Auch diese Wahrnehmung machte mir Schweden lieb. Die Ruhe und Breite,

mit der jeder einzelne Mensch seine Lebenstätigkeit nahm, diese Art tat

mir wohl. Ich war als Bayer gewöhnt, den Körper ebenso gewichtig zu

nehmen wie den Geist, welche Art ich bei Norddeutschen und besonders

bei den Berlinern damals vermißt hatte, die mehr im Gedanklichen

aufgingen.

Im Pfarrhaus, das in der einsamsten Einsamkeit, die man sich kaum

ausdenken kann, wie am Weltende lag, in jenem Pfarrhaus murrte es erst

in meinem Innern einige Tage, wie es im Magen eines Fleischessers

murren mag, dem plötzlich reinste Gemüsekost verordnet wird. Man stelle

sich vor, daß ich mitten aus dem Wintertrubel der Millionenstadt Berlin

in eine Schnee- und Granitwüste verschlagen war, in ein großes weißes

Holzhaus, in dem man den ganzen Tag als einzigen Laut eine Zimmeruhr

ticken hörte. Sie war wie das alte Herz des alten Hauses. Sie redete

den ganzen Tag vor sich hin in einem mächtigen Wohnzimmer, dessen viele

Fenster ins Lautlose sahen. In den Vormittagsstunden kam zu einem

Südfenster die Sonne hinter großen Blumenstöcken herein, und ich möchte

sagen, daß es mich nicht verwundert hätte, wenn ich in der Stille

dieses einsamen weltfernen Zimmers auch plötzlich das Vorwärtsrücken

der Schatten der Blumenstöcke, die die Sonne über die Diele zeichnete,

laut und deutlich gehört hätte, ebenso laut wie die laut marschierende

Uhr.

Im Hause befanden sich unten große Erdgeschoßwohnräume und darüber

unter dem Dach einige Giebelzimmer. In diesem einsamen Hause ging der

Pfarrer, der Vater des jungen Schweden, wie der alttestamentarische

Liebegott, alt und weißbärtig, stattlich und ehrfurchtgebietend, die

Treppe zu seinem Studierzimmer hinauf und hinunter.

Ich hatte nie vorher in einem Holzhause gewohnt, und die

unwahrscheinlich dünnen Wände, die doch keinen Laut hereinließen, weil

es draußen noch stiller als drinnen war, diese dünnen Wände machten mir

das Haus noch unwirklicher, als wäre es eine Erscheinung, gleichsam

als wohnte ich in Eierschalen und könnte das Haus leicht zerbrechen und

könnte in der Stille draußen körperlos aus diesem unkörperlichen Haus

fortschweben.

Die älteste Tochter des Pfarrers, ein Mädchen von vierundzwanzig

Jahren, und eine Gesellschaftsdame führten mit Hilfe mehrerer Mägde

den Haushalt. Das Brot wurde im Hause gebacken. Die Milch kam aus

den Ställen. Fische brachten die Fischer von Fjellbacka. Zu den

Festtagen des Jahres wurde ein Kalb oder ein Schwein geschlachtet und

eingesalzen. Die Hauptnahrung waren Fische, Milch, Grütze und Brot.

Die Mutter des Schweden, die Frau des Hauses, lebte im Winter mit den

jüngeren Töchtern und einem jüngeren Sohn in der Stadt Gothenburg, wo

die Kinder in die Schule gingen. Sie kam mit diesen nur im Sommer und

zu den Festtagen in das Pfarrhaus.

Der Begriff, daß Menschen mit Fleisch und Blut dieses einsame Haus

bevölkerten, der kam mir dort, wenn ich allein in einem von diesen

totstillen Zimmern stand, leicht abhanden. Denn draußen sah ich jetzt,

in den Tagen im April, wo der Schnee, zu großen Stücken zerrissen, von

der Sonne weggeleckt war, keine Ackererde, keinen Grasboden, sondern

überall nur Granit, überall steinerne Granitbuckel. Als trüge das Land

eine eiserne Rüstung, so unbeweglich starrte der graublaue Granit mich

von allen Himmelsgegenden her an. Alle Hügel rundum, von denen der

Schnee verschwand, waren gewölbte Granitkuppeln, ebenso wie es die

Inseln im Meere draußen waren, die ich auf der Herfahrt gesehen, und

zwischen denen meine Stimme wie in Kellergewölben gehallt hatte.

In diesem steinernen Schweigen war es mir zuerst, als sei ich

in einen ungeheuren Kerker geraten. Die Leute, bei denen ich zu

Gast war, schienen meine Kerkermeister zu sein. Da ich noch nicht

Schwedisch konnte, konnte ich nicht an den Gesprächen und an der

harmlosen Unterhaltung teilnehmen. Im Haus bemühte man sich zwar, das

Schuldeutsch, das jeder in Erinnerung hatte, aufzufrischen und mit

mir deutsche Sätze zu radebrechen. Aber man kam oft eine Stunde lang

nicht über zwei Sätze fort, und die Unterhaltung stockte meistens im

Gelächter über die deutsche Aussprache. Zum Beispiel verkündete mir die

Tochter des Hauses eines Tages auf einem Spaziergang, daß sie sieben

Greise im Stalle hätten und zu Ostern einen Greis schlachten würden.

Sie verwechselte das schwedische Wort „gris“, das Schwein bedeutet, mit

dem deutschen Wort „Greis“.

So hörte ich denn wie ein lebendig Begrabener auf das Leben

rundum, ohne ihm näher kommen zu können. Aber um so schärfer wuchs

die Aufnahmefähigkeit meiner Augen und Ohren, je länger ich zu

unfreiwilligem Schweigen verdammt war. Und es ist mir heute, als seien

meine Sinne in jenem Hause dort für alle Zeiten geschärft worden. Und

vor allem lernte ich Landleben kennen. Ich, der vorher nur von Stadt zu

Stadt gezogen war und das Land nur in der engsten Heimat kennen gelernt

hatte, freute mich, hier Land- und Meeresleben und Dichtungsleben

zusammen genießen zu können.

Denn oft lange Vormittage saßen der junge Schwede und ich in dem großen

Wohnzimmer bei der tickenden Uhr und versuchten Gorters holländische

Verse zu übersetzen und ebenso Walt Whitmans englische Verse. Und der

Eifer ging mir dabei ebensowenig aus wie dem Schweden der Rauch seiner

kostbaren Zigarre.

Gegen Ende April konnten wir die Zimmer verlassen. Der heftige

nordische Frühling setzte über Nacht ein. Auf vielen der Granitbuckel

trieb das purpurne Preiselbeerkraut, das die Hügel bedeckte, rote

Blätter, und ferne Hügel standen tagsüber wie blutübergossen in der

Sonne.

Der alte Pfarrer, der alte Liebegott mit weißem Bart, hatte mich

öfters in seinem kleinen Wagen bei seinen Überlandfahrten mitgenommen,

zu Krankenbesuchen oder zu Besuchen in anderen Pfarrhäusern. Und ich

hatte mich immer wieder wundern müssen über die Einsamkeit und über den

Granit, die auf Meilen über Meilen hier nirgends ein Ende nahmen.

Wo sich zwischen zwei Granitbuckeln ein wenig Humuserde angesammelt

hatte, da hatte auch meistens an dem Rand des Erdfleckchens und im

Schutz des Granithügels ein Menschenpärchen sein Holzhäuschen gebaut.

Nirgends im Lande war ein Dorf. Die ganze Provinz schien ein einziges

weites Dorf zu sein. Nur lagen die Häuser nachbarlich meilenweit

auseinander. Und auf diesen Meilenstraßen fuhr der alte Pfarrer mit

seinem alten Wägelchen, mit seinem alten zwanzigjährigen Gaul, als

Hirte in dieser Einsamkeit tagelang umher.

Die kleinen rotgetünchten Bretterhütten mit den weißen schmucken

Fenstervierecken und der weißen Türleiste saßen zwischen grauen Granit

geduckt und tauchten wie rote Gesichter aus ihren Winkeln in der Ferne

auf, wenn wir durchs Land fuhren. Eine einzelne Birke oder ein vom Wind

schief gewehter Ebereschenbaum schmückten karg die ununterbrochenen

Steinwellen des Granithügellandes.

Hier kam der Wind nicht wogend und weich über Äcker und rauschende

Halme, er prallte von Stein zu Stein und zerplatzte an den

Granitkuppeln. Und als ich einmal im Frühlingstauwetter, gegenüber dem

Pfarrhause auf der nächsten Anhöhe, die nur dreimal so hoch wie das

Haus war, stand und auf die ferne Meeresstimme lauschte, die jetzt

aus dem Eis mit der Brandung aufgewacht war, und die man auch mehrere

Meilen von der Küste her immer wie ein fernes Gewitter donnern hörte,

da sah ich die kleinen Schneewasser, die in den Granitsenkungen von der

Bergkuppel herunterrieseln wollten, vom Winde senkrecht aufgestellt, so

daß sie, ähnlich kleinen Springbrunnen, mehrere Fuß hoch in Strahlen

zur Höhe zerspritzten.

Dort oben auf einem anderen Hügel in der Nähe des Pfarrhauses zeigte

mir der junge Schwede eines Tages einige mannshohe Steine, die da,

einen Kreis bildend, einst vor tausend Jahren von Menschenhand

aufgerichtet wurden. Hier hatten die Wikinger den Ratring gehalten,

und an jedem Stein stand einst ein Häuptling angelehnt, wenn die

Ältesten unter freiem Himmel berieten. Die Männer besprachen hier ihre

Kriegszüge. Und der unerschütterliche Steinboden unter ihren Füßen und

der unerschütterliche Himmel über ihnen machte auch ihre Ratschlüsse

fest und unerschütterlich und ihr Vorhaben, das sie hier planten. Die

aufgerichteten Steine, die treuen Stützen jener Männer, standen nun

noch nach tausend Jahren hier, unangetastet von der Zeit.

Als wir beiden jungen Männer uns jeder an einen der Steine anlehnten,

mögen die greisen Blöcke sich gewundert haben, wie leichtbeweglich die

Männer einer anderen Zeit geworden waren. Und vielleicht haben sie erst

daran gemerkt, daß über ihnen tausend Jahre vergangen waren.

Und wieder oben auf einer anderen Granitkuppel beim Pfarrhause zeigte

mir der junge Schwede eine große Steinplatte, darauf neun kleine

Schiffe eingeritzt waren. Als früher das Meer bis an diese Steinplatte

reichte und der Granithügel eine der vielen Inseln in der Meeresfläche

gewesen ist, war hier ein alter Landungsplatz der Wikinger. Neun Boote

landeten hier. Wenn damals die Frauen hier saßen und die neun Boote

abends erwarteten, die von einem Kriegszug oder Fischzug heimkehren

sollten, dann deckten sie mit den Händen die Zeichnungen der Boote auf

der Steinplatte zu. Und für jedes Boot, das in die Bucht einlief, zog

sich eine Frauenhand von den gezeichneten Booten zurück. So wußten

sie, ehe die Boote noch landeten, ob alle heil heimgekommen und keines

untergegangen war.

Tiefer im Lande waren auf anderen Steinplatten unter Dornbüschen

noch mächtigere Granitzeichnungen zu sehen. Da zeigte man mir eine

eingeritzte Bootszeichnung, die war so groß wie ein liegender Mensch,

und der Drachenkopf am Kiel und die Schilde der Krieger im Boote und

viel Runenschrift waren ausführlich mit viel Schmucklinien in den Stein

eingegraben.

Die Runen spielten auch immer noch eine Rolle hier im Lande. Die Kinder

lernten die Runenzeichen in der Schule und die Töchter im Pfarrhause

hatten Bergstöcke, in deren Holz sie sich von ihren Bekannten

Erinnerungsworte in Runenschrift einritzen ließen.

Die Töchter des Pfarrers waren frisch und gewandt, und die jüngste

ritt oft früh morgens in ihren Ferien in weiten Reithosen auf

ungesatteltem Pferd ins Land hinein. Und wenn sie heiß und mit offenem

geringeltem Haar zurückkam und schnell ins Haus springen wollte, um

sich umzukleiden, weil sie sich ihrer Reittracht vor mir schämte, kam

sie mir in ihrem Gemisch von Wagehalsigkeit und Mädchenverschämtheit

noch begehrenswerter vor als sonst. Aber sie war erst fünfzehn Jahre

alt, und ich war nur ein junger Dichtersmann, zwar reich an vielen

Plänen, aber sonst kapitalarm. Und ich wußte, daß ich hier noch nicht

ans Freien denken durfte.

Der junge Schwede und sein Vater saßen am Spätnachmittag oder abends

meistens jeder in einem Schaukelstuhl und rauchten ihre Zigarren,

und der Alte ließ sich von seinem Sohn über dessen Rundreise und

über die Amerikafahrt berichten. Der Alte war einmal als junger

Student Hauslehrer in Brasilien gewesen. Er kannte also auch die

Welt ein bißchen, und er schmunzelte behaglich und frischte bei den

Reiseerinnerungen seines Sohnes seine eigenen Reiseerinnerungen auf.

In jenen Stunden, wenn Vater und Sohn sich in ihrer Sprache

unterhielten, ging ich draußen auf den Steinwegen umher und wunderte

mich, wie beweglich jetzt im Frühling sogar das unbewegliche Steinland

wurde. Da waren tausend kleine Wasser, die wie ein verstricktes Netz

über alle Hügel und Berge gerieselt kamen, und überall hörte man die

Echos von Tropfen noch tagelang, nachdem die kleinen Bäche längst

versickert waren.

In der Osternacht standen dann die Hügel dunkelblau und trocken, aber

ein heller gelber Berg kam wandernd am Erdrand herauf. Der war zuerst

nur ein kleiner Hügel in der Ferne. Mitten unter den abenddunklen

Hügeln ein einziger sonniger Hügel. Und er wuchs, während ich wanderte,

und rollte über die fernen Granitkuppeln fort und wurde zur goldenen

Vollmondskugel, die sich vom Erdboden ablöste.

Der Mond hier in den ewigen Steinen war wie ein Leib aus Fleisch und

wanderte wie ich, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich ihm

dann später in einem der stillen Steintäler an einer Wegecke ganz

nah begegnet wäre. Er schien mir hier keine ferne Welt zu sein, die

da im Weltraum um die Erde kreist. Er war in diesen einsamen Tälern,

wo niemand meine deutsche Sprache sprechen konnte, und wo ich so

allmählich lernte, schweigend mit den schweigenden Dingen zu reden,

mein heimatlicher Wanderkamerad.

Aber ich dachte mir dabei den Mond nicht als Menschen aus, mit dem

ich plaudern wollte. Ich sagte nicht du und nicht Sie und nicht Mann

und nicht Frau zu ihm. Ich ging und er ging, und wir schwiegen und

verstanden uns, und näher bin ich dem Mond nie wieder gekommen als in

den einsamen Steinhügeltälern in Bohuslän, wo wir Kameraden waren und

im fremden Lande deutsch sprachen.

Da gab es auch einen Platz am Weg beim Pfarrhaus, wo ein Dachs wohnte.

Seit Jahren wohnte er da und war ein alter Nachbar des Pfarrhofes. Und

wenn ich mit einer der Töchter spazieren ging, sprachen die jungen

Mädchen immer geheimnisvoller und leiser in der Nähe der Wohnung des

Nachbarn und riefen ihm Scherzworte zu wie einem alten Hausfreund.

Und da war ein kleiner Birkenhain am Fuße eines Hügels und am Rande

eines Baches. Wenn wir dort hinkamen, sprachen die Mädchen noch leiser

und legten den Zeigefinger auf den Mund, weil im Frühlingsabend der

Birkhahn balzte. Der war der zweite Nachbar. Und er balzte dort in

jedem Frühjahr, solange die Leute denken konnten. Vielleicht war es

immer ein anderer, aber davon sprach man nicht.

Und der junge Schwede -- der neben der Schriftstellerei auch Botanik

pflegte -- hatte eine Birke dort am Waldrand besonders lieb. Und schon

als Knabe hatte er in jedem Frühjahr die Birke mit seinem Messer

angeschnitten und ein kleines Rohr in den Stamm gesteckt und sich

den Birkensaft in den Mund träufeln lassen und hatte oft so der Birke

Herzsaft genossen.

Wenn er jetzt manchmal heimkam vom Walde, hatte er wieder seine

Birkenfreundin besucht, und dann war er immer schwärmerisch gestimmt.

Er behauptete auch oft, wenn er von seinen Spaziergängen heimkam,

wunderbare Blumen gefunden zu haben. Doch wenn er sie mir zeigte, waren

es die allerwinzigsten Blüten der Welt. Denn andere wuchsen dort in der

steinernen Welt im Vorfrühling noch nicht. Stiefmütterchen, deren Blüte

nicht größer als eine Linse war, kleine blühende Bärenmoose und die

kleine Linea, die stark mandelduftende Lieblingsblume der Schweden, die

nicht größer als ein großer Stecknadelkopf ist. Wunderbar waren diese

winzigsten Blumen wohl, aber ich hätte, an die deutsche Flora gewöhnt,

diese fast unsichtbar blühenden Pünktchen nicht Blumen nennen können

und erwartete immer, wenn der Schwede von Blumen sprach, daß er einen

Strauß von großen Blüten nach Hause bringen würde, wie ich sie aus

deutschen Wäldern und Wiesen kannte.

Oben auf den Granitkuppeln, wo wir im Vorfrühling, nachdem der Schnee

so plötzlich verschwunden war, zur Mittagsstunde, wenn die Sonne

die Steine wärmte, am liebsten saßen, weil man von dort die ferne

Meerscheibe sehen konnte, dort wuchs aus Steinplatten heraus eine rote

krallenartige Blüte. Und der Schwede fing manchmal eine kleine Spinne

oder eine Fliege und warf sie auf die Krallenblume. Jedes Glied dieser

Blüte war eine kleine Röhre und sah klebrig glänzend aus. Ein solches

Röhrchen krümmte sich sofort und verschluckte das ihm zugeworfene

Insekt. Diese Blume lag da vor uns im Sonnenschein auf dem Granit, der

früher Meeresboden war, und erinnerte an den verkümmerten Rest einer

einst hier lebenden Tiefseepflanze, die sich am Meeresgrund Beute

gefangen hatte mit schlangenartigen Armen, und die nun die Insekten in

der Luft belauerte.

Winzige Eidechsen huschten vertraulich, wenn wir auf den Steinen

saßen, bis an den Rand unserer Schatten. Dann aber erschreckten sie

vor unseren beweglichen Schatten zurück und schossen wie kleine Pfeile

davon.

Die kahlen Granithöhen, deren es Tausende bis tief ins Land hinein gab,

zeigten wenig scharfe Ecken oder Kanten. Man sah ihnen allen an, daß

das Meer sie einst rund gewaschen hatte in mehrtausendjähriger Arbeit.

Und dieses, daß da rundum im Land nicht zackige Felsen waren, sondern

zu Kuppeln geschliffene, glattgerundete Höhen, an denen man noch

den Gang der großen Meereswellen, die sich einst hier überstürzten,

deutlich eingeprägt und eingewaschen sehen konnte, dieses vom Meer

einst umspülte und jetzt verlassene Granitgekröse, das jetzt statt des

Wassers Sonnenlicht und Wärme auf sich leben fühlte, gab dem Gesicht

der Landschaft ein unheimliches Gemisch von alter versteinerter

Sturmpracht und unendlicher himmlischer Friedlichkeit.

Wenn Westwind war und man das Ohr auf einen Steinbuckel legte, hörte

man in ihm das meilenferne Meerdonnern, das fern in Fjellbacka an die

Küste gezogen kam, und das deutlich den Steinen tief im Lande Stimme

gab. Es war, als kehrten die alten brausenden Erinnerungen in die

fernen Granitmeilen der Hügel und Täler zurück. Und man würde sich

nicht gewundert haben, wäre plötzlich das wirkliche Meer angestürzt

gekommen in die hügeligen Granitwüsten, die in der Frühlingssonne nicht

auf Blüten, sondern auf weißen Meerschaum zu warten schienen.

Hinter dem Pfarrhause, einige hundert Schritte fort im Tal, lief ein

Bach am Rande eines verwachsenen Obstgartens. Woher der Bach kam und

wohin er lief, wußte ich nicht. Er kam vielleicht aus irgend einem

der alten Eichenwälder, die ein paar Meilen weiter drinnen im Lande,

urwaldähnlich, in üppiger bemooster Herrlichkeit, ohne Forstaufsicht,

vorweltlich wuchsen. In dem kleinen Tal hatte das stille Wasser im

Verein mit Abend- und Morgennebeln seit Jahrhunderten den Granit mürbe

gemacht und hatte Humus und Waldabfälle in all den Zeiten reichlich

angeschwemmt und hatte mitten im Granit ein paar Wiesen und Gartenerde

geschaffen.

Und die Wärmeausstrahlung des Granites, der sich in der Sonne schnell

erhitzte und nachts noch warm blieb, machte, daß im Frühling in jenem

Tal am Bach entlang die Wiesen über Nacht blitzrasch aufblühten, so daß

sie fast nicht natürlich, sondern wie plötzlich künstlich hingestellt

aussahen. Halme und Wiesenblumen schossen in acht Tagen hoch. Da waren

Schierlingpflanzen, Sauerampfer, Salbei, die da eilig in den Himmel

wuchsen, üppiger als auf irgendeiner anderen Ackerwiese. Und die

Wiesenkräuter dufteten in der reinen Steinluft nach reinstem Honig und

nach starken Gewürzen. Das Grün und die siebenfarbige Blumenschar waren

hier leuchtender und selbstherrlicher als auf irgendeiner Wiese der

Erde.

Eingerahmt von den dunklen, am Tage noch nachtblauen Granithügeln,

die auf der Sonnenseite wie altes Silber schimmerten und rötliche und

lila Schatten warfen, wirkten die wachen Wiesen wie ein greller Spuk,

unwirklich in dem unwirklichsten Land, das ich je gesehen habe.

Eines Tages hatte ich lange mit dem alten Pfarrer über Deutschland

gesprochen. Der alte Herr hatte einmal vor Jahren in Halle und

Leipzig studiert. Und wie ich mich so recht an die deutsche Heimat

zurückerinnerte, da fiel mir erst auf, wie fremd hier um mich alles

war. Ich war im Gespräch mit dem alten Herrn in Gedanken in deutschen

Straßen bei deutschen Lauten, auf deutschen Wegen, an Äckern,

Kornfeldern hingewandert und sah mich dann zurückgekehrt vor einem der

Erdgeschoßfenstern des großen Wohnzimmers im schwedischen Pfarrhof

stehen und sah draußen zwischen den rotgetünchten Stallungen und den

rotgetünchten Futtermagazinen den blauen granitbuckligen Felsenboden,

den keine Menschenhand hier bewältigen konnte. Granit überall in

mannshohen Buckeln und in tiefen Furchen. Der Granit machte auch noch

den inneren Hof zwischen den Stallungen und dem Wohnhaus kraus. Wie

ein zu Stein erstarrter Wasserfall stand der Granit vor den Fenstern,

in steinerstarrten Strudeln, unerbittlich dem Menschen trotzend, hie

und da roten Eisenrost zeigend und offenliegende Eisenadern. Furchtbar

gerüstet und fremdartig starrte so das Land rund die wohnlichen

Holzbauten und mich deutschen Menschen an.

Wenn es Abend wurde, und die Sonne hinter den nächsten Steinkuppen

schwand, ließ sie den staubreinen Himmel zwar noch lange glashell

leuchten, aber die stumme Steinlandschaft verwandelte sich,

sonnenverlassen, rasch in eine dunkle Kohlenlandschaft, die schien

geformt aus riesigen Schlackenmassen voll Höhen und Tälern. Fast

angstvoll sah ich dann immer auf die ungewohnte Verwandlung. An jenem

Abend, nachdem ich im Gespräch mit dem alten weißbärtigen Herrn weit in

Deutschland geweilt hatte und er mich fragte, wie es mir in Bohuslän

gefiele, mußte ich unwillkürlich ausrufen:

„Fremder könnte ich mich nicht fühlen, wenn man mich plötzlich von

einer Erdlandschaft in eine Mondlandschaft versetzt hätte.“

Und ich bat, man möge mir eine Landkarte zeigen, damit ich mich

überzeugen könnte, daß ich wirklich nur eine bis zwei Tagesreisen von

Deutschland entfernt war. Denn ich hatte, solange ich jetzt in Schweden

war, noch keinen genauen Begriff davon, unter welchem Breitegrad ich

eigentlich lebte. Und wenn man mir gesagt hätte: „Sie sind ganz nah am

Nordkap,“ so hätte ich vielleicht erstaunt gefragt: „Ach, bin ich nicht

weiter von Deutschland fort?“ Denn die Landschaft hier im Vorfrühling

erinnerte wirklich mehr an Landschaften auf dem Mond als an Erdgebiete.

Auf der Karte sah ich dann zwar zu meinem Erstaunen, daß die

bohuslänsche Küste nur am Skagerak lag, dessen Meereswellen von

Schottland und von der Nordspitze Dänemarks, von Skagen herüberkommen.

Ich war also mitten in mir bekannter Geographie und war noch nicht

einmal in Norwegen und hatte doch, der Landschaft nach, geglaubt, ich

befände mich schon am äußersten Ende der Welt oder vielleicht gar nicht

mehr auf der Erde.

Ich hatte in den ersten Tagen gefürchtet, mit dem Pfarrer über

Glaubensfragen in Streit zu geraten. Aber dieses Pfarrhaus war so

einzig dastehend in der Welt wie die Landschaft, in der es lag.

Es herrschte da jene echte selbstverständliche Lebensandacht. Die

Würde und die Ruhe, die den alten Pfarrer umgaben, waren ebenso

unerschütterlich wie die Weltallwürde der Granithügel draußen. Denn

dieser Geistliche dachte nicht daran, Glaubensfragen irgendwelcher Art

aufzuwerfen oder aufzutischen. Sein Leben war tägliche Amtsarbeit,

durchdrungen von ernster menschlicher Güte.

Zu Anfang jeder Woche besuchte der alte Herr bei Wind und Wetter -- die

dort schneidender als irgendwo sein konnten -- ferne, verstecktgelegene

Armeleutehäuschen seines Sprengels, wenn er vorher Nachricht bekommen,

daß irgendein armes Weib oder ein Kind oder ein alter Mann krank lagen.

Am Mittwochnachmittag war Katechismusstunde. Aber man denke nicht, daß

da Kinder ins Haus kamen, um die Sprüche und Gebote des Katechismus

aufzusagen.

Es gab im Pfarrhause eine Bank, die stand unter dem Gebälk des

Dachbodens, wo des Pfarrers Arbeitszimmer als breite Mansardenstube

lag, und dort vor der Tür, unter dem schiefen Dach, saßen an jedem

Mittwoch schiefgebückte und ein wenig schiefgeratene Frauenzimmer

der weitzerstreuten Gemeinde. Da waren Frauen, die Ehebruch begangen

hatten, und junge Mädchen, die der Verführung eines Burschen

nachgegeben hatten und sich nun Mütter werden sahen, ehe sie noch mit

dem Burschen einen Hausstand gegründet hatten. Diese Verfehlungen

gegen Haustreue und Gesellschaftssitte mußten vom Pfarrer dadurch

gerügt werden, daß die betreffenden Frauen zusammen Mittwochs

zur Katechismusstunde befohlen wurden, wobei sie noch einmal das

betreffende Gebot, das sie außer acht gelassen hatten, sich einprägen

mußten und sich vom Pfarrer einige darauf hinweisende Worte zum

besseren Verständnis ihrer Lebensstellung sagen lassen mußten.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band · 第 16 / 21 段