"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag

mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und

Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber

es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der

Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir

jetzt weiter entfernt als je vorher."

"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ängstlich magerer

Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit

verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene

eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche

ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet.

"Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen

Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in

der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem

mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene

deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders

begünstigt wird. Wir haben darüber," fügte er mit einer etwas gedämpften

Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende

Berichte."

"Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,"

erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn

gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane

katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den

Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich

hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering

anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit

gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit

denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen

Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr

deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische

bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß

auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht."

"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, daß die

ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur

deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen.

Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse

haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht

schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen

katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich

im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen."

"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine

vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des

Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen

es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt

voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber

in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden

müssen."

"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, daß man

dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So

viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für

unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder

menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in

Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche

Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken

auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen."

"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der

Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der

Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen,

wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer," fuhr er fort,

"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste

Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns

nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will,

daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer

deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist

es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt

wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem

Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht,

mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche

Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen

lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher

Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein

italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch

seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in

welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen

Deutschland sehr wenig genehm sein möchten."

"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, "ich

glaube, wir können es ruhig abwarten."

"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab,

sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict

entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so

dürsten die Consequenzen sehr fatal werden."

"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor

Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt

gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe

Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen

Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und

ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit

solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der

Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man

zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen

Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich

durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische

Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die

Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat

die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das

von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick

müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen

die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen,

und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze

Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom

herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem

Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit

energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten

Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche

Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt

hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich,

wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder

den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe

jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe

kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer

sein, sie wieder von Rom zu trennen."

"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender

Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir

haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten

und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten

Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht."

"Rücksichten? Rücksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rücksichten ist

noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung

des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem

Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct

ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder

Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein."

Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.

"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im

Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten

Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im

letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden

ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor

Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu,

"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine

gute Cigarre erschwingen können."

"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der

Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen,

die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten

können."

"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der

Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!"

Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich

ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für

die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das

Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.

"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem

Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins

der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron

von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in

Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große

Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große

Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit,

ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich

glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich

dabei zu betheiligen."

Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke

des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres

und eingehenderes Gespräch.

Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten

feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt

tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die

Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden

des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und

theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor

ihnen.

Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach

mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die

Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig

sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte.

Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des

Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast

traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur

zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter

des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem

Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah.

Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt

nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin-

und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine

Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder

einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas

besonders empfohlenen Weins zu serviren.

Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger

Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden

Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht,

sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen

Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine

Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.

Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum

Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und

begaben sich in den Tanzsalon.

Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des

Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der

Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung

die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter

einer Decoration von grünen Gewächsen standen.

Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.

"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld,"

sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt

Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim

Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie--" fügte sie, die

Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend

Etwas übel genommen?"

"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick

tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die

leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen

ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin

verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft

traurig--und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."

"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig

zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit

sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte

übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig

machen könnte."

"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest

und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger

machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem

fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich

von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele

Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz

eingezogen wären."

Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige

Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder

hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit

einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme.

"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen?

Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung

sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil

werden kann."

Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.

"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna," sagte er mit lebhafter

Bewegung, "sollten mich überglücklich machen und dennoch--dennoch--"

fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfüllung meiner

Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben."

Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.

"Fräulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, "es

muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn

die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe

Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei

und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?"

Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog

durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie

dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein

rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte

mit herzlichem Ton:

"Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?"

"Nun, Fräulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend,

"Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele

Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes

Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen

bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger

mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt

habe."

"Ich habe es bemerkt," flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht

schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene

Frage ausdrückte, "und ist das denn ein so großes Unglück?"

Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen

Blick und verstand die stumme Frage.

"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wäre das höchste Glück,

wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden--"

Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.

Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen

Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich

wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge--er fuhr fort:

--"und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft

unmöglich machten, Fräulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als

begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine

Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen

mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der

Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das

ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem

brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für

mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann

ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den

unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu

erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein könnte eine

zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde

vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern

Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und

Glück. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort,

während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, "darum

ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen

los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach

er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich

machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der

unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären."

Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr

Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit

legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich

ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser

Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.

"Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich

kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast

befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies

gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht

allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen,

so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen

nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen

Glanz verloren haben."

"Fräulein Anna," sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, "solche

Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber

mein Gott," sagte er, die Hände in einander faltend, "es ist ja nicht

möglich."

"Nicht möglich," sagte sie sanft, "warum nicht möglich? Haben wir

nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen,"

fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben

umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen.--Aber in diesem

Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind

wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe

abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen."

Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen

mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.

"Und würden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter

Stimme, "würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie

einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine

Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet?--Ich," fuhr

er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich würde eine solche Stellung

nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes."

"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen

_vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens

_theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im

Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die

untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem

Andern gehören? Muß ich Sie bitten," fügte sie mit einem wunderbar

weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muß ich

Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?"

"Mein Gott, Fräulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige

Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fügte er dumpf

hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken

darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen

fort, "daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben

Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,"

sagte er bitter, "wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons

benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?"

"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher

Blick hell aufleuchtete, "daß ich nicht die Kraft und den Muth haben

würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?"

Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit

reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren

vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem

Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren

Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die

Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer

Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons

hinblickten.

Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen,

trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen

und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses.

Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach

der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die

tanzenden Paare verfolgt hatte:

"Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um

Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so

unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie," fuhr er leise

fort, "werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten,

welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen

den Vergleich nicht aushalten kann."

Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte

sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das

kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.

"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen

gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu

benutzen, um Ihnen Freude zu machen."

Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine

Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den

folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte

Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges

Gespräch nicht mehr möglich war.

Der Todesgruß der Legionen, 1. Band · 第 7 / 14 段