glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu
verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der
That eine zu große Nichtswürdigkeit."
Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf.
"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr
erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich
auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach
Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich
geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine
Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren
Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich
ist."
"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein
junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet
Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas
verschwiegen würde?"
"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring,
"ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus
Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in
einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt
werden, die ich niemals gemacht habe."
"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen
den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz
nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse
unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und
Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend."
"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach
der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich
ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner
Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen
Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war,
niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig
übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute
sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so
trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und
Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch,
daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der
Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die
orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in
Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."
"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief
Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade
in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt
wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf
eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige
Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen."
Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in
einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf
dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein
Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel
hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein
Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger
scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase
hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und
beobachtend umher.
Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch
trat.
"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten
können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein
geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für
die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich
es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht
dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."
"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem
bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks,
Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager
Friedens endlich ausgeführt wird?"
Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.
"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig,
"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man
fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir
für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen
werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit
wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort
für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür
thun."
"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr
von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren
scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in
militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort
überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre
steht."
"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton
fragen."
"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der
Doctor Nélaton jetzt die Politik?"
"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann
der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn
man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die
Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen
an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die
Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit.
Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des
politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des
Anstoßes findet."
"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König
von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben
wird?"
Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.
"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte
Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten
werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt
hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt."
Herr Hansen schüttelte den Kopf.
"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange
gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler.
Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum
Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er
die Mittel dazu in Händen behalten."
"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn
Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers
besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."
Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer
Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte
sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer
Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der
einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der
Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn
Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene,
wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner
Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und
des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu
ruhen pflegte.
Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch
den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin,
trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener
im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons
öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden
hineinrief.
Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's
waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck
derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf
kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen
Oelgemälden vorzüglicher Meister.
Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer
standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch
beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf
einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke,
magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen
Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der
Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende
Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen
bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen,
sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand,
mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der
Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der
Wissenschaft Theil zu nehmen.
Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie
und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger
bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war.
Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine
hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit
beschäftigt.
In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem
eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte,
saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte
Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs
beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn
Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.
Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die
hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den
Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub
sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das
runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten,
weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen
Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch
lächelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des
gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel
begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so
scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren
geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun
pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen
Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr
vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören.
Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame
Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen
ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem
leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und
zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück.
Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des
Fensters mit einander unterhielten.
In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des
Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu
errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für
seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich
bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen.
Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig
belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in
seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd,
sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über
die neue Entwicklung des Kaiserreichs.
"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so
ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt
haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung
vorübergehen kann,--nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den
Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs
wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere
Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders
geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System,
welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen
Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich
geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes
hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und
des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen.
Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der
Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den
Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich
aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete
Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und
Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die
Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen
oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere
Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so
weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden
Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus
ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."
"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium
sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und
klar denkenden Mannes rechnen kann--"
"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen
Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die
Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen
mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit
derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß
gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem
Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in
der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu
machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der
einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das
constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen
Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am
Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger
Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in
besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden
liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und
dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, daß unter einer
constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine
mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung
der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft,
so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur
eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei
die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation
erstrebt und gesucht wird."
"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener
in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten
französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung
und der greise General des Julikönigthums herein.
General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine
etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines
ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache
natürliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten
ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und
ungesuchtester Natürlichkeit.
Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.
Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen
geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl
erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche
ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten näherte er
sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den
Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre
Complimente machten.
Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren
Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und
indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen,
etwas scharfen Stimme sprach:
"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich
selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der
Gesellschaft zurückzieht."
"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich
bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr.
Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."
"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört
immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die
Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu
lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die
gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische
des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist."
"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven
und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."--
"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die
Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser
schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.--Ich habe mich immer durch die
Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe
Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch
halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal
nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."
"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine
Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv
abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so
bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung."
"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder
öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen
übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller
patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja
auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen
noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird."
Der General lächelte bitter.
"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie
scherzen."
"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muß in der Politik niemals die Person
in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse;
und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person
dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser
Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich
entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine
Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafür
bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lächelnd.
"Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte
Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich
wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben,
daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur
Richtschnur seiner Handlungen macht?
"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt,
aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen
hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen."
"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht
wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie
er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden
Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen.--
"Er ließ mich," fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und
erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein
Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und
anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage
Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von
Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten
und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten,
welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der
Nationalversammlung zu beeinträchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte
seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf
welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen
Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen
Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese
Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich
und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller
derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der
Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen
in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Präsident, welcher
aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle
zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten
uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der
General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen
wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen
Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch
heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von
Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und
Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann
in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand
durchgeführt."
Herr Thiers lächelte.
"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten
Manöver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich überhaupt in ihm
getäuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will
er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten,
sondern nach den Thaten richten--so muß man ihn doch unterstützen. Für
Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General
kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von
der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf
dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den
Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."
"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird
wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in
wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere
Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir
in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns
das europäische Gleichgewicht veränderte."