Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf
Deinen alten Besitzungen einzuführen?--Nimm es mir nicht übel, alter
Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung
eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und
in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende
Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast
nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir
gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich
nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit
dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen.
Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet
werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie
werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein
können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine
Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine
Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe."
"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von
Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde
hinüberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt
beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Ueberlegenheit in den
ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will,
so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen.
Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe
geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz
nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit
gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an
seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir
zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer
Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden
Besitzes zu erhalten im Stande ist."
Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.
"Der Besitz ist eine schöne Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht
allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast
der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen
erhält, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden
zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen
mußten."
"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow
lächelnd. Dann fügte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine
Kinder, für die sie sorgen mußten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte
nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich
besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen
haben. Und ich möchte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz
den Kopf emporrichtend, "daß auch später Jeder, der den Namen Rantow
führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn
ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz
sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben,
ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen
entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten
muß?"
"Wir werden uns nicht darüber verständigen," sagte der Oberstlieutenant.
"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "würde mich niemals
mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen."
Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der
Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer
starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm
geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren
früherer großer Schönheit zeigte.
Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas
altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem
breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter
Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.
"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es
wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn
Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem
leichten Lächeln fort, "daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht
großartiges Fest zu geben."
"Wir werden die Nacht recht gestört werden," sagte der Baron, "von dem
Lärm über unsern Köpfen. Nun," fügte er achselzuckend hinzu, "das ist
immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen
ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause
geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich
nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich
zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen
heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet."
"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen
Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung
der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu
nehmen."
"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar
recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu
nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien
zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese
Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise
verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf
ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu
viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich
will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,"
fuhr er lächelnd fort, "daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof
macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn
Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr
gut erzogen und sehr fein gebildet."
"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn
nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf
setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte."
"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines
Sessels trommelnd, "das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr
Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er
wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der
Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den
einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch
Heirathen zu großem Glanz gebracht,--die Sache würde sich vielleicht
arrangiren lassen."
"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der
Oberstlieutenant. "Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch
wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine
Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf
meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes
Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter
zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die
Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes
Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen
Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu
würde ich niemals meine Zustimmung geben."
"Nun, lieber Büchenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd,
indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie
sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als
er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit
dem Finger drohend fort, "daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht
in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier
zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance
sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute
hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des
Fräulein Cohnheim."
"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich
amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte
Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen
habe, vollkommen mit mir theilt."
Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu
der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die
Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu
behandeln.
Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern
vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der
schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der
Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das
dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören.
Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der
Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch
nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet
waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die
Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der
ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den
Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemälde an den
Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst
beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der
Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große
Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch
guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines
Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des
wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben
zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher
nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in
den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und
einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.
Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte
Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa
fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig
über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar
leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen
Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas
aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden
Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um
seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus
gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl
zusammengesetzt war.
Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte
von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine
strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige
große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er
sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich
ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen
Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren
Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine
goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur
Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.
Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon
seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit
ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des
Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen.
Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit
ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden
jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte.
Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren
Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der
Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr,
und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen
öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem
mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln.
In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand
ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr.
Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von
zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen
übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen
geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That
waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste
Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer
jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man
gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit
findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen
eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht
des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie
von bläulichem Phosphorschimmer übergossen.--Ihre großen dunklen Augen
blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten
feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches
Lächeln.
Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen
Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern--es kamen Geheimräthe trocken,
steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen
im Knopfloch.
Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die
Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe,
indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen
gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der
Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge
doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden
Damen erhebe.
Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der
Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden
jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends
feststellten.
Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang
seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit
die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau
abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte
er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit
einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl
seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen
Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang
der Neueintretenden zurückzuwenden.
Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt,
deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer
Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt;
mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch
vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel
die Hand.
Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge
Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften
zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er
diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat
und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche
Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.
Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen
präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen,
welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen
läßt erfüllte die Räume.
Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen
geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging
rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.
Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der
Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben
Hauses am Theetisch seines Freundes saß.
Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem
Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und
anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das
wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben
lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas
gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In
seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene
Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm
berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und
höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und
leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths
mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein
hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre
gebe, als empfange.
In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien,
durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt
zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld.
Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest
und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf
geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und
Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende
Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest
zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder
Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus
ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in
einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.
Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem
jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher
Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte.
"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr
Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es
verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fügte er hinzu,
indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck
zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen."
"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit
leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg
nach dem andern Salon hinschweifte, "daß sie Ihrer Einladung nicht
haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine
Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen."
"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, daß Sie
gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir
sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fügte er hinzu, indem er den jungen Mann
nach dem Tanzsaal hinführte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die
Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch
einen Tanz aufgehoben," fügte er dem jungen Mann auf die Schulter
klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu
der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld
weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den
Tanzsaal eintrat.
Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter
gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen
begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu
ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.
Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte
von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche
sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von
Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte
Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen
Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche
sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die
Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem
Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow
schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal,
indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer,
in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand.
Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter
Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des
Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim.
"Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein," sagte er.
"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß
Sie noch einen Tanz für mich frei haben?"
"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die
Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die
Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; "Alle meine Tänze
sind besetzt."
"Das ist ja ein wahres Unglück!" rief der junge Herr von Rantow, während
er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht
verschwinden zu lassen.--"ein Unglück," fügte er hinzu, "auf das ich
übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung
gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu
reserviren."
Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.
"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement für den
Cotillon angenommen."
"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese
glückliche Ueberraschung gemacht haben?"
"Ich bin für den Cotillon versagt," erwiderte Fräulein Cohnheim ernst
und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen
Officier hinüberflog.
Dieser trat rasch heran und sprach:
"Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie
mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?"
"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit
freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr
sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim
Cotillon notirt."
Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant
von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und
wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow
mit leichter Verbeugung zurücktrat.
Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare
traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die
junge Dame in die Reihen.
Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen
Augenblick neben einander stehen.
"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem
sein Blick über den Saal hinschweifte. "Das ist nicht hübsch von Dir,
nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten,
und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen,
was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist
sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die
commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble
Partie."
Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe
stehende Paare.
Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow
flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick
seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den
anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an
ihm vorbeischwebte.
Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die
ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den
unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in
mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare
ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren
Herren.
Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen
Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und
gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche
ihm aufmerksam zuhörten.