schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut.
Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich
darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je
unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte
für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er,
"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf
eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den
Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."
Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.
Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.
"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich
halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem
Besinnen.
Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet.
Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe
weißes Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den großen
abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der
großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte
zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten
dunklen Ueberrocks noch höher erschienen.
Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener
europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich
doch ein wenig abwehrende Kälte mischte.
"Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn
Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich
glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,"
fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des
Staatsraths fort, "vielleicht wäre das besser gewesen.--Sie wissen, daß
nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier
Rücksichten zu nehmen sind--"
"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick
herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch
habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen,
was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören
wollen."
"Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören," sagte Graf
Beust lächelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von
besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben."
"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die
Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem
Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen
Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge
ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von
1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man
meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will."
Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.
"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was
hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von
unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese
eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation
des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen
ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt
und exerciren läßt.--Eine eigenthümliche Zeit," sprach er, sich
unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der
Oberfläche der linken trommelte, "eine eigenthümliche Zeit, Alles wird
auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr,
kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen
Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der
kühn--oder plump genug ist," fügte er achselzuckend hinzu, "das
unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen.--Was würde der große
Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der
politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit
so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem
Willen so richtig und exact spielte!"
"Nun," sprach Herr von Beust lächelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes
ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir
müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu
behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz
persönlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf
betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch
auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie
nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt
hat."
Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des
Staatsraths.
"Daß man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "daß man sich
beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich
nicht theile."
"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste
Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung,
wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da
doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die
auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des
Kaisers abhängt."
"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die
auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig.
Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen
fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen
andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um
das jugendliche Haupt zu winden,--und während dieser Lorbeer an den
Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für
die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten
fangen an, Ihre Majestät zu langweilen," sprach er im höhnischen Ton,
"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht
zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise
ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen
Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort
die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende
Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner
Schwäche kämpft."
"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit
dichtem Kopfschütteln fort, "glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie
wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen
werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den
äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen
Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der
persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können.
Und," fuhr er fort, "welche Organe würde die Kaiserin finden, um die
Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru--"
"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist
ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das
Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten."
"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und
den Staatsrath Klindworth groß ansah, "ein Plebiscit und warum das?"--
"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper
angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der
Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend
auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persönliche
Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über
allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung
als Spielwerk hinwirft."
"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "daß das Plebiscit eine
beschlossene Sache ist?"
"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß
ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache
vollkommen gewiß bin."
"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings
ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor
hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--"
"Le coup d'Etat européen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name,
den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät
der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem
Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal
dem großen europäischen Staatsstreich _vorhergehen_."
"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muß meine Frage von vorhin
wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen
ausführen wollen?"
"Ihre Majestät," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin,
Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß
und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr
Ollivier--"
"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des
Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung
möglich."
"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der
soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre
habe."
Graf Beust neigte sinnend das Haupt.
"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer
solchen Aufgabe gewachsen hält?"
"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur
Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl
richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes
altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der
Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und," fügte
er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat."
Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken
versunken.
"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, daß sich Personen finden,
welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs
auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In
Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu
bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"--
"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath
kaltblütig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor,
deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man
demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird."
Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.
"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "daß die spanischen
Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des
Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt
und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches
Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick
ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee
suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle
Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits
den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und
erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame
gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum
Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee
zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein
Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde
ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien
sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder
sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien
ist."
Graf Beust lachte.
"Ich habe früher von diesem Gedanken gehört," sagte er, "man hat darüber
gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen
gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der
Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und
verschwinden."
"Es ist möglich," erwiderte der Staatsrath, "daß diese Blase auch
diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch
ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten
des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden
sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen."
"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt.
"Ganz gewiß," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestät
Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine
Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den
Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen
kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den
definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar
nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so
Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar
machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron--"
"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz,"
warf Graf Beust ein.
"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im
nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz
Frankreich dafür halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem
Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen
Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den
Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation
glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen
versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen
Kriegsfall haben."
Herr von Beust lächelte abermals.
"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte
Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß
ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die
Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare
Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
Grenzen des Möglichen überschreiten."
Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander,
richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit
scharfer Betonung:
"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen,
was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung
von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner
Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen.
Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im
besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt
convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm
stellt."
Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch
die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts
weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.
"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu
rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath
bitten?"
"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener
Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch
des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie
in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage
mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche
Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich
auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet
seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige
Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle
Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und
Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich
sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath,
das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.--Es war
nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter
die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit,
wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden
deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der
Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar
nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren
Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch
wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen
schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu
danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere
Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach
der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen
wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und
Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich
nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern
Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen
haben--den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung
in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."
"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.--
"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um
einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester
Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen
und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings
unter veränderten Verhältnissen--jene alte Tripelallianz wieder
hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa
beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches;
wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen
wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866
verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine
vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im
ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde.
Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich
mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren.
Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen;
vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die
unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin
nachdenken--vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn
Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen
Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische
Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber
würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer
aufgegeben werden müssen."
Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.
"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er.
"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in
welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des
großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung
jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten
Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem
spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an
Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist
_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,"
fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der
Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort
seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen.
Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit
der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten
preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird.
Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz
reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur
dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist
dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern
geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich
vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser
Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein
hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem
sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen
hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht
nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."
"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton.
"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter
Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten,
wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von
innen her verhindert würde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte,
dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig
nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen
Collegen."
Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und
sprach:
"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen
für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich
hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen--?" fügte er
mit einem fragenden Blick hinzu.
"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und
mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die
Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten."
"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre
Beobachtungen weiter au courant zu halten."
Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner
eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ.
"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen
Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die
Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!--Er ist zwar sonst gut
unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu
seiner Kenntniß kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber
nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig
genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg
zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten
Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen
für zweifellos halten.--Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den
Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich
zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir
vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung
noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche
Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig
richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im
Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an
innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde
ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend,
den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß
diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge
mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch
unüberlegtes Handeln gefährde."
Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben
aufgehäuften Depeschen zu durchlesen.
Sechstes Capitel.