der ertrunkenen Söhne immer am Türnagel hängen haben wollte, und
weil ich damals als junger Mensch glaubte, sie müsse dadurch täglich
von neuem an Verlust und Tod erinnert werden, erklärte man mir in
Fjellbacka, daß die Frau immer ihre ertrunkenen Söhne kommen und gehen
sehe und ihre Toten mehr lebendig als tot fühle.
Die Stille machte die Menschen auf den Inseln hellsehend. Denn alle,
die auf den todstillen Inseln wohnen, sie sind so nahe Nachbarn des
Todes, daß sie seine Geschöpfe kaum noch von den Geschöpfen des Lebens
zu trennen vermögen. --
Und als wir am Abend zur Stunde, da der Landwind sich legte und
kein Lufthauch die Segel antrieb -- so daß wir die Leinwand vom
Mast abnehmen und abwechselnd rudern mußten --, als wir da in den
spiegelglatten Gassen, wo nur unsere Ruder im Takt Wasser schaufelten,
an jener Stelle vorbeikamen, wo an einem Sonntagnachmittag die beiden
jungen siebzehn- und achtzehnjährigen Burschen ertrunken waren, da
wurden um uns die Sonne und der Wind und die Wasserströmung tot.
Da zeigte sich kein Vogel, da waren auch die farbigen Lichter, die wie
buntes Glas am Morgen im Wasser geleuchtet hatten, verschwunden. Da
waren die tiefen Gassen wie große Grüfte. Da war unser Boot, das ohne
Segel mühsam vorwärts kam, wie ein schwerer Holzsarg. Und es fiel von
den Felswänden eine eisige Kälte über uns.
Der Schwede und ich ruderten und schaufelten, aber das Boot schien
nicht vorwärts zu rücken.
Kein Fisch war im Wasser zu sehen, und die Gassen schienen enger
geworden zu sein und schienen uns irre zu führen in ihrem Labyrinth,
denn die Stunden vergingen, und wir kamen nicht fort. Die Stunden
waren nicht mehr wie am Vormittag unergründliche vorüberkreiselnde
Jahrtausende. Es waren schwere unvergängliche Stunden geworden.
„Um diese Stunde mögen sie hier untergegangen sein,“ sagte der Schwede,
und er meinte die Söhne der Fischerfrau.
Da hörte ich die Mutter hinter mir im Boot sagen: „Ja.“ Aber ich sah
mich nicht um. Die Frau dachte wahrscheinlich daheim gar nicht daran,
uns in Gedanken zu folgen. Sie bereitete zu Hause jetzt wohl das
Abendbrot und melkte wieder die Ziege. Aber hier an der Stelle, wo
ihre Söhne sich am umgekippten Boot angeklammert hatten, hier war das
innerste weltferne Leben jener Mutter immer, und das war zu uns ins
Boot gekommen.
Und so konnte auch ihre Stimme in meinem Ohr „Ja“ sagen. Hier um diese
Stunde mußte die Mutter, so lange sie in ihrem Häuschen lebte, viele
Male des Tages unbewußt mit ihrem innersten Leben um die Wasserstelle
kreisen, und dann zog sie die Söhne beide mit Mutterkräften von dem
untergehenden Boot fort und schritt mit ihnen über das Wasser heim. Und
die Söhne folgten ihr in die Hütte, wo sie umhergingen und ihr Tagewerk
vor den Augen der Mutter lautlos vollbrachten. --
* * * * *
Dieses war das Erlebnis meines ersten Segeltages. Am zweiten Tag fuhren
wir nach einer großen Lotseninsel, von wo wir, nachdem wir im Hause des
Oberlotsen übernachtet hatten, am anderen Tag zur äußersten Insel im
Skagerak weitersegelten.
Diese letzte bewohnte Insel heißt Väderbod, das bedeutet Wetterschutz.
Ich war vorher nie auf einem so seltsamen Fleck Erde gewesen. Die Insel
hatte einen mächtigen Leuchtturm, und außer dem Leuchtturmwärter, der
ein alter abgedankter Kapitän war, befanden sich nur noch ein zweiter
Leuchtturmwächter und dessen Frau auf dieser kleinen Klippe. Diese
Leute hatten im Schutz einer Klippenwand, auf einer Klippenanhöhe, alle
drei ein kleines Holzhaus und daneben einen Stall für eine Kuh.
Die Insel stand ziemlich schroff wie ein Riesenwürfel aus dem Meer.
Nachdem wir das Boot an Steine angebunden, warf man uns Seile zu, denn
die drei Bewohner hatten unser Kommen längst bemerkt, und sie hißten
uns an Seilen zu sich hinauf auf die Felsenplatte.
Dort oben wurde es einem fast schwindlig, wenn man sich umsah. Man
hatte das Gefühl, als würde einen der Meerwind forttragen. Da oben war
kein Baum und kein Strauch und kein Halm und keine Blume und nicht das
kleinste Kräutlein, sondern nur eine Steinfläche und in ihr eingehauen
einige gähnende Felsenspalten und Risse, die da klafften.
Rundum kreiste das leere Meer. Die ferne Küste lag im Abend außer
Sehweite, und nur einige der letzten Inseln sah man wie winzige
graue Wölkchen ganz fern, in der Richtung gegen die Küste, auf dem
pechschwarzen Wasser liegen. Aber man konnte nicht unterscheiden, ob
diese grauen Flecken im Meer Erde oder Nebel waren.
Unendlich toste das Meer hier draußen. Ich fühlte mich anfangs betäubt
auf diesem zu furchtbarer Meereinsamkeit verdammten Stein. Es war mir,
als sprächen die Felsenplatten, über die ich trat, vor Sehnsucht zart
werdend, vor Sehnsucht nach der Küste, mit meinen Füßen, bei jedem
Schritt, den ich tat. Und die Felsenplatten wußten nicht, was sie tun
sollten, um ihre Freude zu zeigen, weil sie von Füßen berührt wurden,
die vom riesigen Mutterfestland kamen.
Es war etwas wie Ratlosigkeit über dem kahlen Inselstein, der nie
Fremde sah, vom Augenblick an, da der junge Schwede und ich erschienen.
Aber es war eine freundliche, aus Beglückung stammende Ratlosigkeit.
Ratlos war der kleine, alte, vertrocknete Kapitän, dessen Körperchen
flach und dürr war, von Sonne und Wind und Meersalz gebeizt und gedörrt
wie ein getrockneter Stockfisch. Und ratlos war die Magd, die Frau des
zweiten Wächters, und der Wächter selbst.
Als wir oben bei ihnen auf der Klippe standen, schüttelten sie uns
abwechselnd bald die linke, bald die rechte Hand mit ihren beiden
Händen. Sie streichelten den Kleiderstoff an unseren Schultern und
Armen, und sie lachten, und sie bückten sich, und sie schlugen die
Hände zusammen, und sie lachten wieder, und sie sprachen alle drei
zu gleicher Zeit, und sie lachten alle drei zu gleicher Zeit, und
sie schüttelten sich selber gegenseitig die Hände, denn es war ihnen
ganz wunderbar, daß sie zwei Lebende, wirkliche, lebende junge Männer
an den Seilen emporgezogen hatten, sie, die sonst während des ganzen
Jahres nur das traurige Geschäft zu verrichten hatten, Leichen von
Schiffbrüchigen, die vorüberschwammen, aufzufischen. Leichen waren ihre
Menschenbesuche. Andere Besucher kannten sie kaum. Andere als tote
Menschen fanden sich hier selten ein.
Im Frühjahr und im Herbst, nur zweimal im Jahre, kam der
Regierungsdampfer gefahren, der ihnen den Mundvorrat für das nächste
halbe Jahr in Kisten ausschiffte, und der alle Leuchttürme an der
Küste zu versorgen hatte. Aber dieser Dampfer legte nur ein paar
Stunden kurz an, und dann fuhr er weiter. Dann fischten die Einsamen
wieder Leichen, wenn im Herbst oder Frühjahr zu den Gezeiten ein
unglücklicher Schoner oder ein segelnder Dreimaster vom Orkan an die
Klippe geschleudert wurde. Sie hatten oft nur ein paar gellende Schreie
oder ein paar Zurufe in der Nacht gehört und sahen am nächsten Morgen
Tote schwimmen, Menschenleichen, und vielleicht nur noch ein paar
Schiffsbretter.
Diese Klippe war ein Unglücksblock, düster umstanden von
jahrhundertealten Schrecknissen. Und der Riesenblock erzitterte immer.
So ungeheuerlich war der Meeresdruck hier, daß der große Felsenwürfel
Tag und Nacht bebte.
Mir aber schien es, als hätten die Wellen den Felsen eben erst
hergetragen und als könnten sie ihn gleich wieder fortheben, denn ich
war auch eben erst hergetragen worden, und ich hatte meinen Standplatz
noch nicht begriffen. So neu und fremd war alles um mich, daß das Leben
mir hier wie ein Spuk vorkam, und hundert Verwandlungsmöglichkeiten
schienen mir möglich.
Ich selbst fühlte mich ratlos. Der weite Ausblick rundum war
schwindelerregend, denn wo ich hinschaute, war ein Abgrund.
Die Kuh im Stall brüllte unausgesetzt, seit wir gekommen waren. Und
aus einer Felsenspalte krähte der Haushahn unausgesetzt, der dort mit
seinen Hennen lebte. Die Tiere begrüßten uns wie die Menschen verwirrt
und aufgeregt.
Es waren da keine Bäume über unseren Köpfen, kein Grashalm am Wege.
Nichts Vermittelndes zwischen Himmel und Erde. Nur die glatte
geschliffene Felsenplatte zu Füßen und darüber unendliche Luft.
Die Felsenfläche war nicht größer als ein kleiner Dorfmarktplatz. Aber
die Häuser fehlten. Nur der Meereswind kam pfeilgerade über den Platz.
Kam und ging. Und draußen im Wasser stand hie und da eine Meereswelle
aufrecht und bäumte sich gegen eine andere Welle, und beide bildeten
zusammen einen weißen Palmbaum aus Schaum. Dort im Meer waren dann die
unterirdischen Klippen, an denen die Schiffe so leicht zerschellten.
Bei den Leuten hier auf der Klippe mußten wir übernachten. Es war gegen
sechs Uhr abends, als wir angekommen waren, und wir hätten nicht mehr
genug Segelwind gefunden, um die Küste zu erreichen. Auch wäre es zu
dunkel in den Inselgassen geworden, und wir hätten vielleicht nicht
zurückgefunden.
Wir gingen zum Haus hin, und ich hatte bei jedem Schritt das Gefühl,
als wenn wir ins Meer fallen könnten. Denn das Meer, das so riesenhaft
ringsum lag, übte eine mächtige Anziehung aus von allen Seiten. Am
liebsten hätte man sich flach auf die Steinfläche gelegt und mit dem
Gesicht in den Himmel gesehen, um von dem Schwindelgefühl frei zu
werden.
Wir hatten vorher im Boot das Rauschen des Meeres als einen wohltuenden
Rhythmus empfunden. Und erst als die Insel, auf der wir jetzt
waren, uns näher gekommen war, waren wir aufgestört worden durch den
betäubenden Lärm, durch den Gischt und die überstürzende Flut, durch
die waschenden Wellen und ihren donnernden Anprall und durch das
gurgelnde Getose der Brandung, das uns mit seinem ohrenbetäubenden Lärm
mehr und mehr umfing.
Vermittelst eines Sprachrohres hatten die Leute von der Klippe oben
zu uns ins Boot hinuntergeschrieen. Und auch jetzt, oben angekommen,
konnte man nicht reden, sondern man mußte schreien und lachen. Man
schrie und lachte mit dem Höllenlärm rundum. Erst als im Haus die Türen
geschlossen waren, wurde es möglich, die Menschenworte zu verstehen.
Der kleine lebhafte, ganz vertrocknete Kapitän plauderte mit uns
zärtlich und kindisch vergnügt, wie ein Knabe, dem man zwei junge
Katzen geschenkt hatte. Und er schob in seinem Zimmer viele Stühle an
den Tisch, so viele Stühle als er hatte, als wären nicht bloß zwei
Menschen, sondern wenigstens das halbe Fjellbacka zu ihm gekommen.
„Die Einsamkeit hat ihn etwas närrisch gemacht, den Alten,“ sagte
der junge Schwede zu mir, und er bot dem Kapitän von seinen Zigarren
an. Beim Rauch der Zigarre begann der Alte gleich von seinen Reisen
nach Westindien und von Havanna zu erzählen. Und er erzählte, er wäre
auch viele Male im „echten“ Indien gewesen, in Bombay, in Kalkutta
und Colombo. Und er war oft in China, in Java und Australien gewesen
und viele Male rund um Afrika und rund um Kap Horn in Südamerika,
war teils mit großen Segelbooten, teils mit Lastdampfern gefahren. Er
kannte alle Küsten der Erde.
Er war auf allen Weltmeeren mit Dutzenden von Schiffen herumgetanzt,
und er konnte jetzt noch nicht stillsitzen. Trotzdem er schon zehn
Jahre auf dieser Klippe lebte, um seine alten Tage nützlich zu
verwenden, hatte er doch nicht Ruhe lieben gelernt. Seine Zunge stand
so wenig still wie seine Beine, und nur seine Hände steckten nach alter
Seemannsgewohnheit in den Taschen.
Vierzehn Schiffbrüche hatte er mitgemacht. Vier eigene Schiffe hatte er
verloren, und jetzt war er arm wie der Meerwind. Er hatte auf Ansuchen
diese armselige Stellung von der Regierung bekommen und war jetzt
Feuerturmwächter hier draußen auf dem letzten bewohnten Klippenstein im
Skagerak. Und weil er die Unruhe liebte, liebte er auch den Meereslärm,
der hier rund um die Steine war, und er hörte den Lärm schon fast gar
nicht mehr.
Obwohl bei jedem Tür- und Fensteröffnen das Meeresgeschrei
hereinstürzte, als wenn draußen ein ewiger Mord und Totschlag wäre,
war es ihm doch in den Zimmern oft zu still, und er hatte sich deshalb
eine Unzahl von laut tickenden Uhren angeschafft. Er schien seinen
Jahresgehalt für den Einkauf neuer großer Standuhren auszugeben. Die
Wände waren voll von Standuhren, und diese tickten alle zu gleicher
Zeit, und ihr Räderwerk schnurrte durcheinander. Und der Kapitän hatte
seine Freude daran in seiner Einsamkeit, die Uhren schlagen zu lassen,
ihre Gewichte aufzuziehen und ihre Zeiten miteinander zu vergleichen.
Mir aber war vor den vielen lauten Uhren, als wenn da Katzen an den
Wänden säßen und schnurrten, und im dämmerigen Abend sahen auch alle
die vielen weißen Zifferblätter weißen dickbackigen Katzengesichtern
ähnlich.
Die Magd brachte zum Abend einen gekochten mächtigen Hummer und
geräucherte Fische, gesalzene Fische und gekochte Fische und eine
Schüssel voll mit dampfenden Kartoffeln. Aber in der vollständig
geruchlosen Luft hier draußen im Meere, wo kein Halm und kein Laub und
kein grünendes Maienholz duftete, und Häuser und Menschen vom Wind
stündlich ausgepeitscht wurden, so daß kein Geruch an den Kleidern und
den Wänden haften blieb, dufteten auch die Speisen nicht.
Es roch während der Mahlzeit nicht nach Fisch und roch nicht nach
Kartoffeln, und es roch auch nicht nach Zigarren, wenn man rauchte.
Und man hatte das Gefühl, als wären die angerichteten Speisen alle
nur Schaugerichte aus Pappendeckel, wie man solche auf der Bühne in
Theaterstücken verwendet. Man merkte nur auf der Zunge, ob man etwas
Warmes oder etwas Kaltes hinunterschluckte. Der Geschmack aber war
gleich null.
Der warme Kaffee schmeckte wie warmes Wasser, die kalte Milch wie
kaltes Wasser. Der Branntwein brannte und gesalzenes Fleisch und
Fisch unterschieden sich nur durch den stärkeren oder schwächeren
Salzgeschmack. Man aß und schmeckte nichts und war eigentlich um
einen Lebenssinn, den Geschmackssinn, betrogen. Man horchte und hörte
nur Lärm, immer wieder Lärm, nie einen gesteigerten und nie einen
verminderten Lärm. Man horchte auf den unendlich vielen Lärm und hörte
doch nichts und kam sich vor wie einer, der an beständigem Ohrensausen
leidet. So war man wieder um einen Sinn genarrt, um das Gehör.
Trat man an ein Fenster, da sah man draußen nichts als eine Linie
zwischen Wasser und Himmel. Und trat man an ein zweites Fenster und
sah nach einer anderen Himmelsrichtung, so sah man wieder nichts als
dieselbe Linie, und so war es bei jeder Himmelsrichtung. Man sah nichts
als eine Linie zwischen einer dunklen Leere und einer etwas helleren
Leere hingezogen. Und man wußte nicht, was man am Fenster mit den Augen
anfangen sollte, und warum die Fenster Scheiben hatten und hinaussahen.
Und man mußte einsehen, man war auch noch um den dritten Sinn hier
bestohlen, um das Gesicht. Denn, so weit man auch die Augen und die
Fenster aufriß, man sah nur immer wieder eine zweifache Leere und in
deren Mitte eine einzige dünne Linie.
Da auch die Steine vor der Türe keinen Duft hatten, so schienen hier
alle Sinne überflüssig zu sein. Man hätte ebenso gut als Leichnam hier
ankommen können. Man hätte nichts dabei verloren. Denn alle Sinne
gingen hier leer aus. Das Menschenleben ist hier draußen überflüssig!
Das schien der Höllenlärm rundum jedem Ankömmling zuzuschreien. Hier
wollen nur Wasser, Luft, Sonne und Stein zusammenkommen! So schrie es
aus dem Trubel und aus dem vielfachen Echo und Getöse der Brandung und
des Windes.
Und man wird verstehen, daß die Menschen hier alle etwas verrückt
wurden, wenn sie lange auf dem Inselstein blieben. Sie mußten deshalb
abgelöst werden. Sonst lösten sie sich eines Tages selbst ab und
stürzten sich im Irrsinn von der Klippe hinunter in das Meergeschrei,
um nur einmal zu versuchen, ob sie diesen Lärm nicht überschreien
könnten, auch wenn sie ihr Leben dabei einsetzten. Und siehe, der Lärm
hörte plötzlich dann in ihnen auf und wich einer lang ersehnten tiefen
Stille.
Aber bis die Menschen dazu kamen, sagten sie sich dort alle immer vor,
daß sie den Lärm nicht hörten. Aber das sagten sie nur, weil sie den
Lärm hören mußten und ihm nirgends ausweichen konnten. Der Meerlärm
war tags mit ihnen um ihre Arbeit und setzte sich mit ihnen zu Tisch
und legte sich mit ihnen zu Bett, und es gab für sie keine Nachtruhe.
Wenn die Leute hier schliefen, war der Lärm doch in ihren Ohren, und
die Ohren durften nie schlafen. Und der Lärm zerrüttete allmählich die
Gehirne, so wie die Brandung mit der Zeit Felsenblöcke absprengte.
Da in den Holzstuben des Hauses wenig Raum war, hatten dort keine
Betten Platz, wie in anderen Häusern, und man schlief in großen
Schubladen, die unter Schränken nachts herausgezogen wurden, und worin
nur die Hälfte des Körpers Ruhe hatte. Und es sah aus, als meinte man,
weil der Lärm den Geist nur zur Hälfte schlafen ließ, sollte auch der
Körper nur ein halbes Bett haben.
Ich konnte mich in jener Nacht mit meiner Lagerstelle nicht in Frieden
auseinandersetzen, und ich lag mit offenen Augen und horchte neben dem
Meeresgeräusch noch auf die vielen irrsinnig tickenden Uhren, die im
Zimmer und hinter den Wänden ihre Pendel rastlos arbeiten ließen. Als
müßten sie hier die Zeiten anfertigen, die über das Weltall verteilt
werden sollten, so arbeiteten alle Uhrenpendel hastig tickend darauf
los.
Die Frühlingsnächte waren bereits hell hier oben im Norden. Aber das
hatte ich an der Küste im Pfarrhause, wo der dunkle Granit den hellen
Nachthimmel nicht widerspiegelte, noch nicht auffallend bemerkt. Hier
draußen aber im Meer, wo Wasser und Himmel sich beleuchteten, blieb es
während der ganzen Nacht bereits so hell, daß man um Mitternacht am
Fenster hätte lesen können.
Da ich nicht schlafen konnte, stand ich aus meiner Schublade in jeder
Stunde ein paarmal auf und setzte mich an eines der Fenster. Der Himmel
war gelbgrünlich, so wie die Blätter der Pflanzen leuchten, die in
Kellern gewachsen sind. Die Sonne war im Norden um zwölf Uhr nachts
im Meeresrand ein wenig untergetaucht. Aber es blieb so hell dort,
als sähe man die Sonne blaß unterm Wasser liegen. Und um halb ein Uhr
kam die Sonne schon wieder wie eine große Elfenbeinkugel aus dem Meer
empor. Übernächtig und leblos sah sie aus und glich mehr einem Klumpen
Teig, einem großen Mondleib, und zeigte nichts von ihrer sonstigen
Herrlichkeit. Sie schien von allem Licht entkleidet zu sein und lag
kahl und verlassen da draußen, als bettelte sie selbst um Licht.
Eine Stunde später entzündete sie sich ganz allmählich. Aber der Himmel
blieb noch lange hellgrün, als müßte er den Klippensteinen nachts hier
draußen im Meer den grünen Schein der Küstenwälder ersetzen, das Grün
jener Wälder und Bäume, nach denen die Steine im Frühling zu hungern
schienen, das Grün, das ihnen die Sonne nicht geben konnte.
Wohl sind die Nächte hell im Norden, und man spricht viel von ihrer
Schönheit, aber mir schienen sie immer krankhaft, jene hellen Nächte,
nicht wie eine Verschönerung, sondern wie eine Entstellung der Natur.
Sie waren wie Einäugige traurig anzusehen. Man bekam nicht den vollen
Blick, sondern nur einen halb lebenden, halb getöteten Blick vom Licht
dieser hellen Nächte. Man erlebte sich selbst in dieser halben Helle
als ein Zwischending von Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Man saß nicht
ruhig in seinem Körper. Man konnte sich aber auch nicht stark im Geist
erheben, da man von dem hinschmachtenden Licht in seinen innersten
Kräften unsicher gemacht wurde.
Ich wünschte oft die Dunkelheit herbei. Ich kann mir gut vorstellen,
daß die Berserkerwut, die früher unversehens bei den nordischen Völkern
einzeln und in Massen ausbrach, und daß auch der große Wanderzug, der
die Normannen bis zum Mittelmeer nach Sizilien und nach Island und nach
Nordamerika getrieben hat, von den hellen Nächten angeregt wurde, die
keine Ruhe geben, und die nach den langen Winternächten mit übermäßigem
Lichtbesitz auch übermäßigen Machtbesitz vorspiegelten und die Männer
in die Meerräume hinauslockten, wo das Gold der Welt und nicht die
Sonne jene Nächte aufzuhellen schien.
* * * * *
Am nächsten Morgen rückte der kleine vertrocknete Kapitän, während er
alle seine Uhren aufzog, mit dem Wunsch heraus, einmal wieder eine
Kirche besuchen zu dürfen. Es war Sonnabend, und wir verstanden, daß er
gerne mit uns hinüber zur Küste segeln wollte.
Wir dachten nicht weiter darüber nach, ob ihn auch noch etwas anderes
zur Fahrt nach der Küste locken könnte, und der junge Schwede sagte zu
mir:
„Wenn der Kapitän mitfahren will, dann ist es nicht nötig, daß wir
gleich in den Vormittagsstunden zurückkehren. Dann können wir auch
erst nachmittags fahren. Und sollte der Wind abflauen, dann wird der
Kapitän, der ein ausgezeichneter Ruderer ist, uns beim Rudern helfen,
und wir brauchen nicht zu befürchten, von der Nacht überrascht zu
werden.
Den Vormittag können wir dann damit ausfüllen, daß wir erst noch hinaus
nach den letzten Inselsteinen eine kleine Segelfahrt wagen. Es sind da
Steine draußen im Skagerak, wo keine Menschen wohnen, aber wo Tausende
von Möwen jetzt nisten.“
Wir segelten dann in den Morgenstunden über das blauschwarze
Morgenmeer, das uns mit weißköpfigen kleinen Wellen
entgegengeschwommen kam. Es war, als zeigte jede Welle ein blankes
Gebiß.
Das Boot glitt spielend in die Wassertäler und wurde auf halber
Talfahrt schon wieder von einem Wasserberg, der unter ihm anwuchs,
in die Luft gehoben, und das Aufsteigen und Versinken des Wassers
wurde immer mächtiger, je weiter wir hinauskamen in den offenen
Skagerak. Das Meer überspritzte uns, und wir kamen in die Nähe von
hohen aufsprudelnden Wellenspringbrunnen, die sich über unterirdischen
Klippen wie Geisire weißschäumend aufbäumten.
Aber es war seltsam: je mehr Gefahren da ringsum wurden, und je weiter
wir vom letzten bewohnten Klippenstein fortkamen, desto ruhiger
und gefahrloser, einfacher und natürlicher fühlte sich mein Herz
werden. Die Allmacht des Meerelementes schien eins geworden mit der
Unergründlichkeit meines eigenen Wesens. Und der Weg des Bootes schien
mir ebener, weil mir der Weg des Meeres ebener, unverfälschter und
unverdorbener vorkam, je weiter ich mich von den Irrsinnigkeiten des
verfälschten Menschenlebens entfernte.
Die Magd hatte uns ein paar hartgesottene Eier, Salz und Zwieback
mitgegeben. Das Frühstück wollten wir, wenn wir auf einer der Inseln
gelandet waren, verzehren. Aber wir wußten nicht, wohin wir uns wenden
sollten. Die Inseln, die da aus dem Meere sahen, waren keine Anhöhen,
keine Klippen, sondern lagen wie flache große Steinlinsen, jede in
einem weißen Brandungskranz.
Der Schwede kannte den Weg nicht und hatte noch nicht hier draußen
gesegelt. So kreuzten wir ziellos, und das Meer erschien mir, je höher
die Sonne stieg, die es blauer färbte, wie ein stahlblauer Garten,
in welchem die Brandungen wie rauschende weiße Blütenbäume standen.
Weißen Palmen ähnlich, schäumten die verschiedenen Meerspringbrunnen
über den unterirdischen Klippen, und um die Inseln ereiferten sich die
Schaumwellen und waren ähnlich wirren weißblühenden Hecken.
Immer vertraulicher wurde mir des Meeres Anblick. Der weite Morgenäther
war mir wie ein altbekanntes Hausinnere, und das heilige Meer war wie
ein altbekannter jauchzender unendlicher Garten. Das Boot wiegte uns
zwischen der Lust der Gefahr und der Lust des unendlichen Friedens.
Es war eine Fahrt durch unwirkliches Leben, denn die Größen der
Gefahren verflüchtigten das wirkliche Dasein derart, daß man sich über
Tod und Leben gleichmäßig erhaben fühlen mußte.
Von der Küste sahen wir kaum einen Nebelrand, und die Klippe, auf der
wir übernachtet hatten, war nur als ein weißes Schaumpünktchen fern
im schwarzblauen Meer zu sehen. Wäre unser Boot in einen Meerstrudel
gekommen, deren es viele rundum gab, so wären wir im Kreis getrieben,
mit dem Boot eingesogen worden und verschwunden wie ein Bissen in der
Gurgel eines Tieres. Nirgends hätte man es bemerkt, und niemand hätte
Rettung bringen können.
Aber darüber dachten wir kaum sekundenweise nach. Das Meer hatte uns
eingeladen, und wir fühlten uns als sein Gast, und wir genossen
das Bewußtsein der Gefahr und waren ganz Aug’ und Ohr für die
Meerfestlichkeit ringsum.