auf diese aus aller Herren Ländern zusammengemischte Lustbarkeit.
Lassen sich von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln, von
spanischen, französischen, englischen, russischen, amerikanischen
und wienerischen Melodien aufrütteln. Von spanischen, englischen und
wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die eigene Schwere, die
eigene Bürgerlichkeit für eine Nacht wenigstens los sein und haben
dennoch kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten Glauben daran.
Sie sitzen da und zweifeln, und überlegen, und machen mißtrauische
Gesichter, ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne ihnen
unversehens ihre Würde gestohlen werden, ihre soziale Stellung, oder
als könne ihnen auf eins zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen.
Unsicher sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da. Unsicher und
lüstern zugleich und zugleich bereit, sich irgend etwas vorzulügen,
sich einer auf den anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren
Ehemännern, und machen neugierige Augen, und vergehen vor Begierde,
einen Blick in den »Sündenpfuhl« zu tun, das »Laster« kennen zu lernen.
Und dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante Gebärde, eine
allzu deutliche Zärtlichkeit belauern, solch eine infame Milde in
ihrem Lächeln, solch eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß
man merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen, um sich
auf Kosten dieser Mädchen da überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von
den Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen und ihr sagen
würde: »Ich laß mich von Ihnen nicht ausnützen ...,« man müßte es
verstehen. Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war keine
legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang mit dem Manne, der
neben ihr saß, beisammen. Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig.
Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an ein ruhiges Leben in
behaglichen Verhältnissen gewöhnt. Noch immer schick gekleidet, mit
jener Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig ist und ihrem
Freund immer wieder gefallen muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig,
elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu, wie er alle diese
Tänzerinnen mit den Blicken verschlang. Eine nach der anderen. Sie sah
zu, wie er diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte, begehrte.
Ein paarmal legte sie ganz leise ihre Hand auf die seinige. Er merkte
es gar nicht; schien sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen
bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie spähte umher, ob niemand
sie beobachtet habe. Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie
betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor ihren Augen. Sie
sah aufmerksam diese jungen, sprühenden, in ihrer Frische entblößten
Mädchen an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde mutlos. Ihr
Blick verhängte sich. Sie sah jetzt nichts mehr. Und sie saß da wie
beraubt, verlassen und gänzlich entwaffnet.
Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute, und es sind
unsichtbare Schranken zwischen ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser
tanzenden Welt da. Manchmal aber läßt sich einer von den ernsten
Männern vom Augenblick wegraffen, springt über diese Schranke und reißt
so ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich ist es ein
älterer Herr, und gewöhnlich zeigt er durch irgend einen Ruck, den er
sich gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er nun den Entschluß
gefaßt habe, fröhlich zu sein. Es sind immer nur zwei Spielarten, von
Männern. Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der sich mit
dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt. Er ist immer der ernsteste von
allen. Seine Brauen runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten,
sein Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das Mädchen im Arme,
zu tanzen. Zornig beinahe, dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich
und wirbelt mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist schon kein
Walzer mehr, sondern eher eine symbolische Handlung, die er vollzieht,
eine vorläufige Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten Hauptes
an seinen Platz zurück, setzt sich nieder und schaut sich erbittert
um. Der Andere ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen
kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen seines leichten Sechsschrittes
Komplimente gemacht hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen, aber
nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen, sondern als ob er ihr seine
Anerkennung bezeigen wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man
werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl, dreht nach links, macht
zierlich ausgemessene Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach
auswärts, schwingt die Waden in affektierten Zirkeln, wechselt die
Gangart, das Tempo, vollführt allerlei kleine Bravourstückchen, und
hört dann plötzlich auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich setzt er
sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken, damit keiner bemerken soll,
daß er keucht und ihm der Atem ausgegangen ist.
Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend stillen Straßen, in der kalten
Winterluft zerstiebt dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die
Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon verblasen. Eine Weile
noch schimmert ein Frauenlächeln, dann verlischt es.
Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die eine Schlußmoral
geknüpft werden soll.
PETER ALTENBERG
Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags
dahinwandelt, an den äußeren Rändern des bürgerlichen Lebens?
Dirnenlokale, Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Varietees, Kabaretts.
Bei Menschen, die der brutalen Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit,
dem gedankenlosen Vergnügen der Satten dienen. Bei Menschen, die
aufgebraucht, genossen, verachtet werden und die er anbetet. Dort
schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und
zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen Sänger von der
Newsky-Russotine-Truppe, denen er seine Seele hingab, dort war die
spanische Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls seine Seele
hingab, das Aschanti-Mädchen Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele
hingab, dann die Schwestern Nagel, welche wienerische Lieder singen,
dann die Leopoldine, die Gusti, die Anna, die Helene, die Gabriele,
denen er immer wieder und wieder seine Seele hingegeben hat.
In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das Gläserklirren,
Kreischen, Lachen und Lärmen eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit
seinen sanften Schritten und mit seinem sanften Lächeln durch den
Tumult, und der Reihe nach grüßen ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen.
»Servus Altenberg! ... O, Peter -- wie geht's dir? ...« Sie grüßen ihn
nicht wie einen Habitué, nicht wie eine geschätzte Kundschaft, sondern
wie einen Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein etwa ein
Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und hochachtungsvoll. Vertraulich,
weil er ja dazugehört, und hochachtungsvoll, weil es ein Ehrenmitglied
ist.
Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben oder Kärntnerstraße.
Spät nachts. Er disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom
Standplatz hören zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, lächeln.
Dann sagt einer von ihnen mit tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von
Altenberg ...« Um sich vor uns damit auszuzeichnen, daß er ihn kennt.
Die anderen wiederholen es, intim und respektvoll. Es ist beinahe eine
Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, weil er glaubt, es gäbe einen
Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo ... Er lächelt, salutiert: »Hab'
die Ehre, Herr von Altenberg.«
Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber sitzen, Gemüse und
Blumen verkaufen. Er geht mitten in dem Gewühl umher, atmet
den Duft von Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättern,
Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des aufgehenden Tages und
des frischbesprengten Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost
mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten grünen
Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die vierzehn- und
fünfzehnjährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: »Grüaß'
Ihna God, Herr von Altenberg ...«
Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an
Terrain gewinne. Er hat das selbst einmal geschrieben, und es drückt
sein Wesen vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig Jahre alt. Das ist
ein Abschnitt, um manches zu überdenken und sich mancher Dinge zu
besinnen, und ich lese seine Bücher.
Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen einmal gesagt hat; eine
Sängerin oder Tänzerin, vielleicht auch nur eine, die durch die
American Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, jedenfalls
eine von den vielen, denen er seine Seele hingegeben hat: »Votre lettre
... je comprends, que vous me comprenez ... c'est tout ce qu'il nous
faut ... c'est plus!«
Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der Geliebten im Kaffeehaus die
Geliebte erwartet, die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel setzte
sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte, und ich hielt
es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte,
es war halb acht Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf Uhr zu warten.
Wir saßen da und warteten. Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in
ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: ›Es ist nicht möglich,
sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!‹ Er
war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um: ›Kommt sie
oder kommt sie nicht?!‹ -- ›Sie kommt, sie kommt ...‹ erwiderte ich.
Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten auf
meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir doch
die Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um zehn Uhr begann er zu jammern.
Da sagte ich zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange
ist?! Man muß sich beherrschen!‹ Er hielt nichts auf Beherrschung und
jammerte ...!«
Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens begannen die Vögel
leise zu piepsen, andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen.
Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden Steinchen, riß alle
Hoffnungsfreudigkeit mit, die Lebensleichtigkeiten, wurde zur
zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu genügen, und der
unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein lauer Sturm brauste in den
Baumwipfeln vor meinem Fenster ...!« Und dann der Schluß: »Das Singen
der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, Ansätze zu Melodien sind
vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schicklichste
Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhängen ...«
Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: »Es gibt drei
Märsche, die in Musik umgewandelte Todeskühnheit und Blutdunst sind:
Lorrainemarsch, Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. Sie müssen
mit einer kurzen und schrecklichen Entschlossenheit gespielt werden!
-- -- Die Instrumente mögen direkt in den Tod gehen! Besonders kleine
Trommel und Klarinette seien Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man
muß die Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhaltungstrieb
hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! Eine schreckliche Krankheit
hat das Gehirn, das Nervensystem ergriffen: ›Du oder ich, Hund!‹ Sonst
nichts!«
Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: »Also Arterienverkalkung
höchsten Grades -- --. Die junge Frau wird leben, leben, die zu
mir gesagt hat: ›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen jemanden so
glücklich gemacht hat wie Sie!‹ -- -- Die Bergwiesen in R. werden
duften und leuchten, besonders nach Regen am Abend. Niemals ist
jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. -- -- Enkelin,
süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, in dich gekehrte, immer
spürtest du es: ›Mein Großpapa versteht mich besser als alle --.‹ Ich
möchte dich anflehen aus dem Grabe: ›Warte auf einen, der dich so, so
verstünde wie dein verstorbener Großvater! Aber du wirst ihn nicht
erwarten können.‹ -- -- -- Amen -- -- Arterienverkalkung höchsten
Grades -- -- Lebet wohl!«
Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, eine eigentümliche
Beziehung ist zwischen diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe,
Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe und kühler Auen Nachtduft.
Etwas abseits vom Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie
Brackwasser. Eine wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter
macht und leicht. So unbedenklich sitze ich und lausche. Niemanden
beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie Signorina Maria. Eine
wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die Mandolinen
gebaut sind, wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter glitzern!
Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren zarten
Blätterfingern bebt.«
Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen Predigten, Ansprachen
und Dichtungen. Manche sind wie stählerne Projektile, so fest in
sich geschlossen, so vollendet und präzise in ihrer Form; und sie
dringen einem wie Projektile in die Brust; man ist getroffen und
blutet an ihnen. Manche sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd
in allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes, strahlend von
eingefangenen Sonnenstrahlen und blitzend von einem geheimnisvollen
inneren Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch des
Sommers, schwellend und süß, und voll Duft nach Laub und Gärten. Ich
lese alle diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus
ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam mit einer heftigen
Gebärde hingeschleuderten Satzformen, die so viel Plastik haben und
so viel malerische Kraft. Diese Sprache ist wunderbar persönlich
und erinnert an keine andere. Nur hie und da, ganz leise, mahnt
irgendein Klang an den Sprechton von Andersen. Und wenn man es weiß,
daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt und die französische
Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man das weiß, merkt man,
daß die Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das graziöse Pathos
französischer Konversationskünste gehört hat, und daß davon ein
schwaches Echo in seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert
diese Sprache an nichts. Wenn er sagt: »Sterben fürs Vaterland! Ex!«
... wenn er sagt: »So ist es! Schweige, Rekrut des Lebens!« ...
oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« ... oder: »Siehe! Diese Herrliche,
Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr Sedan in sich. Sie wird sich
verfetten! Helas -- --«; wenn er dies sagt, dann ist das wie lauter
kleine neue Empfindungen, die er gemacht hat. Es ist, als ob man ihn
reden hörte; als sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden,
abschnappenden, pointierten Schlußwendungen unmittelbar aus der Hast
und Aufregung seines Denkens und seines Temperaments. In seiner Form
ist etwas Zwingendes; diese scheinbar asthmatische Beredsamkeit, dieses
Klopfen aller Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende
Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur Kopie. Aber er allein nennt
diese Echtheit sein eigen. Er hat vor sein erstes Buch das Motto
gesetzt: »Mon verre n'est pas grand, mais je bois dans mon verre!« Mit
der Zeit trinken freilich auch manche andere aus diesem Glas. Aber das
macht nichts.
Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, als er anfing. Damals
war er etwa dreißig Jahre alt und reif und fertig. Er ist nicht anders
geworden seither, und was man künstlerische Entwicklung nennt, liegt
nicht in seinem Wesen. Er wird niemals ein großes Werk schaffen,
langsam komponieren und bauen, wird niemals die Fäden irgendeiner
Handlung spinnen, knüpfen und lösen, niemals in seiner Phantasie
Gestalten und Schicksale erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere
Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück -- einen »Fetzen«, würde
er sagen -- mit sich nach Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem
Leben, um es bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, zu erhöhen
und sein ganzes Ich darein zu verweben. Er sieht das Leben wie ein
einziges, furchtbares und herrliches Schauspiel vor sich abrollen und
hat keine Zeit, etwas zu versäumen, indem er sich mit sich selbst und
mit einem Werk einschlösse. Er ist von diesem Schauspiel in solchem
Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen Moment vom
Platze weicht. Ihm enthüllt sich die Tiefe der Welt in Worten, die
Vorübergehende sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen einer
Dirne. Ihm öffnen sich die schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer
eines enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau auf
eine erblühende richtet. Er sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«,
und empfindet unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, unermeßliche
Möglichkeiten des Daseins. Er wird andächtig und ergriffen von dem
rosigen gesunden Körper eines Kindes, erbebt vor den hellen unbeirrten
Augen einer Dreizehnjährigen als vor etwas Göttlichem. Es ist seine
innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und zu schauen und sich
schauend am Leben zu erzücken oder zu kränken. Und es ist seine
innerste Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben
richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, die von seinem Entzücken
auf eine rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal wieder
Schmähbriefe, in denen ein erstickender Zorn ins Stammeln gerät. Er
wird immer nur diese kleinen Prosastücke schreiben; alle seine Bücher
enthalten nur solche kleine Prosastücke, und die folgenden Bücher, die
er noch erscheinen lassen mag, werden auch nichts anderes enthalten.
Aber unter ihnen sind viele kleine Meisterwerke. In diesen wohnt eine
ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn über die Jahre hinwegtragen
zu Generationen, die erst noch kommen. Denn Altenberg besitzt eine
wunderbare Macht. Während andere mit der Gewalt eines langen Atems
Werke schreiben, die man morgen schon vergessen hat, kann er mit seinem
kurzen Atem Dinge sagen, die einfach unvergeßlich sind.
Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, in den Varietees,
in den Boheme-Cafés und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen
an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte. Freilich ist das der
Wunsch so ziemlich aller Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die
Dichter betonen es nur nicht immer ausdrücklich, streben bloß bewußt
oder unbewußt danach, zur Erreichung dieses Zieles etwas beizutragen.
Die Priester wieder predigen und verkündigen es unaufhörlich und
wissen Rezepte, die unfehlbar dazu verhelfen, daß die Seele an Terrain
gewinne. Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er gibt
Rezepte, er überredet und schreit das Leben an, kanzelt es ab wie ein
Priester und wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos,
überwältigt in die Arme wie ein Künstler.
Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine junge Tänzerin voll
Verve in jeder Bewegung oder einen Collie von echter Rasse oder ein
Tiffany-Glas oder eine frische Wiesenblume und ruft mit geschnürter
Stimme, zitternd vor Begeisterung: »Das ist das Höchste! Das
Hö-ö-öchste!!« In dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste. Als
habe das Leben eine neue Überraschung, irgendeine neue Aufmerksamkeit
für Altenberg bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich
dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun fürstlich
beschenkt, als sei er vor allen anderen begnadet. Es ist aber auch, als
umfasse er in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum des
Daseins.
Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick ist sie die einzige, an
die er seine Seele hingibt. »Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er.
Jedes andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt, und es existiert nur
dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt die Erfüllung seines Traumes von
Frauenschönheit; dieses ist ihm für jetzt die höchste Meisterleistung
der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß, wiederum ein lobendes
Schreiben, einen enthusiastischen Dankbrief an das Leben zu richten. Er
hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft nur für eine halbe Stunde
hingegeben; aber er hat sie immer ganz hingegeben, ohne Vorbehalt, und
als täte er es zum erstenmal.
Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen kaufen, und sagt
ihnen: Glaubt nicht, daß ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf
habt! Beachtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist. Nehmt sie nicht
im brutalen Heißhunger eurer Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei
die freche Gesinnung hegt, ihr werdet durch sie besudelt. Beachtet ihre
Traurigkeit und ihre Heiterkeit; beachtet ihr Schicksal. Seid nicht
wie Tiere! Die jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt! Aber sie
schlagen einen andern Ton gegen die Mädchen an. Die Seele des Menschen
hat an Terrain gewonnen.
Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele ältere sitzen an
seinem Tisch und hören ihm zu. Viele haben sich im Laufe der Jahre
nacheinander seiner bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen,
konnten nicht existieren ohne seinen Zuspruch, ohne seine milden
Reden, ohne seine Wutanfälle und tobenden Beschimpfungen. Verwöhnte
Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über seine Bücher und über
gesellschaftlichen Zwang hinweg nach ihm, begehren seine persönliche
Nähe, seine Worte, spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit,
eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, irgendein Labsal oder
eine Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen,
die stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, die Kutscher,
die Schutzmänner, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt ihnen:
Hütet eure Verdauung! Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er sagt ihnen:
Die einzige Perversität, die es gibt, ist, seine Lebensenergien
zu schwächen und zu vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn
natürlich nicht, aber sie verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er
Güte für sie hat, und sie lieben ihn auch. Sie lächeln, wenn er seine
langen Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken die Achseln,
aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht los von
ihm. Wie das Grubenpferd im Germinal das andere eben von den Wiesen
ins Bergwerk hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und an seinem
frischen Geruch die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese
Leute, die im Alkoholdampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch und
Dunst ihrer Welt eingeschlossen sind, an ihm etwas von der Unschuld,
die ihnen verloren ging, wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr
kennen, und freuen sich, wenn er kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.
Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka im Nachtasyl oder wie
in der Macht der Finsternis der alte Akim. Er ist hier heimisch und
kommt doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und doch brennt in ihm
eine Flamme, die nicht an diesen Lichtern hier unten entzündet worden
ist. Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen und vom Dasein
Entstellten vollkommen wie ein Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen,
schauen einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein Kind gegen das
Leben eifern und streiten hören; und sie lächeln noch einmal, wenn
sie merken, wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten dieses
Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich seiner bedient. Die breite
Menge der Gebildeten ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung,
verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für verrückt oder für
einen, der sich zum Narren hergibt, wohl auch für gemeingefährlich,
jedenfalls für sehr verkommen. Im Kabarett Fledermaus erzählt Dr.
Egon Friedell Altenberg-Anekdoten. So oft er beginnt: »Es ist mir
beschieden, im Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu spielen,
die Eckermann im Leben Goethes gespielt hat«, brüllt das Publikum und
meint, damit sei nun Altenberg gebührend verhöhnt worden. Es gilt ihnen
schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell sagt: Der Dichter Altenberg.
Denn sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen Dichter zu
nennen. Sie brüllen auch zu den Anekdoten und ahnen nicht, wie glänzend
diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Friedell
mit seinen Altenberg-Geschichten immer erregt, ist gewissermaßen eine
falsche, eine mißverständliche Heiterkeit. Denn die Leute verstehen
nicht, wie der ganze Wert dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten
nur darin besteht, daß aus ihnen die rührende und einzigartige Gestalt
Altenbergs lebendig hervortritt, daß durch sie das Wesen Altenbergs mit
einem klaren ungemein psychologischen Humor beleuchtet und manchmal
verklärt wird. Die Leute sehen ihn von weitem. Sie sehen seine Werke
aus der Entfernung ihres bürgerlichen und an vermorschte Wahrheiten
geklammerten Standpunktes, genau so wie sie seine Person von weitem
sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen vorbeigeht, oder
wenn er eben im Saale ist, während Dr. Friedell von ihm spricht. Sie
meinen dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er sähe wüst aus,
vernachlässigt und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit welcher
Sorgfalt diese weiche, den Körper kaum beschwerende Kleidung ausgewählt
ist; wissen nicht, was für ein gepflegtes, weißes, durchleuchtetes
Antlitz er hat, was für feine beseelte Züge, was für schöne
strahlende Augen; sie wissen nicht, daß er die schmalsten vornehmsten
Alabasterhände hat, und daß seine Stimme sanft und gesanglich klingt
und edel.