. Dann wird man rascher noch als jetzt,
und mit allem modernen Komfort aus der Jetztzeit, in die Vergangenheit
hineinfahren können.
RADETZKY
In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky. Sein Klang hat etwas
Couragiertes. Er tönt wie heller Trommelschlag, und eine Trompete
schmettert dazu. Der Name ist unter uns wie ein lebendiges Wesen;
scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der ihn getragen,
der ihn berühmt gemacht, der ihm so viel Lebenslicht verliehen hat, ist
nun ein halbes Jahrhundert tot.
Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine Gestalt. Alle Gestalten
dieser Art sind uns in weite Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine
Feldherren. Vier Dezennien Friede, Aufwachsen und Absterben von
Generationen, und keinen sahen wir, der durch den Dampf und Donner
der Schlachtfelder seinen Willen trägt, der dann heimkehrt, in seinem
Aug' den Glanz des Sieges, den dunklen Schein vergossenen Blutes, und
um seinen Mund den eisernen Zug vollbrachter Taten. Wir haben solche
Männer nicht erlebt. Da ist, in weiter Ferne, nur diese Gestalt, deren
Menschliches fast schon zu zerfließen beginnt, sich in Volkslied und
Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit sich in ein Emblem wandelt, zum
Motto wird, zum Ausruf, zum Feldzeichen.
Sein Menschliches ... »... ein kleiner Mann mit einem unbeschreiblich
ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.« Graf Schönfeld, der als
Ordonnanzoffizier bei ihm war, schildert ihn so. Und wie aufmerksam
man auch die Bildnisse, die von ihm da sind, betrachten mag, man
findet nicht mehr. Ein altes Soldatenantlitz, gesammelt und ruhig.
Ein österreichisches Gesicht, das unter dem Schimmer der Gemütlichkeit
alles birgt, was an Härte, an Schwung oder Geist von anderen Mienen
sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache Greisenantlitz an und
verklärt es in dem Gedanken an sein Schicksal. Die militärischen
Gelehrten können seine Begabung messen, das, was sein Feldherrengenie
war, was wir nicht verstehen, was wir als ein Gegebenes hinnehmen und
nach dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal können wir erfassen,
dieses ungewöhnliche, fast ungeheure Schicksal; können die Größe seiner
Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines Wesens, der noch heute
anhält.
Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt. Das ist schon Schicksal.
Wie es ja ein Schicksal ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in
eine friedsame Welt zu kommen. Auch unserem Zeitalter sind sicherlich
Feldherrn geboren worden, Genies vielleicht. Warum sollen wir daran
zweifeln? Sie wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden demnächst
sterben, und niemand weiß von ihnen. Sie hätten glanzvolle Siege
erfochten, aber da niemand kämpfte, konnten sie weder fechten noch
siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht verbraucht werden.
Einen großen Schauspieler, der niemals spielen, einen genialen Maler,
der niemals malen darf, können wir uns nicht denken. Aber einen großen
Krieger, der niemals Krieg führen darf, müssen wir uns vorstellen
können. Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich zu werden;
und der seine Unsterblichkeit muß hindorren sehen.
Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm klirrte. Er hat noch
gegen den letzten Feind des alten Österreich gekämpft, gegen die
Türken. Und er hat gegen den ersten Gegner des neuen Österreich
Krieg geführt, gegen die Italiener. Er hat, als junger Offizier,
den jähen Stoß des jungen Bonaparte erlebt, hat es miterlebt,
wie der neuerstandene Franzosenfeldherr in Italien einbrach, die
österreichische Armee überrannte, und er hat dann auf diesen selben
Schlachtfeldern der Lombardei die österreichische Armee zum Siege
geführt, lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen verrauscht und
verblaßt war.
Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des Schützen zur Welt
gekommen. War's eine Vorbedeutung, dann hat sie sich wunderbar erfüllt.
Denn kaum ein anderer ist vom Schicksal so aufgespart worden wie er.
Sein Ruhm beginnt, wo das Leben der meisten Menschen längst zu Ende
ist; seine größten Taten heben erst an, wo das Tun anderer Menschen
längst kraftlos geworden. Er hat siebzehn Feldzüge mitgemacht, wurde in
vielen Schlachten verwundet, hat mit einer Tapferkeit gefochten, die
selbst in den tapferen, an Bravour so reichen Napoleon-Jahren Aufsehen
erregte. Aber wäre er damals gefallen, nur die Regimentsgeschichte
hätte seinen Namen bewahrt. Er hat in den dreißig Friedensjahren, die
auf Waterloo folgten, den österreichischen Truppendienst reformiert,
daß Russen und Preußen daran ein Muster nahmen. Aber wäre er als ein
Achtzigjähriger gestorben, nur die Kriegswissenschaft hätte ihn gekannt.
Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant nach Olmütz, glaubt
sein Lebensabend sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten
Ruhestand sich nähere. Und ist drei Jahre später in Mailand. Wird dort
siebzig und achtzig Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl Alberts
ganz Oberitalien insurgieren, sagt der einundachtzigjährige Radetzky:
»Ich werde das Blut beweinen, das fließen muß, aber ich werde es
vergießen!«
Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er siegt in Schlachten,
die wie in einem Jugendrausch geschlagen werden, siegt bei Verona,
Curtatone, Santa Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf bezwingt
er die Piemontesen und sagt bei Novara, in das Kampfgewühl schauend:
»Gott sei Dank, sie laufen!« Dem Adjutanten, den er dann zu Viktor
Emanuel sendet, mit der Botschaft, er bewillige dem geschlagenen König
eine Unterredung, sagt er lächelnd: »Er darf schon ein bisserl Wind
machen ...« Auch für den, der nicht militärisch fühlt, der nur aufs
Menschliche blickt, hat dieser kämpfende Greis einen unbeschreiblichen
Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen wäre.
In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und Viktor Emanuel zusammen. Um
ungestört sich zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. Rings
im Kreise stehen die Suiten und schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit
einer Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein Kammerdiener, der
Karl, der das lose Maul hat, und der sich ungeniert zu den Offizieren
gesellt: »Wenn er nur nicht nachgibt, der Alte! Hab's ihm heute beim
Anziehen noch eigens eingeschärft.«
Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, als
Siebenundachtzigjähriger, schreibt er seiner Tochter aus Verona jenen
merkwürdigen Brief, der anhebt: »Den siebenten Ball, sehr zahlreich und
animiert ... Die Herzogin von Parma tanzte bis drei Uhr sehr munter,
die Toiletten der Damen sehr gesucht und elegant ... den Kotillon
tanzten etliche fünfzig Paare ...« Jenen beispiellosen Brief, in dem
es wenige Zeilen nach dem Ballbericht heißt: »Zehn tote Soldaten mit
ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen ...« (wurden in Mailand
gefunden). Jenen Brief, der mit den Worten schließt: »Wenn meine
Anträge genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt -- dann wehe Mailand!«
Als er dann -- 1857 -- die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhält,
sendet er seiner Tochter eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts
und schreibt dazu: »Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift mit der
geplatzten Bombe ...« Er hat zweiundsiebzig Dienstjahre hinter sich,
ist einundneunzig Jahre alt, und nennt seinen Rücktritt, wie man etwa
ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: eine »geplatzte Bombe«.
Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine das Blut ... aber ich werde
es vergießen.« Der nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier
erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind machen ...« Der auf ein und
derselben Briefseite einen Ball beschreibt, die Toiletten der Damen
kritisiert, und zuletzt das »wehe Mailand« hinsetzt. In all dem ist
eine österreichische Mischung von Größe und Gemütlichkeit, von Härte
und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität, die dem Kammerdiener
gestattet, sich's einzubilden, er habe, wenn über Krieg und Frieden
entschieden wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer Art
ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, von allem Pathos ferne
Manier, mit der dieser Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten
unter seinen Offizieren: »der Alte!« nennen darf, ohne daß der Respekt,
ohne daß die Verehrung dabei Schaden leidet.
Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. Ein
Militärdienst, der unter Kaiser Josef II. anhebt und unter Franz Josef
endigt. Eine Vitalität, die im höchsten Greisenalter ihre höchste
Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe planvoll wirkendes
Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, ihn von den Türkenkriegen
her durch alle napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende Zeit
geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener Revolution, im Abfall und
Aufstand der Provinzen, die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig
geglaubter Greis überraschend seine Siege erringt, scheint er die
Kraft des alten, für hinfällig und marastisch erklärten Österreich zu
verkörpern und zu beweisen.
Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine Art klingen weiter bei
den österreichischen Soldaten, bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch.
Nicht viele wissen, daß Johann Strauß, der Vater, ihn gedichtet hat.
Niemand fragt danach, ob ihn überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie
eine österreichische Melodie, aus dem Lande selbst entstanden, und ihm
so natürlich, wie nur irgendein Bodenwuchs. Radetzky scheint darin,
beinahe körperlich, fortzuleben, in farbige Töne aufgelöst, scheint
darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner Energie, seiner Tapferkeit
und seinem Talent zur Popularität. Ein hinreißend mutiger Schritt
wie von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn hunderttausend
junge Menschen in hunderttausendfacher Jugendfröhlichkeit einherkämen.
Das Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, Übermut,
Siegesjauchzen, dazwischen, wie ein Echo aus der Ferne, das zappelnde
Modulieren italienischer Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und der Glanz
des Ruhms schimmert in dieser Melodie.
Immer aber scheint sie den einen Namen in uns aufzuwecken und zu
wiederholen: Radetzky. Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen,
scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der Mann, der ihn
einst getragen, der ihm so viel Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein
halbes Jahrhundert tot. Mit diesem Namen aber ist es so, als höre man
noch ein Herz darin schlagen.
THRONREDE
Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der Thron zuletzt hier
aufgerichtet ward, wie heute, in diesem alten Prunksaal, damit der
Kaiser von seinem Herrschersitz aus so feierlich zum Reichsrat spreche.
Eine Formalität. Aber sie bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen
einer Idee, die ihren Tiefsinn und ihren Pomp nicht anders mitteilen
kann, als durch feierliche äußere Zeichen. Daß weiße Straußenfedern den
Baldachin zu des Kaisers Häupten krönen, spricht vom Wappenschmuck,
ritterlicher Helmzier von einst. In der Gegenwart heraldisch beredsame
Vergangenheit. Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt, eine
Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee. Daß der Mann zur
Rechten des Thrones in seinen Händen das blanke Reichsschwert hält,
während der Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der Stadt, die
jetzt im Drang des geschäftigen Tages tausendfältig da draußen diesen
Saal umbraust, denkt man über die Stadt hinaus, weit in die Ferne, zu
anderen Städten, zu den Provinzen, millionenfach bevölkert und belebt,
und öffnet sein Auge dann dem Bilde wieder, das dieser Saal hier
bietet, dann ist dieser ganze Raum hier die Szene einer bedeutenden
und erhabenen Handlung, ist erfüllt von Sinn und Bedeutung, jede Geste
schwer von Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam Gewordenen,
beladen von Erinnerung, von Vergangenheit ganzer Völker, bedeckt
von den Spuren verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man kann
menschliches Gepränge belächeln, kann für sich den äußeren Glanz eines
Schauspiels mit einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit
das Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber es zeigt von wenig Witz,
so witzig zu sein. Und von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher
Lebensfülle zu verkennen.
Man braucht, um von großem Schicksal angerührt zu werden, nur den
Kaiser anzuschauen. Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr
und groß umgibt, bis zur lebendigsten Beredsamkeit aufzulösen. Man
braucht nur den Kaiser anzusehen, um die historische Kraft dieser
Stunde zu empfinden. Wie vieles ist geschehen, seit er -- ein Jüngling
von achtzehn Jahren -- zum erstenmal auf diesem Thron saß. Und wie
vieles liegt vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern des Volkes
redet. Das alte Österreich versank unter seinen Schritten. Unter seinen
Schritten entstand ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein neues.
Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf dem man noch nach Wirkung
strebt, klingt seine Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall.
Dennoch kommt ein Wort, das auf einmal die Distanz zwischen den
versammelten Menschen hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt:
»Wenn mir in meiner frühen Jugend die Aufgabe ward ...« Das Wort Jugend
schlägt warm zu uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit,
mit einer rasch hinhuschenden Ergriffenheit hört man den Kaiser von
seiner Jugend sprechen. Den alten Kaiser, der dort auf dem Thron sitzt,
ganz wenig in sich versunken, schneeweiß, unter seinem grünbefederten
Generalshut. Dann wieder ein Wort: »Durch die Gnade der Vorsehung war
es mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker zu führen.« Von
seiner Jugend und von seinem Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf dem
Throne haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben in ihren Worten
keinen Anklang an persönliche und irdische Dinge, sondern stehen da als
Repräsentanten eines Prinzips mehr denn als Menschen. Diese Worte aber
sind menschlich, persönlich, irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser
in ihnen tiefer zu den anderen Menschen herabneigen würde, als käme er
ihnen, die da um seinen Thron geschart sind, in diesen Worten näher.
In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem Kaisersitz der Jüngste
gewesen, ist er der Älteste heute. Mögen auch etliche im Saale
sein, die der Jahre um einige mehr zählen als er. Dennoch ist er
der Älteste. Denn die anderen haben ihre Jugend, ihre von aller
Verantwortung leichte Jugend gehabt, aus einer zwanglosen Tiefe erst
später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte übend für die Höhe.
Er aber ist als Jüngling schon da oben gestanden. Wie viele hat er
im Besitz der Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie viele
brachen unter der Last, die auf ihre Schultern gelegt war, zusammen.
Wie viele sind hier aufrecht an des Thrones Stufen gestanden, als
seine Ratgeber und ersten Diener, und sanken erschöpft darnieder,
während er dort oben ausharrt und frisch bleibt. Als er zum erstenmal
hier zu dem neuen Parlament sprach, stand Schmerling da, in voller
Mannesblüte. Schmerling ... wie aus verschollenen Fernen klingt dieser
Name heute nur noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust, dann
Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe. Einst war das Gegenwart,
Leben, Wirklichkeit. Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den
Schritten der neuen Männer. Doch unter dem Baldachin, der wie einst
seinen fürstlichen Federschmuck zur Decke hebt, thront über den neuen
Männern der alte Kaiser.
Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten seiner Räte wie
ihr Sohn, und sie standen vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten
alle, die hier im Saale sind, wie seine Söhne zu ihm heran, und er
ist wie ein Vater über allen. Da sind die neuen Abgeordneten, die
das neue Wahlrecht hergebracht hat. So viel Jugend, so viel Frische
und erste Manneskraft war selten noch in einem Parlament, in einem
österreichischen Parlament noch niemals beisammen. Männer von dreißig
bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen, sind wenige unter ihnen. Früher
war's eine Versammlung von Grauköpfen, jetzt sind die grauen Haare
selten. Die Minister fast alle knapp über fünfzig; ungefähr in dem
Alter, in dem jetzt der Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe
alle, die hier des Kaisers Wort vernehmen, die seine Regierung führen,
die in seiner Gesetzgebung mitreden, wurden geboren, wuchsen auf,
wurden Jünglinge, Männer, während er auf seinem Throne saß. Während er
die Krone trug und die Bürde des Herrschens, zogen Geschlechter auf
Geschlechter an ihm vorbei. Die Generation, die er vorfand, als er das
Zepter ergriff, schwand dahin und liegt jetzt in ihren Gräbern. Und die
Generation, die zum Dasein erwachte, als er schon ein Menschenalter in
diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte, tritt jetzt zu ihm heran
wie ein Geschlecht von Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm zugleich
ins Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen, und was von
ihnen die Augen noch offen hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich.
Einen nach den anderen hat er in diesen letzten Jahren zum Ausrasten
beurlaubt, mit freundlichem Dank verabschiedet, mit guten Wünschen für
den Ruhestand. Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm, die von jeher
mit ihm Schritt gehalten. Er entbehrt die langgewohnten Weggenossen
und bedarf für sich selbst keiner Rast. Hier im Saale ist einer, der
gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein Jahrzehnt ist er jünger
als der Kaiser, schlürft die Wonne des Herrschens seit drei Lustren
erst, und schon hat ihn die malmende Schwere der Macht gebrochen.
Verwüstet von Würden, verbraucht vom Regieren, zersplittert, erlahmt
und verwelkt auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und schreitet
selber aufrecht durch den langen Saal, sprengt hoch zu Roß über weite
Manöverfelder. Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt hat.
Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche Treiben denkt, das er
fast sechzig Jahre lang von der Höhe des Thrones herab betrachtet.
Wüßte man, wie er über menschliches Herrschen denkt, das er fast
sechzig Jahre lang geübt hat, gehüllt in den ältesten Purpur Europas.
Und mit welchem Gefühl er die Wandelbilder seines Lebens in der
Erinnerung überschaut, wieviel von seinem Ich er als Gegenwart,
wieviel als Geschichte empfindet. »In meiner frühen Jugend ...« Mit
fernem Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen Worten. Und ein
unermeßliches Schicksal tritt aus ihnen hervor.
Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und menschlich feierlich
zugleich. Denn die jungen Menschen, die hier standen, werden sich
in späten Jahren der Stunde noch erinnern, da sie den alten Kaiser
sahen, das freundliche, lebenslang uns allen vertraute und gewohnte
Antlitz, schneeweißen Bartes unter dem Generalshut, diese feine
Fürstengestalt, umwittert von dem Hauch großartiger, tragischer und
seltener Erlebnisse. Und wie er in dieser Stunde, nahe am sechzigsten
Jahre seiner Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie er milde,
abendlich leuchtende Worte von seiner Jugend und von seinem Alter
sprach, konnte man für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare, fern
über alle hinschwebende Stimme hineinhorchen.
»GEWEHR HERAUS!«
Wie ein hoher fürstlicher Saal ist der innere Burgplatz. Wundervolle
Stille umfängt einen, wenn man aus dem Straßenlärm hereinkommt und es
ist, als sei man hier in der imposanten Leere einer herrschaftlichen
Antichambre. Man spaziert umher, verrastet Aug' und Sinne an der
vornehmen Ruhe dieser Mauern, wird langsam und ganz unmerklich von
einer ehrfürchtigen Stimmung beschlichen. Das Kaiser Franz-Denkmal
steht da, wie ein einsames Zierstück in einem ausgeräumten Prunkgemach.
Überall Strenge, steinerner Ernst. Nur die Uhr auf dem First des
Amalien-Traktes blickt auf die eingeschüchterten Untertanen herab wie
ein rundes freundliches Antlitz.
Als kleiner Junge habe ich mich hier oft herumgeschlichen. Alle kleinen
Jungen in Wien tun das. Hier ist die Kaiserwache. Da steht die Fahne,
lehnen an schwarzgelber Barriere die Flinten, und besonders: da sitzen
auf einer langen, die graue Burgmauer hinlaufenden Bank die Soldaten,
daß man sie in aller Muße betrachten mag, was ja in jenen guten Tagen
ein unerschöpflicher Genuß ist. Der Offizier promeniert, die goldene
Feldbinde um den Leib, vor der Wachstube, und man beneidet ihn sehr.
Der Mann am Posten geht, das Gewehr geschultert, aufmerksam auf und ab.
Alle warten. Der schöne, stille Platz ist wie von atemloser Erwartung
erfüllt, und von gespannter Neugierde.
Einmal war ich mutiger und trat zu dem Posten, um ihn genauer zu
betrachten. Er stand dicht vor der Fahne und ich ganz nahe vor ihm und
bestaunte ihn in seiner Rüstung und in seiner herrlichen Strammheit.
Hatte nur ein wenig Angst, er würde mich wegjagen oder gar einsperren.
Wich aber doch nicht vom Fleck. Er schob mit einem Achselzucken das
Gewehr zurecht, reckte sich kerzengerade auf, blinzelte mit stumpfem
Blick seitwärts in die Höhe. Ein sonngebräunter, pausbackiger,
eisenfester Bauernbursch. Plötzlich stieß er ein hirnerschütterndes
Geschrei aus. Gänzlich unvermittelt. Ich sah nur, daß sein breites
Gesicht im Nu völlig auseinanderging, daß sein Mund sich auftat,
wie ein ungeheurer schwarzer Rachen, aus dem dieses schreckliche
Gebrüll hervordonnerte. Entsetzt war ich zurückgesprungen, und in der
blitzartigen Überlegung der ersten Sekunde meinte ich, er sei aus
heiler Haut rasend geworden, oder weil der Mann es vielleicht nicht
ertragen könne, angeschaut zu werden, sei nun durch meine Schuld ein
toller Schmerz in ihm erwacht und entreiße ihm diese gellenden Töne,
davon der ganze Platz widerhallte: Ge...wäh...rähr...rrrr...a...aus!
Dann aber, als die anderen Soldaten eilig nach ihren Waffen sprangen,
sich in Reih und Glied stellten, der Offizier den blitzenden Säbel aus
der Scheide holte, und als die Trommeln zu wirbeln begannen, merkte
ich, daß alles in Ordnung sei. Und gaffte überwältigt dem goldenen
Wagen nach, der majestätisch zum Tor hinausfuhr.
Viel mehr als den Wagen, dessen Radspeichen vergoldet sind, kriegt
man ja auch sonst nicht zu sehen. Höchstens, daß noch des gleichfalls
goldgeschirrten Leibjägers weißer Federbusch, der so stolz im Winde
flattert, als Augenweide gelten kann, und daß man sich der prachtvollen
Pferde freut, die im Laufen so nobel mit dem Kopf nicken. Dann ist
alles wieder vorüber. Der Trommelwirbel verklingt, der Schnarrposten
schweigt beruhigt, die Soldaten sitzen wieder harmlos da. Es ist nichts
vorgefallen, und man kann auch keinen weiteren Eindruck mit nach Hause
nehmen, als daß die Mächtigen dieser Erde nicht über die Straße können,
ohne daß sich vor ihnen ein helles Geschrei und ein gewaltiger Lärm
erhebt.