Die dänischen Kornfelder, über denen die Windmühlen einförmig sich

auf- und niederdrehten, kamen mir einfältig, nützlich und langweilig

vor nach der prächtigen Granitdüsterkeit der nordischen Steinprovinz,

in der die Hügel wie versteinerte Walroßherden gelagert waren, wie

versteinerte Mammutleiber. Vorsintflutlich und ungeheuer abenteuerlich

war vor den Fenstern des Bohuslänschen Pfarrhauses die Umgebung

gewesen. Aber dort in Dänemark, wo die Sommerausflügler und die

wandernden Kinderschulen und die herumliegenden Zeitungspapiere

einen fortwährend an enges Menschenleben erinnerten, an sinnlose

Bildungssucht, wie sie über allen Völkern Europas jetzt liegt, da wurde

ich keinen Tag froh. Der Unterschied war so groß, als wäre ich wirklich

wieder vom Mond auf die Erde zurückgekehrt.

Und noch viel schlimmer erging es mir, als ich Landleben mit Stadtleben

zu vertauschen suchte. Selbst das liebenswürdige und ungemein trauliche

Kopenhagen, eine der feinfühlendsten Städte unter den Städten und

die Stadt meines Lieblingsdichters J. P. Jacobsen, konnte mich nach

der erquickenden Zeit in Bohuslän nicht zum Bleiben verlocken. Wohl

wanderte ich in der dänischen Hauptstadt gern in Jacobsens Fußstapfen

und war gern bei Andersens alter tröstlicher Märchenwelt, die jeder

Kopenhagener Pflasterstein einem deutlich wiedererzählt. „Die Galoschen

des Glückes,“ „die kleine Seejungfrau,“ „die Schneekönigin“ begleiteten

mich bei jedem Schritt und ließen mich der Vergangenheit nachhängen.

Aber starkes Gegenwartsleben, neue vertiefte Wirklichkeitseindrücke,

wie ich sie in Bohuslän stündlich erlebt hatte, erhielt ich hier nicht.

Wäre ich älter gewesen, würde mir das trauliche Kopenhagen sehr behagt

haben. Man muß aber zuerst das Ziel möglichst erreicht haben, das man

sich setzte, und muß selbst schon zur Vergangenheit hinneigen, um

wunschlos in der Wirklichkeit ohne starkes Gegenwartsleben auskommen zu

können.

Oder man muß, altgeworden, mit einem Chaos von mächtigen Erlebnissen

angefüllt sein, dann sucht man gern stille träumerische Landschaft oder

idyllische Orte auf, um dort die Flut der Eindrücke wie eine Sammlung

zu sichten und zu ordnen.

Auch als ich zu Weihnachten zu einem Besuch in mein Vaterhaus nach

Würzburg kam, schien mir die Rückkehr dorthin verfrüht. Zwar genoß ich

den erfrischenden Geist meines Vaters und liebte den Kulturreichtum

meiner altfränkischen Heimatstadt, aber doch schien mir beides

im Wege zu sein für meine weitere Entwicklung. Denn die Zeit zur

Selbstbetrachtung und die Zeit, mich in den Heimatboden einzuwurzeln,

war noch nicht gekommen.

_Ende des ersten Bandes_

Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche typografische Fehler sowie Zeichensetzungsfehler wurden

korrigiert.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band · 第 21 / 21 段