"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist
nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die
Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in
intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition
sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter
Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf
Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen
darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder
gut zu machen--
"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das
Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter
darüber nachdenken.--Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München
nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof
klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit
beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die
Entwickelung des Staatslebens zu brechen."
Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.
Graf Beust erhob sich.
"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er.
"Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen,
nachdem ich mit Grammont gesprochen habe."
Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet
verlassen, trat der französische Botschafter ein.
Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines,
fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm
gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts
gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit
und Höflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen
ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der
ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem
Schreibtisch nieder.
"Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "daß ich
Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen
Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls
den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner
Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen,--wie ich allerdings
schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder
vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit
welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und
ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und
geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht."
"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit
leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen,
die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß
von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen
Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne
Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen,
welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben
gerufen hat."
Herr von Beust schwieg einen Augenblick.
"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog
grade anblickte,--"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr
persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um
dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form
zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine
Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm
gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz
gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint
als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie
wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien
wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische
Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich
gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen
Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu
sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können,
dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser
zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht
hat."
Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und
freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn
gerichteten Blick des Grafen Beust aus.
"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über
die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach
angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die
Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich,
soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die
Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action
Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber
gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da
in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die
Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im
Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth
erscheinen möchten."
Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und
spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der
Decke des Schreibtisches.
"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen
Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber
eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen
Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber
geworden."
"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche
zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen
Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß
eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit
bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch
direkten Verkehr hergestellt werden könne.--Auch giebt es Propositionen,
die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher
ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir
eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende
Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine
solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden
Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls
glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche
Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen
Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."--
"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf
Beust rasch und bestimmt.
"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte
der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über
die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer
Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht
berührt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich
selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich
auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains
über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."
Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine
Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
Aufmerksamkeit auf den Herzog.
"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in
Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine
energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen
läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige
Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind
wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und
Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen
sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin
übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied
für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen
Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend
zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für
mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen
großen Gewinn betrachten müssen.--Der König Victor Emanuel ist zu einer
solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage,
dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem
italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die
vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin
würde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen würde das
italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten,
wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen
Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch
unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort,
Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche
man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches
_Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist.--Wir können in diesem
Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob
das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere
ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen
der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend
erscheint.--Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde
dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer
erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln
sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und
durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach
anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse
wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie
sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie
ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch
Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den
eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des
Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht
unterlassen könnte."
"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem
beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris
discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre
Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich
kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort,
"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein
würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man
sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge,
klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und
nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich
meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem
Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen
Verhältnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht
anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder möglicher Weise
zu schaffenden--vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die
Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der
Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist
ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten
täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind
schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in
Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten
wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen
schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns
Rußland, dem wir nicht gewachsen sind--"
"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die
Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen
Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat
bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active
militairische Hülfe verspricht."
"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er
eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn
ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick
wirklich gehalten würden, wofür--ich muß es wiederholen--immer schwer
eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch
nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens
einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche
Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall,
daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict
siegreich hervorgehen sollte--"
"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton
eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart
emporkräuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit
Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine
solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."
"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance
kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem
Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das
Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik
muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen
bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion
führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten
noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben
Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe,
eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, daß es aus irgend welchem
Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer
Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?"
Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe
und bestimmte Frage.
"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch
erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch
die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer
bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser
hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue
französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im
Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche
und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien
Volkswillens erhalten haben werden--"
Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an,
dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen
Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit
welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte.
"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die
Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs
wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die
Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne
Frankreichs Genehmigung zu lenken."
"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und
völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe
nicht ein--"
"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich
verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich
begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten
Kriegsfall zu finden--"
"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also
Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"
"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier
natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,--daß der mächtigste
Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das
deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme,
uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am
sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus
deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird,
welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der
süddeutschen Staaten einzutreten."
"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den
leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war,
vollständig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem
Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere
persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren
oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen
könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen
auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer
maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf
absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens
zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren
Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals,
so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer
Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die
Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn--wie Sie
vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte,
sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten
nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu
erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit
größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation
blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt
habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen
mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen
Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es
läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf
solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich
trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die
Verhältnisse einzugreifen.--Ich vermöchte mir heute keine Eventualität
zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im
_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte.--In dieser Anschauung
liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben
scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der
gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen
Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem würde ich wenigstens niemals
die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von
ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der
Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus
irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden.
Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative
übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für
meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche
natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse
Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel
über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten
erscheint."
"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in
dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser
beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche
Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich
die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie
dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik
dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte,
daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung
könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt
haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den
politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz
unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu
trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."
"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die
Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich
sich jemals von Oesterreich trennen könne.--Eine solche Trennung," fuhr
er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann
möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten
sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung
bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt
würde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er
im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in
diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle
aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte."
Der Herzog erhob sich.
"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der
König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris
gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig
bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große
Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen
persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem
bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon
ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch
die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun,
immer schwieriger zu machen."
"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß
diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe
werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen
Charakter zu nehmen."
"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen
Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns
nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von
1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen,
wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland
zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich
auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action
entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz
ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen
Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen
Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden
werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu,
indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.
Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann
nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.