In Wirklichkeit spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten,
sondern alle Welt sagt einfach: beim Brady. An einen Garten erinnert
übrigens nur die ziemlich geschmacklose Staketendekoration der Wände,
dann ein wenig falscher Efeu und kunstlos gefälschtes Weinlaub. Sonst
aber ist man hier beinahe wie in einer Spelunke. Und das mag eben
der Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein, daß er wie ein Beisel
aussieht. Denn wenn es irgendwo recht schäbig ist, dann sagt man in
Wien noch lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man eine
versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem, der sich über mangelnde
Pracht, über fehlenden Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte
Luft beklagt, wird geantwortet: Ja, aber gemütlich ist's. Beim Brady
ist es also gemütlich. Damit ist zugleich auch die Summe aller
seiner Eigenschaften gezogen. Es läßt sich weiter nichts hinzufügen.
Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends so gemütlich ist, wie eben
beim Brady. Und das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die wienerische
Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch aus abgedroschenen Liedern
kennen, oder aus den Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese
grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust entzündete,
sorgenfreie, naive, singende und jauchzende Wiener Gemütlichkeit
findet man jetzt nur hier. Aus den anderen Vergnügungslokalen, aus
dem übrigen großen modernen Wien ist sie ja verschwunden. Vielleicht,
daß man sie hie und da in irgendeinem versteckten Vorstadtwirtshaus
noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß. Die Zeiten sind
vorbei. Und wenn man zum Brady geht, dann ist der Weg dahin schon
wie ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges Gäßchen, das vom
gemütlichen Franziskanerplatz unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt,
das sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu wenden scheint.
Eine jener Gassen mit so enorm hohen Häusern, daß der Himmel droben
nur wie eine schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier unten einmal
zwei Wagen einander begegnen, dann darf kein Fußgänger vorbei, weil er
das bißchen Platz, das zum Ausweichen nötig ist, verstellen könnte.
Das uralte, beinahe schon vergessene Wien. Was beim Brady geschieht,
ist rasch erzählt. Eine Salonkapelle spielt; und wenn sie aufhört,
dann singt ein Männerquartett zur Begleitung einer Ziehharmonika,
einer Geige und einer Gitarre. Haben die vier Männer ihr Stücklein
heruntergejodelt, dann kommt wieder die Salonkapelle dran. Ohne Pause.
Und so ist denn der rauchige kleine Saal immerzu von Musik erfüllt.
Daran scheint freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird es noch
nicht begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester und vier Natursänger
solchen Zulauf finden können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr
da. Ein kleiner, leidlich hübscher, flotter Kerl mit einer angenehmen
Pleinairstimme, war er sein eigener Star. Trug den Leuten seine
fiakerisch-lustigen und sentimentalen Lieder vor und hatte jeden Abend
zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen Erfolg. Dann nahm er
Abschied, als ein kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich ins
Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan zeitlicher schlafen gehen
zu können, und erlaubte bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner
des Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute, die man nicht näher
kennt noch sieht, halten die Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist
da, in einem schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch, der aussieht wie
ein Meßner, der umhergeht und den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen
hat er noch nie, hübsch ist er auch nicht, kurzum, der Brady ist noch
nicht ersetzt. Aber die gute Laune, die er hier eingerichtet hat, ist
noch nicht verdampft; sie liegt hier noch immer in der Luft. Und wenn
man hereinkommt, wird man fröhlich, man weiß nicht wie und man weiß
nicht warum.
Schuld daran sind aber doch zunächst die Musikanten. Die von der
Salonkapelle, und die vier Natursänger, die zur Geige, zur Gitarre
und zur Ziehharmonika jodeln. Gewöhnlich gibt es ja nichts, was einen
Menschen so traurig machen könnte, wie ein bezahlter Lustigmacher. Die
armen Teufel, die beim öffentlichen Vergnügen bedienstet sind, versehen
ihre Funktionen fast immer mit solcher Wehmut, daß einen bei ihrem
Anblick der Menschheit ganzer Jammer anfaßt. Unter allen Professionals
sind ja die Professionals der Heiterkeit die trübseligsten. Beim Brady
ist das anders. Die Salonkapelle scheint gar nicht der Gäste wegen
zu spielen, sondern nur ihrem Dirigenten zuliebe. Wenn der die Geige
ansetzt und seinen Musikanten das Zeichen gibt, ist es, als wollten ein
paar Freunde unter einem lustigen Rädelsführer einen Spaß anzetteln.
Die zigeunerisch schmachtenden Primgeiger, die in posierter Ekstase vor
unseren Augen zu vergehen scheinen, die kennen wir ja zum Überdruß.
Daß aber dieser blitzlustige schwarze Bursche, der immerfort lacht,
wenn er geigt, ein Poseur ist, glaube ich nicht. Er unterhält sich ganz
einfach, wenn er eine Operettenmelodie spielt. Und weil er so animiert
ist, singt er den Text gleich mit dazu, wiegt sich und tanzt ein
bißchen dabei und schaut mit schwarzen, lachenden Augen und mit weißen,
blinkenden Zähnen im Saal umher. Ferner könnte man auch die Natursänger
für Gäste halten, die freiwillig zum allgemeinen Amusement beitragen.
Sie sehen aus wie kleine Geschäftsleute, Fiaker, Fleischhauer, Greisler
etwa, die ihr Sonntagsgewand angezogen haben und sich einen lustigen
Abend machen wollen. Dick sind sie alle zusammen, und eigentlich nicht
mehr ganz jung; aber einer fröhlicher als der andere. Der mit dem
blonden Schnurrbart hat geradezu jubelnde Augen, ein fideler Leichtsinn
spricht aus seinen Zügen und sein ganzes Wesen hat etwas Urwüchsiges,
etwas Schnalzendes, dem man nicht widersteht. Der Jodler unter ihnen,
der so hoch »überschlagen« kann, sieht spaßig aus. Er hat nicht nur
die schönste Stimme, er gleicht auch wirklich einem singenden Vogel.
Die Nase steht ihm spitz und hoch wie ein aufgesperrter Meisenschnabel
dicht überm Mund. Dann kneift er auch die kleinen Augen so bedenklich
zusammen, als belausche er sich; und wenn er sich einmal mit einem
Triller an das Publikum wendet, zieht er ein Gesicht, als ob er einen
schwierigen Fall zu explizieren hätte. Der dritte ist der Ironiker
unter ihnen, temperamentvoll, aber gezügelt, schaut immer drein, als
ob er nach einer Antwort suche, ist aber nie um zwanzig verlegen.
Der vierte ist der Dickste; wahrscheinlich auch der Gutmütigste. Nur
manchmal simuliert er Anfälle von Gesangstobsucht. Dann ist es drollig,
wie dieser kleine Koloß zu brüllen anfängt und sich geberdet, als könne
er die Lustigkeit in seiner Brust nicht länger bändigen.
Nun darf man aber nicht glauben, daß diese vier Sänger und der
Kapellmeister etwa zu den besonderen Talenten gehören. Jeder von ihnen
ist in jedem Augenblick zu ersetzen. Wenn einer nur ein wirklicher
Wiener ist, wirklich lustig, und dabei ein bißchen singen kann, vermag
er ihren Platz einzunehmen. Manchmal stellt sich auch von den Gästen
einer zu ihnen und macht's geradeso wie sie. Und es ist eben ihr Reiz,
daß sie so gar keine Künstler sind, sondern nur Wiener. Das gibt dem
ganzen Brady seine Wirkung, daß hier eben sonst nichts vorgeht, als
daß die Wiener auf ihre Weise fidel sein wollen. Anderswo will man
essen oder trinken oder sich an Produktionen kritisch ergötzen. Hier
will und soll kein Mensch etwas anderes als heiter sein. Die Gäste,
die Musikanten, die Sänger; es geht alles in einem. Und wie da junge
Prinzen, Offiziere, alte Lebemänner, Kommis, Bürgersleute, Kutscher
und »kleine Mädchen« beisammensitzen und singen, ist es, als sei man
hier in einer ganz kleinen Stadt, deren Einwohner eine besonders
beschaffene Familie bilden, oder als fände man hier den Auszug aller
wienerischen Art. Hier wird einem unaufhörlich in die Ohren gesungen,
daß wir »zum Trübsalblasen nicht auf Erden sind«, hier hört man jeden
Moment die unbestreitbare Tatsache vertont und betont, daß man »'s
Geld auf dera Welt net fressen kann« und hier ist der Ort, wo diese
Behauptungen nicht verlogen klingen, wo sich nichts in uns gegen solch
billige Weltanschauung sträubt. Der einzige Ort, an dem man sich ohne
Widerstand überreden läßt: »Drah'n m'r um und drah'n m'r auf -- es
liegt nix dran!« Vielleicht wirkt der Brady auch deshalb so zwingend,
weil die Leute hier, ob sie gleich fast alle betrunken sind, sich nett
benehmen. Betrunken ist, für einzelne wenigstens, gewiß nicht zu viel
gesagt; allein hier lernt man den richtigen, anmutigen Sinn des guten
Wortes: Angeheitert.
Angeheitert ist jeder. Man wird es vom Wein, man wird es von dem
Gelächter ringsumher, von dieser Atmosphäre unbekümmerter, übermütiger
Fröhlichkeit. Angeheitert wird man von diesem Kapellmeister, der die
Geige streicht, als gäbe es nichts Lustigeres in der ganzen Welt als
Geigenspielen. Angeheitert von den Sängern, die einem lachend zujubeln:
Es liegt nix dran. Angeheitert von dem Jodler, der den Meisenschnabel
aufsperrt; sogar von dem feierlichen Meßner, der herumgeht und
immerfort »Guten Abend!« wünscht. Da springt ein Lebemann plötzlich
auf, drückt sich den Zylinder schief in die Stirn, hebt die Frackschöße
und tanzt Cancan, da er augenscheinlich Paris nicht vergessen kann.
Er geniert sich nicht, und alle applaudieren, feuern ihn an und sind
im Nu gut bekannt mit ihm. Ein ernster Mensch, der wie ein Oberlehrer
aussieht, oder wie ein kleiner Beamter, und der bisher still vor
seinem Glas gesessen, fährt in die Höh', stürmt das Podium, drängt den
Kapellmeister zur Seite und beginnt zu dirigieren. Wer weiß, vielleicht
verwirklicht er hier zum erstenmal einen Lebenstraum. Irgendwo in
einer Ecke hebt eine elegante junge Dame zu singen an: »Wann der
Auerhahn ...«, eine glockenreine, helle Stimme. Sofort ist einer von
den Natursängern dabei, jodelt die zweite Stimme, und die Geige, die
Gitarre, die Ziehharmonika spielen die Begleitung. Vor einem Tisch
im Kreis seiner Freunde und ihrer Mädchen ist ein junger Kavalier
aufgestanden. Ein frisches, bildhübsches, aufgeregtes Pagengesicht,
die Augen funkeln ihm, er sprüht vor Jugend und Lebenslust, hält
einen Toast an alle Anwesenden, und wird nicht fertig. Ein alter Herr
entzückt sich mit einemmal an einer Offenbachmelodie, wird sichtlich
von Erinnerungen befallen und wiegt sich auf seinem Sessel hin und
her. Ein Mann, den man für einen Viehhändler halten darf, zecht mit
einer großen Blonden, die aussieht, wie eine von den strotzenden
Rubensweibern aus einem seiner Bohnenkönigsfeste. Und dann fällt dem
rothalsigen dicken Viehhändler unversehens ein, daß man noblerweise
nicht zweimal aus demselben Becher trinken kann, und er zerschmettert
jedes Glas, nachdem er es geleert hat, gleichmütig, gelassen, wie
selbstverständlich, und die blonde Rubensdame lacht, wenn ihr der
Champagner ins Gesicht oder auf das Kleid spritzt. In einer anderen
Ecke sitzen kümmerliche Menschen. Wie sehr sie sich auch mit Ringen
und Goldketten behängen, sie bleiben armselig; graue einfältige
Gesichter; Spießbürger, offenbar aus der Provinz; die Frauen nach einer
verschollenen, unwahrscheinlich gewordenen Mode gekleidet. Zur Freude
nicht geboren, zu jedem Vergnügen talentlos, starren sie mit sachlichem
Ernst auf das Getriebe. Dann aber geht es wie eine große Freudenwelle
plötzlich über alle Köpfe. Plötzlich beginnen alle miteinander zu
singen, die Kellner sogar, und selbst die Provinzler singen mit.
Das ist nun vielleicht sehr stumpfsinnig, es ist albern, wenn man will,
und sicherlich ist es sinnlos. Ein Berliner Freund, den ich neulich
zum Brady führte, ließ sich den ewig nüchternen Kopf nicht benebeln,
fand, daß die ganze Sache der großstädtischen Pracht entbehre, daß die
Ventilation zu wünschen übriglasse, und daß überhaupt die Geschichte
»bezeichnend« für Wien sei. Er hat allerdings recht, aber ahnungslos
wie diese Berliner nun einmal unserer Stadt gegenüberstehen, auf ganz
andere Art, als er denken mochte. Es ist freilich bezeichnend für Wien,
daß es nur hier einen Brady geben kann, und nirgends anderswo, daß hier
die Leute zusammenkommen, um zu singen und lustig zu sein, daß sie
sich dabei betrinken und trotzdem manierlich bleiben, daß Aristokraten
und Spießer, Offiziere und Kommis, Fiaker und Hofräte hier Tisch an
Tisch sitzen, Wiener Lieder anhören und kopfüber in die Banalität der
Gassenhauerweisheit tauchen, ihre Sorgen vergessen, und in die Hände
klatschen: Drah'n m'r um und drah'n m'r auf! Sie ist kindisch diese
Zuversicht, aber kindlich auch, und deswegen so wohltuend: Es liegt nix
d'ran!
NACHTVERGNÜGEN
Musik. Junge Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Das hat sich
in den letzten paar Jahren allmählich so entwickelt. Aber schon beim
gottseligen Brady galt es: »Kinder, wer kein Geld hat, der bleibt z'
Haus ...« Die Natursänger schmetterten diese einfache Philosophie in
den Saal. Wer sie vernahm, der war gewarnt, und durfte dann am nächsten
Morgen nicht klagen: Ihr laßt den Armen schuldig werden.
Zuerst war der Brady allein. Er war wienerisch und wußte es nicht
besser. Er trieb einen schwunghaften Handel mit Urwüchsigkeit, hielt
einen Ausschank von Volksliedern; er regalierte seine Gäste mit dem
Humor, der auf dem städtischen Pflaster sprießt. Und er ließ die
bodenständige Lebensfreude alle Abend so lange aufkochen, bis sie sich
glühend vermaß, der Welt eine Haxen auszureißen. Aber er war eben
allein, und man konnte bei alledem behaupten, daß wir kein Nachtleben
haben. Jetzt haben wir eines.
Jetzt gibt es in der Innern Stadt etwa ein halbes Dutzend
Gelegenheiten, die Nacht zu verjubeln und das Geld »am Schädel zu
hauen.« Das Verfahren ist inzwischen nur ein anderes geworden: Junge
Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Spanischer Fandango und
Veuve Cliquot. Tunesischer Bauchtanz und American Drinks. Cake Walk
und Vöslauer wie Bordeaux. Deutscher Sekt und Matchiche. Wir sind
international geworden. Die nächtlichen Freudenlokale tragen fast
alle pariserische Namen, und man amüsiert sich jetzt hinterwärts der
Kärntnerstraße ganz genau nach derselben Art, nach der man sich in
Berlin, Paris, New York oder Kopenhagen unterhält.
Deswegen fehlt es doch nicht ganz an Lokalton. Oft genug dringt
durch die französisch-spanisch-amerikanische Buntheit ein Schimmer
wienerischer Farbe. Auch hier kriegt man die neuesten Gassenhauer
und die frisch entstandenen Straßenlieder zu hören. Wie das Gemüse,
das draußen am Wiesensaum der Stadt wächst, werden auch sie
nächtlicherweile herein und auf den Markt gebracht, diese kleinen Texte
und Melodien, die draußen am Saum der Stadt aus der Erde wachsen.
Und auch sie dienen hier nur zur Garnierung. Die Herren von der
Kapelle singen sie. Denn es ist Mode geworden, daß die Orchesterleute
sich nicht mehr auf ihre Instrumente beschränken, sondern daß sie
einfach akute Anfälle von Lebensfreude haben. Anfälle, in denen sie
die Daseinswonne ihres Herzens nicht mehr bändigen können. Ihr Jubel
schwillt so mächtig an, daß er sich in einer Geige gar nicht mehr
auffangen, in ein Klavier gar nicht mehr hineindreschen läßt. Da müssen
dann die Musikanten einfach losbrechen, müssen zu singen anfangen,
mitten während des Aufspielens. Sie können sich nicht anders helfen.
Das Wichtigste aber bleiben die jungen Mädchen, welche tanzen. Man
sitzt rings um eine leere Mitte, an kleinen Tischchen. Und da kommen
die jungen Mädchen. Das ist -- zwischen ein und vier Uhr früh --
wirklich sehr hübsch. Es sind lauter niedliche kleine Mädchen, manche
von ihnen sind schön, manche sind nur angenehm; manche sind begabt und
manche sind ohne Geschicklichkeit; manche sind voll Anmut und manche
sind ganz hilflos; manche sind schüchtern, ja verlegen, und manche
wieder sind sehr frech. Aber alle zusammen haben etwas Sanftes in ihrem
Wesen, alle zusammen sind wie die Kinder, scheinen vom wirklichen
Leben gar nichts zu wissen. Sie sind ganz arglos in ihren Begierden,
in ihrer Gefallsucht, in ihren kleinen, durchsichtigen Raffinements.
Ringsherum an den Tischen sitzen die Leute, die aus dem wirklichen
Leben hier hereinkommen, aus allerlei Ernst und Sorge, aus allerlei
Arbeit, Schwierigkeit und Schicksal; sitzen da und sind beladen mit
ihren Gedanken, Geschäften und Pflichten. Sind gefesselt und gebunden
an Dinge und Menschen, die draußen irgendwo leben, sind umstrickt
von allen möglichen Zusammenhängen. Da in der Mitte, auf dem glatten
Parkett jedoch tanzen die jungen Mädchen, und es ist, als existierten
sie in einer eigenen Atmosphäre, in einer leichteren, in der es keine
Gedanken und keine Sorgen gibt. Es ist, als tanzten sie, weil alle
Zusammenhänge von ihnen sich abgelöst, und weil sie dadurch so viel
freie Gelenkigkeit gewonnen haben. Es ist, als hätten sie gar kein
Schicksal, sondern nur dieses Lächeln. Wenn der Morgen anbricht, gehen
sie zu Bett, und die ungeheure Tagesarbeit dieser Stadt braust dann
über ihren Schlummer hin. Sie hören es nicht. Sie sehen nur die vielen
hellen Lichter des Abends, hören nur die lustige Musik. Und tanzen.
Das Orchester schmettert, und ein junges Mädchen wirft sich in den
tönenden Schaum dieses Fandango, wirft sich mit einer enthusiastischen
Gebärde in die Flut dieser hochaufspritzenden Musik, wie eine Badende,
die vom Trampolin fröhlich ins helle Wasser sich schleudert. Ihr
schönes Gesicht ist von Heiterkeit ganz erleuchtet; ihre schwarzen
Augen glänzen und schauen irgendwohin, sehen niemanden an, und haben
einen Ausdruck, als seien sie nur von einem schimmernden Nebel umgeben.
Dieses Mädchen ist ganz von sich erfüllt. Von ihrer Jugend, von ihrer
Schönheit, von ihrem Tanz, von der Wirkung, die sie ausübt. Ihr feiner,
schlanker Körper arbeitet, von der Musik beherrscht, in allen Muskeln.
Dieser achtzehnjährige Leib fiebert, und glüht und tobt. Er spürt seine
kreisenden Kräfte und sehnt sich, diese Kräfte rasen zu lassen, sie zu
verschwenden, sie hinzugeben an den Jubel dieser Stunde. So schleudern
sich kleine, junge Lerchen in die Luft, so schwirren Libellen in der
Mittagssonne. Dieses junge Mädchen, das eigentlich gar nicht tanzen
kann, das wahrscheinlich gar kein Talent hat, ist dennoch in diesem
Augenblick etwas ganz Vollkommenes. Denn sie tanzt ihre Jugend, ihre
achtzehn Jahre, ihre Frische und ihren Frühling. Und sie genießt das
alles, wie sie so in der jauchzenden Musik dahinfliegt, sie ist ganz
allein mit sich, sie schlürft den feurigen Trank ihres Daseins und
berauscht sich daran. Die Leute rings an den Tischen betrachten sie und
werden von ihrem Zustand irgendwie mitgerissen. Sie betrachten dieses
kunstlose, enthusiastische Mädchen und werden unwillkürlich erfrischt,
werden milder, heiterer. Sie schauen sie an, wie man ein schönes, in
der Luft tanzendes Insekt anschaut, dessen Leichtigkeit und Anmut etwas
Aufmunterndes hat. Sie blicken gleichsam über den Bord ihres eigenen
Lebens geneigt hierher auf diese mühelos heitere Existenz. Und lächeln.
Die Musik bricht ab; das Mädchen steht, wie erschrocken, still, und
geht dann mit einem ernsten, aufgewachten Gesicht hinaus.
Alle diese Mädchen tanzen sich selbst, erklären sich im Tanz, liefern
Bekenntnisse, unfreiwillige Aufrichtigkeiten, lassen ihr Wesen
sogleich erraten. Nicht nur diese Mädchen hier, überhaupt: Tanzen
ist Selbstverrat. Da kommt eine, die tanzt ihre törichte Eitelkeit,
schwatzt sie mit jeder Bewegung aus, zeigt mit unglaublich falschen
Geziertheiten und mit schrecklich mißlingendem Stolz, wie sie sich
das Nobelsein vorstellt, und das Verführerische. Eine Andere wieder
ist halb noch ein Kind, hat blonde Gretchenhaare, blaue Augen und
ein schmales bürgerliches Gesicht. Aber dieses Gesicht hat nur einen
einzigen erstaunten, amüsierten, frivolen und verdutzten Ausdruck,
als habe sie eben erst das Geheimnis der Liebe erfahren, als habe es
ihr in dieser Sekunde erst eine Freundin ins Ohr geflüstert. Und in
ihrem Tanz spricht sich nur dies eine aus, nur dieses: Ich weiß es!
Wie sie die Schultern biegt, die Arme hebt, den Kopf zurückwirft,
plötzlich auflachend mit den Augen zwinkert, scheint sie nur dies
zu sagen: Ich weiß es! Wieder eine Andere tanzt ihren Leichtsinn,
ihre vollendete Verlogenheit und Gier, tanzt in ihrem nachlässig
studierten, fehlerhaften Schritt ihre Faulheit und Schlamperei.
Wieder Eine tanzt immer ihre unleidlichen Hochstaplerinnenversuche,
möchte in jede Drehung, in jeden Augenaufschlag, in jedes Neigen
des Hauptes eine rätselhafte Bedeutung legen, möchte den Anschein
wecken, als sei sie nur inkognito hier, nur aus mutwilliger Laune,
als könne sie aber morgen wieder Sternkreuzordensdame sein oder
Stiftsfräulein. Wieder eine Andere, ein nettes kleines Ding mit
einfachen Mienen, mit gutmütigen Gebärden und mit hausbackener Haltung,
tanzt ihre Bereitwilligkeit, jeden Moment Kindermädchen zu werden
oder Weißnäherin, tanzt die Erinnerung an eine bescheidene, arme
Vorstadtwohnung, tanzt die angeborene Sympathie fürs Staubabwischen und
Fensterputzen.
Die begabteren unter diesen Mädchen haben immer die Landschaft um
sich, aus der sie kommen, die Gegend, in der sie heimisch sind. Immer
ist das besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen bemerkbar. Da ist
eine kleine Pariserin, ganz mager, spitznäsig und kreideweiß. Aber mit
diesen großen beredsamen Augen der Montmartremädchen und mit ihren
plastisch eindringlichen, witzigen Gebärden. Und sie erinnert an
unzählige ähnliche Gesichter, ähnliche Gestalten, die man abends auf
der Place Pigalle oder in der Rue Lepic an sich vorbeihuschen sieht. Da
ist eine kleine Engländerin, mit dem halb offenen, fragenden Hasenmund,
mit dem kühlen, wasserblauen Blick, mit der unverbindlichen Koketterie
... träfe man sie nachts um elf in Piccadilly oder am Trafalgar
Square, man könnte sie von den anderen Mädchen, die da herumlaufen,
nicht unterscheiden. Da ist eine junge Dänin, und ihre braunen klaren
Augen, ihre gerade, stolze Haltung erinnert an die schönen Kopenhagener
Mädchen, die alle so klare, festblickende Augen haben wie junge Falken,
und die alle so aufrecht, so frei und gesund einhergehen. Die anderen
aber erinnern an gar nichts mehr. Nur an Nachtlokale. Ihre Mienen,
ihre Blicke, ihre Gebärden sind vom Dunst und Rauch dieser Luft wie
mit einer Patina bedeckt. Ihr Lächeln ist nur mehr das Lächeln dieser
bezahlten Abende. Sie haben es durch den Nachttaumel vieler Städte
geschleift, sie sind gewohnt, die grelle Musik mit diesem grellen
Lächeln zu beantworten, und die Musik hat dieses Lächeln auf ihren
Zügen erstarrt, hat es unpersönlich gemacht.
Eine lange Mulattin vollführt das virtuose Sohlenklappern des Hornpipe.
Ekstase der Knöchelgelenke, die den ganzen Körper von unten her ins
Schütteln bringt. Baskische Mädchen winden sich unter dem pochenden
Rhythmus der Melodie in den buhlerischen Zärtlichkeiten der Matchiche.
Dann der Cake Walk mit der frechen Unzucht des zappelnden, sich
verrenkenden Niggers. Unsagbar, was dieser Tanz ausdrückt, wie er
den Gentlemen up to date gewissermaßen als balzenden Affen im Frack
entlarvt. Wenn dann die Musikanten wieder einmal zu brüllen anfangen:
»Menschen, Menschen san m'r alle ...« ist man plötzlich wieder in Wien;
wird durch den Gassenhauer erst daran erinnert, daß man nicht in einem
Vergnügungsort zu Paris, Athen oder Port-Said sich befand. Wir sind
international geworden.