Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal armer, alter Frauen,

dessen Dielen Weichholz sind und dessen Plafond an fürstliche

Prachtgemächer erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! Wie

nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt man sich hier! Wie viel

verbrauchtes Leben, vollendetes Schicksal, überstandene Sorge, wie

viel Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung, wie viel

endgültiges, demütigendes Verzichten, wie viel Abschiedsschmerz atmet

hier, wo die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr Stündlein

zu warten!

Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern und schauen in die Kirche

hinunter, mit stillen, erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so

undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren Betten und verstricken

den Sommertag, oder wirtschaften mit einem enormen Aufgebot

selbsttäuschender Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.

Wie das Alter ertragen wird, kann man hier merken auf Schritt und

Tritt. Wie die einen gelassen sind und beschwichtigt, die anderen

in beständiger Aufregung, andere verzweifelt, andere beschämt und

verschüchtert, andere wieder fröhlich. Sie alle zusammen aber recht

egoistisch und zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein Greis

über den Hof, trägt stolz seine Medaillen und raucht lächelnd sein

Pfeifchen. Zwei andere aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach

und beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt eine Gruppe. Sofort

finden sich die übrigen zusammen, ziehen über sie los, so ungeniert,

daß die Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist es gewohnt,

kümmert sich nicht darum und macht es offenbar, wenn es die Gelegenheit

gibt, auch nicht anders.

Beruhigt sind die Menschen auch hier noch nicht. Das kommt doch wohl

erst, wenn jeder für sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und

wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und bereden kann. »Was man

da alles hört ...« sagt eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr

aufmerksam lauscht. »Gestern hat die Huber mit der Berger g'stritten,

weil der Meyer ihr zurückg'sagt hat ...« Und ihr vergilbtes, kraftloses

Gesicht leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten zu

berichten. Erstaunt betrachte ich sie, wie sie auf dem Platz unter

der Linde stehen, alle beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein

paar Schritte weiter hinauf, und man überblickt die Karthause, wie sie

eingebettet, im tiefen Wald, mitten in den Bergen hier einsam liegt.

Da glaubt man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben und alles

Geschehen stille. Und auf einmal sagt jemand: »Was man da alles hört!«

In Mauerbach ...

DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH

Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch den lang hingestreckten Lärm

der Mariahilferstraße; durch diese Stromschnellen des Mittelstandes,

der hier in hunderttausend Alltäglichkeiten uns umschäumt. Draußen bei

den letzten Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich aufginge.

Da öffnet sich das Land, da wird der Himmel weit; von ferne schimmern

die Höhen des Wienerwaldes und durch die Luft weht der Atem des Mai.

Seitab der Straße, jenseits der Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu

uns herauf. Über das Schloß hinaus prangt die feierliche Anmut der

Gloriette am Firmament. Wir fahren durch das stille, noble Hietzing.

Blühende Gärten, Sommerpaläste aus den Tagen der Maria Theresia,

Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter hinaus durch Lainz

und Speising, alte Bauerhütten und neue Cottagevillen. Wir fahren am

Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine Ortschaft Mauer, dann

noch eine enge gewundene Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der

Flieder duftet. Auf der Graskuppe droben rasten die Pferde ein wenig.

Nun sind wir den Bergen nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder

zu uns her. Vor uns in der Tiefe, an die ersten Hügel geschmiegt,

weißblinkend das Dorf Rodaun.

Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende Auffahrt. Fiaker, Equipagen,

Automobile, Kutschierwagen. Beinahe wie vor dem Lusthaus im Prater

oder vor dem Pavillon d'Armenonville im Bois de Boulogne. Dies ist

nichts als ein altes Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der

Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein paar behagliche altmodische Stuben,

allerlei neuer Zubau an Veranden und Terrassen. Ein Garten, der den

Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt. Dreißig Wirtschaften gibt

es im Wienerwald, die schöner und lieblicher gelegen sind als diese

hier. Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig anderen hier

herum an Reiz übertroffen. Hier ist auch kein Ausgangspunkt, hier führt

kein Weg zu populären Landpartien. Man kommt eben nur heraus, um beim

Stelzer zu sein. Der ganze Garten schwirrt von eleganten Menschen.

Alle sitzen da unter den blühenden Kastanienbäumen und trinken Kaffee,

sitzen dann im oberen Garten und soupieren.

Kleine Buben in Uniform, von Vater und Mutter, von Schwestern und

Tanten umgeben und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade,

ihre Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, zwölfjährige Buberln,

fünfzehnjährige, sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr wie die

Theresianisten angezogen. Österreichischer Offiziersrock, silberne

Litzen am Kragen, österreichische Offizierskappen. Brave, saubere

Gesichter, die manchmal die Züge bekannter Familien tragen. Der Kleine

da mag ein Liechtenstein, der andere hier ein Auersperg sein, der

hübsche Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben werden nebenan

in der Jesuitenschule erzogen. Fünfzig Schritte vom Stelzer liegt das

Kalksburger Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, die jetzt schon so

offiziell und so österreichisch aussehen.

Kalksburg ... in dieser Küche wird der österreichische Geist

zubereitet, wird gemischt und gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In

die Jesuitenschule gehen alle, die geboren sind, dieses Land zu

regieren. Katholische Verhaltenheit, Kunst des Lavierens, innerliches

Gebundensein, Technik der kleinen Lüge und der feingesponnenen

Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und Gehorsam, Andacht,

Aberglaube, Snobismus, Weisheit und Mißtrauen, Liebe zu allem

Hergebrachten, Widerstand und Tücke gegen alles Neue, und noch viele

andere Dinge werden hier in die Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei

uns sogleich begreift und erkennt, wenn man nur »Kalksburg« sagt. Hier

wuchsen die Gegner Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister

des Kaisers Franz, die Diplomaten des Kaisers Ferdinand, die Ratgeber,

Botschafter und Statthalter Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen

sie ihren Weg.

Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. Hier ward, in der Kalksburger

Jesuitenschule, der staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger

Monarchie vom Deutschen Reich löste, der nach Achtundvierzig die

Reaktion verhängte, der auf den lombardischen Schlachtfeldern

unser Blut vergoß, der gegen das protestantische Preußen trieb

und uns zu Königgrätz brachte. Hier wird das pfaffenbeherrschte,

christlich-soziale Österreich jetzt machtvoll wieder aufgerichtet. In

dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser Adel für Rom und seine

Kirche gerüstet.

Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre Eltern herausgefahren

kommen, um sie zu besuchen, dann werden sie zum Stelzer geführt.

Es ist ihr erster Weg. Dann sitzen sie hier im Garten und essen

Gefrorenes und haben liebe, saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen

wohlwollend dabei, schauen zu, wie es den Kindern schmeckt, und denken

der eigenen Jugend: Kalksburg, die Jesuitenschule, die Uniform und

die Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben werden aufwachsen, werden

dann zur Universität oder auf die Orientalische Akademie gehen, oder

sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern dienen. Dann werden sie

mit ihrer ersten Geliebten, mit einem hübschen Ballettmädel, oder mit

einer herzigen Choristin, oder mit einer französischen Varieteedame

im Fiaker fahren. Über die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß

vorbei, durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, zum Stelzer. Sie werden

irgendeiner Botschaft attachiert sein, in Buenos Aires oder in

Peking, sie werden in die Statthalterei eintreten, bei irgendeiner

Bezirkshauptmannschaft in der Provinz, oder sie werden in einem

Ministerium arbeiten; und wenn sie dann im Frühling auf Urlaub nach

Wien kommen, werden sie wieder im Fiaker zum Stelzer fahren. Sie werden

irgendeine Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich im Wonnemond,

vor dem Derby jedenfalls, mit ihrer Frau beim Stelzer sehen lassen.

Dann kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg zu den Jesuiten

in die Schule müssen, und die kleinen Buben führt man dann wieder in

den Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen zu ihrer Erholung

vom Studium. Sie werden Hofräte und Sektionschefs und Generale und

Leibgardekapitäns, und wenn man an linden Frühsommerabenden unter

freiem Himmel »nachtmahlen« will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren,

dann ist es wieder zum Stelzer. Denn man ist konservativ und treu.

Seinem Gott, seinem Kaiser, seinen Jesuiten, seinem gewohnten Weg und

seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und Exzellenzen und Statthalter

und Gouverneure, halten die Schnüre der großen Politik in der

Hand, haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, mit fremden

Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier oder mit einem Börsenbaron;

Angelegenheiten, die man vorerst ganz vertraulich, ganz privat

behandeln muß und ganz gemütlich. Da gibt man solch einer Konferenz,

in der manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen entschieden

wird, den harmlosen Charakter eines Soupergespräches, den Anschein

zufälliger Begegnung, und man plaudert beim Stelzer draußen in einem

Gartenzelt, wenn's Sommer ist, oder in einer der behaglichen Altwiener

Stuben, wenn ringsum der Schnee auf den Bergen liegt.

In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit Photographien. Prinzen und

Prinzessinnen, ungarische Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische

Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte Tenoristen, populäre Komiker.

Eine Galerie, die verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder ins

Gedächtnis bringt, und Gesichter zeigt, die in den Sechziger- und

Siebzigerjahren des vorigen Säkulums lebendig und bekannt gewesen;

Gesichter, die heute lebendig und bekannt sind. Auf jedem Bild

Unterschrift und Widmung an den Wirt. In diesen Stuben sind Geheimnisse

der Monarchie besprochen worden, diese Wände haben den Klatsch der

großen Gesellschaft gehört und das Flüstern galanter, vornehmer

Abenteuer.

Der schmale Weg vom Kloster her hat die Leute zuerst zum Stelzer

gebracht. Kloster und Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine

uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen sind die Kokotten

gekommen, mit den Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge der

großen Bankhäuser; es kamen die Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam

die prunkvolle Finanzwelt, die Künstler kamen, das Theater, einfach

alle.

In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, ist ganz Österreich

beisammen. Österreichs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die

Männer, die das Land regiert haben, die es regieren und die es

einst regieren werden. Alle zusammen sind sie Schulkameraden von

Kalksburg her. Das sitzt hier beieinander, jetzt, wie in den Tagen des

Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des Sechsundsechzigerkrieges, wie

in den Jahren Radetzkys, wie im Vormärz, als Kaiser Ferdinand noch

regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus wie damals und denkt nicht

viel anders, als man immer schon gedacht hat. Kennt sich untereinander,

ist wie eine große Familie; und der Frühling duftet wie einst.

Wir fahren heim. In den Gärten singen die Amseln, über die jungen

Saaten zuckt der Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt das

kaiserliche Wien vor den berauschten Blicken. Dunst und Staub schwebt

über der Stadt wie ein feiner hellgrauer Schleier, aus dem die

Turmspitzen in der Abendsonne funkeln. Unübersehbar und mächtig ruht

die Stadt in der Ebene, verschwindet am fernen Horizont, als breite

sie sich über das ganze Land hin. Wir schauen zurück in das Tal, das

wir verlassen, sehen die weiße Front des Klosters aus den Baumwipfeln

des alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an den Fuß der Berge

schmiegen. Dort unten haben wir den Extrakt dieser Heimatswelt

geschaut, haben ihr Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift aller

Kapitel ihrer Geschichte und ihrer Romane.

Und die Pferde traben.

MARIAZELL

Einmal muß man's gesehen haben, muß hinter den Bergen gewesen sein,

bei Maria in Zell. Besonders aber wer nach dem tieferen Sinn der

österreichischen Art und des österreichischen Schicksals trachtet.

Dem mag es frommen, wenn er eines Tages den mühsamen Kreuzberg

hinaufwandert, wo dann die üppige Kirche weiß auf grünem Hügel vor ihm

daliegt, eingebettet im Rund der hohen steirischen Gipfel. Da wird ihm

hernach vieles klar. Mariazell ... es ist der Schlüssel zu einer der

innersten Kammern des österreichischen Herzens. Besser wird man in der

Geschichte des Landes sich zurechtfinden, wird seine Gegenwart leichter

entziffern, vielleicht auch in der Zukunft ein wenig lesen können,

wenn man diese Luft geatmet hat, die vom Harzgeruch der Bergwälder

erfüllt ist, vom Duft der Weihrauchwolken, vom Geläute der Glocken, vom

Flattern der Kirchenfahnen und von den Lobgesängen wallfahrenden Volkes.

Hinter Mürzsteg, wo an den Tannenwald gelehnt das kleine Jagdschloß

des Kaisers mit geschlossenen Fenstern schlummert, hinter Mürzsteg

also beginnt die Jetztzeit, das Heute, das zwanzigste Jahrhundert,

so langsam zu versinken. Und bis man in Mariazell ankommt, liegt es

weit, weit zurück. Hinter Mürzsteg betritt man die schmale Straße, die

mürzaufwärts durch die Felsschlucht sich windet. Man betritt sie auf

eigene Verantwortung, denn das Forstärar lehnt es ausdrücklich ab,

für die Wanderer und ihre Sicherheit zu haften. Aber die da des Weges

ziehen, haben sich in einen höheren Schutz als in den eines k. k.

Forstärars begeben, und hoffen auf ihrem Weg zu dem frommen Ziel vor

Steinschlägen bewahrt zu bleiben. Und dieses Hoffen wird bestärkt, wenn

sie beim »Toten Weib« die Votivtafel sehen, die hier daran erinnert,

daß vor Jahren einmal unsere Kaiserin, hier spazieren reitend, in

Gefahr sich befand, aus der sie unversehrt entronnen ist. Dem heiligen

Georg, »equitum patronus«, hat sie hier ein Bild an die Wand heften

lassen. Und die Erzherzogin Valerie hat ein langes Gedicht an den

Beschützer der Reiter daruntergesetzt. Alle Leute lesen es, und ich

hab' es auch gelesen, dieses Gedicht. Aber ich glaube nicht, daß es

erlaubt ist, diese Verse zu kritisieren. Man wird sie wohl nur loben

dürfen, weshalb wir denn auch weitergehen wollen.

Kurz vor Mariazell liest man vor einem kleinen Dorf die Tafel:

»Evangelische Ortsgemeinde.« Dann weiter auf einem sauberen Hause:

»Evangelische Schule.« Weiß Gott, durch welchen Zufall dies

Häuflein Protestanten den Verfolgungen der Gegenreformation und dem

Ausgetriebenwerden entging. Und man müßte hier wohl ein wenig länger

bleiben, um zu sehen, wie sie auf ihrer winzigen lutherischen Insel

hier leben und wie sie zu ihren anderen Landsleuten stehen: besonders

aber diese zu ihnen.

Dann kommt der Kreuzberg, und dann ist man in Mariazell. Von dem

grünen Wiesenhügel, auf dem die Ortschaft mit der Kirche liegt, kann

man weit in die Runde sehen. Da kommen die weißen Straßen von überall

her, von allen Seiten des Landes. Stürzen sich aus der Höhe herab

zur Marienkirche, laufen aus den dunklen Wäldern schimmernd hervor,

gehen durch die Taltiefe in Windungen immer näher heran, gürten den

Hügel mit ihren weißen Bändern und ihrer beflissenen Wegsamkeit.

Überall Pferdegetrappel, Wagenrollen, aus der Höhe, aus der Tiefe,

Peitschenknall und Rufen. Besuche kommen, Besuche gehen. Die Sonne

sank schon hinter den höchsten Spitzen, und in den Turmkreuzen erlosch

das Blitzen ihres Lichtes, da kommt von weitem eine Prozession heran.

Seidene Kirchenfahnen bauschen sich schwer im Abendwind. Rote Fahnen,

blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten, wehenden Bändern. Standarten

der Frömmigkeit, hoch über den Häuptern der Wallfahrer hinschwankend.

Nun sie der Kirche ansichtig werden, beginnen sie zu singen.

Langhingezogene, feierliche Rhythmen. Tiefe Männerstimmen, darüber

der dünne, etwas heulende Sopran der Weiber. Hier draußen im Freien

bekommt der Gesang Luft und Weite, die frische Luft haucht ihm eine

neue Schönheit an, etwa wie sie blassen Wangen höhere Farben anbläst.

Dieser Wallfahrerzug, über den Teppich blumiger Wiesen schreitend, von

der unendlichen Kulisse ragender Bergwälder sich abhebend mit seinen

Fahnen und Bändern, tönend von einem Gesang, dessen Sehnsucht der Wind

aufhebt und hoch im blaßblauen Dämmer in lauter Duft und Zartheit löst,

wird nach und nach mehr, als er in seiner Einzelheit vorstellt. »Das

sind die Floridsdorfer ...« sagt ein Kundiger neben mir. Aber in diesem

Augenblick ist es Stimme und Gebärde eines ganzen Landes, des Landes,

das vor uns sich breitet und das man jenseits all dieser Berge weiß;

ist es Naturlaut und tiefster Herzensakzent dieses Bodens. Mögen es

nachher immer die Floridsdorfer sein.

Die Glocken beginnen jetzt zu läuten. Als Willkomm dem grüßenden Lied,

das die Wallfahrer ihren Schritten vorausschicken. Unter Glockengeläute

folgt dann der Einzug. Glockenläuten, Gesang, Paukenwirbel, Fanfaren,

Fahnenrauschen, Vaterunser. Und jeder Tag sieht solche Einzüge hier.

Jeden Tag schreiten solche Prozessionen in feierlicher Musik durch

die Straßen dieses Ortes. Es ist wie ein beständiges Sommerfest der

Frömmigkeit, wie ein Permanenzdienst der Andacht. Eine unaufhörliche

Frohfeier schwebt auf dieser Ortschaft, die sich üppig, in reichen,

blinkenden Häusern um die Kirche schmiegt. Ein Seelenkurort, der mit

lockenden Buden, mit Gasthöfen, mit gleißenden Kramläden in Blüte

steht. An fünfunddreißigtausend Menschen kommen jahrüber nach Salzburg,

an sechzigtausend nach Luzern, -- um die gesuchtesten Städte zu

nennen. Nach Mariazell kommen etwa hundertfünfzigtausend.

Das Läuten verstummt und das Singen. Betend gehen die Wallfahrer

durch das breitgeöffnete Kirchentor ein. Im Lichterglanz schimmernd,

flimmernd, strahlend, glänzend empfängt sie die hochgewölbte Kirche,

empfängt sie das Marienbild auf dem silberstarrenden Altar; mit ihrem

milden, melodischen Donner empfängt sie die Orgel, und hüllt sie

völlig ein in die brausende Kraft ihrer Stimme. Schwergoldenen Brokat

um die Schultern, empfängt sie der Priester, der vor dem Tisch des

Herrn steht; Weihrauch dampft empor und strömt seinen Duft über sie

hin. Und wegmüde, sehnsüchtige, vollkommen gebannte Menschen knien auf

den steinernen Fliesen, Gesichter, in denen der Fanatismus zu brennen

anfängt, Gesichter, auf denen tiefe Andacht geschrieben steht, Mienen,

die in Bewunderung sich lösen, in unbedingter Hingabe, Gesichter, die

stumpf sind und verschlossen, verriegelt für alles andere außer für die

Überredung dieser Stunde. Und über alle spricht dann der Priester den

Segen. Dominus vobiscum!

Draußen hat sich die Dunkelheit auf die Landschaft gesenkt. Draußen

wartet, mit ihren aufstrahlenden Glühlichtern die weltliche Lustbarkeit

des Ortes. Tische im Freien vor den hellbeleuchteten Gasthöfen.

Die Buden hell beleuchtet, die Schaufenster der Läden, und ein

italienisches Volkstreiben auf den Straßen. Wagen, die abfahren,

Wagen, die kommen. Singende Bursche und Mädchen, Gaffer. Mittendurch,

mit brennenden Kerzen und Lampions der »Lichtlumzug« der Wallfahrer,

wie ein freudiger Reigen. Später dann im Nachtlager der Armen, all

derer, die kein Extrazimmer mieten können, und die auch die langen

Massenschlafstuben zu teuer finden. Mit ihren Reisebündeln, die Kleider

ein wenig nur gelöst, liegen sie auf der gestampften Erde im Freien,

unter halb offenen Stadeln, Wagenschuppen, und der Nachtwind nimmt den

Schlafdunst von ihnen. Dominus vobiscum.

Am andern Morgen das Hochamt; Sonntagmorgen. Die Kirche gedrängt voll,

Marienbilder, von den Prozessionen hereingetragen, stehen vor dem

silbernen Altar, die Fahnen der Wallfahrer. Nach der Messe predigt der

Kaplan, der sie hergeführt hat. Warum sind die Katholiken immer so

lustig, sagt er, und die Protestanten so traurig? Weil die Katholiken

eine Mutter haben, die Muttergottes Maria, und die Protestanten

nicht. Weil die Katholiken die Heiligen haben, ihre Schutzpatrone und

Fürsprecher, und die Protestanten nicht. Und weil die Protestanten sich

von seiner Mutter abgewendet haben, darum hat sich Jesus auch von ihnen

abgewendet usw. Jetzt glaubt man sich's ein wenig vorstellen zu können,

was für einen Stand die kleine evangelische Gemeinde in St. Aegyd bei

Mariazell wohl haben mag.

Wie dann das Hochamt und die Predigt vorüber sind, kann man die

Schatzkammer sehen. Ein hohes Gemach neben dem Orgel-Emporium birgt

in großen Glasschränken, was eben an Juwelen, Perlen, Gold und Silber

ausgelegt ward. Ein fabelhafter, gar nicht meßbarer Reichtum, der hier

ruht. Man könnte unzählige Tränen damit trocknen, könnte ungeheures

Elend in Wohlstand verwandeln, könnte eine kleine Provinz dafür

kaufen. Ein Altarschrein aus massivem Silber nimmt die Mitte ein. Er

ist von Maria Theresia gestiftet und trägt in tellergroßen, schweren

Goldreliefs die Bildnisse ihrer ganzen Familie. Aus allerlei Opfergaben

wurde eine Monstranz gemacht. Vierzehnhundert Edelsteine zieren sie.

Nur noch zu Paris, in der Notredame-Sakristei, sah ich eine ähnliche.

Sie war ganz aus weißen, funkelnden Brillanten, und man war geblendet,

wenn man sie nur ansah. Unsere Kaiserin hat das Medaillon hierher

gestiftet, das sie bei jenem Unfall in Mürzsteg trug. Rubinen und

Brillanten. Auf Kaiser Ferdinand wurde in Baden einmal geschossen.

Maria Anna ließ aus purem Gold ein Büschel Eichenblätter formen und die

Kugel des Attentäters in die goldene Eichel kapseln. Außerdem gab sie

eine Perlenschnur von einer wahrhaft kaiserlichen Pracht und Größe.

Unzählbar sind die Perlenschnüre, die Brillantringe, die Broschen,

Münzen, Orden, Korallen und andere Kostbarkeiten.

Oben auf den Galerien und Treppenhäusern, die rings um das Hauptschiff

der Kirche führen, sind die Wände dicht mit Votivbildern behangen.

Wunderbare Rettungen, wunderbare Heilkuren, aufgemalt zum Dank und

Gedächtnis, und allen Zweiflern zur Schau. Da liegt ein abgezehrtes

Kind im Bett, dort ein Vater am Verlöschen, hier eine Mutter in

Todesnot. Die Angehörigen stehen verzweifelt im Kreise, und der

Arzt in ihrer Mitte, achselzuckend, bedauernd, ratlos. Die Ärzte

spielen überhaupt eine trübselige Rolle in dieser großen seltsamen

Bildergalerie. Man kann faktisch alles Vertrauen zu ihnen verlieren.

Noch einmal schaut man in der Kirche unten zum Altar hin. Ein

breites Gebäude aus leuchtendem Silber, dessen Front oben vom

kaiserlichen Doppeladler gekrönt wird. In der Tiefe des Schreines, von

ungewissem Kerzenschimmer überfunkelt, ein Marienbildnis. In seidene,

goldgestickte Gewänder gehüllt. Oben in der Schatzkammer liegen noch

mehr als hundert andere Kleider für das Heiligenbild, aus Brokat, aus

Atlas, aus Sammet, mit Dukaten benäht, mit Silber und Perlen bestickt.

Das österreichische Antlitz: Essays · 第 8 / 12 段