von der Dame ohne Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da
blieb ich denn im Menschenschwarme stehen, um zu hören, wie der
Mann seine immerhin schwierige Sache verfechten werde; und hier
erblickte ich die Reiterin von früher wieder. Sie hing jetzt am Arme
ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter gelehnt, während er, die
Soldatenmütze weit zurückgeschoben, mit seinem jungen Antlitz, gläubig
lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne Unterleib emporblickte. Ein
Dritter kam herzu, und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter. Nur
schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt im Prater herumgehe. Es
ergab sich jedoch, daß es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe
sozusagen. Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, denn er machte
keine Späße; er sah auch gar nicht danach aus, als sei er zu Scherzen
aufgelegt, und er war offenbar noch zu schüchtern, um laut zu allem
Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er sich einstweilen damit, sich
an die einzelnen zu wenden und ihnen ganz privatim die Vorteile
auseinanderzusetzen, die der Besuch der Bude ihnen bringen würde.
Dabei sprach er sehr leise, und wenn auch mit enormer Wichtigkeit,
so doch sichtlich verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls sehr
befangen an. Nie habe ich drei Leute in solcher Verlegenheit und so
ratlos beisammen gesehen. Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser
heillosen Situation und war auf den Ausgang beinah ängstlich gespannt.
Die Reiterin aber führte die Geschichte rücksichtslos zu Ende, indem
sie ihren Burschen an der Hand nahm und wegging. Ganz einfach. Da
folgte ich den beiden, die jetzt rasch dahinschritten, neugierig, das
Vergnügungsprogramm dieses entschlossenen Mädchens kennen zu lernen.
Sie eilten zum Tanz.
Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden im Prater bei diesen
Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; oder manchmal für einen Augenblick
nur stehengeblieben, um auf das Gewühl da drinnen zu schauen, mit jenem
flüchtigen töricht-überlegenen Lächeln, das man gewöhnlich für die
Freuden der Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich wäre ich auch heute
wieder vorbeigegangen, wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte,
zu sehen, ob sie auch so leidenschaftlich tanzen werde, wie sie sich
ringeln ließ, so hingegeben und so versunken.
Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand ich im Saal, schaute in
das dichte Getümmel, blickte in den großen, schmucklosen Raum umher
und redete mir ein, daß mich die raucherfüllte Luft bedrücke, daß
mir der Kleiderdunst lästig sei, der aufwirbelnde Staub, der scharfe
Biergeruch, der Tumult so vieler schreiender Stimmen, das unbarmherzige
Tosen der Blechmusik, und daß ich in zwei Minuten gehen werde.
Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der Wirbel hatte sie
verschlungen. Aber es fand sich Ersatz genug. Gleich das erste Paar,
das sich für meinen irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte mich
im Nu. Sie tanzten langsam, einen schönen, sicheren Sechsschritt und
hielten sich dabei umarmt, vielmehr sie hatten einander um den Hals
gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide waren hochrot im Gesicht,
der Schweiß lief ihnen über die Stirn, des Mädchens Haare hatten sich
gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten immerzu die Wangen
gegeneinandergepreßt, beinahe Mund an Mund, und glitten dahin, wie
in einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit schier
etwas Feierliches ausging. Ein zweites Paar kam wiegend und sacht
sich drehend einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, und er
beinahe riesenhaft, aber schlank, mit einem Flaumbart. Und sie reichte
ihm kaum bis zur Brust, lag in seinen Armen mit einem grenzenlosen
Vertrauen, die Augen geschlossen, wie schlafend, und er sah hoch
über sie hinweg, warf tapfere Blicke umher, und nahm sich aus, als
rette er sein Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen zwei, deren
Mienen nicht wahrgenommen werden konnten, so blitzschnell drehten sie
sich, so fabelhaft rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich in
einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer Art von rhythmischer
Tobsucht zu befinden, in die sie durch die Musik gebracht wurden.
Sie kamen bald darauf nochmals zum Vorschein, offenbar hatten sie
so geschwind den ganzen Saal durchmessen. Sie, eine kleine, dicke,
nicht mehr ganz jugendliche Person. Er, ein baumlanger Kerl, im
Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich tief herabbücken, seine
Dame um die Taille zu fassen, und so, in dieser anscheinend qualvollen
Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung glich, schwang
er sich wie ein gepeitschter Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen
sie plötzlich, wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen,
benommenen Mienen, nach einer Sekunde aber sprangen sie wieder auf
und wirbelten mit derselben, unbegreiflichen Schnelligkeit weiter.
Noch einige Male kamen sie also angesaust, und es war auffallend, wie
wenig sie sich in solchen Pausen umeinander scherten, da sie doch,
tanzend, so begeistert zusammenhielten. Wie nach einer Krankheit saßen
sie da, machten verstörte Augen, bis es sie wiederum ergriff und
emporriß. Ein Pärchen erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es sehr
künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, bald geradeaus
nach vorwärts, bald zurück. Dabei hatte sie ein gänzlich mißlungenes
Gesicht, darin, wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus nichts
klappen wollte, weder Mund noch Augen. Und er war ein bißchen schief
von Wuchs, hatte einen ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig,
und seine geringfügige Nase nahm sich unter einer dicken Hornbrille
sehr gedemütigt aus. Aber beiden konnte man die Anständigkeit sogleich
anmerken, und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und fleißig,
versäumten keine Figur, ließen sich keine Nachlässigkeit zuschulden
kommen und hatten eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr
gedrücktes Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser gingen zwei andere zu
Werke, die mit ruckweisen Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe
weit zurückgebogen, daß sie einander beständig ins Antlitz schauen
konnten. Und beständig lachten sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen
von einem Mund zum andern ginge. Dabei sagten sie kein Wort, redeten
nur mit den lachenden Augen, und das war wie ein Spiel fröhlicher
Kinder.
Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene Hingabe an die
Freude, und diesem tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche
Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen und entfacht von ein
paar Walzertakten und etlichen Trommelschlägen. Und die erwachende
Sinneslust schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs nieder. Vielmehr
wurde all das Begehren, davon die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige
gerückt, da es so aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit
sich äußerte. Was hier die Arme umeinanderschlang, das liebte sich,
gleichviel, ob vorher schon oder jetzt erst, aber es gab keine andere
Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten mitsammen, weil sie
sich liebten, und sie liebten sich, weil sie mitsammen tanzten.
Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen neben mir.
Artilleristen. Der eine von ihnen, aufragend und in der Fülle seiner
Kraft, »schön wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden
Siegeraugen. Der andere schwächlich, von der Uniform fast erdrückt,
und mit verprügelten Mienen. Ein hübsches blondes Mädchen sprang ihnen
entgegen, flog mit ausgebreiteten Armen auf den schönen Burschen zu
und küßte ihn, munter, herzlich, vergnügt. Er ließ sichs gefallen und
meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem gibst d' a a Bußl!« Sie
zögerte keinen Moment, lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und
küßte den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der Schöne sie zum Tanze
führe. Der aber schaute gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war
nicht in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern umfangen.
Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene Melodie, die sich
zufrieden im Kreise um sich selbst drehte, dann wieder innehielt,
um sich gleich wieder gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt waren
die Großstadtkinder und die vom Lande Zugereisten deutlich zu
unterscheiden. Für die einen war's eben nur wieder ein Walzer, die
anderen aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten kirchweihmäßig zu
wiegen, in jener ernsthaften Ruhe, mit der die Bauern den Tanz als eine
feierliche Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand schien unter mancher
Uniform jetzt sichtbar zu werden. Ein Juchschrei flog da und dort
empor, der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, Händeklatschen,
mühevolle Verschlingungen. Heimatkunst, in bescheidener Munterkeit
verrichtet.
Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden und liebenden
Jugendseligkeit regt sich der Wunsch, hier nicht als Fremder stehen
zu müssen, nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu schauen,
die in Ursprünglichkeit und ungebrochener Lust genießen, nicht in
Grübelei und nachdenklichem Zögern den Inhalt froher Stunden zu messen,
sondern Anteil nehmen zu können, besinnungslos und ohne Rückhalt. Und
da erträumt sich die Phantasie einen jungen Menschen, der, in allen
Finessen des Geistes, des Wissens und der Kultur geschmeidig, dennoch
so viel Schnellkraft sich bewahrt, daß er den Subtilen gelegentlich
entwischt, seinen Lebensunband hierher zu tragen, der untertaucht in
diesem dampfenden Tumult einfältiger Urtriebe, und dann neugebadet
zurückkehrt zu den anderen, die nur beziehungsweise Wehmut kennen und
vieldeutige Sentimentalität.
Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich meine Bekannte vom
Ringelspiel wieder. Sie walzt jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches
Gesicht ist dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck von
Versunkenheit wie vorhin, da sie auf dem hölzernen Schaukelpferd
saß. Hier aber fällt sie gar nicht auf, denn hier gleicht sie völlig
den anderen, denen das Leben und die Jugend noch so überaus einfach
geblieben: Man arbeitet erst und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe
Feste.
STALEHNER
Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde niedergerissen, und
ein neues aufgebaut. Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel
Hernalserischer Daseinswonne ist damit zu Ende. Wiener Liedersänger,
Komiker, Lokalschriftsteller und allerlei andere Vergnügungskünstler
haben da draußen den Kehraus gefeiert, den Abschied von einem Stück
Urwüchsigkeit, das nun in der allgemein großstädtischen Banalität
aufgehen wird. Es war ein Schluß mit Jubel.
Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest demolieren, staubt
aus dem Schutt des bröckelnden Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte
empor: die Wiener Gemütlichkeit ..., der Wiener Hamur ..., die schöne,
liebe, alte Zeit ... Es ist, als wenn wir unter Menschen lebten, die
wirklich allweil fidel sind, und nur traurig werden, wenn man ihnen
einmal ein altes Wirtshaus zusperrt. Man muß sagen, daß uns bessere
Häuser schon verschwunden sind, ehrwürdigere und wertvollere, als der
Stalehner. Die neue junge Stadt ist über sie hinausgewachsen, und wir
haben ihrer vergessen. Wir werden auch den Stalehner verschmerzen.
Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war berühmt und schaut
auf eine große Vergangenheit zurück. Er hat seine Rolle gespielt
in der Sittengeschichte von Wien, und sein Einfluß ist manchmal in
dieser Stadt sehr fühlbar gewesen. Stalehner, das war nicht bloß ein
Wirtshaus, sondern auch eine Art Weltanschauung. Das Wirtshaus haben
sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-Weltanschauung wird vielleicht
bestehen bleiben. Vielleicht.
Stalehner ... schon der Name hat etwas unnachahmlich Echtes, ist wie
geschaffen zur Straßenberühmtheit. Der wienerische Dialekt schwingt
auf diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer Praterhutschen. Es
ist ein Fiakerparfüm darin, und ein Schnalzen, das aus den »enteren«
Gründen kommt. Wir haben ein paar solcher köstlichen Wirtsnamen, deren
bloßer Klang schon eine ganze Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit
dem gequetschten, wienerisch breitgedrückten »ei«, so daß es sich
anhört wie ein wohliger Schnaufer. Oder Gschwandner ... was ja wie
ein Walzertakt schleudert. Nichts aber hört sich so behaglich an wie
Stalehner mit diesem offenen, ein wenig frechen und gellenden Wiener a
der ersten Silbe und dem Schleifen durch die Nase der beiden anderen:
»lehner«. Behaglich und leichtsinnig.
Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert Jahre. Und es sind viele,
viele Wiener Früchteln und Wiener Kinder beim Stalehner draußen berühmt
geworden. Die einen durch ihren Gesang, durch ihr Kunstpfeifen und
durch ihren Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit, durch ihr
»Aufdrahn« und durch ihr Trinken. Vom Standpunkt des Schanktisches aus
muß man schon sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer denkt denn heute
der fröhlichen Schar! Weiß jemand noch was von der Judenpeppi, die so
besonders talentvoll gepascht hat, wenn der Gruber das picksüße Hölzel
spielte? Man weiß ja auch vom Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt
so viele Gruber. Und diese beiden, der Meister auf dem Picksüßen und
die Judenpeppi, haben in den fünfziger Jahren gelebt.
Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit noch andere Götter
gegeben haben. Aber sie sind vergessen und verschollen, wie man des
Weins, nachdem man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden hier ist
reich. Er gibt in jedem Jahre eine neue Lese; und in jeder Generation
neue Originale. Weinstöcke und Menschen, in denen die Kraft und der
Übermut dieser Scholle aufgesammelt waren, sind hier herum immer
frisch nachgewachsen. Derart ist ja denn auch der Anfang gewesen,
daß der erste Stalehner ein Weinbauer war, der da draußen in dem
winzigen Dörfchen Hernals das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn
seine Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte. In ihren
kleinen, niedrigen Häuseln saßen sie dort nebeneinander, am Ufer
des Alsbachs, der damals noch in seinem offenen grünen Bett zum
Stroheck hinunterfloß. Zum Stalehner gingen dann die Harfenisten und
Natursänger, die feschen Mädeln, die sich aufs Paschen verstanden,
und die Fiaker brachten dort ihre Kavaliere hinaus, um ihnen draußen
zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren, sondern auch dudeln und --
trinken können.
So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle geworden, an der
sich die Blüte des Wiener Hochadels mit der Weinblüte des Wiener
Volkes begegnete, die Grenze, an der sich beide in sanfter, singender
Berauschtheit einander vermählten. Der Stalehner war die Stätte, an der
die gräflichen Instinkte unserer Fiaker und die fiakerischen Triebe
unserer Grafen einander in die Arme sanken. Es war, wie gesagt, eine
große Zeit.
Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger Jahren. Da könnte sich ein
Lokalchronist einmal ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte
des Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben wollte. Tut er es
nur halbwegs gut, und wird vom verjährten Weindunst, der ihm aus den
vergangenen Zeiten aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun etwa selber
in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß ihm ein lebensvolles, farbiges
Spiegelbild der Stadt Wien gelingen. Unser Erinnern weiß nur von dem
Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der unsere Prinzen noch
fröhlicher waren. Vom Glanz der Fiakermilli und der Turfkarolin,
die zwischen der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden einst
hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch, der letzten romantischen
Gestalt unter den Fiakern. Und daß der Ziehrer draußen die ersten
Erfolge hatte, mit seinen ersten Walzern, in denen ja ein Echo von
jenem hernalserischen Händeklatschen leise wiederklingt.
Hernals ... Wenn man von der Laimgruben bis zum Liechtental, und
im weiteren Bogen von der Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die
verschiedenen Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, wird man
finden, daß Hernals etwas Besonderes ist: ein herbes Wienertum,
weniger lyrisch, dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende und
kreischend Grelle. Weniger anmutig und sanft, sondern von ausfahrenden
Temperamenten feuriger und wilder gemacht. Es ist die Stelle, an der
sich die Wiener Art zum Proletarischen absenkt, die Stelle, an der sie
am leichtesten und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden, auf dem
die Schalanthers wachsen.
Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die Menschen hervor, die
den absoluten Willen zur Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist
so groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. Der Leichtsinn
in ihnen ist so stark, daß er sie dauernder berauscht als der Wein,
den sie trinken; daß er ihnen glänzender und täuschender als der Wein
die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt. Die wienerische
Fähigkeit, lustig zu sein, wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit
geübt wie hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, und
mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen Ausdrucksmittel
des Fröhlichseins: Händeklatschen, Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese
Hernalser Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere Wiener Gegenden,
die auch nicht anmutig war, als man noch vom Stalehner bis zu der
Kirche mit dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick nur
Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände überschaute, diese Gegend
hat doch immer etwas Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben,
ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte auf der Wanderung zum
Dornbacher Wald hinaus, oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt
zurück. In diesen winzigen verrauchten Stuben und in diesen primitiven
Gärten war die singende, jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein,
den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, und dort die
freigebige Üppigkeit der Weiber. In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß
des Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer Heurigenschenken,
zu denen die Leute pilgern. Aber solch einen Schwung hat die Sache
niemals gehabt. Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert
kam, um sich aus dem Urwuchs des Volkstümlichen aufzufrischen und
aufzufärben, hat es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals gegeben.
Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt man von außen schon,
daß seine Zeit erfüllt ist. Das neue Niveau der Straße, die hier
vorbeiführt, die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern nach dem
ausgestorbenen Grafengeschlecht der Jörger, das hier in Hernals einst
reich begütert gewesen ist, das Niveau dieser Straße hat man längst
gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus sachte in
die Erde versunken. Inwendig hat es den veralteten Reiz eines nach
und nach adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten, immer ein
wenig schmutzig aussehenden, immer von alkoholischen Kellerdünsten
erfüllten Hof. Der langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut. Da
ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den muß man durchschreiten, ehe
man zum Garten und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig
verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, malerisch und
heimlig. All das zeigt den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung
des Hauses, all das erzählt hier von dem immer mehr und mehr wachsenden
Zulauf, von dem immer mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum
geschaffen werden mußte und Unterkommen. All das hier spricht von einer
bedächtigen und langsam wienerisch-schlendernden Unternehmungslust und
von einem stetig sich häufenden Wohlstand. Diese Gastzimmer, dieser
Ballsaal, diese Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von Luxus,
Ausstattung und Eleganz.
Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, die Debauche und
der Übermut von drei, vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese
alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich geworden ist, haben
die gutgelaunten Stunden von drei, vier Generationen mit angeschaut.
Haben das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die heute längst dahin
sind, wie die Blätter vergangener Sommerszeiten. Sie haben die naiven
Kunststücke und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe von drei,
vier Fiakergenerationen mit angeschaut, haben den Gesang vernommen,
der es hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte,
daß der Wiener nicht untergeht, daß wir keine Traurigkeit nicht spüren
lassen; und ein feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam
scheint hier noch nachzudröhnen. Während man hier umherwandert,
erwachen viele alte Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch
die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie schmeichlerisch war und
schmiegsam, schaukelnd und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von
weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor sangen.
Wenn man hier umhergeht, fühlt man sich angehaucht vom leichten Atem
wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, hinschmelzenden Güte,
die an sich selbst kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, die
hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die hier Betäubung suchte.
In diesem Saal rauscht es noch von Walzern. Aber anders, wilder,
trunkener als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt auch bald
verschwindet. Dort draußen in Hietzing, wo die ersten Lanner- und
Straußwalzer geboren wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur
des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von Vornehmheit. Hier eine
Stimmung von süßer Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle
und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte Ringstraßenkokotten,
Hausmeisterburschen und Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem
Wirbel mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner ... da lernt ma si
kehner ...«
Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist wenigstens echt gewesen, ist
organisch dem Erdreich entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit
alles dessen, was auf natürliche Weise entsteht. Was da draußen war,
ist mit der Erinnerung an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft,
ist dem wehmütigen Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune der
Kronprinzenzeit innig gesellt, ist vielleicht für lange, lange Jahre
das letzte Kapitel wienerischer Leichtherzigkeit. Mit der Zeit freilich
kam von außen manches falsche Element hinzu. Es kam die Nachäfferei,
die das Ursprüngliche sich anschminken möchte, seine Farben fälscht und
übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch einen Stalehner-Snobismus
hat es gegeben, der sich in die Manieren fiakerischer Lebenslust
hineinschmiß und sich drin rekelte, wie er sich in die bequemen Polster
unserer Fiakerwagen hochnasig hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es
kam auch die korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten Leute aus dem
Volk« da draußen ihre Schlichtheit mit Affektation zur Schau stellten,
daß sie ohne Naivität ihre Urwüchsigkeit posierten und also, gleich den
Schlierseer Bauern, auf eine nicht mehr ganz frische, nicht mehr ganz
ursprüngliche Art die Komödianten ihrer eigenen Natur wurden. Schluß
mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus hat uns die ins Hernalserische
gerückte Weltanschauung der Wiener dargestellt, wie uns der Stelzer in
Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener Weltanschauung bietet. Das
alte Stalehner-Haus ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von
Wien, war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen Stadt, die
aber doch in ihrem Wesen mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie
manche Leute glauben oder glauben machen wollen.
BEIM BRADY