Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen
Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man
ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die
Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander
schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter
sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen
Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der
Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern
Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt
Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg
ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können
nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander
geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum
Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiß es nicht und Niemand weiß
es.--Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine
Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der
Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge
heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln
gedrängt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kräftige
Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist
England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon
wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und
namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr
vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln.
"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke
nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner
ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren
Charakter der Nation Vertrauen einflößen.
"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht
kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie
uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky,
welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher
stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein
könnte.--Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum
Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der
auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz
andere Richtung hätte nehmen müssen."
Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
Boden.
Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach
dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer
beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.
Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger
Herzlichkeit.
"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über
die Philosophie der Geschichte beschäftigen--der Inhalt wird für jeden
Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
Etwas davon zu sehen bekommen?"
"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich
mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin
entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht
lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum
zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt
entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über
sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das
könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der
friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung
habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen
gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr
lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über
Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte,
dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die
reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel
hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen
Lächeln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete
Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach
meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch
kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu
leben haben."
"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener.
Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium
der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen
Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm
freundlich die Hand hinstreckte.
Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des
ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen
und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war,
mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme
Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht
mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen
Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der
selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge
theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein
philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.
Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte,
bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar
war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte.
"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen
Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?"
"Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte
der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte,"
fügte er hinzu, "daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen
könnte."
Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.
"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten
gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine
persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich
dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen
Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und
der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter
Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der
Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über
einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen."
"Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und
daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen
ist."
"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.
"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also
begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der
Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm
sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und
Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des
Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch
den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher
auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive
Zustimmung geben."
"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, während die
übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch
folgte.
"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des
Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen
natürlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit
fort, "sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche
Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die
Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu
stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die
öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem
solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch
nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach
deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen
mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums
auszusetzen Lust haben werden."
"Das ist ein eigenthümlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich.
"Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie
steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir
mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen.
Wie stehen Sie mit Preußen?"
"Kalt und mißtrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch
durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden
Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten,
sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf
eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu
wirken, doch natürlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloße
Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen."
"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf
Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die
Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?"
"Wir können es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite
nicht der Anfang gemacht wird."
"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, daß der Andere
zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen," fuhr er fort, "daß mir das
Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich
die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß,
sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten
ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte
ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich
darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte--"
Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Daß nämlich unser tapfrer
Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im
Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe
für so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der
Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt," sprach er
weiter, "den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der
Abrüstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schließlich ganz
Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie
haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben
den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand
gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine
energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen,
entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie
rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die
gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich--'"
Er hielt inne und fragte abbrechend:
"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen,
welches Ollivier bereits acceptirt hat?"
"Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen
sprechen können," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige
Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große
Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns
fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der
öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner
Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation
von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich
entgegentreten."
"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, daß das
Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem
Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch
wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen
zwischen den Kaiser und die Volksmasse."
"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm
des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons
zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch.
Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und
lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen
Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur
Mißbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin
und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen
würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die
Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand
behielt.
Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru
beendigt,--er näherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fräulein Dosne
einen Wink.
Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das
Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn
Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein
strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden,
nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich
zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die
Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes
Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.
Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem
kleinen Hotel an der Place de St. George.
Ende des ersten Bandes.