kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte
Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen.
Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann,
nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder
verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre
vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben
irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen
Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"
"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit,
"indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz
Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche
Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer
activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort,
"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben
aussprachen--dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer
deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde,
in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu
finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland
eingewilligt hat."
Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de
L'huys' ernste Züge.
"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in
der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der
vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne
Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen
das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große
Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire,"
rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich
in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke
Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen
Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und
bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß
sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich
kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die
Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber
niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste
entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich
eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance
allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene
preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den
Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande,
auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung
Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß
auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung
die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus
bietet."
"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst
zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen
tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik
nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten
und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf
die alte Höhe zurückführen soll?"
"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer
Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in
diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen
Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die
Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich
muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge
jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die
bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen
kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen
Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das
Aeußerste zu wagen."
"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in
der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner
militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg
will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der
Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."
"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer
Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den
Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse
ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der
großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz
Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen
gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der
Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen
ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie
aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der
Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät
meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das
Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf
lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise
Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem
Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen,
würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde
Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen
Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache
betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf
einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren,
ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines
Krieges stürzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste
Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches
Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des
Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen
Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes
preisgegeben sehen."
Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
Schnurrbart.
"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer
Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er.
"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem
Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein,"
sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kühne
Aufrichtigkeit--daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch
Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können."
Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender
Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann
beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm
die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.
"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich
im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit
gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde
geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's
Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden
müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in
welcher Weise dies geschehen könnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er
nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den
kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien
Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es
will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen
werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen,
daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt
Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe
hervorgerufen."
"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler
gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach
meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen
befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen
Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche
Folgen gehabt hat."
"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend
und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend.
"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen
einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen,
welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der
niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und
links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung
in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er
fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen
immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch
Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor
Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der
freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,--ebenso wie es
auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder
gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu
lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das
öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher
nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube
ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu
inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben
wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu,
"ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln
durch ihn durchführen zu lassen."
Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört.
"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch
darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht,
betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um
dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu
stemmen.--Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der
Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht.
"Sie meinen also," fuhr er fort, "daß um die freieren Grundsätze ohne
Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu
lassen--"
"Andere Männer nöthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar
Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr
folgen."
"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den
neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit
auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten
Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit
einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben
herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen
Lebens geworden ist."
Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge
des Kaisers.
"Und Sire," fragte er, "wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr
Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?"
"Das weiß ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend
fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr
als an Daru und Buffet."
Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf.
"Und Ollivier?" fragte er dann.
"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die
ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen
Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die
Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und
festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen."
"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer
Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden,
den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen
anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel
erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen
Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so
ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und
ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner
Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere
und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so
unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire,
wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an
eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen
militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des
Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte."
Der Kaiser erhob sich.
"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre
Unterstützung nicht fehlen wird."
"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick
bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich
nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie
dieselben acceptiren, auszuführen."
"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich
verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an
guten Gedanken und Entschlüssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys
meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht
derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um
meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur
Ausführung zu bringen."
Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg
mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den
Tuilerien zurück.
Viertes Capitel.
In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße
saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten
Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren
in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe
Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.
Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck
seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle
Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende
graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt,
und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas
zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den
preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten
scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade
aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus
der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand
hielt.
Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit
einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen
hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen
Vermögen und seiner Pension lebte.
Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer
Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des
Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus
zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz
bewegte.
Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige
Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme
Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung
verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten,
wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war
fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne
Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er
sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ
Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich
wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob
seine Gedanken anderswo weilten.
Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte
leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne
desselben.
"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit
einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies
Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die
Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend
hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner
Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein
Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir
überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit
der Zeit zu steif und schwerfällig geworden."
"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der
Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben,
wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann
kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die
Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken."
"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
"Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich
nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
Wirthschaft entziehst."
"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von
Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich
in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem
Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann
gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald
zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle
bewerben möge;--wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es
sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine
angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht
die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen."
"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas
wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen
kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich
hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren
Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche
Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein
Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin.
Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben
geblieben,--vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß
unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der
Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge
hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den
Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen
dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß
den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf
demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist."
"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck
phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht
einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst
nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und
einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen
verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte
er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu
können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat."
"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend,
"das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das
Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung
und Entbehrung gebracht hat?"
"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen
nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines
Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im
militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette
für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den
entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für
alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt
hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den
fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte
anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese
Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein
alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch
mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt
und gearbeitet hast."
"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den
Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige
Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum
Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt.
Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich
haben möge."
"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem
leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja
in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in
den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der
andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle
Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum
Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fügte er hinzu,
"ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen
vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen
auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit
bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die
Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen,
brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fügte er lächelnd
hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten."
Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb
verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber.