dahinwandelt, am äußern Rand des bürgerlichen Lebens, an den
Grenzlinien, wo das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die sonst
als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden! Er ist jetzt fünfzig Jahre
alt, ist in diesem heutigen Wien eine der interessantesten, subtilsten
und ergreifendsten Existenzen, ist für alle Wissenden in Europa ein
geliebter und bewunderter Dichter, in dem großen geistigen Orchester
ein Instrument, dessen besonderer Klang durchdringend und aus tausend
Stimmen kenntlich bleibt, ... und für das Amüsierpublikum vom Maxim,
vom Café Central und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, ein
ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber wird
man Altenberg-Erinnerungen schreiben und Altenberg-Biographien. Die
dann diese Bücher lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses Original
verstanden, verehrt und gefeiert, und sie werden sagen: Schade, daß
wir ihn nicht mehr gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und
verehrt. Eines Tages wird jemand beweisen, daß draußen, an den äußern
Rändern des Alltags, durch das Wirken Altenbergs die Seele des Menschen
an Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis wird gelingen, weil es einfach
wahr ist. Nur heute würde das niemand glauben wollen.
SPAZIERGANG IN DER VORSTADT
In diesen schönen Frühlingstagen bin ich jetzt oft und gern in Währing
gewesen. Weit prächtiger mag es sich ja anhören, wenn einer sagen
kann, er sei kürzlich erst in Samarkand spazierengegangen, oder er
habe sich in Brasilien umgetan. Währing, das klingt natürlich nach gar
nichts. Zwar wüßte ich nur wenig Punkte der Erde, von denen sich heute
noch ein großes Rühmens machen ließe. Die Menschen sind überall schon
umhergewesen und kommen überall hin. Alle Länder mit all ihren Städten
sind uns hundertmal schon beschrieben, derart, daß gar viele unter uns,
deren Sinn beständig nach der Ferne steht, im Weiteren besser Bescheid
wissen als im Engeren und Nächsten. Mag es also auch nur Währing sein
... ist man da aufgewachsen, dann fragt man nicht viel, ob der Name
des Ortes hinreichend prächtig sich anhört. Und wenn man nach zwanzig
Jahren zum erstenmal wieder heimkehrt, zum erstenmal wieder an diesen
bescheidenen Häusern vorbeigeht, und den stillen Gärten; nach zwanzig
Jahren wieder den wohlvertrauten Umkreis durchwandert, darin man
vorzeiten das Gehen und Sprechen gelernt, das Lesen und Schreiben, wo
man die ersten Freuden gehabt hat und frühen Kummer genug, dann mag man
sich allhier von der Lebendigkeit des Daseins stärker angerührt fühlen
als im fremden Samarkand oder in Brasilien.
Das war damals wirklich so, und man schrieb es auch auf den
Postadressen nicht anders, daß Währing »bei« Wien lag. Draußen,
vor den festgemauerten Wällen lag es, hinter denen sich die Stadt
verschanzte, und begann erst ein gutes Stück hinter dem gewaltigen
Holzgatter, mit dem man die »Linie« absperren konnte. Von der
Stadtseite her war es nur durch den einzigen Durchschlupf zu erreichen,
den eben die Linie freiließ. Deutlich erinnere ich mich noch des
Feldweges, der hinter dem Mauttor anfing und heimwärts führte. Felder
überall und Wiesen. Und jenseits davon standen die ersten Währinger
Häuser, wie gute Bekannte mit freundlichen Gesichtern. Aus den hellen
Gassen kam man rasch überall ins Freie. Ein paar Schritte von der
Kirche ab, die alte Neugasse hinauf, vorüber an dem halben Dutzend
damals noch gern bespöttelter Kottagevillen, und man war auf der
Türkenschanze, konnte durch hochstehende Saaten, durch Weingärten und
Brachäcker unter Lerchenjubel und Sensenklirren in Feldeinsamkeit
dahinwandeln, war einfach auf dem Lande. Und ein kleines, halb
ländliches Gemeinwesen war das ganze Währing.
Die Stadt, die begann für uns gleich bei der Linie. Und beim
Bürgerversorgungshaus, wo die Pferdebahn klingelnd zum Zögernitz
hinausfuhr, glaubten wir uns schon mitten in ihrem stolzesten Gewühl.
Hatten wir uns aber einmal gar bis zum Josephinum vorgewagt, dann
meinten wir alle Pracht der Residenz erspäht zu haben. Eine alte Tante
kam damals aus der Provinz zu uns, um, wie sie sich ausdrückte, die
Wienerstadt kennen zu lernen. Und da wir Knaben ihr als Fremdenführer
dienten, ist auch sie übers Josephinum nicht hinausgelangt. Sie war
genügsam und gab sich damit zufrieden. Sie hat den Rest ihrer Jahre bei
uns verbracht, aber während wir Kinder die Wienerstadt, nach der es
sie so sehr verlangte, längst schon in allen Bezirken durchstreiften,
reichte ihr Begehren gar nicht mehr weiter. Täglich rüstete sie sich
mit sehr viel umständlicher Feierlichkeit, um »in die Stadt« zu gehen,
rückte voll Anstand und Bedacht bis an das Versorgungshaus, und machte
dort pünktlich kehrt. Vom Graben, vom Stephansplatz, vom Praterstern
sprach sie zuletzt nicht anders als von Gegenden, in deren exotische
Gefahren sich nur ein übertriebener oder ein mutwilliger Mensch begibt.
So saß unsere Jugend da draußen abgeschlossen und hatte, in enger
Nachbarschaft mit der großen fremden, eine kleine trauliche Welt
ganz für sich. Man war am geruhigen Ufer eines rastlos und brausend
hinstürzenden Stromes, der nur manchmal eine Welle ergötzlich und
überraschend zu uns heraufwarf. Kam im Frühherbst das Militär
anmarschiert, dann lief bei der schmetternden Musik der ganze
Ort freudevoll zusammen. Und wenn die Truppen auf den Hügeln
der Türkenschanze manövrierten, hatte Währing seine richtige
Einquartierung. Da erinnere ich mich noch der milden Septemberabende,
an denen Schlag neun vor unseren Fenstern der Zapfenstreich
geblasen wurde. In unserem ersten Kindesschlaf vernahmen wir die
melancholisch-verwegene Melodie, hörten sie aus dem Dunkel der Straße
zu uns heraufklingen und fühlten uns von wundersamen Abenteuern
umwittert.
Es gab noch ein paar andere wunderschöne Dinge in Währing, um die es
schade ist. Da war das Gasthaus »zum wilden Mann«. Freilich besteht
es auch heute noch. Aber sein Charakter ist hin, seine Individualität
ausgelöscht. Es ist längst in Reih und Glied der Gewöhnlichkeit
getreten, steht mit seiner gleichförmigen Zinshausfront, mit den
banalen Spiegelscheiben eingefügt in andere Fronten an der Straße, es
gleicht den fünfhundert übrigen Bierhallen in Wien und nimmermehr sich
selbst. Damals war es eine kleine, lang hingestreckte Baracke, voll
altgeschwärzter, verräucherter, köstlich patinierter Gemütlichkeit, lag
angeschmiegt an einen uralten Garten, der wie ein Wald aussah, dessen
Baumgipfel, breit ausladend, die enge Hauptstraße überschatteten und
in dessen duftender Ruhe vormittags die Kinder spielen durften. Dann
war das Gasthaus »zum Biersack« da. Ein ländliches Gebäude mit einer
für Heuwagen berechneten Toreinfahrt, von der man in die saalgroße,
blendende Küche schauen konnte. Wir haben das oft getan, weil dort ein
paar üppige Wirtstöchter, hochmütig, aber anlockend, mit den Schulbuben
kokettierten; hübsche, wenn auch allzu feiste Backfische, die trotz
ihrer geputzten Kleider famos in die Küche paßten, weil sie sich
dort auf dem Nährboden ihrer blanken Fülle zeigten, ihn anschaulich
zu erläutern und anzupreisen schienen. Einen Wirtschaftshof gab es
da mit Schlachtbank, Taubenkogel und Steirerwagerl unter blühenden
Akazien, und hinter dem weißen Zaun, der ihn abgrenzte, sah man den
kühldunklen, kastanienlaubüberdeckten Biergarten. Es war ein Bild
naiver Behaglichkeit, eine Szenerie für altväterische Genußfreude, wie
etwa Schwind sie hätte zeichnen mögen. Und er muß den Biersack ja wohl
gekannt haben, denn sein Freund Schubert hat oftmals hier fröhliche
Einkehr gehalten, hat sogar, um sein müheloses Schaffen zu erproben,
das Ständchen hier komponiert, mitten im Lärm unter Gläserklirren
und Kellnerrufen. Dann gab's den Bachusgarten, an den mir nur ein
verschleiertes Erinnern geblieben ist, wie an einen prangenden Traum.
Uns war der Name schon wie ein Märchen. Den fröhlichen Weingott hatten
wir auf Schildern neben Gambrinus oft gemalt erblickt, und angesichts
der stattlichen, vollkommenen Bekleidung, die der Bierkönig trug,
konnte der nackte, mit Weinlaub bekränzte Jüngling den Eindruck
fröhlichster Unbändigkeit wecken. Der Bachusgarten, das schien uns sein
eigener, gewissermaßen sein Privatgarten zu sein. Ein Märchen war halb
erfüllt, da es den Garten gab, und wenn der Gott auch sichtbarlich
darin fehlte, wir suchten ihn darin, und vermuteten seine Gegenwart.
Es war eine wundervolle, zügellos grünende und blühende Wildnis, die
hinter der mürrischen grauen Mauer sich auftat. Hoch standen die
Gräser, undurchdringlich das Strauchwerk, und finstere alte Bäume
reckten mit wilden Gebärden ihre Äste zum Sonnenlicht. Heute ist dies
alles spurlos verschwunden. Eine gesittete, langweilige Häuserreihe
steht nüchtern und vernünftig da. Nur das Staunen, mit dem man die
ganze Verwandlung gewahrt, zeigt uns, wie tief einst der Glaube an die
Unwandelbarkeit dieser Dinge gewesen.
Aber ich weiß sehr genau, wann dieser Umschwung begonnen hat.
Eines Tages kam die Tramway heraufgeklingelt und fuhr mitten durch
Währing. Es gab Straßen, die von Schienen durchzogen wurden, es gab
Haltestellen. Man war einfach wie in Wien. Diese Tramway, die hin und
her klingelte, bis tief in die Nacht hinein, sogar bis zehn Uhr, hat
den ganzen Ort aufrebellt. Drei- und vierstockhohe Häuser reckten
sich himmelwärts, rückten gegen die Stadt vor und besetzten das wüste
Feld, das zwischen Wien und Währing lag. Angesichts dieser steinernen
Regimenter sank der Linienwall zusammen, von hüben und drüben schlossen
Straßenzüge und Baulichkeiten ineinander. Über die einstige Grenzspur
aber ward der eherne Reif der Stadtbahn geschlagen.
Wandert man jetzt in dem neuen, von der Elektrischen durchsausten
Bezirk umher, dann muß man das alte Währing unter all dem frisch
Hinzugewachsenen mühsam hervorsuchen. Völlig schüchtern hält es sich
verborgen, schweigt, weil es ja doch überschrien wird, und läßt das
geschäftig eingedrungene Wesen schalten. Manches wohlbekannte alte
Haus findet sich freilich noch. Beinahe jedes aber ist verändert, ist
entweder ganz nobel, ganz modern herausgeputzt, hat sich entwickelt,
ist jung geblieben, oder es scheint ablehnend in sich zu verharren.
Und da fällt es mir auf, wie merkwürdig menschenähnlich manche Häuser
altern. Sie werden unfreundlich, da sie einst gastlich und einladend
gewesen, erscheinen mürrisch und schlecht gelaunt wie Greise, und man
hat Mitleid mit ihnen, wie mit betagten, verbitterten Menschen, denen
doch nicht zu helfen ist. Wer die Leute gekannt hat, die vor einem
Vierteljahrhundert hier ihr Gewerbe getrieben haben, der kann auf
seinem Spaziergang wohl auch merken, wie eine helle, in den morgigen
Tag hineinhorchende Klugheit, wie verständiger Fleiß sich belohnt, und
wie da der einzelne mit dem Boden, dem er sich anvertraut, gedeiht.
Da ist nun mancher, den ich ganz klein hier einziehen und seinen
Glückskreuzer an die Ladenschwelle nageln sah, heute ein großer Herr
geworden, mancher enge Kramladen hat sich erweitert und prunkt jetzt
mit großstädtischer Eleganz. Andere wieder, die hier ein üppiges Leben
führten, so recht mit Übermut in ihrem Glück saßen, sind verschwunden,
verdorben und verarmt, und drücken sich in kümmerliche Seitengassen.
Man darf schon an die Leute von Seldwyla denken, denn die Währinger
sind ein gar lustiges, zu allerhand Kurzweil stets bereites Volk.
Ehe ich dann den Weg ins Grüne gehe, den alten Weg der Währinger
nach Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, diesen drei Dörfern, die so
wie an einer Schnur an der Straße aufgereiht liegen, suche ich den
alten Ortsfriedhof heim, der unberührt wie einst mitten unter den
Häusern liegt, und dem sie auch die kleine Zufahrtsrampe gelassen
haben. Schubert und Beethoven haben hier geruht, und ihre ersten
Grabsteine sind noch an der gleichen Stelle. Aus der Erde, in der
Beethoven vermodert ist, sprießen Dijonrosen und wollen eben ihre
Knospen öffnen. Über eingesunkene Grabhügel schreitet man dahin, an
geborstenen Grüften vorüber. Die Inschriften auf den Totensteinen sind
verlöscht und verwaschen, sie haben nichts mehr zu melden. Vergessene
und Verlassene zumeist schlafen hier. Die Trauer, die einst um diese
Stätte gewebt und sich zu Ewigkeitsversprechungen aufschwang, der
Schmerz, der über diesen Särgen weinte und der sich in goldenen Lettern
unstillbar nannte, all die Klagen, Tränen und all der Jammer schicken
sich an, zu verflüchtigen. Von draußen dringt das Brausen der jungen
Tage herein und weht die zögernde Erinnerung hinweg. Das Gewesene
versinkt hier tiefer, tiefer in den Erdenschoß. Aber ein dunkles,
machtvolles Grünen treibt üppig aus der reichgedüngten Scholle. Wie
ein wilder, verwunschener Garten liegt der Friedhof da, blühende Hecken
und schwellende Gräser überwachsen und decken den Totenzierat, und
wunderbare Bäume sind hoch emporgeschossen, seit ich, ein Kind noch,
hier gewesen, breiten ihre Wipfel in der Maienluft und trinken mit
ihren Wurzeln die Kraft dieser Erde, die einst lebendig war.
Nur ganz draußen in Pötzleinsdorf ist alles beim Alten geblieben.
Und der lieblich-schöne Wald umfängt einen wie treue, unwandelbare
Freundschaft. Bloß weil das Unterholz so arg in die Höhe gewachsen
ist und an manchen Punkten die Aussicht sperrt, wo einst der Blick
das stille Tal durchmessen konnte, merkt man, daß ein bißchen Zeit
vergangen sein mag. Da steht noch die Bank, einst Ziel und Rast so
vieler Spaziergänger.
Ich will mich nach so langer Frist auf diese liebe alte Bank setzen.
Und vielleicht wäre jetzt der Augenblick, Betrachtungen anzustellen:
wie das Leben hinrollt, wie alles unaufhaltsam wächst und vergeht.
Oder: wie man an diesem kleinen Gemeinwesen, das sachte und wie
einer tätigen Vernunft folgend sich entfaltet hat, die ungeheure
Bewegungsgewalt aller Entwicklung kann begreifen lernen. Aber ich
denke nur an das Traumhafte dieses Spazierganges. Daß ich in diesen
Lebensbereich, der mir einst so nahe gewesen, zurückgekehrt bin, und
daß mir nun zumute ist, als sei ich gestorben gewesen oder all die
Jahre her ganz fern von hier, in einem anderen Weltteil. Und habe
inzwischen doch nur am Alsergrund gewohnt, gleich nebenan. So leben
wir in einer großen Stadt. Leben stets nur auf einem winzigen Fleck,
in zwei, drei Gassen. Begnügen uns mit dem Gefühl der Fülle, die uns
umbraust. Und haben jeder irgendein Josephinum, bei dem wir Halt
machen. Alle Fernen zwingen wir uns herbei in unser Zimmer, haben sie
in Papier und Büchern eingefangen auf unserem Tisch. Aber es passiert
uns, daß wir das Lebendigste versäumen, auch wenn, um es zu sehen,
nicht mehr vonnöten ist als ein Spaziergang von einem Stadtviertel in
das andere.
LUEGER
Vielleicht kommt es auch dazu, und es greift einmal jemand nach diesem
Mann und stellt ihn mitten in einen Wiener Roman, und rollt sein
Leben auf und enthüllt sein Schicksal. Aber das müßte dann freilich
einer tun, dem nicht Haß, noch Bewunderung den Blick umschleiert; es
müßte jemand sein, der die wundervolle Gabe des Anschauens besitzt
und dem in seiner Kunst nichts höher gilt als die Anschaulichkeit.
Wie man einen Schlüssel ins Schloß fügt, so müßte derjenige, der es
unternimmt, diesen Roman zu schreiben, den Lueger-Charakter in das
Herz des Wiener Volkes einfügen und dieses Herz damit aufsperren,
daß alle seine Kammern offen stünden. Er müßte die Gestalt Luegers
so über die wienerische Art hinfegen lassen wie eine Wolke über eine
Wasserfläche streicht, und das Wesen Luegers müßte sich in der Tiefe
des wienerischen Wesens spiegeln wie eine Wolke auf dem Grund der Flut
sich abzubilden scheint. Er müßte die ganze Stadt rings um diesen Mann
herum aufbauen, damit alle ihre Farben und ihre Lichter, in diesem
einen gesammelt, blitzen und funkeln. Das wäre die Aufgabe.
Wichtig, interessant und für den Roman sehr wirksam ist es, daß er
gleich im Anfang sagte, er wolle Bürgermeister von Wien werden. Bei
allen Parteien, denen er sich anbot, hat er diese Bedingung gestellt:
Bürgermeister werden! Und er hat sich vielen Parteien angeboten.
Er begann als der Schüler eines jüdischen Oppositionskünstlers im
Gemeinderat, ging zu den Liberalen, zu den Demokraten, und pries zu
Schönerers Füßen die teutonische Heilslehre. Überall lehnte man ihn
ab, von seinem stürmischen Ehrgeiz beunruhigt. Überall auch spürte
sein Instinkt: diese Mühlen klappern zu wenig, mahlen zu langsam.
Sein wienerischer Instinkt spürte: das wurzelt nicht! Liberaler
Bildungseifer, demokratische Aufklärung und Unzufriedenheit,
alldeutsche Wotansideale ... das wurzelt hier nicht, das schlägt nicht
ein! Er aber brauchte etwas, das breite Wurzeln fassen konnte, brauchte
etwas, das wie der Donner einschlug. Damit er Bürgermeister werden
könne. Niemand begriff damals, warum sein heißes Streben nach einem so
bescheidenen Ziele ging. Er hat nachher gezeigt, wie es gemeint war.
Wichtig ist, auch für den Roman, sein Äußeres: Eine glänzende
Bühnenerscheinung; die beste, die es für das Rollenfach des Demagogen
gibt. Hochgewachsen, breitschultrig, nicht dick, aber doch behaglich
genug, und man wird das Wort »stattlich« kaum vermeiden können, wenn
man ihn schildern will. Nimmt man sein Antlitz noch dazu, dann wird
vieles begreiflich. Für ein Wesen, das so ganz auf Äußerlichkeit
gestellt ist, gilt solch ein Aussehen schon als Prädestination, als
Beruf, als Erfolgsbürgschaft. Dieses Gesicht erscheint vollkommen
bieder. Einfache, aus der knappen Stirn zurückfallende Haare, die
sanft gelockt sind. Kleine Augen, die vergnügt und schwärmerisch,
naiv und sentimental wirken. Ein außerordentlich solider Vollbart,
der am Kinn nach dem Geschmack der Vororte geteilt ist; und mitten in
diesem würdigen, bürgerlichen, ruhigen Antlitz die nette kleine Nase.
Diese Nase, die wie eine aus der Bubenzeit stehengebliebene Keckheit
aussieht. Man kann es gar nicht anders sagen: bieder, rechtschaffen,
treuherzig, wacker. Lauter solche Worte fallen einem ein, wenn man
sein Gesicht erblickt. Aus der Ferne. Denn alle Wirkung dieser
Physiognomie ist gleichsam auf Distanz berechnet. In der Nähe redet
dann schon eine trotzige Rauflust, die nicht ohne Tücke scheint, von
dieser schmalen Stirne. In der Nähe zeigt sich der leicht schielende
Doppelblick dieser kleinen listigen Augen, aus denen eine hurtige
Verschlagenheit blitzschnelle, zwinkernde Umschau hält. Da zeigt sich,
vom soliden, wackern Bart verborgen, ein spöttischer Mund, der hinter
der Ehrlichkeit grauer Haare schadenfroh zu lächeln vermag. In der
Nähe erst wird es sichtbar, welch ein unruhig flackernder Schimmer
von Schlauheit und Verstellung dies Antlitz überbreitet, das auf
Ansichtskarten schön ist.
Mit dieser lockenden Vorstadtpracht tritt er auf. Im Wien der achtziger
und neunziger Jahre, in welchem die Vorstädte gerade anfangen, mächtig
zu werden. Eine lauwarme, trübe, unentschlossene Zeit. Die bürgerlichen
Parteien im Zerfall und in totaler Ratlosigkeit; nachlässig geleitet
von ausrangierten Lieblingen, von alten Komödianten einer überlebten
Politik. In der Tiefe des Volkes greift die Sozialdemokratie um
sich. Die breite Masse der Kleinbürger aber irrt führerlos blökend
wie eine verwaiste Herde durch die Versammlungslokale. Und alle sind
von der österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von der
österreichischen Selbstironie bis zur Verzagtheit niedergedrückt.
Da kommt dieser Mann und schlachtet -- weil ihm sonst alle anderen
Künste mißlangen -- vor der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der
Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, sticht ihn mit Worten tot,
reißt ihn in Fetzen, schleudert ihn dem Volk als Opfer hin. Es ist
seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen Unzufriedenheit
den Weg in die Judengassen weisen; dort mag sie sich austoben. Ein
Gewitter muß diese verdorbene Luft von Wien reinigen. Er läßt das
Donnerwetter über die Juden niedergehen. Und man atmet auf.
Allein er nimmt auch noch die Verzagtheit von den Wienern. Man
hat sie bisher gescholten. Er lobt sie. Man hat Respekt von ihnen
verlangt. Er entbindet sie jeglichen Respektes. Man hat ihnen gesagt,
nur die Gebildeten sollen regieren. Er zeigt, wie schlecht die
Gebildeten das Regieren verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein
Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten, beschimpft die
Professoren, verspottet die Wissenschaft; er gibt alles preis, was
die Menge einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, trampelt
lachend darauf herum, und die Schuster, die Schneider, die Kutscher,
die Gemüsekrämer, die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter
sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind
die Armen am Geiste. Er bestätigt die Wiener Unterschicht in allen
ihren Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, in ihrem
Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem Weindusel, in ihrer Liebe zu
Gassenhauern, in ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen
Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen vor Wonne, wenn er zu
ihnen spricht.
Aber wie spricht er auch zu ihnen. Das Dröhnen ihres Beifalls löst
erst alle seine Gaben. Beinahe genial ist es, wie er sich da seine
Argumente zusammenholt. Gleich einem Manne, der in der Rage nach dem
nächsten greift, nach einem Zaunstecken, Zündstein, Briefbeschwerer, um
damit loszudreschen, greift er, um dreinzuschmettern, nach Schlagworten
aus vergangenen Zeiten und bläst ihnen mit dem heißen Dampf seines
Atems neue Jugend ein, rafft weggeworfenen Gedankenkehricht zusammen,
bückt sich nach abgehetzten, müd am Weg niedergebrochenen Banalitäten,
peitscht sie auf, daß sie im Blitzlicht seiner Leidenschaft mit dem
alarmierenden Glanz des Niegehörten wirken. In dem rasenden Anlauf,
dessen sein Temperament fähig ist, überrennt er Vernunftgründe und
Beweise, stampft große Bedeutungen wie kleine Hindernisse in den
Boden, schleudert dann wieder mit einem Wort Nichtigkeiten so steil
empor, daß sie wie die höchsten Gipfel der Dinge erscheinen. Im Furor
seiner Rednerstunde gerät der Mutterwitz, der sein Wesen durchdringt,
ins Sieden und wirft Blasen, in denen alles wie toll, alles verkehrt
und lächerlich erscheint. Einfälle sprudeln hervor, in deren Wirbel
frappierende, unglaubliche und verführerische Gedanken funkeln, sich
drehen und überschlagen. In seinem Rednerfuror, wenn ihm schon alles
egal ist, fängt er freilich auch den Schimpf der Straße ein, reißt den
Niederen und Geistesarmen alberne Sprüche des Aberglaubens vom Munde,
schnappt selbst den Pfaffen die Effekte weg, die auf der Kanzel längst
versagen wollten -- aber er siegt mit alledem. Schlägt zu damit und
trifft und wirkt. Oft schon hat er seine entsetzten, überrumpelten
Gegner vor sich hergejagt -- wie sich nachher gezeigt hat -- mit einem
Eselskinnbacken. Dieses ist seine Macht über das Volk von Wien: daß
alle Typen dieses Volkes aus seinem Munde sprechen, der Fiaker und der
Schusterbub, der Veteranenhauptmann, der gute Advokat, die Frau Sopherl
und der Armenvater. Und alle Volkssänger mit dazu. Vom Guschelbauer an
bis zum Schmitter. Man hört die Schrammelmusik aus der Melodie seines
Wortes, das picksüße Hölzel und die Winsel, hört das Händepaschen und
ein jauchzendes Estam-tam klingt in seiner Stimme beständig an.