Vergnügen daraus, mich aus dem Giebelzimmer, das ich bewohnte, zu
rufen, um mit mir langsamen Schrittes und plaudernd im Hausboden auf
und ab zu gehen, wo die büßenden Frauen und Mädchen der Fischer oder
Mägde der nächsten Güter auf der langen Bank verlegen beieinander saßen
und auf den Pfarrer warteten.
Freitags war der Begräbnistag. Am ersten Freitag meines Aufenthaltes
dort wußte ich das nicht. Als ich ahnungslos, am Giebelfenster
sitzend, von meinem Buch zufällig aufsah, hörte ich fern am
Himmelsrand, wo ein Schneeweg zwischen Granithügeln ging, einen
Schlitten klingeln. Als dann das Gefährt am Pfarrhaus vorbeikam,
bemerkte ich einen Sarg, der neben dem Kutscher einen großen Platz im
Schlitten einnahm. Dieser eine Sarg erstaunte mich noch nicht sehr. Der
Schlitten mit dem Sarg fuhr hinter die Hügel, wo die Kirche lag.
Aber nach einer Weile, als ich einen Spaziergang machte, kam auf einem
ganz anderen Schneeweg, von einer ganz anderen Himmelsrichtung wieder
ein Schlitten an, und als er näher kam, sah ich, daß dieser Schlitten
auch einen Sarg mit sich führte. Und auf einem dritten Weg aus einer
dritten Richtung hörte ich dann wieder einen Schlitten klingeln, und
nun blieb ich neugierig am Kreuzweg im Schnee stehen, um zu sehen, ob
er auch einen Sarg dabei hatte. Und wirklich, es war wieder ein Sarg
auch auf dem dritten Schlitten.
Nun wurde es mir ganz unheimlich. Da schwarzgekleidete Leute in
jedem Schlitten saßen, die in ihre Taschentücher weinten, so konnten
die Särge nicht leer sein. Und da die Schlitten aus verschiedenen
Himmelsgegenden kamen, nahm ich an, es sei im ganzen Land eine Epidemie
ausgebrochen.
Ich hörte dann aber im Pfarrhaus, daß jeden Freitag der Beerdigungstag
war. Da die Leichen in dem kühlen schwedischen Klima acht Tage zu Hause
aufgebahrt liegen dürfen, konnte man es so einrichten, einen einzigen
Tag in der Woche zum Beerdigen festzusetzen.
Samstag und Sonntags waren Kindstaufen und Hochzeiten angesetzt.
Diese fielen aber meistens in die wärmere Jahreszeit und nicht in
die Schlittenzeit, indessen die Särge natürlich auch in der wärmeren
Jahreszeit nicht ausblieben.
Am Samstag und Sonntag sah ich dann immer von meinem Giebelzimmer
aus, auf den verschiedensten Wegen, über den Hügeln Bauernfuhrwerke
auftauchen, deren Kutscher schon von ferne beim Anblick des Pfarrhofs
lustig mit der Peitsche knallten. Gewöhnlich fuhren zwei, drei kleine
Wagen hintereinander; und alle Peitschen knallten, und die Räder
sprangen hoch über den Steinboden, und die Wägelchen hüpften mehr, als
daß sie fuhren, und die Insassen hielten ihre Hüte und ihre Tücher am
Kopf fest. Nur lachende Leute kamen an diesen Tagen in den Pfarrhof.
Sie wurden an der Haustür des Pfarrhauses ausgeladen und stiegen zum
Pfarrer ins Studierzimmer hinauf, wo sie ihre Traupapiere abholten, um
nachher zur Kirche zu fahren.
Oder ein anderer Trupp lachender Leute begegneten mir auf der
Haupttreppe. Sie trugen ein kleines weinendes Kind auf weißen Kissen
oder in dicke Reisedecken gehüllt. Das Kindchen hatte stundenlang
im offenen Wagen reisen müssen, um seinen Vornamen im Pfarrhause zu
erhalten und seine Aufnahme in die Gemeinde. Auch die Särge hatten
oft stundenlang reisen müssen, um ihre Toten bei der Kirche zur Ruhe
zu bringen. Ebenso mußten die Brautpaare von allen Windrichtungen
stundenweit herreisen, um sich ihren Segen zum Ehestand beim alten
weißhaarigen Liebegottpfarrer zu holen. Alles dieses war seit alters
her so eingerichtet und wurde befolgt.
Des Pfarrers stattliches Landkirchlein lag hinter einigen Granithügeln,
eine kleine Viertelstunde entfernt vom Pfarrhause. Das Kirchenhaus
war ein schöner vielhundertjähriger behäbiger Granitbau mit gotischem
Gewölbe und erinnerte an altschottische Kapellen. Ganz einsam lag
das Gebäude in der Landschaft. Auf einer erhöhten Erdfläche, die den
Friedhof bildete, stand diese schmucke silbergraue Kirche und hatte
weite Fernsicht über das narbige steinerne Hügelland. Das Kircheninnere
hatte Ähnlichkeit mit einem trutzigen Burgsaal. Die Sonne ging den
ganzen Tag rund um diesen großen Kirchensaal, der einfach weißgetüncht
war und doch einen festlichen Eindruck machte. Die Sonne sah auf ihrem
Rundgang zu allen Fenstern in den Saal hinein.
Im Kirchhof draußen standen als Grabsteine viele mannshohe
aufgerichtete Granitblöcke, und einige dieser Steine
zeigten neuzeitliche Drachenzeichnungen, alte aufgefrischte
Wikingererinnerungen.
Eines Sonntagmorgens fragte mich der junge Schwede, ob ich nicht einmal
seinen Vater predigen hören wollte. Ich hatte längst gefürchtet, daß
einmal im Pfarrhaus dieses Ansinnen an mich gestellt werden könnte. Und
als ich fragte, ob der Pfarrer den Wunsch selbst ausgesprochen hätte,
ob der Vater den Sohn beauftragt habe, mich zur Kirche zu führen,
lachte der Gefragte und meinte, sein Vater kümmere sich nicht darum,
was ich glaube oder nicht glaube, denn ich gehörte ja nicht zu seiner
Gemeinde. Der alte Herr wisse recht gut, daß jeder nach seiner Art
selig werden dürfe.
Wir gingen dann zur Kirche. Der Gottesdienst hatte schon begonnen, und
der junge Schwede öffnete deshalb vorsichtig und langsam die Türe,
erst nur ein wenig, um zu horchen, weil wir bei einer Pause eintreten
wollten.
Dicht bei der Türe hörte ich aus dem Innern des Steinhauses eine laute
Predigerstimme. Aber das schien nicht die Stimme des Pfarrers, nicht
die Stimme eines gesunden, würdevollen und ruhigen Menschen zu sein.
Diese Stimme klagte in den jämmerlichsten Lauten, ächzte, stöhnte
und krümmte sich, als winde sie sich, um aus einem Menschenkörper zu
entschlüpfen, der sie quälte. Und die Stimme näselte dabei, so daß ich
ihr nicht glauben konnte, daß ihre Qual echt sei. Es schien mir, als
jammere sie den Jammer eingebildeter Leiden; Leiden, die sie mit einer
gewissen Wollust aufzählte. Die Stimme war wie die eines eingebildeten
Kranken, der atemlos eine Krankheit nach der anderen an sich zu
finden beteuert, und der sich und andere überreden muß, an diese
Krankheiten zu glauben, weil er getrieben ist von einer unerklärlichen
Notwendigkeit, fortgesetzt mit Krankheiten, die nicht vorhanden sind,
sich und andere zu beschäftigen.
„Das ist doch nicht Ihr alter, ernster, Ihr stattlicher und rüstiger
Vater, der da drinnen von der Kanzel spricht,“ sagte ich tief erstaunt
zu dem jungen Schweden, nachdem ich einen Augenblick sprachlos
draußen vor der Kirchentür gelauscht hatte. „Das ist doch nicht seine
natürliche Stimme, mit der er sonst so weise, vornehm und würdevoll im
Hause mit uns spricht.“
Der junge Mann sah mich an und lachte. Er hatte seinen Vater oft
predigen hören, und er begriff nicht recht, daß ich die Stimme des
alten Herrn nicht wiederfinden konnte.
„Das ist er nicht! Das ist ganz unmöglich,“ behauptete ich. „Das ist
ein fremder Geistlicher. Sicher hat sich Ihr Vater heute von einem
anderen Prediger ablösen lassen.“
„Aber ich kenne doch die Stimme meines Vaters wieder,“ meinte nun der
Sohn ernst werdend.
„Ob das nun Ihr alter Herr ist oder nicht,“ sagte ich, „dieser Stimme
will ich jedenfalls nicht zuhören. Diese Stimme kommt mir so unwahr und
so unmenschlich vor, daß ich dem Menschen nicht zuhören will, der diese
Stimme hat. Wie kann man bei schönem Frühlingsonnenschein so wimmern,
wenn man nicht todkrank oder am Sterben ist! Ich finde diese Stimme
unvernünftig. Der Frühling lacht auf den Steinen, und die Steine selber
sehen in der Sonne so festlich aus, daß ich es eine Sünde finde, wenn
ein Mensch an diesem frohen Sonntagmorgen ein so gequältes Gewimmer
aufschlägt, welches mir ganz unausstehlich in den Ohren weh tut und
meine Menschenwürde plagt.“
„Es ist aber _doch_ mein Vater,“ lachte jetzt wieder der Schwede, der
meine Rede mehr lustig als ernst fand, und den es plötzlich gewaltig
unterhielt, daß sein Vater zwei so verschiedene Stimmen hatte. „Das ist
seine Amtsstimme,“ sagte er. „Mit dieser Stimme muß er zu den Bauern
und zu den Fischern sprechen. Sonst glauben diese einfachen Leute nicht
den Worten, die er zu sagen hat.“
„Dann können die Worte nicht wahr sein,“ meinte ich und murmelte diesen
Satz vor mich hin, denn der Schwede streckte eben seinen Kopf durch die
Türspalte in die Kirche hinein und zog ihn vergnügt wieder zurück und
sagte:
„Natürlich ist es mein Vater und kein Hilfsprediger. Aber jetzt, wo ich
die Verschiedenheit in seiner Stimme empfunden habe, kann ich heute
selber nicht mehr, ohne zu lachen, in die Kirche hineingehen.“
Und wir gingen und wanderten, immer noch über den alten Herrn und seine
Stimme streitend und sprechend, von der Kirche fort, und schritten
lachend über das frühlingsbesonnte Steingesicht der Landschaft, das
so aufrichtig und unverhüllt am Sonntag wie am Alltag mit gleicher
Würde und Vornehmheit einem zu Herzen sprach, und das nur _eine_ tiefe
Weltallsprache und nur _eine_ festliche Lebensstimme kannte.
Später zu Hause, beim Sonntagmittagstisch, war der alte Herr
großgeistig genug, unsere Aussprache über seine zwei Stimmen, die wir
vor der Kirchentür hatten, und die ihm sein Sohn erzählte, lachend und
humorvoll aufzufassen. Und ich war dadurch einer peinlichen Erklärung
meiner Weltauffassung, die ich unvermeidlich hätte geben müssen,
enthoben.
Denn es ist mir nie eingefallen, solange mich meine neue Weltanschauung
beschäftigte, sie irgend jemandem unaufgefordert einreden oder
aufdrängen zu wollen. Trotzdem ich damals jung und lebhaft war, schwieg
ich über meine Gedanken.
Teils schwieg ich, weil ich mich in den Jahren meiner
Lebensunerfahrenheit älteren und in ihren Bürden und Gedanken weiß
gewordenen Männern gegenüber nicht fürwitzig benehmen wollte, aber
hauptsächlich schwieg ich deshalb, weil ich die neue Weltauffassung
zuerst am eigenen Leben, am eigenen Geist und Körper durchkosten und
anwenden wollte.
Ich schwieg aber nicht bewußt, ich fühlte nur unbewußt: die Zeit wird
kommen, wo ich entweder die Auffassung von der Festlichkeit des Lebens
vergessen, abgetan und als unsinnig empfinden werde, oder ich bleibe
dieser Anschauung treu, und mein Leben und meine Lebensarbeit gestalten
sich von selbst im Sinne meiner neuen Anschauung.
Und dann, wenn das einmal sein wird, dachte ich, dann habe ich in
mir selber den Wirklichkeitsbeweis gefunden, daß man glücklich,
weltfestlich und alle Leben verstehend und auf alle Leben eingehen
könnend, auch zu den ältesten und zu den jüngsten Leuten wird sagen
können: „Seht, ich weiß einen Weg, einen Gedankengang, der alle
Handlungen des Menschen, die Tätigkeit und die Ruhe, die Freude und
das Leid festlicher und reicher machen kann, als es bisher in allen
Jahrhunderten der Menschheit möglich gewesen ist.
_Sich Schöpfer und Geschöpf fühlen, ob man nun Handwerker oder Dichter
ist, Mann oder Frau, König oder Knecht, sich zu fühlen als Besitz
aller und als Besitzer des Alls, diese Kraft legt in eure Gedanken_.
Mit dieser Kraft lebt euer Leben, und ihr werdet so reich sein wie
jene Götter, die ihr euch immer reich gedacht habt, so reich werdet
ihr dann sein. Ihr werdet allwissend, allfühlend, allweise sein. Ihr
werdet allmilde, allgütig und gestreng sein, mit euch und allen Leben.
Ihr werdet dem Menschenleben in dieser festlichen Lebensauffassung
eine natürliche Schönheit geben. _Und ihr werdet euch alle nicht mehr
erniedrigen müssen, mit Doppelzungen zu reden_.“
* * * * *
In den nächsten Tagen nach jenem Sonntagvormittag, an dem ich zum
erstenmal in meinem Leben vor einer Kirchentüre umgekehrt war und mich
von einer Doppelstimme hatte erschrecken lassen, dachte ich viel nach
und sagte mir, daß ich wahrscheinlich niemals vor jener Kirchenstimme
erschrocken wäre, wenn mir der Prediger unbekannt gewesen. Denn ich
hatte eigentlich in der Kirche nichts anderes erwarten dürfen als den
mir seit meiner Kindheit bekannten, halb klagenden, halb strafenden
Kanzelton, bei dem wir Schulknaben alle unsere Sonntagvormittage bis
zur Schulentlassung hatten verbringen müssen.
Aber hier in der fremdartigen Landschaft, auf dem heimatfernen
Weltfleck, wo einen noch vor der Kirchentüre die Drachenzeichnungen
alter starker Wikingererinnerungen auf aufgerichteten Friedhofsteinen
empfingen und einem mächtige naturstolze Menschen aus der Vorzeit
in die Vorstellung gerufen wurden, hier war in der Granitpracht
des ungebändigten Landes und bei der Nähe des ungebändigten
freien Nordmeeres die weinende, klagende, strafende und krankende
Predigtstimme etwas, das sich so gar nicht in die starke Umgebung
einfügte. So daß ich schon davon allein, vom Klang des jammernden
Predigttones, bedrückt worden wäre, auch wenn ich gar nicht die schöne
vornehme und kräftige Alltagsstimme des Pfarrers vom Pfarrhause her
gekannt hätte. --
Kein Mann darf aber zwei Stimmen haben; die Amtsstimme und die
Hausstimme sollen beide so ineinander verschmolzen sein, so wie Mund,
Lunge und Herz im Amt und im Haus dasselbe bleiben und nicht an- und
abgelegt werden können durch einen zweiten Mund, ein zweites Herz, eine
zweite Lunge.
Das Hausamt ist ebenso feierlich und festlich zu nehmen wie das
Weltamt, und keines darf das andere an Würde überbieten wollen.
Denn Kinder zu erziehen, lebende Menschen zu schaffen und zu bilden und
zu versorgen im Hause, das ist eine ebensolche feierliche Arbeit wie
die Amtsarbeit außer dem Hause, die Würde verbreiten soll in das Leben
der Menschenmassen.
Aber es war außer der Stimme auch der Schrecken über die Lehre von der
Erbsünde und über die Lehre von dem Lebensjammertal, der mich mitten im
Frühsonnenschein wie eine mittelalterliche Dunkelheit an der Kirchentür
überfallen hat. Die Stimme, die da drinnen in der Kirche nur von Strafe
und Leid und Sorgen zu predigen schien, von irdischen Qualen und
sehnsüchtig erhofften ungewissen Himmeln nach dem Tode, diese Stimme
schien die Tagessonne auslöschen zu wollen.
Ich versuchte es in den nächsten Tagen nach jenem Sonntag im Pfarrhause
öfters, wenn ich mich mit dem alten Herrn in altgewohnter Weise
unterhielt und er sich so ernst und gemessen in seinem Schaukelstuhl
im großen Wohnzimmer wiegte, ob ich die Kirchenstimme, die mir von
jenem Sonntagmorgen her wie ein trüber Spuk noch im Geiste stand,
in den stattlichen, wohlgepflegten und trutzigen Herrn, der einem
Wikingerhäuptling ähnlicher war als einem Pfarrer, hineindenken konnte.
Es war mir das aber ganz unmöglich. Zu Hause sprach der alte Herr tief
und gewichtig, verständig, gesund und bedeutsam, und sein Ton wiegte
sich auf einer allmenschlichen Güte und Würde, und in seinen blauen
blitzenden Schwedenaugen blinkte das Salz eines klugen Verstandes wie
der Glanz des Meeres. Und wenn die Sonne vom Fenster her in seinen
weißen Bart leuchtete und wir von Politik und Philosophie sprachen und
sein Sohn ihn beim Deutschsprechen ein wenig unterstützte, dann war das
ganze einfache Haus, das diesen Alten in Amt und Würden seit vielen
Jahren beherbergt hatte, für mich mehr festliche Kirche als die Kirche,
zu der der Pfarrer Sonntags ging, und in der er, wie mir schien, seinen
Leib aufgab und als sein eigenes Gespenst auf der Kanzel stehen mußte
und zu Gespenstern predigen mußte.
Diese Begebenheit verwischte sich aber bald, verdrängt von neuen Tagen
und neuen fremdartigen Eindrücken.
* * * * *
Eines Tages, als wir auf der Höhe beim Pfarrhaus standen, der junge
Schwede und ich, und nach der Ferne hinhorchten, wo es immer wie
Erdbeben grollte und wo die Meerlinie mit ihrem Glanz den Erdrand
silbern erscheinen ließ, da sagte mein Freund zu mir:
„Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er leiht uns morgen Wagen und
Pferd. Dann fahren wir nach Fjellbacka. Dort nehmen wir ein Segelboot
und segeln mehrere Tage.“
Es war nun Mitte Mai, und überall zwischen den Steinen grünte es, und
die Birken winkten im Wind mit tausend kleinen grünen Wimpeln, und die
Sonne ließ sich nicht vom Meerwind verjagen. Es waren keine Wolken
mehr am Himmel, und ich war sehr erstaunt, als der Schwede mit der
Hand über das Land nach der Richtung des Meeres deutete und mitten im
hellen Maisonnenschein behauptete, heute wäre noch Sturm auf dem Meer.
Aber morgen würde der Wind wohl nachlassen, da es schon mehrere Tage
gestürmt habe.
Da fühlte ich zum erstenmal, als passe das Wort Landratte auf mich.
Sturm, ohne dunkle fliegende, grell beleuchtete Wolken, Sturm bei
klarem blauen Himmel und reinstem Sonnenschein, dieses Sturmbild hatte
noch nie in meiner Vorstellung gelebt. Aber ich fühlte, daß der Wind
scharf an uns anprallte, als wir da in der Sonne unterm wolkenleeren
Himmel auf dem Granithügel standen. Also mußte es draußen auf dem Meer
bei diesem Winddruck hohen Seegang geben.
Der Schwede zeigte mir von unserem Platz aus einige Brandungswellen,
die man am Horizont wie den weißen Dampf aus einer Kanone über dem
sonnenglänzenden Meeresspiegel aufsteigen sah. Dort prallte das Meer an
unterirdische Klippen und sprang in haushohem Schaum zur Luft. Das tat
es aber nur an Sturmtagen. An windstilleren Tagen kreiselte es, nur ein
wenig aufspritzend, an jenen Meerstellen.
Am nächsten Morgen waren wir schon um vier Uhr aufgestanden. Ein Knecht
hatte das Pferd geschirrt und den Wagen vors Haus geführt. Alles
schlief noch. Die Mägde hatten vergessen, uns Milch ins Eßzimmer zu
stellen, und so ging mein Freund selbst nach der Milchkammer, um uns
einen Morgentrunk zu holen. Er kam aber gleich wieder, leise auf den
Zehen gehend, und winkte mir verstohlen.
Um zur Milchkammer zu kommen, mußte man durch die große Mädchenkammer
gehen. Und als ich hinter dem jungen Schweden dort eintrat, verstand
ich lachend, warum er mich gerufen hatte. An den Wänden befanden sich
in dem Raum drei pritschenartige schmale Betten, so schmal, daß sie
kaum den üppigen Leib der Stall- und Küchendirnen fassen konnten,
die da schliefen. Die Mädchen ließen die nackten Arme auf die Dielen
herunterhängen, schöne stattliche Arme mit rosiger, zarter Haut, wie
sie dem schwedischen Volke eigen ist.
Die lautlose Kammer im dämmerigen Morgenlicht, in der nur die Atemzüge
der drei kräftigen Geschöpfe gutmütig auf- und niedergingen, war wie
ein Bild aus Homers Zeiten. Ursprünglich, naturwüchsig und festlich
irdisch war der Eindruck der gesunden, schlafenden Mägde, die da den
Schlaf wie eine geweihte Mahlzeit vor uns genossen.
Während ich noch unter der Türe stand, ging der Schwede in die
Milchkammer und holte den Milchkrug. Er konnte sich dann nicht
enthalten, im Vorübergehen mit einem Löffel einige Tropfen Milch
einer Magd auf den nackten Arm zu spritzen. Die so Gestörte öffnete
die Augen, schien uns aber in ihrem angenehmen Schlafdunst für zwei
Traumgesichter zu halten. Sie erschrak gar nicht, rückte auch die Arme
nicht von der Stelle. Sie lächelte ein wenig, schloß die Augen und
atmete weiter.
Wir schlossen wieder vorsichtig die Tür, und nachdem wir die Milch
lachend getrunken hatten, verließen wir das Haus und kletterten auf den
Wagen.
Im Augenblick aber, da der Knecht dem jungen Schweden die Zügel gab
und, uns grüßend, sich zurückzog und der Wagen mit Lärm den Hof
verließ, sahen wir hinter den Erdgeschoßfenstern der Mägdekammer alle
drei Mägde hinter den Scheiben stehen. Sie drückten ihre Nasen an das
Fensterglas und winkten uns zum Abschied ein wenig nach.
Sie hatten alle drei den muntern Sohn des Hauses gern. Dem jungen
Schweden behagten auch die Landmädchen mehr als die Stadtfräuleins.
Bei jeder Gelegenheit sprach er ein wenig spöttisch über Stadtdamen
und lobte die gesunden einfachen Bauernmädchen seines Landes, deren
Stallgeruch ihm angenehmer war als die überfeinerten Wohlgerüche der
Städterinnen.
Er war auch der erste Mensch, dem ich begegnet bin, der in Paris
gewesen war und die Pariserinnen nicht ausstehen konnte. „Sie sind nur
eine Firnismasse und keine Menschen,“ behauptete er. „Es sind Wesen mit
Schminke und Puder maskiert, verstandesmäßige, geldgierige Geschöpfe,
deren ganzes Dasein sich in ewigen Berechnungen abwickelt, fern von
allen natürlichen, einfach menschlichen und warmen, gütigen Gefühlen.“
Er sagte, er habe es nur drei Tage in Paris ausgehalten, so sehr habe
ihn diese Stadt geekelt.
Ich war damals noch nicht in Paris gewesen und hörte diese Äußerungen
mit Staunen. Ich hatte bis dahin Paris von den Deutschen immer nur
loben hören. Dem urgermanischen Widerwillen gegen alles Romanische;
dem Widerwillen, der die beiden Völker wie Hund und Katze in den
tiefsten Instinkten einander nie natürlich befreundet macht, wenn nicht
gegenseitige Geduld, Weisheit und Nachsicht walten, diesem Gefühl war
ich noch nie so offen begegnet wie hier bei der Wikingernatur des
jungen Schweden.
Ich war seit dem Tag meiner Ankunft aus Deutschland nicht wieder an
der Küste in dem Fischerdorf Fjellbacka gewesen, denn der Ort lag zu
weit weg, um ihn auf einem Spaziergang vom Pfarrhause erreichen zu
können. Nun fand ich Fjellbacka frühlinghaft wieder. An der steil
zum Meer abfallenden Hauptstraße standen die schmucken Holzhäuschen
frisch weiß und gelb und blaßblau und rot bemalt, und in den winzigen
Vorgärten, auf wenig Erde, zwischen buckligem Gestein, grünten sparsame
Gartenbeete, in denen die wenigen Blumen kostbarer zu leuchten schienen
als irgendwo; sie wurden hier den Menschen wertvoll, ähnlich dem
Schluck Wasser, der in der Wüste den Wert von Menschenleben hat.
Fjellbacka heißt: Felsenhang. Die niedlichen roten Holzhäuschen kleben
hier wie ein Haufen Schwalbennester an der grauen und lilarosigen
Felsenwand, die dort zum Meer abfällt. Im Dorf sind winzige Gäßchen,
und manches Häuschen ist nicht viel höher als ein Mensch. Manches
Fischerhaus hat nur eine Küche und eine Stube, aber glänzt von
Sauberkeit innen und außen. Die Gassen sind von Felsen natürlich,
höckerig gepflastert, und jeder Schritt muß erklettert werden über
kleinen und großen Granitbuckeln, die auch hier wie überall in Bohuslän
in der Erde einen einzigen riesigen Stein zu bilden scheinen, der den
Umfang einer ganzen Provinz behauptet.
Nachdem wir den Wagen in den Gasthof eingestellt hatten, traten
wir unter einem nach Fisch und Teer duftenden, roten, hölzernen
Vorratsschuppen hinaus auf eine Landungsrampe. Diese steht auf
Holzbohlen ins Meer gerammt, und an ihr liegen unzählige kleine Boote
der Fischer und Händler von Fjellbacka angeseilt.
Es machte mich fast erschrocken, wie dunkel und abgrundfinster das
Meer mich ansah, das ich zuletzt, acht Wochen vorher, als weiße blinde
Eisfläche undurchsichtig erstarrt gesehen hatte. Und nun spielte es mit
kleinen kurzen quecksilberigen Wellen, die die Farben der verankerten
bunten Fischerboote zurückspiegelten, als wäre das Wasser mit gelben,
roten, blauen Glassplittern bestreut. Aber weiter draußen wurde das
Meer ein dunkelgrüner Abgrund.
Es war mir einen Augenblick, als endete hier an der Anfahrtsrampe alle
Erde, und das Meer schien einen Weltabgrund auszufüllen. Ich hatte das
Meer vom Lande drinnen nur als ferne Spiegelfläche gesehen und ganz
vergessen, daß es eine ungeheure Tiefe hatte. Bei der Winterfahrt vor
einigen Wochen war mir die Meeresoberfläche, die vereist gewesen, wie
ein weißer Ballsaal mit blankem Boden erschienen und hatte nicht von
Tiefe gesprochen und von keiner Unergründlichkeit, vor der ich jetzt
staunte.
Als wir dann ein Boot bestiegen und der Schwede mit Hilfe eines
Fischers die Segel aufsetzte, da war es ein großer Genuß, sich
vorzustellen, daß wir nun in dem Kahn auf der tanzenden Wasserfläche
hin über Abgründe, in denen alle Möglichkeiten des Todes lauerten,
schweben sollten.
Das Meer, das vor Fjellbacka nicht frei liegt, sondern nur einen
Meerplatz bei der Küste bildet, der von den vorgelagerten Inseln wie
von hintereinanderliegenden Hügeln begrenzt wird, das Meer hat hier
durch die Eingeschlossenheit etwas Heimliches, Gemütliches. Man war
hier erst in einem Vorgemach zum Unendlichkeitssaal des Meeres.