der umgebenden Brandung entdeckt hatten, eine Lücke in der weißen
Schaumhecke, wo das Wasser stiller war. Es war schwierig, das Boot
zu befestigen. Nachdem wir ans Land gesprungen waren, drohte uns die
Möglichkeit, daß die zerrenden Wassermassen das Bootseil, auf das wir
ein paar Steine gelegt hatten, lockern würden. Und wir mußten uns
bei jedem Schritt auf dem kleinen Eiland immer wieder nach unserem
Bootsmast umsehen, ob er noch zu sehen war, oder ob das Meer das Boot
vielleicht schon fortgetrieben hatte. Es war das kein angenehmer
Gedanke, hier ohne Boot ausgesetzt zu sein, auf der Insel, die nur wie
ein ovaler Steinfußboden ohne Erhebung und ohne Schutzwand platt wie
ein etwas buckeliger, zerbeulter Zinnteller flach in der Wasserwüste
lag und bei Sturm im Meer verschwand.
Schon als wir uns der Insel näherten, hatte sich ein Klagegeschrei
erhoben, und viele Möwen waren fortgeschossen. Jetzt aber bei unserem
ersten Schritt auf dem Stein brauste plötzlich die Luft um unsere
Köpfe, als schlüge der Meerschaum haushoch und weißflockig wie ein
dickes Schneegestöber über uns zusammen. Es waren Tausende der
brütenden Möwenpärchen, die aufflogen, und ihr Geschrei war wie das von
tausend Klageweibern. Sie blieben wie ein flatterndes, kreischendes
und rauschendes großes Federgespenst alle zusammen oben im Äther
über der Insel hängen. Sie ächzten und stöhnten. Sie verfluchten uns
und beschworen uns, sie flehten und jammerten. Sie stießen gellende
langgedehnte Angstschreie aus. Sie beschworen das Meer und die Wolken,
uns Eindringlinge zu vernichten.
Niemals, so lange Möwen hier gebrütet hatten, waren zwei Menschentiere
aus dem Meer hier auf das Eiland gekommen. Es war, als verhexten wir
ihren Urweltfrieden, an dem nie gerüttelt wurde, so lange Möwen denken
konnten.
In den langen, nur handtiefen Rissen und Sprüngen, die sich über die
Inselplatte hinzogen, hatten die Möwenscharen dort in den getrockneten
Tang unzählige, unauffällige, graugrüne Eier gelegt. Die tausend
Mütter, die da, abwechselnd mit den tausend Vätern, gebrütet hatten,
besprachen sich jetzt über uns im Himmel unausgesetzt fliegend und
durcheinanderkreischend in dichtem Knäuel, und besprachen alles, was
wir taten.
Sie sahen uns beim Frühstücken und beim schnellen Baden zu. Und als wir
dann auf den sonnengewärmten Steinplatten auf dem Rücken lagen und uns
von der Sonne trocknen ließen, da erst ließen sich die Aufgescheuchten
in Gruppen bei uns nieder. Denn daß wir uns sonnen wollten, verstanden
sie. Das taten die Seehunde manchmal auch, wenn einer aus dem Meer
stieg und zu ihnen auf die Steine gerutscht kam und mit offenen Augen
schlief, bis der Mittag vorüber war.
Wie ich dann Mövenpärchen bei Pärchen all die silbergrauen schönen
Vögel beieinander sitzen sah, da fühlte ich, daß wir Menschen uns
nicht so gut auf das Glück verstehen wie die Tiere. Jeder Vogel,
jeder männliche, wenn er liebesreif wird, sucht sich sein Weibchen,
und ein wenig Tang in einer Felsenspalte genügt ihnen für das ganze
Leben als Brutplatz. Und die Möwenfrau und der Möwenmann brüten beide
abwechselnd, und beide lehren später den jungen Möwenkindern zu fliegen
und Fische zu fangen. Wie einfach ist das!
Aber welch eine Unwelt von Hindernissen wissen die Menschen dagegen vor
ihrem Liebesglück aufzubauen! Eine Hölle von Unnotwendigkeiten setzen
sie sich in den Weg, die das Lebensglück schwächt, das in der höchsten
Lebenseinfachheit am edelsten und reichsten sich darbieten will. --
Die Steinfläche, auf der wir uns befanden, wurde bei hohen Stürmen
von den großen Wellen überrollt, und es konnte sich auch im Sommer
ereignen, daß bei plötzlichen Wetterstürzen der Seegang mächtig hoch
wurde, so daß die brütenden Möwen fliehen und ihre Eier im Stiche
lassen mußten.
Am Himmel waren viele Wolken aufgestiegen, und trotzdem wir heute
nichts Ähnliches befürchteten, konnten wir uns doch nicht einiger
Unruhe erwehren. Das Klagegeschrei der Möwenmütter war in uns so tief
eingedrungen, daß wir am liebsten mitgeklagt hätten. Es war, als
könnten uns die Schreie allmählich selber in Möwen verwandeln; und
wäre plötzlich jeder von uns ein weißer Vogel geworden, es hätte uns
nicht erstaunt. Im Geist flogen wir mit den Scharen immer über dem
Inselstein hin und her und schrieen mit.
Derart verhexend wirkte in der Meereinsamkeit die Aufregung auf dem
Möwenbrutplatz, daß wir beinahe Unruhe hatten, unsere Vernunft für
immer verlieren zu können. Denn verwirrend und irremachend war das
Angstgeschrei und das Geächze und das Gestöhne, das aus den Rissen und
Steinspalten zu uns kam. Wir wußten zwar, daß dort Vögel versteckt
saßen, aber es klang, als seufze und stöhne die sich grämende
Brutstätte selbst, und wir eilten endlich, fortzukommen von dem Stein,
auf dem wir von tausend Verwünschungen überschüttet wurden.
Zurückgekommen nach Väderbod, nahmen wir dort den Kapitän ins Boot,
der uns gleich zurief, es würde heute noch schlechtes Wetter geben.
Zugleich donnerte es schon draußen am Meeresrand.
Der Wind war günstig, und wir segelten stundenlang eiligst der Küste
zu. Einige dunkle Wolken holten uns aber doch ein und sandten uns
einige kurze Regenschauer auf den Rücken. Wir erzählten unterwegs dem
Kapitän, daß wir vorhin auf einer der Möweninseln mit dem Segelboot
angelegt hatten.
Der Meergreis schüttelte mißmutig den Kopf und meinte, das hätten
wir nicht tun sollen. Die Brutplätze darf man nicht stören. Das sind
heilige Plätze, sagte er, und außerdem ist es mit so viel Gefahr
verbunden, auf jenen Inselflecken zu landen und loszukommen, daß
deshalb schon niemals einer dort hingeht.
„Wenn ich gewußt hätte, daß Sie dort landen wollten, hätte ich Sie
vorher gewarnt. Denn die Tiere wollen, wenn sie in Familie sind, allein
sein und mögen bei ihren Wochenbetten keine Menschen sehen.“
Der Kapitän, als er dies sprach, stellte Menschen und Tiere ganz
selbstverständlich auf gleiche Vernunftsstufe. So wie es die Leute, die
viel im einsam Freien leben, zu tun gewohnt sind, und wie es auch das
Natürliche ist.
„Ich freue mich,“ hatte der junge Schwede zu mir gesagt, „den Kapitän
ans Land bringen zu können. Er hat seit zwei Jahren die Küste nicht
mehr besucht. Und er roch nur manchmal den Frühling auf seiner Klippe
draußen, wenn zufällig ein scharfer Ostwind vom Lande wehte, der über
alle Wälder Schwedens gegangen war.“
Der Alte wurde, je mehr wir uns den Inselgassen näherten, schweigsam
und schnupperte immer mit der Nase in die Luft. Er roch Land. Und als
der Wind im Abend abflaute, rührte er unermüdlich die Ruder und wollte
sich nicht ablösen lassen.
Wie eng und still kam uns das Meer in den Inselgassen vor! Wie
wohlbekannte Gänge in einer Stadtwohnung, in die man abends heimkommt
nach einem Tagesausflug. Das Wasser lag im Abendlicht goldgelb
ausgegossen. Auf einem Stein saß, wie ein einzelner Mann, ein großer
dunkler Seeadler. Er ruckte mit dem Kopfe hin und her und hob sich mit
den dunklen Schultern vom hellgelben Himmel ab.
„Ich wohne hier,“ meinte der Adler. „Ich bin hier zu Hause,“ sagte er
mit seinem Kopfnicken. „Wir wissen es schon auf allen Inseln,“ fuhr
er fort, „ihr habt die Möwen draußen gestört. Hui, hui, wer wird die
Brutstätten betreten!“ Und die Luft durchfegend flog er fort.
Die dunklen Felsen in den Gassen sahen uns tiefgründig an. Und eine
Steinwand sagte zur anderen: „Habt ihr den Donner heute nachmittag
draußen gehört? Die da vorüberfahren, die haben die Brutstätten
gestört! Die Möwen haben es überall hin ausgeschrieen. Bis zu den
Wolken haben sie gerufen. Und beinahe wäre Wettersturz und Sturm
gekommen. Aber dann nahmen die beiden Jungen den Alten mit ins Boot,
und dadurch waren sie geschützt vor jedem Unwetter. Der Alte ist heilig
wie die Brutstätten. Er ist ein alter Freund dem Meer und allem, was in
und um das Meer ist.“
In einer anderen größeren Gasse, wo das Meer immer noch goldig war,
weil die Felswände weiter auseinander lagen, da hörten wir plötzlich
zwei schrille Pfiffe. Hundert Schritte vom Boot entfernt waren in
der Goldfläche des Wassers zwei Köpfe aufgetaucht, zwei dunkle
menschenähnliche Köpfe.
„Seehunde!“ flüsterte der junge Schwede. Und der alte Kapitän nickte
vergnügt und ruderte. Wieder ein blitzartiger Pfiff, und die beiden
Seehundköpfe verschwanden.
„Hm, hm,“ sagte der Kapitän, „daß sie sich so weit hereinwagen heute,
die Seehunde! Die halten sich doch sonst immer draußen bei den
Möwenbrutstätten auf!“ Und er schüttelte verwundert den Kopf. Es war,
als kannte er jedes Tier hier im Meer im Umkreis um seine Klippe.
„Die beiden Burschen sind uns nachgeschwommen,“ sagte er endlich nach
einer Weile wieder. „Seehunde sind neugierig. Sie haben mich seit zwei
Jahren nicht ans Land fahren sehen und mußten sich überzeugen, ob es
wahr ist, daß ich ans Land segle. Denn alle Inseln wissen es wohl
bereits, daß ich ans Land will, und daß Sie beide die Möwenbrutstätten
gestört haben, das wissen auch schon alle hier herum.“
Der Alte lachte gutmütig und nickte, als wollte er noch viel mehr
erzählen. Aber er mußte jetzt öfters in seine Hände spucken, um die
Ruder fester zu packen, und da blieb ihm nicht allzuviel Atem zum
Erzählen übrig.
In Fjellbacka, am Land, schüttelte der kleine Greis uns die Hand und
sagte, er würde hier bei Freunden übernachten und käme morgen zum
Sonntag in die Kirche und ins Pfarrhaus.
* * * * *
Und das tat er auch. Am nächsten Mittag kam der Kapitän zum Pfarrhaus
getrollt. Der junge Schwede hatte seinem Vater von unserer Fahrt
erzählt. Dieser kannte den Alten längst. Als der Pfarrer zugleich
hörte, daß wir eine Möwenbrutstätte aufgesucht hatten, wurde auch er
plötzlich ganz ernst und schüttelte verwundert den Kopf.
Da kam ich mir mit einemmal ganz unwissend vor und hatte das Gefühl,
als wären wir, der Schwede und ich, gestern, als wir auf jener Insel
bei den Möwenmüttern im Boot angelegt hatten, wie zwei täppische junge
Jagdhunde gewesen, die in ein Zimmer hereinspringen und nicht wissen,
wo sie sind, und friedliche Leute erschrecken.
Der alte Pfarrer sagte: „Brutstätten darf man nicht stören. Das tut man
nicht.“ Und als ich ihn fragte, was uns hätte geschehen können, sagte
er kurz: „Das weiß ich nicht. Aber die Leute im Lande, die Fischer,
behaupten, es störe die Seefahrt und den Fischfang.“
„Wir sind auch schon gestraft worden,“ sagte der junge Schwede. „Wir
haben zuerst Angst vor einem Unwetter gehabt, und auf der zweiten
Hälfte des Weges schlief der Wind ganz plötzlich ein, und wir haben
rudern müssen, und wenn der alte Kapitän nicht mitgerudert hätte,
würden wir das Land zum Abend nicht erreicht haben und hätten zur Nacht
auf dem Wasser liegen müssen.“
Und ich mußte viel darüber nachdenken. Wenn man durch einen
Kanonenschuß in den Himmel versucht -- und es auch erreicht hat --,
Wolken und Gewitter zu erzeugen, so, sagte ich mir, konnte auch die
unendliche Masse Möwen, die über unseren Häuptern mit kreisendem Flug
stundenlang im höchsten Äther gelärmt und mit den Flügeln geschlagen
hatten, recht wohl in dem schwülen Maienmittag ein Gewitter erzeugt
haben. Denn um uns fortzuscheuchen, schrien die Möwen ganz besondere
Rufe, Ketten von wirbelnden Rufen. Es hörte sich an, als rauschte ein
lärmendes Feuer mit spitzen Stichflammen in den Himmel, so heftig war
das Pfeifen und Flügelschlagen zur Mittagsstunde im Luftkreis über uns
gewesen.
Und ich sagte mir weiter, wir werden von Haus aus als zu schlechte
Nachbarn der Tiere, Pflanzen und Mitwelt erzogen. Wir lernen
vielen Kram, aber wir lernen nicht, freundlich und geduldig die
Lebensgewohnheiten der Tiere im Auge zu haben, wie Gewohnheiten unserer
Hausnachbarn, die wir achten sollen. Wir sind nur Kameraden mit den
Menschen, aber nicht Kameraden mit dem Weltalleben. Und wie reich,
innig und festlich wäre unser Dasein, wenn wir verständige Kameraden
allen Leben würden und nicht in unserer Unvernunft und unserer Ungeduld
uns verleiten ließen, uns höherstehender vorzukommen als Tiere und
Pflanzen. Solcher Hochmut ist unfruchtbar und unkameradschaftlich und
läßt uns Menschen in den Augen des übrigen Weltalls lächerlich und
beschränkt erscheinen.
Wie roh und beschränkt müssen wir beide den Möwen vorgekommen sein,
als wir nicht die einfachsten Anstandsgesetze achteten und Mütter,
welche Kinder zur Welt brüteten, in ihren Wochenstuben aufstörten.
Wir taten, als wenn die Lebenserzeugung nur bei den Menschen die
Mütter im schwangeren Zustand heilig spräche. Als ob die Tiermütter
in demselben Zustand nicht auch heilig zu sprechen wären von unserer
aller Schöpferkraft, die allen Handlungen bestimmte Grundgesetze
vorgeschrieben hat.
Ich mußte noch den ganzen Sonntag über dieses letzte Ereignis
nachdenken. -- Der alte Kapitän war vom Pfarrer zu Tisch geladen
worden, und er saß mir da bei Tisch gegenüber wie ein lebender Vorwurf
meiner gestrigen Gedankenlosigkeit. Er sprach aber nicht von gestern
und dachte auch sicher kaum noch an unser Versehen. Aber mein Herz ließ
nicht los, mit ihm im stillen darüber zu sprechen.
Und er antwortete mir vieles im stillen zurück, der kleine vertrocknete
mumienhafte Kapitän. Äußerlich aber befand er sich mit sich wie in
einem Sturm. Zwei Jahre hatte er kein grünes Blatt und keinen grünen
Halm gesehen. Zwei Jahre hatte er keine Stille in seinen Ohren genossen.
Er sagte nach dem Essen zum Pfarrer, er wäre gekommen, um die
Nachmittagskirche zu besuchen. Und er ging vom Tisch fort und murmelte
noch etwas. Die Glocke läutete dann, und als alle zur Kirche gegangen
waren und ich in den Garten ging, um mich am Gartenende mit einem Buch
auf die Moosbank zu setzen, staunte ich über die ab- und zufliegenden
Elstern, die in den Erlenbäumen an der Südseite des Gartens gar keine
Ruhe gaben. Auch sah ich über den langen Gartenweg mehr Eichhörnchen
als sonst den Weg kreuzen. Auch die wilden Bienen summten heftiger
unter den eben erblühten Apfelbäumen und über den Köpfen der
hochgeschossenen Pfingstrosen.
Etwas war nicht in Ordnung im Garten. Nun kamen mir auch die drei
Katzen des Hauses entgegen, die weiße, die schwarze und die graue. Sie
gingen nicht, sie strichen, hohe Buckel machend, an den Stämmchen der
jungen Bäume hin und hopsten nach rückwärts. Sie waren also besonders
vergnügt und zufrieden. Wären junge Vögel irgendwo gelegen, die aus
dem Nest gefallen waren, und hätten diese die Katzen angelockt, so
wäre ihr Gang geduckt, zielbewußter und bei meinem Anblick scheu und
bestürzt gewesen. Aber die drei Katzen gingen nur gemütlich spazieren,
erzählten mir aber irgend etwas, das ich mit meinem innersten Ohr noch
nicht deutlich hörte, weil ich noch zu überrascht war.
Das Auge muß fühlen und nicht bloß sehen, wenn man mit dem Weltalleben
Gedankensprache austauschen will. Die eigenen Wünsche müssen verstummen
können. So wie man nicht ohne Übung fremde Sprachen sprechen kann, so
muß man auch im Weltallverkehr ein wenig unauffällig Selbstzucht an
sich üben. Aber nicht mehr, als man braucht, um telephonieren zu lernen.
Ich ging zur Moosbank hin und setzte mich und wollte lesen, aber die
Elstern flogen zu und flogen fort, doch nicht ängstlich und auch nicht
aufgebracht. Nur unterhaltsam, als wären sie in angeregtestem Gespräch.
Nun jagte auch ein großer weißer Vogel tief über den Garten, eine Möwe.
Das war selten, daß im Sommer eine Möwe so weit ins Land hereinflog.
Und ich mußte an die Seehunde denken, die gestern neugierig dem alten
Kapitän nachgeschwommen waren. War nun auch diese Möwe ihm neugierig
nachgeflogen?
Nach einer Weile ging ich an den roten Pfingstrosen vorbei, und ein
paar Goldkäfer, die an den Blüten hingen, blitzten mich goldgrün
an, und ich mußte an die Fenster des Klippenhauses in jener grünen
Meernacht denken, in der der Himmel nicht dunkel wurde. Und ich mußte
bei den Rosen an den purpurroten Tang denken, der draußen um die
Möwenbrutstätten in dickem Kranze schwamm.
Ich habe eine Weile so vor mich hingeträumt und dachte: Wie wunderbar
einschläfernd summen die Bienen! Wenn die Erde nicht so frühlingsfeucht
wäre, müßte es gut sein, hier im Garten auf einer Grasböschung auf
dem Rücken zu liegen, den blauen Himmel anzublinzeln und sich von den
Bienen einschläfern zu lassen.
Dann läutete es wieder von der Kirche her, und ich war erstaunt, wie
schnell die Zeit vergangen war. Die Kirche war aus. Aber daß Zeit
vergangen war, das merkte ich nur an dem Gartenweg. Die Schatten der
Bäume waren gewachsen, und der Weg sah mich nicht mehr grell sonnig an.
Die Schatten zogen alle, länger geworden, sichtbar nach einer Richtung
quer über den Garten fort.
Im Pfarrhof bei den Stallgebäuden hörte ich dann die Bauernwagen von
der fernen Kirche fortrollen, und der junge Schwede kam von seinem
Zimmer herunter, wo er geraucht und Mittagsruhe gehalten hatte. Er
streckte unter der Haustüre seine Glieder und lachte und nickte mir zu.
„Der alte Kapitän wird genug Kirche heute bekommen haben,“ rief er. Und
wir lachten und plauderten unter der Haustür ein wenig von dem alten
Meerkauz.
Dann kam der alte Pfarrer, von einigen Männern der Gemeinde begleitet,
in den Hof. Wir fragten ihn, ob der Kapitän sich schon verabschiedet
habe, weil wir ihn nicht sahen.
„Ach nein,“ lachte der alte Herr gutmütig, „er war gar nicht in der
Kirche. Er schläft wahrscheinlich noch im Garten.“
Und jetzt erinnerte ich mich, daß der Kapitän früher vom Tisch
aufgestanden war und sich entschuldigt hatte, daß er ein Schläfchen tun
möchte, da ihn die ungewohnte Landluft und der Geruch des Frühlings
müde gemacht hätten. Wir waren im Gespräch gewesen und hatten seine
letzten Worte halb überhört und glaubten, er sei zur Kirche gegangen.
„Er wird sich zu Tode erkälten,“ meinten die Damen des Hauses, die
dazugekommen waren.
„Ach, nun verstehe ich alles,“ sagte ich zu dem jungen Schweden.
„Der ganze Garten hat es mir erzählen wollen, daß der Alte, der zwei
Jahre kein Grün und keine Blumen gesehen hat, sich zum Schlaf dort
niedergelegt habe. Deshalb schnatterten die Elstern so laut, sie
machten aufmerksam auf den Schlafenden unter den Bäumen. Und die drei
Katzen strichen so verwunderlich hopsend herum und erzählten es mir,
ihr Behagen ausdrückend, daß einer im Garten schlafe, von dem die Erde
sage, daß man ihn nicht stören dürfe.
Auch die Eichhörnchen hatten sich ihn angesehen, den Meergreis,
der selbst so behende und zwerghaft war wie die Eichhörnchen. Und
der nach Meerluft roch und nach Fischen, wie die Katzen behaglich
hinzugefügt hatten. Und eine Möwe hat im Flug mit dem Schnabel auf ihn
gedeutet. Und die grünen Goldkäfer an den Pfingstrosen hatten mir
verständnisinnig zugeblinkt. Und alle meinten, mir den Schläfer zu
zeigen, der ein Stück Meerwelt in das Garteninnere brachte.“
Dann fanden wir ihn auch, als wir vorsichtig gingen und suchten, auf
der Grasböschung am Gartenrand. Unter einem Haselnußstrauch lag der
kleine alte Mann auf dem Rücken. Er hatte seinen Kapitänsuniformrock
ausgezogen und ihn unter seinen Kopf gelegt und hatte sich mit seiner
Kapitänsmütze Stirn und Augen zugedeckt. Aber den Mund hielt er
weit offen, und seine Hände hielt er über der Brust gefaltet. Die
schwielenreichen alten Finger, die vierzehn Schiffe gesteuert und
geführt hatten, waren fest ineinander gehakt. Sein offener Mund atmete
die langentbehrte Garten- und Landluft und die langentbehrte Stille in
seinen alten meergebeizten Körper ein.
Wir konnten es nicht übers Herz bringen, ihn zu wecken und zu stören.
„Aber wenn er sich erkältet?“ meinte ich einen Augenblick.
„Der ist wie aus Seehundleder,“ sagte der junge Schwede. „Den bringen
Erde und Wasser nicht um. Er hat vierzehn Schiffbrüche erlebt und ist
nicht umgekommen; da wird ihm doch die Erde im Schlaf nichts antun
können und antun wollen.“
„Und wenn er an diesem Schlaf sterben sollte,“ sagte ich, „so hat er
wenigstens die Befriedigung, daß er noch einmal einen Landschlaf in
Ruhe und ohne irrsinniges Meergeschrei und Brandungsgebrüll genossen
hat.“
Und wir ließen den Alten schlafen, trotzdem die Schatten des Gartens
ihn kühl zudeckten. Alles schien auch dem Alten den verdienten
Landschlaf herzlich zu gönnen.
Und der Schlaf im Grünen ist dem Kapitän nicht schlecht bekommen. Nur
darin bekam er ihm vielleicht nicht gut, daß er, als er aufgestanden,
dem Pfarrer und uns erklärte, er möge nicht mehr aufs Meer hinaus. Er
sähe gar nicht ein, warum er seinen alten Knochen nicht endlich am Land
Ruhe gönnen sollte.
Und wirklich kündigte er nach diesem Landbesuch der Regierung seinen
Leuchtturmplatz und mietete sich bei Freunden in Fjellbacka ein. Aber
das Land wußte nichts mehr mit ihm anzufangen, und der kleine Meergreis
starb bald ganz schnell weg, als wäre er nur ans Land gekommen, um in
den Tod hinüberzuschlafen. --
Jene mehrtägige Meerfahrt bedeutete für mich auch zugleich den Abschluß
meines Aufenthaltes im Pfarrhause. Denn der Sommer, der jetzt kam und
Gäste und Besucher und Leben in die Einsamkeit brachte, trieb mich, der
ich Ruhe zu Gedanken und Arbeiten liebte, zum Fortwandern an.
Ich war selbst erstaunt, daß die mächtige Einsamkeit, die mich zuerst
bei der Ankunft, im Gegensatz zum lebhaften Berlin, an jenem Pfarrhause
erschreckt hatte, mir jetzt zur unentbehrlichen Lebensbedingung
geworden war.
Auch der junge Schwede wunderte sich nicht wenig, als ich ihm eines
Tages sagte, ich fände das Haus, in dem Sommergäste kamen und gingen,
zu lebhaft geworden, und daß ich mich nach der Zurückgezogenheit und
totstillen Einsamkeit, wie ich sie hier in den ersten Wochen nach der
Ankunft aus Deutschland genossen hatte, sehnte.
Er erwiderte mir, daß er das ganz unbegreiflich fände, da ich doch
zuerst über die unendliche Winterstille im Pfarrhause erstaunt gewesen
wäre und behauptet hätte, es wohnten keine Menschen, sondern nur eine
tickende Uhr im Hause.
Ich mußte ihm recht geben; aber nicht darin, daß ich mich an den
Sommerlärm in seinem Vaterhause so gut würde gewöhnen können wie an die
Winterstille.
Ich sagte ihm, so wie mir sein Vaterhaus lieb geworden sei, so möchte
ich es immer in meiner Erinnerung tragen. Es stünde dann einzig in
seiner Art unter meinen Erlebnissen, und ich möchte deshalb nicht
das Haus im Sommer beobachten, wie es immer ähnlicher allen anderen
Familienhäusern würde, die ich kannte. Ich wollte es nicht in mir
allgemein und gewöhnlich werden lassen, sondern den Aufenthalt dort als
ein außergewöhnliches Erlebnis, so erhaben und mächtig wie es gewesen,
für alle Zeiten im Gedächtnis behalten.
Bis zum Johannisfest, wo in der hellen Sommernacht im Freien getanzt
wurde und das Klavier hinaus hinter grüne Hecken in die Steinfelder
gebracht wurde und die Töchter des Hauses und ihre Freundinnen mit viel
Gelächter den Auszug des Klavieres unter den freien Himmel begleitet
hatten, bis zu diesem Fest bin ich noch geblieben und war nahe daran,
mich von dem Mädchentrubel verlocken zu lassen, auch den Sommer im
Pfarrhause zu verbringen. --
Es war mir aber nach meiner Abreise dann ganz seltsam zumut. Nirgends
mehr fand ich die unergründliche Ruhe, die majestätische Einsamkeit,
wohin ich mich auch wendete, -- nicht auf dem Lande, nicht in den
Städten, auch nicht bei den Buchenwäldern Dänemarks am Isefjord, die,
auf flachem Sandboden gewachsen, mir wie große Parkanlagen vorkamen im
Vergleich zur Urweltnatur Bohusläns. Das Meer schien mir bei Dänemark
ein Tümpel zu sein und der Isefjord ein Parkteich.