winziges Steininselchen, das sich nur mehrere Fuß hoch über den
Wasserspiegel hebt. Diese Insel, auf der kein Baum und kein Strauch
steht, sondern wo nur ein paar Holzgerüste zum Trocknen von Fischen
errichtet sind, dieser kleine hellgraue Steinbuckel befand sich noch im
letzten Jahrhundert unter dem Meeresspiegel, und an jener Klippe ist
damals bei einem Sturm ein Bischof in seinem Boot mit seinen Leuten
aufgerannt und untergegangen.
Dieses erzählte mir der Schwede, während wir jetzt im schönsten
Morgensonnenwetter an dem Inselstein vorüberkreuzten. Und es war mir
wunderbar, auszudenken, daß Steine aus dem Meere wachsen und daß neue
Welten sich bilden, und daß das hundertjährige kleine Inselchen noch
wie ein Kind im Verhältnis zu den großen Inseln draußen war und doch
schon hundert Menschenjahre zählte.
Und auszudenken, daß da einmal, wo wir jetzt über Abgründen, mit
Meersalz bespritzt, in der Morgensonne hinfuhren, das Wasser
verschwunden sein würde und überall Land auferstehen würde!
Daß dann da Menschen gehen und Häuser bauen würden, wo jetzt Wasser
war! So wie das Pfarrhaus drinnen im Land auf Meeresgrund stand, so
würden Menschen hier walten, und niemand würde sich dann der Menschen
von heute mehr erinnern nach den Tausenden von Jahren; niemand würde
an uns beide denken können, niemand an diesen Tag, an dem wir hier
Wirklichkeit waren.
Und wir hatten doch wirkliche Herzen und Hände, die jetzt eben
in jedem Augenblick auf unser Leben bedacht sein wollten, die
die sonnendurchleuchtete Segelleinwand sorgsam an den Tauen der
Windrichtung anpassen mußten und vorsichtig gegen den Wind kreuzen
mußten, um unsere Leben über die Abgründe zu bringen, die unter uns
lagen.
Und auszudenken, daß unsere Schatten und der Schatten des Schiffes,
die als schwarze gezeichnete Flecken über die grüne Wasserfläche
mitfolgten, nicht körperloser waren als die Körpermasse des Bootes und
unserer beiden Menschengestalten! Und ich verstand, daß das Holz des
Bootes und sein Leben und das Leben der Segelleinwand und unsere Körper
aus Fleisch und Blut, die so verschieden aussahen, im Grunde sich in
nichts voneinander unterschieden. Sie würden, wenn hier das Wasser
verschwunden und dieser Meeresplatz ein Tal mit Menschenhäusern darin
geworden war, alle in der Spurlosigkeit eins geworden sein. Dieses Meer
von heute, dieses Boot von heute und wir zwei Menschen im Boot waren im
Grunde körperlose Schatten.
Und diese Betrachtung, die sicher täglich an verschiedenen Orten der
Erde und rund um die Erde Tausende von Menschen anstellen, diese
Betrachtung, die angestellt worden ist, so lange Menschen auf der Erde
leben, endete bisher immer bei allen Sterblichen mit einem Seufzer des
Sichhineinfindenmüssen in die lästige Vergänglichkeit.
Die Menschen aller Zeiten sahen das Vergehen ihrer Gestalt fast als
eine persönliche Beleidigung an, als eine Beleidigung, die ihnen
jemand antat, jemand, von dem sie behaupteten, daß er stärker wäre als
sie.
Und das Menschenleben konnte nie recht aufatmen, wenn es an die
Vergänglichkeit erinnert wurde. Denn nur wenige haben den Gedanken in
all den Zeiten zu Ende gedacht, der mit etwas Lebenslust so leicht zu
Ende zu denken ist.
Es wird uns nichts angetan, auch, wenn wir am Ende unseres
Menschenlebens den Tod zur Menschengestalt kommen lassen. Denn wir sind
aus der Vergänglichkeit hergekommen, aus der Unergründlichkeit, und
gehen in die Unergründlichkeit. Wir gehören also dem Unergründlichen
immer an, auch in jeder Sekunde des Lebens, weil wir von dort herkamen.
_Aber wir gehören ebensogut immer der Wirklichkeit an, weil wir zur
Wirklichkeit kommen konnten_.
Da einmal für uns die Möglichkeit vorhanden war, ins Wirklichkeitsleben
zu kommen, so können wir ruhig annehmen, daß diese Möglichkeit schon
tausende Male und immer in uns vorhanden war und ist. Wir müssen
verstehen lernen, daß wir bereits tausende Male zur Wirklichkeit
gekommen sind, und daß wir viele tausende Male immer wieder dieselbe
Möglichkeit finden werden. Die Unergründlichkeit, der Tod, hält uns
nicht für ewig fest, so wie die Wirklichkeit, das Leben, uns nicht ewig
festhält.
So denken logisch die meisten Asiaten heute schon, und so haben die
alten Ägypter gedacht, und so sollten wir wieder denken, nur mit dem
neuen Zusatz unserer in tausend Jahren weiter fortgeschrittenen
Erkenntnis, daß jeder Mensch, der da stirbt, die Kraft des
ganzen Weltalls so gut in sich trägt, in seiner ihm angeborenen
Unergründlichkeit, wie er auch die Schwächen seiner kleinen
Wirklichkeitsfigur zugleich mit sich trägt.
Und es ist kein Seufzen, mit dem ihr diese Betrachtung schließen müßt.
Ihr müßt lernen, mit weisem Lächeln eurem Verschwinden nachzusehen.
Ihr müßt es feiern lernen, daß eure kleine Wirklichkeit vergeht und
immer wieder vergehen muß, und müßt wissen, _daß ihr immer besteht
als unvergänglich_, so oft ihr auch das Wirklichkeitsspiel scheinbar
verlaßt; das Festspiel des wirklichen Lebens behält euch immer.
Und wenn euch dann der Gedanke kommt: dieses Boot, in dem ich segle,
dieses Meerwasser, auf dem ich fahre, diese Menschengestalt, in der
ich heute die Segelfahrt genieße, sie werden in abertausend Jahren
verschollen sein, dann werdet ihr lächelnd sagen:
Aber die Fahrt war deswegen doch festlich und genußreich, und es gibt
noch Tausende von Sternen und Tausende von Lebensarten, auf denen und
in denen wir wieder aufleben werden.
Ein schöner Tag, eine schöne Morgenfahrt wie heute, ist deswegen
nicht weniger schön, weil sie vergänglich ist. Denn jedes
Menschen Unergründlichkeit steht hinter seiner Gegenwart, seine
Unergründlichkeit, die viel tiefer ist als diese Meerestiefe unter dem
Boot, und die viel tiefer ist als alle Höhe über dem Boot.
Sie, unsere Ewigkeit, unser festlicher Besitz und der festliche Besitz
aller, weilt bei mir im Boot, in mir, in meiner Gestalt. Sie schaut
aus dem Wasser neben mir herauf, sie dröhnt aus dem Holz des Bootes,
sie leuchtet aus der Leinwand des Segels, sie blickt mich aus dem Auge
meines Kameraden im Boote ebenso an, wie sie aus meinem Auge ihn und
alle Dinge rundum unergründlich ansieht.
_Wie wenig ist dagegen die endliche Wirklichkeit, die ihr beweisen
möchtet, der ihr nachseufzen möchtet, da doch die herrliche erhabene
Unergründlichkeit -- die ihr besitzt, und die euch besitzt -- weitaus
großartiger als die Wirklichkeit jede eurer kleinsten Handlungen
beleuchtet_!
_Darum seufzt nicht über die unwirkliche Vergänglichkeit. Nichts stört
euer großes Fest, ihr seid von Ewigkeit zu Ewigkeit mitten in diesem
Fest, immer und ewig_. --
* * * * *
An diesem Tage, bei dieser Segelfahrt, sah ich auch die Inselgassen
wieder, in die wir nach der Durchkreuzung des Meeresplatzes eintraten.
Die vielen Möwenvölker, die im Winter dagewesen, waren jetzt
fortgeflogen. Sie sind im Sommer draußen, sagte mir der Schwede, auf
den äußersten Inseln im offenen Skagerakmeer, wo sie brüten. Nur hie
und da glitt ein einzelner Strandvogel durch die stille Luft der
geheimnisvollen Gassen.
Ich mußte an Venedig denken, als wir zwischen den hohen Felsenwänden in
den Wasserläufen im Boote hinglitten. An ein versteinertes farbiges
Venedig! Während wir zwischen dunkelblauen und grauen Klippenwänden
fuhren, leuchteten hohe goldgelbe Steinwände auf und purpurbraune
getürmte Riesenblöcke, und im Wasser zuckten die Widerscheine auf vom
feuerblauen Frühlingshimmel, der wie ein blaues Glasdach die dämmerigen
Inselgassen hell überdeckte. Im Wasser kreiselten langgezogene, farbige
Spiralen, rote, gelbe und blaue, auf grünem Schattengrund, als wäre das
Meerwasser hier mit beweglichen schwimmenden Blumenmassen angefüllt.
Ernst sah uns jeder vorweltliche Steinkoloß an, der die Menschenstimme
zurückgab und doch regungslos blieb. Hie und da wehte aus einer
Felsenspalte ein verlassenes Birkengebüsch im Morgenwinde.
Tiefe Versunkenheiten waren um uns, die fernen, dem Menschen
unbekannten Leben: die Gedanken und Gefühle der Fische, die Gedanken
des Tangs und die Gedanken der versunkenen Steine und Muscheln, die
Gedanken und Gefühle vorüberstreichender lautloser Vogelpaare, die
Gedanken des Morgenlichtes und des Morgenwindes. Alle begleiteten
uns, vereinigten ihr tiefstes Leben mit unserem tiefsten Leben und
verstanden sich hier untereinander in den lautlosen Gassen, wo nur der
Kiel des Bootes im Wasser knisterte und der Meerschaum an der Bootswand
zischte. Meersalz, das eben noch im Wasserabgrund gelebt, klebte,
angespritzt, an unseren Segeljacken, bildete dort Kristalle und blitzte
uns an, aufgestanden vom Wasserleben zum Sonnenleben.
Solchen innersten Zusammenkünften der Gedanken- und Gefühlswelt, die
der Wald oder der Fluß, das Meer oder nur ein Feldweg in Stille und
Einsamkeit dem Menschen anbieten, diesen schweigenden unergründlichen
Unterredungen zwischen Menschengedanken und Naturgedanken gaben die
Menschen sich seit Jahrtausenden immer gerne willig hin. Ich meine die
natürlichen, gesunden, einfachen und starken Menschen, jene klugen
Menschen, die fühlen und wissen, daß nicht der Mensch allein dem
Menschen Lebensklugheit gibt und Lebensreichtum.
Keine bewußten Gedanken machen einem vor der Natur jene Bereicherung
und jenes Klügerwerden klar. Aber der ganze Mensch fühlt sich, wenn
er wieder aus Natureinsamkeit, von jener schweigenden Unterhaltung,
die er mit den Naturleben pflog, zu den Menschen zurückgekehrt,
lebensbestärkter und lebenssicherer und benimmt sich dann also auch
lebensklüger und lebensreicher zu den Mitmenschen.
Es ist nicht der Sauerstoff der Luft allein, nicht allein das
wärmende Sonnenlicht, nicht die Stille allein, die den Menschen also
in der Natur stärken. Es sind die unbewußten Unterhaltungen und
Festlichkeiten, die entstehen, wenn sich die Unergründlichkeit des
Menschen mit der Unergründlichkeit der anderen Lebewesen zu einem
großen Schöpfergefühl vereinigt. Wobei das Geschöpf Mensch, ohne daß
es sterben muß, totenstill und wunschlos wird und in Fühlung tritt mit
seiner Unermeßlichkeit, mit seiner unsterblichen Urkraft.
Nicht bloß dem höher gebildeten Menschen, auch dem geistig
tiefstehenden, ist es unbewußt innigstes Bedürfnis, von Zeit zu
Zeit mit offenen Augen und offenen Ohren mitten im Naturleben, im
Wald, Feld, auf einem Berg oder auf dem Meer sein Urweltgefühl dem
Urweltgefühl der Naturleben bewußt oder unbewußt hinzuhalten und so für
Augenblicke die Menschengestalt zu vergessen. -- Der Dichter aber, der
aus der Stadt fort von den Menschen wandert und seine Unergründlichkeit
mit der Unergründlichkeit des Naturlebens zusammenlegt und sein
tiefstes Menschengefühl, sein Liebesgefühl zu einem Menschen, in die
Natur hinausträgt, ihm wird diese Vereinigung den Rhythmus eines
unermeßlichen Liebesliedes geben. Und der Wald oder das Meer, der
Berg oder der Garten, zu dem der Dichter sein Liebesgefühl hintrug,
die Wiese und der Wind, der Vogel und der Baum, die fernsten Sterne
und der nahe Mond, sie werden alle mit ihm zusammen Liebeslieder
erfinden, wenn er seine Menschengestalt bei ihnen weilen läßt und seine
Unergründlichkeit mit ihrer Unergründlichkeit umgibt.
Die Naturleben verwandeln sich, so wie das Wetter, zu jeder
Tagesstunde, und so wie die Beleuchtung und die Jahreszeiten täglich
wechselnd vorüberschreiten, so werden sie -- wenn ein Dichter immer mit
dem gleichen warmen Liebesgefühl von seiner Geliebten kommt, oder wenn
er in Zweifel von ihr kommt, oder wenn er getrennt von ihr in Sehnsucht
kommt, oder wenn er beglückt von ihr in Freude kommt -- so werden sie
immer wieder, wenn er mit seinem unergründlichen Liebesgefühl die
anderen unergründlichen Leben betrachtet, für jede seiner Stunden, die
er in ihnen untertaucht, ihm eine andere Melodie gleich einer neuen
Perle schenken.
Und jedes so entstandene Gedicht wird anders singen, und es ist da
kein bestimmtes Versmaß, das dem Dichter vorgeschrieben ist, als das
Versmaß seines Herzens und seiner Umwelt. Denn das Weltall kann dem
Dichter das Liebesgefühl täglich in neuen Versmaßen zusingen, so daß
er eine tausendtönige Stimme erhält, und jeden Tag eine neue Melodie.
Und später sieht der Dichter auf einen unermeßlichen Melodienreichtum
zurück. --
In der geheimnisvollen Inselstadt, deren Häuser mammutartige
Klippenblöcke waren und Klippenberge, dort war, ganz verloren und
vereinzelt, manchmal eine Menschenhütte hingestellt, ein gelbes oder
rotes Holzhaus eines Fischers, mit weißen Tür- und Fensterleisten,
schmuck und freundlich. Ein solch einsames Häuschen wirkte aber wie
verhext, wenn es hinter einer Klippenkante auftauchte und in den
glasgegossenen Meergassen scheinbar dem Boot entgegenschwamm.
Wir stiegen bei einem solchen Haus aus, der Schwede und ich. Das
Holzgebäude stand etwas vom Wasserspiegel abgerückt, ein paar Schritte
fort auf Steingeröll, aber es hatte eine bretterne Landungsrampe auf
Pfählen vor sich. Sonst wäre es unmöglich gewesen, an den steil ins
Wasser abfallenden Felsenwänden zu landen.
Grabesstille war auf dem kleinen Geröllplatz. Das gelbe Häuschen und
ein paar rotbemalte Holzschuppen daneben leuchteten uns an, als wären
sie von einem gelb und roten Feuer beschienen. Erstaunlich farbig
standen die Gebäude hier bei den grauen Gesteinmassen. Und nichts
rührte sich rund um die Hauswände.
Nur ein paar Geröllsteine klapperten unter unseren Füßen und waren wie
Wächter, die ein Signal geben. Dann schob sich eine Frauengestalt aus
der Haustüre und kam uns in der Morgensonne einige Schritte entgegen.
Als der Schwede seinen Namen nannte, verstand die Frau, daß er des
Pfarrers Sohn war, und ihr erstauntes Gesicht wurde freundlich.
Sie hatte ein einfaches dunkles Kleid an, und in der Stube, in die sie
uns hineinführte, waren mir Tisch und Stühle, Schrank, Spiegel und Sofa
und die Bilder der Königsfamilie so erstaunlich wie das Kleid jener
Frau, denn alle diese Dinge waren aus derselben Zeit wie wir.
Ich würde aber eher erwartet haben, daß eine Wikingfrau im
selbstgewebten Mantel uns in ein leeres Wohngewölbe geführt hätte, wo
nur ein Herd und Felle an der Erde den Gast empfangen hätten.
Denn ich war durch Jahrtausende gefahren in diesen Morgenstunden in den
Inselgassen und mußte mich erst wieder damit zurechtfinden, daß ich in
meiner Zeit geblieben war. So ungeheuerlich war die Einsamkeit zwischen
den Klippen hier gewesen, daß, als wir das Boot angelegt hatten, es mir
schien, als hätte ich seit Menschenalter kein Land mehr betreten, und
als hätte ich viele Leben gelebt.
Ich war auf der Herfahrt, über den Bootsrand schauend, in der
Wassertiefe oft einer der Dorsche da unten gewesen. Ich hatte auch als
ein Muscheltier in vielen Muscheln gelebt. Ich war auch als Qualle
neben dem Boot hergekreiselt. Ich war auch als einzelne Möwe den Möwen
nachgeflogen hinaus zu den Brutstätten. Ich war ein Birkenstrauch
gewesen, eingeklemmt in eine Klippenspalte, und hatte die Morgensonne
auf meinen Blättern spielen lassen.
Und ich war unzählige Male ein roter Stein und ein gelber Stein und ein
brauner Stein und ein grauer Stein gewesen und hatte angeschwemmten
Tang jahrelang an mich anwachsen lassen und kleine Schnecken. Und ich
bin in der Ebbezeit ein wenig aus dem Wasser gestiegen und bin in der
Flutzeit mit meinem Tang und meinen Schnecken, vom Wasser überspült,
unsichtbar geworden für die Oberwelt.
Ich bin in so vielen Leben gewesen, die ich vorher nicht gekannt
hatte, so daß es mich sehr erstaunte, als die Frau in dem Haus an der
Klippengasse in denselben Kleidern zu mir trat und in dieselben Möbel
mich niedersetzen hieß, die ich in Fjellbacka, wie mir schien, vor
Tausenden von Jahren verlassen hatte.
Denn wenn ich im Boot an Menschen dachte, so hatte ich vergangener
Menschen Leben in den Meergassen nachgelebt. Unser Segelboot hatte
sich unzählige Male in das Drachenschiff eines Wikinghäuptlings
verwandelt. Denn diese Wasserläufe, durch die wir kreuzten, hatten
früher die Spiegelbilder der Boote der Wikinger vor Tausenden von
Jahren verschluckt und widergespiegelt. Und die Felsen hatten damals
die Stimmen der erzenen Wikingschilde und die Zurufe der Männer in sich
verschluckt und konnten sie zurückrufen, wenn wir an sie dachten in der
Totenstille.
Dieses gewesene Leben früherer Menschen, das ich auch gewesen bin und
wir alle gewesen sind, tönte mit seiner Unergründlichkeit von fern in
meinem Bewußtsein an, so daß ich die Gegenwart nur noch verschollen
fühlte, und alle Vergangenheit war Macht und Wirklichkeit in mir
geworden.
Und so werden auch wir Heutigen einmal über die Zukunftswelt Macht
haben, wenn wir Großes getan, Starkes, das sich den Zeiten einprägt
wie der Name des Wikingervolkes. So werden Menschen in fernen Zeiten
für Augenblicke uns wieder zur Wirklichkeit rufen können, indem wir
Besitz von ihren Sinnen, ihrem Geist und ihrem Herzen ergreifen
dürfen, und unsere Menschengestalt wird auch für Augenblicke durch
zukünftige Menschen wieder zur Wirklichkeit hintreten können. Denn
die Menschengestalt, die wir im Tode ablegten, auch sie kennt keinen
Tod. Auch ihr Zerfall wird wirklich und unwirklich sein, wie alles
Weltalleben. --
Die Fischerfrau, die uns empfangen hatte, erzählte uns, daß ihr Mann
nach Fjellbacka gefahren sei; aber wir waren ihm in dem Labyrinth der
Inselgassen, da wir auf Umwegen kamen, nicht begegnet. Sie kochte dann
für uns Kaffee. Jede einzelne alltäglichste Handlung in diesem einsamen
Hause, das umgeben vom breiten Rahmen einer unergründlichen Stille
dalag, war hier in dieser Weltferne wertvoll und wichtig, jede Handlung
wurde bedeutungsvoll wie ein Kunstwerk im Rahmen künstlerischer Ruhe.
Ein wenig Reisigfeuer prasselte in der Küche auf dem ganz neuzeitlichen
eisernen Kochherd, der wahrscheinlich von Gothenburg nach Fjellbacka
gebracht worden war. Aber selbst dieser geschmacklose und sonst
unschöne Gußeisenherd konnte in dieser Einsamkeit nicht einmal unschön
wirken. Er sprach von Treuherzigkeit und Einfalt, ließ die Funken
knistern und krachen und zeigte Hilfsbereitschaft wie die Hände der
Frau.
Der arbeitende Eisenherd war in der Weltferne hier ein lebendes
Wesen geworden, hatte Lebensberechtigung und Lebensbedeutung und
war beteiligt am Wohl des Häuschens und verschwand nicht hinter
dem tausendfachen leeren Lärmen des Tages, wie die Dinge in den
menschenreichen Städten heutzutage hinter dem lärmenden Menschenleben,
dem überanspruchsvollen, verschwinden müssen und nur stumme Sklaven
sein dürfen, statt mitlebende Freunde und Berater.
Daß wenig Gerät im Hause war, das war es vor allem, was allen Dingen
Bedeutung und ein Sichtbarwerden ihres Lebens zukommen ließ. Die Stühle
und das Sofa kannten die Frau so gut, wie die Finger an ihren Händen
sie kannten.
Da waren im Häuschen auch keine großen hallenden, toten Räume, die
totgeborenen Geschöpfen gleichen, wie sie der Mensch in den Städten nur
seiner Eitelkeit, seinem leersten Gefühl zuliebe erstehen läßt.
Solche Eitelkeit ist nicht einmal ein Gefühl, so wenig wie der
Sonnenreflex Sonne ist. Eitelkeit ist nur zurückgespiegeltes Gefühl.
Eitelkeit ist hinter allen Gefühlen immer nur eine Gefühlsleiche, und
ihr Anblick erkältet und läßt kein warmes Leben aufkommen. --
Dieses Häuschen war für seine Bewohner nicht mehr als eine Nußschale
um einen Nußkern. Und mehr Schale, als der Kern braucht, mehr sollte
der Mensch an Geräten und Haus nicht um sich sammeln. Sonst wird die
Schale zum Ballast, und der Kern erstickt dumpf und wird schimmelig und
verwest im ungesunden Druck der Eitelkeitslasten.
Die Fischerfrau brachte dann ihre guten Tassen, und aus ihrer silbernen
Kaffeekanne -- die das ständige Hochzeitsgeschenk dort im Lande ist --
goß sie uns den Kaffee in die uns anlächelnden ehrwürdigen Tassen. Und
ebenfalls in einer silbernen Schale auf hohem Silberfuß stellte sie den
Zucker zum Kaffee in die Mitte des Tisches und reichte uns auf einem
Glasteller von ihrem Zwiebackvorrat, der zu jedem Fischerhause hier
gehört wie das Salz.
Ehe die Frau aber das alles brachte, hörten wir zuerst eine Ziege
im Holzschuppen neben dem Häuschen meckern, und der Schwede sagte
lächelnd: „Jetzt ist sie zu ihrer Ziege gegangen, um Milch für den
Kaffee zu melken.“
Wie wunderbar gewichtig wurde dieser einfache Imbiß, dieser Kaffee
vormittags um elf Uhr, der im ganzen Lande Elfuhrkaffee genannt wird
und eine Landesgewohnheit ist, da die Leute arm sind und nicht mit
Wein oder Bier aufwarten können, wie in den südlichen Ländern.
Während wir dann den Kaffee tranken, setzte sich die Frau höflich ans
Fenster, ein wenig abseits, um ihre Gäste nicht durch aufdringliches
Zuschauen zu stören. An der Wand unter einem Glaskästchen sah ich die
in Holz geschnitzte Abbildung eines Bootes, wie man sie fast bei allen
Fischersleuten findet. Gewöhnlich haben einige männliche Angehörige
solcher Fischerfamilien die Welt als Matrosen oder Steuermänner auf
Frachtschiffen bereist und schnitzen, heimgekommen, zur Erinnerung ihr
Schiff. Aber dieses Schiffchen hier war nur das Modell eines kleinen
Segelbootes, wie sie in Fjellbacka von den Fischern angefertigt werden.
Die Frau folgte mit ihren Augen meinen Blicken und sagte dann -- wie
mir der Schwede übersetzte --, daß dieses Boot der eine ihrer beiden
ertrunkenen Söhne angefertigt habe.
Sie sagte das einfach und sah mich an und hörte jetzt erst von dem
jungen Pfarrerssohn, daß ich ihre Sprache nicht verstünde. Aber das
hielt sie nicht ab, auch weiter zu mir zu sprechen, und ich merkte am
Tonfall und an dem Blick, den sie bald mit dem Bootmodell und bald mit
dem Meer draußen wechselte, daß sie mir das Unglück erzählte, wie es
vor Jahren ihre Söhne betroffen.
Und als ich zuhörend unwillkürlich nickte, weil ich begriffen hatte,
daß das Boot in der Inselgasse nicht weit vom Hause bei einem Sturm
gekentert war, und daß dabei die jungen Leute ertrunken waren, da sah
die Frau mich plötzlich ganz entgeistert an und wußte nicht recht, ob
sie jetzt gar Deutsch gesprochen hätte, oder ob ich plötzlich bei ihr
Schwedisch gelernt hätte. Und sie bat mich, Deutsch zu sprechen, sie
wollte sehen, ob sie mich auch verstünde.
Solche Einfalt, welche gläubig ist und nichts für unmöglich hält,
konnte dem Menschenherzen nur in diesem einsamen Steinwinkel zufliegen.
Zwei von den Fensterchen des Zimmers, die gegen die Meergasse hin
lagen, waren trüb, und noch vom letzten Sturm, der am Tag vorher
gewütet hatte, mit Salzkristallen beklebt. Im Herbst, wenn die Stürme
immer tobten, wurden oft alle Fenster des Hauses blind von der
Salzkruste, die die Wellen an die Scheiben klebten.
Ich konnte auch bald verstehen, warum jener Frau Gesicht fast
unbeweglich blieb, wenn sie von den ertrunkenen Söhnen sprach, und
weshalb kein Schmerz darin zuckte. Sie sah nämlich oft ihre Söhne in
der Einsamkeit deutlich in dem kleinen Boot wiederkommen und wieder
fortgehen. Die Mützen der toten jungen Leute hingen noch bei der Tür
am Nagel, und die Frau bürstete sie täglich ab. Auch die Bücher, in
denen die Söhne gelernt hatten, standen säuberlich abgestaubt auf einem
Wandbrett.
In den ersten Tagen nach dem Unglück hatte die Mutter wohl manchmal
geweint, aber dann waren die toten Söhne wiedergekommen. Sie hörte sie
oft abends die Leiter zur Bodenkammer hinaufklettern und hörte morgens
zur Stunde, da sie bei Lebzeiten das Boot gerüstet hatten, ihre Zurufe.
Und die Frau ging oft in Gedanken hinaus an die Anfahrtsrampe und
sprach ein paar Worte ins Leere. Aber daß niemand da war und daß beide
Jungens ertrunken waren, wenn ihr das einfiel, das störte sie gar
nicht. Der Todesfall der Söhne war ihr nur wie eine kurze Krankheit
gewesen.
Vom Tod waren für die Mutter beide Söhne längst wieder genesen. Sie
kamen auch oft herein und sagten der Mutter, daß es Zeit sei, die Ziege
zu melken, und sie erinnerten sie auch an verschiedene Sachen, die ihr
nützlich waren. „Es sind gute Söhne,“ meinte sie und nickte mir zu. --
Diese ihre innersten Gedanken aber erzählte uns die Frau nicht. Die
hörten wir erst am Abend, als wir nach Fjellbacka zurückkamen, von
Leuten, denen es der Mann jener Frau erzählt hatte.