Ein Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie er in der

Fronleichnamsprozession dem Baldachin vorausschreitet. Als

Vizebürgermeister; vor zwölf Jahren etwa. Er ist zum Bürgermeister

erwählt worden, aber der Kaiser hat die Wahl verworfen. Dreimal ist

er gewählt worden, dreimal hat der Kaiser nein gesagt. Lueger wartet

und begnügt sich derweil mit dem zweiten Platz. Jetzt geht er in

der Fronleichnamsprozession vor dem Baldachin einher. Die Glocken

läuten, die Kirchenfahnen wehen, und das brausende Rufen der Menge

empfängt den geliebten Mann, der nach allen Seiten dankt, grüßt,

lächelt. Er freut sich. Denn der Kaiser, der dem Baldachin folgt, muß

den tausendstimmigen Donner hören. Auf dem ganzen Weg rauscht dieser

Jubelschrei vor dem Kaiser einher, dieses jauchzende Brüllen, das

einem andern gilt. Franz Josef hat ein feines, eifersüchtiges Ohr

für die Stimme der Wiener. Er hat Erzherzoge von hier entfernt, wenn

sie gar zu populär wurden, hat einen Minister, dem zufällig einmal

ein paar halblaute Hochrufe beschieden wurden, aufgefordert, sich zu

rechtfertigen, hat den Grafen Badeni im Stiche gelassen, weil er die

Wiener Straße gegen die Hofburg verstimmte. Franz Josef weiß, die

Wiener lieben ihn; er weiß, sein kaiserliches Wort übt allmächtige

Wirkung. Aber diesen da konnte er nicht verdrängen, auch nicht,

nachdem er's dreimal sagte. Das erlebt der Kaiser jetzt. Der Mann da

vorne im Zuge gibt's ihm zu kosten. Als ob er nur im Gefolge dieses

Mannes einherginge, wandelt der Kaiser mit der Prozession. Vor sich

das Aufrauschen der Ovationen, um sich her Stille. Es war Luegers

Triumphzug.

Die Glocken läuten und die Kirchenfahnen flattern jetzt auf allen

Wegen, die Lueger geht. Wie ein gewaltiger Heerbann ziehen die Pfaffen

hinter ihm drein. Seit vielen Jahren haben sie den bürgerlichen

Condottiere entbehrt, der ihnen die breite Masse erobert. So einer hat

ihnen gefehlt. Sie haben innerlich jubelnd den Liberalismus verrecken

sehen, der sich einst unterfangen wollte, die Kuttenherrschaft

in Österreich zu zerbrechen. Das Land lag wieder frei vor ihnen,

fiel ihnen wieder zu, aber sie brauchten einen Mann, der in das

neueroberte Gebiet fröhlichen Einmarsch hielt, der die Kirchenfahnen

wieder flattern ließ. Dies Volk ist immer gerne fromm und katholisch

gewesen. Aber die Frömmigkeit war eine Zeitlang außer Mode. Lueger

hat sie wieder in Flor gebracht und ließ die Glocken läuten. Ließ die

Glocken läuten und sagte: ich spucke auf die Aufklärung und auf die

Wissenschaft. Das war endlich ihr Mann. Von allen Kanzeln herab und

in allen Beichtstühlen halfen sie nun seiner Sache, schlossen ihm die

Pforten zu allen Fürstenschlössern auf, schafften ihm Eingang in

alle Bauernhütten. Wie hoch sie einen Menschen heben können, wenn sie

wollen, hat er erprobt. Und hat auch dem Kaiser nur damals, an jenem

Fronleichnamstage trotzig gezeigt, wer von nun an dem Wind und dem

Wetter befiehlt, in der Stadt, in der die Hofburg steht. Nur dieses

eine Mal. Am Ziele angelangt, nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in

städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische Verwaltung, nahm

die Volkshymne in städtische Regie.

Erst als er am Ziele war, merkte man, daß es wirklich ein Ziel sein

konnte, Bürgermeister von Wien zu werden. Man merkte, daß wirklich

ein Gedanke in diesem Manne nach Ausdruck gerungen hat, nicht bloß

der Gedanke an den eigenen Erfolg; daß er von einem Traum erfüllt

war, nicht bloß von dem Traum des eigenen Aufstiegs: Wien! All dies

andere vorher war nur ein Mittel gewesen. Er hätte jedes beliebige

Mittel angewendet, selbst ein edles, wenn es nützlich gewesen wäre.

Freilich aber hätte er keines so mühelos, so voll aus seinem Wesen

heraus, so ganz aus seinen Instinkten gebrauchen können wie diese

Taktik und Technik des Gassenhauers, des »mir san mir«! Und nun hat

er Wien aufgerichtet als eine Art von Königtum mitten in Österreich.

Dutzendweise wurden die kleinen Ortschaften, welche Wien umgürteten,

von dem großen Gemeinwesen verschlungen. Das ist jetzt, vom Marchfeld

bis zur Sophienalpe, nur mehr eine einzige Stadt: Wien. Und in

dieser Stadt ein einziges Haupt: Lueger, der Bürgermeister. Er

nahm die Straßenbahnen, die Gaswerke, das elektrische Licht, die

Leichenbestattung, die Spitäler. Wasser und Feuer, Leben und Tod gehört

seiner Stadt. All dies lag freilich in der Entwicklung, hätte auch

unter einer andern Verwaltung so kommen müssen. Aber er nahm diese

Dinge, unter lauten pathetischen Proklamationen, er nahm sie wie man

eroberte Provinzen einnimmt, und er schuf aus all diesen Besitztümern

neue Werkzeuge seiner Macht. Wo die Straßenbahn hingeführt wird, das

elektrische Licht, die Wasserleitung, da steigen in den entlegensten

Gegenden die Bodenpreise, hebt sich der Wohlstand. Treue Bezirke können

belohnt, unsichere gekirrt, treulose bestraft werden. Die Stadt, die

so viele Betriebe in ihrer Hand hält, herrscht über eine Armee von

Dienern, Arbeitern, Beamten, Lehrern, Ärzten und Professoren, herrscht

durch tausendfach verknüpfte Interessen weithin über die Gesinnungen,

und allen ist der Bürgermeister, von dem sie abhängen, wie ein Monarch.

Er arbeitet denn auch mit einer vollkommen monarchischen Technik.

Sein Bild ist überall. In den Amtslokalen, in den Schulzimmern, in

den Wirtshäusern, in den Theaterfoyers, in den Schaufenstern. Sein

Antlitz ist den Wienern beständig so gegenwärtig und eingeprägt,

wie das Antlitz des Kaisers. Seine Ausfahrt ebenso feierlich, wie

die eines Monarchen, und nur noch Franz Josef selbst wird in den

Straßen ebenso gegrüßt wie der Bürgermeister Lueger. Wie auf den

Staatsgebäuden der Name des Kaisers steht, so wird auf allen Bauten,

in allen Gärten, die von der Stadt errichtet wurden, der Name Lueger

hingeschrieben und eingemeißelt. In hundert Inschriften liest man es

überall: »Erbaut unter dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger.« Und wie

dem Kaiser das »Gott erhalte ...« entgegenschallt, so empfängt den

Bürgermeister überall seine offizielle Hymne: »Hoch Lueger, er soll

leben ...« Wer städtische Dienste nimmt, muß Luegertreu sein, so wie

jeder Staatsdiener zur Kaisertreue verpflichtet ist. Er hat das so

eingerichtet, hat sich um den Widerspruch der Machtlosen, hat sich um

das Recht der freien Meinung, die das Staatsgrundgesetz gewährleistet,

nicht gekümmert und einen Fahneneid eingeführt für alle, die im Rathaus

Broterwerb suchen. Ein monarchisches Talent, das vorher gröhlend durch

alle Tiefen des Pöbels geschritten ist, im Bierdunst der Versammlungen

die Massenpsychologie studiert und den Menschenfang allmählich bis

zur Meisterschaft gebracht hat. Dennoch, nur ein Bürgermeister. Aber

was hat er aus seiner Rolle gemacht! Wie Mitterwurzer einst, als er

im »Don Carlos« den Philipp gab, das Stück umkehrte und alle Welt

zur Verwunderung zwang. Gegen Carlos und Posa war dieser Philipp nie

aufgekommen, er galt für so wichtig nicht, nicht für so begehrenswert

und dankbar. Und jetzt auf einmal war Philipp die Hauptsache, war

Mittelpunkt und Held des Stückes. Die vorigen Bürgermeister sind nur

brave Ensemblespieler gewesen gegen den jetzigen. Der aber hat die

Kunst der Auffassung. So wie er seine Rolle anschaut, wie er die

Bedeutung seines Amtes begreift, hat er es ganz neu entdeckt; fast

möchte man sagen, neu kreiert. Niemals ist der Bürgermeister von Wien

so viel gewesen wie heute. Neben dem Landesherrn, der Herr der Stadt.

Ein anderes Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie

dreimalhunderttausend sozialdemokratische Arbeiter gegen seinen Willen

über die Ringstraße ziehen; wie sie das allgemeine, gleiche und direkte

Wahlrecht erzwingen; wie der alternde Bürgermeister im Pomp des

Rathauses sitzend dies Brausen der Volksmenge vernimmt; wie eine Ahnung

ihn ergreift, daß nun eine neue Zeit heranbricht, eine neue Zeit,

die er nur aufhalten, nur für eine kurze Weile verzögern aber nicht

hindern konnte. Sie wird erbarmungslos die Dämme niederreißen, die er

aufgerichtet hat; sie wird ihn zu den Komödianten von vorgestern werfen

und ihn erledigen. Wie jetzt eine Ahnung ihn ergreift, daß da draußen

ein Gegner sich emporrichtet, langsam und furchtbar, ein Feind, dem er

sich nicht mehr entgegenzuwerfen vermag. Wie der Zorn von einst und die

Rauflust von früher noch einmal in ihm schwellen und wie er spürt, daß

ihm die Kräfte langsam entschwinden, spürt, daß er nicht mehr aufrecht,

nicht mehr sicher und schwindelfrei genug sein wird, wenn auch an seine

Tür plötzlich die Jugend pocht, wie an die Tür des Baumeisters Solneß.

Und noch ein Kapitel: Wie er jetzt weißhaarig, matt, erblindet und

zitternd, von zwei Nonnen geführt, einherwankt, mit Orden bedeckt,

... Exzellenz ... auf dem Gipfel ... und niedergebrochen. Den letzten

Rest der im Kampfe aufgebrauchten Gesundheit im Rausch der Siegesfeste

vergeudet. Vorzeitig zu Boden geschleudert, unfähig die Ernte zu

genießen. Neidisch auf alle, denen er emporgeholfen und die nun in

der Fülle der Macht schwelgen. Wie er langsam zum ewig greinenden,

mißlaunigen, scheltenden Alten sich wandelt, dem die Treuesten nur noch

aus Pietät lauschen. Wie er fühlt, daß sie von ihm abrücken, heimlich

schon über ihn lächeln, die Achseln zucken; und wie er dann manchmal

zeigen möchte, daß er noch derselbe ist, wie er längst abgenützte

Künste wieder spielen läßt, wie er mit gebrochener Stimme wieder

schmettern und donnern möchte, und wie ihn dann die Weihrauchdämpfe

mitleidiger Schmeichler benebeln und beschwichtigen. Das letzte

Kapitel: wie diese Flamme eines Wiener Temperamentes im blassen

Schimmer der Ordensterne, im kindischen Glanz von Auszeichnungen und

Titeln verlöscht.

Dieser Roman wäre zu schreiben. Die Gestalt eines Menschen zu

zeichnen, in dem sich der Wille einer Epoche erfüllt hat. Jetzt

freilich muß man noch warten. Bis es sichtbar wird, was nach ihm kommt,

bis die Jahre, die seinem Dasein folgen, die richtige Distanz und die

richtige Perspektive geben. Dann mag es geschehen, daß irgend jemand

nach diesem Manne greift und den Roman seines Lebens, den man schnell

vergessen wird, wenn er zu Ende ist, zu einem unvergeßlichen Kunstwerk

formt.

GIRARDI-KAINZ

Sie betonen es, daß gerade diese beiden vortrefflichen Schauspieler

dem wienerischen Theater unentbehrlich sein müßten, weil sie unter den

wenigen bedeutenden Persönlichkeiten, die sich hier etwa vorfinden, die

stärksten Österreicher seien. Ich würde hinzufügen: die letzten, wenn

es nicht übertrieben wäre, dergleichen von irgendeinem Menschenexemplar

zu behaupten. Aber für uns sind sie bei alledem die letzten; wir werden

schwerlich noch andere sehen und wir vermissen sie sehr.

Sie weisen mich darauf hin, daß diese beiden Schauspieler einander

verwandt, ja oft frappierend ähnlich sind. Dies sei Ihnen vorher nie

so deutlich geworden als eben jetzt, da Kainz und Girardi gleichzeitig

in Berlin wirken. Bei uns ist es, wie natürlich, oft bemerkt und

besprochen worden. Manches ist ihnen gemeinsam. Wie Männer, die gewohnt

sind zu befehlen, fast überall diesen unbeirrten ruhigen Ausdruck des

Blickes, diese geborgene, schwere Sicherheit des Tones in der Stimme

haben, so haben diese beiden in ihren Gebärden, in ihrem Gehen über

die Bühne, in der unbedingten Freiheit ihrer Schultern das Glück

früher und beinahe müheloser Erfolge. Sie waren gleich von Anfang an

berühmt, sind es schon von Jugend auf. Sie stehen jahrzehntelang unter

der erfrischenden Dusche des Beifalls. Dann ist da noch in beiden

auf dem Grunde ihres Wesens ein beständig mitschwingendes Jauchzen,

und das ist ihre Verwandtschaft. Sie sind beide so sehr voneinander

verschieden, ganze Welten liegen zwischen ihnen; allein wie Brüder

oft voneinander verschieden und durch Weltenfernen in ihrem Charakter

voneinander getrennt sein können, und dennoch mit einem Lächeln, mit

einem Zucken der Lippen sich als Geschwister offenbaren, so offenbaren

sich diese beiden mit ihrem Jauchzen als Brüder. Denn es ist ein

österreichisches Jauchzen; es stammt aus demselben Klima, es ist von

derselben Sonne und von demselben Dialekt gebräunt. Auch ist ihr

Zugreifen dasselbe. Sie wissen ja, was ich damit meine: ihre Art eine

Sache anzugehen, einer Empfindung, einem Konflikt gegenüber zu treten,

sich einer Aufgabe zu bemächtigen, kurz, es ist derselbe Handgriff.

Man hat Ihnen gesagt, daß Girardi der typische Ausdruck des Wienertums

sei, die leibhaftige Verkörperung der wienerischen Art, der

wienerischen Echtheit. Es ist so oft gesagt worden, hat so oft in den

Zeitungen gestanden, daß es vielleicht wahr ist. Trotzdem vermochte ich

niemals den Gedanken abzuweisen, warum man einen glänzenden Orientmaler

dann nicht auch einen typischen Orientalen nennt. Oder weshalb wir

dann zum Beispiel Lafcadio Hearn nicht als einen vollendeten Japaner

erklären. Hat doch der eine alle Farben und feinsten Lufttöne des

Morgenlandes gegeben, der andere die seelische Verstecktheit Japans

erhellt. Nur weil der Maler so sichtbar von seinem Werk zu trennen

ist? Und weil wir zu genau wissen, daß Hearn ein Anglo-Amerikaner war?

Auch Ihnen erscheint Girardi als der echte Wiener. Aber Sie haben gewiß

schon bemerkt, wie sonderbar und wie irreführend das national und

landschaftlich Echte auf fremder Erde wirkt. Eine spanische Tänzerin

scheint uns absolut ganz Spanien auszudrücken; ein tartarischer Sänger

absolut die Welt des Kaukasus. Unsere Vorstellung von Spanien findet

sich in irgendeinem Hüftenrhythmus der Tänzerin plötzlich bestätigt,

unser Phantasiebild vom Kaukasus glüht bei irgendeinem Kehllaut

des Sängers unversehens auf, und wir rufen: echt! Wir rufen es mit

Entzücken und verfehlen dabei -- fast regelmäßig -- gerade diejenigen

Dinge, die ein Spanier oder ein Tartar mit vertrauten Instinkten als

echt empfinden würde.

Girardi trägt viel Wienerisches in sich. Von den feinsten wienerischen

Stoffen wie von den allgemeinsten hat er den Extrakt in sich gesogen;

viele wienerische Elemente sind in ihm zu Essenzen verdichtet. Wenn er

spricht, hören wir aus seiner Stimme die Urlaute des Volkes, wenn er

singt, aus seiner Fröhlichkeit jenes niederösterreichisch-jauchzende

Johlen trunkener Rekruten, das im Frühling und im Herbst immer

durch unsere Straßen hallt. Im Aufschnalzen eines Wortes klingt

die schnippische Anmut Wiener Vorstadtmädchen, und wenn die Leute

von Girardi reden, schleppen sie auch sofort alle Wiener Typen zum

Vergleich heran; den Fiaker, den Deutschmeister, den Zahlkellner, den

Sportbaron. Aber das Wienertum, das er gibt, ist im Grunde nicht das

wirkliche, sondern es ist ein Wienertum, das er ganz allein erfunden

hat. Wir spüren immer »Wien« bei ihm. Nur wenn er uns nicht völlig

umnebelt, spüren wir zugleich auch: er macht etwas ganz anderes

daraus, etwas, das neben dem Wienerischen ist. Etwas, das vielleicht

darüber ist, wie schließlich alle Kunst über dem Wirklichen, alle

Dichtung über dem Wahren; aber etwas, das eine besondere Kontur hat;

keine wienerische. Es ist eine halbechte, eine unwahre, doch in ihrer

Unwahrheit eine entzückend mögliche und hinreißend eigenartige Kontur.

Dieses Wienertum, das Girardi gibt, hat vorher nicht existiert. Seit er

es ersonnen hat, wird es nachgeahmt. Die Leute haben im Theater von ihm

gelernt, wie man wienerisch ist und haben es nachher kopiert. Hunderte

seiner Einfälle, seiner plötzlichen Ideen vom Wienertum laufen jetzt

verwirklicht und lebendig umher.

Wie sollte ein Mann, der so stark ist, daß er uns alle glauben macht,

seine persönliche Art sei die unsere, sei unser Spiegel und Abklatsch;

sein eigenes, durchaus einziges Wesen sei der Inbegriff und die

Verkörperung unserer Wesenheit, -- wie sollte ein solcher Mann nicht

auch bei Ihnen als der definitive Ausdruck des Wieners gelten? In dem

gewissen landläufigen Sinn ist er ja schließlich ein Vertreter Wiens,

wenn man diese Bezeichnung nur in ihrer flüchtigen, zeitungsmäßigen

Bedeutung anwendet, in der sie sonst gebraucht wird, um einen Künstler

rasch mit dem Poststempel zu versehen. Aber nehmen Sie nur einmal seine

eckige Gestalt, in der nichts Sanftes und Gleitendes sich rundet,

in der nur die ungeheuere Energie eines Marschrhythmus schleudert

und schlenkert, und Sie werden sogleich sehen, daß eine ganze, in

ihrer innersten Natur wienerische Welt sich in diesem Künstler gar

nicht oder nur vermittels besonderer Transponierungen ausdrückt. Er

hat jahrzehntelang Walzer von Johann Strauß gesungen; siegreich und

hinreißend hat er sie gesungen, aber sie mußten erst durch ihn zu

Girardi-Couplets werden, und sie waren -- wenn er sie sang -- eben

keine Walzer von Johann Strauß. Wenn man nur die Texte anschaut, die

eigens für ihn diesen Walzern unterlegt wurden, kann man das sogar

jetzt noch nachprüfen. Denn alle diese Texte widerstreben in ihrem

Witz, in ihrer karikaturistischen Schärfe, in ihrer harten Ironie, der

weichen Seele des Wiener Walzers. Alle diese Texte sind den Walzern

aufgezwungen, gehen ihnen gegen die Natur. Aber die Farbe seiner

Persönlichkeit ist so sprühend, so durchdringend und so vorleuchtend,

daß es fast unbemerkt geblieben ist, was ein Straußscher Walzer bei

Girardi wurde, daß es fast unbemerkt geblieben ist, wie sehr diesem

Manne selbst ein wienerisches Grundelement fehlt: das innere Tanzen.

Und fast unbemerkt ist es geblieben, wie er das Wesen dieser Stadt

überfärbt und verändert und umgebildet hat.

Man könnte es etwa damit erklären, daß die enorme schauspielerische

Kraft Girardis, der es beinahe immer an wirklichen Rollen fehlte,

solchem Mangel abgeholfen hat, indem sie sich der ganzen Stadt als

einer Girardi-Rolle bemächtigte, sie immer wieder studierte, ihren

reichen Inhalt immer wieder erlebte, und sie dann immer wieder als

Girardi-Rolle spielte. Zuletzt war denn auch jeder zweite junge Herr,

den man auf der Straße traf, jeder Fiakerkutscher, jeder Briefbote,

jeder Spießbürger eine Girardi-Rolle. Eine Zeitlang lief halb Wien

herum und spielte Girardi, und wußte nicht, daß es damit sich selbst

aufgab, daß es auf seine eigene Echtheit verzichtete, und an deren

Stelle die besondere Echtheit eines einzelnen annahm. Seine Wirkung

ist bis auf den heutigen Tag so umklammernd, daß selbst der Wiener

Dialekt Girardi-Worte mitführt, die es früher nicht gegeben hat, die

niemals auf dem Wiener Boden wachsen könnten, die keine Wurzeln in

der wienerischen Sprache besitzen, die aber jetzt als selbständige

Schöpfungen in der Wiener Mundart leben. Dabei sind es Verzerrungen;

denn er kann gelegentlich über irgendein Wort herfallen, kann es mit

einem Hieb zum Krüppel schlagen, kann es zerquetschen und zerkneten

und ihm zugleich damit ein ganz neues, überwältigend komisches Gesicht

geben. Eine Zeitlang hat halb Wien in solchen Ausdrücken geredet,

und Sie werden zugeben, daß dies keinen Wiener Dialekt, sondern eher

einen Girardi-Jargon vorstellt. Man könnte sagen, vieles, was Girardi

tut, ist Wien, aber vieles, was Wien tut, ist Girardi. Unsere Stadt

ist sein ganzes künstlerisches Erlebnis. Unendlich viele feine und

grobe Reflexe der wienerischen Art funkeln in ihm. Unendlich viele

Nuancen des wienerischen Wesens, zarte und derbe, drücken sich in ihm

aus. Aber wenn Sie den Begriff Wien als ein Ganzes nehmen, zu dessen

Bestandteilen auch Schubert und Kriehuber und Grillparzer und Schwindt

und Fischer von Erlach und Makart gehören, dann werden Sie finden, daß

Girardi weder der Spiegel noch der Ausdruck des Wienertums ist; nicht

der Wiener, sondern unter wenigen erlesenen Wienern: Auch einer.

Daß man bei den erbärmlichsten Possenfiguren, die er darstellt, oft

wie von ferne den Atem wirklicher Tragik spürt, daß die Puppen bei ihm

gleichsam transparent werden, und der Zuschauer durch sie hindurch in

tiefe Menschlichkeiten blickt, daß man immer wieder, wenn man Girardi

in einer elenden Schwankrolle begegnet, überzeugt ist, er könne auch

klassische Meisterrollen spielen, möchte ich so hoch nicht anschlagen.

Was wäre denn auch ein Humor ohne diese dunkeln Untertöne? Was wäre

uns ein Komiker ohne diese Durchblicke ins Menschliche? Ich weiß nicht,

ob wir über ihn lachen wollten, aber ich bin sicher, daß wir nicht über

ihn reden würden. Vielleicht ist der Zug ins Klassische in irgendeiner

Epoche Girardis näher und stärker gewesen; vielleicht haben wir da für

die Kunst des großen Stiles einen Verlust zu beklagen. Ich glaube nicht

sehr daran. Das heißt, ich glaube wohl an die objektive Gabe Girardis,

in dieser Kunst ein Hohes zu leisten, aber ich bezweifle sein dauerndes

Bedürfnis danach.

Dieses dauernde und leidenschaftliche Bedürfnis, über sich selbst

hinweg zu Höherem, und auf höheren Gipfeln wieder zu sich selbst zu

gelangen, lebt in Kainz. Ich bezeichne damit keinen Unterschied der

Werte, sondern nur die verschiedenen Wege, die Kainz und Girardi

gewandelt sind. Beide von demselben Punkt ausgehend, dieser immer durch

Wien, allein durch Wien, und auf den allernächsten Straßen immer wieder

zum eigenen Ich; jener durch aller Herren Länder. Girardi, indem er

alles zum Werkzeug seiner Persönlichkeit macht, alles in den Dienst

der angeborenen Art zwingt; Kainz, indem er sich als ein Instrument

darbringt und allen Geistern dient, die ihn entzücken.

Es gibt keinen anderen deutschen Schauspieler, der wie Kainz den

Romanen so nahe wäre, der Beredsamkeit des romanischen Temperaments,

der musikalischen Anmut und der tänzerischen Biegsamkeit. Ich weiß

nicht, wo ich diese wunderbare österreichisch-italienische Mischung

heute im sichtbaren Leben fände, um sie Ihnen als Beispiel anzubieten,

aber ich erinnere Sie an manche Paläste in Wien und in Salzburg, die

von italienischen Baumeistern errichtet, und nachher von Canaletto

gemalt wurden, und deren Linien in geheimnisvoller Harmonie alles

aussprechen, was wienerisch, und zugleich alles, was über das

Heimatliche hinaus italisch, südlich und sonnig ist.

Es gibt auch keinen anderen Schauspieler als ihn, der sich zu einem

solch vollendeten Instrument der Dichter gebildet hätte. Gebildet an

seinem knabenhaft schmalen, in allen Gelenken jugendlich behenden

Leib, an seinem schlagfertigen, feinhörigen Geist und an allen seinen

Mitteln des Ausdrucks. Keiner ist ein solcher Meister der köstlich

bewußten, durchgearbeiteten, der besiegten und zu etwas Unwillkürlichem

gewordenen Technik. Es ist mir keiner gegenwärtig wie er, der die

Geheimnisse der Technik so ergründet, keiner, der ihre Mühseligkeit so

überwunden hätte. Und gewiß besteht das tiefste Wesen der Kunst nur

darin, die Geheimnisse der Technik zu entziffern, das edelste Wesen der

Kunst darin, die Mühsal des Technischen in Leichtigkeit zu verwandeln,

seine Hindernisse in Stützen, seine lastende Schwere in ein Mittel zum

Vogelflug. Es ist mir immer wunderlich, wenn ich einen Schriftsteller

abfällig Wortkünstler nennen höre, einen Schauspieler Sprechkünstler;

denn was soll ein Schriftsteller sein, wenn er nicht ein Künstler

am Worte, und was ein Schauspieler, wenn er nicht ein Meister des

Sprechens ist? Es erscheint mir immer wunderlich, wenn einer es

niederschreibt, dieses oder jenes sei nicht zu schildern, sei nicht

auszudrücken, und nicht zu nennen. Denn worin besteht nun sonst in der

Welt seine Aufgabe und sein Daseinsrecht wenn er ein Schriftsteller

sein will, als eben darin, daß er verpflichtet ist, zu schildern, was

sich nicht schildern läßt, verpflichtet, auszudrücken, was dem Ausdruck

gerne sich entzieht, verpflichtet, zu nennen, was mit gewöhnlichen

Benennungen nicht ergriffen werden kann? Die Gabe, irgend etwas

Künstlerisches zu vollbringen, ist doch in uns nicht wie das Wasser

im Schoß eines Brunnens, daß man nur den Hahn aufzudrehen braucht, um

es immerzu laufen zu lassen. Wie viele aber tun nur eben dieses, --

gerade bei den Schriftstellern und Schauspielern --, lassen rinnen

und strömen, was in ihnen ist, wie es die Gnade des Augenblicks just

gewährt, stehen dabei und verehren andächtig das Walten des Gottes, den

sie in sich glauben. Wie viele saloppe, von Verlogenheit, von Faulheit

und von sorglosem Hochmut zurechtgekleisterte Mache tritt uns in der

Kunst feierlich und anspruchsvoll als »Arbeit« entgegen.

Das österreichische Antlitz: Essays · 第 6 / 12 段