Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen
waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen
Druck ihrer Hand zurück.
Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und
indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter
Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die
seinigen tauchten.
"Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld.
Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte
Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie
nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige
Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe
ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht
ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist
Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man
einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der
Zukunft zu haben."
Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter
angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig
zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe
Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ.
Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt
sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und
als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich
bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu:
"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig
gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die
Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen,"
fügte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron,
wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren."
Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner
Frau und zu seiner Tochter.
"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend,
"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fügte er
vergnügt lächelnd hinzu, "ein gutes Geschäft gemacht.--Der Baron von
Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr
gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause
zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt
werden," fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.
"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienräthin, indem sie die
schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, "ich begreife
nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um
ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist,
mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im
zerstreuten Ton.
"Herr von Büchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte
ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fügte sie in
demselben Ton hinzu.
"Du hättest eine kleine Ausrede machen können," sagte ihre Mutter. "Du
hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu
tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung
und unsere Beziehungen nimmst."
Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie
Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren
Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück.
Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener
Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen
hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die
verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in
den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten.
Fünftes Capitel.
Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam
und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien
auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und
ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken
Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein
bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen
schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur
das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen
Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher.
Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand
und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche
Schrift welche das Papier bedeckte.
"Die Katastrophe," sagte er, an einem der großen Fenster stehen
bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher
einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit
fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich
dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwürdig," fuhr er fort,
"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten
mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens,
und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet,
überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten
zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu
erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der
unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich
bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies
arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen
kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde
zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fügte er seufzend hinzu,
"würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere
Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und
selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte
desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die
Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände
Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in
Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern,
würden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in
Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus
den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren
Factoren treiben dort ihr Spiel--
--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt,
durchblätternd fort, "dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im
Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche
seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der
unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht.--Diese unzünftigen
Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen
können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der
politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre
Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie
können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen
vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken."
Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den
einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.
"Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und
Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die
Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam
sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich könnte einer solchen
Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben
würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen
mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage
für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht
glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln,
mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da
fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und
will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines
Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's
Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles
das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866
noch übrig geblieben ist."
Er blickte abermals auf den Bericht.
"Wohlwollende Neutralität Italiens," sprach er, "militairische
Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse
eingreifen sollte.--Und dafür die italienisch redenden Districte
Tyrols.--Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die
Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun
einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist.
Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte
Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt
werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was
bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in
Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich
unterzeichnet--wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das
italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt
dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine
Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders
gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich
sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht--"
"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und
gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht
zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es
in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine
innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist,--wenn ich des
Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer
militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende
meines Werkes sein."
Er warf den Bericht auf den Tisch.
"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe
es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu
stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des
Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt
wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn
niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder
Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man
aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde,
dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die
achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen."
Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag,
durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die
Schlußworte:
"Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der
Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die
Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn
in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer
Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische
Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen
und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph
das Band der Unterthanentreue annehmen würde."
"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand
stützend, "sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen
für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und
unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den
König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den
Kaiser von Oesterreich!----Für den Augenblick beherrscht die Partei des
Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen,
was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich
pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der
Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des
Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem
solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische
Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in
welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die
Vergangenheit--für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige
Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser
Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern
Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals
werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen
österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat.
Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle
meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.
"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick
fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig
ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich
geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste
Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es
versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte
hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu
erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber
von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden
so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die
unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte."
Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.
Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den
Sectionschef, Baron Hoffmann.
Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.
Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen
Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
Reichskanzlers Platz.
Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
Schreibtisch gelegt und sagte.
"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der
unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die
äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die
Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich,
Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er
fort, "wenn diese Negotiation--doch in möglichst unbestimmter Form sich
lange hinzöge.--Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für
unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz,
wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch
für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte
doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde,
dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche
ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg
versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.--Der Fürst
Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr
formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst
muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es
dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter
Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein,
zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie
weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden
Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor
Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm
persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte."
"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive
Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen
Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß
man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht
hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man
nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen
Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die
Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen
Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das
italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer
europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen
wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie
ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des
Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge
geschehen ist."
"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen
Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer
freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen,
niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft
Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und
Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne
des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen
österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem
Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber
acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran
denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel
passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des
Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also
noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen
mitzutheilen.--Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit
unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt
werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und
auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er
ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter
Umständen viel schaden."
Herr von Hoffmann verneigte sich.
"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."
Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.
"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher
sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München
berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf
Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König
Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel
befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der
großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die
Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich
versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen
berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll
Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung
des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und
von Thüngen lebhaft besprochen haben."
"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf
die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas
Demonstratives.--Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn
in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der
mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums
Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.--
"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so
vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte
Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt,
im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines
Vertrauens giebt."
Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
Unmuths.
"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in
den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall
fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt
man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der
äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont
verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder
hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht
verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein
persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam
aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in
Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des
offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung,
mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er
fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann,
aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist
er vollständig in den Händen der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort,
"die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die
Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste
verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade
in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu
verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des
Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig
entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin
aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die
Arme treiben.
"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen
eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über
denselben gleiten ließ, "als----ich habe da eine merkwürdige Mittheilung
auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.--
"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere
Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist,
demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu
sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein
Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen
Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne
politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile
bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu
verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz
von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache
eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen
gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine
königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen
Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe
dispensirt.--