des Verstandes angestrafft werden müssen, wie viele edle Kräfte
des Körpers, wenn Sie erwägen, mit welcher Gewalt sich ein Mensch
immerfort zusammenfassen muß, damit er fähig werde eine Technik zu
erwerben, und wie tief er in sein eigenes Selbst muß schauen können,
damit er +seine+ Technik erringe, dann werden Sie gerne verstehen,
daß es vor allem die Arbeit ist, die mich an Kainz bezaubert. Diese
wunderbar funktionierende Arbeit voll jeder Lust an der schwersten
Bravour. Dieser Schauspieler besitzt sich selbst in jedem Augenblick.
Sein ganzer feiner, komplizierter Organismus gehört und gehorcht
seiner Arbeit und er beherrscht ihn so, daß sein Künstlerwesen keinen
Augenblick in jene demütigende Abhängigkeit gerät, welche die Schwachen
Stimmung nennen. Er hat ihn so vollkommen entwickelt, daß es keine
ungenützten Reste, keine versäumten und verschleuderten und verlorenen
Möglichkeiten bei ihm gibt.
Manchmal läßt er diesen Organismus sozusagen leer laufen, läßt diese
brillant funktionierende Technik einfach absurren. Sie haben ihn ja
selbst schon an solchen Abenden gesehen, und Sie werden den Zustand,
in dem er sich da befindet, gewiß nicht mit jenem verwechseln, den
ich oben Stimmung genannt habe. Es ist, als zöge er sich gleichsam
aus seiner Arbeit zurück, als nehme er ihr sein Seelisches. Aber
es ist kein Erliegen, kein Gelähmtsein, welches den Künstler unter
sein Wollen, unter seine Aufgabe wirft und ihn am Schaffen hindert.
Vielmehr ist es ein innerliches bewußtes Sichabwenden von einer längst
gelösten Aufgabe; vielmehr ist es das unwillkürliche Abfallen des
Schöpfers von seinem vollendeten Werk.
An solchen Abenden, aber manchmal auch in Augenblicken des Glanzes,
manchmal auch an dem von plötzlicher Gleichgültigkeit wie gehöhlten und
berstenden Klang seiner unermeßlich reichen Stimme ist es zu spüren,
daß dieser Schauspieler, der an der äußersten Grenze des Meisterlichen
steht, anfängt, über seine Kunst hinweg zu leben, daß es ihn über die
Grenzen seines Berufes hinwegzieht, über diese Grenze hinaus bangt
-- irgendwohin. Er ist so hart bis an den Rand jeglicher Erfüllung
gestiegen, daß er sich manchmal schon von der Dämonie des Vergeblichen
angehaucht fühlt. Diese Existenz jenseits aller erlebten Reife ist die
subtile Tragik seiner Gegenwart und das Problem seiner Zukunft.
MENAGERIE IN SCHÖNBRUNN
Vor wenigen Jahren gab es fünf oder sechs junge Bären in Schönbrunn.
Herzige kleine Dinger, die in ihrem frischen Wollpelz aussahen, als
trügen sie zu weite Hosen. Alle schienen sie, mit ihren fröhlichen
Ohren, mit den weichen, hilflosen und doch so geschickten Bewegungen,
und mit den listig schmunzelnden Schnauzen wie geborene Komiker. Man
hatte die ganze Gesellschaft in einen Zwinger gesteckt; da spielten
sie, rauften miteinander, kugelten und balgten sich. Es war die
richtige Kinderstube. Wie dann die Leute anfingen, sie zu füttern,
wurden die kleinen Bären gewerbsmäßige Bettler; saßen beständig
nebeneinander am Gitter, jammerten und stöhnten, als müßten sie Hungers
sterben, wenn sich von den Vorübergehenden niemand ihrer erbarmte. Und
je mehr Zulauf sie hatten, desto herzbrechender wurden die Klagen, die
sie anhoben. Noch mit dem Bissen im Maul fuhren sie fort zu wimmern,
daß die Mildtätigkeit nur ja nicht erlahme und keiner denke, so vieler
Kummer sei mit geringem Almosen gestillt. Durch ihren Erfolg verlockt,
begannen die japanischen Bären gegenüber ein Konkurrenzgeschäft und
stimmten ein originelles Flennen an, das geradezu Aufsehen erregte.
Es war ein ganz dünnes, zimpferliches Weinen, tremolierend, atemlos,
und boshaft, wie von jemandem, der friert und der sich ärgert. Aber
dieses Ehepaar hatte auf die Dauer kein Glück, denn es war ein düsteres
Familiengemälde, das sich hier bot. Der Mann, ein ausgemachter
Heuchler, schlug seine Frau in aller Wehmut, so oft sie einen Brocken
erhaschte. Wimmernd und wehklagend mißhandelte er seine Gefährtin und
nahm gerührt alles für sich allein.
Dann kam ein Wolf in die Menagerie. Der saß eines Tages hinter Schloß
und Riegel und festen Eisenstäben und war sehr unglücklich. Denn
er war ein Wolf, der einst bessere Tage gesehen hatte. In seiner
Jugend war er irgendwo bei einer guten Frau wie der Hund im Haus
behandelt worden. Das ist enorm viel für einen Wolf, und er konnte der
glücklichen Zeit nicht vergessen. Die Behörde war eingeschritten, und
in ihrer unerschöpflichen Weisheit hatte sie entdeckt, ein Wolf sei ein
reißendes Tier. Also vertilgen oder ihn vorschriftsmäßig unterbringen.
All seine Sanftheit half nichts; es half nicht, daß er gehorsam
auf jeden Ruf herbeigelaufen kam, nicht, daß er mit bestrickender
Liebenswürdigkeit wedelte, nicht, daß er -- an gekochtes Futter
gewöhnt -- das blutige Fleisch verschmähte, es half nicht, daß er sich
streicheln ließ und zärtlich die Hand zu lecken verstand; er wurde als
reißendes Tier eingesperrt. Es war einfach ein Justizmord. Dazu gab man
ihm einen ungezähmten Gefährten. Offenbar um einen ordentlichen Wolf
aus ihm zu machen. Er blieb sanft. Er duldete die Bisse und Schläge
seines Zellengenossen und konnte nur weinen. Der Kaiser hat ihn einmal
auf einem Morgenspaziergang jammern gehört, fand ihn blutig und
hilflos und befahl, daß der gute Wolf vom bösen befreit werde.
Dann gab es einen weißen großen Kakadu in Schönbrunn, der ein Simulant
war. Hatte er Zuschauer, begann er sofort mit seiner Komödie. Er besaß
eine kunstvolle Art, langsam und mit vielen Umständen seine Kette
um Hals und Kopf zu winden und sie außerdem an der Kletterstange zu
verwickeln, so daß es den Anschein hatte, als habe er sich unversehens
stranguliert. Hing er endlich in der selbstgedrehten Schlinge, dann
erhob er mit einemmal ein gottsjämmerliches Schreien und Kreischen,
schlug mit den Flügeln, als stünde sein qualvolles Ende bevor. Immer
saß irgendwer diesen gellenden Hilferufen auf und lief nach dem Wärter.
Die Zurückgebliebenen bedachten indessen erregt, ob der arme Vogel wohl
so lange noch leben könne. Wenn er aber merkte, daß nun die Spannung
ihren Gipfel erreicht habe, oder wenn ihm jemand beistehen wollte, zog
er plötzlich den Kopf aus der verschlungenen Kette, schwang sich auf
seine Sprosse und schaute ganz still und ruhig umher, als sei nichts
geschehen.
Dann gab es einen Löwen, der sich gemütlich ans Gitter preßte und
sich die Mähne krauen ließ. Nach einer Weile aber fuhr er mit
erschrecklichem Fauchen herum, schlug mit den Tatzen nach dem
freundlichen Wärter und benahm sich so recht als ein großer Herr, der
treue Dienste mit grausamer Undankbarkeit lohnt.
Früher bin ich alle Tage in den Schönbrunner Garten gegangen und
am liebsten bei den Tieren gewesen. Die vielen großen und kleinen
Tragödien, die sich hier abspielen, all die lustigen Zwischenfälle, die
drolligen Episoden, diese verschiedenartigen Äußerungen und Anzeigen
einer zwar deutlich wahrnehmbaren, für uns aber unverständlichen und
geheimnisvollen Vernunft können stundenlang aufregen oder erheitern.
Jetzt sind die Bären erwachsen, und nur ein einziger kleiner Kerl
wohnt in der Kinderstube von damals. Die japanische Konkurrenz hat
sich beruhigt und führt ein ziemlich friedliches Dasein. Der arme Wolf
wird immer noch nicht müde, seine Unschuld zu beteuern; begrüßt jeden
mit demütiger Gebärde und sitzt den ganzen Tag mit sehnsüchtigen Augen
da. Heute wissen ja alle, daß er zahm, lieb und ungefährlich ist.
Trotzdem muß er hinter Gitterstäben bleiben; nur weil er ein Wolf ist.
Aus keiner anderen Ursache. Und so mancher bissige Hund läuft frei
umher, wird geachtet und geehrt. Aber wer kann eingewurzelte Vorurteile
besiegen? Da gibt es denn nichts Verfehlteres im Leben als einen Wolf,
der mit den Wölfen nicht heulen will.
Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und foppt die Leute, so
oft es ihm gefällt. Dem Löwen aber hat man, wie es scheint, seine
Herrenlaunen abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch ihre lange
Gefangenschaft. Ihnen allen ist die Menschenfurcht von den Mienen
zu lesen. Aber verändert sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal
revoltieren sie, und solche Augenblicke, in denen ihre wirkliche Natur
hervorbricht, sind von einer wunderbaren Gewalt.
An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen unruhig in ihrem Käfig
umherlaufen oder stehen bleiben, das Haupt tief herabgesenkt,
aufmerksam witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und die
ungenützte Kraft in seinen Flanken zittert; und wenn sie dann alle
ihr Gebrüll beginnen, das wie ein schmerzliches Stöhnen und Blasen
sich anhört, dann fallen die anderen Tiere ein, und dann ist es ein
mächtiger Chor der Gefangenen. Und es ist von einem sonderbaren
Reiz, die Stimmen aller Länder und Zonen hier auf einem einzigen
Platz zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen Wüste, die Tiger aus
den Dschungeln Indiens, den Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien,
das Brummen der nordamerikanischen Bären, die wilden Trompetenstöße
der Elefanten, tropisches und arktisches Getier, als ob sie aus
allen Weltteilen ihre erbitterten Klagen erheben wollten gegen eine
drückende, ungerechte und quälende Herrschaft.
Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière an, in diesem hellen,
belebten Saal, in dem die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde
ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen Musik ist das
freundliche Gelaß erfüllt. Tausendfache Melodien tausendfach ineinander
verschlungen, Töne von einer märchenhaften Reinheit, ein Gesang von
so schallendem Jubel, daß man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit
unwiderstehlich ergriffen fühlt. Staunend betrachtet man hier die
wundersamsten Launen der schaffenden Natur. Winzige Vögel, die in
der Farbenglut ihres Gefieders aussehen wie lebendiges Geschmeide.
Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit richtigen Kronen auf dem
stolzen Haupt; Tiere von heraldischer Würde, und dann wieder tolle,
groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen, äußerste
Plumpheit und himmliche Anmut; märchenhaft holde Gebilde und höhnische
Verzerrungen, und beinahe mit frommen Gedanken findet man sich einer
Kraft gegenüber, die mit sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung
der Schönheit und so erbärmlich mißlungene Versuche nebeneinander
bietet. Merkwürdige Vögel lernt man hier kennen, mit lyrisch-zärtlichen
Namen wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus Tausendundeiner Nacht,
wie den Vogel Bülbül, von dem manche Leute glauben, daß er gar nicht
existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem Bauer umher und ist der
Nachbar des echten Pirol. Gegenüber jedoch wohnt einer, der wie eine
kleine gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken, schwarzen
Schwingenfedern. Er hat ein scheues, schweigsames Wesen und heißt: Der
schwefelgelbe Tyrann.
In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen Tiere erleiden, am
wenigsten kenntlich. Aber draußen, die Adler und Geier, die in ihren
Käfigen sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite schauen, die ihre
Schwingen breiten und sie wieder langsam, gleich als ob sie seufzen
würden, zusammenfalten, die sehen wirklich aus wie gefesselte Helden,
und sie können einen manchmal arg verstimmen. Ein Kind sagte neulich:
»Ich weiß jetzt, Vater, wie die Adler aussehen, und du kannst sie
schon wieder fliegen lassen.« Wir wissen auch, wie Löwen und Tiger
aussehen, und lassen sie doch nicht laufen. Aber das ist, abgesehen
vom Schaden, den sie stiften würden, eher zu begreifen. Denn die
Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte Wildheit zu beschauen,
gefesselte Riesen anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich zu
weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem Zwinger, erwogen, »was der
Löwe tun würde«, wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich
niemals dazu vermocht, ihm was Schlimmes zuzutrauen, ob ich gleich
all die blutigen Dinge, die ihm nachgesagt werden, nicht im mindesten
bezweifle. So oft ich ihn aber sehe, erscheint er mir sanft, anmutig,
harmlos und besser als sein Ruf. Selbst wenn er brüllt, sieht er nicht
wild aus, sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im übrigen ist
der Löwe in unserem Bewußtsein schon mehr ein Klischee geworden als
ein lebendiges Wesen, eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von
allen möglichen Wappen her kennt, von Brücken und Denkmälern, so daß
man glauben möchte, er werde in den Menagerien nur gehalten, damit er
seine Existenz beweise. Sicherlich denken die Leute in Afrika anders
darüber ... Nur im Königstiger läßt sich der Feind erkennen. Doch wenn
er in seiner engen Zelle die prachtvollen Glieder zum Sprung reckt,
wenn er die verlangenden Körperkräfte an den Eisenwänden verrast, dann
fühlt man Mitleid mit ihm und wünschte, diese Tiere, in denen der
Trieb nach Freiheit nimmer schläft, möchten wenigstens in ein größeres
Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie ich glaube, falsche
Menagerietradition, die Raubtiere so eng als möglich zu halten und den
Rindern, den Schafen und anderem gutmütigen, an den Stall gewöhnten
Zeug weiten Spielraum zu lassen. Würde man Löwen, Tiger, Leoparden,
Bären und Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten ihren Anblick
zehnfach genießen und ein Schauspiel der herrlichsten Bewegungen würde
sich entfalten.
Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus, vor dem die großen
und die kleinen Kinder sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein
recht melancholischer Spaß, den man mit diesen kränklichen, boshaften
und lächerlich menschengleichen Geschöpfen hat. Wie gehässige,
misanthropisch ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische Zerrbilder
und böse Träume wirken sie auf die Dauer. Es ist, wenn man einen
Affen betrachtet, als habe ein Mensch durch Krankheit oder durch
verruchten Zauber den Gebrauch seiner Gaben verloren, als falle er
in den tierischen Urstand zurück. Und während alle Schamlosigkeiten
des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er sich ab, diesem Jammer zu
entwischen, bleibt mit menschlichen Mienen und tierischen Gebärden an
der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und Vieh. Diese Versuche, die
ihn uns wieder nähern sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten
aufs erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen rasend
werden, wenn so ein kleiner Mandrill einen Spiegel in die Hand kriegt
und sich über das Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement
kennt keine Schranken, wenn ein Affe all das nachzuahmen sucht, was
ihm einer aus dem Publikum vorzeigt. Da wirkt der tiefe Ernst solcher
Bemühungen und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich. Aber wer einmal nur
einen kranken Affen gesehen, wer diesen flehenden, kummervollen
Menschenblick geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen, die in
Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften und so verzweifelt
kinderähnlichen Züge, der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen
nicht mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene Tiere, die
man ohne Befangenheit betrachten kann. Tiere, von denen uns weite
Distanzen und Zwischenstufen trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch
keine ausreichende Scheidewand. Und es dient beim Affenhaus nur dazu,
gelegentliche Verwechslungen und Irrtümer hintanzuhalten.
MAUERBACH
Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft ansteigende Waldstaße nach
Mauerbach. Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß mitten
in einem stillen dunkeln Weiher. Man soll hier nicht vorbei, ohne
diesen ruhevollen Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird
man freilich, wenn man da so um die Mauern streicht und zu den hohen
Fenstern emporblickt und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es sein
muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit eingebettet sein
inmitten des Waldes, umbuscht und umgrünt von einem Getümmel blühenden
Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf dem stillen Weiher ziehen
lichte Schwäne ihre Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige
in das Wasser niedersinken, und die Quadern des Schlosses spiegeln
sich darin. Es ist ein Bau im Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig
und feierlich, und mit einem Zug ins Heroische. Daß man erst über eine
steinerne Brücke gehen muß, um an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß
das Aussehen einer Veste. So bauten die großen Soldaten vergangener
Epochen. Immer, auch wenn sie sich zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie
sich verschanzen wollten.
Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau noch sehr populär. Seine
Nachkommen leben in dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ.
Er selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich habe ich
ihn sogar mitten durch die Hauptstraße reiten sehen, umgeben von
seinem Stabe, im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der Brust
und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener. Voran kamen zwei
Herolde in altdeutscher Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich der
Generalfeldmarschall photographieren. Das Ganze war ein Sängerfest,
und der Mummenschanz nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus.
Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem schlanken jungen Mann
mit Würde dargestellt, erschien hier wie ein alter Bekannter. Er glich
aufs Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was für beide, für den
gemalten wie für den kostümierten Generalissimus, als ein voller Beweis
ihrer historischen Echtheit gelten darf.
An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas langwierigen und lauten
Männergesang zu entwischen, wieder einmal die Straße nach Mauerbach.
Dort draußen kann man ja auch Sonntags im Freien sich ergehen, der
frischen Luft genießen, ohne allzuvielen Menschen zu begegnen. Der
große Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke, und in dieses
friedliche Seitental kommen nur wenige.
Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße durch die schöne
grüne Welt. Berge ringsumher, sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich
immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche Wiesenflächen, auf
denen einsame Erlen ihre Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende
Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen Bäumen verfeindet und
halte sich nun trotzig abseits von ihnen. Oder ein paar zarte junge
Birken mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde zu langweilig
geworden, und als wollten sie nur eben ein bißchen spazierengehen. Und
der weiße Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein, bergauf,
bergab, wie unsere Sehnsucht, die sommerlich ins Freie strebt.
Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen von der
Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft, in der so viel Eichendorffsche
Stimmung ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist man hier doch der
Stadt, oder wie fern von ihr? Man weiß es nicht. Es können viele,
viele Meilen sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur.
Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied der Eisenbahnzüge
bis hierher. Nur Amselrufe, Finkenschlag und Lerchengesang, und das
helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt wie der tönend
gewordene Atem der blühenden Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr
dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, wie man sie heute
schon nennt, die von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg
führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche, wenig besiedelte
Mauerbachtal, das jetzt so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und
Unrast und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal die Bogen um mich,
du grünes Zelt!
Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach für die sogenannten
weitesten Kreise entdeckt werden. Und man wird finden, daß es ein
seltsamer und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher kommen und das
alte Karthäuserkloster malen, und die Pfründner, die jetzt darinnen
wohnen, wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern von
Gotthard Kuehl gleichen werden. Und man wird bemerken, daß Mauerbach
geradeso schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge, und
ebenso vom Zauber einer wunderbaren, wehmütig lieblichen Stimmung
übergossen, wie die stillen Stätten verrastender Greise in Holland.
Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach ist von einer merkwürdigen
Schönheit. Die große uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das
tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur Karthause bildet.
Verwachsene Fresken zieren den kühnen Steinbogen dieses Durchlasses,
der eine Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie der Eingang
zu einer Burg. Hinter dem vergitterten Fenster, das wie ein einziges
Auge aus dem verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart
ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten Frauen und Männer hier in der
Sonne, oder rings um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen
Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die aus dem Gewühl des
Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit führt.
Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner und Gänse ihre Prozessionen
halten, kommt man zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der
Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert wieder an eine Festung.
Weiter unten steht auch ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm
mit kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen sich gegen alle
Zufälle vorgesehen haben. Denn es war eben doch nicht ganz gemütlich
hier, mitten im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren, und die
»Wienerwaldbahn« ruhte damals noch tiefer im Zeitenschoße als jetzt.
Die Pfründner natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung
anphantasiert. Sie nennen ihn den Hungerturm und behaupten, man habe
sündige Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben lassen,
und natürlich gibt es einige, die wissen wollen, daß es in dem alten
Turm spuke.
Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem Kloster umher.
Kreuzgänge, in denen es angenehm kühl ist, in denen die Schritte
auf den Steinfliesen hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an den
Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden ist. Schlafsaal --
Krankensaal -- liest man jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek
gewesen. Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch, und hat einen
prunkvollen Altar mit einem mächtigen Bild darüber; rechts und links
zwei überlebensgroße, in Gold und reichen Farben prangende Holzstatuen.
Hier ist auch das Grabmal Friedrichs des Schönen, der die Karthause
einst gegründet hat. Draußen im Garten wird die Stelle gezeigt, an der
Friedrich im Walde sich verirrte und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn
aus der Wildnis führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott rettete
den schönen jungen Herzog. Und der »bonus dux« wie die Grabschrift
ihn nennt, hielt seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat er in
dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten Marmorstein, der heute
noch sein Lob kündet. Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu
einem Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter von den Mönchen
hinweggenommen und anderswo gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in
Wien, oder im Stift zu Heiligenkreuz.
Die Kirche aber ward zu groß befunden für die Armenhäusler, und so
führte man in der Mitte eine Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff
als Kapelle bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in mehrere
Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle übereinander den Raum
einnehmen, den früher das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale
sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie im Himmel selbst,
denn sie sehen durch die Fenster geradeaus in die Kirche herunter,
können von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die Messe hören,
und der sanft schütternde Klang der Orgel dringt bis herauf in ihre
Stube. Wenn sie aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben sie
gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt. Weil nämlich die
prächtige Kirchendecke mit ihren Gemälden und ihren Stuckverzierungen
hier unversehrt geblieben, genießen sie diesen Luxus, der ja in
Armenstuben selten und sonderbar genug ist. Wo aber die Wand an die
Kirchendecke stößt, schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze
Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel zum Zimmer herein, der
halben Leibes noch in der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist
noch mit den Beinen hier innen, während er mit Kopf und Armen voran in
die Kirche strebt, und nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und
eben mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.