Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf

die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.

"Dahin ist es also gekommen," rief der König mir lauter Stimme, "daß die

Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine

königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten

Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen,

welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben

war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muß in jenen Kreisen

herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt

über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu

treten."

"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein höchst

unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren

Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben

abzubringen. Aber," fügte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich

gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer

Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders

nicht für gültig erkennen können."

"Sagen Sie den Herren," rief der König mit zitternder Stimme, "daß ich

sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich

nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen," fügte er mit mühsam

unterdrückter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an

welcher sie keinen Zweifel werden hegen können."

Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der

Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer.

"Graf Platen," rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl

niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls

vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen

lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen

ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort

übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die

Auflösung der Legion durchzuführen."

"Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät," sagte Graf Platen, "bei dem Geist

des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen

scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen.

Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant

von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger

bestimmen lassen."

"Gewiß," sagte der König, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen.

Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort

meine weiteren Bestimmungen abwarten."

Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das

Gesicht mit den Händen.

"Würde es aber nicht zweckmäßig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath

mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflösung der Legion in

Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu

tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen

wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der

französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät

auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung

desselben für immer aufgeben?"

"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "daß man die Sache so ansehen

könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind,

und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer

solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen."

"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht.

Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon

aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze,

ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt

hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich

durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals

aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes

Recht zu kämpfen."

Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und

sagte:

"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein."

Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher

sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der

Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein.

Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in

dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche

seine Brust bewegten.

"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen

Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt,

dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und

nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück

theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir

wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe

verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die

Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und

opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich

gegen mich auflehnen!"

Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein

edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten

sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches

ihn umgab.

"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist,

den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine

Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht

hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von

Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden

an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem

Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die

mich hier mit Rath umgeben--"

Er seufzte tief auf.

"Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche

den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen

ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel

nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene

Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie

von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst

ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen

ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht--

"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, daß ich nur einmal die

Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich

würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt."

Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände

und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.

Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er

die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm

stand. Der Kammerdiener trat ein.

"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der König rasch.

"Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem

Kronprinzen."

"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen."

Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf

Platen abermals in dem Cabinet des Königs.

"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stürmann.

Ist er hier? Ich will ihn sprechen."

Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte

dann:

"Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen

Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten

erstattet."

"Bringen Sie ihn her," sagte der König kurz.

Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von

etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen

Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück.

Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße,

sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes

Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige

Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag

jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen

Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch

seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann

in militairisch dienstlicher Haltung stehen.

"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der

König in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher

gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter

denselben vorgeht."

Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit

dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem

er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte.

"Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren,

was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich,

noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind."

"Und warum nicht," fragte der König kurz.

"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach

Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich

commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten,

haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei,

für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine

neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre,

für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen.

"Weiter," sprach der König.

"Wir haben uns Alle bereit erklärt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin

zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber

für Eure Majestät und für unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er

die Hand auf die Brust legte, "würden wir ja bis an's Ende der Welt

gehen.

"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er

abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, "hat uns vor vier Wochen der

Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die

Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät

die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire

entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu

gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns

nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien

nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns

aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns

gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich

sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung

die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine

gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel

hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr

Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die

Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen

wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer

Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um

womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen."

"Der Unterofficier Stürmann, Majestät," fiel Graf Platen ein, "und

seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur

Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine

Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung

aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben

deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in

andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration

befindlichen Soldaten."

"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "daß Du das gewiß anerkennen wirst,

Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden

müssen, als die große Masse der Emigranten."

"Gewiß," rief der König lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche

eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden.

Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit

fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese

Verpflichtung erfüllen können?"

"Ganz gewiß, Majestät," erwiderte der Minister.

"Dann," sagte der Feldwebel Stürmann, "kann ich Eurer Majestät

versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer

Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein,

ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und

wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von

abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten."

"Am besten wäre es," sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, "wenn sie

nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein

Unterkommen finden."

"Zu Befehl, Königliche Hoheit," sagte der Feldwebel.

"Dann wären sie aber für mich für immer verloren," sprach der König halb

leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluß

in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch," fuhr er

abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die

Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine

Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß

im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen

dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde

gehen?"

Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann

sprach er:

"Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt

worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei,--ich habe,"

fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so

Manches gehört--daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr

wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man

hat sich so Manches erzählt."

Er schwieg abbrechend.

"Was hat man sich erzählt?" fragte der König.

"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer

Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte."

"Ich will Alles wissen," sagte der König. "Was spricht man?"

"Majestät," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schönes und

fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand

da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter,

da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn

kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu

cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man

mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute

anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht

gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die

ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die

Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr

einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden.

Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu

unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken;

aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von

verschiedenen Seiten hört."

Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein

Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des

Kronprinzen.

"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan,

darum dieser Widerstand gegen meinen Willen."

Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen.

Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann

zum König gewendet:

"Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den

Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer

zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin

beleuchten läßt.--Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der

Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät

aufklärt."

"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der König, "ich gebe

Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der

Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll."

Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.

"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "daß Sie sogleich

die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so

schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl,

daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den

Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion

bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will

einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge

Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit

denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen."

Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine

österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen

gestützt, schritt er in den Park hinaus.

Siebentes Capitel.

Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig

nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als

sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah

noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken

pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig

einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und

zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal

eine Zusammenrottung zu bilden.

Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken,

und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien,

ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.

Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von

Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der

noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne

daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können.

Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die

Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß

dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein

zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des

äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die

Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die

Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend

gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht

fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen

die Furcht keine Macht hat.

Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem

kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten

den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige

Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer

Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses

Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte,

die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen

war.

An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem

hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber

nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und

bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und

den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und

feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken

gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei.

Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in

kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand.

"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend

in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem

neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem

großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart

freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr

schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht

rosig."

"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von

Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer

Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer

Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer

schaudervollen Zukunft entgegen."

Alle lachten.

"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst

werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch

wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle

diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können

noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere

Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in

der Tasche in die Welt hinaus schickt."

"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz

mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit

hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die

Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie

in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine

Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen

Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander,

blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte,

die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend--

"Mauvais général."

"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von

Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem

Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der

panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."

"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt,

wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch

nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube

wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig,

daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein

Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er

unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die

Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen

ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die

Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die

armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben

werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des

Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes

fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur

Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann

nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er

aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,"

fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie

gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten

straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem

König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm

unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund

gegen seine Befehle demonstriren."

"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere

Vorstellungen zur Kenntniß kommen?--Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen

und Heyse empfangen und hören wird?"

Der Todesgruß der Legionen, 1. Band · 第 12 / 14 段