Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige

Augenblicke schweigend neben ihm stehen.

"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die

Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt

habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten--ich will festen

Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß

ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe."

"Ich weiß es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, "daß

die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es

mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern

lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen."

Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf

die Stirn.

"Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es

scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte,

langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der

eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den

Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm

Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und

seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch

Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und

ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der

Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der

Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen,

das ist wahr.--Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den

Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen?

Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand

zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?--

"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich

die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht

ein.--Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten," sprach er

seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll

wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen

Händen liegen.--

"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse

Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken,

"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es

versteht das durchzuführen, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich

weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin

kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des

Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend."

Er bewegte die Glocke.

"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden

Kammerdiener.--"Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé

da?"

"Der General wartet im Vorzimmer."

"Führen Sie ihn herein!"

Der Kammerdiener öffnete die Thür.

Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein.

Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug

reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des

Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem

schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.

Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in

seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig

nieder.

General Favé nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran

und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der

Tuilerien.

Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche

gekommen war, befahl er langsam zu fahren.

Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen

Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während

die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden

blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen

Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die

sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten

die Herandrängenden zurückweisen.

"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich

den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte.

Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit

lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruß.

Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des

kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut

schallendem Ton:

"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den

Meuterern!"

Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards.

Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von

einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der

Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend.

"Sehen Sie," sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, "alle

diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit

einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen

mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß

diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er

sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen."

Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.

"Nach Belleville!" rief Napoleon.

Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze

versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes "Vive l'Empereur!"

aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden

Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden.

"Fürchten Eure Majestät nicht," sagte der General Favé, "daß in jenem

unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre?

Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fügte er mit

etwas ängstlicher Miene hinzu.

"Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser,

stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt

machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß

ich mich noch als seinen Herrn fühle."

Man war in Belleville angekommen.

Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis

zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht.

Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen

meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage

nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit

verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit

dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles

verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein

Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören.

Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen

genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht

von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu

räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen

Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden.

Der Kaiser ließ halten.

An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene

düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten

glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden

Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte

den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an

den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der

nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster

hinschweifen.

Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben.

Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete

ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor

sich hin.

"Vorwärts!" befahl Napoleon.

Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch

nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden.

Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend

eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme.

"Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich

vor dem Richterstuhl der Geschichte!"

Der Kaiser zuckte zusammen.

"Halt!" rief er.

Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den

Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr

und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so

schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick

seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.

Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite

hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.

"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und

ruhig.

Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die

Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an

der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu

fahren.

Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern

Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An

der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé

seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde

an.

Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten

dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.

"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser.

"Zu Befehl, Sire."

Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch

das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an

dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das

Innere des Hotels führte.

In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere

langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator

und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt

war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein

kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck

und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten

noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren,

grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken

Augenbrauen hervor.

Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser

und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:

"Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am

Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so

vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu

eilen."

"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte

der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser

ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß

ich wohl zu Ihnen kommen."

Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.

Sie traten in den großen Empfangssalon.

"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät

zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt."

"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren.

Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen

plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten."

Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines

Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von

dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze

Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen

Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken,

Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön

gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.

Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd

zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.

Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete

schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in

sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte.

"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon

endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den

Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte,--"die Lage ist

ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fügte er

halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen

und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus

diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und

mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange

der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in

dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als

bei Ihnen."

Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts

zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige

Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine

Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.

"Sie haben," sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit

überwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und

begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den

Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von

Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung

der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen

Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten,

auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten."

Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt.

"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "daß jene Ansicht, welche auch

heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät

Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick

unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der

Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "daß damals eine wirklich

militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die

französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare

Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der

Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat."

"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von

den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten

konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich

damals Unrecht gehabt."--

"Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen," erwiderte

Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil

Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät

wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik,

die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich

damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen

Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und

mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen."

"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist," sagte Napoleon,

"sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren

Rath zu hören,--den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines

der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief

seufzend--"denn ich habe viel verloren."

"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestät auf

denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen,

und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und

Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält,

sagen, als es Ihr Minister gethan hat."

"Irgend ein großer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die

Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler

machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht

verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu

Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an

mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath

zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich

laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie

dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,"

fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des

Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene

Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die

Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht

verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen

Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß

die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem

geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich

den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen

und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals

garnicht hätte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen,

bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie

man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem

Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während

der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es

zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee

sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die

Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden.

Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann

aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von

erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die

europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen,

und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische

Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber

Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle

Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden,

jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir

entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall

mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?"

Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder,

dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck

lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und

langsam, jedes Wort scharf betonend:

"Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche

nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort,

"daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht

hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel,

der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig

befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute

oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muß ich ernstlich

zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen

darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell

anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet

später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit.

Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine

Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem

Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum

Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg

von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager

Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen

Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur

die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über

den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein

Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den

man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des

Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine

einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können.--

"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und

verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem

sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht

früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise

reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs

sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es

sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich

ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem

Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich

selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache

Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg

Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage

so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit

gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner

Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann

Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als

Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen

Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche

Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner

Cabinets uns gegenüberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir

noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich

mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter

Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein

Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur

geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen."

"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen

Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns

Hülfe und Beistand."

"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß

man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug

wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin

liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich

um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart

statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und

frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken

Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in

welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese

ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden

Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem

Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen

ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland

wieder aufzunehmen."

"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß

Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen

und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der

Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche

Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich

betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas

Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert."

Der Todesgruß der Legionen, 1. Band · 第 4 / 14 段